FRONTPAGE

«Das unbekannte Ich»

Von Ulrich M. Schmid

Bukarest ist chaotisch, bunt, unfassbar. Das Rätselhafte dieser Stadt war für den rumänischen Schriftsteller Mircea Cărtărescu zunächst eine Belastung, später wurde aber gerade die Unlesbarkeit des Ortes zur Inspirationsquelle. In den vergangenen fünfzehn Jahren hat er es unternommen, ein weiteres unbekanntes Objekt – sich selbst – in Bukarests Strassen und Gebäude einzuschreiben.

Entstanden ist dabei die monumentale «Orbitor»-Trilogie, deren zweiter Band «Der Körper» nun auch in einer sorgfältigen Übersetzung auf Deutsch vorliegt. Der lakonische Titel verweist auf eine geheime Gesamtstruktur: Die Trilogie ist wie ein Schmetterling aufgebaut – Band eins und drei stellen die Flügel des Insekts dar, Band zwei den Thorax. Natürlich spielt Cărtărescu hier mit dem Phänomen der Metamorphose, das auch schon den Lepidoptera-Fan Vladimir Nabokov fasziniert hatte.

In Cărtărescu 600 Seiten starkem Roman verwandeln sich Dinge in Lebewesen und Menschen in Gegenstände. Die hässlichen Hochhäuser richten sich wie «erigierte Schwellkörper» auf, die Denkarbeit des Bewusstseins wird als maschineller Ablauf beschrieben. Alles wuchert und wächst über sich selbst hinaus: Das Ich des Autors sprengt die Grenzen seines Körpers und nimmt den gesamten Raum der vor Hitze flimmernden rumänischen Hauptstadt ein. Cărtărescu geht von der radikalen Fremdheit des eigenen Ich aus. Vor einem Spiegel betrachtet sich der Autobiograph mit unverhohlenem Misstrauen:

«Ich blickte mir in die Augen, als wäre hier der rätselhafteste Maler der Welt am Werk gewesen. Das schmale Gesicht aus Perlmutt mit seinen leicht asymmetrischen Zügen, das linke Auge von einer alten Parese verfinstert, das rechte wiederum glänzend wie ein Tropfen Tau, so menschlich und warm … Der Mund sinnlich und trübsinnig, hellbraun und drahtig wie der Schnurrbart, wild gewachsen die schwarzen Haarsträhnen und selten gekämmt, filzig werdend im dichten Filz der Dunkelheit ringsum.»

Das Ich und seine Umgebung gehen ineinander über und bilden gemeinsam ein pulsierendes Bewusstsein. Das Ich steckt nicht im Container des Körpers, so wie es die traditionelle Vorstellung der im Leib gefangenen Seele will. Cărtărescu definiert Identität als phantastischen Aneignungsprozess der eigenen Lebensgeschichte und fordert damit die traditionelle Vorstellung einer Übereinstimmung von Fremd- und Selbstbild heraus. In letzter Konsequenz heisst dies: Die Lebensgestaltung kann nicht angebbaren Regeln folgen, sie ist eine Kunst.

Cărtărescu vermag sein eigenes Ich erst zu erfahren und zu lesen, wenn er es als Buch konzipiert – und ebenso komplex, schillernd und ausufernd wie sein Ich ist auch die Erzählung dieses Ichs geraten. Die Wirklichkeit ist in diesem Lebenstext nur ein «korrosives Medium», das leicht nachgibt und sogar zerfällt. Wahrheit kommt nur dem Buch zu, in dem sich das eigentliche Leben abspielt. Cărtărescu entführt sich selbst und seine Leser in die mythische Welt seiner Kindheit – der zugleich glücklichen und trostlosen Zweisamkeit mit einer abgehärmten Mutter, die sich ihr karges Brot als Näherin verdient. Bei dieser Schilderung wechselt Cărtărescu von der ersten in die dritte Person und unterstreicht damit die Fremdheit der eigenen Autobiographie.

Der kleine Junge führt mit seiner Mutter eine isolierte Existenz, die für beide in der sexualfreien Grauzone eines noch ungeahnten oder bereits entzauberten Glücks liegt: Das Kind lebt vor der Erfahrung der Erotik, die Mutter nachher. Die prekäre Idylle des inzestuösen Paares in einem sozialistischen Plattenbau wird nicht nur von der Ceausescu-Diktatur gestört, sondern auch vom Erzeuger, der keine Liebe kennt. Der Vater tritt als dunkler Dämon in Erscheinung, der seinen Sohn mit grausamer Erziehung an die Härte des Lebens gewöhnen will. Die Unnahbarkeit und Exzentrizität des Familienpatriarchen wird für den Sohn sinnfällig in den pomadisierten Haaren, die wie ein schwarzer Helm aussehen – der Vater schläft sogar mit einem Damenstrumpf über dem Kopf. Damit wird der Vater selbst auf die Form eines Phallus reduziert, der ausser der sexuellen Reproduktion keine weiteren Funktionen aufweist. Dem Jungen graut vor dem Erwachsenwerden, das ja gleichzeitig auch Mann werden bedeutet – als Dreijähriger trug er Zöpfe, die er später immer wieder mit Tränen in den Augen aus der Kartonschachtel nimmt und küsst.

Cărtărescu ist mit seinem Roman ein künstlerisches Meisterwerk gelungen, in dem er das Sinnvakuum seines eigenen Lebens mit immer kühneren Metaphern und Erzählungen auffüllt. Dabei greift er auf das literarisch bisher wenig genutzte Reservoir der medizinischen oder biochemischen Terminologie zurück. Der menschliche Körper und das ihn wahrnehmende Bewusstsein stehen in einem komplizierten Wechselverhältnis: Energie und Materie werden ständig ineinander überführt, verstärkt oder auch zerstört. Diese Prozesse sind ebenso bedrohlich wie verzaubernd.

Das eigene Ich tritt Cărtărescu als tremendum fascinosumentgegen – sein grossangelegtes autobiographisch-künstlerisches Projekt verströmt eine merkwürdige Aura der Surrealität. Wirklich ist in Cărtărescu Roman nur die sinnlich erfahrbare Prosa. Die Realität selbst ist unwirklich und zerfällt in sinnlose Fragmente, die erst in einem anstrengenden Gestaltungsakt zur einem lesbaren Ganzen zusammengefügt werden müssen.

Dem kreativen Sog von Cărtărescu Prosa kann man sich nur schwer entziehen – sein Zauberbuch steckt den Leser mit dem grundsätzlichen Zweifel an der Wirklichkeit unserer Lebenswelt an und entlässt ihn benommen in eine Realität, die er schon nicht als endgültige anerkennen kann.

Auszug aus «Der Körper»:

„Ich erlebe nichts mehr wirklich, obschon ich mit einer Intensität lebe, die sich in schlichten Empfindungen gar nicht ermessen lässt. vergeblich öffne ich die Augen, denn ich kann nicht mehr sehen. Vergeblich pflanze ich mich vor meinem ovalen Fenster auf und versuche Töne aufzufangen. Es ist, als hätte ich nicht nur einige wenige, sondern Milliarden Sinne, und jeder ist anders als der andere, jeder auf andere Reize eingestellt: der eine nur auf die Form der Tasse, aus der ich meinen Kaffee trinke, ein anderer auf die Form des Traums, von heute Nacht. Ein nächster wiederum auf das schreckliche Flüstern in meinen Ohren, das ich – im zerschlissenen Schlafanzug, die Sohlen auf dem Heizkörper – vor einigen Jahren an der Stefan-cel-Mare-Chaussee in meinem Zimmer sitzend sehr deutlich gehört habe. Ich nehme keine Lichtveränderungen mehr wahr, unterschiedliche Tonhöhen, nicht die Chemie der Nelke und des Spülwassers, sondern stets ganze Szenen, sie erfasst plötzlich ein virtueller Sinn, der sich im Zentrum meines Hirns ad hoc jeweils eigens für jene eine glasige und wellenschlagflüchtige Szene auftut, er geht eine Reaktion mit ihr ein, verändert sie, plattet sie ab, besetzt sie wie eine Amöbe und bildet mit ihr zusammen eine neue Wirklichkeit, zugleich uralt und unmittelbar gegenwärtig, von Sehnsucht erhellt und von Fremdheit verdunkelt. Als müssten die Dinge, um mir zustossen zu können, mir alle bereitsk zugestossen sein, als gäbe es alles schon in mir, nur eben nicht gross aufgegangen und als Ganzes, sondern in kümmerlichen, eng umeinandergewickelten schrumpeligen Folien, lauernd in den Strukturen des Gehirns – aber auch in meinen Drüsen, meinen Organen und meiner Abenddämmerung, meinen Häuserruinen -, wartend auf Bestätigung und Nahrungszufuhr durch die modulierte Flamme des Daseins, die ihrerseits noch unerfüllt ist und embryonal.“

 

 

Mircea Cărtărescu.

Der Körper.

Aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold. Paul Zsolnay Verlag, Wien. 608 S., CHF 35.90.

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