FRONTPAGE

«Fotomuseum Winterthur: Die Fotografie ist nackt wie nie»

Von Daniele Muscionico

 

 

Der ehemalige Shooting-Star der Fotografie, Juergen Teller zeigt den Bedeutungsverlust des Mediums am eigenen Körper – seine neue Nacktheit ist die alte Hilflosigkeit vor der Message. Der Trend zur Spielerei macht aus der zeitgenössischen Fotografie ein Krisenphänomen.

Weibliche Brustwarzen sind in Europa museumsreif, das macht Männer und Babys glücklich. Im Fotomuseum Winterthur hängt ein solches Exemplar in monumentaler Übergrösse, eine konzentrische Rundarchitektur, eine kecker Kuppel. Die Dimension des Bildes macht die Aussage nicht wesentlicher, aber wesentlich bedeutungsschwerer. Um den vorsätzlichen Nippelgate philosophisch zu verankern, hat ihm der Fotograf ein inhaltliches Pendant beigesellt: eine säugende Wildschweinmutter.
Brustwarze trifft Schwein, das ist die Welt von Juergen Teller. Die ironische Paarung ist symptomatisch für die aktuelle Ausstellung des deutschen Star-Fotografen. Im massgebenden Haus für Fotografie, dem Fotomuseum Winterthur ist eine intime Reise zu sehen in die ästhetischen Assoziationen des ehemaligen Shootingstars und in seine mehr oder weniger ironische Gedankenwelt. «Enjoy your life!», heisst der affirmative Titel, und ausgepresste Blutorangen sind die Teaser der Premiere, die die neue Direktorin, Nadine Wietlisbacher und der Künstler kuratiert haben: Die Supersäuger-Schau ist ohne Zweifel ein gefundenes Fressen für alle Teller-Fans.
Und deren gibt es viele. Der deutsche Mode- und Werbephotograph in London hat in den neunziger Jahren wegweisend dazu beigetragen, dass die Fotografie die Akademie verliess und ein Publikum fand, das sie als Pop und Lifestyle lesen lernte. Fotografie war das, was später die sozialen Medien abdeckten sollten, sie war Pulsgeberin und Pulsnehmerin von Trends und Twists und zuständig für alles, was jung, gut gebaut und sexy war.

 

 

Juergen Teller, Superstar
Juergen Teller, in England auf der Flucht vor dem deutschen Wehrdienst, befand sich am Beginn seiner Karriere zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Die Porträts eines damals unbekannten Frontsängers einer Band namens Nirwana, Kurt Cobain, machten ihn über Nacht zum Shootingstar. Heute ist der einstige Celebrity-Jäger längst selbst ein Celebrity – an der Vernissage in blauen Socken, grünen Turnschuhen und roten Hot-Pants fotografierte er sich und die Seinen ausgiebig, mit dem Handy. Teller Superstar ist ein Künstler, dessen Publicity es nicht schadet, dass die Mutter seiner Kinder die wichtige Londoner Powerfrauen, die Galeristin Sadie Coles ist.
Doch bereits in den Nullerjahren war in seinem Werk eine gewisse eingetrübte Melancholie zu beobachten. Vielleicht sogar Resignation? Müde geworden von den Egos der Stars, begann sich Teller nackt selber zu porträtieren. Keine fremden Eitelkeiten, keine Auftraggeber, die ihm in seiner Arbeit mit drögen Wünschen behelligten. Er hatte Vivienne Westwood entblättert und auf ein Sofa drapiert, er zeigte Charlotte Rampling im Louvre nackt vor dem Bild der «Mona Lisa». Nun stand er vor der eigenen Kamera – nicht wie Gott ihn geschaffen hatte allerdings, sondern in dem bedenklichen Zustand, in dem sich ein 40-jähriger mit Liebe zum Alkohol selber versetzt hat. Tellers Nacktheit war auch ein Fanal welkender Männerblüte.

 

 

Selbstporträts eines Bankrotts
Was zunächst ein Spleen schien, beschäftigt ihn bis heute. Teller zieht sich vor seiner Kamera gerne aus. Er trägt auf seinen Selbstporträts vorzugsweise nichts als bunte Socken, und sein runder nackter Bauch gleicht einer Schwimmweste, die ihn in seiner eigenen Geschmacklosigkeit nicht untergehen lassen soll. Er legt sich für seine Bilder ohne Kleider auf edle Musikinstrumente, dekoriert sein Gemächt (Luftballone!), er posiert mit Bier und Fussball am Grab seines Vaters. Auf der Suche nach immer wieder Neuem, Überraschendem, verkörpert er den alten Adam der Vergeblichkeit. Tellers «Self-reflections», kompositorisch zwar so stark wie in seinen Anfängen, huldigen keinem Vorbild mehr; sie verklären den Zynismus eines Künstlers, der Kunstideale für bankrott erklärt.
Denn der nackte Teller ist keine nackte Bacon-Figur, verformt, zerstört, faszinierende Sinnbilder menschlicher Angst und Qual. Der hüllenlose Fotograf spricht vom Degout vor sich selber und der Kunst. Gerne legt er in Museumsvitrine auch Teller aus, Porzellan-Teller mit «Teller»- Motiven. Ein Künstler erklärt sich zur Ware und macht sich selber platt.

 

 

Gesucht: neue Dringlichkeit
Das Beispiel Juergen Teller ist ein Krisensymptom und zeigt, wie die zeitgenössische Fotografie als Konzeptkunst nicht nur ihren Ruf riskiert; sie ist längst bereit, ihn zu verspielen: Sie verspielt ihn mit formaler Variationen über fotohistorische Klischees und Ikonen. Wo Message war, herrscht Manierismus.
Seit der Fotojournalismus in seiner alten Form an Bedeutung verloren hat, die sozialdokumentarische Fotografie das bewegte Bild entdeckt, seit die Dringlichkeit einer «concerned photography» von Cornell Capa den digitalen Wandel mehr schlecht als recht überlebt – ist unklar, wozu das Medium Fotografie noch taugt.
Was sie einmal getaugt hat und wozu sie im Stande und aufgerufen war, lässt sich derzeit in der Photobastei entdecken. Man feiert einen der letzten grossen, deutschen Fotojournalisten, Robert Lebeck. Der 2014 verstorbene Berliner arbeitete lange Jahre für den «Stern», er war für das Image der deutschen Politik und ihrer Protagonisten mitverantwortlich. Lebeck fotografierte den Prager Frühling ohne die russischen Panzer, denn er begleitete Rudi Dutschke auf seinem Besuch bei friedlich demonstrierenden Prager Studenten. Das Bild, das sich die Bundesrepublik von den Verwerfungen des Jahres 1968 machte, war beeinflusst von den humanistischen Reportagen Lebecks. Allein für den «Stern» waren das im geschichtsträchtigen Jahr 24 mehrseitige Bildstrecken.
Robert Lebeck porträtierte alle wichtigen deutschen Stars, Sportler, Musiker, Prominente entlang ihrer wechselhaften Karrieren. Er hat auch die bedrückende Bildserie von Romy Schneider geschaffen, deren Entstehung 1981 jüngst Stoff für den Kinofilm «Drei Tage in Quiberon» war. Lebecks klassische Hinterlassenschaft sind Geschichtsdokumente. Er ist und war ein Dinosaurier.

 

 

Letzte Ausfahrt Jurassic Park?
Auch im Werk von Juergen Teller findet man das Motiv des Dinosauriers überraschenderweise. Hier allerdings ist es eine jammervolle Referenz an Grosses und Vergangenes. Tellers persönliches Fossil steht in seinem persönlichen Garten – es ist ein aufblasbarer Dino, ein selbstironisch luftleeres, ausgepumptes Stück bunten Plastiks. Natürlich hat der Künstler dessen Niedergang, eine vielsagende Metapher, fotografiert.
Zeitgenössische Fotografie erschöpft sich zusehends in formaler Spielerei. Auch «Double Take», eine «wahre Geschichte der Fotografie» ist eine Ausstellung, die solche Befürchtungen nährt. Die Schweizer Bricolage-Künstler Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger sind die Protagonisten eines Handwerks, die ikonische Bilder in einer Form von «Making of» nachstellt. Hätte man die sympathischen Youngster und ihre Hommage an ihre Meister vor dreissig Jahren entdeckt, man würde heute die Kunst von Fischli/Weiss kaum vermissen.
Doch in der Nachfolge der grossen Kunst-Schwindler der 20. Jahrhunderts nehmen sich die Reenactments von Cortis & Sonderegger sentimental aus. Ohne Frage ist ihr Erfolg eindrücklich und ihre Gefolgschaft gross. Das Bedürfnis nach nachvollziehbaren Narrationen ist auch in der Kunst bemerkenswert. Es scheint sogar zusehends grösser zu werden.
Wenn gilt, dass Kunst permanent in der Krise ist, besteht Hoffnung. Dass Künstler fotografierend an sich selber herumspielen, ist allerdings rufschädigend. Sie schaden dabei nicht sich selber, sie verspielen den Ruf einer Fotografie, die begriffslos in der Zeit steht. Doch die Gegenwart braucht keine Begriffe, sie wird begreifbar durch das Bild.

 

Erstveröffentlichung NZZ, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

 

 

Juergen Teller: Enjoy your Life!, Fotomuseum Winterthur, bis 7. Oktober; Joakim Cortis & Adrian Sonderegger: Double Take, Fotostiftung Schweiz, bis 9. September; Robert Lebeck: Vis-à-vis, Photobastei Zürich, bis 15. Juli.

 

 

 

Filmtipps

 

Comme des garçons
rbr. Kesser Kick. In grauer Vorzeit – vor der Zeit der Fifa-Selbstdarsteller Blatter oder Infantino – hatten Frauen so viel mit Fussball zu tun wie Männer mit Synchronschwimmen (darüber gibt es demnächst im Kino den amüsanten Schwimmbad-Streifen «Swimming with Men»). Im Jahr 1969 stieg Reims aus der obersten Fussballliga Frankreichs ab. Sportjournalist Paul Coutard (Max Boubil), ein charmanter Bruder Leichtfuss mit dem Hang zur Überheblichkeit, hatte nur Spott und Hohn für den Präsidenten des dahinserbelnden Clubs übrig. Vom neuen Auftrag, mit der etwas steifen, scheinbar biederen Mitarbeiterin Emmanuelle (Vanessa Guide) das alljährliche Wohltätigkeitsfest der Zeitung zu organisieren, ist er alles andere als erbaut, bis er auf die verwegenen Idee kommt, zu diesem Anlass ein Frauen-Fussballteam auf die Beine zu stellen. Wider Erwarten erweist sich Emmanuelle als starke Partnerin und eine bunte Schar weiblicher Kicker – von Hausfrau bis Lesbe, grauer Maus bis Ausputzerin, von Beauty bis Sportkanone – zeigt der hochnäsigen Manneswelt, was Dribbling und Frauenpower heisst. Dabei muss die Jungmannschaft des Clubs ebenso Hiebe einstecken (auf dem Rasen) wie das arrogante Verbandsmanagement. Mit dem Songs «Stollen & Möpse» stürmen kesse Kickerinnen den Rasen.

Julien Hallard erzählt verschmitzt sympathisch die Geschichte der ersten französischen Frauenelf, welche die Bastion Männer eroberte. Heute gibt es im Land des Weltmeisters 160 000 Spielerinnen, und es dürften nun noch mehr werden. Wie singt Aretha Franklin zum Schluss: «Respect». Das kann man auch über das Lustspiel mit dem Ball samt weiblicher Spielfreude sagen: «Comme des garçons» – Wie die Jungs nur charmanter und attraktiver.
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Papillon
rbr. Ein anderes Flüchtlingsdrama. Paris 1931. Henri Charrière (Charlie Hunnam), wegen eines Tattoos «Papillon» genannt, wird wegen angeblichen Totschlags zu lebenslanger Haft verurteilt und mit anderen Sträflingen in die Strafkolonie St. Laurent in Französisch-Guayana, verfrachtet. Der drahtige Kerl gewinnt das Vertrauen des eher schwächlichen, bebrillten Fälschers Louis Dega (Rami Malek), der einen Batzen Geld in einer Kapsel im After schmuggelt. Papillon beschützt ihn, und Dega will seine Flucht «finanzieren». Der erste Fluchtversuch entpuppt sich als Falle, Papillon büsst ihn mit 92 Tage Dunkelhaft. Ein weiterer scheitert zusammen mit Leichtfuss Maturette (der Schweizer Joel Basman), der zu den Fluchtfreunden Papillon und Dega gestossen ist. Papillon überlebt eine fünfjährige Einzelhaft. Letzte Gefangenenstation ist «Die Teufelsinsel». – Kinokenner wissen um die Geschichte des Flüchtlings Henri Charrière, der seine Erinnerungen niedergeschrieben hat. Sie wurden 1973 von Franklin J. Shaffner verfilmt mit Steve McQueen (Papillon) und Dustin Hoffman (Dega) in den Hauptrollen, schon dazumal 144 Minuten lang. Nun also 45 Jahre danach eine Neuverfilmung von Michael Noer, in der sich Charlie Hunnam als Papillon und als allfälliger Bond-Kandidat gut in Szene setzen kann. Nuancen wurden geändert, aber im Grunde ist es die alte Geschichte einer Fluchtexistenz und Freundschaft, die hier zwischen Papillon und Dega stärker hervorgehoben wurde (117 Minuten). Hunnam hat nicht die charismatische Ausstrahlung eines McQueen und Malek nicht die Verschrobenheit eines Hoffman. Die Schauplätze (resp. Drehplätze in Montenegro und Malta) bieten nicht die schwüle erdrückende Atmosphäre der Originalschauplätze (Saint-Laurent-du Maroni, Spanien und Jamaika). Es fehlt eine Spur teuflischer Bedrohung, manches wirkt im neuen «Papillon» vorgeführt und inszeniert. Wer den alten «Papillon» freilich nicht kennt, wird Gefallen an diesem existentiellen Abenteuer finden.

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Los Perros

rbr. Befreiung. Subtil und unaufdringlich blickt die Chilenin Marcela Said hinter die Fassade der chilenischen Bourgeoisie heute. Sie berührt Fragen zur Zeit der Militärdiktatur, die von gewissen Kreisen beharrlich verleugnet, verdrängt, vergessen wird. Die tragische Vergangenheit ist kein Thema, die Opfer der militärischen Diktatur scheinen vergessen, die Täter sind untergetaucht oder werden gedeckt.
Mariana (Antonia Zegers), bestens situiert, aber unglücklich verheiratet, soll nach der Pfeife der Männer, ihres Mannes und ihres Vaters, tanzen und ein Kind bekommen. In der Ehe findet sie keine Erfüllung, und wird vom Ehemann Pedro, Architekt und mit seiner Arbeit vollends beschäftig, lieblos nebensächlich behandelt. Freunde stacheln ihn an und animieren ihn dazu, Mariana zu einer künstlichen Befruchtung zu drängen. Die 40jährige Ehefrau willigt mehr widerwillig als willig ein, um den Schein zu wahren. Ihr sind Pedro, aber auch ihr diktatorische Vater eigentlich gleichgültig. Gutbürgerlich verwöhnt, lebt sie wie in einem Goldenen Käfig. Erst ein Reitkurs weckt neue Lebenslust. Sie lernt, sich freier zu bewegen, ihre Ängste zu bändigen und sich zu widersetzen. Der Kontakt mit dem Pferd, noch mehr aber die Zusammenarbeit mit dem ältlichen Reitlehrer Juan (Alfredo Castro) bestärken Mariana darin, ihren Weg zu gehen, ihren Willen durchzusetzen. Das kann den Männern nicht gefallen, eine eigensinnige Frau!
Mariana sucht und findet Halt beim bald siebzigjährigen, ehemaligen Oberstleutnant Juan. Sie verliebt sich, doch Juan hat eine dunkle Vergangenheit, in die auch ihr Vater verstrickt scheint. Dem Colonel soll der Prozess wegen Menschenrechtsverletzungen gemacht werden. Schuld und Sühne?
Die Suche der Heldin Mariana nach der verborgenen Wahrheit – ihres Vaters, ihres Geliebten – bringt zwar nicht wirklich Licht ins Dunkle der Geschichte, konfrontiert aber Beteiligte mit einer begrabenen Schuld. Parallel dazu schildert die Regisseurin, wie eine Frau um die 40, abgeschottet und benutzt, ihren Weg findet und sich schmerzhaft befreit inmitten von «Hunden» (los Perros). Sensibles und sehenswertes lateinamerikanisches Kinos.
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Searching for Ingmar Bergman
rbr. Dem Genie ganz nah. Diese Bild hat sich eingeprägt: Ein Menschenzug auf einem Bergrücken mit dem Sensemann als Führer vorweg, ein Totenzug, der sich scharf gegen den Horizont abzeichnet. Mit dieser Einstellung aus dem Film «Das siebente Siegel» (1956 – wiederzusehen am 14. Juli auf Tele5, 20.15 Uhr) beginnt Margarethe von Trotta ihre ganz persönliche Spurensuche nach Ingmar Bergman. Der grosse, stilbildende und bedeutende schwedische Regisseur (1918 – 2007) scheint bei der jungen Kinogeneration fast in Vergessenheit geraten zu sein. Sein 100. Geburtstag, just am 14. Juli, und von Trottas Dokumentarfilm bieten Gelegenheit, sich Bilder und Filme Bergmans in Erinnerung zu rufen. Das tut die deutsche Filmerin Margerete von Trotta mit Liebe und Akribie, wobei sie sich – wenn auch nachvollziehbar – allzu häufig selber ins Bild rückt. Sein Werk vom existentiellen Schachspiel zwischen Ritter und dem Tod («Das siebente Siegel») war für sie Ursprung und Antrieb, sich dem Filmen zu verschreiben. Von Trottas Drama «Die bleierne Zeit» (1981) ist der einzige Film einer Regisseurin, den Bergman in die Liste der zehn für ihn bedeutendsten Kinowerke aufgenommen hat – neben Kurosawas «Rashomon», Fellinis «La Strada» und anderen.
Von Trottas Spurensuche verknüpft geschickt Filmbilder und Dokumentaraufnahme (etwa von Dreharbeiten und Theaterinszenierungen) mit Statements und Interviews. Schauspielerin Liv Ullmann, die Deutschen Gaby Dohm und Rita Russek erinnern sich an die gemeinsame Arbeit, Produzentin Katinka Farago schildert ihre heikle, aber erfolgreiche Zusammenarbeit, Regisseur Carlos Saura hebt die Bedeutung Bergmans heraus, und Bergmans Sohn Daniel klärt über die Abwesenheit und Lieblosigkeit des Vaters auf.

Die private Seite des genialen Filmgestalters, seine Ehen, sein Verhältnis zu Frauen werden nur angedeutet. Der Künstler Bergman steht im Fokus, seine Akribie, seine Besessenheit, seine Visionen, aber auch seine dichterische und dramatische Arbeit fürs Theater. Sein Credo «Filme sind Träume von Träumern» hat er gelebt und so Filmgeschichte geschrieben. Von Trottas vertiefendes Künstlerporträt macht Lust auf ein Wiedersehen mit Bergman-Filmen.

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Momo – Nicht ohne Eltern
rbr. Kuckucksnest. Eh man sich versieht, hat ein Kuckuck einem ein Ei ins Nest gelegt. So etwa könnte man die Komödie von «Momo» auf einen Nenner bringen. Als Vorlage diente das Bühnenstück von Sébastien Thiéry, das er nun selbst mit Vincent Lobelle fürs Kino zubereitet hat. Man stelle sich vor: Monsieur Prioux (Christian Clavier), ein Matratzenexperte vor der Pensionierung, begegnet einem schrägen Typen im Supermarkt, der sich nur schwer verständlich machen kann und behauptet, sein Sohn zu sein. Patrick (Sébastien Thiéry), so nennt sich der «Kuckuck», der sich ins gutbürgerliche Nest setzt, nervt und setzt einiges in Bewegung. André Prioux und seine Frau Laurence (Catherine Frot) staunen, zweifeln, grübeln, rätseln. Hat Monsieur in jungen Jahren einen Seitensprung mit Folgen vergessen, verdrängt, verleugnet? Aber es kommt noch besser: Der seltsame Fremdling holt auch gleich seine schwangere Frau Sarah (Pascale Arbillot) mit dem Deutschen Schäferhund Schnell (!) ins Prioux-Haus. André weiss nicht, wie ihm der Kopf steht, und Laurence fällt Gefallen an den «Kuckuckseiern». Trautes Heim nicht mehr allein?
Das klingt luftig, lustig, liebenswürdig – ist es auch über weite Strecken, wenn sich manche Besucher vielleicht an den Witzchen über Behinderte und Blinde stossen, wenn manche Situation hanebüchen und gewisse Konfrontationen etwas grob geschnitzt sind. Christian Clavier spielt zur Familienvater-Hochform auf (wie weiland bei «Monsieur Claude und seine Töchter»), Catherine Front macht mütterliche Miene zum Familienerweiterungsspiel, und Thiéry agiert plump-heiter wie man sich eben einen schrägen, sprachhandicapierten Vogel vorstellt. Das französische Lustspiel mit Lust am Absurden amüsiert passabel und plädiert für die Liebe – auch ohne Vaterschaft.
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Adrift – Die Farbe des Horizonts
rbr. Abgetrieben. Auch das neuste Überlebensseeabenteuer «Adrift» beruht auf einer wahren Begebenheit (nach «The Mercy» mit Colin Firth). Tatsächlich stach die 23jährige Tami Oldham im September 1983 mit ihrem Verlobten Richard Sharp von Tahiti aus in See, um die Luxussegelyacht «Hazana» nach San Diego, Kalifornien, zu überführen. Die beiden Segler gerieten in einen Hurrikan, Richard wurde über Bord gespült, und Tami trieb 41 Tage lang auf offenem Meer. Der deutsche Verleihtitel «Die Farbe des Horizonts» verklärt und färbt das Drama falsch ein.
Am Anfang ist da die junge Wilde Tami (Shailene Woodley) aus San Diego, die sich quasi frei schwimmt, ein unabhängiges Leben führt, bis sie auf Tahiti dem «Seebären» Richard (Sam Clafin) begegnet, sich verknallt und auf einen grossen Segeltörn über dem Pazifik einlässt. Honeymoon auf See. Doch dann gerät das Liebespaar in einen verheerenden Sturm. Der Segelmast ist gebrochen, die Yacht hat ein Leck und niemand hört die Notrufe. Tami erwacht im Wasser unter Deck – allein. Ihr Käptn und Verlobter ist über Bord gespült. Doch in ihrer Phantasie ist er bei ihr, bestärkt sie in ihrem Überlebenswillen: «Wir schaffen das!»
Mit diesen drei Ebenen spielt der isländische Regisseur Baltasar Kormákur (TV-Serie «Trapped – Gefangen in Island»): Die glückliche Zeit des Paares vor der Schicksalsfahrt, die tatsächliche Situation an Bord des manövrierlosen Segelschiffes und Tamis Visionen mit ihrem verletzten Richard, der Tami (passiv) begleitet. Das gelingt phasenweise gut, doch manchmal stören die Momente der Liebesidylle, sie sollen wohl den harten tragischen Überlebenskampf mildern.
Das Drama auf schöner wie brutaler See basiert auf dem autobiografischen Bericht «Red Sky in Mourning: A True Story of Love, Loss And Survival At Sea» (2002) von Tami Oldham Ashcroft. Tami, so ist im Nachspann zu lesen und zu sehen, segelt immer noch mit Leidenschaft.
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Love, Simon
rbr. Schwule Offenbarung. Ein grässliches Wort, aber so wird der Film «Love, Simon» eingeordnet – als «Dramedy». Soll wohl heissen, eine Mischung aus Drama und Komödie. Ein bisschen Drama mag sein aus Teenagersicht, aber von Komödie sind nur Ansätze zu sehen. Im amerikanischen Teenager-Streifen von Greg Berlanti geht es um die Ängste und Nöte des Jünglings Simon Spier (Nick Robinson), der schwer an seinem homosexuellen Geheimnis trägt. Er hat seine Vorliebe für Jungs entdeckt, lässt sich aber gegenüber seinen Eltern und Schwesterchen Nick nichts anmerken. Heimlich knüpft er im Internet Kontakt mit «Blue», einem anonymen Mitschüler. «Jacques» (alias Simon) fühlt sich zum schwulen «Blue» hingezogen, man tauscht sich via Netz aus, doch «Blue» will sich nicht zu erkennen geben und outen. Simons Klassenkollege Martin (Logan Miller) kriegt von der Internet-«Liebe» Wind und erpresst ihn, seine eigenen Flirtbemühungen zur angehimmelten Abby (Alexandra Shipp) zu unterstützen. Das geht natürlich schief, auch weil Simon ausgerechnet Leah (Katherine Langford) verkoppeln will, die ihn liebt.
Langer Rede kurzer Sinn: Simon, in besten bürgerlichen Verhältnissen geborgen, wird an seiner High School in Atlanta, Georgia, als Schwuler geoutet und muss sich jetzt zu seiner Neigung bekennten. Er sehnt sich nach einem Zeichen vom Sinnesfreund «Blue», doch der schweigt, bis es zum Finale auf dem Rummelplatz kommt…
Man muss diesem geschönten, heilen Teenager-Liebesfilm zugutehalten, dass nur einmal gesoffen und gekotzt wird (was sonst in den US-Partykomödien gang und gebe ist). Bis auf den aufdringlichen, ungeliebten Martin ist das Personal lieb und verständig (Eltern eingeschlossen), und so ist es nicht verwunderlich, dass die «Dramedy» nett und versöhnlich ausgeht. Gut gemeint und gutbürgerlich harmlos. Immerhin lässt sich der Sound hören mit Songs von The Kinks, Justin Bieber, Lady Gaga, Amy Shark, Khalid und Normani bis zu Whitney Houston.

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Candelaria
rbr. Liebe in Havanna. Es gibt einen Film mit dem Titel «Maria Candelaria», der in Mexiko spielt und 1943 entstanden ist. Leinwanddiva Dolores del Rio verkörperte eine junge Reporterin, die der Geschichte eines Indio-Modells namens Maria Candeleria nachgeht. Doch ausser dem Namen hat der aktuelle Film nichts mit dem mexikanischen Liebesdrama zu tun.
In «Candeleria – Ein kubanischer Sommer» wird von der alten Liebe der Senioren Candelaria, 75 (Veronica Lynn) und Victor Hugo, 76 (Alden Knight), erzählt, die dank einer Videokamera neu aufblüht.
Havanna 1994. Kuba darbt unter dem Wirtschaftsembargo der USA. Die beiden Alten, Candelaria und Victor, schlagen sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Er dealt mit den begehrten kubanischen Zigarren, sie arbeitet in einer Hotelwäscherei und singt abends in einer Bar. Und sie findet eine Videokamera unter schmutziger Wäsche, wohl von einem Gast vergessen. Das neue «Spielzeug» weckt die Neugier des Paares, es beginnt zu filmen – sich selbst beim Austausch von Zärtlichkeiten, bei der Liebe, bis Victor die Kamera «abhanden kommt». Sie ist beim grossen Schwarzhändler El Carpintero (Philipp Hochmair) gelandet, und der hat ihre Filme entdeckt und schlägt Victor ein Geschäft vor. Er solle noch mehr Filme über ihr Liebesleben liefern, mit mehr Haut und Action, denn ein gewisser Käuferkreis hätte daran grosses Interesse. Dollars locken…
Alter, Armut und Hoffnung – das alte Paar findet neue Lebenslust und alte Liebe. Ein kleines berührendes Alltagsdrama vom Kolumbianer Jhonny Hendrix Hinestroza. Nie wirkt der Spielfilm voyeuristisch oder peinlich, sondern wie aus dem kubanischen Leben gegriffen dank der beiden Protagonisten. Keine absonderliche Romanze, man hat eher das Gefühl, als begegne man einem Stück kubanischer Realität. Das Paar versinnbildet quasi die kubanische Unterschicht in den Neunzigerjahren. Man hält sich über Wasser, etwa mit ein paar Küken (die werden ja mal gross und könnten eine leckere Mahlzeit hergeben), mit kleinen Geschäften – und Lust am Leben trotz allen widrigen Umständen.
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The Rider
rbr. Tiefer Fall. Ein Mann, ein Pferd, ein Film – das muss etwas mit Western zu tun haben, wenn er dann noch in Dakota spielt. Die Regisseurin Chloé Zhao, in Peking geboren, in London und Kalifornien aufgewachsen, erzählt die Geschichte eines Rodeoreiters, der sich schwer verletzt und knapp am Tode vorbeigeschrammt ist. Und so beginnt der Film mit einem Verband, den Brady langsam abnimmt. Darunter sieht man Klammern, die den Schädel zusammenhalten. Beim Sturz wurde er vom Pferdehuf am Kopf getroffen. Man hat ihm eine Platte implantiert. Der passionierte Rodeo-Jungstar ist ans Bett gefesselt und sollte laut ärztlichem Befund nie wieder reiten, geschweige denn Rodeos bestreiten. Doch Brady Blackburn lässt sich nicht von Schläuchen und Prognosen fesseln. Er kehrt zurück auf die armselige Ranch – zu seinem desillusionierten Vater Wayne (Tim Jandreau) und seiner behinderten Schwester Lilly (Lilly Jandreau). Das Verhältnis zum Vater, der sein Heil beim Trinken und Spielen sucht, ist eher kantig, grob, das zu seiner 15jährigen Schwester liebevoll und fürsorglich. Er kümmert sich um sie mit dergleichen Liebe und Verständnis wie bei Pferden. Das ist keineswegs despektierlich gemeint, sondern entspricht seinem Wesen. Er pflegt auch weiterhin Kontakt zu seinem Rodeo-Freund Lane (Lane Scott), der im Pflegeheim vegetiert und querschnittsgelähmt sich kaum verständigen kann.

Brady ist ein Pferdenarr und Pferdeflüsterer. Keiner versteht es wie er, selbst bockige Biester zu bändigen und das Vertrauen schwieriger, scheinbar unnahbarer Pferde zu gewinnen. Und nun wurde ihm mit dem Sturz der Boden unter den Füssen beziehungswese Hufen weggezogen. Rodeo und Pferde sind für ihn lebenswichtig, geben ihm Lebenssinn. Sein Trost: Er ist gefragt als Zureiter und Pferdetrainer. Doch dann setzen ihm neue Nackenschläge zu. Erst verkauft sein Vater das geliebte Ross Gus, um Schulden zu tilgen, dann verdingt sich Brad als Angestellter in einem Supermarkt. Sein Vater besorgt ihm als Wiedergutmachung das Pferd Apollo, das Brad ins Herz geschlossen hat. Ein erneuter Sturz, dem auch Apollo zum Opfer fällt. Aus Trotz und Verzweiflung meldet sich der unverbesserliche, todunglückliche Reiter nochmals bei einem Rodeo an.

Ein Western aus unseren Tagen, wobei nur ein (Gnaden)-Schuss fällt. Es ist ein Drama mit Westernbildern (Kamera Joshua James Richards, der nur mit natürlichem Licht drehte) über Dakota, Männer am Rande, ihr Lebenssinn abseits der Konsumgesellschaft (deswegen wirkt Brad im Shoppingcenter auch so verloren und fehl am Platze), ihr Verständnis und Zugehörigkeit. Chloé Zhao beschreibt unspektakulär und fast beiläufig die Liebe von Mensch und Tier, von Vater und Sohn, Bruder und Schwester, die Geschichte von Verlust und Identität. Der Umgang der Rodeomänner, der Umgang mit Pferden scheint so weit weg von der urbanen Welt, und doch ist der Film in einer realen Welt verankert, im Pine Ridge Reservat, South Dakota. Das Wort authentisch wird oft überproduziert, doch hier trifft es den Kern. Brady Jandreau, ein Nachkomme der Lakota-Sioux-Indianer, und seine Familie spielen sich selbst wie auch Lane Scott (der allerdings infolge eines Autounfalls gelähmt ist). Das Haus der Jandreaus war Drehort, und Brady arbeitet tatsächlich als Trainer für Wildpferde. Die hohe Qualität von «The Rider» basiert nicht nur auf diese Nähe zur Wirklichkeit, zu den Menschen, sondern auch auf der Sensibilität der Regisseurin und ihre Fähigkeit, die Seele, das Empfinden ohne grosse Gesten sichtbar und spürbar zu machen. Ein unvergleichlicher Neo-Western, von Wehmut und Liebe getragen, der u.a. anderem mit dem Werner-Herzog-Filmpreis ausgezeichnet wurde, der «Mut, Entschlossenheit und Visionen» honoriert.
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Una questione privata
rbr. Liebe im Partisanenkrieg. Eine Frau und zwei Männer, die sie beide lieben, die sie trennt und vereint, davon erzählen die Brüder Taviani in ihrem letzten Film. In Zeiten des Krieges, des Zweiten Weltkriegs in Italien, wird die Liebe zum Traum und Trauma. Partisan Milton (Luca Marinelli) kämpft um das Leben seines Freundes Giorgio (Lorenzo Richelmy), der in die Hände der Schwarzhemden, der Faschisten, geraten ist. Ein Todeskandidat. So versucht Milton, eine «Kakerlake», eben ein Schwarzhemd, zu fassen, um ihn dann gegen Giorgio auszutauschen. Ein Schwachsinniger, der Luftgitarre spielt, ist ungeeignet. Ein Offizier, den er in einem Dorf überwältigt, entwischt – tödlich.
Auf seiner Suche in abgelegenen Winkeln der piemontesischen Langhe wird Milton an glückliche Zeiten mit Fulvia und Giorgio erinnert. An Momente des Beisammenseins, der Verliebtheit. Er, der Städter, ein bisschen Dandy, ein bisschen Poet, hat sich in das Mädchen Fulvia verliebt, das aber auch von Giorgio Clerici, dem schönen Jüngling aus gutem Hause, verehrt wird. Sie, die Geliebte, flieht vor dem Krieg. Die beiden Verehrer schliessen sich den Partisanen an, die gegen Faschisten und deutschen Besetzer kämpfen.
Der Krieg diktiert das Geschehen, die Schicksale. In wenigen, aber eindrücklichen Szenen zeigt er sein Gesicht, etwa wenn um einen Bauernhof Leichen liegen, ein Mädchen aufsteht, Wasser trinkt und sich dann wieder neben seine tote Mutter legt. Oft ziehen Nebelschwaden durch die Landschaft, vernebeln quasi das mörderische Jagen.
Die Brüder Taviani nehmen das Thema des Widerstands auf wie schon 1982 in «La notte di San Lorenzo» (unvergesslich die Aufführung auf der Piazza Grande Locarno vor 8000 Zuschauern). Sie sind der Meinung, dem neuen Populismus heute, neuen faschistischen Tendenzen Widerstand entgegenzusetzen und wollen mit «Una questione privata» ein filmisches Zeichen setzen. Ihr Filmtitel meint eben auch, dass der Krieg Privates vereinnahmt und eben keine private Frage ist. Ihr Melodram, das letztlich doch nicht ganz befriedigt, merkwürdig vage und verloren bleibt, ist die letzte gemeinsame Arbeit der Brüder, die über zwanzig Filme gemeinsam geschaffen haben. Vittorio Taviani wurde von einem Auto angefahren, konnte selber nicht mehr Regie führen. Er starb im April 2018. Sein Bruder Paolo Taviani vollendet den Film, der auf dem Roman von Beppe Fenoglio (1963) basiert. Die Reise in die Vergangenheit, der Rückblick auf Kriegszeiten will die Gegenwart einbeziehen, will mahnen, den Anfängen zu wehren. Hoffnung bleibt, das tönt im Lied «Somewhere Over the Rainbow» von Judy Garland an. Jenseits des Regenbogens werden Träumen wahr…
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Lola Pater
rbr. Wenn der Vater zur Frau wird. Er steht am Totenbett und sinniert. Nach der Beerdigung seiner Mutter fährt Zino Chekib (Tewfik Jallab) mit seinem Motorrad ans Meer und fasst einen Entschluss. Er will seinen Vater Farid ausfindig machen, der sich vor zwanzig Jahren aus dem Staub gemacht hat. Zino, 27 Jahre alt, von Beruf Klavierstrimmer in Paris, macht sich auf den Weg nach Süden Frankreichs und stösst auf den Namen Chekib. Er begegnet einer Frau, Lola, die Bauchtanz unterrichtet und Chekib heisst. Hier gäbe es keinen Farid Chekib, weist sie ihn ab. Doch wir Zuschauer wissen es besser: Lola ist Farid und hat sich nach der Trennung von seiner Familie in eine Frau umgewandelt. Zino fährt zurück nach Paris, und sie reist ihrem Sohn nach, stellt ihm nach. Endlich hat sie die Kraft, ihm zu gestehen, dass sie sein Vater ist. Zino ist schockiert und will es nicht akzeptieren. Er weist sie schroff zurück.
Nadir Moknèche, Buch und Regie, spiel auf zwei Klaviaturen, hier die Tänzerin Lola, die einst ein Mann war, und dort Zino, der sich verraten und im Stich gelassen fühlt. Diese beiden Ebenen verwebt der Regisseur algerisch-französischer Abstammung je länger je enger. Dazu mischt er arabischen Touch und Zigeunerblut bei. Kristallisationspunkt ist Lola/Farid, der Mann, der seinen Körper als Gefängnis empfand und daraus ausgebrochen ist. Als Frau fand er (Farid) seine Erfüllung und sie (Lola) hofft auf Gnade, Verständnis und Liebe ihres Sohnes.
Auf sie ist das Beziehungsdrama zugeschnitten, auf Fanny Ardant. Die Rolle als Lola wurde zum Glanzstück der 69-Jährigen. Ihre Präsenz, ihre Darstellung, ihre suggestive Überzeugungskraft sind faszinierend. Eine sensible tragikomische Liebesgeschichte. Gleichwohl kann man sich nur schwer vorstellen, wie aus dem Mann Farid diese Lola werden konnte.
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Je vais mieux
rbr. Der Kopf macht krank. Ihn zwickt es sichtbar. Wuschelkopf Laurent hat kein Rückgrat. Nein, nicht im übertragenen Sinn, sondern er leidet an rätselhaften Rückenschmerzen, kann nur bücklings, buckelnd durch den Alltag laufen. Von heute auf morgen wurde der nette Mensch befallen. Da helfen keine guten Ratschläge von Frau und Freunden, keine Untersuchungen und Therapien. Da dämmert’s dem Pariser Architekten: Vielleicht ist sein Rückenleiden nicht stressbedingt, sondern Kopfsache. Vielleicht ist er selber schuld an der Malaise? Er ist ein Duckeberger, der’s allen recht machen will und nicht vorankommt – privat wie beruflich. Sein Leiden tut anderen gut, beispielsweise seinem Freund, dem Zahnarzt. Aber es dauert, bis Laurent wieder ins Lot beziehungsweise gerade gebogen wird.
In der luftigen Komödie «Je vais mieux» von Jean-Pierre Améris braucht es seine Zeit, bis Laurent sagen kann «Mir geht’s besser». Dank dem sympathischen Mimen Eric Elmosnino («Gainsbourg») wird der Leidensweg des Helden nie langweilig, sondern sorgt für heitere, aber auch sinnliche und besinnliche Momente. Ein Film für den Sommer auch ohne blauem Himmel und Meer.
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Photo/Film