FRONTPAGE

«Lars Eidinger als Brecht – Interpretieren statt imitieren»

Von Rolf Breiner

 

Er ist einer der Topschauspieler Deutschlands und omnipräsent: Der Berliner Lars Eidinger (42) begeistert als «Hamlet» und «Richard III.» an der Schaubühne seit Jahren. Er wirkt bei der Erfolgsserie «Babylon Berlin» mit und agiert als Bertolt Brecht in «Mackie Messer» (Kinostart: 13. Dezember). Ausserdem tourt er auf dem Mofa im Kinofilm «25 km/h» durch Deutschland (Start: 8. November). Lars Eidinger – das ist ein Phänomen auf Bühnen und vor Kameras, ein «Gesamtkunstwerk», wie der «stern» schrieb.

 

Wie schafft man das – Shakespeare-Helden mit gewaltigem Textvolumen nicht nur eine Saison zu spielen, sondern über Jahre? Am 27. Dezember wird Lars Eidinger zum 200. Mal als «Richard III.» über die Berliner Schaubühne toben. Seit zehn Jahren ringt er als «Hamlet» um Sein oder Nichtsein auf ebendieser Bühne, der er seit bald zwanzig Jahren treu ist. Im Textlernen sei er gar nicht so gut, wohl aber im Training, erklärt Lars Eidinger im Telefongespräch. Und je länger man spiele, desto freier werde man und routinierter – im positiven Sinn. Es kann auch vorkommen, dass Eidinger kurz aus seiner «Hamlet»-Rolle schlüpft und sich direkt ans Publikum wendet. Verfremdung à la Brecht, von dem noch die Rede sein wird. Beim Theater könne man immer mal etwas ausprobieren, dann wird’s nicht nie langweilig Und welche Rolle spielt das Publikum dabei? «Eine sehr wichtige.»
Doch das direkte Publikum fehlt dann beim Film. «Beim Film bieten die Kollegen Resonanz», so Eidinger, «da ist man 100prozentig vom Gegenspieler abhängig.»
Theater und Film sind zwei Paar Schuhe. Wie sieht das der Schauspieler Eidinger? «Theater findet jetzt gerade statt, der Moment interessiert. Kurz gesagt: Theater heisst rausgucken, Kino heisst reingucken.»
Diese verschiedenen Ebenen Theater, Illusion, Wirklichkeit arbeitet der Brecht-Kenner Joachim A. Lang in seinem Spielfilm «Mackie Messer – Brechts 3Groschenfilm» heraus. Ein vielschichtige Werk (siehe Filmkritik), das im Kern beschreibt, wie Bertolt Brecht (Lars Eidinger) und Kurt Weill (Robert Stadlober) 1928 «Die Dreigroschenoper» auf die Bühne stellen, wie «Mackie Messer» à la Macheath (Tobias Moretti) Polly (Hannah Herzsprung), Tochter des Bettlerkönigs Peachum (Joachim Król), freit und dem Polizeichef Tiger Brown (Christian Redl) ausgeliefert wird. Die Rahmenstory dreht sich um die Filmproduktion, auf die sich Brecht einlässt, die ihm aus den künstlerischen Händen genommen wird und in einem Prozess endet, den Brecht verliert. Regisseur Lang verschmilzt Theater, Film, Berlin und London, Fiktion und Realität und schafft so ein Stück Brechtscher Wirklichkeit. Faszinierend für Kenner, sehenswert für Kulturliebhaber.
Brecht, das ist eine literarische und politische Grösse, zu der es eine Unmenge an Material gibt – wie geht ein Schauspieler damit um? Wie hat sich Lars Eidinger dieser Kulturlegende genähert, sich zu eigen gemacht? «Ich bin ein Brecht-Fan, er ist mir sehr nah, und ich hatte Bedenken, dass dadurch das Verhältnis gestört wurde», meinte Eidinger. «Ich habe mich an der Figur abgearbeitet, wollte sie nicht imitieren, sondern interpretieren, sie stilisieren. Wie Brecht Kunst beschreibt, entspricht auch meiner Auffassung.»
Brecht hatte eine eigene Erwartung und Beurteilung von Film, nimmt eine ganz andere Stellung als die Produzenten ein. Er will die «Dreigroschenoper» weiterentwickeln, die Nero-Film AG indes den Bühnenerfolg fürs Kino abbilden und eins zu eins adaptieren. «Es wäre Unfug, Elemente eines Theaterstücks wenig verändert zu verfilmen», behauptete Brecht und brach seine Mitarbeit an der Filmproduktion ab.

 

Brecht und Film – wie beurteilt Eidinger den Film? «Brecht war weitsichtig und analytisch. Film sollte wie Film gesehen werden – nicht als Theaterstück. Der Film wurde von den Nazi dann für die Propaganda ausgebeutet und kaputt gemacht. Wirklichkeit wurde inszeniert wie Aufmärsche, Kundgebungen etc.»

Die Zwanzigerjahre, in denen «Die Dreigroschenoper» in Berlin und im Ausland gigantische Erfolge feierte, werden jetzt wieder entdeckt – auch die TV-Serie «Babylon Berlin» trägt ihren Teil dazu bei. «Ich habe das Gefühl, wir waren da schon mal – auch was gewisse Erscheinungen heute angeht wie Rechtspopulismus und mehr», glaubt Eidinger.
Nicht düster oder historisch geht es im aktuellen Film «25 km/h» mit Lars Eidinger zu (siehe Filmkritik), sondern lebenslustig, abenteuerlich. Am Begräbnis des Vaters treffen sie sich im Schwarzwald wieder: Global-Bürger und Topmanager Christian (Eidinger) und sein Bruder Georg (Bjarne Mädel), Tischler, der den väterlichen Betrieb daheim übernommen hat. Man hat sich fast 30 Jahre nicht mehr gesehen. Georg ist sauer, lässt sich dann aber überreden, eine Mofa-Fahrt nachzuholen, welche die beiden dazumal nicht gemacht hatten. Mitten in der Nacht düsen sie los ohne Helm, aber mit einem Ziel, die Ostsee. Mit ihren fahrbaren Untersätzen, einem Chopper und einer alten Zündapp, tuckert das Paar mit 25 km/h durch Deutschland. Dabei passieren herrlich komische Begegnungen. Die Brüder beweisen sehenswerte Fähigkeiten beim Mofa-Fahren, Tischtennis und Stepptanz.
Das sieht im Film sehr professionell aus. Wie haben Sie das gemacht, Herr Eidinger? «Fürs Tischtennisspielen hatten wir professionelle Hilfe durch den Trainer der amerikanischen Olympiamannschaft und durch einen Topspieler aus der Bundesliga. Aufs Steppen hatte ich nicht richtig Lust. Das ist viel schwieriger, als es aussieht», berichtete Eidinger. «Bis die Schrittfolge so leichtfüssig aussieht, ist viel Training erforderlich. Am Schluss waren wir begeistert.» Man sieht es der kurrligen Komödie an: Alle hatten Spass an dem Slow-Roadmovie «25 km/h», das schlussendlich nicht nur an die Ostsee, sondern auch nach Berlin führt.
Eidinger ist ein Berliner Kind. Ist Berlin ein guter Nährboden? Lars Eidinger: «Eigentlich bin ich aus Berlin nicht rausgekommen – bis auf Gastspiele und Dreharbeiten. Wenn ich St. Gallen oder Bodensee höre, werde ich ganz sentimental.» Und wie geht’s weiter? «Ich habe gut zu tun und bin für 2019 so gut wie ausgebucht. Zurzeit drehe ich in Weissrussland.»
In Deutschland startete bereits «Abgeschnitten», ein Thriller nach dem Roman von Sebastian Fitzek. Eidinger spielt einen Sadisten. Im Sciencefiction-Abenteuer «High Life» verkörpert Eidinger den Raumschiff-Kapitän Chandra.

 

 

 

Filmtipps

 

 

The Girl in the Spider´s Web

rbr. Lisbeth is back. Die punkige Hackerin Lisbeth Salander ist zurückgekehrt – in neuer Gestalt und neuen Aktionen. Mit seiner Millennium-Trilogie hatte Stieg (Stig) Larsson Bestseller-und Kinogeschichte geschrieben. Seine Romane erschienen erst nach seinem Tod 2004. Die hartgesottene Rächerin Lisbeth sollte zuerst in einer schwedischen TV-Serie agieren. Noomi Rapace verkörperte die Heldin im Untergrund, verdichtet dann im Kinoformat: «Verblendung» (2009), «Verdammnis» (2009) und «Vergebung» (2009). Das US-Remake «The Girl with the Dragon Tattoo» (Verblendung») wurde von David Fincher 2010 inszeniert mit Rooney Mara als Lisbeth.
Journalist Larsson hatte seine Kriminalreihe auf zehn Bände angelegt. Die Folgen vier bis sechs lagen als Exposé vor. Infolge Erbstreitigkeiten konnte Nachfolgeautor David Lagercrantz auf Larssons Skizzen jedoch nicht zurückgreifen. Er schrieb seinen Roman frisch von der Leber weg, allein Akteurin Lisbeth Salander und Gehilfe Blomkvist verweisen auf die erfolgreiche Trilogie. Unter dem Titel «Verschwörung» erschien 2015 der vierte Millennium-Band «Verschwörung». Inzwischen (2017) wurde ein weiterer Roman veröffentlicht: «Verfolgung».
Die jüngste Verfilmung «Verschwörung (Filmtitel: «The Girl in the Spider´s Web») basiert also auf dem vierten Roman. Fede Alvaraz aus Uruguay, der auch das Drehbuch verfasste, präsentiert Lisbeth Salander als starke Amazone. Die verwinkelte Thriller-Story tut kaum etwas zur Sache. Mal wieder geht es um verhängnisvolle Daten in falschen Händen. Im Auftrag eines Wissenschaftlers jagt Lisbeth diesen Daten nach – mit Hilfe ihres alten Freundes Mikael Blomkvist (Sverrir Gudnason) und verfängt sich in mörderischen Intrigen. Aus der brüchigen, gequälten Figur Salander ist eine selbstbewusste, der Gesellschaft gegenüber kritischen Figur geworden. Insofern zeigt die neue Lisbeth übliche Coolness und Härte. Die Schauspielerin Claire Foy, manchen Netflix-Kennern aus der Reihe «The Crown» als Queen Elizabeth II. bekannt, agiert als starke Amazone, der freilich Tiefe und Zerrissenheit fehlen. Begnügt man sich mit der «Frau im Spinnennetz» als pure Actionheroin (und erwartet nicht mehr), kann man sich entspannt zurücklehnen und auf mögliche Folgen warten wie auf den nächsten Bond…

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Widows
rbr. Witwen mit krimineller Energie. Die Zeiten sind vorbei, als Männer selbstherrisch auf Raubzug gingen, den toughen Macker markierten und glaubten, Action für sich allein gepachtet zu haben. Jetzt erobern Frauen die Actionszene, entwickeln kriminelle Energie und führen ermittelnde Mannsbilder an der Nase herum. Was soll man/frau auch machen, wenn die Partner bei einem Raubzug platt gemacht werden und das Zeitliche segnen? Denn nicht nur die besagten Männer sind weg, sondern auch die Beute von zwei Millionen Dollar, die dem afroamerikanischen Unterweltboss Jamal Manning (Brian Tyree Henry) abhandengekommen sind. Wir sind in Chicago. Dem brutalen Gangster Manning, der zudem Ambitionen als Stadtrat hat, fällt nichts anderes ein, als Veronica (Viola Davis) für den Millionenverlust haftbar zu machen, der Frau des Bandenchefs Henry (Liam Neeson), der den Coup geplant und durchgeführt hat. In die Enge getrieben, entwickelt Veronica bemerkenswerte Energie und will einen Plan umsetzen, den Henry minutiös entworfen und «hinterlassen» hat. Sie animiert die anderen drei Witwen von Henrys Gang, die allesamt von Existenznöten bedroht sind: Linda (Michelle Rodriguez) muss zur Kenntnis nehmen, dass ihr (toter) Mann ihr Geld verzockt hat; Alice (Elizabeth Debicki), ein misshandeltes Callgirl, und die Coiffeuse Belle (Cynthia Erivo) stossen dazu, die erst nach anfänglichem Zögern als Fahrerin mitmacht.
Es geht um fünf Millionen Dollar. Doch die aktiven Witwen haben die Rechnung nicht ohne einen hartnäckigen Ermittler und Henry Rawlin gemacht, der so tot denn doch nicht ist. Dass dann auch noch der weisse Stadtrat Jack Mulligan (Colin Farrell) und dessen herrischer, skrupelloser Vater Tom (Robert Duvall) mitmischen, kostet den Frauen (fast) Kopf und Kragen.
Steve McQueen («12 Years a Slave») führte Regie und schrieb das Buch mit Gillian Flynn. Er legt einige Fallen aus und bedient sich einiger krimineller Finten in seinem Thriller «Widows – Tödliche Witwen», der auf einer britischen Miniserie von 1983 fusst.
Das mörderische Drama, exzellent besetzt, hält nicht nur einige Überraschungen bereit, sondern beschreibt auch atmosphärisch dicht ein Klima der Korruption, Gewalt und Lügen. Der düstere Thriller (130 Minuten) spart nicht mit (gebremster) Action und brutalen Sequenzen, nimmt sich aber auch Zeit für die Zwangslage der agierenden Frauen, ihre Bedenken und dem Druck, dem sie ausgesetzt sind. Dabei entwickeln die Opfer durchaus Rachegelüste und empfinden Spass an ihrer Attacke nach dem Motto «Zahn um Zahn». Man fiebert mit den Täterinnen, die Sympathien gewinnen und sich gegenüber einer kriminellen Gesellschaft behaupten – mit verwandten Mitteln. Der wohl beste Gangsterfilm des Jahres 2018.

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Astrid
rbr. Aus Kindheits- und Muttererfahrung klug geworden. Die Schwedin Astrid Ericsson, seit den Dreissigerjahren Astrid Lindgren, wurde als Schriftstellerin von Kinderbüchern weltbekannt, mit einer Auflage von über 160 Millionen Exemplaren. Sie ist Schöpferin der Kinderhelden Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter, Kalle Blomquist oder der Kinder von Bullerbü. Die Schwedin Astrid Lindgren (1907-2002) macht Kindern Mut seit über 70 Jahren. Das kommt nicht von ungefähr. Denn was sie selbst – nicht als Kind, sondern als junge Frau und alleinstehende Mutter – erfahren hatte, floss in ihre Bücher. Sie hatte sich in einer männerdominierenden Gesellschaft durchzusetzen, zu emanzipieren als Frau, die von einem verheirateten Mann ein Kind erwartete, das sie gar nicht haben durfte.
Diese Kindheitsjahre und Zeit als junge Frau zeichnet die Filmerin Pernille Fischer Christensen nach – von glücklichen, ausgelassenen Kindertagen im Heimatort Vimmerby, unter strenger Obhut der kleinbürgerlichen Eltern, bis zu ersten Schritten als begeisterte, aber naive Sekretärin, von Liebelei, Schwangerschaft und der Einsamkeit der Mutter Astrid, die ihren Sohn in Dänemark zur Welt bringen und in die Obhut einer Pflegemutter geben musste. Als dramaturgischer Leitfaden dient ein Geburtstag (der 80. oder 90.?): Eine alte Frau studiert ihre Fanpost. Mit den Fragen, Dankesworten und Bekenntnissen junger Leser an Astrid Lindgren werden Erinnerungen geweckt, Episoden aus frühen Jahren lebendig.
Astrid ist ein unbändiges, ausgelassenes und phantasiebegabtes Mädchen, das gern Normen und Regeln bricht. Die Achtzehnjährige (Alba August) ist froh, aus den bescheidenen Verhältnissen daheim auszubrechen und nimmt begeistert die Stelle einer Sekretärin beim Verleger und Redaktor Blomberg (Henrik Rafaelsen) einer Lokalzeitung an, der ihr Talent erkennt. Der schwärmerische Teenager Astrid verguckt sich in den verheirateten Mann, der sich scheiden lassen will. Sie wird schwanger. Ein (gesellschaftliches) Ding der Unmöglichkeit dazumal. Astrid deckt den Vater und gebärt ihren Sohn Lars (Lasse) 1926 in Kopenhagen. Sie gibt ihn notgedrungen in die Obhut der Hebamme (Trine Dyrholm), bis die Scheidung durch ist, aber… Das bricht der jungen Mutter fast das Herz, und als die Pflegemutter erkrankt, muss Astrid ihren Sohn zu sich holen und ein Zuhause bieten.
Der Spielfilm konzentriert sich auf die dunkle Lebensphase der Schriftstellerin. Hier liegen die Wurzeln, die Motive ihrer Geschichten, ihrer Kinderabenteuer, in denen sich Pippi und Kalle und Ronja austoben, bewähren, stark werden, sich allein durchsetzen und allen anderen Mut machen. Die legendäre Schriftstellerin Lindgren selbst bleibt ein Schatten (bei der Fanpost), ihre grossen Erfolge, ihre Heirat mit Sture Lindgren und ihr Familienleben, ihr soziales Engagement und Wirken bleiben ausgespart.
«Astrid» ist ein dramatisches Biopic, konzentriert auf das Werden der Autorin, lässt ihre Werke, Bedeutung in der Literatur links liegen. Der packende Film ist ein starker Beitrag über Emanzipation. Gleichwohl vermeidet der Spielfilm populäre Ausschmückung und Kitsch. Er wirkt wahrhaftig und bewegend – auch dank der wunderbar glaubwürdigen Darstellerin Alba August, Tochter des Filmers Bille August («Nachtzug nach Lissabon») und der Schauspielerin Pernilla August («Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung»).
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Disobedience

rbr. Eine Liebe gegen die Norm. Der Originaltitel ist fast schon ein Zungenbrecher für Nichtenglischsprachige. «Disobedience» bedeutet Ungehorsam. Hier geht es um eine Jugendliebe, die nach Jahren wieder aufblüht – gegen jüdisch-bürgerliche Normen. Die Fotografin Ronit Krushka (Rachel Weisz) lebt in New York und kehrt heim nach London – zur Beerdigung ihres Vaters, eines angesehenen Rabbis. Sie begegnet dabei auch ihre Jugendfreundin Esti (Rachel McAdams), die Dovid Kuperman (Alessandro Nivola) geheiratet hat, der die Nachfolge des verstorbenen Rabbis antreten soll. Ronit und Esti, nicht glücklich in ihrer Ehe, kommen sich (wieder) näher, erinnern sich an ihre Romanze, küssen sich, lieben sich wieder. Das bleibt nicht unentdeckt in der jüdischen Gemeinde. Gefühle sind stärker als gesellschaftliche jüdische Normen. Esti weiht ihren Mann ein und fordert für sich innere und äussere Freiheit. Ronit will wieder zurück in die USA und Esti…

Sebastián Lelio, in Argentinien geboren und in Chile aufgewachsen, hat zusammen mit Rebecca Lenkiewicz das Filmdrehbuch nach dem gleichnamigen Roman der Britin Naomi Alderman entwickelt. Wenn man so will: ein unauffälliger, unspektakulärer und leiser Spielfilm. Die lesbische Liebe bleibt bis auf eine intensive Liebesnacht im Verborgenen. Gesten, Blicke, Berührungen sagen mehr als aufreizende Szenen und Aktionen, getragen und geprägt von den sensibilisierten Hauptdarstellerinnen Rachel Weisz und Rachel McAdams. Das Drama, melodramatisch und gegen Ende etwas hollywoodesk theatralisch, ist ein Plädoyer für Gefühle, Aufbegehren, für die Freiheit, für sich zu wählen und von Zwängen zu befreien. Etwas fragwürdig, fast märchenhaft wirkt nur die Einsicht und Toleranz des orthodox-jüdischen Ehemanns – Wunschdenken?

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Leto
rbr. Leningrader Rock-Begehren. «Leto» heisst Sommer, und um einen Rock-Sommer geht es in dem pseudo-dokumentarischen Schwarzweissfilm von Kirill Serebrennikov, der aus Russland nicht ausreisen darf (Hausarrest wegen angeblicher Unterschlagung von Geldern) und so weder am Filmfestival Cannes noch am Zurich Film Festival persönlich teilnehmen konnte. Anfang der Achtzigerjahre in Leningrad. Über eine Leiter durchs Männerklo gelangen drei junge Frauen in einen düsteren Saal. Klammheimlich, um am Konzert von Mike Naumenko (Roma Zver/Bilyk) und seiner Band Zoopark teilzuhaben. Rockmusik im Undergroundkeller, dem Rock Club, ist nur unter strengen Auflagen und Geboten statthaft: Die Fans müssen brav sitzen, keine Plakate, keine emotionalen Ausbrüche. Die kommunistischen «Sittenwächter» markieren Präsenz.
Im Untergrund rumort es – kurz vor der Perestroika. Zu dem Musikerpaar Mike und Natascha Naumenko (Irina Strashenbaum) stösst der junge Musiker Viktor (Wiktor) Tsoi (Teo Yoo). Mike unterstützt den Newcomer, der die Nähe Nataschas sucht und seinerseits die Band Kino gründet. Man befruchtet und bestärkt sich gegenseitig. Es entspannt sich eine bittersüsse Dreiecksgeschichte.
Regisseur Serebrennikow orientiert sich am Leben der russischen Rockpioniere Viktor Tsoi (er starb bei einem Autounfall 1990) und Mike/Mayk Naumenko (gestorben 1991), ohne ein genaues Biopic anzustreben. Zoi gilt als der populärste und innovativste Rockmusiker und Poet, der sozialkritische und politische Texte einbaute. Er und seine Band Kino wurden zu Helden der russischen Jugend. Serebrennikovs Spielfim konzentriert sich auf die Anfangszeiten, fängt das raue Klima unterschwelliger Punkproteste und des Aufbegehrens der Jugend ein – ein Sommer vor der Perestroika. Westlichen Stars wie Talking Heads, Billy Idol, David Bowie oder Lou Reed und ihre Musik sind die Vorbilder. In einer typischen Szene berauschen sich junge Leute in einem Bus an Iggy Pops «The Passenger». Man versucht die Fesseln der Gesellschaft abzulegen, erkämpft zumindest innere Freiräume, begehrt auf. Das setzt der Film teils Grau in Grau, teils farbig und in Animationen um. Ein kantiger rauer Musikfilm, der eine vergessene Jugendbewegung beschreibt – gegen konventionelle Sehgewohnheiten, gegen den Strich und wirkt gerade deswegen authentisch. Ein Zeitbild gegen das Vergessen, für Freiheit. «Wir sind ein lebendige Bewegung», behauptet trotzig der Regisseur in Unfreiheit. «Wir beleben eine Kultur, die für die Mächtigen und staatlichen Kulturrichtlinien inakzeptabel ist, in genau derselben Weise, wie Leningrad 1983 weder die Zeit noch der Ort für Rockkultur in der UdSSR war.»
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Juliet, Naked

rbr. Popige Besessenheit. Schräge Typen, Leben ausser der Reihe, Begebenheiten der etwas anderen Art ziehen ihn an. Das zeigte Ethan Hawke aktuell mit seinem Spielfilm «Blaze» über den Outlaw Blaze Foley, einem Country-Singer-Songwriter aus Texas. In der komischen spöttischen Pop-Romanze «Juliet, Naked» spielt er selber den (fiktiven) Tucker Crowe, einen Rocksänger, der vor 25 Jahren seine letzte Platte veröffentlicht hat und dann untergetaucht ist. Und nun taucht eine CD mit rudimentären, heisst ungeschliffenen Uraufnahmen des Albums «Juliet» auf, seiner letzten Produktion, mit der damaligen Ehefrau Juliet entstanden. Empfänger ist ausgerechnet der College-Lehrer Duncan (Chris O’Dowd), der grösste Fan Tuckers, der sich seit Jahrzehnten mit dem Singer-Songwriter, seinem Werk, seiner Karriere befasst. Duncan ist überglücklich über diesen «Fund», während seine Annie (Rose Byrne) das Material eher mager und fade findet. Sie schreibt eine Rezension im Internet, was Duncan gar nicht freut. Tucker kriegt die Kritik mit und reagiert. Der E-Mail-Kontakt zwischen ihm und der Kritikerin intensiviert sich, während sich Duncan und Annie entfremden und trennen.
Allmählich kommt heraus, dass der untergetauchte Rocker Vater von fünf Kindern von vier verschiedenen Frauen ist. Schwierige Verhältnisse und ein verunsicherter Mann, der manche Baustelle hinterlassen und Familienkontakte verloren hat. Annie, die sich mit ihm liiert hat, folgt Tucker nach London. Nach Crowes Herzinfarkt kommt es zur grossen Familienzusammenkunft…
Jesse Peretz, der selber Mitglied der Rockband Lemonheads war, hat das Buch «Julia, Naked» von Nick Hornby auf seine Weise verfilmt, eine verzwickte Pop-Romanze, durchweg pfiffig mit komischen Wendungen. Dabei geht es weniger um Fanauswüchse (Beispiel Duncan) und die Musikproduktion, sondern mehr um festgefahrene Beziehungen und Ausbruch, Verantwortung, Mut, Alter. Ein Liebesfilm mit romantischet Garnierung, einigen Verrenkungen, Umwegen und versöhnlichen Läuterungen, bisweilen komisch, spassig, recht nett und amüsant, aber voraussehbar.
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Liquid Truth
rbr. Rufmord. Wann sind eine Berührung, ein Kuss anstössig und verwerflich? Was ist heute noch erlaubt – im Training, im Unterricht, in Zwiegesprächen? Der 33jährige Rubens (Daniel de Oliveira) muss eine bittere, existenzbedrohende Erfahrung machen. Der Betreuer und Trainer ist ein Traum von einem Schwimmlehrer, freundlich, einfühlsam, allseits beliebt bei den Kindern. Doch ausgerechnet der achtjährige Alex (Luiz Felipe Mello), um den sich Rubens besonders kümmert, schwärzt ihn an.
Was ist passiert? Der Knabe ist beim Schwimmwettbewerb «nur» zweiter Sieger geworden. Statt ihn zu loben, macht der Vater (Gustavo Falcão) ihm Vorwürfe. Rubens tröstet den Knirps, nimmt ihn zur Seite, tröstet ihn, küsste ihn auf die Wange, wie er später erklärt. Alex bockt, will nicht mehr zum Schwimmunterricht und gibt als Grund vor, vom Lehrer geküsst worden zu sein. Die Mutter, medikamentenabhängig, aufbrausend, stachelt den (skeptischen) Vater, bei Ana (Malu Galli), der Direktorin des Sportzentrums, vorstellig zu werden. Sie selbst macht ihren Zorn auf Facebook publik und zettelt einen Shitstorm bei den Eltern und in der Öffentlichkeit an. Aus einer Behauptung, einem Verdacht, wird eine Anklage, aus einer kindlichen Aussage eine Wahrheit konstruiert. Der «Vorfall» gerät ausser Kontrolle, die Polizei wird eingeschaltet. Der «Täter» hat keine Chance gegenüber den Sozialen Medien. Beschuldigungen lassen sich leicht ungeprüft und verantwortungslos dank der neuen Kommunikationsmittel schnell und effektiv verbreiten. Akte von Rufmord sind meistens irreparabel.
Solch einen Fall schildert die Brasilianerin Carolina Jabor in ihrem Spielfilm «Liquid Truth» (Aos Teus Olhos – Durch deine Augen). Es geht um dehnbare, fliessende Wahrheiten – je nach Perspektive. Der Schwimmlehrer, dem man grundlos homophobischen Neigungen anhängen will, wird zur Projektionsfläche von Ängsten, Vorurteilen, eigenen Unzulänglichkeiten (bei den Eltern) und Neid (beim Kollegen). Manches lässt die Regisseurin in ihrem Sozialdrama offen. Jeder kann sich sein eigenes Urteil fällen. «Für uns», unterstreicht Carolina Jabor aus Rio de Janeiro, «ist das wichtigste Element zu zeigen, dass es unterschiedliche Moralvorstellungen gibt, dass alle ihre Wahrheit haben.» Man sieht das Unheil kommen und ist ihm wie der «Held» machtlos ausgesetzt. Ein wichtiger Beitrag im Zeitalter der Fake News, der hemmungslosen Kommunikation, der Verdrehung und Beugung von Tatsachen und Wahrheiten.
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Der Vorname
rbr. Adolf provoziert. Seine Untaten und faschistische Herrschaft dauerten «nur» 12 Jahre (statt eines 1000jährigen Reiches). Adolf Hitler, seine Gefolgsleute und Mitläufer schrieben ein düsteres, grauenvolles Kapitel deutscher Geschichte. Sein Name löst bis heute eine Lawine von negativen Assoziationen, Gedanken und Gefühlen aus, es sei denn, man hängt rechtsnationalen Ideologien an. Sein Vorname ist jedenfalls für viele geschichtsbewusste Menschen ein rotes Tuch.
Der Filmer Sönke Wortmann («Das Wunder von Bern», «Die Päpstin») hat sich genau diesem Thema angenommen. Was passiert, wenn ein Vater seinen Sohn Adolf nennen will? Der Film «Der Vorname» basiert auf dem französischen Theaterstück «Le Prénom» von Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte. Wortmann (59) schuf mit seinem jüngsten Kinowerk eine treffende ironische Gesellschaftskomödie, in der Art eines Kammerspiels inszeniert, in der es deftig und geistreich zur Sache geht.
Man trifft sich zu einem geselligen Abend: Freunde, Verwandte, unterschiedliche, gegensätzliche Geister eben, drei Frauen und drei Männer. Schauplatz ist eine Villa in Bonn. Literaturprofessor Stephan (Christoph Maria Herbst) und seine Frau Elisabeth (Caroline Peters) freuen sich auf ein nettes Dinner, schmackhaft, würzig, genussvoll – mit geistvollen Gesprächen. Wenn da nicht die einen oder anderen Mimosen, versteckte Vorurteile und Vorbehalte wären, beispielsweise gegenüber dem sanften Familienfreund René (Justus von Dohnányi), von den einen geschätzt, von anderen abschätzig beurteilt. Dafür, dass der Abend nicht so nett wie geplant verläuft, sorgt Thomas (Florian David Fitz), Bruder der Gastgeberin. Während alle auf Anna (Janina Uhse), schwangere Partnerin von Thomas, warten, offenbart der Vater in spe ein Geheimnis: Das Baby – in schönster Erwartung – soll Adolf heissen. Das empört den Freundeskreis auf Heftigste: Adolf wie der Führer und Massenmörder? Die Empörung ist gross: Das geht gar nicht! Die Diskussion schraubt sich hoch wie eine Spirale, eskaliert, wird heftig, persönlich, verletzend. Es kommen Sachen, Gefühle, Erinnerungen ans Abendlicht, die bisher verdeckt und verleugnet wurden. Gefühle brechen sich Bahn, Adolf wird zur Nebensache, denn allmählich kommen ganz andere Dinge und Beziehungen zum Vorschein. So kommt auch Dorothea (Iris Berben), Mutter der Gastgeberin, ins Spiel, obwohl sie gar nicht (physisch) anwesend ist.
Es gab bereits 2012 eine Verfilmung des Stücks, doch «Le Prénom» fand wenig Beachtung in unseren Kinos. «Der französische Film ging in Deutschland unter», erzählte uns Filmer Sönke Wortmann (siehe Interview in der September-Ausgabe). «Das war der eine Grund für ein Remake, der andere war, dass das Thema Adolf besser nach Deutschland als nach Frankreich passt.» Die Vorgabe des Namens Adolf ist die Initialzündung der ganzen Auseinandersetzungen und bringt die Gesellschaft in Schwung, wobei die Diskussion um Adolf nur 25 Minuten einnimmt. Dann kommen andere Themen, Konflikte, Vorurteile, Mimositäten zur Sprache. Jeder kommt aus sich heraus, jeder kriegt sein Fett ab, wird «enttarnt».
Wortmann gelingt es immer wieder, spannende, auch amüsante Wendungen zu arrangieren. Seine pfiffige Salonkomödie hat Biss und gehobenen Unterhaltungswert – auch dank eines brillanten Ensembles. Die Musik stammt übrigens von Helmut Zerlett, dazumal Musikbegleiter und Bestandteil der Harald Schmidt Show (2004-2007).
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Cold War
I.I. Berückender polnischer Film noir von Pawel Pawlikowski.
Der 1957 in Warschau geborene Regisseur Pawel Pawlikowski verliess Polen 1971 als erst 14-jähriger und lebte in Italien und Wuppertal. 1977 ging er nach Grossbritannien, studierte in Oxford Literatur und Philosophie und konnte anschliessend für die BBC Dokumentar- und Spielfilme realisieren. Für die Dreharbeiten seines mit dem Europäischem Filmpreis und Auslands-Oscar prämierten Films «Ida» kehrte er 2013 nach Polen zurück. Mit «Cold War», – in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und mit fünf Nominierungen Favorit beim Europäischen Filmpreis im Dezember -, hat Pawlikowski seinen zweiten polnischen Film abgeliefert. Erneut in ästhetischen schwarz-weiss-Aufnahmen und wiederum in der Zeit des Kalten Krieges spielend, zeichnet «Cold War» eine historische und kriegsversehrte Zeitepoche nach. Wo «Ida» der Vergangenheit nachspürte, welche Opfer das Eintreten für den sozialistischen Staat verlangte, geht es hier um die Schwierigkeit eines geglückten Lebens im Exil. «Cold War» beschreibt den zeithistorischen Rahmen einer Liebe, die von ständiger Bedrohung und grosser Leidenschaft als permanenter Sehnsucht geprägt ist und einem letztlich nicht lebbaren Versprechen. «Cold War» beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg im Winter 1949. Komponist Wiktor (Tomasz Kot) reist mit einer Choreografin und einem Vertreter der Kulturbehörde durch das zerstörte Polen, sammelt traditionelle Melodien und talentierte junge Menschen für ein neues Folkloreensemble. Als sich die schöne, eigensinnige Zula (Joanna Kulig) mit einem russischen Filmschlager bewirbt, interessiert sich Wiktor sofort für sie. Sie ist so anders als er selbst und die beiden verlieben sich. Das Ensemble geht auf Tournee und wird ein grosser Erfolg über Polen hinaus. Als die künstlerische Arbeit aber zunehmend politisch vereinnahmt wird, setzt sich Wiktor bei einem Auftritt in Ostberlin in den Westen ab. Zula wählt im letzten Moment die sichere Karriere als Star der Truppe. Über die nächsten zehn Jahre treffen sich die beiden immer wieder, in den fünfziger und sechziger Jahren in Jugoslawien, in Paris, in Polen. Die Atmosphäre der fast dokumentarisch authentischen Episoden erinnert an Hitchcocks spannungsreiche Filme des Suspense. Pawlikowski hat hier der Geschichte seiner eigenen Eltern ein Denkmal gesetzt.
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Welcome to Zwitscherland – wie das Land, so die Vögel

I.I. Vögel als variable Metapher. Wie das Land, die Schweiz mit seinen Vögeln, den einheimischen und den fremden Vögeln auf der Weiterreise in den Süden verglichen werden kann, zeigt der schöne Dokumentarflm von Marc Tschudin mit spektakulären Tier- und Landschaftsaufnahmen.
Vögel, warum interessierte er sich ausgerechnet für Vögel? Die Erzählstimme als unsichtbare, doch emotional präsente Protagonistin kommt in die Heimat zurück, mit dem Wunsch, den Verstorbenen und das Land, aus dem sie stammt, zu verstehen. Sie taucht ein in die zurückgelassenen Tagebuch-Aufzeichnungen wie auch die eigenen Erinnerungen und begibt sich auf eine ungewöhnliche Tour de Suisse.
Drei Jahre widmete der Filmemacher und Biologe Marc Tschudin diesem aussergewöhnlichen cineastischen Projekt, das den Alpenstaat Schweiz mitten in Europa auf ganz neue Weise porträtiert: Unter Einbezug einer Gruppe, die zwar allgegenwärtig ist, oft aber übersehen und häufig auch überhört wird – diejenige der Vögel. Tschudins Film verblüfft, verzaubert, irritiert und lässt schmunzeln, wenn er mit liebevoller Ironie in ästhetischen Bildern die Schweiz in all ihrer Vielfalt zeigt: der landschaftlichen, kulturellen und eben der gefiederten Welt.
In eindrücklichen Bildern spürt der aussergewöhnliche Film dem Leben der Schweizer Vögel nach und pirscht mit einem Augenzwinkern durch die Eidgenossenschaft; er handelt von Pionieren und Bünzlis, von Berglern und Städtern, von Individualisten und Teamplayern, von Weltenbummlern und Stubenhockern, von Alteingesessenen und Zugewanderten, von Schrillen und von Unscheinbaren. Wie das Land, so die Vögel.
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Everybody Knows
rbr. Alte Schulden? Im Dorf haben die Wände Ohren, sagt man – oder jeder weiss vom anderen etwas oder mehr. Und so kommt’s: Laura (Penelope Cruz) ist aus Argentinien angereist, um die Hochzeit ihrer Schwester Ana (Inma Cuesta) im Heimatdorf bei Madrid zu feiern. Hier wird sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Ihr Vater, der den eigenen Besitz heruntergewirtschaftet hatte, kann nicht verwinden, dass seine Tochter Laura ihren Erbanteil an Paco (Javier Bardem) wohl zu billig verkauft hat. Der hat das Weingut aber zusammen mit seiner Frau Bea (Bárbara Lennie) zu neuer Blüte gebracht. Die Familie weiss, das Dorf weiss es: Laura und Paco waren mal ein Liebespaar. Tempi passati – denkste! Als Lauras mitgereiste Tochter Irene (Carla Campra) Knall auf Fall verschwindet, scheint sie Opfer einer Entführung zu sein. Warum, wozu, von wem? 300 000 Euro werden gefordert (nach 100 Filmminuten).
Die Situation spitzt sich zu. In der Not ruft Laura ihren Mann Alejandro (Ricardo Darin) aus Argentinien zu Hilfe. Doch das Heft des Handelns übernimmt der Weinbauer Paco, während Laura mehr und mehr zum hilflosen Häufchen Elend wird. Und dieser Umstand – Penelope Cruz verkommt zur Heulsuse – nervt auf Dauer. Der Iraner Aghar Farhadi, zweifacher Oscar-Preisträger («A Separation», «The Salesman»), inszenierte einen Thriller, der sich als Familiendrama entpuppt. Alte Wunden brechen auf, alte Schulden werden quasi eingefordert und ein «Offenes Geheimnis» (so der deutsche Filmtitel) wird offenbart. Der ermittelnde Detektiv Jorge (José Á ngel Egido), ein ehemaliger Polizist, bleibt eine Randfigur. Die treibende Kraft ist Jugendfreund Paco, Javier Bardem für einmal dezidiert überzeugend. Farhadis erster in Spanien gedrehter Film enttäuscht leicht, vielleicht auch, weil der Entführungsfall sich als profanes Melodrama erweist und letztlich recht konventionell daherkommt.
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Fortuna

rbr. Flüchtlingsschicksal. Sie sind täglich in den Schlagzeilen: Flüchtlinge, Asylanten, Emigranten. Viele Leute nerven sich, ängstigen sich, sympathisieren mit Parteien, welche die Flüchtlingsfrage politisch und polemisch nutzen, Ängste und Wut schüren. Eine unübersichtliche Masse, Zahlen, Faktoren – dabei werden die Menschen und ihre einzelnen Schicksale verallgemeinert, pauschalisiert, abgeharkt.

Der Lausanner Filmer Germinal Roaux (38) arbeitete als Fotoreporter, eh er sich 203 dem Filmen zuwandte. 2012 dreht er seinen ersten Spielfilm «Left Foot Right Foot» über Jugendliche um die 20, die im Leben mehr trudeln als Halt finden (Schweizer Filmpreis Quartz in drei Kategorien). «Fortuna» ist sein zweiter Spielfilm über eine 14-jährige Äthiopierin auf der Flucht, die in der Schweiz gestrandet ist. Ein Flüchtlingsschicksal. Fortuna (Kidist Siyum Beza) findet Aufnahme und Schutz in einer katholischen Klostergemeinschaft. Im Hospiz am Simplon wartet sie zusammen mit anderen Asylanten auf den nächsten Schritt, die Aufnahme in die Schweiz oder… Das stille Mädchen, allein auf sich gestellt, hat ein Geheimnis: Sie hat sich in den 26-jährigen Afrikaner Kabir (Assefa Zerihun Gudeta) im Hospiz verliebt und ist schwanger. Er will davon nichts wissen, verschwindet. Kann sie im Kloster bleiben? Der Chorherr (Bruno Ganz) der Bruderschaft steckt im Dilemma, denn er müsste Fortuna der Behörde und einer anderen Asylantenstätte übergeben. Christenliebe und amtliche Regelungen – das passt nicht immer zusammen. Ein Einzelschicksal sollte nicht einfach bürokratisch beurteilt und reglementiert werden. Davon erzählt Rouax’ Film, der sich in eisiger strengen Wintereinöde auf rund 2000 Metern Höhe abspielt und in Schwarzweiss gedreht wurde (Kamera: Colin Lévéque). Das Klima, die Umgebung sind kalt und abweisend. Sie sind nicht nur Kulisse, sondern drücken die Situation von Flüchtlingen aus. Der Fremdheit und Kälte kann mit Menschlichkeit begegnet werden und dafür steht die Bruderschaft am Simplon (das Hospiz wird heute noch von den Stiftsherren des Grossen St. Bernhards als Begegnungsstätte betrieben). Ausgangspunkt für die Filmidee waren Begegnungen des Filmers mit unbegleiteten Minderjährigen im Exil. Bestärkt wurde Germinal Roaux durch die Tatsache, dass das Kloster Einsiedeln Flüchtlinge aufgenommen hatte – infolge Platzmangels in Asylzentren. So wurde das Hospiz Simplon zum Filmschauplatz. Nach anfänglichem Zögern hatten die Chorherren die Filmequipe aufgenommen und willkommen geheissen. Gedreht wurde dann vor Ort zwischen April und Mai 2016.

«Fortuna» steht für ein Flüchtlingsschicksal, für einen Konflikt, eine Suche. Er ist ein Plädoyer für Menschlichkeit, Verständnis, Hilfe. Fortunas Leben ist an einem Scheidepunkt angelangt. Wohin ihr Weg führt, bleibt offen. Die Darstellerin Kidist Siyum Beza fand der Regisseur bei einem Casting in Addis Abeba, eine Waise, die etwas Englisch sprach und eine kleine Rolle im äthiopischen Film «Lamb» gespielt hatte. Sie ist der Kristallisationspunkt, Kern und Sinn der Geschichte einer Findung und Zuneigung.

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#Female Pleasure
rbr. Gegen männliche Macht – für weibliche Befreiung. Fünf Frauen, fünf Kulturkreise, fünf Repressionen: Die Schweizerin Barbara Miller beschreibt in ihrem Dokumentarfilm «#Female Pleasure» fünf Frauen, die sich auflehnen, ausbrechen, Zeichen setzten, für Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung kämpfen. Die Jüdin Deborah Feldman, aufgewachsen in einer ultraorthodoxen Familie in New York (Williamsburg), als 17-Jährige mit einem ihr unbekannten Mann verheiratet, rebellierte, brach mit 25 aus dem ihr aufoktroyierten Kulturkreis aus, baute sich mit ihrem Sohn Isaac ein neues freies Leben auf und lebt heute in Berlin.
Die Deutsche Doris Wagner, deren protestantischen Eltern zum Katholizismus konvertierten, trat als 19Jährige ins strenggläubige Kloster Thalbach («Das Werk») bei Bregenz ein. Sie wähnte sich mit Jesu vermählt – und wurde von ihrem vorgesetzten Pater mehrfach vergewaltigt während ihrer Klosterausbildung in Rom. Bei einer Ordensschwester fand sie kein Gehör. Schuldgefühle und Scham hinderten sie daran, ihr Leiden publik zu machen. Im Alter von 24 Jahren hatte die Nonne endlich die Kraft, sich zu wehren, bei der vorgesetzten Ordensschwester ihr Leid zu klagen. Vergeblich. Neue Schuldzuweisungen waren die Folge. In Deutschland beendete sie ihr Theologiestudium und trat aus der Religionsgemeinschaft aus. Ihre Anklagen bei Gerichten und im Vatikan verpuften. Doris Wagner schrieb ihre Erfahrungen im Buch «Nicht mehr ich» nieder, heiratete und brachte 2015 ihr erstes Kind zur Welt. Die studierte Theologin und Philosophin kämpft für Missbrauchsopfer der katholischen Kirche und Sekten.
Die Inderin Vithika Yadav entstammt einer hinduistischen Familie in Rajastan. Schon als kleines Mädchen wurde sie sexuell belästigt und weiss um die sexuelle Diskriminierung der Frauen in Indien. Sie schloss sich der NGO-Bewegung «Free the Slaves» an und gründete das Projekt «Love Matters», ein Sexualaufklärungsprojekt. Sie brach damit ein hinduistisches Tabu und machte Sexualität zum öffentlichen Thema. Die Aktivistin wird von extremen Hindu-Nationalisten angefeindet und bedroht. Doch sie lässt sich in ihrer Aufklärungsarbeit über Sexualität, Liebe und Gleichberechtigung nicht beirren.
Das Afrikanerin Leyla Hussein, in Mogadischu (Somalia) geboren und streng muslimisch erzogen, musste als siebenjähriges Mädchen den Akt der Beschneidung, eine Genitalverstümmelung, über sich ergehen lassen. Ein Traumata, das nachwirkte. In London aufgewachsen, widmete sich die Psychotherapeutin dem Kampf gegen dieses islamische Ritual und gegen herrschenden Aberglauben. Sie setzt sich vehement für die Organisationen «The Girl Generation» und NGO «Daughters of Eve» gegen islamische Sittengebote, gegen Körperverletzung durch Beschneidung und für das Recht der Frauen auf lustvolle Sexualität ein. Infolge ihrer «Tabubrüche» wird sie von fundamentalistischen Kräften angegriffen.
Die Japanerin Rokudenashiko, bei Tokio aufgewachsen, widmet sich lustvoll ihrem eigenen Geschlecht. Die Künstlerin begann, ihre Vagina abzubilden, bunte Plastikabdrucke anzufertigen, ein Vagina-Kanu zu bauen und ganze Vagina-Landschaften zu kreieren. Das kam in einer männlichen Gesellschaft, die Penis-Feste feiert, nicht gut an. Sie wurde angeklagt, ihr wurde ein Prozess wegen «Obszönität» gemacht.
All diese Schicksale haben einiges gemeinsam: Sie stehen für Unterdrückung und Eingrenzung durch eine dominante männliche Gesellschaft, aber auch für Ausbruch und Befreiung, manifestiert durch den Schritt in die Öffentlichkeit und durch Publizierungen. Die Erfahrungen dieser Frauen stehen nicht für sich allein, sondern wollen etwas bewirken, aufbrechen, radikal verändern für ihre Töchter, Schwestern und für andere Frauen. Dabei geht es beim japanischen Beispiel vordergründig «nur »um Lust und Kunst, Aktion und sexuelle Gleichberechtigung. Die anderen Fälle prangern Zwänge, Abhängigkeiten und sogenannte Traditionen (Beschneidungen) an, die zur Unterdrückung und Diffamierung der Frau in unterschiedlichen Kulturkreisen dienen. Die Verteufelung der Frau als verführte und verführende Eva, als Sünde und Lustobjekt ist auch heute noch gang und gebe – siehe Indien, siehe sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen vor unserer Haustür.
Barbara Miller (48), die Zürcher Filmerin, hat sich in ihren Arbeiten mehrfach mit Sexualität auseinander gesetzt («Sex im Internet – Kinder schauen Pornos, Eltern schauen weg», 2008; «Häusliche Gewalt», 2005; «Klitoris – die schöne Unbekannte», 2005). Mit ihrer jüngstem Film «#Female Pleasure» hat sie anhand der gelebten, verbotenen oder unterdrückten Sexualität die Stellung der Frau in verschiedenen Gesellschaften und Kulturen beleuchtet. Auch wenn der Film bisweilen etwas sprunghaft wirkt und die japanische Vagina-Performerin etwas aus dem Rahmen kippt, ist doch ein globales Bild entstanden, das über hierarchische Strukturen aufklärt, Auswüchse von Ideologien (Religionen) und eine weltweite «Religion», das Patriachat, an den Pranger stellt – aus femininer Sicht. Was Männer denken, meinen, bewegt, wird nur beiläufig thematisiert, wenn nämlich die somalische Aktivistin Leyla Hussein auf «Missionsreise» bei den Massai ist oder junge Männern mit Beschneidungsbildern konfrontiert werden. Gleichwohl sollte der Film allen Teenagern und jungen Männern auch bei uns vorgeführt werden. Er klärt auf, bewegt und kann etwas bewegen.
Der Film fand am Filmfestival Locarno (Semaine de la Critique) grosse Aufmerksamkeit und gewann nun am Dok-Filmfestival Leipzig den erstmals vergebenen Spezialpreis der interreligiösen Jury.

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First Man

rbr. Kein Mondmärchen. Er schrieb Geschichte, Raumfahrtgeschichte: der Mond-Mann. Er hiess Neil Armstrong und landete auf dem Mond als erster Mensch am 21. Juli 1969 in Begleitung des Kollegen Buzz Aldrin. Sein Spruch – spontan, ausgedacht oder von der NASA vorgegeben, wer weiss – ist Geschichte: «Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit.» 50 Jahre danach rekapitulierte und rekonstruierte Damien Chazelle das Spaceabenteuer neu fürs Kino. Erstaunlich, dass die Spannung trotz bekannter Geschichte aufrecht erhalten wird, erhellend, weil das Mond-Space-Hommage ganz auf den «Mann im Mond» fokussiert ist, überzeugend, weil Darsteller Ryan Gosling («LaLa Land») diese Figur nicht als Space-Hero anlegt, sondern als zurückhaltenden, verletzlichen Astronauten, der um das immense Risiko weiss, sich und seiner Familien nichts vormacht und vereinsamt.
«First Man – Aufbruch zum Mond» ist denn auch kein Heldengedicht, kein Glanz- und-Gloria-Kinomärchen, sondern ein nüchternes Drama ohne Firlefanz, aber mit Gefühl und menschlicher Nähe. Der Mensch Armstrong, die Astro-Pioniere und -Opfer stehen im Mittelpunkt sowie die aus heutiger Sicht haarsträubenden Techno-Basteleien und Wagnisse, die Trainings, Versuche und Rückschläge (Brand einer Testkapsel). Die Reise zum Mond – dazumal zu Zeiten des Kalten Kriegs als Wettlauf und Kampf der Supermächte USA und UdSSR um die Raumherrschaft dramatisiert – spitzte sich zu und fand in der Apollo-Mission 11 ihren Höhepunkt. In diesem polithistorischen Umfeld ist der Kino-film zwar eingebettet, macht diese Begebenheiten aber nicht zum Thema. Er bleibt nahe am Menschen Armstrong, seinen Söhnen (die zweijährige Tochter starb an Gehirntumor) und seiner Frau Janet (Claire Foy), die sich allein gelassen fühlt – mit Hoffen und Bangen. Das hat freilich auch zur Folge, dass die Mitastronauten mehr oder weniger Statisten bleiben wie Mitmondfahrer Mike Collin (Lukas Haas), der in der Apollo-Kapsel «einhütete» und nicht den grossen Mondschritt mitmachen konnte, oder Kommandant Jim Lovell (Pablo Schreiber), der beim Apollo 13-Start umkam.

Als Zuschauer ist man hautnah dabei, wenn Armstrong und seine Kollegen sich in ihre Raumfahrtanzüge klemmen und in ihren Kapseln eingeschlossen werden, gnadenlos der Technik ausgeliefert. Fast schon beängstigend. Wie hält das ein Mensch aus? Mit gerade-zu stoischer Unnahbarkeit, belastbar und kontrolliert absolviert Astronaut Armstrong sein Programm – und bleibt uns (wie auch seiner Frau) merkwürdig fremd. Er erfüllt seine Funktion – ohne Pathos fertig. Dass muss man dem fesselnden Astro-Drama Chazelles zugutehalten: Nationalistische Töne und Zeichen wie das Hissen der US-Fahne auf dem Mond werden nicht ausgewalzt zugunsten purer Sachlichkeit. Klar, die Mondfahrer wer-den am Ende bejubelt, aber in Massen. US-Präsident Trump, hört man, soll an diesem Understatement und nationalistischen Zurückhaltung wenig Gefallen gefunden haben. Gut so!
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Genesis 2.0
rbr. In die Schöpfung eingreifen. Als wär’s es ein Epos von Homer: Es heisst «Olonkho – Eles Bootur», ist ein jakutisches Heldenepos, umfasst ca. 15 000 Zeilen und wurde von der UNESCO ins «Kulturerbe der Menschheit» aufgenommen. Eine weibliche Stimme zitiert: «Schau her… schau her. Breitschultrig wie du bist. Dumm wie du bist. Kräftig genug bist du ja. Aber auch leichtsinnig. Einfältig und prahlerisch bist du. Wenn ich dich anschaue… kein Zweifel…». Diese Worte begleiten Bilder, die eine karge eisige, archaische und menschenfeindliche Landschaft zeigen, wie ein Relikt der Urzeit, der Genesis mutet sie an: Sibirien. Hier beginnt der Film von Christian Frei, mit Männern auf der Jagd, auf der Suche. Ihr Revier sind die vier Inseln des Neusibirischen Archipels. Die Männer stammen aus Jakutien, früher waren sie Fischer, nun sind sie Jäger auf der Suche nach dem Weissen Gold, nach Mammutzähnen. Die sind begehrt – bei Chinesen und Forschern. Die «Schatzsucher» der Arktis stochern im schmelzenden Eis, graben und pickeln die Mammutzähne aus grauer Vorzeit aus. Und die sind mehr als 4000 Jahre alt. Das bekannteste ist das Wollhaarmammut und hatte die Grösse eines Elefanten. Und solch einen Kadaver, tiefgefroren, entdeckten die Jäger um Peter Grigoriev und Spira Sleptsov. Ein gefundenes Fressen für die Forscher in Südkorea, die in Soul Tiere klonen. Über 800 Hunde haben Woo Suk Hwang, einst gefeierter, dann als Betrüger entlarvter Forscher, und sein Team in der Klonfabrik Sooam Biotech geklont. Preis eines Hundes: 100 000 Dollar. Ihr Ziel ist es, ein Wollhaarmammut «herzustellen» und zu animieren, sozusagen in die Schöpfung einzugreifen und sie zu «verbessern».
Diese beiden Ebenen verknüpft Frei grandios – hier archaische Welt zwischen Tundra, Eis und ihre «Schätze», die Männer, die im Eis wühlen und ihr Leben riskieren (einige kommen in jeder Saison um), und dort die Genforscher und «Schöpfer», die kühlen Wissenschaftler und Museumsverwalter wie Peters Bruder Semyon Grigoriev, Direktor des Mammutmuseums in Jakutsk.
Frei kommentiert nicht, kritisiert nicht und bringt es doch auf den Punkt, als eine führende Mitarbeiterin der chinesischen Gendatenbank, der grössten der Welt, gefragt wird, ob sie denn keine Skrupel und Bedenken hätte, in die Schöpfung einzugreifen. Sie ist sprachlos.
Frei will mit seinem Film nicht die «Zukunftstechnologie ‘Synthetische Biologie’ umfassend diskutieren und in ihrer ganzen Komplexität vorstellen». Er gibt Einblicke und Anstösse, stellt Fragen, klärt auf. «Genesis 2.0» ist eine filmische Reise zwischen Gestern und Morgen, zeichnet das Bild des Spannungsfelds zwischen Mythos und Zukunft. Freis Dokumentarfilm erfüllt höchste Ansprüche in Bild (Kamera: Peter Indergand) und Thema – realistisch, visuell virtuos, irrsinnig und bedenklich zugleich.
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Der Unschuldige
rbr. Ambivalenter Wahn. Da reibt man sich verwundert die Augen: Ein Schweizer Film, dazu einer, der sich zwischen Wirklichkeit und Wahn verliert? Genau, der Basler Regisseur Simon Jaquemet («Chrieg») schildert, wie das Leben der Labor-Ärztin Ruth (Judith Hofmann) ins Wanken gerät. Sie, scheinbar glücklich verheiratet und Mutter zweier Töchter, wird von der Vergangenheit eingeholt. Ihr Ex-Geliebter Andi alias Andreas (Thomas Schüpbach) sass zwanzig Jahre wegen Mordes, den er nie gestanden hat, im Gefängnis und wurde nun entlassen. Scheinbar sucht er die Nähe seiner früheren Geliebten – oder umgekehrt. Wunschbilder, Einbildung oder Wirklichkeit? Ruth verliert zunehmend den Boden unter den Füssen, auch im Forschungslabor, in dem man das Wagnis einer Kopftransplantation an Affen wahrnimmt. Eine gequälte Kreatur – wie Ruth, die ihrem Mann (Christian Kaiser) und der Glaubensgemeinde unheimlich wird. Der Ehemann sucht das Heil im Schoss der Freikirche, der sie angehören. Der Priester versucht, ihr den «Teufel» auszutreiben (nein, nicht brachial, wie dazumal 1973 beim «Exorzist»), und Ruth scheint sich gefangen… Doch dann entschliesst sie sich zu einem Befreiungsschlag – für den gequälten Affen und für sich.
Harsch und doch hautnah inszeniert Simon Jaquemet die Krise einer Frau in den Spätvierzigern, ihre Zweifel an sich, dem Glauben und den Menschen. Ist sie ein Opfer der Besessenheit, des Wahns, der Unruhe, des Zweifelns? Wer ist «Der Unschuldige» – der Geliebte oder der Affe?
Der Zuschauer muss die Partikel selber zusammensetzen, sich selber ein Bild machen. Es gibt Andeutungen, keine verbindlichen Lösungen. Das ist zumindest phasenweise reizvoll. Und die Zürcher Schauspielerin Judith Hofmann, seit 2009 am Deutschen Theater Berlin tätig, in zwei «Studer»-Fernsehfilmen und im Kinofilm «Rosie» (2013) zu sehen, bietet eine packende Performance. Das düstere, abgründige Psychodrama «Der Unschuldige» nervt aber auch durch seine aufdringliche bigotte Religiosität. Da wäre weniger mehr gewesen.
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Der Trafikant
rbr. Ende einer Wiener Idylle. Ende der Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts. Der 17jährige Franz (Simon Morzé) soll auf Geheiss seiner Mutter, das Provinznest verlassen und in Wien «gross» werden. Sie vertraut ihren Sohn, den unschuldig beflissenen Jüngling, ihrem Ex-Liebhaber an, Otto Trsnjek (Johannes Krisch), der einen Zigarren- und Zeitschriften-Kiosk betreibt (auf Österreichisch eben Trafik). Eine Drehscheibe für Genüsse sozusagen (es gibt auch erotische Magazine). Einer der Stammkunden ist ein gewisser Sigmund Freud (Bruno Ganz). Franz hält Augen und Ohren offen, sucht die Nähe des jüdischen Professors, und der gibt ihm tatsächlich ein paar Lebenstipps ohne Couchsitzung, beispielsweise über die Freude an den Freuden des Lebens, sprich Frauen. Franz, das schlaksige Unschuldslamm, verguckt sich in die fesche Böhmerin Anezka (Emma Drogunova). Die findet ihn ganz süss, hat aber andere Amouren und erfolgsversprechenden Beziehungen im Sinn.
Dann ziehen über die Wiener Gassen-Idylle dunkle, braune Wolken auf. Das nationalsozialistische Deutschland annektiert Österreich 1938. Der jüdische Kaufmann, der im Ersten Weltkrieg ein Bein verlor – fürs Vaterland, versteht sich – gerät ins Fadenkreuz der Nazi-Schergen. Franz muss fassungslos zusehen und bekennt Farbe.
Nikolaus Leytner verfilmte den Roman (2012) von Robert Seethaler, etwas betulich, aber durchaus stimmig, auch wenn manche Kulissen (Laden, Metzgerei) etwas theatralisch wirken. Franz’ Liebesbemühungen lockern die bedrohliche Stimmung – die Zeichen der Menschenverfolgung und des Faschismus – phasenweise auf. Doch insgesamt wird ihnen zuviel Raum gewährt. Bruno Ganz als gealterter Freud auf dem «verordneten» Sprung nach England scheint irgendwie aus der Zeit gefallen, einfach zeitlos.
Ein starkes trauriges Bild bleibt haften: Franz hisst die (einbeinige) Hose seines Trafikanten-Meisters. Ein Drama, mit viel Liebe zum Detail ausgestattet, beschwört eine verheerende Zeit herauf, mahnt und stimmt nachdenklich.
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Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm

rbr. Brechtsche Verfremdungen. Wer kennt die Songs nicht vom «Haifisch», der Zähne hat, von der «Seeräuber-Jenny» oder den Soldaten, «die auf Kanonen wohnen»? Sie wurden in Berlin Ende der Zwanzigerjahre und später weltweit Gassenhauer. Und da steht der Mann mit der Drehorgel (Max Raabe) und singt die Moritat vom schlimmen Frauenverführer Mackie Messe (Tobias Moretti). Wir sind mittendrin in den Proben zur Uraufführung der «Dreigroschenoper» im Sommer 1928. Es gibt Techtelmechtel zwischen den Schauspielern und Autor Bertolt Brecht (Lars Eidinger). Sie murren, begehren auf gegen das Neue, gegen diese ganz andere «Oper». Brecht, sein Komponist Kurt Weill (Robert Stadlober) und engste Vertraute Elisabeth Hauptmann (Peri Baumeister) setzen sich durch und «Die Dreigroschenoper» wird in Berlin ein Schlager und Welterfolg. Heute eine Selbstverständlichkeit, damals ein Neuansatz: Warum einen Bühnenerfolg nicht ins Kino bringen! Brecht reichte Hand zu einer Verfilmung 1930, er sollte das Drehbuch verfassen. Doch entgegen den Absichten des Produzenten Seymour Nebenzahl (Godehard Giese) von der Nero-Film AG beabsichtigt Brecht nicht, die Aufführung quasi abzufilmen, sondern das Stück zu verändern, zu erweitern. «Es wäre Unfug, Elemente eines Theaterstücks wenig verändert zu verfilmen», ist er der Meinung. Er will die Moritat von Mackie, dem Bettlerkönig Peachum, Polly und Seeräuber-Jenny nach London, ins Milieu von Soho, verpflanzen, die Story radikalisieren und den Schluss ändern. Die Produktionsfirma weigert sich, Brecht steigt aus und strebt einen Prozess um künstlerische Freiheit an. Er macht Richter, Anwälte, Journalisten zum «Mitspieler», inszeniert quasi «Wirklichkeit», nennt es ein «soziologisches Experiment». Er verliert und gewinnt zugleich. Der Film wird gedreht und 1931 aufgeführt (Regie: Georg Wilhelm Pabst) – ohne Brechts Mitarbeit und Segen.
Wer sich ein bisschen mit dem Stoff, Brecht, seinem Werk und seiner Arbeit auskennt, findet im Film vom Brechtkenner Joachim A. Lang ein Füllhorn von Geschichten um Brecht und «die Dreigroschenoper», von Anspielungen und Verstrickungen. Langs üppiger Kinofilm agiert auf verschiedenen Ebenen oder Wirklichkeitsschienen. Da ist die Bühnenproduktion, die Inszenierung, die Schauspieler, der Riesenerfolg in Berlin, dann die Werk- und Prozessebene mit Brecht und seinen Mitarbeitern, schliesslich die Brechtschen Visionen des «Dreigroschenoper»- Finals. Da marschieren Peachum (Joachim Król), seine Bettlerbande und Polizeichef Tiger Brown (Christian Redl) im Gleichschritt in eine «blühende Zukunft» – als Banker. Da fällt auch das böse Wort: «Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?»
Das Ensemble in diesem monumentalen Filmtheater über 130 Minuten ist exzellent wie kolossal – Lars Eidinger als Mann mit Zigarre und Ledermantel, eben Brecht, und Tobias Moretti als Macheath über Hannah Herzsprung als Polly und Schauspielerin Carola Neher sowie Claudia Michelsen als eiskalte Peachum-Gattin bis zu Britta Hammelstein als Lotte Lenya, Ehefrau Weills, und Seeräuber-Jenny, Meike Droste als Brecht-Gefährtin Helene Weigel und Joachim Król als gewieftem Bettler-Geschäftsmann Peachum.
Lang hat mit seinen vielschichtigen Spielfilm ganz an Brecht ausgerichtet. Der dominiert, da werden andere zu Nebenfiguren und Staffage. Gleichwohl ist Langs Hommage an Brecht ein- und weitsichtig, weist auf die düstere faschistische Zukunft (Dreissigerjahre) und den modernen Finanzkapitalismus hin. Vor allem aber zelebriert der Regisseuer geradezu die Brechtsche These der Verfremdung. Das macht es dem Zuschauer nicht leicht, die verschiedenen Rollen, theatralischen, visionären und realen Ebenen zu durchschauen. Alleweil aber ein grosses intellektuelles Schauvergnügen und Hörgenuss.
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Blaze
rbr. Unbekannte Country-Legende. Ethan Hawke, Schauspieler («Before Sunset/Sunrise Midnight» und aktuell «Juliet, Naked»), Autor und Regisseur, hat die Geschichte des Texaners Blaze Foley ausgegraben. Der Outlaw starb 1989, erschossen vom Sohn eines schwarzen Freundes. Seine Lieder sind bei uns nicht bekannt, der Blaze-Darsteller Ben Dickey, selber Folkmusiker, hat sie neu eingespielt für den Film: «Blaze», Original Cast Recording (Cinewax/Cine 811). Basierend auf den Erinnerungen von Sybil Rosen: «Woods in a Tree» beschreibt die Jahre, die sie mit dem eigenwilligen Singer-Songwriter verbracht hat. Blaze (1949-1989) war ein Vagabund, ein Country-Hippie, in Texas verwurzelt und doch unstet, ruhelos, ewig on the Road. Barde Blaze (Ben Dickey) lebte eine Zeitlang in einem Baumhaus mit Sybil (Alia Shawkat) – urig, fast paradiesisch. Ein Liebesnest. Blazes Muse, Sybil Rosen jüdischer Abstammung, ermutigt ihn, rauszugehen, seine Songs unter die Leute zu bringen. Und so tingelten die beiden mittelosen Liebenden durch Bars und Clubs in Austin, später Chicago. Sie ist sein Antrieb, seine Quelle, sein Halt für ein paar Jahre Zeit. Sie ermuntert ihn auch, seinen verhassten Vater (Kris Kristofferson) im Altenheim zu besuchen. Einer dieser tieftraurigen Augenblicke auf seiner ziellosen Reise.
Sybil jobt, Blaze, Blueser und Countrysänger, absolviert Auftritte in armseligen Bars, wird ausgebuht, sucht sein Heil im Alkohol, erleidet seinen persönlichen Blues. Die Exzesse werden immer schlimmer, so kann und will Sybil ihn nicht mehr halten. Blaze zieht allein los mit seiner Gitarre. «Meine Tage als deine Muse sind vorbei», resümiert sie deprimiert. «Ich bin eine C&W-Witwe.»
Geschickt und stimmig verknüpft Hawkes Spielfilm verschiedene Ebenen: Blazes Auftritte bis hin zur letzten Nacht im Austin Outhouse, seine kresative Liebeszeit mit Sybil und seine Ausraster und seine Fluchten bis zum Radiogespräch nach seinem Tod mit den Gefährten Zee (Josh Hamilton) und Townes Van Zandt (Charlie Sexton, Gitarrenspieler, der er auch mit Grössen wie Keith Richards, Ronnie Wood oder Bob Dylan zusammengearbeitet hat).
Das Künstlerporträt wirkt wie ein Dokumentarfilm, beschreibt die traurige Reise einsamer Seelen, eine Liebegeschichte, die sich nicht erfüllt, gefüllt mit melancholischer Musik: Eine Hommage an einen vergessenen Sänger und Liedermacher, der nie eine Platte zu Lebzeiten herausgebracht hat. Seine Lieder leben weiter, gesungen von Lyle Lovett, Willie Nelson und jetzt Ben Dickley, der für seine Darstellung in Sundance den Dramatic Special Jury Award for Achievement in Acting erhielt.
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25 km/h
rbr. Mofas machen Männer munter. Einen Spass wollten sie sich machen, die Brüder Georg und Christian Schneider, damals als sie noch jung, verwegen und abenteuerlustig waren, wollten auf Deutschlandtour gehen beziehungsweise fahren. Nichts ist daraus geworden. Und nun treffen sie sich wieder – erstmals nach 30 Jahren zur Beerdigung des Vaters im Schwarzwald. Georg (Bjarne Mädel), der Tischler, ist über all die Jahre daheim geblieben, und ist stinksauer auf seinen jüngeren Bruder Christian (Lars Eidinger), denn der kommt natürlich zu spät zur Trauerfeier. Das setzt Prügel ab. Pack rauft sich, Pack liebt sich. Zu nächtlicher Stunde bringt die alte Liebe «Tännle» alias Tanja (Sandra Hüller), von Georg geliebt, aber nie gefreit, Nahrhaftes und eine Flasche Schnaps vorbei. Auf dem Dachboden kramt Christian, erfolgreicher Topmanager mit Sitz in Singapur und anderswo, in Erinnerungen, stösst auf eine Tischtennisplatte und Mofas aus der Jugendzeit. Schnapsselig schlägt der jüngere Bruder vor, die verpasste Tour von Löchingen, ihrem Heimatdorf, an den Timmendorfer Strand nachzuholen, also vom Schwarzwald an die Ostsee. Georg ist skeptisch, doch dann alkoholisiert und euphorisiert, und so düsen die beiden in ihren schwarzen Traueranzügen los – auf dem Chopper (Christian) und der alten Zündapp (Georg).

Das ist der Beginn einer alten, neuer Bruderschaft und Auftakt zu einem kurrligen Roadmovie der beherzten und amüsantesten Art. Die beiden Helden haben Regeln für diesen Jugendtrip (nun im Alter) aufgestellt. Unter anderem verpflichten sich die Brüder, zu trinken, auf Drogentrip zu gehen, dem Sex zu frönen, die gesamte Speisekarte bei einem Griechen zu vertilgen, eine schlafende Kuh umzustossen und einen 20-Meter-Wheelie hangabwärts zu vollführen, das heisst auf einem Mopedrad zu fahren und am Hang einer Kiesgrube abzuspringen. Da kommt so einiges zusammen zwischen Höchingen, Badischer Weinstrasse, Paderborn, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Der Schwof an einem Weinfest führt zum Clinch mit zwei knackigen Festladies (Alexandra Maria Lara und Franka Potente) inklusive Steppeinlage, die beiden Moped-Helden haben ein Techtelmechtel mit einer Polizeistreife wegen «Erregung öffentlichen Ärgernisses», bei einen Tischtennis-Fight mit dem Camping-Rowdie «Hantel» (Wotan Wilke Möhring) spielen sie sich um Kopf und Mofas. Beim «Wurzelfest» (Back to the Roots) wird’s tiefgründig. Georg erfährt, dass Bruderherz Christian einen 15jährigenSohn in Berlin hat. Da gibt’s kein Halten: Georg besteht auf Kontaktaufnahme und sei es nur nur beim Fussball…
Am Anfang war eine Zündapp ZD25, die besass Markus Goller als 15Jähriger, also ein Moped mit Sitzbank, mit der er ein Mädchen «abschleppen» wollte. Diese Jugendgeschichte erzählte er Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg. Und der packte zu, wollte Deutschland von seiner liebenswert kuriosen Seite zeigen und so entstand das Slow-Roadmovie «25 km/h» (das ist die Mofa-Geschwindigkeit ohne Helm).
In den markanten Schauspielern Bjarne Mädel («Stromberg», «Der kleine Mann», «Mord mit Aussicht», «Tatortreiniger») und Lars Eidinger («Die Wolken von Sils Maria», «Werk ohne Autor», «Mackie Messer», «Babylon Berlin») fand Regisseur Markus Goller («Friendship!», «Frau Ella», «Simpel») die idealen Helden auf dem Mofa-Sattel. Die beiden sind ein Vergnügen. Die herrlich gemütliche Schelmenkomödie durch fünf Bundesländer hat Lausbuben-Charme. Sie beschreibt liebenswürdig die schräge Reise zu einer «Wiedervereinigung» und Wende, nicht im politischen, sondern im brüderlichen Sinne. Wohltuend komisch und lebensfroh, deftig und feinsinnig zugleich.
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Bohemian Rhapsody
rbr. Freddie Forever. Er starb 1991 und scheint unsterblich, was die Musik von Queen angeht. Freddie Mercury, charismatischer Leadsänger, war die Gallionsfigur einer Band, die zum Kult wurde. Das zeigte sich erst jüngst bei der SWR-Hitparade 2018, bei der über 1000 Titel in fünf Tagen über den Äther gingen. Bei der diesjährigen Hörerabstimmung in Baden-Württemberg löste Queen mit «Bohemian Rhapsody» den jahrelangen Spitzenreiter Led Zeppelin ab. Der Kultsong landete auf Platz eins und gibt dem Spielfilm von Bryan Singer den Titel. Und der fokussiert sich vor allem auf den exzentrischen Band-Leitwolf Freddie Mercury, der sich selbst zur Kultfigur stilisierte. Das Mercury-Biopic beginnt mit dem Einlauf der Band Queen ins Wembley Stadion 1985 und endet mit dem mitreissenden Auftritt von Freddie und Queen-Kumpanen bei ebendiesem legendären «Live Aid»-Konzert, organisiert von Bob Geldof.
Der später weltbekannte Rocksänger, eigentlich Farrah Bulsara mit indischen Wurzeln (Parsen/Perser) 1946 in Sansibar geboren, wurde ab 1964 in London heimisch. Nach verschiedenen Band-Beteiligungen gründete er 1970 Queen – mit Brian May (Gitarre) und Roger Taylor (Drums), Bassist John Deacon kam 1971 hinzu, und Freddie nannte sich seitdem Mercury, wahrscheinlich in Anlehnung an den römischen Merkur, Götterbote sowie Gott der Händler und Diebe.
Von der Bandgründung – Freddie erschien den Musikern wie eine Fata Morgana, sang vor und wurde zum Leader – bis zum Wembley-Grossereignis spannt sich der Spielfilm, der eine lange Entstehungsgeschichte über zwölf Jahre hinter sich hat. May und Taylor kündigten bereits 2006 eine Verfilmung an. Regisseur Bryan Sing («X-Men»), der immer mal wieder verschwand, wurde kurz vor Drehende gefeuert, Dexter Fletcher vollendete. Im Gespräch als Mercury-Darsteller waren Johnny Depp und Sacha Baron Cohen. Schliesslich übernahm der Amerikaner mit ägyptischen Wurzeln, Rami Malek, den Part. Er hat sich akribisch auf diese Rolle vorbereitet. Tatsächlich, seine Darstellung mit Hasen-Schneidezähnen und Schnauz fasziniert von Körperhaltung und Kostümierung bis zum Gesang (teilweise ist Maleks Stimme bei den Songs zu hören). Oscarwürdig. Auch wenn die Mitstreiter der Band zu oft in den Hintergrund gedrängt werden und nur Kulisse bieten – Ben Hardy als Taylor, Gwilym Lee als May, Joseph Mazzello als Deacon und Lucy Boynton als Mary tragen erheblich zur hinreissende Mercury-Hommage bei.
Vieles klammert der «Bohemian»-Film aus. Freddies frühe Jahre werden nur angedeutet, sein Verhältnis zur Familie verkommt zum emotionalen Clinch, die Bandmitglieder bleiben Staffage, seine Liebe zu Mary ein Herz-Schmerz-Nebenkapitel. Freddies Aids-Erkrankung dient als dramatische Episode, die übrigens erst nach dem «Live Aid» erkannt wurde. Spannend nicht nur für Queen-Fans sind die Werk-Passagen, in denen die Entstehung etwa des Sechs-Minuten-Klassikers «Bohemian Rhapsody» geschildert wird. Über weite Strecken ist das Pop-Drama plakativ und oberflächlich, wird zur bunten Zeitreise und visuellen Hommage an eine exzentrische Pop-Persönlichkeit. Gleichwohl packt der Musikfilm und sorgt für Pathos pur, besonders im letzten Drittel mit dem Wembley-Höhepunkt. Da bleibt kein Auge trocken!
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Woman At War
rbr. Sabotage mit Pfeil und Bogen Island. Sie rennt durch die raue Landschaft, springt über Stock und Stein über sich einen dunklen Himmel, stoppt an einer Stromüberlandleitung, spannt den Pfeil in ihren Bogen und schiesst ein Seil über die Leitung, verursacht einen Kurzschluss und legt das Stromnetz lahm. Halla (Halldóra Geirharðsdóttir), um die 50, ist Umweltaktivistin und führt Krieg gegen die lokale Aluminiumindustrie, die von chinesischen Investoren aufgekauft werden soll. Ihre Sabotageakte sollen Investoren abschrecken und die Highlands vor Ausbeutung retten. In der Not findet sie im Farmer Sveinbjörn (Jóhann Sigurðarson), Vetter dritten Grades oder so, einen heimlichen Verbündeten.
Mehr sollte man in Filmen von Benedikt Erlingsson nicht verraten. Nur so viel: Halla hat eine Zwillingsschwester Asa (Geirharðsdóttir), mit der sie vor Jahren die Adoption eines Mädchen beantragt hat, ausgerechnet jetzt wurde ihr Antrag bewilligt und sie hat die Möglichkeit, Nika, ein vierjähriges Waisenmädchen aus der Ukraine, zu sich zu holen.
Unverhofft kommt oft. So treten bei Hallas Aktionen unvermittelt drei Musiker auf – ein Mann am Klavier oder Akkordeon, ein Drummer und ein Bläser (Sousaphon/Tuba). Das kann mitten im Nirgendwo, am Flughafen oder sonstwo passieren. Kommt Nika aus Ukraine ins Spiel beziehungsweise ins Gespräch, trällert ein Damentrio in ukrainischer Tracht herzerweichend. Als Running Gag funktioniert ein Velotourist aus Peru, der sich zufällig an «Tatorten» aufhält und wiederholt als Terrorist verdächtigt wird.
Der Isländer Erlingsson, der schon mit seinem skurrilen Episodenfilm «Of Horses and Men» köstlichen Kinospass mit Hang zum schwarzen Humor bot, schickt nun eine Aktivistin in den «Krieg», die auch mal eine Drohne mit Pfeil und Bogen vom Himmel holt. Nordisch lakonisch und schelmisch erzählt er ein modernes Märchen, das Naturschutz wörtlich nimmt und für Naturrecht plädiert wie für Menschenrechte. Witzig ist auch eine kleine Szene, in der Wirtschafts- und Politköpfe – darunter Jon Gnarr, Komiker, Schriftsteller und ehemaliger Bürgermeister von Reykjavik (2010 – 2014) – sich am sagenhaften Thingplatz (Thingvellir – wichtiger politischer Versammlungsort über 850 Jahre) treffen und die prekäre Lage um die Sabotageakte diskutierten. Erlingsson will mit seinem Film «Woman at War» auch an Frauen erinnern, die um Land und Leben an sich kämpften – so Berta Cáceres in Honduras und Yolanda Maturana aus Kolumbien, beide wurden ermordet.
Sein Film ist als Heldenabenteuer gemeint, ein Märchen mit einem Lächeln und Ode an Artemis, griechische Göttin der Jagd und des Waldes, Hüterin der Frauen und Kinder. Halla wird zur modernen Artemis: rigorose Solo-Kämpferin fürs Ganze. Einer der abenteuerlustigsten und liebenswertesten Kinofilme des Jahres.
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to be continued

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