FRONTPAGE

«Glanzvolle Eröffnung des 9. Zurich Film Festival»

Von Rolf Breiner

 

Die Festivaldirektoren Nadja Schildknecht und Karl Spoerri konnten illustre Prominenz unter Blitzlichtgewitter am Grünen Teppich begrüssen wie Daniel Brühl als Niki Lauda in «RUSH». Das spannende Rennfahrerepos über Niki Lauda und James Hunt eröffnete das Festival im Kino Corso.

Vor 750 geladenen Gästen wurde am Donnerstagabend am Grünen Teppich und  im Kino corso 1 das 9. Zurich Film Festival eröffnet. Die Eröffnungsreden hielten die Co-Festivaldirektoren Nadja Schildknecht und Karl Spoerri sowie Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch. Ehrengast und Hauptredner war Bundesrat und Kulturminister Alain Berset.
Vom fulminanten Eröffnungsfilm «RUSH» anwesend waren der Hauptdarsteller Daniel Brühl, der den Formel-1-Piloten Niki Lauda überraschend authentisch verkörpert sowie Drehbuchautor Peter Morgan, Produzent Brian Oliver sowie der Stuntman Mauro Pane, der im Film die Darsteller doubelte, wenn es gar zu gefährlich wurde. Niki Lauda, inzwischen 64-jährig war nicht anwesend, man konnte aber in Interviews schon hören, dass ihm der Film gut gefallen habe. Moderiert wurde der festliche Anlass von Sandra Studer.
Bereits nach Zürich gereist und anwesend waren Jurymitglieder wie der Schweizer Regisseur Marc Forster, Jurypräsident des internationalen Spielfilmwettbewerbs, die Schauspielerinnen Veronica Ferres und Melissa Leo oder der Schauspieler und Musiker Carlos Leal. Veronica Verres gab sich gutgelaunt und freute sich, in Zürich zu sein. Auf der Gästeliste des Eröffnungsabends stehen zudem illustre Namen aus Kultur und Showbusiness. Natürlich warten die Zürcherinnen und Zürcher auf den Golden Icon Award-Preisträger Hugh Jackman, aber auch auf Harrison Ford oder Michael Haneke. Zu Beifall auf dem Grünen Teppich wird die nächsten zehn Tage noch genügend Anlass sein. Und die 120 Filme aus 27 Ländern warten auf ihr Publikum. Die Goldenen Augen sind überall zu sehen und halten die Stadt in Atem.

 

Am Samstagabend 28. September erhielt Hugh Jackson den Golden Icon Award für sein Lebenswerk, von einer enthusiastischen Fangemeinde am Grünen Teppich gefeiert. Zuvor gab er an einem Pressemeeting im Baur au Lac offenherzig, charmant und sympathisch einige persönliche Reminiszenzen zum Besten.

Originalton: «The prisoners – it’s chaotic to watch and to be in… it was not blueberry hill, great script, great characters. I’ve have been to Zurich before, my uncle lived in Geneva, my parents met in Interlaken, my father spoke 4 languages, so I am addicted to Switzerland…»
Dass er Schokolade liebe und sich auch ein bisschen als Schweizer fühle, bodenständig und naturverbunden: «I am happy to be here…». Hugh Jackman wirkt jünger als im Film und ist ein Familienmensch, wie er sagt.

Ob er auch so weit gehen würde, wie der Protagonist in seinem Thriller «Prisoners» wurde in der Presserunde gefragt, «es war emotional eine meine anspruchsvollsten Rollen, und ich weiss nicht, wie ich mich verhalten würde, aber natürlich würde ich alles tun, meine Kinder zu retten, und meine Frau würde alles wegfegen, was sich ihr in den Weg stellt, für unsere beiden Kinder Oscar, 13, und Ava, 8».


Über das Schauspielen sagt Hugh Jackman: «Acting is like Comedy, with the opposite of you, acting is like dance… I always liked acting, dancing, singing, the only actor who had to sign this in his contract. And you’re as good as your partner».

 

 

Oliver Hirschbiegel, Regisseur der Filmbiografie «Diana», gab am Pressemeeting am Sonntagmittag 29. September über die Dreharbeiten und zu Fiction & Facts Auskunft. Der Film sei im Prinzip eine Lovestory, in der es um Wahrhaftigkeit gehe, die Charaktere in ihrer Authentizität zu zeigen, eine dramatische Interpretation dessen, was geschah. Die Handlung beruht auf detaillierten Recherchen, wie auch auf den Statements, die ihr Geliebter, der pakistanische Chirurg Dr. Hasmat Khan Scotland Yard bei seiner Befragung über den Unfall, in dem Princess Diana 1997 ums Leben kam, mitteilte.
Naomi Watts verkörpert in ihrer Rolle Diana, die Hirschbiegel zu den berühmtesten Frauen der letzten 200 Jahre zählt. Die Welt scheine sie immer noch zu verehren und zu lieben. Von Dianas tiefer Spiritualität, ihrer speziellen Energie, die im Film manifestiert wird, war bisher in den Medien kaum die Rede. Ob sie ein Opfer der Presse war? Hirschbiegel meinte, Diana bewegte sich eher wie ein Filmstar, der genau weiss, wie man sich in Szene setzt, sie brauchte das, um gehört zu werden, für das, was ihr wichtig war und sie setzte sich für andere Menschen ein, wie weltweit gegen die Verwendung von Landminen. Sie war in dieser Beziehung aufrichtig authentisch, sie war in ihrer Art tief emotional, und konnte auch sarkastisch und ironisch sein, was weder vom Hof der Windsors noch von der Presse verstanden wurde, die nicht damit umgehen konnten. Daher gab es viele Missverständnisse in ihrem Leben, sie war eine eindrucksvolle Person. Sein Film definiere die Geschichte so: «… it’s all about love». (I.I.)

 

(ausführliche Berichte und Filmtipps zum ZFF folgen)
Programm des Zurich Film Festival: wwwzff.com

 

 

 

«Bücher bewegen Bilder»

 

Zwei Trends stechen ins Auge: Apokalyptische Katastrophen- und Literaturverfilmungen dominieren die Kinos, von «World War Z» und anderen war bereits die Rede. Nun drängen Literaturhelden wie Schattenjäger («City of Bones»), ein gewisser Mr. Morgan und eine tabulose Frau namens Helen auf die Leinwand, welche «Feuchtgebiete» erforscht. Doch Bestsellerstatus garantiert noch keine Kinoerfolge und Qualität.

 

Die Filmgeschichte ist voll von Erfolgsgeschichten, die auf Bestsellern basieren. «Gone With the Wind» (1936) ist zum Beispiel so eine. Der Roman von Margaret Mitchell wurde 1939 zum Kinowelterfolg mit Clark Gable, Vivien Leigh und Olivia de Havilland. Erfolgreiche Fortsetzungen sind jedoch die Ausnahme, wie das Beispiel «Scarlett» (1991) von Alexandra Ripley zeigte. Anders freilich, wie wir alle wissen, verlief die Karriere des Zauberlehrlings Harry Potter und seiner Autorin Joanna K. Rowling, ganz zu schweigen von den Hobbits, den kecken Halblingen aus Mittelerde, die der Brite J.R.R. Tolkien in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts erschaffen hat. Nach dem «Herr der Ringe» drängen nun die Winzlinge in den Mittelpunkt der Saga. Nach Teil 1 «Der Hobbit» folgen Teil 2 «Der Hobbit – Smaugs Einöde» (Dezember 2013) und Teil 3 (2014). Regisseur Peter Jackson schickt Hobbit Bilbo Beutlin erfolgsversprechend in weitere Kinoabenteuer.

 

Schattenreiche, beseelt


Teenie-Vampire konnten sich in der Biss-Tetralogie «Twilight» austoben. Die Roman (ab 2005) der Autorin Stephenie Meyer, millionenfach verkauft, bildeten den Stoff erfolgreicher Verfilmungen. Kein Wunder, ist das Hollywood-Kino nun auf die Schattenjäger in den «Chroniken der Unterwelt» gekommen. Cassandra Clare, in Teheran geboren, in Frankreich, England und in der Schweiz aufgewachsen, erzählt von Kreaturen der Nacht, die in New York City auf Jagd sind. Und darum geht’s: «Alle Mythen sind wahr», beschwört die unschuldige Clary, die ungeahnte Kräfte und Welten entdeckt. Und am Ende: «Sie konnte ihn zwar nicht lachen hören, doch sie spürte, wie sein Brustkorb unter ihren Fingern bebte. Als er die Harley in den Himmel riss, klammerte sie sich noch fester an ihn und dann schossen sie über die Brücke wie ein Vogel, der aus seinem Käfig befreit wurde…». So schliesst der erste Roman «City of Bones» (Arena Verlag).

Das riecht nach Fortsetzung, und so ist es auch: Die «Chroniken der Unterwelt» sind auf fünf Bände aufgeschwollen. Die erste Fantasy-Verfilmung, augenfällig inszeniert von Harald Zwart, wird die meisten Leser und Leserinnen überzeugen. Schöne junge Menschen, besonders Lily Collins als Clary und Jamie Campbell Bower als softer Bleichling Jace, agieren im schmackvollen Dunkel. Das ganze Arsenal dunkler Weltengeschöpfe wird aktiv. Effekte und Emotionen sind ganz auf ein junges Vampir-Publikum zugeschnitten. Eine dunkle Romanze im urbanen Gothic-Stil für Liebhaber schön gestylter Action mit Schattenjägern, Werwölfen, Hexen und anderen Schemen der Unterwelt, die absolut nichts mit den Revolverhelden der kriminellen Unterwelt (Film noir) zu tun haben.

 

Lebensmüde und lebensfroh


Nein, Monsieur Armand kennt weder die Biss-Romanzen noch die New Yorker Schattenjäger. Er lebt in einer anderen Welt, eher jenseits denn diesseits. Der Philosoph im Ruhestand trauert seiner verstorbenen Frau nach, mag eigentlich nicht mehr leben, pflegt Distanz zum Leben, zur Lebenslust, bis eine junge Frau ihm quasi in einem Bus auf die Beine hilft. Die zwanzigjährige Pauline bringt urplötzlich Licht in seinen melancholisch-tristen Alltag. Der alte Gentleman verliebt sich, schöpft neuen Lebensmut. Er kann nun gelassen das Leben an der Seine geniessen. Die deutsche Regisseurin Sandra Nettelbeck hat den Roman von Françoise Dorner «Die letzte Liebe des Monsieur Armand» (Diogenes Verlag) modifiziert und den Monsieur zum Mr. Morgan gemacht. Dass der dazu noch zum Amerikaner mutierte, macht wenig Sinn, wenn der Darsteller Michael Caine heisst und Brite ist. «Mr. Morgan’s Last Love» ist ein sympathischer, doppelter Liebesfilm, der allerdings Ironie zu wenig zulässt und etwas schnulzig endet. Im Buch heisst es lapidar: «’Auf Wiedersehen, Armand’, murmelte Pauline, als die Totengräber begannen, die Grube zuzuschaufeln. ‚Wie gerne hätte ich Sie für mein ganzes Leben behalten.’ Und so brach ich nach der letzten Schaufel denn auch mit einem ganz kleinen Bedauern auf zu meiner Frau.» Armand/Morgan hat seinen Frieden gefunden.
Ein Film, ein Buch – das kann sich ergänzen, vertiefen, kann aber auch zur Eigenständigkeit, zu einem eigenen Kunstwerk werden. Die Filmqualität im Fall Morgan/Armand besteht vor allem in der Besetzung und war mit dem 80-jährigen Mr. Caine top besetzt. Clémence Poésy ist ihm als liebenswürdige Tanzlehrerin eine ebenbürtige Partnerin. Die Romanverfilmung schliddert zwar knapp an gesüsstem Drama und Kitsch vorbei, bewegt aber und unterhält geziemend.

 

Klinisch clean


Ein Sturm im Wasserglas wurde bereits im Vorfeld der Premiere am Filmfestival Locarno entfacht. Der Skandal-Bestseller «Feuchtgebiete» (Das Buch zum Film, Dumont Verlag) von Charlotte Roche war ein gefundenes Fressen für die Boulevard-Presse. Das Buch provozierte und der Film müsste es wohl auch. Fehlanzeige. Die verfilmte Literatur erwies sich als geschönte Provokation, clean wie ein OP-Saal. Charlotte Roche gefiel der Film von David Wnendt, bestätigte sie uns in Locarno. Sie mische sich bei Dreharbeiten nicht ein, meinte die Autorin, auch nicht bei der Verfilmung ihrer «Stossgebete» (Piper Verlag), die nun abgeschlossen wurde. Wer die «Feuchtgebiete» lesend durchkreuzt hat, wird auch mit dem Film gut bedient. Wer freilich pornografische Applikationen oder appetitlichen Sex erwartet, ist falsch gewickelt. Neben einigen schmutzigen Szenen und Unterleibexkursen geht es bei Helen vor allem um Selbsterkundung und die Loslösung von ihren Eltern (Meret Becker und Axel Milberg im Film), um ihre kleine Revolution gegen den Reinlichkeitsfimmel ihrer Mutter. Und die Tessinerin Carla Juri ist eine Wucht als Helen, kein Unschuldsengel, aber als Opfer und Täterin zugleich bietet sie eine Performance jenseits von Unterleib und Trieben. Ein mutiger Film, der erneute Diskussionen um Literaturverfilmung wert ist.

 

 

 

Filmtipps

White House Down


Kracher der Marke Roland Emmerich. Der beste amerikanische Katastrophenfilmer ist ein Deutscher. Der Schwabe Roland Emmerich («Independence Day») lässt diesmal Terroristen aufs Weisse Haus los. Doch die kommen nicht aus dem Nahen oder Fernen Osten, sondern aus dem eigenen Land. Ziel der Insider-Attacke ist der US-Präsident (Jamie Foxx), dem nur einer helfen kann, der Möchtegern-Agent John Cale (Channing Tatum). Ein einfacher Cop gerät also mit seiner neugierigen Tochter in ein brutales Umsturzschlamassel. Nach Bruce-Willis-Manier («Die Hard») bilden der Präsident, eine Art zupackender Obama-Klon, und der besorgte Vater Cale Partner ein Team im Kampf gegen Verräter, Rächer und Machtmenschen. Dabei fährt Emmerich dem US-Polit- und Machtsystem gehörig an den Karren. Grosse Action mit Hintersinn.

Start: 5. September

 

 

Lovely Lousie


Leben mit Mama. Der Ansatz ist vielversprechend, das Ergebnis freilich nüchtern. Erfolgsfilmerin Bettina Oberli («Die Herbstzeitlosen») beschreibt rührend bis bieder das Zusammenleben zwischen dem Taxifahrer André (Stefan Kurt), einem Junggesellen Mitte 50, und seiner 80-jährigen Mutter Louise (Annemarie Düringer). Das Leben der beiden gerät in Unordnung, als der Deutsch-Amerikaner Bill (Stanley Townsend) auftaucht und sich als neues Familienmitglied etabliert. Louise, gar nicht so lovely wie der Filmtitel (ironisch) suggeriert, wahrt den noblen Schein und der gutwillig-naive Sohn verliert (fast) eine Liebe. Eine typische Schweizer Komödie zwischen unterschwelligem Witz, nettem Schein, guter Absicht und Mittelmass. Die Ironie bleibt irgendwo zwischen Cervelat und Mittelmeerträumen stecken. Brav, bieder und bescheiden.

Start: 5. September

 

 

Gloria


Power mit 58. Sie hat Power, steckt voller Lebenslust, ist geschieden und 58 Jahre alt. Gloria (Paulina Gracia) will nicht in ihren vier Wänden verkümmern, sie besucht Diskos, bändelt an, sucht den Kick, aber nicht um jeden Preis. Der Rentner Rudolfo (Sergio Hernández) scheint nicht nur eine Eintags- oder Nachtfliege. Gloria glaubt, ihr zweisames Glück gefunden, bis der Lover an einem Anlass abtaucht wegen Familie und so. Doch Gloria lässt sich nicht unterkriegen – und das Publikum in Berlin wie in Locarno dankt es ihr. Das Finale mit Umberto Tozzis Song «Gloria» ist das emotionelle Krönlein auf diesen Feel-Good-Film aus Chile (Regie: Sebastián Lello). Wenn nicht Gloria, wer dann…!

Start: 12. September

 

 

What Maisie Knew


Ein Kind zwischen den Fronten. Wenn Ehen zerbrechen, sind meist Kinder die Geschädigten. Darum geht’s auch im Drama von David Siegel und Scott McGhee. Hier die exzentrische, egoistische Rocksängerin Susanne (Julianne Moore – selten war der Filmstar so unsympathisch gut), dort der umtriebige Kunsthändler Beale (Steven Coogan) und mittendrin ihre sechsjährige Tochter Maisie (Onata Aprile). Beide wollen sie, aber tun wenig bis gar nichts für das Kind. Als Ersatzeltern müssen Kindermädchen Margo (Joanna Vanderham) und der Barkeeper Lincoln (Alexander Skarsgård) herhalten, die dann auch noch mit Susanne und Beale liiert sind. Der auf Dauer gebeutelten Maisie geht’s wie dem Publikum, irgendwann ist genug. Das Hickhack um das Kind entwickelt sich zum romantischen Lehr- und Liebesstück. Das Leben ist jedoch anders.

Start: 12. September

 

 

The Congress

 

Der Pole Stanislaw Lem, 1921 in Lemberg geboren, ist einer der tiefsinnigsten SF-Autoren Europas. Der israelische Filmemacher Ari Folman («Waltz With Bashir») hat sich eines Lem-Stoffs auf seine Art angenommen. Nein, keine Romanverfilmung, höchsten eine ferne Anlehnung. Schon der mutierte Titel – vom «futurologischen» (Lem) zum futuristischen Kongress deutet darauf hin. Folman vermengt Real- und Zeichentrickfilm. Knapp eine Stunde spielt Robin Wright die Schauspielerin Robin Wright real, die sich total scannen und quasi klonen lässt für alle Medienewigkeit. Dann begibt sie sich auf die Suche nach ihrem langsam erblindenden Sohn und landet in einer «virtuelle» Welt, Robin wird zur Animationsheldin unter lauter animierten Figuren – von der Venus, Marilyn oder Grace Jones bis zu Jesus, Elvis, Michael Jackson oder anderen Berühmtheiten. Eine Ampulle genügt und schon ist man ein Anderer – ganz nach eigenem Wunsch. – Die schillernde, vielschichtige Folman-Collage ist nicht nur eine Parabel über eine düstere Film- und Fantasyapokalypse, sondern auch eine spekulativer Vision über Wünsche und Wahn. Nicht immer schlüssig, aber virtuos und denkwürdig.

 

Jobs
Steve Jobs war ein begnadeter Visionär und gewiefter Apple-Unternehmer, aber auch ein Schlitzohr, Egozentriker und menschlich fragwürdiger Typ – so kommt der kompromisslose Computer-Guru und spätere Milliardär im Film «Jobs» von Joshua Michael Stern rüber. Jobs starb im Oktober 2011 an Krebs. Doch das letzte Lebenskapitel ist kein Thema für das Spielfilmporträt. Es geht um den grandiosen Aufstieg der charismatischen Apple-Kultfigur, über seinen (Zwischen-)Fall und sein Comeback. Das zweistündige Drama über diesen bahnbrechenden PC-Pionier und gebeugte Persönlichkeit mag nicht über alle Zweifel erhaben sein, aber es fesselt und fasziniert – auch dank des Darstellers Ashton Kutcher («Two and a Half Men»). Ein spannendes Lehrstück über eine mediale Revolution und amerikanische Karriere.

 

 

Paranoia
Allein die Besetzung lässt aufhorchen: Alt trifft auf Jung, Gary Oldman («The Dark Night», «Harry Potter») und Harrison Ford («Star Wars», «Indiana Jones») auf Liam Hemsworth («The Hunger Games») und Amber Heard («Zombieland») , und dann gesellt sich auch noch Richard Dreyfuss («Jaws», «R.E.D») als Daddy hinzu. Der Filmtitel «Paranoia» könnte in die Irre führen, denn es geht nicht um einen Psychothriller oder Wahnsinnsdrama, obwohl man wahnsinnig werden könnte, wenn man wie Adam Cassidy (Hemsworth) in einen Zweikampf der Alpha-Tiere Wyatt (Oldman) und Goddard (Ford) gezogen wird und gute Miene zum bösen Spiel macht. Der ehrgeizige Mobile-Entwickler Cassidy lässt sich auf einen lebensgefährlichen Spionagedeal ein. Im perfiden Duell der beiden Hightech-Hirsche droht der Ehrgeizlinge zermalmt zu werden. Gut gibt es da noch eine weibliche Variante (Heard) und das starke Gute im Hightech-Thriller von Robert Luketic. Ein intensives packendes Mimen-Schaustück – intelligent, entlarvend, vieldeutig.

 

 

 

 

«9. Zurich Film Festival: Filmmekka an der Limmat»

 

Von Rolf Breiner

 

Unbeirrt geht das Zurich Film Festival (ZFF)  seinen Erfolgsweg – mit Nadja Schildknecht (Geschäftsleitung) und Karl Spoerri (Künstlerische Leitung) an der Spitze. An elf Tagen vom 26. September bis 6. Oktober 2013 bietet das Film-Festival zwischen Bellevue und Sihlcity Star-Glamour, Wettbewerbe und insgesamt über 120 Filme.

 

Kontinuierlich steigerte sich das elftägige Filmereignis an der Limmat und hat sich im nationalen wie internationalen Festivalkalender etabliert. Stetig wuchsen die Zuschauerzahlen von 51 000 Besuchern (2011) auf 58 000 (2012). In diesem Jahr wird wohl erstmals die 60 000-Zuschauermarke überschritten  werden. Mit Charme, Chic und Cleverness hat Geschäftsleiterin Nadja Schildknecht das Budget abermals auf nunmehr 6,1 Millionen Franken aufstocken können. Bern steuert dazu nur einen Klacks über 110 000 Franken bei, im nächsten Jahr sollen es dann 150 000 Franken werden. Im Vergleich dazu: Das internationale Filmfestival Locarno budgetiert 12 Millionen Franken und wird von Bern mit 1,45 Millionen subventioniert. Immerhin, Kulturminister Alain Berset hielt nicht nur in Locarno eine Eröffnungsrede, sondern er wird auch in Zürich am 26. September präsent sein.

 

Zürich hat sich indes mit seinen vier Wettbewerben um das Goldene Auge, dotiert mit 20 000 Franken und Verleihförderungen, etabliert. 12 Filme wurden im internationalen Spielfilm-Wettbewerb nominiert, zehn im Internationalen Dokumentarfilm, je acht im Bereich deutschsprachiger Spielfilm und Dokumentarfilm. Neu wird ein Kinderfilmwettbewerb mit fünf Werken lanciert. «Auch die Kinder haben eine Stimme», versprach Nadja Schildknecht. Sie wählen das eigene Kleine Goldene Auge. Wie im letzten Jahr haben Komponisten die Gelegenheit, am Filmmusikwettbewerb teilzunehmen. Unter 100 Bewerbungen wurden fünf Finalisten erkoren, die Filmmusiken zum Kurzfilm «Reign of Death» schufen. Die Aufführung findet diesmal in der Arena Cinema, Sihlcity, statt, im nächsten Jahr ist dann wieder die Tonhalle an der Reihe.

 

Was Stars und bedeutende Filmschaffende angeht, kann Zürich mittlerweile locker mit Locarno mithalten. Den Spezial-Award «A Trubute to» erhält Regisseur und Oscar-Preisträger Michael Haneke («Amour»). Schauspieler Hugh Jackman («Les Miserables», «The Wolverine») wird mit dem Golden Icon bedacht. Und kein Geringerer als Filmproduzent Harvey Weinstein («Pulp Fiction», «The King’s Speech») macht Zürich seine Aufwartung und nimmt an der ZFF Master Class teil.

Gespannt darf man auch auf die Auftritte von Michael Haneke, Marc Forster («World War Z»), Markus Imhoof («More Than Honey») und Produzent Tim Bevan («Bridget Jones’s Diary») in dieser Veranstaltungsreihe sein. Gala-Premieren jagen sich, nationale und internationale.

 

Nur einige interessante Werke seien herausgepickt: Die Bestsellerverfilmung

«Am Hang» von Markus Imboden, die Lady-Di-Filmbiograhie «Diana» von Oliver  Hirschbiegel, das Drama «Exit Marrakech» von Caroline Link, das Biopic «Liberace» von Steven Soderberg oder der Eröffnungsfilm «Rush» von Ron Howard über Formel-1-Pilot Niki Lauda und andere PS-Helden. Dazu sind die Dokumentarfilme wie «Master of Universe» von Marc Bauder, Gewinner der Filmkritikerwoche in Locarno, oder «Wer ist Thomas Müller?» von Christian Heynen über den Star von Bayern München zu beachten. Nicht zu vergessen die Premiere des Kinderfilms «Die schwarzen Brüder» von Xavier Koller. Es gibt zu sehen und zu entdecken:

www.zff.com

 

 

 

 

 

«Nicht Sex, sondern Sinnlichkeit»
Von Rolf Breiner

 

Wie fast alle Bücher des Bestsellerautors Martin Suter bildet auch «Der Koch» eine reizvolle Vorlage für eine Verfilmung. Regisseur Ralf Huettner schliesst die Dreharbeiten im September ab. Der Film wird 2014 in die Kinos kommen.

 

 

Seine Bücher sind zumeist Steilvorlagen für Filmregisseure – von «Lila, Lila» über «Der letzte Weynfeldt» bis zu «Small World». Sie sind zwar keine Erfolgsgarantien fürs Kino, wie die Verfilmung «Der Teufel von Mailand» zeigte, aber immer wieder erfolgversprechend. Man darf gespannt sein, wie es dem kunstsinnigen Schnüffler und Lebemann Johann Friedrich von Allmen ergeht, auch eine Suter-Erfindung, der bereits drei Fälle mehr oder weniger gelöst hat, nicht immer gewinnbringend wie sich jüngst erwies.
In «Allmen und die Dahlien» (Diogenes Verlag) soll der Kunstdetektiv ein millionenschweres Dahlien-Bild wiederbeschaffen. Zusammen mit seiner treuen Dienerseele Carlos managt er den Diebesdeal, nicht ohne am Ende Tribut zu zahlen. Man darf gespannt sein, wann und wo der smarte Gentleman-Gauner Allmen zum Filmleben erweckt wird, hörbar ist er bereits dank der Stimme von Gert Heidenreich (Hörbücher zu den drei Allmen-Krimis).

 

Von der Kunstszene zurück in die kulinarische Wirklichkeit. Martin Suters delikater Roman «Der Koch» (Diogenes Verlag) wurde 2010 ein Millionenseller. Der Tamile Maravan, ein 33-jähriger Asylbewerber, ist ein begnadeter Koch, der mit der Kollegin Andrea ein Catering für sinnige Liebesmenüs ins kulinarische Leben ruft – nicht ohne Businessplan. Das Duo hat eine Lücke entdeckt und erfüllt so manche Begehrlichkeiten. Love Food läuft wie geschmiert. Die zahlungskräftige Klientel ist kaum noch zu befrieden. Doch die Liebe geht nicht nur durch den Magen, muss der Erfolgskoch feststellen.
Suters Buch wimmelt von Rezepten und detaillierten Küchentipps, spezialisiert auf molekulare Techniken. Es ist schon schwer genug, das zehngängige Love Menu nachzukochen, aber wie soll der Appetit erst auf der Leinwand geweckt werden? Ruth Toma (Drehbuch) und Ralf Huettner (Regie) haben sich der Suterschen Leckereien und Liebelei angenommen. Der blendend aussehende Hamza Jeetooa schwingt den Kochlöffel und mehr. Jessica Schwarz agiert als gewiefte Geschäftsfrau Andrea. Hanspeter Müller-Drossaart mimt den infarktgefährdeten Geniesser Dalmann, Max Rüdlinger seinen Adlatus Schaeffer. Gedreht wurde in Zürich, Adliswil (Hindu-Tempel), im Engadin, in Köln und im September in Indien, produziert von Senator und C-Films.

 

 

Wir sprachen mit den Produzentinnen Anne Walser (C-Films AG, Schweiz) und Sonja Ewers (Senator Film, Köln). Rund 5,3 Millionen Franken kostet die Verfilmung.

 

C-Films ist Suter-Spezialist. Sie verfilmen nach «Small World» mit Gérard Depardieu und «Der Teufel von Mailand» mit Regula Grauwiller nun einen weiteren Suter-Stoff. Sie sind aber auch sehr erfolgreich mit dem Kinofilm «Nachtzug nach Lissabon» unterwegs, ebenfalls eine Bestsellerverfilmung.
Anne Walser: Ja der Nachtzug läuft sehr gut mit über 700 000 Zuschauern in Deutschland und rund 180 000 Zuschauern in der Schweiz. Aber den «Nachtzug» schlagen wir mit dem «Koch».

Und warum, weil es kulinarischer zugeht?

Walser: Ja, ich glaube, dass «Der Koch» noch mehr Substanz hat, welche die Allgemeinheit mehr anspricht. Essen ist eben sehr universell.

Sonja Ewers: Dazukommt, dass der Hauptdarsteller Hamza Jeetooa von Mauritius kommt und ein sehr hübscher junger Mann ist.
Wie «schmeckt» der Film, wie kommt die Sinnlichkeit rüber?
Walser: Das klappt nur, wenn man die richtigen Schauspieler hat. Die Sinnlichkeit muss über jede Pore, über Augen und mehr rüberkommen. Hamza versprüht förmlich Sinnlichkeit.
Maravan kocht und Andrea managt das Liebesessen – doppelte Sinnlichkeit also.
Ewers: Erotik ist ganz wichtig. Aber das bedeutet nicht Sex, sondern Sinnlichkeit.
Gibt es ein Etikett für den «Koch»-Film?
Ewers: Er bedient verschiedene Genres: Komödie, Thriller, Satire, Drama, Liebesgeschichte.
Walser: Es ist nicht ganz einfach, sich für eine Tonalität zu entscheiden.
Frau Walser, Sie sind seit über 17 Jahren in der Filmbranche tätig und sehr Suter-orientiert.
Walser: Ich hatte die Rechte für drei Suter-Bücher, für den Weynfeldt, den «Teufel von Mailand» und «Der perfekte Freund», aber eigentlich nur fürs Fernsehen. Dann kam «Der Koch» und den wollte ich dann auch. Und für eine internationale Verfilmung brauchte ich einen grossen Partner, und das war dann Senator.
Wieweit sind Sie bei C-Films engagiert?
Walser: Ich bin zu einem Drittel Teilhaberin, die andern sind Peter Reichenbach und Michael Steiger.
Was gehört denn zu Ihren Aufgabenbereichen?
Walser: Der Produzent, die Produzentin ist der erste und letzte Mensch beim Film. Er ist für alles verantwortlich, er ist das Rückgrat des Filmes. Es ist eine sehr aufwändige, aber auch kreative Aufgabe bis hin zur Auswertung.
Welche Projekte haben Sie noch im Köcher?
Walser: Den Paul-Grüninger-Film «Nur ein Schritt»», der auch nächstes Jahr anläuft, dazu kommen verschiedene Projekte, die in der Finanzierungsphase stecken, etwa ein Film, der in Sarajewo spielt, oder eine Literaturverfilmung von Cesare Pavese.

 

 

 

«Fantoche – Fantasy mit Zukunft»

Das 11. Internationale Festival für Animationsfilme in Baden ist kontinuierlich gewachsen und hat einen festen Platz im Festivalkalender (3. bis 8. September 2013).

 

rbr. Zuerst im Zweijahresrhythmus und seit 2012 alljährlich: Fantoche hat sich im Schweizer Festivalkalender etabliert. Die Zuschauerzahlen haben sich in den letzten Jahren um die 32 000/34 000 Besucher eingependelt. Das Budget umfasst 1,5 Millionen Franken, über 200 Filme werden in sechs Tagen aufgeführt. Das Herz von Fantoche sind die Wettbewerbe, der internationale und der nationale. Einen anderen Schwerpunkt bilden in diesem Jahr französische Animationsfilme, darunter einige Leckerbissen. «Fantoche entsinnt sich der Herkunft seines Namens», bemerkt die Festivaldirektorin Annette Schindler. «Dieser wurde zu Beginn des letzten Jahrhunderts durch den Pariser Pionier-Animationsfilmer Emile Cohl geprägt. Fantoche zeigt Werke aus der frühen Zeit des französischen Animationsfilms. Aber auch im aktuellen Schaffen gilt nach wie vor ‚Ça bouge!»

 

Aus der breiten Palette des Programms seien nur einige Langfilme herausgepickt: «The Congress» von Ari Folman («Waltz with Bashir»), ein doppelbödiger Tripp in die Unterhaltungszukunft; «Der Mondmann» von Stephan Schesch (De) nach dem Kinderbuch von Tomi Ungerer; «The Wolf Children Ame and Yuji» von Mamoru Hosoda (Japan), eine Liebesgeschichte um einen Wolfsmann, oder «Consuming Spirits» von Christopher Sullivan (USA), ein raues düsteres Epos.
Neben solchen Highlights werden einige Sonderprogramme, Workshops und Ausstellungen angeboten. Fantoche ist Treffpunkt von Spezialisten aus aller Welt und Diskussionsplattform. Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei die Veranstaltung «Animation multimedial». Hier werden die jüngsten Entwicklungen im Bereich Motion Comics und im Game Design präsentiert und erläutert.
Und das Gute kommt zum Schluss: Eine Auswahl von Filmen geht auf Schweizer Tournee – ab 19. September von Zürich (RiffRaff, Xenix) über Luzern und Aarau, Winterthur und Frauenfeld bis Bern (Lichtspiel, Cinématte), Basel (Stadtkino) und Biel (Filmpodium).
www.fantoche.ch

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