FRONTPAGE

«Robert Frank: Amerika fängt in Hundwil an»

Von Daniele Muscionico

 

Der stilprägende Fotograf Robert Frank hat die Vereinigten Staaten verewigt. Neues Material zeigt, wie sehr er emotional mit der Schweiz verbunden war und mit seinem Frühwerk für seine Anerkennung in Europa gekämpft hatte.

Es war ein Geniestreich. Und es war doch keiner, weil es weit mehr war. Vor allem hat es Entscheidenderes mit dem künstlerischen Schaffen der Schweiz zu tun, als allgemein bekannt ist: Robert Franks Fotobuch und Amerika-Desillusionierung «The Americans» war die Quintessenz eines Leidens und einer Schule des Sehens, deren Wurzeln tief in Europa liegen.

Diese Erkenntnis zum Todestag des Schweizer Wahlamerikaners, der sich am 9. September zum ersten Mal jährte, ist bedeutsam. Sie resultiert in einer Aufwertung der Fotogeschichte Europas und der Wertschätzung der schweizerischen insbesondere. Dazu zeigt sie, dass die kunsthistorische Einordnung und Rezeption leicht übersieht, was als Vor- und Nebengeschichte, als Referenzen und Bedingungen erst dazu führen: zum Genie nämlich und zum vermeintlichen Geniestreich.
Jahre ohne Resonanz in Europa gingen «Les Américains» (1958 bei Delpire, Paris) und «The Americans» (1959 bei Groove Press, New York) voraus. Bevor Robert Frank im Alter von 23 Jahren 1947 zum ersten Mal einen Fuss auf amerikanischen Boden setzte, fotografierte er in Europa filmische Storys und Essays, die keine Abnehmer fanden. Selbst seine – allerdings unverhohlen kritische – Reportage der Landsgemeinde in Hundwil 1949 blieb unverkauft liegen.

Womöglich beging er das Sakrileg, die wichtigen Leute, Regierungsmitglieder, zu wenig hofiert zu haben. Franks Blick hielt die Menschen am Rande des Geschehens fest, und dort die Dinge, die im Nebenbei, in einer Stellung der Hände, in einem Gesichtsausdruck, womöglich aussagekräftiger sind als die Rangabzeichen eines Zylinders und eines Fracks.
Frank nahm die Perspektive eines Aussenseiters bereits in der Hundwil-Arbeit ein. In ebendieser Haltung würde er später in Amerika soziale und politische Missstände, Rassendiskriminierung und Armut mit besonderer Schärfe ins Bild setzen. Oder in Hoboken, New Jersey (1955/56) das Stadtparlament, die «City Fathers». Ein Aussenseiter war er in Amerika tatsächlich und natürlicherweise.

 

 

Draussen vor der Tür
Doch zunächst war die Schweiz, war Europa das Feld, auf dem er sich eine Karriere versprach. Er fotografierte in den späten vierziger und den frühen fünfziger Jahren in den Pariser Parks Gartenstühle – doch weit unsentimentaler, als Henry Cartier-Bresson oder André Kertész das je gelang; in Spanien interessierten ihn Stierkämpfe und in London das Bankenviertel. In der englischen Hauptstadt lernte er auch seine Frau kennen, hier oder in Paris zu leben, lag nahe und war während Jahren als Vorstellung durchaus verführerisch.

Doch in Europa schienen ihm die Türen verschlossen. Erfolglos versuchte er seine Bilder über die Agentur Magnum und einen englischen Vertriebskanal zu verkaufen. Lediglich die Reportage des walisischen Minenarbeiters Ben James konnte erscheinen; allerdings nicht in Europa, sondern im Jahrbuch U. S. Camera, und erst 1957. Es zeigte sich, dass der alte Kontinent zu sehr mit der Rückschau und seiner Wundheilung nach dem Krieg beschäftigt war, als dass er offen genug gewesen wäre, zu erkennen, was Robert Franks Gestaltungswillen für die Zukunft versprach.
Niederlage folgte auf Enttäuschung. Der gewünschte Widerhall auf das Neue, was hier einer versuchte – keine universelle, sondern eine subjektive Bildsprache zu finden –, blieb aus. Doch Robert Frank wollte mit seiner Kamera ins Leben greifen. Und so reiste er in den Jahren 1949 bis 1953 zwischen Europa und Amerika hin und her und versuchte, zunehmend verzweifelt, wenigstens an einem der beiden Orte Fuss zu fassen.

 

 

Die Schweiz liess ihn nicht los
In der Schweiz machte er seine Künstlerfreunde Gotthard Schuh und Jakob Tuggener bekannt mit seinem einflussreichsten amerikanischen Mentor, Edward Steichen. Als Luxemburger in New York, Direktor der Fotografieabteilung des Museums of Modern Art, war dieser für den Kunsttransfer zwischen Alter und Neuer Welt die entscheidende Schlüsselstelle.

In seiner Heimatstadt Zürich besprach und gestaltet Frank die Buchmaquetten «Black White and Things» mit seinem Freund Werner Zyrd. Erst das Guggenheim-Stipendium, vom Fotografen Edward Weston befördert, das ihm ab 1955 die Arbeit «The Americans» ermöglichte, war das letzte Zeichen: Frank sollte in Amerika bleiben. Von nun an gab es kein Zurück.

Licht in diese selten reflektierten, teilweise unbekannten Zusammenhänge bringt die Fotostiftung Schweiz. Gemeinsam mit dem Fotomuseum besitzt die Stiftung, die sich für das nationale Fotoschaffen einsetzt, die grösste Frank-Sammlung Europas. Sie war auch die entscheidende Plattform, die Franks Bedeutung früh erkannte. So widmete die Stiftung die erste Fotoausstellung überhaupt, die in einem Schweizer Kunstmuseum stattfinden konnte, 1976 im Kunsthaus Zürich Robert Frank. Dieser galt in der landläufigen Meinung bereits als Amerikaner.

Die derzeitige Ausstellung «Memories» von Martin Gasser in der Fotostiftung – sie zeigt Briefwechsel, Publikationen und, natürlich, Bilder – durchstöbert man wie einen Krimi. Es ist eine Whodunit-Story entlang der ersten suchenden fotografischen Schritte Franks als junger Mensch. Wer hat es getan, welcher Einfluss steckt hier in Franks Bild und welcher dort? Oft lässt sich der Urheber ohne Vorwissen nicht bestimmen. Den frühen Bildern auf die Spur zu kommen nämlich heisst, die Vor-Bilder zu kennen: Schweizer Fotokünstler, die vergessen gingen, doch von Weltgeltung waren. Und es zum Teil noch immer sind.

 

 

Die Vor-Bilder
Der unbekannteste ist der Fotograf Paul Senn (1901–1953). Mit Gotthard Schuh und Hans Staub stand Senn für die Schweizer Reporter-Generation zwischen 1930 und 1950. Dank Arnold Kübler erreichte er zunächst bei der «Zürcher Illustrierten» und später beim «Du» nationale Bekanntheit. Robert Frank sprach über Senns Flüchtlingsbilder, die dieser aus dem Spanischen Bürgerkrieg nach Hause brachte, beeindruckt bis an sein Lebensende. Kübler wiederum war so begeistert von Franks ersten Bildern für «The Americans», dass er das werdende Buch sogleich publizieren wollte.
Jakob Tuggener (1904–1988) ist ein anderer Wegbereiter. Er war für Franks Buchproduktion und seine filmischen Experimente entscheidend. Beeinflusst von den expressionistischen Filmen Deutschlands, entwickelte der Ältere einen ausdrucksstarken, poetischen Stil, der für Frank anschlussfähig war. Tuggener war der reine Künstler, der Frank werden wollte. Sein Buch «Fabrik», ein einzigartiger fotografischer Essay ohne jede erläuternde Textzeile, hat den Grad an Kompromisslosigkeit, die sich an jenem von Frank messen kann.

Doch der erste überhaupt, der Franks Maquette «The Americans» zu sehen bekommen hatte, war der in Berlin geborene und in Zürich tätige Gotthard Schuh (1897–1996). Er war der erste Bildredaktor dieser Zeitung, und er gründete mit Edwin Arnet die Beilage «Das Wochenende» als wichtiges Format für Fotoreportagen. Schuh begriff die Brisanz des Projekts und schrieb einen Text zu den Bildern, der dem Ansinnen Kredit und weitere Mentoren einbrachte.
Was also ist ein Genie? Das Genie Robert Frank wäre ohne Gotthard Schuh, ohne Jakob Tuggener, Paul Senn, Arnold Kübler und andere Schweizer Fotopioniere, ohne ihre ästhetischen Vorleistungen, ihre Freundschaften, ihre mentale Unterstützung kaum geworden, was es schliesslich wurde: ein Protagonist der radikal subjektiven Autorenfotografie und Autorenfilme Amerikas – der sich seine kritische Sicht auf die Dinge in Europa angeeignet hat.

 

Ausstellung «Robert Frank, Memories», bis 10.1.2021. Fotostiftung Schweiz, Winterthur.

www.fotostiftung.ch

 

(NZZ 14.10.2020, mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

 

 

«Hanspeter Müller-Drossaart: Schauspieler, Kabarettist, Komödiant, Erzähler und Literat»

 

Von Rolf Breiner

 

Sachlich mit sonorer Stimme, aber mit bewegendem Unterton erzählt er von «zwangsversorgten Heimkindern», die unter religiösem Deckmantel «gedeckelt», heisst drangsaliert, diszipliniert und stigmatisiert wurden. Er ist die Stimme aus dem Off im Schweizer Dokumentarfilm «Hexenkinder» von Edwin Beeler. Der Zürcher «Zwingli»-Regisseur Stefan Haupt engagierte den Schauspieler Hanspeter Müller Drossaart auch als «Kommentator» für seinen Film «Zürcher Tagebuch» (Kinostart: 5. November).

 

In Haupts filmischem Essay wiederspiegelt sich Gefühle, persönliche Befindlichkeiten, Begegnungen, Impressionen, die der Regisseur bis zum Beginn der Corona-Krise festgehalten hat. Sein Tagebuch spannt ein assoziatives Netz über Stimmungen, Tendenzen, Wirklichkeiten. Stefan Haupts Texte werden von Müller-Drossaart gesprochen.
Wir trafen den vielseitigen Sprachkünstler und Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart, ursprünglich aus Sarnen, nun in Dietikon ansässig, im Zürcher Hauptbahnhof zu einem intensiven Gespräch.
In rund 50 Kinofilmen und Fernsehproduktionen sind Sie ab 1992 aufgetreten, haben haben unzählige Bühnenauftritte absolviert, in Hörspielen mitgewirkt und Off-Kommentare gesprochen. Ihre Stimme ist gefragt. Was reizt Sie, bei Dokumentarfilmen mitzumachen?
Hanspeter Müller Drossaart: Das Zusammenwirken mit einem Filmkünstler, der mit grosser Begabung und hervorragendem Handwerk seit Jahren seine Arbeit leistet, macht grosse Freude, sei es mit Stefan Haupt, Edwin Beeler, Christoph Schaub und anderen. Wenn man da angefragt wird, heisst das, man kommt in einen Qualitätsstandard hinein, den man sich gar nicht erarbeiten könnte. Da kann man mithelfen und ist eingeladen, so ein Gesamtkunstwerk zu vervollständigen.

 

Wie weit können Sie sich in solche Produktionen einbringen?
In dem Moment, wo man sich findet, hat man das Vertrauen. Man kennt sich ja und kann im Dialog Verbesserungen anstreben.

 

Arbeiten Sie als Sprecher und Erzählerarbeiten mit dem Bild….
Ja. Es ist ein Teamwork mit dem Bild, wobei ich nur ein Teil davon bin. Die Bilderwahl, das Thema ist die Arbeit des Regisseurs. Insofern beeinflusse ich die Arbeit nicht und versuche, sie zu vervollständigen, eine Farbe dazuzugeben.

 

Wie war das im Fall des «Zürcher Tagebuchs»?
Ich halte Stefan Haupt sowohl in den Bildern als auch in der Sprachfindung für einen Poeten. Er kann unglaublich sprachliche und optische Bilder finden, von da her kann ich nur vervollständigen. Es ist nicht meine Arbeit, das in Frage zu stellen, sondern die Bilder stimmlich erweitern. Ich komme von aussen und kenne den ganzen Prozess nicht, kann aber die Bilder erkennen. Und das ist sehr hilfreich für mich.

 

Zum Schluss des Films kommt auch noch die Corona ins Spiel. Was bewirkt diese Krise? Es stellen sich existentielle Fragen…
Vielleicht haben wir lange etwas verpasst bei unserer ungeheuren Freude am Immer-noch-mehr-haben-Müssen. Wir müssen den Verzicht wieder lernen.

 

Kommt Ihnen die Entschleunigung infolge der Pandemie zu Pass?
Abgesehen vom Finanziellen, war diese Zeit des Homeoffice nicht nur hinderlich. Man konnte einen anderen Rhythmus finden. Nicht das Rasende, sondern das Ruhende war angesagt.

 

Die Theater öffnen wieder. Was läuft mit Ihren Programmen?
Es geht wieder los. Ich habe bereits im August den «Bajass» gespielt, es waren natürlich weniger Leute da, aber das Haus fühlte sich trotzdem voll an.
Aktuell sind Sie auch mit dem «Trafikant» unterwegs.
Ja, den habe ich vierzigmal gespielt und spiele ihn weiter.

 

Ihre Stimme ist gefragt, Ihr Erzähltheater ist gefragt. Wie sieht es mit dem Film aus?
Wir drehen im Herbst wieder einen «Bozen Krimi», den dreizehnten seit 2014.

Im Fernsehen boomen die Regionalkrimis – von Usedom über Istanbul und Bozen bis Zürich. Wie gefällt Ihnen das?
Fernsehen ist wie der Gärtner, Bäcker oder Grossverteiler ein Dienstleister. Da wollen viele Menschen solche Geschichten und gleichzeitig etwas von der Welt sehen. Diese Krimireihen funktionieren – mal so oder mal so.

 

Sie kommen ursprünglich aus Obwalden und sind ein Phänomen in Sachen Dialekte.
Ja, das ist eine wunderbare Macke, die mir sehr hilft. Ich bin aber nur ein halber Obwaldner, die Mutter kommt aus Nidwalden. Mir gefallen solche Rollen wie der Südtiroler Polizist.
Im nächsten Jahr wird der 100. Geburtstag Friedrich Dürrenmatts gefeiert. Und Sie sind dabei mit einer szenisch-musikalischen Lesung.…
Ich arbeite seit Jahren mit Musiker zusammen. Jetzt habe ich Matthias Ziegler aus Stäfa kennengelernt, der seine Blasinstrumente erfindet. Er ist ein Virtuose und gottgefälliger Improvisator. Wir werden die Erzählung «Di Mondfinsternis» von Dürrenmatt, die als Vorlage für den «Besuch der alten Dame» diente, am 15. Januar in Stäfa aufführen, sozusagen im Doppelklang Sprache und Musik. Dann gehen wir auf Tournee.

 

Sprache ist Ihr Metier, Ihr Kunsthandwerk. Wen oder was würden Sie gern sprechen, spielen?
Ich würde gern einmal den Shakespear’schen Kosmos ins Spiel bringen und mir dazu ein paar Rollen aussuchen. Wie kann man so viel Energie wie Jago aufbringen, um Menschen zu zerstören? Wie kann man nicht merken, als uralter Vater wie Lear betrogen zu werden? Oder wie spielt man als älterer zurückblickender Schauspieler Hamlet? Liebend gern würde ich auch den Richter Adam im «Zerbrochenen Krug» von Kleist spielen.

 

Nun sprechen Sie ja nicht nur, sondern schreiben auch. Was erwartet uns?
Im Oktober erscheint das Buch «steile flügel», Gedichte parallel in Mundart und Hochdeutsch. Im Sinne einer Überschreibung.

 

Die Pandemie hat uns noch länger im Griff. Was wünschen Sie sich in dieser Beziehung?
Ich wünsche mir, dass ein Postulat, das wir aus dem künstlerischen Metier seit Jahren mit uns herumtragen, eine grössere Nachhaltigkeit erhält. In Zeiten, wo die Menschen nur unter erschwerten Bedingungen herausgehen können, muss man die Institutionen und Möglichkeiten, Kultur zu erleben, stärker unterstützen. Das grosse Netz an Kleinveranstaltungen, die wir in der Schweiz haben, muss man unbedingt erhalten, verbessern und unterstützen. Wir müssen zurück zu den kleinen Formen und kleinere Pakete schnüren.

 

Kurz und knapp – wie würden Sie Ihren Charakter umschreiben?
Ich bin vielleicht ausufernd, begrenzt geduldig, unbegrenzt kindlich und begeisterungsfähig.

 

Hanspeter Müller-Drossaart
Geboren am 21. September 1955 in Sarnen
Sternzeichen: Jungrau
Verheiratet, zwei Kinder

 

Aktivitäten
5. November 2020 in Niederhasli
«Der Witz – die unterschätzte literarische Gattung»
Zusammen mit Urs Heinz Aerni
Mediothek um 20 Uhr

7. und 8. November 2020 in Burgdorf
Szenische Lesung C. A. Loosli «Die Schattmattbauern»
Anlässlich der Krimitage

9. November 2020 SRF / 3sat
Literaturclub Aufzeichnung

14. November 2020 in Flüeli OW
«Chilbitanz», Pax Montana

19. November 2020 in Schwyz
«Der Witz – die unterschätzte literarische Gattung»

20. November 2020 auf dem Bürgenstock
«Chilbitanz», Lesung mit Musik, Hotel Honegg

22. November 2020 in Muothatal
Lesung im Hotel Alpenblick

24. November 2020 in Gstaad
Lesung im Hotel Ermitage

27. November 2020 in Rümlang
«Wotsch wüsse wär i bii…»

2. Dezember 2020 in Thalwil
«Der Witz – die unterschätzte literarische Gattung»

5. Dezember 2020 in Frick
«Wotsch wüsse wär i bii…»

9. – 13. Dezember 2020 in Zürich
«Bajass«» im sogar Theater

21. Dezember 2020 in Flims
Lesung Beethoven

9. Januar 2021 in Sarnen
«Bajass», Kollegibühne
15. Januar 2021 in Stäfa
Lesung «Salon Dürrenmatt»

21. Januar 2021 in Baar
«Der Witz – die unterschätzte literarische Gattung»
Um 9:00 Uhr in der Rathus-Schüür (Donschtig Träff)

12. März 2021 in Altdorf
«Bajass” im Theater Uri

19., 20. März 2021 in Baden
«Bajass» im ThiK Theater

26. – 29. Mai 2021 in Wädenswil
«Bajass» im Theater Ticino

 

 

Filmtipps

 
Mank
rbr. Zwischen Krücken, Kater und Citizen Kane. Er war stur wie ein Panzer, wollte quasi aus dem Dunkeln ans Licht, heisst auf die Leinwand. Nicht als Darsteller, sondern als Autor. Herman Jacob Mankiewicz, kurz Mank genannt, war Drehbuchautor in Hollywood, nicht zu verwechseln mit seinem Bruder Joseph L. Mankiewicz, der sich einen grossen Namen als Regisseur («All About Eve», 1950, «Julius Caesar», 1953, «Cleopatra» mit Taylor und Burton, 1963) und Produzent («The Quiet American», 1958) gemacht hat. Herman, der älteste Sohn deutschjüdischer Auswanderer, 1897 in New York geboren, arbeitete als Drehbuchautor. Berühmt wurde er durch seine Zusammenarbeit mit Orson Welles an dessen Klassiker «Citizen Kane».»Mank ist ein unverbesserlicher Sturkopf, grandioser Autor, Zyniker und Trinker. Er verpflichtete sich 1939, für Orson Welles, dem Radio-Wunderkind («Krieg der Welten»), das Drehbuch für dessen ersten Kinofilm in 60 Tagen zu schreiben.
Mankiewicz und Welles kannten sich vom Radio her. Im Fokus des geplanten Films sollte eine einflussreiche Persönlichkeit stehen. Zuerst dachte Welles an den Produzenten und Abenteurer Howard Hughes, doch dann rückte der Medienmogul William Randolph Hearst in den Blickpunkt. Er diente quasi als Inspiration für den zwielichtigen Kinohelden Charles Foster Kane und für ein Drama über den amerikanischen Traum des Aufstiegs, Fall und Verlust.
Die Auseinandersetzung um das Drehbuch zwischen Mankiewicz und Welles ist zentrales Thema des aktuellen Film «Mank». Dessen Drehbuch hatte der Vater des Regisseurs, Frank Fincher, verfasst. David Fincher («Gone Girl») spannt einen Zeitbogen von 1936 bis zur Oscar-Verleihung 1942 (Welles und Mankiewicz wurden fürs Drehbuch ausgezeichnet). Mank stand unter Zeitdruck, hatte sich auf eine Ranch in der Mojave-Wüste bei Los Angeles zurückgezogen und schrieb wie ein Berserker am Drehbuch – oft im Bett. Der kantige Eigenbrötler, kongenial von Gary Oldman verkörpert an Krücken (nach einem Unfall), im Suff, bei seinen Ausbrüchen, wird von der Pflegerin Freda (Monika Grossmann) und Schreibkraft Rita (Lily Collins) unterstützt. Bisweilen taucht Orson Welles (Tom Burke) auf, mischt sich ein, streitet mit seinem Autor, der unbedingt im Nachspann namentlich aufgeführt werden will – gegen den Willen des Regisseurs.
Finchers packende, geradezu manische Auseinandersetzung um den Autorenclinch, um Hollywoods Society, Vernetzungen, Ränke und Ambitionen ist ein Drama in klassischem alten Stil – in schwarzweissen Bilder mit zahllosen Zeit- und Schauplatzsprüngen. Bisweilen verwirrend und irritierend, oft faszinierend. Ein Vergnügen für Kinokenner, das man sich am besten zweimal gönnen sollte.
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A Perfectly Normal Family

rbr. Familie unter anderen Umständen. Den Filmtitel kann man so (ironisch) oder so (idealistisch) lesen, auf den ersten Blick ist er jedenfalls irreführend. Normal an der Familie ist eigentlich nur, dass der Papa eine liebevolle Beziehung zu seinen Töchtern pflegt und auch unter anderen Umständen viel Familiensinn beweist. Eine scheinbar normale Familie Thomas (Mikkel Boe Følsgaard) und Helle (Neel Renholt) haben zwei Töchter, Emma (Kaya Toft Loholt) und Caroline (Rigmor Ranthe). Die elfjährige Emma, eine begeisterte Fussballerin, ist aktiver Fussballfan und muss eines Tages aus hellem Himmel erfahren, dass ihr Vater im Begriff ist, sich in eine Frau, in Agnete zu verwandeln. Die Familie ist geschockt, gefordert, bricht aber nicht auseinander. Man bringt viel Verständnis dafür aus, dass Thomas sich im falschen Körper fühlt und konsequent seinen Transgender-Weg geht. Allein Emma hat Mühe, diese Veränderung zu akzeptieren, die neue Vater-Mutter-Situation anzunehmen. Sie fühlt sich betrogen, zickt und gibt sich widerspenstig, während Schwester und Mutter sich allmählich mit den neuen Verhältnissen arrangieren.
Weitgehend aus der Perspektive des jungen Mädchens beschreibt die Dänin Malou Reymann die Entwicklung einer Familie, speziell die Beziehung zwischen Thomas/Agnete und Emma – sehr subtil, sensibel und einsichtig. Dass dabei der Humor nicht zu kurz kommt, ist ebenso wohltuend wie der positive familiäre Grundton. Thomas/Agneter, überzeugend verkörpert durch den dänischen Schauspieler Mikkel Boe Følsgaard, hält an der Familie fest – eben auch unter anderen Umständen. Kein Wunder wirkt dieser Mensch sehr sympathisch und glaubhaft, diente doch der Vater der Filmerin quasi als Vorbild. So trägt der Spielfilm, gespickt mit Aufnahmen aus der Kindheit Reymanns, einige biografische Züge. Ihr Vater ist selber Transgender. «Ich interessiere mich sehr für Normen, und wie man sie bricht», erzählt Malou Reymann in einem Interview. «In jeder von uns bekannten Gesellschaft gibt es jemanden, der als anders wahrgenommen wird. Das, was man für normal hält, sagt viel darüber aus, wer wir sind, und mich interessiert dieser Zusammenstoss…Wir alle versuchen, in einem gewissen Ausmass normal zu sein, vor allem wenn wir jung sind. Doch dann fragen wir uns, wer wir wirklich sind, und begeben uns schliesslich auf unsere Reise. In diesem Film geht es um Emmas Reise, doch auch um die Reise ihres Vaters Agnete, denn beide müssen akzeptieren, dass sie nicht mehr sowie alle anderen, sondern eben sie selber sind.» Eben kein normaler Film von der Stange, sondern einer mit Sympathie, Verständnis und Herzblut.

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Suot tschêl blau
rbr. Mantel des Schweigens. Die Zürcher Drogenszene strahlte in den Achtziger- und Neunzigerjahren weit über die Limmatstadt hinaus. Junge Leute aus dem Engadin lockte der Hauch des Verbotenen, des Ausbrechens aus der Normalität, die Aussicht auf das vermeintliche Freisein. Man witterte Morgenluft im abgeschiedenen Oberengadin und versorgte sich mit Drogen. So entstand um 1980 in Samedan eine Drogenszene, über die man bis heute am liebsten einen Mantel des Schweigens und Vergessens breiten würde. Filmemacher Ivo Zen («Zaunkönig – Tagebuch einer Freundschaft», 2016), in Santa Maria (Val Müstair) aufgewachsen, wusste dazumal nichts von diesen rebellischen Drogensüchtigen. Die Dorfjugend sprengte vorherrschende Normen, verstieg sich in Drogen. Dem Höhenflug folgte der Absturz, für einige endete er tödlich. Zen (50) ging dieser verdrängten, verschütteten Geschichte nach. Die Ereignisse wurden nie recht aufgearbeitet, der Filmer fand Zeitzeugen, Beteiligte, die sich schmerzhaft erinnerten. Die Allgemeinheit der Dorfbevölkerung möchte das tragische Kapitel nicht wieder aufschlagen, sondern lieber auf sich beruhen lassen.
«Um für die Erinnerung an die verdrängte, verschwiegenen Geschichte einer verlorenen Jugend einen Platz zu schaffen, richtete ich im Kulturarchiv einen Erinnerungsraum ein», berichtet Ivo Zen. «Eltern, Geschwister, Geliebte und Freunde der Verstorbenen legen im Verlauf des Films einen persönlichen Gegenstand der Erinnerung auf einem alten Nussbaumtisch ab. Ein Akt des Loslassens und des Teilens der eigenen Geschichte.» Der Filmtitel «Scuot tschêl blau» (Unter blauem Himmel) spielt auf Engadiner Postkartenidylle und heile Tourismuswelt an, hinter der sich jedoch auch eine andere, dunkle Wirklichkeit verbirgt. Sein Film liefert ein Stück Erinnerungsarbeit und wird zum Zeugnis ungeschönter Wirklichkeit. Die Schweiz verdrängt gern Unliebsames, Unbewältigtes wie etwa die Grenzschliessung und Abweisung der Juden im Zweiten Weltkrieg. Zen zerreisst den Schleier des Vergessens.
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Kiss Me Kosher

rbr. Liebes- und Familienturbulenzen. Wie überwindet man Grenzen, Verschiedenheiten und Kulturkreise? Dabei geht es nicht einfach um Rassen und Religion, Gesellschaft und Gepflogenheiten (Traditionen), sondern auch um Befindlichkeiten, Gefühle und Menschliches, um Vergangenes, das bis in die Gegenwart wirkt. Die Konstellation könnte krasser kaum sein: Eine Israelin liebt eine Deutsche. Die beiden Lesben wollen in Tel Aviv heiraten. Die Biologin aus Stuttgart, Maria (Luise Wolfram), trifft in Tel Aviv ihre Geliebte Shira (Moran Rosenblatt). Man kennt sich seit drei Monaten, ist verliebt. Eher durch Zufall (und Missgeschick) denn durch Absicht löst Shira eine Art Verlobungsakt aus. Schuld ist ein Ring: Das Erbstück wurde Shira von ihrer Grossmutter Berta (Rivka Michael) geschenkt, das nun einen Finger Marias schmücken soll. Schnell ist von einer Heirat die Rede. Shiras Bruder Liam (Eyal Shikratzki) ist begeistert und behält das Liebespaar im Fokus: Er dreht über die beiden einen Dokumentarfilm.
Alles scheint in harmonischen Bahnen zu laufen. Shiras tolerante Eltern (John Carroll Lynch und Irit Kaplan) samt Geschwister haben nichts gegen die Verbindung, wohl aber die leicht versnobte Oma, Holocaust-Überlebende, die Deutsche, die vor allem «Hitlers Brut» ablehnt. Auch Maria zweifelt, als ihre Eltern (Bernhard Schütz und Juliane Köhler) aus Deutschland anreisen. Und prompt kommt ein dunkles Kapitel der Verwandtschaft ans Licht.
Shirel Peleg (Buch und Regie) richtet den Fokus ihrer Liebeskomödie auf deutsch-israelische Beziehungen. Toleranz und Vorurteile, offene Beziehungen und traditionelle Gegebenheiten sowie Spannungen zwischen den Generationen – davon handelt «Kiss Me Kosher». Munter wirbelt die Filmerin alles durcheinander. Das wirkt manchmal hausbacken und durchsichtig, dann wieder witzig, bisweilen auch kitschig, wobei die Lesbenliebe ebenso wenig Thema ist wie die politisch-gesellschaftliche Situation in Israel. Es geht um Gefühle nach dem Motto: Die Liebe wird’s schon richten. Das Spielfilmdebüt, überwiegend in Tel Aviv entstanden, amüsiert wohl auch, weil die Konflikte locker gelöst werden.
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Und morgen die ganze Welt
I.I. Engagierte Jugend-Revolte. Dieser Film hat mehr Aufmerksamkeit verdient, nicht nur, weil er höchst aktuell die rechtsextreme Szene unter die Lupe nimmt, sondern auch, weil sich nach der Regisseurin Julia von Heinz die Frage stellt, was die Motivation ist, sich nicht gegen Nazis zu engagieren. Luisa (Mala Emde) ist 20 Jahre alt, aus gutem Hause und studiert Jura. Die impulsive junge Studentin, aufgeschreckt durch den Rechtsruck und Demonstrationen der AfD in Deutschland, schliesst sich mit Freunden zusammen, um sich im Kampf gegen Rechtsextreme zu engagieren. Sie stören deren Kundgebungen, kommen politischen Verschwörungen auf die Spur und geraten in gefährliche Fahrwasser. Die Polizei kommt ihnen dabei in die Quere und hinterlässt zwiespältige Gefühle, auf wessen Seite sie stehen, denn Gewalt ist jederzeit präsent. Der charismatische Alfa (Noah Saavedra) und dessen bester Freund Lenor (Tonio Schneider) werden zu Luisas Komplizen, die kämpferisch noch weitermachen will, als die Lage bereits brenzlig wird. Ihr Widerstand hat Folgen, sie werden von der Polizei gesucht und auch die rechtsextreme Szene macht Jagd auf sie. Das ist spannend inszeniert und wirkt wie ein authentischer Dokumentarfilm. Als aufregende Entdeckung fasziniert Jungschauspielerin Mala Emde. Die Regisseurin Julia von Heinz schöpfte für die Geschichte aus eigenen Erfahrungen. Sehenswert!
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Hillbilly Elegy

rbr. Rückbesinnung. Er wähnte sich frei, befreit von der desaströsen Familie. J.D. Vance (Gabriel Basso, als Kind Owen Asztalos) glaubte, mit seiner Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Er studiert Jura in Yale und hat Aussichten auf einen erstklassigen Job, bis seine Schwester ihn dringend heimruft: Seine Mutter Bev (Amy Adams), ein Junkie, ist mal wieder ausgerastet. Erinnerungen aus seiner Jugend kommen hoch, immer hatte Bev für heftige Ausfälle und Krisen gesorgt. Allein die Grossmutter, Mamaw (Glenn Close) genannt, hatte die Familie irgendwie zusammen und über Wasser gehalten. Als der gute Geist gestorben ist, geht alles den Bach hinunter. J.D Vance scheint den Absprung geschafft zu haben.
Das Familiendrama über zwei Jahrzehnte, beginnend 1997, basiert auf dem autobiographischen Roman von J.D. Vance, der das Leben einer weissen Arbeiterfamilie (Hill People), seiner Familie, beschreibt. Hillbilly-Musik ist unter Countrykennern bekannt – hemdsärmelig, bodenständig. Hillbillys meint landläufig ärmliche Bewohner (Hinterwäldner) aus den Appalachen (Kentucky). D.J. Vance, früherer Marine, beschreibt «die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise». Regisseur Ron Howard («A Beautiful Mind») hat sie filmisch umgesetzt – als Elegie, als düsteres, melancholisches und wehmütiges «Klagegedicht» (im weitesten Sinn). Es ist aber auch die Geschichte eines Aussteigers und Aufsteigers, der aus dem Dunstkreis seiner desaströsen Familie ausbricht und der Selbstzerstörung seiner Mutter scheinbar entkommt – und zurückkehrt. Nachhaltig beeindruckend ist aber vor allem die grandiose schauspielerische Leistung der Golden-Globe-Preisträgerin Glenn Close («The Wife», 2017), die sich nicht zu schade war für hässliche Masken und teilweise wie eine Mumie aussieht. Respekt!

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The Witches (Hexen hexen)

rbr. Von Mäusen und einem Hexenkongress. Dreissig Jahre sind es her, dass Anjelica Huston als Oberhexe Leinwand und Kinder erschreckte. Mit von dieser Hexenpartie 1990 war übrigens auch ein gewisser Rowan Atkinson («Mr. Bean») als Hotelmanager Mr. Stringer. Nicolas Roeg hatte dazumal den Hexenspuk mit Muppet-Puppen-Verstärkung inszeniert. Nun hat sich Robert Zemeckis («Back to the Future») des Gruselstoffes aus der Feder von Roald Dahl angenommen und verlegt die Handlung Ende der Sechzigerjahre in die Südstaaten (Alabama). Jetzt agiert Anne Hathaway als Hexendrahtzieherin mit russischem Akzent, sie leitet den Kongress einer Organisation in einem Luxushotel, die sich «Königliche Gesellschaft zur Verhinderung von Kindesmisshandlungen» nennt. Sehr witzig, denn diese ausserordentliche Damengesellschaft hat nichts anderes im Sinn als Jagd auf Kinder zu machen und sie in Mäuse zu verwandeln. Ausgerechnet hier machen der achtjährige (namenlose) Knabe (Jahzir Bruno) und seine Grossmutter (Octavia Spencer) Ferien, die vorher unliebsam Bekanntschaft mit einer Hexe gemacht haben. Nun denn, so beginnt der Kleinkrieg zwischen der adretten Hexendiva und Knaben samt Mäusefreunden, bei dem Hotelmanager Mr. Stringer (Stanley Tucci) nur eine lächerliche Figur macht.
Wenn «Hexen hexen» – das Treiben, Jagen und Hexen sorgen für eine paar neckische Zwischenspiele und glamouröse Horroreffekte.

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Wildland
rbr. Fatale Familienbande. Der 17jährige Teenager Ida (Sandra Guldberg Kampp) hat seine Mutter bei einem Autounfall verloren und wird vom Jugendamt in die Obhut ihrer Tante Bodil (Sidse Babett Knudsen) gegeben. Die herrische Matriarchin Bodil hält die Familie zusammen, wacht über ihre Söhne Jonas (Joachim Fjelstrup), David (Elliott Crosset Hove) und Mads (Besir Zeciri) und deren Angetraute. Am liebsten würde Bodil dem labilen David auch Anna austreiben, doch die ist schwanger und wird wohl oder übel Teil dieses kriminellen Familienclans. Ida beobachtet das Treiben der Cousins, die rigoros Schulden eintreiben. Sie bleibt passiv und kann sich doch nicht dagegen wehren, in die Aktionen der kriminellen Brüder einbezogen zu werden. Sie ist Zeugin, wie ein Schuldner während eines Handgemenges erschosssen wird. Die Tochter des Opfers hat die Tat erlebt und Ida erkannt. Die Polizei nimmt Ida ins Visier, die von der Familie unter Druck gesetzt wird, die Burschen nicht zu verraten. Man drängt sie schweigen, die Opferrolle als Minderjährige zu übernehmen. Sie geht in den Jugendknast.
Die Dänin Janette Nordahl hat ein perfides Familiendrama, ihrem Spielfilmdebüt, inszeniert. Es stimmt das Hohe Lied der Zusammengehörigkeit und Solidarität an. Bodil, die fürsorgliche und radikale «Glucke» dieses Clans, zeigt zwar auch mütterliche Gefühle, lebt und handelt aber nach eigenen Mafia-Regeln, und diese stellt die Familie über alles – über Schuld, Gesetz und Moral. Ihre Söhne sind jämmerliche Handlanger und Versager, und Ida – welch eine fatale Entwicklung – akzeptiert das Diktat der Familienbande. Ida, grossartig verkörpert durch Sandra Guldberg Kampp in ihrem Filmdebüt, wird dadurch mitschuldig. «Kød & Blod (Wildland)», übersetzt «Fleisch und Blut» ist ein herbes, desillusionierendes Drama über perfide Gewalt, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Selbstzerstörung. Ein Mafiafilm der anderen weiblichen Art und ein bitteres Gesellschaftsstück, das wenig Hoffnung macht.
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El robo del siglio
rbr. Jahrhundertraub in Argentinien. Eine Räuberpistole, wie sie nur das Leben oder eben Gangster schreiben können. Der Lebenskünstler Fernando und grosse Marihuana-Geniesser Araujo (Diego Peretti) hatte die Idee für einen perfekten Bankraub – die ihm natürlich beim Kiffen kam. Sein Objekt der Begierde: die Banco del Rio in Buenos Aires. Man müsste einen sogenannten Express-Raubüberfall arrangieren, quasi als Ablenkungsmanöver, um gleichzeitig durch einen Tunnel zum Kern des Geschäftes vorzustossen, zum Tresorraum mit den Schliessfächern, ist der Plan. Um den zu verwirklichen, braucht Fernando gewissermassen Experten, den Einbruchsexperten Luis Mario Vitette (Guillermo Francella) aus Uruguay beispielsweise. Vier andere Typen wie ein Fahrer, ein Ingenieur, ein Rechtsanwalt und ein Wachmann kommen hinzu. Fernando, der Kopf und Motor des Unternehmen, bereitet seine Kumpanen akribisch auf die grosse Tat vor – mit Skizzen, Plänen, Besichtigungen, Proben, Verhaltensmuster.
Am 13. Januar 2006 geschieht es. Die Gangster stürmen die Bank, halten Angestellte wie Kunden im Schach. Argentinien und die Medien (Radio, Fernsehen) sind live dabei, als ein Grossaufgebot das Bankgebäude umstellt und Chefunterhändler Miguel Sileo (Luis Luque) mit Fernando Details bespricht, vertröstet und besänftigt wird. Die Räuber zeigen sich freundlich und grosszügig, feiern den Geburtstag einer alten Dame und lassen auch ein, zwei Geiseln frei. Die Hinhaltetaktik funktioniert, derweil die Bande auf Schlauchbooten in den Abwasserkanälen entkommt. Die Beute soll zwischen 8 und 25 Millionen US-Dollar betragen haben, so genau weiss man es nicht, weil doch die Inhalte in den Schliessfächern geheim waren…
Geschnappt werden die Diebe trotzdem – infolge der Eifersucht einer betrogenen Frau, die ihren Mann verrät. Die Geschichte danach und die Entwicklung der Protagonisten wären einen anderen Film wert. Nicht nur die Bilddokumente der Täter im Abspann verleihen dem Spielfilm eine Aura von Authentizität, der Initiator des Bankcoups, Fernando Araujo, schrieb selber am Drehbuch mit. Zurzeit arbeitet er an einem Buch über Marihuana.
Der Argentinier Ariel Winograd hat den dankbaren Stoff vergnüglich als Gaunerkomödie inszenier und fand in Diego Peretti («Iniciales S.G.») als Fernando und Guillermo Francella («El secreto de sus ojos») als Mario kongeniale Darsteller. Selten waren Gauner so sympathisch. Man gönnt ihnen quasi jeden Dollar, jedes Goldstück. Die Geschichte dieses Bankraubes (ohne Schusswechsel – die Räuber benutzten nur Attrappen), spannend rekonstruiert, hat etwas Menschliches, Tröstliches. Ein Gaunerstück, an dem man seine Freude haben kann.

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The Nest
rbr. Genug ist nicht genug. Der Ehrgeiz ist eine Sache, der Selbstbetrug eine andere. Wenn beides zusammenkommt, stürzt jedes noch so schöne, scheinbar stabile Kartenhaus zusammen. Aus dem Engländer Rory O’Hara (Jude Law) wird man (anfangs) nicht schlau. Der Familienvater scheint sehr erfolgreich und reich und zieht es in den Achtzigerjahren Knall auf Fall eines Tages vor, von New York nach Old England umzusiedeln – samt Ehefrau «Al» Allison (Carrie Coon) und den Kindern «Sam» Samantha (Oona Roche) und« Ben» Benjamin (Charlie Shotwell) . Die müssen sich wohl oder übel fügen und fühlen sich im alten Landsitz in Surrey, nahebei London, gar nicht wohl, der ihnen das Familienoberhaupt schmackhaft macht. Das weitläufige Gebäude (ein Tudor-Landgut in der Grafschaft Buckinghamshire) , das auch einem Agatha Christie-Krimi als Schauplatz dienen könnte, hat etwas Spukhaftes, Verborgenes. Rory, anscheinend Rohstoffhändler, ist ehrgeizig, spekuliert und fabuliert, was seine wahren Kapitalverhältnisse angeht. Er ist ein Aufschneider, der seine eigenen Unzulänglichkeiten wegwischt. Es läuft nicht gut für beim neuen alten Arbeitgeber in London, der ihn durchschaut hat. Und seine Frau Al weiss, dass er ein Blender ist, zögert aber lange, allzu lange, um reinen Tisch zu machen.
Geschickt baut Sean Durkin, Autor und Regisseur, das Psycho- und Beziehungsdrama «The Nest» auf. Allmählich erst blickt man hinter den Schein, den der Karrierist verbreitet. Seine Lebenslügen ziehen immer neue Versprechungen und Beschwichtigungen nach sich. Man fragt sich nur, weshalb seine Frau Al sein falsches Spiel so lange erduldet und nicht entlarvt. Ein Lehrstück über Lüge, Selbstbetrug und falschem Schein. Sean Durkin («Martha Marcy May Marlene») zeichnet mit feiner Feder und schlägt zum Schluss nahezu versöhnliche Töne an, die das Drama sanft schönen.
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Beyto

rbr. Zerreissprobe. Solchem Konflikt sind etliche junge Menschen mit Migrationshintergrund in unserer Gesellschaft ausgesetzt: Hier Familie, die angestammte Gemeinschaft, Tradition und Verpflichtung, dort das Individuum, Selbstbestimmung, persönliche Neigung und Freiheit. Die Zürcher Filmregisseurin Gitta Gsell («Bödälä – Dance the Rhythm») hat dieses Thema in ihrem Spielfilm «Beyto» aufgegriffen, basierend auf dem Roman «Hochzeitsflug» von Yusuf Yesilöz. Der 19jährige Beyto (Burak Ates), Sohn türkischer Emigranten und in Zürich heimisch geworden, ist ein talentierter Schwimmer, der sich in seinen Trainer Mike (Dimitri Stapfer) verliebt – und umgekehrt. Er war bisher ein folgsamer Sohn, der seinen Eltern, Narin (Beren Tuna) und Seyit (Serkan Tastemur), im Kebab-Geschäft und Restaurant aushilft. Sie würden sein Schwulsein nie akzeptieren, ist er überzeugt. Zu sehr sind sie in altem Traditionsdenken und der türkischen Community verhaftet. Die Eltern locken ihn in ihr türkisches Heimatdorf und stellen ihn vor die Tatsache, seine Jugendfreundin Seher (Ecem Aydin) zu heiraten. Er fügt sich notgedrungen und weiss, dass er gegen seine Überzeugung handelt und seinen Geliebten Mike verrät. Beyto lässt das ganze Hochzeitsprozedere über sich ergehen, auch um seine Braut zu schützen, die er einweiht und der er seine Liebe zu Mike erklärt. Frisch, aber unglücklich verheiratet, fühlt sich das Paar in der Schweiz verloren. Beide, Beyto und Seher, wollen gemeinsam ausbrechen, ihr eigenes Leben leben, sich verwirklichen und wenn’s sein muss zu dritt.
Den schier unlösbare Konflikt zwischen Individuum und Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Selbstbestimmung, Verpflichtung (gegenüber der Familie) und Freiheit schildert Gitta Gsell geradezu exemplarisch, zeichnet die Befindlichkeiten der jungen Leute und ihr Begehren, die Verbundenheit und das Verharren der Traditionalisten in feinen Strichen und Tönen. Auch die Frage der Schuldzuweisung wird offenkundig. «Was hast du uns angetan?», wirft Narin ihrem «ungehorsamen» Sohn vor. Dabei ist die Gegenfrage ebenso berechtigt. Die unglückliche Situation haben die Menschen herbeigeführt, die althergebrachte Wertvorstellungen und Normen über das moderne Individuum stellen.
Es ist keine Frage, auf welcher Seite die Filmautorin steht. Es ist auch verständlich, dass der Konflikt nicht in einer Tragödie mündet. Ein feinfühliges stimmiges Beziehungsdrama, das Hoffnung macht trotz alledem.

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There Is No Evil

rbr. Konfrontationen auf Leben und Tod. Der Filmtitel «Das Böse gibt es nicht« mag irritieren, meint er doch das Gegenteil. Ist er ironisch gemeint? Die vier Episoden, die der Iraner Mohammad Rasulof erzählt, zeichnen böse Situationen, schildern, wie sich Menschen für oder gegen das «Böse» entscheiden, gezwungen sind, mit dem Bösen zu leben, sich mit ihm allfällig zu arrangieren. Was ist das Böse: Ist es der Tod, die böse Tat an anderen, das Unentrinnbare und Schicksalhafte?
Der pflichtbewusste Familienvater Heshmat (Ehsan Mirhosseini) kutschiert Frau und Tochter durch die Stadt, besucht die Grossmutter. Man geht zusammen Pizza essen, kümmert sich umeinander. Dann macht sich Heshmat früh am Morgen auf den Weg zur Arbeit. Dort betätigt er Knöpfe, Falltüren öffnen. Vier Todeskandidaten baumeln am Seil. Der unscheinbare Heshmat ist Henker, und die erste Episode ist mit «There Is No Evil» überschrieben.
Pouya (Kaveh Ahangar) versieht seinen Militärdienst in einem Gefängnis und erhofft sich danach, einen Pass zu bekommen und auszureisen. Nichts fürchtet er mehr, als einen Diliquenten zu seiner Hinrichtung zu begleiten. Eines Morgens ist es soweit. Pouya will nicht töten, bricht schier zusammen, mobilisiert seine Kräfte und rebelliert. Er überwältig einen Aufseher und bricht aus dem Gefängnis aus. Jenseits der Mauern wartet seine Freundin Tahmineh. Gemeinsam jubilieren sie beim bekannten Schlager «Bella ciao». Sie hatte ihm Mut gemacht: «You can do it – Du schaffst es!»
Javad (Mohammad Valizadegan), ein Soldat auf Urlaub, reist ans Kaspische Meer. Dort will er mit seiner Verlobten Nana (Mahtab Servati) und deren Familie Geburtstag feiern. Doch die Stimmung ist trist, die Familie vermisst einen guten Freund, Keyvan, einen Aktivisten. Der ist zu Tode gekommen, und Javad muss erkennen, dass er daran schuld ist. Er hat den Befehl ausgeführt und dem Todeskandidaten den Hocker weggezogen, um letztlich Urlaub zu bekommen: «Birthday» – ohne gemeinsame Zukunft.
Bahram (Mohammad Seddighimehr), vormals Arzt, lebt mit seiner Frau Zaman (Jila Shahi) zurückgezogen im Hochland als Imker und Bauer. Die Nichte Darya (Baran Rasulof, Tochter des Regisseurs) besucht das Ehepaar. Bahram ist todkrank und hat nur einen Wunsch, Darya aufzuklären und sich als leiblicher Vater zu erklären. Er hat sich verleugnet, um seine Tochter dazumal zu retten. Sein letzter Wunsch an Darya «Küss mich» – also Verzeih mir!
Scheinbar haben diese Begegnungen nichts miteinander zu tun, und doch kreisen sie alle um ein Thema, um den Tod, seine Opfer und Beteiligten. Die Protagonisten stehen an einem Wendepunkt, müssen eine Entscheidung treffen, sich fügen oder selbst bestimmen. Rasulofs Film spiegelt den psychologischen Druck, die perfide Unmenschlichkeit und Unfreiheit wieder, die ein autoritäres Regime ausübten kann. Sein Drama gewann in Berlin 2020 den Goldenen Bären. Regisseur Rasulof, dem man den Pass entzogen hat, durfte nicht einreisen und wurde wegen «Propaganda gegen den Staat» aufgrund seiner letzten Filme 2019 verurteilt. Vorläufig wurde die einjährige Haftstrafe wegen der Corona-Epidemie aufgeschoben.

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Zürcher Tagebuch
rbr. Spiegelungen. Man muss kein Philosoph sein, um sich zu fragen, was das Leben, das eigene, ausmacht, was einem wichtig erscheint, was einen treibt, einen prägt. Der Zürcher Filmer Stefan Haupt («Zwingli») hat sich diese und ein paar Fragen mehr gestellt: «Wie will ich leben? Wohin bewegt sich unser multioptionales, vielschichtiges Leben?» Er hat sich dabei auf seinen Lebenskreis, sein Umfeld, seinen Boden, auf dem er aufgewachsen ist, auf seine Erfahrungen und Einsichten beschränkt. Seine Reise beginnt im Winter 2016 und endet vorläufig mit Beginn der Corona-Zeit 2020 – mit Abstechern ins letzte Jahrhundert. Die Geburt seines ersten Sohnes Alexis 1997 ist dabei ebenso ein Thema wie seine Töchter Thalia, Symi und Melina. Stefan Haupts Frau, Eleni, wie auch sein Alexis wollten nicht im Film erscheinen.
Seine Familie, inklusive Mutter, Vater und Grossmutter, sind ebenso Gesprächspartner wie die Kollegin Barbara Weber, der «Webmaster» Pascal Faivre, die SP-Nationalrätin Jacqueline Badran, der Künstler Alex Zwahlen oder die Flüchtlinge Mazfar Shafari (Afghanistan) und Vink Khau (Kambodscha).
Notizen, Gedanken, Gespräche, Zitate fügen sich zu einem Zeitbild. «Zürcher Tagebuch» bleibt persönlich, versteht sich nicht als Weltbild oder gesellschaftliche Studie. Seine filmische Dokumentation bietet keine Zeitgeist-Reportage, ist eher Poem, eine impressionistische Reise im Heute. Bezeichnend für die verschiedenen Facetten ist das Gedicht «Zärtliches Gespräch» vom Zürcher Lyriker Albert Ehrismann aus dem Jahr 1939, das Off-Sprecher Hanspeter Müller-Drossaart zitiert. In Stefan Haupts Tagebuch fliessen Innen-und Aussenwelt zusammen, verschränken sich Alltag und Aussergewöhnliches, fügt sich Privates mit Gesellschaftlichem. Ein ganz anderer Film über den Lebensraum Zürich, der aus dem Dokumentarrahmen fällt, dem man gern zusieht und zuhört.
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Antebellum
rbr. Rassisimus – von gestern bis heute. Parallelwelten zu schaffen, ist ein beliebter Trick, um vergangene Ereignisse in die Gegenwart zu transportieren oder umgekehrt. Das irrlichternde US-Drama «Antebellum» taucht in die amerikanische Sklavenzeit. Konföderierte Truppen betreiben eine Plantage in Louisiana, auf der sie Schwarze schinden, ausbeuten, misshandeln und wie Freiwild behandeln. Die Eingangssequenz ist ein bitterer Einstieg in die Welt der Frauen und Männer, die um 1862 auf einer Plantage schuften, Baumwolle pflücken und den weissen Herren dienen. Am schlimmsten ist ein gewisser Captain Jasper (Jack Huston), der die Schwarzen knechtet, schlägt oder auch umbringt. Die Frauen müssen als Objekt der Begierde dienen, so auch Eden (Janelle Monáe), die dem General (Eric Lange) gehört und nach einem Fluchtversuch brutal bestraft wurde. Unter den Neuankömmlingen ist die schwangere Julia (Kiersey Clemons), die von der Plantagenbesitzerin Elizabeth (Jena Malone) Eden zugeordnet wird. Die soll sich der jungen Frau annehmen. Julia will unbedingt fliehen und bittet Eden, sie dabei zu unterstützen, doch die ist gebrandmarkt, hält sich bedeckt. Als Eden, einmal mehr vom General sexuell missbraucht, erwacht vom Klingelton eines Handys. Alles nur ein böser Traum? Denn Eden scheint in Wahrheit die afroamerikanische Schriftstellerin und Soziologin Veronica Henley zu sein.
Die Filmautoren Gerard Bush und Christopher Renz spielen mit Zeiten und Figuren. Elizabeth beispielsweise verfolgt Eden nicht nur bei ihrer Flucht, sondern sitzt auch Veronica (alias Eden) im Nacken. Man begegnet auch Jasper wieder, der nun als Ehemann Elizabeths fungiert. Die Handlungsfäden verheddern sich, die Zeiten durchdringen sich – nicht immer einsichtig und nachvollziehbar. Am Ende erlebt man, wie das Historiencamp «Antebellum» platt gemacht wird. Der Bürgerkrieg lebt und sei es als nachgestellter Park, deuten die Filmer an. Die Episoden um die Plantage sind starker Tobak, sie verdeutlichen grausam den damals praktizierten Rasssismus. Die Überleitung in die Gegenwart und Verzahnung erweist sich als Wink mit dem Zaunpfahl. Es bleibt ein zwiespältiger Eindruck: «Antebellum» pendelt zwischen Sklavenschocker und aktuellem Rassismus, Sex- und Gewalt diktieren das Antirassismusdrama. Das Leitmotiv «Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen» (einWiilliam Faulkner-Zitat) ist die Quintessenz des Films. Der Rassismus lebt und macht sich unter US-Präsident Trump wieder breit und breiter.
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to be continued

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