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«Alexander Kluge’s 133 politische Geschichten»

Von Ingrid Isermann

Von Max Weber (1864-1920), dem deutschen Soziologen, Jurist und Nationalökonomen, stammt das berühmte Zitat: „Politik ist ein langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmass zugleich“. Alexander Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, Jurist, Autor und Filmemacher, untersucht in 133 Geschichten die Werkzeuge, die politisch agierende Menschen im harten Kampf um die Macht anwenden. Was ist das „Politische“ überhaupt? Kluge erhielt u.a. den Grimme-Preis (2010) und den Adorno-Preis (2009).

 

Alexander Kluge behält seinen klugen, kühlen Kopf, als Literaten interessiert ihn die Frage: „Wie erzählt man davon?“ – von der Politik nämlich, einem besonderen Aggregatzustand alltäglicher Gefühle, die überall lauern und private wie öffentliche Gegebenheiten bewegen. Und sich  so in seinen Geschichten behaupten, Namenlose neben „Grossen“: die aus 700 Meter Tiefe geretteten chilenischen Bergleute neben Napoleon oder Perikles, ein zartes Kleinkind neben Alexander dem Grossen. Wie alles Grosse überhaupt klein beginnt…

 

Was Alexander Kluge in seinen 133 politischen Geschichten u.a. beschäftigt:

 

Die soziale Herkunft der Intelligenz
Die Ohnmacht der Politik 
Die Frage, ob die Anlehnung an das IDOL KENNEDY für Obama riskant sei
Die Konflikte an der Nahtstelle 
Die Kanzlerin am falschen Ort 
Das Wiederauftauchen in der Wirklichkeit am Montag früh 
Das, was Augenmass heisst 
Zeitgestalten von Afghanistan
Der destruktive Charakter – jung und heiter 
Im Bauch künftiger Monster
Gespenstische und tatsächliche Ökonomie 
Über die allmähliche Entleerung der revolutionären Gedanken beim Reden
Der beobachtende Standpunkt
Das Riesenrad in Tschernobyl
Hochöfen der Geschichte 
Der Tyrannensturz 
Ein König namens „wirklich“
Eine besonders erfolgreiche Polizeihunde-Erziehung 
Die Arithmetik der Macht  
Wie ein korruptes Gesetz entsteht 
Kollateralschaden eines Naturereignisses
und:

 

Heidegger rechnet mit seiner Berufung zum Leiter
der  Führer-Lehrbegleitstaffel
Aus allen Gauen (den deutschen Provinzstädtchen) eilten die deutschen Philosophen im Novemberregen nach Leipzig zum Deutschen Philosophentag. In Berlin bestieg der Führer den Sonderzug, der ihn nach Berchtesgaden bringen sollte. Auf dem Hauptbahnhof Leipzig wurde die Lokomotive des Führerzugs üblicherweise gewechselt. Ein Treffen Hitlers mit dem deutschen Philosophen Martin Heidegger (1889-1976) war von Schmundt, dem Wehrmachtsadjutanten in Aussicht genommen. Eine Verkettung kleinster Ursachen verkürzte den Aufenthalt Hitlers in Leipzig und verhinderte die Begegnung, von der sich Eingeweihte eine Verstärkung der Kräfte versprochen hatten, die für eine ZWEITE NATIONALSOZIALISTISCHE REVOLUTION notwendig gewesen wären. So wurde die einzige und letzte Chance im Abendland vertan, dass Philosophie in einen „unmittelbaren Vortrags- und Besorgensraum zur Macht im Reiche tritt“.

 

Das untenstehende Gespräch eines Korrespondenten der NZZ mit Parteigenosse Eduard Richter findet 1933 im Advent in der Reichshauptstadt Berlin statt. Der Korrespondent hat den Rauchersalon im Hotel Adlon als Treffpunkt vorgeschlagen.
(Eduard Richter, Parteimitglied der NSDAP seit 1923, Jurist aus der Schule von Dahm und Schaffstein in Köln, rechtsphilosophische Schriften, Vertrauensperson der I.G. Farben. Freitod 1945 in Oslo).

 

NZZ: Was soll Führer-Lehrbegleitstaffel heissen? Einen solchen Stab gab es bis dahin nicht?
Richter: Es war nötig, ihn einzurichten.
NZZ: Wusste Hitler von seinem Glück? Hatte er einen solchen Stab angefordert?
Richter: Er hatte gesagt, er wolle immer wieder neu lernen. Das hatte er öffentlich und auch im engeren Kreis gesagt.
NZZ: Jetzt sollte er Lehrer erhalten?
Richter: Nicht unter dieser Bezeichnung. Der Führer ist kein Schüler.
NZZ: Einen philosophischen Gelehrten?
Richter: Es ging weniger um Philosophie. Es ging um Denken.
NZZ: Konnte Hitler nicht denken?
Richter: Jeder Mensch kann denken, wenn er nicht Angst davor hat.
NZZ: Man sagt, der Führer sei abergläubisch?
Richter: Vielleicht. Das gehört zum Denken. Ein Mitarbeiter für die geistige Nahrung sozusagen, darum ging es.
NZZ: Wie ein Chefkoch?
Richter: So ähnlich.
NZZ: Woran scheiterte es?
Richter: Der Lokomotivwechsel wurde nicht in Leipzig-Hbf., sondern in Wurzen bei Leipzig bereitgestellt. So kam es nur zu einem kurzen Aufenthalt in Leipzig.
NZZ: Immer unterstellt, dass der Führer überhaupt die Absicht hatte, eine Führer-Lehrbegleitstaffel zu installieren…
Richter: Das unterstellt.
NZZ: Einen Stab von Prinzen-Erziehern?
Richter: Mächtige hielten sich so etwas von jeher.
NZZ: Wie hätte Heidegger mit dem Führer reden können? In der Sprache seiner Veröffentlichungen?
Richter: Gewiss nicht in der Ausdrucksweise, wie sie Heideggers Schriften charakterisiert. Der Führer hat wenig Zeit. Er neigt auch nicht dazu, zuzuhören. Eine Führer-Lehrbegleitstaffel ist nicht permanent in Hitlers Umfeld anwesend. Der Führer-Begleitarzt, das ist eine Behörde in Berlin. Führer-Begleitstaffel heisst das Sicherungsregiment „Grossdeutschland“, das bei Ausfahrten des Führers den Personenschutz stellt. Insofern geht es bei der Führer-
Lehrbegleitstaffel um die Koordinierung des Erziehungswesens im Reich. Die Staffel berichtet dem Führer unmittelbar und gibt Weisungen des Führers weiter an die zuständigen Behörden. Sie beaufsichtigt das Denken und Dichten im Reich. Dagegen geht es nicht darum, Hitler zu
unterrichten, ihn zu belehren oder ihm Ratschläge für seine Lektüre zu geben.
NZZ: Leiter der Führer-Lehrbegleitstaffel ist also ein Titel?
Richter: Und ein Zeichen.
NZZ: Bereitete sich Heidegger darauf vor?
Richter: Gewiss.
NZZ: Womit?
Richter: Eigentlich nur mit Fragen. Gut vorbereitende, einstimmende Fragen, die zeigen, dass der Führer Vertrauen in eine solche, ihm vielleicht zunächst unvertraut scheinende Einführung in die GEHEIMEN VERSCHRÄNKUNGEN DES JAHRHUNDERTS setzen könne, eine philosophische Anleitung, nicht fachphilosophisch, etwas Schelling, Leibniz, Nietzsche, jeweils ohne Namensnennung.
NZZ: Aus welchem Etat sollte die Dienststelle bezahlt werden?
Richter: Aus den Zuschlägen für Sondermarken der Reichspost; die Marken des braunen Bandes von Riem haben z.B. 142 Pfennig Zuschlag pro Marke zusätzlich zum Nennwert von 44 Pfennig. Das ist bei den hohen Auflagen eine schöne Summe.
NZZ: Wie empfand Heidegger es, dass nichts geschah?
Richter: Als Katastrophe. Nach dem 30. Juni war er ohnehin persona non grata. Jeder nationalsozialistische Nachwuchsautor durfte an ihm üben. Man fiel über ihn her.
NZZ: Aber einen historischen Augenblick lang war es mehr als eine Idee, dem Führer einen Meister zu attachieren.
Richter: Ja, einen selbstbewussten Denkmeister.
NZZ: Gar nicht auszudenken, was das hätte werden können!
Richter: So weit Denken reicht!

 

Der Instinkt des Politikers

Die Barhocker waren mit malvenfarbenem Leder
bezogen, ein Designer hatte erreicht, dass die
Flaschen wie Bücher in der Holztäfelung aufgestellt
waren, tief im Innern der Flüssigkeit Funken warfen.
Die Assistenten warteten schon zweieinhalb Stunden
auf ihre Herren.

 

– Ich habe so etwas eigentlich nie bemerkt.

– Was nicht? – Eine Instinkt-Reaktion eines Politikers.

– Na, na. Wenn ein Schuss fällt, duckt er sich.

– Da war ich nicht dabei.

– Sie nehmen das Wort Instinkt vielleicht zu genau? Man sagt doch auch „VOLLBLUTPOLITIKER“, obwohl das nichts mit der Abstammung von einem arabischen Pferd zu tun hat. Ich jedenfalls halte es für unwahrscheinlich, dass ein Politiker ein höheres Quantum oder eine andere Qualität von Blut hat und dass ihn das als Politiker auszeichnet. Vollblut macht krank.

– Ich meine Instinkt im Sinne von reaktionssicher. Und das wäre eine ganz und gar zivilisatorische Eigenschaft.

– Ehemals instinktsicher?

– Es gibt in der Natur keinen solchen Instinkt. Kein Naturmensch ist von sich aus politisch.

– Und die Tiere?

– Nie. Nur im nachhinein könnte man der Natur

– Politik unterstellen.

– Woraus besteht dann aber das, was ich einem Politiker beachtlichen Kalibers spüre, schon wenn er zur Tür hereinkommt, und bisher als „politischen Instinkt“ bezeichnet habe?

– Es ist eine Mischung. Jedes Element für sich wäre politisch katastrophal. Alles zusammen macht den Mann schnell und zielsicher. Für einen Ernteeinsatz oder im Dschungelkrieg wäre es untauglich.

 

Die beiden Assistenten ereiferten sich. Die Mehrzahl der Szenen, die sie vor ihrem geistigen Auge sahen, stimmten mit einer Beobachtung überein, die schwer mit einem Einzelwort zu fassen war. Die Ausdrücke „angepasst“, „erfahren“, „tüchtig“, „zielsicher“ waren sämtlich zu eng. Die homogenisierte Sphäre des Politischen kennt vermutlich wegen Zeitmangel keine eigenen Bezeichnungen für ihre Tugenden.     (I.I.)

 

Alexander Kluge, geboren 1932 in Halberstadt,
Jurist, Autor, Filmemacher, seine Sendungen auf
dctp.tv sind bekannt. Letzte Auszeichnungen: Grimme-Preis (2010), Adorno-Preis (2009), Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (zusammen mit Oskar Negt, 2008).

 

 

Alexander Kluge
Das Bohren harter Bretter
133 politische Geschichten
Suhrkamp Berlin 2011
336 S., geb., div. Abb.
Mit einem Gastbeitrag von Reinhard Jirgl
Erschienen 14.03.2011.
ISBN 978-3-518-42219-9
CHF 39.90. 24.90 Euro

Publikationen von Alexander Kluge im Suhrkamp Verlag:
Das Labyrinth der zärtlichen Kraft. 
166 Liebesgeschichten, 2009
Dezember (zusammen mit Gerhard Richter), 2009
Wer sich traut, reisst die Kälte vom Pferd,
filmedition suhrkamp 21, 2009

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