FRONTPAGE

«Annie Ernaux: Die Jahre – melancholische Gedächtnisliteratur»

Von Ingrid Isermann

 

Kindheit in der Nachkriegszeit, Algerienkrise, die Karriere an der Universität, das Schreiben, die sogenannte Emanzipation der Frau, Frankreich unter Mitterrand, die Folgen der Globalisierung, die uneingelösten Verheissungen der Nullerjahre, das eigene Altern.

Anhand von Fotografien, Erinnerungen und Aufzeichnungen vergegenwärtigt Annie Ernaux die Jahre, die vergangen sind. Und schreibt dabei ihr Leben in eine völlig neuartige Erzählform ein, in eine kollektive Autobiographie.

 

«Das Schwarz-Weiß-Foto eines Mädchens in dunklem Badeanzug auf einem Kieselstrand. Im Hintergrund eine Steilküste. Sie sitzt auf einem flachen Stein, die kräftigen Beine ausgestreckt, die Arme auf den Felsen gestützt, die Augen geschlossen, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Sie lächelt. Ein dicker brauner Zopf fällt ihr über die Schulter, der andere verschwindet hinter ihrem Rücken. Offensichtlich imitiert sie die Pose der Filmstars aus Cinémonde oder aus der Werbung für Ambre-Solaire-Sonnenmilch und will so ihrem demütigend unreifen Kleinmädchenkörper entfliehen. Auf ihren Schenkeln und Oberarmen zeichnet sich der helle Abdruck eines Kleides ab, ein Hinweis darauf, dass ein Ausflug ans Meer für dieses Kind eine Seltenheit ist. Der Strand ist menschenleer. Auf der Rückseite: August 1949, Sotteville-sur-Mer».

 

 

Leseprobe
Alle Bilder werden verschwinden.

 
die Frau in Yvetot, die sich am helllichten Tag zum Pinkeln hinter die Baracke hockte, in der zeitweilig die Kneipe untergebracht war, weil die eigentliche Kneipe in Trümmern lag, und die dann mit gerafftem Rock den Schlüpfer hochzog und wieder in der Baracke verschwand

 
das tränenüberströmte Gesicht von Alida Valli, die in Noch nach Jahr und Tag mit Georges Wilson tanzt

 
die Begegnung mit dem Mann im Sommer, auf einer Straße in Padua, seine an den Schultern angewachsenen Hände, und sofort war die Erinnerung an das Medikament da, das die Ärzte dreißig Jahre zuvor Schwangeren gegen Übelkeit verschrieben hatten, und an den Witz, den sich die Leute später erzählten: Eine werdende Mutter strickt Babywäsche und nimmt dabei Contergan, nach jeder Reihe eine Tablette. Ihre Freundin fragt entsetzt, ob sie denn nicht wisse, dass das Baby ohne Arme geboren werden könne. Sie antwortet: Schon, aber ich kann keine Ärmel stricken

 
Claude Piéplu, der in der Komödie Et vive la liberté ein Regiment Legionäre anführt, in einer Hand eine Fahne, in der anderen einen Strick mit einer Ziege

 
die majestätische alte Dame, die an Alzheimer litt und die wie alle Bewohnerinnen des Altersheims eine geblümte Kittelschürze trug, die sich dazu aber eine blaue Stola umlegte und tagein, tagaus erhobenen Hauptes den Flur entlangschritt, als wäre sie die Herzogin von Guermantes im Bois de Boulogne, und tatsächlich sah sie aus wie Céleste Albaret, Prousts Haushälterin, die eines Tages in Bernard Pivots Talkshow aufgetreten war

 

 

die Frau auf einer Freiluftbühne, die von mehreren Männern in einen Kasten gesperrt und mit Schwertern durch- bohrt wurde – sie kam lebend wieder heraus, weil es sich um einen Zaubertrick mit dem Titel Das Martyrium einer Frau handelte

 
die Mumien in zerlumpter Spitze, die in der Kapuzinergruft in Palermo an den Wänden hingen

 
Simone Signorets Gesicht auf dem Plakat von Thérèse Raquin

 
der Schuh, der sich im Schaufenster des Geschäfts André in der Rue du Gros-Horloge in Rouen auf einem Sockel drehte, und auf dem Rand zog immer wieder derselbe Satz vorbei: Mit Babybotte läuft Ihr Kind schön flott.

 
der Fremde im Bahnhof Termini in Rom, der die Sichtblende seines Erste-Klasse-Abteils ein Stück heruntergezogen hatte, sodass er nur von der Hüfte abwärts sichtbar war und sein Geschlechtsteil rieb, weil er bemerkt hatte, dass im Zug nebenan junge Frauen aus dem Fenster schauten

 

der Mann in der Kinoreklame für Paic-Spülmittel, der fröhlich seine schmutzigen Teller zerschmetterte. Eine Stimme aus dem Off sagte streng: »Das ist doch keine Lösung!«, und der Mann blickte in die Kamera und fragte verzweifelt: »Was ist denn dann die Lösung?«

 
der Strand von Arenys de Mar neben den Bahngleisen, und der Hotelgast, der aussah wie Zappy Max

 
das Neugeborene, das der Arzt im Krankenhaus Pasteur in Bordeaux wie ein gehäutetes Kaninchen in die Höhe hielt und das eine halbe Stunde später angezogen in seinem Bett chen schlief, auf der Seite liegend, die Decke bis zur Schulter gezogen, eine Hand schaute hervor

 
Philippe Lemaire, der Schauspieler und Juliette Grécos Ehemann, seine schöne Gestalt
der Vater in der Fernsehwerbung, der sich hinter seiner Zeitung versteckte und es seiner Tochter gleichtun wollte, ein Picorette-Schokobonbon in die Luft warf und vergeblich versuchte, es mit dem Mund aufzufangen

 
das Haus mit der weinüberwucherten Laube in Venedig, auf dem Zattere-Kai Nummer  90 A, das in den Sechzigerjahren ein Hotel gewesen ist

 

 

die Gesichter der Menschen, die vor dem Abtransport ins Konzentrationslager von den Behörden fotografiert worden waren, in einer Ausstellung Mitte der Achtzigerjahre im Palais de Tokyo in Paris, Hunderte von versteinerten Gesichtern

 
das Plumpsklo im Hof hinter dem Haus in Lillebonne, die Ausscheidungen und das Papier fielen in den Bach und wurden vom plätschernden Wasser davongetragen
all die schummrigen Bilder der ersten Jahre, mit einem Sommersonntag als hellem Fleck, all die Träume, in denen die toten Eltern wieder leben oder man eine fremde Landstraße entlangläuft

 
das von Scarlett O’Hara, wie sie die Leiche des Nordstaaten-Soldaten, den sie erschossen hat, die Treppe hinunterzerrt – und wie sie auf der Suche nach einem Arzt für Melanie, die in den Wehen liegt, durch die Straßen Atlantas läuft

 

das von Molly Bloom, die im Bett neben ihrem Ehemann liegt, an ihren ersten Kuss denkt und ja, ja, ja sagt

 

 

 

Annie Ermaux, geboren 1940, bezeichnet sich als «Ehtnologin ihrer selbst». Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Bücher sind von der Kritik und vom Publikum gefeiert und vielfach mit Preisen ausgezeichnet worden.

 

Sonja Finck, geboren 1978, lebt in Berlin und Gatineau (Kanada) und übersetzt Romane und Theaterstücke aus dem Französischen und Englischen.

 

 

 

Annie Ernaux
Die Jahre
Bibliothek Suhrkamp SV, Berlin 2017
Aus dem Französischen von
Sonja Finck
Geb., 255 S.
CHF 25,90. (D) 18,00 €. (A) 18.50 €.
ISBN 978-3-518-22502-8

 

 

 

 

«Wer war Ingeborg Bachmann – Eine Biographie in Bruchstücken»

 

Ingeborg Bachmann (1926-1973) ist ein Mythos der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Ihre divenhaften Auftritte und die frühe Berühmtheit, die Beziehungen zu Paul Celan und Max Frisch und nicht zuletzt ihr rätselhafter, tragischer Tod sorgen für ein glamouröses Bild, das die Literaturkritikerin Ina Hartwig hinterfragt.

 

Ina Hartwig schaut hinter die Fassade und entdeckt in zahlreichen Gesprächen mit Zeitzeugen wie u.a. Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser, Klaus Wagenbach, Peter Handke, Marianne Frisch oder Henry Kissinger eine andere Persönlichkeit: Ingeborg Bachmann als politisch denkende Intellektuelle und Medienprofi, als Dichterin, die trotz all ihrer Gefährdungen überrascht mit Witz und lebenspraktischer Klugheit.

Nach dem Gespräch mit Henry Kissinger als letztem Zeitzeugen berichtet die Autorin, dass seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann zweifellos «tief» gewesen sei, zumindest für ihn selbst. Und für Bachmann? Um das in Erfahrung zu bringen, müsste sie ihre Briefe an Kissinger kennen, die Hartwig anforderte. Und tatsächlich wurde ihr der bisher unbekannte Briefwechsel aus dem Archiv der Yale-Universität auf elektronischem Weg von Kissinger übermittelt. Fünfunddreissig Briefe, die ein Jahrzehnt von 1956 bis 1965 umfassen. Bachmanns Briefe sind Unikate, sie schreibt meist kurz und selten, was Kissinger anmahnt. Er gibt sich in seinen Briefen draufgängerisch und will sie unbedingt wiedersehen, nach ihrem Besuch 1955 an der Harvard Summer School in Cambridge/USA. Sie hat ihm ihren soeben erschienenen Gedichtband «Anrufung des grossen Bären» zukommen lassen, wofür er sich auf originelle Weise bedankt. Ihre Gedichte seien «ausserordentlich feinfühlig und überraschend männlich». Er wisse nicht, spöttelt er ironisch, ob sie das als Kompliment empfinden werde. Doch Bachmann hatte den nötigen Humor, um derlei geistreichen Machismo abzufangen.

 

 

Ingeborg Bachmann war eine geerdete Persönlichkeit, kompliziert und schwierig zwar, gefährdet ohnehin, aber auch witzig, klug, praktisch, dem Alltag zugewandt und schon früh erstaunlich politisch denkend. Sie war ein Medienprofi und eine hellwache Beobachterin ihrer eigenen Epoche, was ihr bis zur Ermüdung besungenes Diventum am Ende doch sehr relativ aussehen lässt, schreibt Autorin Ina Hartwig, die erstaunt war, dass im Zuge ihrer weiträumigen Recherchen ausgerechnet Henry Kissinger, der Politikwissenschaftler aus Harvard, Atomwaffenexperte, Sicherheitsberater und US-Aussenminister unter Nixon, den viele Linke am liebsten als Kriegsverbrecher verurteilt sähen, so etwas wie der rote Faden des Buches werden sollte und damit die Zeitgenossenschaft Ingeborg Bachmanns in ihrer vollen, abenteuerlichen Dimension erscheint.

 

 

Ina Hartwig studierte Romanistik und Germanistik in Avignon und Berlin. Neben Lehrtätigkeiten an der FU Berlin, in St. Louis und Göttingen war sie viele Jahre lang verantwortliche Literaturredakteurin bei der »Frankfurter Rundschau« und arbeitete ab 2010 als freie Kritikerin, Autorin und Jurorin. 2011 wurde sie mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik und dem Caroline-Schlegel-Preis der Stadt Jena ausgezeichnet, 2015/16 war sie als Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin. Seit 2016 ist Ina Hartwig Kulturdezernentin in Frankfurt am Main.

 

 

Ina Hartwig
Wer war Ingeborg Bachmann?
Eine Biographie in Bruchstücken
S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 2017
Hardcover, geb., 320 S.
(D) 22,00 | € (A) 22,70
ISBN: 978-3-10-002303-2

 

 

 

«Die Republik Nizon»

 

Schriftsteller in der Riege von Frisch, Bachmann, Bernhard, Handke – als einer der grossen europäischen Autoren der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur lebt Paul Nizon (*1929 in Bern) heute zurückgezogen in Paris. Canetti war sein Trauzeuge, Siegfried Unseld sein Verleger, Frisch und Dürrenmatt seine Freunde, Bachmann, Grass, Handke und Bernhard Autorenkollegen auf Augenhöhe.

 

Mit seinem zweiten Buch «Canto» gastierte er bei der Gruppe 47, sein Roman «Das Jahr der Liebe» wurde in Frankreich als bestes fremdsprachiges Buch ausgezeichnet. Diese Biographie in Gesprächen erlaubt einen tiefgehenden Einblick in sein Leben, das er bedingungslos in sein Schreiben investiert hat.

 

Die Welt eines manischen Schreibkünstlers, – erkundet im intimen Gespräch 
über Paul Nizons Bücher -, handeln vom Kampf des Schriftstellers um den Roman, von totalem Einsatz, vollständiger Einsamkeit, vom Überdauern und Resistieren. Sie handeln von Körperlichkeit, Erotik, Passionen, sie jagen dem Atem des Lebens und dem Glück nach.
Ist man zu Gast in der «Republik Nizon», taucht man ein in die Welt eines manischen Schreibkünstlers, der seinen Lebensmittelpunkt seit vier Jahrzehnten in Paris hat, der Stadt der Dichter. Dabei treten bislang unbekannte Facetten im Leben und Schaffen von Nizon zutage, den Le Monde den «Verzauberer, den zur Zeit grössten Magier der deutschen Sprache» genannt hat.

 

In seinem persönlich gehaltenen Nachwort zur Biographie erzählt der Lyriker und Romancier Christoph W. Bauer von seinen Treffen mit Paul Nizon im Paris der Gegenwart – und vom Kennenlernen eines Solitärs in der deutschsprachigen Literatur.
Die Gespräche für «Die Republik Nizon» führte der belgische Journalist Philippe Derivière, die Übersetzung besorgte Erich Wolfgang Skwara.

 

An seiner Lesung im Literaturhaus Zürich am 6. Dezember 2017, die ausverkauft ist, sitzt ein lächelnder Paul Nizon auf dem Podium, begleitet von Christoph W. Bauer, und sogleich entfaltet sich eine eine fast familiäre Atmosphäre. Nizon scherzt und lacht, kontert schlagfertig und souverän die Fragen des Moderators. Man gibt ihm nicht die 88 Lenze, die er nun zählt, noch immer unterstreicht die widerspenstig Haarmähne seine Voten, die Passagen aus seinem Leben, die er eloquent vorliest.

Und schon zu Anfang bekundet er in der reichhaltigen Biographie:

 

 

Woraus ich gemacht bin 

Aus bernischem Stein und dem ländlich Schönen von damals. Aus der Anschauung kleinbürgerlicher Magermilch und früher Lebensenttäuschung. Aus russischer Seele. Aus deutschem Idealismus und deutscher Romantik. Aus der Hetäre Rom und der Pariser Kurtisane. Aus dem Beispiel des Boxers und Soldaten. Aus der Überheblichkeit des eingeborenen, doch nie erreichten Schöpfertums. Aus Bewaffnung und Entwaffnung. Aus meinen Hunden. Von daher eine lebenslange Intoxikation von einem anderen Leben. Künstlerleben. Eine Tendenz zum Höchsten und Niedrigsten. Ein Gemisch aus Verlorenem Sohn, demobiliertem Soldaten, Partisan und Strolch. Hochmut und Demut. Marschieren. Durchhalten.
Paul Nizon, geboren 1929 in Bern als Sohn eines russischen Emigranten und einer Bernerin, lebt seit 1977 in Paris. Er war leitender Kunstkritiker der Neuen Zürcher Zeitung, seit 1962 ist er freier Autor. Für seine Romane und Erzählungen, die in mehrere Sprachen übersetzt sind, erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. Marie-Luise-Kaschnitz-Preis (1990), Erich-Fried-Preis (1996), Österreichischer Staatspreis für Europäische Literatur (2010) und schweizerischer Grand Prix Literatur (2014) für sein literarisches Gesamtwerk. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Canto“ (1963), „Das Jahr der Liebe“ (1981) und „Das Fell der Forelle“ (2005). Im Frühjahr 2017 erschien bei Haymon seine Biographie in Gesprächen, “Die Republik Nizon” (siehe auch Archiv Literatur & Kunst).

 

 

Christoph W. Bauer, geboren 1968 in Kärnten, aufgewachsen in Tirol. Verfasst Lyrik, Prosa, Essays, Hörspiele und Übersetzungen. Zahlreiche Veröffentlichungen, mehrere Auszeichnungen, u.a. Reinhard-Priessnitz-Preis (2001), Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb (2002), Preis des Kärntner Schriftstellerverbands (2010), Kärntner Lyrikpreis (2014) sowie zuletzt Outstanding Artist Award und Tiroler Landespreis für Kunst (beide 2015). Zahlreiche Publikationen, zuletzt die Gedichtbände “orange sind die äpfel blau” und “stromern” (beide 2015)..

 

 

Paul Nizon
Die Republik Nizon
Eine Biographie in Gesprächen, geführt mit Philippe Derivière
Haymon Verlag, Innsbruck, Wien, 2017
Aus dem Französischen von Erich Wolfgang Skwara,
mit einem Nachwort von Christoph W. Bauer
216 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
€ 19,90
ISBN 978-3-7099-7277-9

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