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«Jeanne Mammen: Die Beobachterin eines Jahrhunderts»

Von Rolf Breiner

 

In ihrem künstlerischen Schaffen als Grafikerin, Illustratorin, Zeichnerin und Malerin spiegelt sich fast ein ganzes Jahrhundert. Die Berlinerin Jeanne Mammen wurde wieder entdeckt. Ihre Arbeiten sind in der Berlinerischen Galerie zu besichtigen (bis 15. Januar 2018).

 

Unscheinbar, ja etwas gehemmt und scheu – eine Frau mit Bubikopf. So erscheint sie auf Fotoporträts in den Zwanziger-, den Vierziger- und Fünfzigerjahren. Jeanne Mammen (1890– 1979) ist eine grosse Retrospektive (1910-1975) in Berlin gewidmet. Sie ist eine der schillerndsten und verkanntesten unbekannten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts: Pionierin, Avantgardistin, Zeitzeugin und Beobachterin – verwegen, eigenständig, scharfsinnig.

 

Kritische Beobachterin ihrer Zeit
«Jeanne Mammen war eine sehr genaue und kritische Beobachterin ihrer Zeit», schreibt Kuratorin Annelie Lütgens in der Einführung zum Ausstellungskatalog. «Seit den 1920er-Jahren inmitten des ‘Neuen Westens’, des ‘Industriegebiets der Intelligenz’ lebend und arbeitend, nahm sie auch nach dem Zweiten Weltkrieg die Veränderungen in der Nachbarschaft rund um den Kurfürstendamm von der Trümmerlandschaft zum Wiederaufbau samt Café Kranzler und Hotel Kempinski wahr».
Ein Kind deutscher Eltern, in Paris aufgewachsen, inspiriert von Toulouse-Lautrec, dann ab im Laufe des Ersten Weltkriegs zwangsläufig 1915 in Berlin heimisch geworden. Mittellos in der Heimat, arbeitet sie als Modezeichnerin, bezog 1920 mit ihrer Schwester Maria Louise eine Wohnung am Kurfürstendamm 29. Ab 1921 entstanden Kinoplakate, Illustrationen für Mode-, Satire- («Simplicissimus») und Kulturzeitschriften («Der Junggeselle», «Uhu»). Ende der Zwanzigerjahre werden ihre Zeichnungen gesellschaftskritischer, satirischer, rücken in die Nähe zu George Grosz und Otto Dix. 1930 richtet die Galerie Gurlitt (!) eine Einzelschau ein – mit grafischen Arbeiten und Gemälden.

 

«Entartete Kunst»
Mit der Machtübernahme der Nazis und deren Künstlerächtung («Entartete Kunst») werden zahlreiche Zeitschriften eingestellt und verboten oder gleichgeschaltet. Als Zeichnerin wird sie nicht verfolgt, sie zieht sich zurück. Zeit der Isolation. Jeanne Mammen kann nur noch im Verborgenen künstlerisch tätig sein, verdingt sich als Schaufensterdekorateurin, stellt orthopädische Schuhe und Marionetten her. Sie hält durch am Rande des Existenzminimums, auch in den Vierzigerjahren. Zwischen 1946 und 1948 illustriert sie für die Zeitschrift «Ulenspiegel», später für die Kulturzeitschrift «Athena», die Tageszeitungen «Der Kurier» und «Berliner Zeitung».
Während der deutschen Teilung lässt sie sich weder für den Westen noch den Osten vereinnahmen. 1960 widmet ihr die Berliner Akademie der Künste anlässlich ihres 70. Geburtstags eine Einzelausstellung. Zu dieser Zeit montiert sie Glanzpapier in ihre Bilder. In den Kriegsjahren hatte Mammen begonnen, Arthur Rimbaud zu übersetzen, diese Arbeiten vollendet sie 1967. In den Siebzigerjahren verschlechtert sich ihr gesundheitlicher Zustand. Am 6. Oktober 1975 vollendet sie ihr letztes Bild «Verheissung eines Winters». Am 22. April 1976 stirbt sie in Berlin. Das letzte Gemälde beschliesst auch die grosse Retrospektive, die 170 Arbeiten umfasst, davon 50 Gemälde. «Verheissung» – eine fragmentarische Vision: ein vager Totenkopf, ein Schrägkreuz, ein Nagel, Masken, Zeichen – Symbole um den Tod gruppiert vor weissem Hintergrund. Ein annonciertes Ende.

 

Die goldenen 20-er Jahre
Angefangen hatte Jeanne Mammen in den Zwanzigerjahren mit Plakaten («Martyrium» mit Pola Negri, 1922), Modezeichnungen («Die schöne Frau», 1926, «Der Junggeselle», 1926). Meisterhafte Zeitzeugnisse wie dann auch Gesellschaftsszenen in den Goldenen Zwanzigern. «Als scharfsichtige Beobachterin ihrer Zeit erfasst Jeanne Mammen in einfühlsamen und treffsicheren Darstellungen dieses Berliner Grossstadtleben. Die Aquarelle und Zeichnungen der zweiten Hälfte der 1920er Jahre bilden dabei einen Höhepunkt ihres neusachlichen-realistischen Schaffens. Es sind Reflexionen ihrer unmittelbaren Umgebung, Milieuschilderungen einer nach Vergnügungen und Ablenkungen süchtigen Gesellschaft», schreibt Kathrin Aurich. Die Titel sind bereits vielsagend wie «Ausweg» (1930), ein mondänes Paar am Strand, «Sie haben sehr schöne Hände» (1929), zwei Frauen an einem Cafetisch, «Sie repräsentiert» (1928), eine Faschingsszene, «Die Rothaarige» (1928), Gedanken beim Friseur, oder «Zwei Frauen, tanzend» (1928).

 
Sie illustrierte Kurzgeschichten etwa von E. Scott-Fitzgerald 1927 in der Zeitschrift «Uhu», schuf Porträts vom Nachtleben («Auf der Strasse/Nutten», 1930, «Revuegirls», 1928/29, oder «Schachspieler», 1929/30). Sie dokumentierte Szenen aus Moskau (1932), Frauen- und Männerköpfe in ihrem Atelier, ihrem Refugium in der Nazizeit. Die Arbeiten in den Vierzigerjahren werden zunehmend kantiger, abstrakter, erinnern an Picasso; «Der Würgeengel» um 1939-42, «Mädchen mit Katze», 1943, oder «Soldat», 1940-43, beispielsweise.

Mammen und ihr Refugium am Kurfürstendamm überlebten den Krieg. Sie hatte sich mit Henry Moore auseinandergesetzt und schuf nach Kriegsende bildhauerische Arbeiten. Moore floss auch in ihre Malerei, etwa im Ölgemälde «Stürzende Fassaden» (1945), im «Raumbild» (1946/47) oder «Ballerina» (1943-45). In der Nachkriegszeit wird Mammen der Abstrakten Malerei zugeordnet neben Hans Arp, Georges Braque, Marc Chagall, Salvador Dali, Paul Klee u.a.

 

 

Dialog der Gegensätze
Mammens Spätwerk zwischen 1965 und 1975 beschreibt Annelie Lütgens als einen
«Dialog der Gegensätze: einerseits die Glanzpapiercollagen mit ihrem exotischen Figurenpersonal, andererseits die asketischen Chiffrenbilder (…) In dieser kraftvollen letzten Phase ihre Kunst nahm sich Jeanne Mammen somit die Freiheit eines höchst eigenen Stilpluralismus. Die Malerin zog die Summe ihrer verschiedensten Formexperimente und schöpfte aus dem, was sie in ihrem Leben gesehen und in sich aufgenommen hatte».

 
Die aktuelle Ausstellung spannt einen grossen Bogen der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts mit Jeanne Mammen als eine wichtige Gestalterin und Interpretin über eine Schaffensperiode von 65 Jahren. Vielleicht die wichtigste Wiederentdeckung des Kunstjahres 2017. Ein Erlebnis. Man fragt sich nur, wieso erst jetzt?

 

 

«Jeanne Mammen. Die Beobachterin – Retrospektive 1910 – 1975», Berlinerische Galerie, bis 15. Januar 2018. Katalog, herausgegeben von Thomas Köhler und Annelie Lütgens, Hirmer Verlag 2017.
www.berlinerischegalerie.de

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