FRONTPAGE

«Zum 100 Geburtstag des Berner Dichterpfarrers: Kurt Marti – Hannis Äpfel»

Von Ingrid Isermann.

 

Im Nachlass des 2017 verstorbenen Dichters Kurt Marti (*1921 in Bern), fanden sich unveröffentlichte Gedichte, berührende Reflexionen über das Dasein und die Vergänglichkeit. Das seiner Frau Hanni gewidmete Langgedicht ist eines der schönsten Liebesgedichte, die den ganzen Zauber und das Rätsel des Lebens einfangen.

Kurt Martis präzise Gedichte konnten stechen, konnten aufrütteln, konnten nachdenklich machen und auch jene berühren, die mit Gott und der Kirche sonst eigentlich nichts am Hut haben.
Marti selbst gehörte zu den Zweiflern und seine stete Auseinandersetzung mit einem Gott, der nicht sichtbar, aber spürbar sei, hielt sein Leben lang an. Seine Sprachkunst unterstützte ihn in seinem Bemühen, verstanden zu werden, von möglichst vielen, die doch teilnehmen sollten an einem gemeinsamen Erlebnis, die Schöpfung zu feiern. Solange es eben geht. Das versuchte er in Worte zu fassen, nach dem Tod seiner geliebten Frau Hanni, die ihn zehn Jahre vor seinem Tod verliess.

Seine Notate waren selten bitter, durch die Wortkunst wurden sie in allem Schmerz zu etwas Versöhnlichem. Wort hält Wache, das Wort ist Orientierung.

 

 

das wort

das wort! es kündet
und ist nicht euer
es blitzt und zündet
das wort ist feuer

 

das wort schuf welten
das wort des höchsten
das wort will gelten
zum wohl des nächsten

 

das wort hält wache
das wort ist bote
das wort stärkt schwache
das wort weckt tote

 

 

 

stilleben
hannis äpfel

 

apfel tugend:
saftprall

 

apfels leumund:

bio

 

apfels haltung:
philosophisch

 

apfels tätigkeit:
hier sein

 

apfels traum:
baum werden

 

 

 

Wie oft, ach, hab’ ich gesagt:

«Ohne dich könnt’ ich nicht leben».

Nie hast du’s wahrhaben wollen.

Doch, jetzt bin ich

ohne dich

nur noch vorhanden

 

*

 

Wer wohlmeinend kommt
und mir etwas faselt
von «Trauerarbeit»,
hebe sich weg von mir.

 

*

Ist Tot-Sein Schlaf?
Wessen Schlaf jedoch?
Der Seele etwa?
Leiblose Seelen haben wir beide
uns allerdings nie vorstellen können.
Auch ist Schlaf bekanntlich
ein leiblicher Zustand.
Oft hast du gesagt:
«Wo ist denn meine Seele?
Ich glaub’, ich hab’ keine».
Dabei strahlte sie hell
aus deinen Augen und war
im Klang deiner Stimme:
Seele und Leib,
das unzertrennliche Paar!

 

*

lage

bin nicht in der lage

bin fast nie in der lage
bin überhaupt
in keiner lage mehr
mein los
heisst: lagelos

wie wird ich
diese lage los?

 

*

Nie hast du glauben mögen,

dass, wie Paulus einst schrieb,

der Tod der Sünde Sold

und der letzte Feind sei.

Dir war immer schon klar,

dass zum Leben

auch das Sterben gehört.

Und das seit Urbeginn

und offenbar also

nach Gottes heiligem Willen:

Heilige Vergänglichkeit.

 

*

Die Selbsterneuerung des Lebens

käme zum Stillstand,

wenn wir nicht stürben.

Skandalös ist nicht der Tod,

skandalös sind die immer längeren Leiden davor,

die prämortablen Demütigungen und Qualen

des hohen Alters oft

im Zeitalter von Spitzenmedizin

und Lebensverlängerung.

 

 

Kurt Marti wurde 1921 in Bern geboren. Nach dem Theologiestudium in Basel bei Karl Barth wurde er Pfarrer in Niederlenz bei Lenzburg und später an der Nydeggkirche in Bern. Seit den 1950er Jahren veröffentlichte er neben theologischen und publizistischen Texten auch literarische Werke, erste Poesie und Prosabände entstanden. Er erhielt mehrere Auszeichnungen und Ehrungen, darunter den Literaturpreis des Kantons Bern (1967 und 2010), den Johann-Peter-Hebel-Preis (1972) sowie den Kurt-Tucholsky-Preis (1997). Marti lebte bis zu seinem Tod in Bern.

 

 

 

Kurt Marti
Hannis Äpfel
Gedichte aus dem Nachlass
Nachwort von Nora Gomringer
Editorische Notiz Guy Krneta
Wallstein Verlag, Göttingen 2021
Geb., 90 S., CHF 18.30. € 14.90
ISBN 978-3-8353-3893-7
Auch als Ebook erhältlich

 

 

 

 

«Irdischer Durst: poetische Einübungen in brillante Metaphorik»

 

In vier poetischen Streifzügen verbindet Anne Carson in ihrem Gedichtband «Irdischer Durst» den Rhythmus und die Metaphorik der Dichtung mit der Natur des Essays und des Theaters, indem diese Geschichten und Mythen unsere Wirklichkeit durchweben.

 

Nicht von ungefähr wird ihr Name seit langem als Anwärterin auf den Literaturnobelpreis gehandelt. Anne Carson ist die wohl aufregendste Dichterin der angloamerikanischen Welt, die am Entdecken nicht weniger Freude als an Irrtum und Reflexion findet. Frauen sind stark, sagt die Dichterin, sie verstehen etwas von Gefässen, vom Wasser und vom irdischen Durst, dem Durst nach Wissen, Leben und Lebendigsein.

 

Neben einer Variation auf den Dichter Mimnermos von Kolophon finden sich in diesem Band auch Kurzvorträge zu so diversen Themen wie Forellen, Rembrandt und Entjungferung, Überlegungen zur Vergleichbarkeit von Winter und Birnen sowie ein Langgedicht zum Leben des Renaissancemalers Perugino.

Was sehen und was verstehen wir? Welche Kenntnis ziehen wir gerade aus dem, das wir nicht verstehen und was dennoch da ist?

 

 

Über Hedonismus

 

Schönheit macht mich hoffnungslos. Ich
frage mich längst nicht mehr, warum,
möchte nur fort. Wenn ich die Stadt Paris
anschaue, sehne ich mich danach, sie mit
beiden Beinen zu umschlingen. Wenn ich
dich tanzen sehe, ist da eine herzlose Un-
ermesslichkeit, wie beim Segeln auf tod-
stiller See. Wünsche, so rund wie Pfirsiche,
blühen die ganze Nacht in mir, ich sammle
nicht mehr auf, was herabfällt.

 

 

Darüber, wer du bist

 

Ich möchte wissen, wer du bist.
Manchmal sprechen Leute von
einem Rufen in der Wildnis.
Das ganze Alte Testament hindurch
hört man eine Stimme nach etwas schreien,
eine, die nicht Gottes Stimme ist,
aber Gottes Absichten kennt.
Während ich warte,
könntest du mir einen Gefallen tun.
Wer bist du?

 

 

Über die Mona Lisa

 

Jeden Tag goss er seine Frage in sie,

so wie man Wasser aus einem Behälter

in einen anderen giesst,  und es goss zurück.

Erzähl mir nicht, dass er seine Mutter malte,

oder Lust oder so. Es gibt einen Moment,

da ist das Wasser nicht in dem einen und nicht

in dem anderen Behälter – ein Durst war das,

und er nahm an, dass er fortfahren würde,

bis die Leinwand völlig leer wäre. Aber Frauen

sind stark. Sie verstand etwas von Behältern,

von Wasser und vom irdischen Durst.

 

 

Wieder-Frühling-Stadt

 

«Frühling ist immer noch so wie er immer schon war».
Sagte ein alter Chinese.
Regen zischte die Fenster hinab.
Sehnsüchte aus weiter Ferne.
Erreichten uns.

 

 

 

Hölderlinstadt

 

Du bist verrückt alleine zu trauern.
Mit den ausgetrockneten Brunnen.
Sternenlicht tiefunten am Grund.

Wie ein Klangteilchen.
Requisiten sausen vorüber.

 

 

 

Über meine Aufgabe

 

Meine Aufgabe ist es, geheime Lasten zu tragen
für die Welt. Leute beobachten mich neugierig.
Gestern morgen etwa, bei Sonnenaufgang,
hättest du mich auf der Mole sehen können,
wie ich Dunst trug. Ich trage auch unzeitgemässe
Gedanken und Sünden und überhaupt und jede
fehlerhafte Handlung, die mit dir zusammen
in diese Stunde hineingesenkt wurde.
Vertrau mir. Das Trabetier kann rote
Herzen wieder rot färben.

 

 

 

Über das Ende

 

Was ist der Unterschied zwischen Licht und Blitz?

Es gibt eine Radierung von Rembrandt namens

Die drei Kreuze. Darauf erkennt man die Erde,

den Himmel und den Kalvarienberg. Ein Augen-

blick regnet auf sie herab, die Bildtafel wird dunkler.

Dunkler. Rembrandt weckt dich gerade rechtzeitig,

dass du siehst, wie die Materie aus ihrer Form

strauchelt.

 

 

 

Anne Carson wurde 1950 in Toronto geboren und zählt im englischsprachigen Raum zu den bedeutendsten Dichterinnen der Gegenwart. Zudem ist sie Altgräzistin, Homer-Spezialistin, Sappho-Übersetzerin und Sophokles-Kennerin. Ihr von Formwillen und Durchlässigkeit geprägtes umfangreiches poetisches Werk wurde mit den bedeutendsten Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem T.S. Eliot-Preis für Poesie (2001).

 

 

Anne Carson
Irdischer Durst
Aus dem kanadischen Englisch von
Marie Luise Knott
Matthes & Seitz, Berlin
Geb., 120 S., CHF
ISBN 978-3-95757-962-1

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