FRONTPAGE

«Visuelle Konkrete Poesie in Fortsetzung»

Von Eugen Gomringer

 

Mit ihrer neuen Gedichtsammlung «Die Anatomie der Worte» bekennt sich Ingrid Isermann zur Konkreten Poesie in deren authentischster Form. Das bedeutet, dass es daneben noch eine zweite Form der Konkreten Poesie gibt, der jedoch statt der eindeutigen Zugehörigkeit die Rolle eines Zweiges zukommt, dem Mehrdeutigkeit zugeschrieben werden kann.

In der Tat weist Ingrid Isermann bereits ein Werk auf, das in seiner Abweichung von systembildenden Buchstabenbildern, das heisst durch eine bestimmte syntaktische Semantik Bekanntheitsgrad besitzt, aber ebenfalls zur Konkreten Poesie zählen darf.

Es scheinen die beiden unterschiedlichen Zugänge zur Poetik, Alphabetismus, Anagrammatik und «Anatomie» einerseits und Prosaverhaftung andererseits tatsächlich vereinbar in ein und demselben kreativen Ursprung.

Visuelle Konkrete Poesie stellt sich heute, das heisst insbesondere seit den frühesten 50er Jahren des 20. Jahrhunderts dar in einer Spielart plakativer Sprache. Sie versteht sich im Anspruch auf «Augenhöhe» zum Leser jüngerer Generationen, der rasch verstehen, rasch kommunizieren will. Sie nimmt die Formen auf, welche in der internationalen Werbesprache vorherrschen und bildprägend wirken.

 

 

Im Kreis der Dichter ihrer Frühzeit wurde auf die Historie der optischen Sprache verwiesen, und das mit Recht, versteht sich doch Bildlichkeit der Sprachzeichen, in Symbolhaltigkeit und Figürlichkeit, als einer der ältesten kulturellen Werte. Die Dichter der neuen Visuellen Konkreten Poesie wissen neben der Aneignung des Sprachgeschehens ihrer Zeit durchaus auch von ihrer Verpflichtung gegenüber dem immensen Repertoire an Formen und Ideen der Gestaltung von bedeutenden Zeichen. Im kreativen Zugriff liegen immer neue, erneuerte Chancen. Nicht selten aber weisen Gedichte des sentenziellen Zweigs Konkreter Poesie mit freien Konstellationen auf zeitlose Sprachkunst.
Wenn der neue Band von Ingrid Isermann einsetzt mit der Antithese «nichts ist geschehen und alles ist passiert», vier Zeilen in grosser schwarzer Schrift auf dunkelgrauer Fläche, gibt sie zum Beispiel fernöstlicher Weisheit Raum und öffnet manchem heutigen Leser die Augen. Falls dieser Leser gewonnen ist, verwickelt er sich Blatt um Blatt in Denk- und Sprachfallen. Er wird angelockt, Sprachbilder zu lesen, Wortfolgen zu verstehen, dies aber nicht nur linear, sondern immer wieder zurückblickend. Repetition ist eine der wirksamsten Techniken dieser Poesie. Die Dichterin lässt ihn nicht los bis er kapituliert und sich bei «na und» und bei «vielleicht» versucht. Dass er Gegenwart vorgesetzt bekommt, wird ihm und seiner Generation klar vor Augen gestellt durch anatomische Trennung in «gene Ratio n» Sollte er sich bei dieser und anderen Aufgaben übernommen haben, legt ihm die Dichterin ins Auge und in den Mund: «Give Me A Break». Dies überdeutlich in Versalien. Nach der Pause kann sich unser Leser – wir – mit Rilke am Panther versuchen – oder am Panter? Wörterbücher verweisen von einem zum andern und geben den Rat, es mit dem Pardel bzw. dem Leoparden zu versuchen. Soweit über den Stolperstein «h».

 

Ingrid Isermann versteht das grosse Spiel der visuellen Poesie. Sie kurvt bisweilen scharf um Legendäres dieser Gattung herum, bringt aber als Anatomin gutes Neues zutage, denn aus dem Körper, den sie untersucht, ist noch vieles zu holen: wortwitz- und netzwerkbewaffnet hebt sich diese Dichterin auf das konkrete Podest.

 

 

 

 

 

«Wer kennt ihn nicht, diesen Moment?: Man denkt ein Wort, man spricht es aus – und wiederholt es so oft, bis es nur noch Klang ist oder Rhythmus und man sich partout nicht mehr daran erinnert, was es eigentlich bedeutet. Die Buchstaben und Silben, eben noch sinnvoll verbunden, stieben auseinander wie ein Vogelschwarm von dem Geländer einer Brücke. Sie lösen sich, werden einzeln sicht- und hörbar, lassen uns für einen Augenblick stutzig zurück, um dann wiederzukehren und sich erneut zusammenzusetzen. Und plötzlich begreifen wir viel besser als zuvor, wie dieses kurzfristig von Sinn befreite Wort gebaut ist.
Der Künstlerin und Lyrikerin Ingrid Isermann gelingt mit ihren Arbeiten genau dies: uns die Anatomie der Worte vor Augen zu führen. Ihre Wortbilder spielen mit dem Moment zwischen Auflösung und Neuordnung, mit diesem kurzen Taumel, der sich jenseits des Geländers einstellt und in dem uns wohlvertraute Dinge gleichermassen fremd wie anziehend erscheinen».      

Britta Schröder, Kunsthistorikerin  (Auszug)

 

 
Charles Linsmayer, Zürich (Auszug)
… wunderbar, wie Du einen Querschnitt durch Dein Schaffen vorlegst, der dann in seiner Fülle und Variationsbreite zwischen Konkret und Bedeutsam doch wieder eine Brücke schlägt und nicht nur das schöpferisch Geleistete, sondern auch Dich selbst, Deine Persönlichkeit, Deinen Zugang zum Literarischen, zum Gestalterischen, zum Denkerischen mit präsentiert und auf eine überzeugende Weise abrundet… auf so gewinnende, anschauliche und bei aller Abstraktheit auch unterhaltsam-abwechslungsreiche Weise sicht- und nachvollziehbar zu machen. Ich freue mich über Dein aussergewöhnliches Buch und bin überzeugt, dass noch viele, die sich ernsthaft mit der Poesie und ihren geistigen, intellektuellen und künstlerischen Weiterungen auseinandersetzen, meine Freude teilen werden.

 

 

www.berglink.de

 

Lesung mit Eugen Gomringer im Lavatersaal, St. Peter, Donnerstag, 29. Januar 2015, 19.30 Uhr,

St. Peter-Hofstatt 6, 8001 Zürich. Einführung: Pfr. Ulrich Greminger, Kirchgemeinde St. Peter.

 

 

 

Parabel 

 

Nichts

ist geschehen.

Und alles

ist passiert.

 

Alles

ist passiert

und nichts

ist geschehen.

 

Jedes Zuviel

ist ein Zuwenig.

Und jedes Zuwenig

ein Zuviel.

 

 

            Tentakel

Nicht
das Gesagte
verfängt.

 

Das Ungesagte
wirft seine
Widerhaken aus.

 

Die Worte
sie flattern
im Wind.

 

 

Relief in Weiss

 

Wie die Rundungen

Eines Körpers

Körperhaft

Porentief glitzert

Der Schnee auf den Hügeln

Die Linien tanzen

Schneeballett

 

Ein Relief

In Weiss

Weiss um

Die Schatten

Die der Berg

Wirft

 

 

Les étoiles de mer

 

Manchmal frage ich

Die Sterne.

Manchmal frage ich

die See

Manchmal kommen

Seesterne

Wie gerufen

 

 

Im Bergell

 

Granitdächer, Lärchenwälder, Bergzacken

aus Schnee und Eis gemalt in den azurblauen

Himmel,

der Kopf eines Philosophen als Wolkenbild…

hier im Bergell, Restaurant Bardeglia, in der

Mittagshitze einer Fata Morgana, vor dem Besuch

des Museums «Ciäsa Grande» in Stampa, immerzu

muss ich denken an das Plakat, die Ausstellung

von Alberto Giacometti im Zürcher Kunsthaus

«La Mama a Stampa»…

ich sehe, mein Schatten schreibt immer

mit, in der Sonne…

 

 

Kraftakte

 

Gedichte sind Kraftakte

Die das fragile Leben feiern

Leben ist

Der Ruf des Lebens

Nach sich selbst

 

 

 

Ingrid Isermann

Die Anatomie der Worte

Visuelle Konkrete Poesie

Gedichte Texte Poems

Beiträge:

Prof. Eugen Gomringer

Dr. phil. Britta Schröder

Wolfsberg Verlag, Zürich 2014

160 S., Softcover, 12.5×20 cm,

Fadenheftung

CHF 29. € 25.

 

Vorzugsausgabe mit Original-Lithographie ASK WHY

Steindruckerei Thomi Wolfensberger

CHF 300

 

 

 

Gedichte aus den ersten Wörtern


Ein romanischer Selbstversuch
Von Angelika Overath

 

Poesie ist die Muttersprache des Menschengeschlechts, sagen die Dichter, und die Mütter vermitteln ihren Kindern singend, klatschend über Verse, Rhythmus und Reim, das erste Gefühl für Worte und ihre Wirkung. So begann auch ich zu spielen. Mein Material wurden alte Wörterbücher, aktuelle Online-Lexika, Sammlungen von Redewendungen und Sprichwörtern. Mein Jagdinstinkt folgte der Lyrik von Assonanzen auf der Suche nach einem Ton, dem die Sprache mit ihrem Eigensinn antwortete. Im Romanischen ist das Wort für Klang, sun, identisch mit der ersten Person Singular von sein, esser,. Ich bin: eu sun.

Romanisch schreibend wuchs meine erste romanische Identität. Die entstandenen Gebilde nannte ich poesias, Gedichte, zum einen wegen ihrer Kürze, zum andern, weil ihr Grund und Gegenstand vor allem die Sprache war.
Mir gefiel diese Liebelei mit dem Vallader; meine romanischen Schriftstellerkollegen akzeptierten, was ich da tat, lachend, und ich trat als Maskottchen in die Uniun litteratura rumantscha, den romanischen Schriftstellerverband, ein.
Die vorliegende Auswahl «Poesias dals prüms pleds» (Gedichte aus den ersten Wörtern) versammelt Texte, die zwischen April 2009 und Juli 2014 entstanden sind.

 

Angelika Overath gibt hier eine veritable Gebrauchsanleitung für die Liebe zur Sprache, zur Dichtung, wie man sich einer Sprache, auch Fremdsprache annähern und sie anverwandeln und sich an-eignen kann. Ein Jagdinstinkt, zur Nachahmung empfohlen! Und eine ganz wunderbare Spracherfahrung und Lektüre.

Ingrid Isermann
Poesias: Spics per la vita.
Poesias our da prüms pleds. Per viver a Sent ed imprender rumantsch ha Angelika Overath cumanzà a scriver cuortas poesias per vallader.

 

Lesung Angelika Overath mit Arno Camenisch, Montag, 5. Januar 2015, 20 Uhr, Kaufleuten Zürich. Moderation Röbi Koller und Mona Vetsch.

 

 

 

In üna

lingua estra

tout es da stà

 

In einer

fremden Sprache

ist immer Sommer

 

In der anderen Sprache

lacht alles

 

Die fremde Zunge

spricht dich

frei

 

 

 

Sotto voce

 

Tü portast eir

il led

aint il

pled

rumantsch

 

 

Im romanischen Kleid

versteckst, Wort,

du das Leid.

 

So wäre der Ton

auch ein Spiegel

der Not.

 

 L’aquarel da Dieu

 

Il tschêl s’ha scleri.

Ed il mar es darcheu pinel

e culur.

 

L’aua pittura

sia vgnüda

aint il sablun:

 

glünas d’argient, d’argient, d’argient …

 

sclerida blaua

chi svanischa

aint il fuond.

 

 

Gottes Abschiedsaquarell

 

Der Himmel hat aufgeklärt.

Und das Meer ist wieder Pinsel

und Farbe.

 

Das Wasser malt

sein Kommen

in den Sand:

 

Monde aus Silber, Silber, Silber –

 

blaues Aufleuchten,

das verschwindet

im Grund.

 

 

 

Angelika Overath
Poesias dals prüms pleds

33 romanische Gedichte

und ihre deutschen Annäherungen

Deutsch, Vallader
Verlag Klaus G.Renner, 2014

CHF 24.

ISBN: 978-3-927480-65-0

 

(Biographie siehe Autorinnenseite Literatur & Kunst)

 

 

Wunderhorn-Lyrik-Taschenkalender 2015


17 Dichterinnen und Dichter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben jeweils zwei Lieblingsgedichte deutscher Sprache ausgewählt und kommentiert. Der Herausgeber stellt gemeinsam mit dem Lyriker und Essayisten Henning Ziebritzki alle am Taschenkalender beteiligten Autoren und Kommentatoren mit je einem exemplarischen Gedicht vor.

 

«Ich bleibe am Rand. Nichts von der Strömung, die soll mich verschonen», schrieb Ilse Aichinger 1976 in ihrem eigensinnigen Prosagedicht «Insurrektion». Und dieses Bekenntnis zur Existenz am Rand war auch ein Akt des Widerstands gegen die Herrschaft der gefälligen Formulierung und gegen die vorschnelle «Bildung von Zusammenhängen». Auch die Gedichte des Lyrik-Taschenkalenders 2015 arbeiten auf unterschiedliche Weise an dieser ästhetischen «Insurrektion» und an der schönen Kunst, alte Sprach- und Denk-Ordnungen aus den Angeln zu heben.
Mit Gedichten von: Hans Arp, Mirko Bonné, Carolin Callies, Hugo Dittberner, Ralph Dutli, Johann Wolfgang von Goethe, Annette von Droste-Hülshoff, Sylvia Geist, Stefan George, Matthias Göritz, Anneliese Hager, Norbert Hummelt, Gottfried Keller, Jan Koneffke, Ursula Krechel, Nadja Küchenmeister, Jan Kuhlbrodt, Michael Lentz, Friederike Mayröcker, Klaus Merz, Eduard Mörike, Herta Müller, Alexander Nitzberg, Marion Poschmann, Arne Rautenberg, Hendrik Rost, Katharina Schultens, Christian Steinbacher, Jürgen Theobaldy, Georg Trakl, Clemens Umbricht, Insa Wilke, Paul Wühr, Carsten Zimmermann, Henning Ziebritzki und Albin Zollinger.

 

 

Die Tauben schlummern im Hause:

Wo aber fliegen die Abendvögel hin?

Der Wasserfall dämpft sein Gebrause:

Wo aber rinnen die Bäche hin?

Friedlich wurzelt der Rauch auf den Dächern:

Wo aber strömt das Nachtgewölk hin?

Lichter stehen in tausend Gemächern:

Wo aber sinken die Sterne hin?

Immer indem wir liegen und schlafen

Lösen sich Schiffe dunkel vom Hafen.

 

Albin Zollinger

 

 

Herausgeber Michael Braun
Lyrik-Taschenkalender 2015

Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2014
224 Seiten, gebunden

€ 15.80
ISBN: 978-3-88423-464-8

 

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