FRONTPAGE

Heinrich Mann: Liebesspiele»

Von Ingrid Isermann

 

Heinrich Mann, *1871 in Lübeck, dessen Werk Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke umfasste, wurde aufgrund seiner Kritik am Nationalsozialismus zur persona non grata und emigrierte 1933 nach Frankreich und später in die USA, wo er 1950 in Santa Monica starb. Der Diogenes-Verlag hat seine schönsten Erzählungen neu wieder aufgelegt.

Heinrich Mann, der ältere Bruder des berühmten Schriftstellers Thomas Mann, ist eine Wiederentdeckung wert. Mit sanfter Ironie, unbestechlichem Blick und souveräner Gelassenheit betrachtet er die Gesellschaft, die von der heutigen gar nicht so verschieden ist.  Ob von toxischen Beziehungen, Konsequenzen einer spontanen Entscheidung oder einer kompromisslosen Liebe die Rede ist, in seinen köstlichen Erzählungen lassen sich Gesellschaft, Liebe und Literatur nicht trennen.

 

Heinrich Mann ging es, so Hugo Loetscher in seinem erhellenden Vorwort, stets um eine Entlarvung der menschlichen Komödie, eine Gesellschaft, bei der sich alles, was sie als wertvoll ausgibt, in der genauen Beobachtung schon als Verzerrung von vornherein ausnimmt:
 
«Der Untertan» und «Professor Unrat» gehören zum Gesellschaftsbild des deutschen Bürgertums vor dem Ersten Weltkrieg. Es gibt kein Verständnis dieser Epoche ohne die Tragödie des akademischen Spiessers und die Karriere des trampelnden und duckenden Untertans. Mit diesen beiden Werken schuf Heinrich Mann gesellschaftspolitische Romane.
 
Heinrich Mann gehörte zu jenen, die entschlossen waren, in der Weimarer Republik eine deutsche Demokratie zu verwirklichen. Dass er einer der Ersten war, die emigrierten, verstand sich. (…) Und als ihn die Emigration in die USA führte, da verfasste er einen der unbeachtetsten und gewichtigsten Kommentare zu unserer Epoche: «Ein Zeitalter wird besichtigt». Dieser Mann, der sich den Geist als Verpflichtung und die Literatur als Verantwortung wählte, war einer der grössten Artisten der deutschen Sprache».

 

 

Leseprobe:

Der Unbekannte

 

Betäubt von sechs Schulstunden trabt durch die winkeligen Straßen ein Knabe: ein gewöhnlicher Bücherträger, der hier und da ausweicht, um einen Lehrer nicht grüßen zu müssen, dann und wann errötend den Hut ab reißt vor einem kleinen Mädchen, mit dem er getanzt hat. Die Gassen steigen und fallen; der Knabe bedenkt, dass er jetzt, entgegen sämtlichen Gesetzen, sich etwas Glück stehlen wird, ein Stück Marzipan kaufen wird, obwohl es ihm den Magen verdirbt, und aus der Leihbibliothek etwas holen, auf dessen Genuss schließlich auch bloß Jammer folgt. Denn das Leben ist zu sehr verschieden von dem, was er meint, was er als Ahnung in sich spürt. Die Bücher, die er sich leiht, versagen auch und brauchen eine Ergänzung: weshalb er zeichnet. Zu Hause in seinem grünen Parterrezimmer, das Efeustöcke an den Fenstern heimisch machen, wartet auf ihn ein Kasten mit Wasserfarben, etwas raues Papier, einige Flaschen bunter Tusche; daran denkt er mit einer so lasterhaften Gier, dass ein vorübergehender Bürger sich fragt: ›Was macht der Junge für Augen?‹ Ein zerrüttendes Laster; denn die Zeichnung, die er, gesprengt von Herzklopfen, fertig gemacht hat, er legt sie, eine Stunde später, als halbtotes Ding in das Pult. Mit jeder Minute, die der Blick in ihr wühlte, ist sie unzulänglicher geworden. Wenn er sie heute wieder hervorreißt, wird er sie nicht einmal mehr erkennen. Die Träume sind alle vergeblich. Eine Insel aus Rosenblättern trägt einen auf rätselhafte Art einen hohen Atemzug lang. Da taucht sie unter; man ertrinkt. Täglich wieder muss man ertrinken.
 
In der Schule gelingt es ihm manchmal, einen Lehrer so zu sehen, als hätte er noch nie mit ihm zu tun gehabt. Furcht und Hass fallen ab; er bemerkt: ›Also dies Wesen, dies arme Wesen!‹ Und der Knabe, der nichts weiß, nichts belegen kann, hält in seinem Sinn auf einmal die Gesamtheit solcher Handwerkerexistenz. Zu Hause klappen die Türen von Besuchen. Oft ist noch des Nachts die Luft warm und dick von Menschen; Gerüche aus Bärten und Ballkleidern verwickeln sich mit denen, die der Küche entsteigen. Musik dringt in sein Zimmer und stapft durch die Dunkelheit, in der er liegt, Tanz schritte schleifen über seinem Kopf. Manchmal das Kreischen einer Frau, auf der Treppe vielleicht; eine schnarrende Offiziersstimme; auch Rütteln am Türgriff. Rüttelt ihr nur, hier ist’s für euch zu Ende, ihr als Balldamen verkleideten Wirtschafterinnen, ihr uniformierten Turnlehrer.
Wenn ihr wüsstet, was ihr hier, in dem kleinen dunklen Zimmer, für eine lächerliche Entlarvung erfahrt und wie euer Anspruch darauf, Eleganz, Schönheit, hohes Leben em> darzustellen, hier zu kläglicher Schande wird. Ein fünfzehnjähriger Pennäler, werdet ihr sagen. Jawohl; und das Tragische ist eben dies, dass er sich, begegnete er einem von euch im Flur, in fliegender Scham über den Hof retten müsste, und dass es höchst alltäglich um ihn zu stehen scheint.
Aber drinnen ist alles anders, als ihr es sehen könnt, und der gewöhnliche Bücherträger, den jeder von der Wiege her kennt, ist ein Fremder, gestern mit dem Schiff eingetroffen und jeden Tag zur Abreise fertig. Er ist irgendwie verwandt dem Albert Bishop, der, unbesorgt um Zeugnisse, ein paar Schulstunden mitmacht und, wenn er nach eigenem Ermessen genug Deutsch kann, sein Gastspiel abbrechen und das folgende Land aufsuchen wird. Für diesen Engländer muss die Welt einen andern, bunten und zauberhaften Sinn haben. Dort ist es nicht Schicksal, dass einem zwischen acht und eins nichts freisteht außerhalb der Schulmauern; die Stadt ist offen, es führen Wege, gelassen beschreitbar,
über alle Grenzen hinaus; Dinge, greifbar wie ein Schulbuch, liegen in China oder Transvaal. Und in der Tat, wenn Bishop einundzwanzig ist – es gilt dann gleich, wie viel er geschwänzt, wie oft er ›Ungenügend‹ hat; eine Sprachprüfung muss er in London bestehen, dann wird er Dolmetsch bei einer exotischen Gesandtschaft. Solche freien Lebensläufe gibt es – indes man hier um den Einjährigen dient und weiter um das Abiturium und weiter um Gott weiß was. Denn wohin dies einmal führen soll, weiß so gut wie niemand. Es ist doch wohl ausgeschlossen, dass solch ein Mensch, der im eigenen Elternhaus vor den Leuten davonläuft, der Marzipanessen und Zeichnen wie ein Laster treibt, der das Gemeinverständliche nur halb wach über sich hingehen lässt, mit seinen Füßen überall auf leere Luft tritt, an den Menschen nicht haften kann und sich fortwährend klein machen muss, damit es nicht herauskommt, wie es anders um ihn steht: Es ist doch wohl ausgeschlossen, dass er einst erwachsen, tauglich und eingereiht sein wird. Er wird nicht älter werden, als er ist: Was soll er noch? Dies verträgt keine Zukunft. An seinem vorigen Geburtstag, abends im Bett, hat er mit der Hand sein Herz befühlt, tief still von Erkenntnis: ›Wie sonderbar, dass ich noch lebe!‹

 

 

Heinrich Mann
Liebesspiele
Diogenes, Zürich, 2022
Taschenbuch
Hrsg. Christian Strich
Vorwort von Hugo Loetscher.
Mit 24 Zeichnungen von George Grosz
256 S., CHF 16. € 12.40.
978-3-257-24647-6

 

Das Vorwort von Hugo Loetscher erschien erstmals 1964
im Diogenes Verlag in der ersten Ausgabe dieses Bandes,
damals unter dem Titel Meistererzählungen
Copyright © Diogenes Verlag AG Zürich

Covermotiv: Gemälde von Jose Maria Rodriguez-Acosta, 1933.

 

 

 

«Donna Leon: Ein Leben in Geschichten»

 

Im Schauspielhaus Zürich ist die Matinée zu Donna Leons 80. Geburtstag am 30. Oktober 2022 voll besetzt, sie wird begleitet von Annett Renneberg, der Schauspielerin, die die Signorina Elettra Zorzi in der Questura in Venedig in den Verfilmungen der Brunetti-Krimis spielt.

 

Donna Leons cooler lakonischer Humor produziert Lacher im Publikum, sie liest aus ihrem neuen Buch «Ein Leben in Geschichten», befragt dazu von Monika Schärer. Über das Alter habe sie nie nachgedacht … «it’s going to come». Ihr abwechslungsreiches Leben sei so passiert, nie hätte sie einen Karrierewunsch gehabt, big boss zu werden, sonst hätte sie auch nicht jahrelang in der Welt herumreisen können, bis sie in Venedig gelandet ist und mit 50 Jahren den ersten Brunetti-Krimi schrieb: «Venezianisches Finale».
 
Der 31. Brunetti-Krimi «Milde Gaben» stand wie gewohnt schon auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste, auch daraus liest sie vor, wie auch auf Deutsch Annett Renneberg, und so ergeben sich die Fragen von selbst. Sie hätte einen Charakter wie Brunetti gewählt, der ein «Buch-Junkie» sei wie sie selbst, einen sympathischen Menschen mit Anstand und Verstand, der sie in ihrem Leben begleitet, der im Laufe der Jahre aber etwas weniger optimistisch geworden sei und habe erkennen müssen, dass er die Welt nicht ändern könne. Uns gehe es gut in unseren Gefilden, es ist Ende Oktober und noch 27 Grad… Klimawandel? Der sei ja nicht zu übersehen, sie sei aber nicht politisch in ihren Büchern, nur die Corona-Pandemie konnte sie nicht ausklammern, weil die zu einschneidend für die Gesellschaft war. Das Schreiben mache ihr immer noch Spass und sie wisse nicht, wie die Geschichte am Ende ausgeht, sie lasse sich überraschen und sei sehr «amused», amüsiere sich über beim Storyschreiben. Damit das Lesen dann auch Lust und Freude macht.

 

Was Donna Leon spielerisch in ihren Geschichten erzählt, offenbart eine wirkliche Kosmopolitin, die mit Verve und Gelassenheit den Stürmen des Lebens trotzt. Und viel erlebt hat sie ja tatsächlich, ob in Amerika, Iran («Drugs, Sex, and Rock’n’Roll») oder Saudi-Arabien («$audiopoly»), auch heutzutage kein ungetrübtes Spiel- und Arbeitsfeld für Frauen. Sie erzählt uns von ihrer Jugend auf der Farm und von Sperrstunden-Pyjamapartys im Iran, Geldnot und einem Fiat 600. Davon, wie sie als »Anstandsdame« nach Italien kam, von der Jagd nach dem perfekten Cappuccino und kleinen Wundern in den Bergen.
Herrlich unkonventionelle Geschichten, denen man gerne zuhört!
 
Donna Leons Krimis mit venzianischem Lokalkolorit und dem sympathischen Commissario Guido Brunetti wurden für die ARD auch verfilmt, 1992 mit dem ersten Fall «Venezianisches Finale» und 2019 als letzter Krimi-Verfilmung «Stille Wasser» als 25. Brunetti-Fall. Die Wiederholungen der atmosphärisch reizvollen Krimi-Serie sind immer gern gesehen. Ins Italienische übersetzt wurden die Krimis auf Wunsch von Donna Leon nicht, sodass man dort nicht in den Genuss ihrer lebensklugen Italianità kommt, eigentlich schade. Und nun, wo sie in der Schweiz lebt und arbeitet, könnte Italien gerade jetzt mit einer neuen Regierung des Umbruchs in neo-konservative Gefilde doch etwas Leon’sche Orientierung brauchen über die italienische Seele…

 

 

Donna Leon, *1942 in New Jersey/USA, war in ihrem Leben viel unterwegs, arbeitete als Reiseleiterin in Rom und als Werbetexterin in London sowie als Lehrerin und Dozentin im Iran, in China und Saudiarabien. Eine ganz schön bunte Welt! Doch erst ihre Brunetti-Krimis machten sie weltberühmt, fast jedes Jahr erschien ein von den Fans langersehnter Brunetti-Fall des Commissarios aus Venedig, wo Donna Leon 30 Jahre lebte. Inzwischen ist sie in die Schweiz umgezogen und seit 2020 auch Schweizer Bürgerin.

 

Aus ihrem neues Buch «Ein Leben in Geschichten» bringen wir einen Auszug über ihre Herkunft.

 

Leseprobe:

Amerika

Nolls Farm

 

Mein Großvater mütterlicherseits, Joseph A. Noll, kam vor über hundert Jahren in Nürnberg zur Welt. Damit hat es sich auch schon. Nun ja, damit hat es sich für jeden, der mehr über ihn wissen will. Mein anderer Großvater, Alberto de León, stammt aus Lateinamerika, aus welchem Land, hat er offenbar nie erwähnt. Tatsächlich habe ich keinen meiner Großväter jemals über das Land sprechen hören, in dem sie geboren wurden. Als seien sie, der eine als Deutscher, der andere als Bürger jenes vergessen gegangenen Landes, dem Schiff entstiegen und als Amerikaner an Land gegangen. Für beide war Englisch nicht die Muttersprache, nie aber habe ich sie ein Wort in einer anderen Sprache sagen hören, und nur mein Großvater väterlicherseits hatte einen Akzent. Mein deutscher Großvater war in Deutschland Bauer gewesen, und Bauer wurde er in Clifton, New Jersey. Er besaß vierzehn Hektar Land, und wann immer ich als Kind zu Besuch kam, war es das Paradies, ein Paradies voller Wunder. Da gab es an die fünfzig Kühe, zwei Arbeitspferde – die Kaltblüter Duke und Squire , das Reitpferd meines Cousins, mehrere Gänse (bösartig wie Schlangen), eine Hühnerschar, ein paar Schweine und zwei Enten, die – so wurde mir erzählt – auf ihrem Zug nach Süden zwischengelandet waren, sich umgeschaut hatten und zu bleiben beschlossen. Acht irische Arbeiter versorgten und melkten die Kühe. Mit der Zeit kam ich dahinter, dass sie Durchreisende waren. Sie lebten auf der Farm, keine Stunde von New York City entfernt, schufteten von morgens bis abends, sieben Tage die Woche. Am Letzten eines jeden Monats bekamen sie ihren Lohn, und noch am selben Abend machten sie sich aus dem Staub. Zwei Tage später, egal, welcher Wochentag war, fuhr mein Großvater mit seinem Pritschenwagen nach New York City in die Bowery; in diesem für seine Bars, Absteigen und Bordelle bekannten Viertel suchte er eine bestimmte Straßenecke auf und sammelte seine Farmarbeiter ein, schwer angeschlagen, manche von Schlägereien gezeichnet, anderen fehlte ein Schuh, eine Jacke oder ein Zahn, samt und sonders ohne einen Cent in der Tasche, und die meisten sturzbetrunken. Meinem Onkel Lawrence zufolge, der immer mit dabei war, begrüßten die Arbeiter meinen Großvater mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Erleichterung und kehrten auf die Farm zurück. Zurück zur Arbeit. Für einen Monat. Mein Bruder und ich waren oft auf der Farm, kannten die Arbeiter und wurden von ihnen verwöhnt. Viele von ihnen hatten Frau und Kinder in Irland, einige jüngere Brüder und Schwestern. Wie ich später erfuhr, stellte mein Großvater sie nur ein, wenn er ein Viertel ihres Lohns einbehalten durfte, das an ihre Familien floss.
 
Als ich sieben war, zogen wir in ein kleines Haus auf dem Farmgelände und wohnten dort ein oder zwei Jahre.
Dort wurde ich wohl mit dem Geruch des Dunghaufens so vertraut, dass ich ihn noch heute als aromatisch, nicht als unangenehm empfinde. Ich sah auch seine magische Wirkung: Im Herbst wurde der Dung auf dem kahlen Acker
ausgebracht, und im Sommer darauf wuchs das Korn. Ja, ich bekam den ganzen Jahreszyklus mit: Im Frühling Mais und Weizen säen, im Sommer Unkraut jäten, im Herbst den Weizen mähen und den Mais ernten. Im Herbst wurden auch die Truthähne für Thanksgiving geschlachtet, und einen Monat später wurde für Weihnachten geschlachtet. Mein Großvater verkaufte die Truthähne und dazu Hühner, Milch, Butter, Sahne und – kurz nach dem ich zehn geworden war – Eiscreme, denn mit seinem Mut für Neues hatte er einen Eiscremestand eröffnet. Was hätte man mit der Milch von fünfzig Kühen Besseres an fangen können?

 

 

Donna Leon
Ein Leben in Geschichten
Diogenes, Zürich 2022
Hardcover Leinen
192 S., CHF 30. € 22.
ISBN 978-3-257-07209-9

 

 

 

 

«Ingrid Noll: Tea Time»

 

Die Freundinnen Nina und Franziska wohnen im selben Haus am Weinheimer Marktplatz. Aus einer Sektlaune heraus gründen sie mit vier anderen Frauen den Klub der Spinnerinnen – jede von ihnen hat eine spezielle Macke. Als Nina ihre Handtasche verliert, beginnt die verhängnisvolle Bekanntschaft mit Andreas Haase. Er begnügt sich nicht mit dem üblichen Finderlohn, er möchte mehr. Die Solidarität ihrer Busenfreundin ist gefragt.

 

Sechs junge Frauen gestehen sich ihre geheimen Macken – poetisch, pedantisch, traumatisch, gefährlich – und treffen sich zu weinseligen Sitzungen. Bis eines Tages Nina ihre Handtasche verliert und ein fremder Mann in ihr Leben tritt: Vom Finder Andreas Haase wird sie wiederholt belästigt. Als sie sich wehrt, springt zum Glück der hilfreiche Nachbar Yves ein, ein sympathischer Bücherwurm und Einsiedler.
 
Doch die Aktion zieht Kreise, löst eine Kettenreaktion aus, in die auch – Weinheim ist klein – die Clubschwestern verwickelt werden. Insider-Geheimnisse führen zu Eigennutz, die kriminelle Fantasie beginnt zu blühen. Mit fatalen Folgen.

 

Leseprobe:

 

Macken, Spleens und Schrullen

Jahrelang kannte bloß meine Schwester den wahren Grund für meinen Tick. Ich konnte nämlich nur einschlafen, wenn ich mich in meine Bettdecke wie in einen strammen Kokon einwickelte. Unter keinen Umständen durfte ein Fuß oder gar ein Unterschenkel ungeschützt herausragen. Sollte ich es doch einmal vergessen, würde ein rot gekleideter Henkersknecht mit einem Beil auftauchen und mir meine freiliegenden Gliedmaßen einfach abhacken. Während die meisten Deutschen die festgestopfte Steppdecke in Hotelbetten wieder etwas lockern, war es mir gerade so am liebsten. Ich überlegte so gar, ob ich mir nicht einen engen Mumien-Schlafsack anschaffen sollte, worin ich mich wie ein russisches Wickelkind geborgen fühlen konnte. Es ist mir daher auch völlig unverständlich, wie es andere Menschen stundenlang zu zweit unter einer Decke aushalten.

 

Ich war damals etwa neun, meine Schwester elf. Es hört sich sicher merkwürdig an, aber wir waren bisher noch nie am späten Abend allein gewesen. Erst als meine Großmutter in ein Pflegeheim umsiedeln musste, kamen wir in diese Situation. Unsere Eltern hielten es für selbstverständlich, dass wir auch ohne Aufsicht für ein paar abendliche Stunden uns selbst überlassen blieben; notfalls waren sie ja telefonisch erreichbar. Wir taten ebenfalls so, als seien wir längst erhaben über Räubermärchen oder furchterregende Gespenstergeschichten.
Im Fernsehen fanden wir zunächst nur langweilige Sendungen, bis wir schließlich auf eine Doku über entführte Kinder stießen. Vor vielen Jahren wurden die minderjährigen Töchter einer deutschen Journalistenfamilie während eines Italienurlaubs gekidnappt. Die Lösegeldforderungen, die diplomatischen Verwicklungen und die schwierigen Verhandlungen mit den Gangstern interessierten uns weniger, wir verfolgten mit viel größerem Interesse die Aufregung und das Leid der Eltern. Ob unsere Erzeuger, die uns heute so schnöde allein gelassen hatten, ebenso unglücklich wären und ihr letztes Hemd für unsere Befreiung hergeben würden? »Was meinst du, Nina, sollen wir sie mal testen?«, fragte meine Schwester, und wir beschlossen, unseren Eltern einen Denkzettel zu verpassen, beziehungsweise einen gehörigen Schrecken einzujagen. Auf dem Dachboden gab es eine Kammer mit Gerümpel, hinter einem ausgedienten Schrank deponierten wir die Polster eines zweisitzigen Sofas. Dort sollte ich mich über Nacht und möglichst auch noch länger versteckt halten. Dann schnitten wir Buchstaben aus der Zeitung aus und bastelten einen nach unserem Wissensstand professionellen Erpresserbrief, in dem wir eine horrende Summe für unsere Freilassung forderten. Da zu erwarten war, dass die Eltern nach ihrer Rückkehr noch einen Blick auf ihre schlafenden Kinder werfen würden, ließen wir unter meiner Bettdecke einen Strumpf hervorlugen und deponierten das Haarteil unserer Mutter auf meinem Kopfkissen. Schließlich malten wir uns die Verzweiflung unserer Eltern genussvoll aus und waren hochzufrieden mit unserer Strafmaßnahme. Obwohl ich mich auf dem kalten Dachboden etwas ängstigte, bin ich schließlich doch eingeschlafen. Leider kam es anders; meine Schwester hatte am nächsten Morgen dem mütterlichen Verhör nicht lange standgehalten.
 
Irgendwann hörte ich wie im Traum die Stimmen meiner Eltern. Bevor ich noch richtig wach war, stand mein Vater vor meinem Lager und sagte: »Diese bleichen Flossen sind natürlich ebenso eine Attrappe wie die Perücke in Ninas Bett. Gut, dass Opas Axt hier noch herumliegt, jetzt werde ich gleich mal kräftig zuschlagen, um der blöden Schaufensterpuppe die hölzernen Beine abzuhacken!« Schreiend fuhr ich hoch, unsere Eltern lachten sich fast krank. Irgendwann fand ich es wichtig, dieses peinliche Erlebnis meiner besten Freundin Franziska zu beichten. Vielleicht würde sie mich und meine Macke dann besser verstehen, denn sie tickt ja selbst nicht ganz richtig.

»Mein Gott, Nina, ich wusste zwar schon längst, dass du ein wenig spinnst, aber unter Klaustrophobie scheinst du nicht gerade zu leiden«, sagte Franzi.
»Ich werde bereits bei dem Gedanken fast wahnsinnig, man könnte mich in einer Zwangs
jacke festzurren! Ich kriege ja schon Platzangst in einem vollbesetzten Lift! Mein Alptraum wäre es, halbtot in einen Teppich eingerollt zu werden.«

 

 

Ingrid Noll
Tea Time
Diogenes, Zürich 2022
Hardcover Leinen
320 S., CHF 34. € 25.
978-3-257-07214-3

 

NACH OBEN

Reportage


Buchtipp


Kolumnen/
Diverses