FRONTPAGE

«Faröer-Inseln: Bauklötzchenstaunen im Regenland»

Von Ingrid Schindler

 

Die Faröer sind der wahre Norden: Grün, grau, karg, rau. Die Menschen leben von Fisch, Schafen und Seevögeln. Die atemberaubenden Färöer sind noch ein echter Geheimtipp für wind- und wasserfeste Outdoorfreaks und Vogelfans, doch der Tourismus zieht spürbar an.

 

Abertausende von Raub- und Dreizehenmöwen begleiten mit ohrenbetäubendem Kreischen und Gezänk die Ankunft des Abendschiffs in der Felsenbucht von Mykines. Das kleine Ausflugsboot ist voll besetzt. Erstaunlich, was alles an Bord Platz gefunden hat. Die Passagiere schleppen Ruck- und Schlafsäcke, Isomatten, Gitarren, Cellos und Geigen, Kontrabass, Harfe, Boxen, Verstärker und Harrasse mit Bier und Lebensmitteln an Land. Die schwersten Lasten kurbeln Männer in dicken Schafwollpullovern und Mützen mit der Seilwinde auf Schienen den Steilhang ins Dorf hinauf, während die Neuankömmlinge sich durch Trauben von Tagestouristen, die auf die Rückfahrt nach Vagar warten, den Weg nach oben bahnen. Dort stehen Helfer mit Garretten und Quads bereit.

 

 

Es ist die Nacht des Summartónar-Festivals auf Mykines, in der so viele Menschen wie sonst nie hier übernachten. Die 10 km2 grosse, westlichste Insel der Färöer lädt an sich nicht gerade zum Bleiben ein. Hotels und Restaurants sucht man vergeblich, gekocht wird auf Voranmeldung nur für Gruppen, abgesehen von einem Hostel und einem Café mit Suppe, Waffeln und Kuchen keine touristische Infrastruktur weit und breit. Und doch ist Mykines eine der touristischen Hauptattraktionen der 18 Färöerinseln. Jeder dritte Urlauber bucht den Trip nach Mykines per Schiff oder Helikopter, um Eissturmvögel, Dreizehenmöwen, Trottellummen, die einzige färöische Basstölpelkolonie und vor allem Papageientaucher zu sehen. Eigentlich müsste hier der Homo sapiens unter Naturschutz stehen. Die meisten der 40 roten, weissen oder schwarzen, mit Grassoden oder Wellblech gedeckten Häuser stehen leer. Ende des 19. Jahrhunderts lebten noch 180 Menschen auf der Vogelinsel im Nordatlantik, heute ist der sesshafte Einwohner mit nur 14 Exemplaren eine Rarität. Schafe gibt es weit mehr.

 

 

Papageientaucherprozession
Obwohl die Insel Reize über brütende Zugvögel hinaus zu bieten hat, wie zum Beispiel die Basaltformationen des Steinkógirs (Steinwald), schlagen die mit Fernglas und Teleobjektiv behängten Touristen direkt den Weg auf den Mykineshólmur ein. Eine schweisstreibende Angelegenheit mit steifem Gegenwind von Westen, die man nur gegen eine kleine Gebühr zu einem bestimmten Zeitpunkt mit einem Guide in Angriff nehmen kann. Die Auf- und Abstiege über matschige Trampelpfade und gesicherte Felsentreppen an den Klippen sind steil, eine kleine Herausforderung für Wanderer mit Höhenangst.
Bevor wir die Hängebrücke erreichen, die zum vorgelagerten Leuchtturm-Inselchen hinüber- und an Felsen voller Nistplätze vorbeiführt, kommen wir den putzigen Papageientauchern sehr nahe. Überall links und rechts des Wegs tauchen im satten, blaugrün schimmernden Gras die Puffins – Lundi nennen sie die Färöer – mit dem runden, weissen Gesicht, schwarzen Frack und den orangen Füssen auf. Viele haben kleine Heringe, Sandaale, Lotten oder Sprotten im papageienförmigen, roten Schnabel. Hier nisten die Papageientaucher in Wohnhöhlen im Gras. Deshalb sollte man den Weg nicht verlassen, rät der Guide. Leichter gesagt, als getan. Die Erdschollen sind regengetränkt, ohne Stöcke die reinste Rutschpartie. Das Terrain ist von Löchern durchsiebt, eine Puffin-Prozession in Reih und Glied wenige Meter entfernt scheint sich über uns Tolpatsche zu amüsieren. Weniger lustig ist es für die Vögel, wenn die Einheimischen ausrücken, um sie für den Sonntagsbraten zu fangen. «Puffins sind eine Delikatesse, die man nur an den Klippen abpflücken muss», sagt unser Guide Björk.

 

 

Zugvogelbraten
Traditionell ernähren sich die Färinger von Fisch, Schafen, Grindwalen, Gänsen und Vögeln. Der Boden gibt wenig her und macht nicht satt. Abgesehen von Kartoffeln, Kohlrüben, Rhabarber, Sauerampfer oder Engelwurz gedeiht kaum Essbares auf den kargen, von Wind und Nebelregen gepeitschten Inseln im Nordatlantik. Vor allem auf Vogelinseln wie Mykines erfreut sich der Vogelfang grosser Beliebtheit und war einst unverzichtbar, um dem chronischen Proteinmangel der Bevölkerung entgegenzuwirken.
Wer hier ein Haus besitzt, darf heute noch mit dem Kescher zum Vögelsammeln gehen. Das Recht dazu sei an Grundbesitz gebunden, weshalb auf Mykines keine Häuser verkauft würden, auch wenn sie längst leer stünden und ihre Besitzer in Tórshavn, der Hauptstadt, auf einer anderen Insel oder in Dänemark lebten, erläutert Björk. Wer verkauft, verliert das begehrte Fangrecht. «Papageientaucher sind zwar seit Jahren geschützt, weil sie wegen Nahrungsmangel durch die Erwärmung des Meerwassers vielerorts ihre Brut nicht mehr durchbringen und die Bestände stark zurückgehen; sie werden aber trotzdem noch bei uns in gewissen Umfang gefangen.» Touristen finden sie durchaus manchmal im Restaurant oder bei Färingern zuhause; bei Heimablídni (www.visitfaroeislands.com) kann man traditionelle Menüs bei Einheimischen buchen, empfiehlt unser local guide. Man rechnet mit drei Vögeln pro Person, brät sie wie Mistkratzerli im Ofen oder kocht sie eineinhalb Stunden mit Kartoffeln und wenig Salz. Besonders delikat wären sie mit Rosinen und Teig gefüllt. «Das Fleisch ist dunkelbraun, fest, mager und besitzt einen wunderbaren Meergeschmack, man isst es mit dem Messer und der Hand. Aus Resten macht man Waldorfsalat.» Auch Eissturmvögel, vor allem die jungen, sehr fetten, landeten auf dem Speiseplan, so Björk, schmeckten aber wegen ihres hohen Fettanteils tranig, weshalb man sie am besten im Ofen brate.
Im Juni ist Saisonbeginn für den Vogelfang. Furchtlose Kerle lassen sich an den Klippen abseilen und stehlen die Eier aus den Nestern, später pflücken sie auf die gleiche Weise mit langen Keschern Jungvögel und Nesthäkchen von den Klippen und binden sich die Beute wie ein Baströckchen aus Federn um den Bauch. Statt mit gebratenem Puffin stärken wir uns nach der Tour zum Mykinesholmur, wie die meisten anderen Wanderer auch, mit dem, was wir im Insel-Café bekommen: Schokokirschtorte mit viel Rahm. Noch mehr würde uns das Konzert am Abend gluschten, aber wir müssen mit dem Boot zurück.

 

 

Höhlenkonzerte, Fussball und Kettentanz
Von Juni bis August finden Konzerte im Rahmen des internationalen Summartónar-Festivals auf den Färöern statt, sowohl in der Hauptstadt, als auch an denkbar abgelegenen Orten, wie etwa in den Brandungshöhlen der Inseln Hestur und Nolsoy, Fischsuppe inklusive. Das grösste Popmusik- und Volksfest der Färöer mit über 10’000 Besuchern ist das Summerfestivalur in Klaksvik auf den Nordinseln im August. In ungleich bescheidenerem Rahmen werden das ganze Jahr über sogenannte Wohnzimmerkonzerte veranstaltet, die ähnlich wie Heimablídni funktionieren und eine gute Möglichkeit bieten, mit Einheimischen in Kontakt zu treten (www.facebokk.com/hoyma). Angesichts der erstaunlichen Zahl musikalischer Anlässe und der Tatsache, dass nur gut 50’000 Menschen auf den Färöerinseln leben, verstärkt sich der Eindruck, dass Musik sehr wichtig sein muss.
«Je einsamer ein Ort, desto bedeutsamer ist der Zusammenhalt und dafür liefert Musik einen guten Grund», bestätigt der Vorsänger in Nationaltracht, der uns mit Einheimischen im Gästehaus Gjáardgarður in Gjógv auf der Insel Eysturoy in den Kettentanz einweiht. Der immer nach demselben Schrittmuster gestampfte Kreistanz, bei dem sich alle an den Händen halten, stammt aus Frankreich und war im Mittelalter weit verbreitet. Während er in Europa völlig in Vergessenheit geraten ist, hat er auf den Färöern überlebt und ist dort sehr lebendig. Man braucht kein Instrument dazu, nur ein gutes Gedächtnis. Zumindest der Vorsänger, der sich bis zu 20 Minuten dauernde alte nordische Balladen merken muss, während die anderen Teilnehmer in den Refrain einfallen.
Fast jedes Dorf hat ein Tanzhaus, einen Chor – und einen Fussballplatz. In Gjógv wird der Zaun um den Platz gerade frisch gestrichen. Wie überall ist er picobello in Schuss. Fussball ist sehr populär, jede/r zehnte Färinger/in ist in einem Fussballverein aktiv. Seit 1990, als die Insulaner im Länderspiel gegen Österreicher sensationell 1:0 siegten. Immer wieder hat der Kleinstaat im Norden hochrespektable Ergebnisse erzielt und sich sogar gegen Welt- Weltmeister (Italien, Deutschland, Frankreich) respektabel geschlagen. 2014 und 2015 bezwangen sie zweimal den Europameister Griechenland in Qualifikationsspielen. Neben Fussball sind Rudern im traditionellen Holzboot, Handball und Boxen derzeit gefragte Sportarten.

 

 

The place to be
Eiði ist mit gut 600 Einwohner eine ziemlich grosse Ortschaft und besitzt sogar zwei Fussballplätze. Einen neuen neben dem Friedhof und einen alten über dem tosenden Meer, der mittlerweile als Camping- und Caravan-Stellplatz genutzt wird. Es braucht immer mehr Plätze und Unterkünfte für Touristen, der Tourismus boomt. Seit 10 Jahren hat sich die Zahl der Touristen knapp verdoppelt (über 400’000 in 2018). Manche, die mit dem Schiff nach Island reisen, machen auf den Färöern halt. Andere haben sich in die noch als Geheimtipp gehandelte, autonom verwaltete, aber zu Dänemark gehörende Inselgruppe wegen ihrer grandiosen Natur verliebt. Sie zieht Outdoorfreaks an, die die Verwandlung von frischestem Grün in tristestes Grau nicht schreckt, dafür mit sagenhaften Lichtstimmungen belohnt werden und ihre Top-Ausrüstung auf maximale Regentauglichkeit überprüfen können. Oder Fotografen, die sie als Alternative zum überlaufenen Island schätzen. Oder Motorradfahrer, die sich über kaum befahrene Pässe und Küstenstrassen freuen. Junge Leute, Studenten aus Europa, die zum Jobben im Sommer auf die coolen, sexy gewordenen Inseln kommen. Musiker, Künstler und Autoren, die die Rauheit und Weite der Natur inspiriert. Birdwatcher, Kajakfahrer, Angler, Wanderer, kurz Naturliebhaber aller Art, die Sturm, Nässe und Kälte nicht scheuen. Der Boom dürfte anhalten. National Geographic hat die Färöer als «schönste und lohnendste Inselgruppe der Welt, unberührt vom Massentourismus» etikettiert, CBS sie als «Top Travel Destination 2018» und für Forbes gehörten sie 2018 zu «The 15 coolest places to go». Ausverkaufen wollen die Färinger ihre Inseln nicht, man arbeitet mit Hochdruck an nachhaltigen Konzepten.
Atemberaubende Schönheit hat ihre Tücken und der ozeanische Wettermacher seine Launen. Harmlose Touren an den schroffen Steilklippen können durch plötzlich aufkommenden Seenebel zum gefährlichen Abenteuer werden. Wege sind in den wenigsten Fällen erkennbar oder existent, man verliert leicht im Nebelregen die Orientierung und im rutschigen Gelände den Halt. Nicht nur die Zahl der Touristen ist gestiegen, auch die Zahl der Wanderunfälle. Da ist man froh, wenn man am Ende einer Tour in die Einsamkeit – man trifft nicht auf Hütten, Bergbeizen und selten auf andere Wanderer – die bunten Bauklötzchenhäuser einer Siedlung erblickt. Manchmal warnen Einheimische unbedarfte Touristen, um sie nicht nachher aufwendig suchen zu müssen, wie uns Lynn aus Sandoy bei einem Konzert im Hvonn in T órshavn am letzten Abend erzählt: «Man sucht Fremde, wenn sie nicht zurückkehren. Wie zum Beispiel einen Mann aus Luzern, der sich auf kuriose, abgelegene Orte der Welt spezialisiert hatte, mit wenig Gepäck in die Berge ging und nicht zurückkam. Die Leute suchten ihn mit Hilfe der Polizei, Hunden und dem Helikopter. Am nächsten Tag fanden sie ihn lässig lesend und Pfeife rauchend vor seinem Einmannzelt auf einer Klippe. Er fragte sie erstaunt: ‘Was ist passiert? Sucht ihr jemanden? Ich habe niemanden gesehen.’ Er wollte einfach ein paar Tage allein in der Natur verbringen.»

 

 

Färöer: Infos und Reisetipps
Lage: 18 Inseln im Nordatlantik (1400 km2), auf halbem Weg zwischen Norwegen, Schottland und Island mitten im Golfstrom. Kein Punkt ist mehr als 5 km vom Meer entfernt, höchster Punkt: Slættaratindur 882 m.
Klima: sehr wechselhaftes, wind- und regenreiches Seeklima, milde Winter (Ø 3,5 °C), kühle, nasse Sommer (Ø 12 °C), 300 Regentage, die wenigsten im Mai, Juni, Juli.
Bevölkerung: 51’000, davon 21’000 in/ bei der Hauptstadt Tórshavn, Sprache: Färöisch, Dänisch, die meisten sprechen gut Englisch, manche auch Deutsch.
Status: seit 1948 autonome Inselgruppe, die zu Dänemark gehört und nicht EU-Mitglied ist.
Flüge: via Kopenhagen nach Vagar mit Atlantic Airways.
Reiseveranstalter: Eine ganze Reihe von Veranstaltern bieten Wanderreisen auf die Färöer an, u.a. www.wikinger-reisen.de 11-tägige Reisen auf die Färöer ab 3’199 € sowie eine 8-tägige Wanderreise zum Jahreswechsel 2019/20 ab 2’745 €.
Zum Einlesen: «Bei Färingern zu Gast. Heimablídni», Verlag Sprotin, Tórshavn 2019, www.sprotin.fo. Das Buch ist auch auf Deutsch erschienen und erklärt das Leben auf den Färöern. Spannende Geschichten von Anna und Oli Rubeksen, die Gästen in ihrem Bauernhaus die färingische Küche und Lebensart näherbringen. Das Konzept wurde von der UNO als Beispiel für nachhaltigen Tourismus ausgezeichnet.
Info: www.visitfaroeislands.com

Diese Reise wurde von Wikinger-Reisen unterstützt.

NACH OBEN

Reportage


Buchtipp


Kolumnen/
Diverses