FRONTPAGE

«Adelheid Duvanel: Symphonien der Melancholie»

Von Ingrid Isermann

 

Ihre existenziellen, surrealistischen Prosatexte wurden anlässlich des 25. Todestages 2021 vom Zürcher Limmat Verlag gesamthaft neu publiziert. Die Empathie der Basler Schriftstellerin Adelheid Duvanel (1936-1996) galt den am Rande stehenden Menschen, ihnen lieh sie mit grandioser Intensität ihre Stimme, eine gewichtige Stimme in der Schweizer Literatur.

Wer die kurzen Texte und Erzählungen liest, fühlt überrascht, dass eine Stärke aus den Zeilen spricht, die die menschliche Würde auf eine unantastbare Stufe stellt. Die Genauigkeit der Beobachtungen, die poetische Kraft der Beschreibungen eines nicht ungewöhnlichen Lebens, das ins Schleudern gerät, mit der subtilen Schönheit einer Sprache aufzuwiegen, die einen Horizont jenseits vorgefasster Klischees aufzeigt, offenbart eine Welt der Intensität, die sich staunend auftut.

Lakonischer Gelassenheit und aller Tristesse zum Trotz ist ihre präzise pointenreiche und mit Komik gewürzte Sprache nicht zuletzt ein Spiegelbild der Gesellschaft. Zeit, dieses wunderbare Buch zu entdecken, Momentaufnahmen der kleinen Form.

 

 

Wenn Duvanel über Menschen aller couleur schreibt, die mit den Spielregeln der Gesellschaft nicht konform gehen, kommt man nicht umhin, auch einen Blick auf ihr Leben zu werfen. Geboren 1936 in Pratteln als Adelheid Feigenwinter, Tochter eines Obergerichtsschreibers und späteren Strafgerichtspräsidenten in Liestal bei Basel, der Vater streng katholisch, die Mutter protestantisch. 1950 verbrachte sie ein Jahr im katholischen Mädcheninstitut Sacré-Coeur am Neuenburgersee, das Internat sowie der Umzug der Familie nach Liestal schienen Adelheid verstört zu haben, mit siebzehn Jahren wird sie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Nach dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Basel macht sie eine Lehre als Textilzeichnerin und beginnt zu malen. 1962, mit sechsundzwanzig Jahren, heiratet sie den Kunstmaler Duvanel, der ihr untersagt zu malen. Am Schreiben kann er sie jedoch nicht hindern. 1981 erfolgt die Scheidung der unglücklichen Ehe. 1986 nimmt sich Joseph Duvanel das Leben. Die gemeinsame Tochter ist drogenabhängig und stirbt jung, ihre Enkelin gilt als verschollen. Adelheid Duvanel stirbt in einer kalten Julinacht auf den 8. Juli 1996 unter Medikamenteneinfluss in einem stadtnahen Wald.

 

 

Duvanels Biografie  erinnert an den seelenverwandten Schriftsteller Robert Walser, Patient in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau, der vierzig Jahre zuvor im Schnee den Tod fand. Auch andere bedeutende Schweizer Schriftsteller haben Sucht und psychische Erkrankungen zum Thema gemacht, wie etwa Friedrich Glauser oder Annemarie Schwarzenbach. Duvanel beschreibt gesellschaftliche Oberflächen, hinter deren Sein und Schein die alltägliche Gewalt lauert. Ihr Verständnis für die Abgründe des Lebens gilt den Einsamen,  alleinstehenden Müttern und misshandelten Frauen, Drogenabhängigen, Traumwandlern und Unangepassten.

 

 

Worte über der grossen Leere

«(…) Auf einem dieser Spaziergänge geschah es, dass ich zum Dichter wurde. (…) seit jenem Augenblick frage ich mich, ob nicht Worte über der grossen Leere, über dem Abgrund, in den mein Leben gefallen ist, eine neue Welt schaffen können. Ich schreibe nun Tag und Nacht Wörter, male mit ihrem Klang die Fluten des Himmels, die einen tollwütigen Fisch vor mein Fenster treiben; ich baue Türme und Brücken, lasse die Sonne mit blitzendem Besen die Schatten aus den Schluchten kehren und schüttle den Kopf, wenn der Wind, den ich beschreibe, wie ein Vagabund in einem Winkel alte Zeitungen liest; hastig, mit lachhafter Neugier, blättert er um».

 

 

251 Erzählungen fesselnd bis zum letzten Satz

Schon die Anfangssätze der insgesamt 251 Erzählungen machen Lust auf mehr, manche nur eine Seite kurz, poetisch und lakonisch, fesselnd bis zum letzten Satz:

 

Norma ist schön wie eine Vase, die von einer weissen Hand getragen wird und die sich wünscht, fallengelassen zu werden.
Erika kniete auf dem Teppich und schnüffelte ein Pulver mit einer gerollten Hunderternote von einem kleinen Spiegel; sie schlug den Hund, der mitschnüffeln wollte.
Auf Christas Tisch liegen Zahlungsbefehle; sie öffnet sie nicht. Sie liegen da, und sie hält den Atem an. Die Stadt war wie mit Asche zugeschüttet, aber überall glommen Lichter: Wörter, die für Restaurants, Kinos, Bars, Diskotheken, Zigarettenmarken und anderes mehr warben. Und unter dem runden weissen Mond flogen zwei Möwen.
Tanja setzte sich mit zehn Jahren ans Klavier und spielte, ohne je Unterricht genossen zu haben, ab Blatt César Francks «Der kleinen Puppe Herzeleid».
Juans Kopf war gevierteilt worden, sein Geist zersplittert. Er sprach spanisch, deutsch, englisch durcheinander; nur selten enthielt ein Satz eine Aussage; Zusammenhänge waren keine festzustellen.
Jetzt konnte das Wunderkind die Stille aushalten, den Himmel aus Gold, lichtsprühende Bäume und verblühende Rosen vor dem Haus, in dem es schon seit Monaten Gast war.

 

 

Die Schriftstellerin Friederike Kretzen schreibt in ihrem Essay über Adelheid Duvanel:
«Duvanel gehört zu den Schreibenden, die, wären sie nicht die Schreiberinnen ihrer Figuren, wären sie die Figuren ihrer Texte. So schreibt sie ihre Figuren, und die leben dann das Leben ihrer Schreiberin, halten sie fest im Griff, damit sie nicht vom Weg abkommt.
In ihren vielen kleinen Texten schreibt sie einen grossen, endlosen Roman von all denen, die gelernt haben, für sich zu stehen, nicht selbsgefällig, nicht innerlich roh, sondern zart und voller Vergeblichkeit».

 

 

Adelheid Duvanel, geboren 1936 in Pratteln und aufgewachsen in Liestal Baselland. Nach dem Besuch der Kunstgewerbeschule machte sie eine Lehre als Textilzeichnerin und begann zu malen. Sie arbeitete auf verschiedenen Bürostellen sowie als Journalistin und Schriftstellerin. Von 1962–1981 war sie mit dem Kunstmaler Joseph Duvanel (1941-1986) verheiratet, mit dem sie eine Tochter hatte. Bis auf ein Jahr auf Formentera lebte sie in Basel. Ihre schriftstellerische Laufbahn begann sie unter dem Pseudonym Judith Januar in den Basler Nachrichten, in Anthologien und literarischen Zeitschriften. Ab 1980 erschienen ihre Erzählbände im Luchterhand Verlag. Duvanel wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Grossen Schillerpreis und dem Kranichsteiner Literaturpreis. Adelheid Duvanel starb 1996 mit 60 Jahren in Liestal bei Basel.

 

 

 

Adelheid Duvanel
Fern von hier
Sämtliche Erzählungen
Herausgegeben mit einem Nachwort
von Elsbeth Dangel-Pelloquin
Essay von Friederike Kretzen
Limmat Verlag, Zürich 2021
792 S., Fadenheftung, Leinen bedruckt
CHF 44. € 39. eBook CHF 34.
ISBN 978-3-03926-013-3

 

 

 

«Mithu M. Sanyal: Identitti»

 

Nivedita führt einen Blog als Mixed-Race Wonder-Woman. Sie spricht mit der vielarmigen indischen Göttin Kali über Feinde, Race & Sex. Was für ein Skandal: Prof. Dr. Saraswati ist weiss! Worst case! Denn die Professorin für Postcolonial Studies in Düsseldorf war eben noch die Übergöttin aller Debatten über Identität und beschrieb sich als Person of Colour.

 

People of Colour (PoC) werden häufig solche Fragen gestellt: «Wo kommst du her?» Niveditas Antwort: «Aus Essen» befriedigt nicht. «Nein, wo kommst du her?» «Aus Essen-Frillendorf». «Nein, wo kommst du wirklich her her her?» «Aus dem Bauch meiner Mutter?» «Nein, warum bist du braun?».

 
«Das war das Problem: Sobald man anfing, über Identität nachzudenken, fächerte sich die Wirklichkeit in so viele Dimensionen auf, dass es keine richtigen Worte mehr für sie gab. Und dann kam Saraswati und erklärte, dass das egal war und dass es kein präkoloniales Leben im Postkolonialismus gab und es stattdessen darauf ankam, Spass an der Konstruiertheit von Echt und Jenseits-von-Echt zu haben und sich keinen starren Platz in den Ruinen der verschiedenen Empires zuweisen zu lassen. Feiere, als gäbe es kein Gestern!».

Während das Netz gegen Saraswati hetzt und Demos ihre Entlassung fordern, stellt ihre Studentin Nivedita ihr intimste Fragen.

 
Fragen um Identitäten und Zugehörigkeit werden hier in lustvoller Weise zerzaust, zerlegt und offenbart. Mithu Sanyal schreibt mit befreiender Selbstironie und augenzwinkernd klugem Wissen, rüttelt an Selbstgefälligkeit und Gleichgültigkeit. Ein leidenschaftliches Plädoyer für den Antirassismus, bei dem niemand geschont wird und auch die Medien ihr Fett abbekommen. Das liest sich amüsant und lehrreich, wie mit leichter Hand wird dieses schwierige Thema der verschiedenen Identitäten aufgefächert, nicht ohne Satire und Humor. Das macht das Buch doppelt lesenswert!

 

 
Mithu Sanyal wurde 1971 in Düsseldorf geboren und ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Journalistin und Kritikerin. 2009 erschien ihr Sachbuch „Vulva. Das unsichtbare Geschlecht”, 2016 „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens”. 2021 erschien bei Hanser ihr erster Roman «Identitti». Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2021.

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