FRONTPAGE

«Doch, wir dürfen England lieben»

Von Marion Löhndorf.

Die Schau «Very British» im Haus der Geschichte in Bonn, ist mit leichter Hand angerichtet, bietet aber kluge Denkanstösse.

Es war einmal eine sehr einseitige Liebesbeziehung. Die Deutschen konnten gar nicht genug bekommen von allem Englischen. Zugeneigt blickte man auf die Insel, die Queen, die Corgis, Bowie und die Beatles, Monty Python, Downton Abbey und alles, was die TV-Serie an Englishness vermittelt: schönes Landleben im Chintz-Ambiente mit gepflegten Gemeinheiten. Geschätzt wurden auch der Pragmatismus, die Vernunft, das Augenmass und die sprichwörtliche Toleranz. Wann immer die Deutschen von England sprachen, war Bewunderung im Spiel. Oder jedenfalls fast immer.
Wann immer die Briten hingegen auf Deutschland blickten, taten sie es bestenfalls mit gemischten Gefühlen. Jahrzehntelang dachten sie als Erstes an zwei Weltkriege. Mit der Zeit schliff sich das Negativ-Image des hässlichen Deutschen etwas ab. Zunehmendes Interesse an der deutschen Kultur hinterliess vor allem in englischen Kunstgalerien, aber auch in den Theatern und auf dem Büchermarkt seine Spuren, die deutsche Wirtschaft begann man ebenfalls zögernd als vorbildlich zu betrach- ten. Der Fussball wirkte zusätzlich Wunder, insbesondere das deutsche Sommermärchen der Weltmeisterschaft 2006, die viele Briten erstmals nach Deutschland führte. Unterdessen blieb dort die Liebe zu allem Englischen unverändert.

Umso verwunderter rieb man sich am 23. Juni 2016 die Augen, als das Vereinigte Königreich sich entschieden hatte, die Europäische Union zu verlassen. Wie konnte das sein? Spätestens zu diesem Zeitpunkt fiel den Deutschen auf – und nicht nur ihnen –, dass sie entscheidende Aspekte der englischen Denkweise übersehen hatten. Zum Beispiel, dass England sich seit je schwertat mit der Zugehörigkeit zum europäischen Kontinent und sich Amerika viel näher wähnte. Dass England anders ist und sich auch so empfindet, wird nirgends greifbarer als im Verhältnis zur Europäischen Union.
Nähe und Distanz gingen von jeher Hand in Hand. Churchill, der 1946 in seiner berühmten Zürcher Rede die Vision eines vereinten Europa, der «United Nations of Europe», entworfen hatte, wird gern als Freund der Europa- Idee erinnert. Doch er hatte an anderer Stelle auch gesagt: «We are with Europe, but not of it.» Die Ambivalenz seiner Aussagen hatte einen langen Nachhall, aber auch einen ebenso langen Vorlauf. Schon Premierminister William Pitt hatte 1797 verkündet: «Seien wir dankbar für den Kontrast zwischen uns und all den anderen Staaten Europas.»
Seit der Entscheidung für den Brexit ist für das europäische Ausland, und speziell das anglophile Deutschland, die Zeit gekommen, die bilateralen Missverständnisse näher in Augenschein zu nehmen. Genau das geschieht beispielhaft in einer Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte, die allerdings auch die Milde zeigt, mit der man auf noch nicht ganz Entzaubertes blickt. Man geht mit leichter Hand zu Werke, denn da ist ja immer noch der britische Humor, den auch die veränderte politische Situation nicht zur Strecke bringt, und da sind all die anderen schönen Dinge, mit denen England sich von jeher selbst so markant ins Rampenlicht zu setzen vermochte.

 

Mini in deutschen Händen

So gibt es jede Menge Wiedererkennungseffekte und bereits bekanntes Material, mit dem die Bonner arbeiten, das sie befragen und in ein neues Licht setzen können. Da sind das blaue Kleid, das die Queen 1965 beim ersten Besuch im Nachkriegs-Deutschland trug, die Königskrone des aus Hannover stammenden Georg I. und der Tiger-Teppich, über den der alte Butler im Sketch «Dinner for One» zu stolpern pflegt, der in Deutschland geliebt, in England aber unbekannt ist.
Aller Unterhaltsamkeit zum Trotz wird klar, dass die deutsche Sicht auf alles Britische eine Revision durchläuft. Auch von deutscher Seite werden ein paar Ambivalenzen ins Spiel gebracht. Die Schau beginnt mit einem Mini, der fahrend die Europaflagge durchbricht. Das schon ist, genau besehen, ein mehrdeutiges Bild. Das Auto war der Inbegriff des Swinging London, der Bewegung der sechziger Jahre, als entscheidende Impulse der Pop-Kultur von England ausgingen. Der Mini ist nicht irgendein Wagen, sondern ein Stück britischer Kulturgeschichte. Mick Jagger, die Beatles und Twiggy fuhren das kleine Ding und machten es zum letzten Schrei.
Später geriet die nationale Identität der Marke ins Schleudern, zum Leidwesen der Engländer. Heute lässt BMW das einst typisch englische Erfolgsgefährt bauen, im ehemaligen Morris-Werk in Cowley bei Oxford: ein europäisches Projekt?
Gemischte Gefühle löst auch der lederne Fussball aus, mit dem die Briten 1966 ihren WM-Titel gegen Deutschland holten. Das Spiel im Wembley-Stadion endete mit einem 4:2-Ergebnis. Doch das Tor, das alles entschied, war heftig umstritten und löste Diskussionen auf beiden Seiten aus, die vermutlich bis in alle Ewigkeit fortdauern werden.

Der Brexit wird explizit zum Thema. Ein Countdown schwebt wie ein Damoklesschwert über dem Parcours, er zählt die Tage bis zum derzeit vorgesehenen EU-Austritt am 31. Oktober. In die begeisterte Neugier auf die Menschen auf der Insel hat sich Befremden eingeschlichen. «Die spinnen, die Briten» prangt auf einem historischen Zeitungscover. Den abgegriffenen Spruch, der aus alten Asterix-Comics abgeleitet wurde, hört man in Deutschland in letzter Zeit häufiger. Als Zeichen des Unverständnisses oder auch der Ablehnung dessen, was politisch auf der Insel vor sich geht. Obwohl die Bonner Ausstellung Anfang 2016 angedacht wurde, als vom Brexit noch keine Spur war, und ihre Eröffnung dann von 2018 auf 2019 verschoben wurde, kommt sie nun gerade zur rechten Zeit.
Denn hierzulande besteht Erklärungsbedarf, während sich die Briten in einer Brexit-Endlosschleife um sich selbst drehen. Wer in England wohnt, ob dort gebürtig oder nicht, wird im europäischen Ausland immer wieder gefragt: Was wird da gespielt, auf der einst so geliebten Insel? Eine Komödie oder eine Tragödie? Ist das Brexit-Theater gelebte Demokratie, oder bringt es die älteste Demokratie Europas in Gefahr? Agieren die Politiker im luftleeren Raum, oder spiegeln ihre Debatten den tiefen Riss, der durch das Land geht? Befindet man sich in einer Selbstfindungskrise, die Chancen zum Aufbruch in eine strahlende Zukunft birgt, oder steuert man auf einen Eisberg der Selbstzerstörung zu?

Vor allem aber beginnt sich das europäische Ausland zu fragen, ob und wann das alles je ein Ende haben wird. Sicher ist, dass der Brexit Grossbritannien noch auf Jahre hinaus beschäftigen wird und damit auch den Rest von Europa.
Der Gang durch die Ausstellung im Haus der Geschichte erinnert an eine ähnlich gelagerte Unternehmung im Londoner British Museum vor fünf Jahren. Damals hatten sich die Engländer Deutschland vorgenommen. Die Schau mit dem Titel «Germany: Memories of a Nation» war ernst und erklärend. Sie beschritt ihr Terrain mit geradezu ethnologischem Interesse. Denn, Hand aufs Herz: So richtig viel wussten (und wissen) die Briten nicht über Deutschland, und es war höchste Zeit, das lange gepflegte Negativ-Image des hässlichen Deutschen zurechtzurücken.

 

Sensible Beziehung
Damals wuchs ein ernsthaftes Interesse an den Deutschen in England. Die Ausstellung im British Museum erschien in einem Zeitfenster der Geschichte, das sich gerade günstig für ein aufklärerisches Wort seitens einer solch bedeutenden Institution öffnete. Zumal die Initiative auf den allseits geschätzten und bedeutenden Museumsmann Neil McGregor zurückging, der das Ganze dann noch mit einem hervorragenden Bildband anreicherte und das Land anhand einer stattlichen Zahl von Einzelobjekten erläuterte. Die grosse Überraschung war der enorme Besucherandrang, den die Schau damals in London erlebte. Auch die England-Ausstellung in der ehemaligen deutschen Hauptstadt stösst jetzt auf lebhaftes Interesse.
Wie sensibel die Beziehungen zwischen Ländern sind, zeigt sich seit der Brexit-Entscheidung. Inzwischen ist das gerade erwachte positive britische Interesse an Deutschland dabei, sich wieder ins lange eingeübte Gegenteil zu kehren. Denn wer ist schliesslich, aus britischer Sicht, Schuld am Brexit-Debakel? Die EU eignet sich zum Sündenbock. «Die Engländer machen viel Wirbel um ihr Englischsein. Aber sie wissen, was es bedeutet, englisch zu sein», hatte die Schriftstellerin A. S. Byatt einmal gesagt. Der Bonner Ausstellungstitel, «Very British», gibt sich identitätsbewusst. Doch was heisst das heute eigentlich noch? Allem Anschein nach wissen es derzeit nicht einmal die Briten selbst.

 

«Very British. Ein deutscher Blick», Haus der Geschichte, Bonn, bis 8. März 2020.

 

 

«Frei nach Kafka – Ian McEwans Brexit-Satire»

 

Von Marion Löhndorf

 

Es ist die reinste Rachephantasie. Ian McEwan schreibt sich in der 100-Seiten-Novelle «The Cockroach» den Brexit-Hass von der Seele. Macht seiner Wut auf den Zustand seines Landes Luft. Mit Lust haut er auf den Putz, wie man es von dem sonst so zurückhaltenden Schriftsteller nicht kennt.
Auf den ersten Seiten erdichtet der Brite die Menschwerdung einer Kakerlake – oh, die Augen, wie sie sich bewegen, und die dicken Menschenbeine, wie flink sie ihn die Treppe hinuntertragen! Als Insekt brauchte der Verzauberte dreimal so lange. Nur sein Kakerlakenhirn ist unverändert, und damit bleibt auch Jim Sams, «clever, aber keineswegs tiefgründig», ganz er selbst. Der Haken ist: Ganz als er selbst erhebt er sich nun in Gestalt des britischen Premierministers. Die Welt weiss nichts von seinem tierischen Vorleben. Die Leserin aber weiss gleich: Hier ist Boris Johnson gemeint.

 

 

Nur ein Knalleffekt
McEwans Fabulierlust, die den Beginn noch so verspielt antreibt, kommt bald zum Erliegen. Ruck, zuck verschwinden die Kakerlakenbezüge, die sowieso nie wirklich folgerichtig durchbuchstabiert werden; nur zum Schluss zaubert der Autor sie noch einmal aus dem Hut, für einen Knalleffekt, der aber auch nicht so richtig zündet.
Überhaupt macht einen die Gleichsetzung von Menschen mit dem, was gewöhnlich als Ungeziefer bezeichnet wird, beim Lesen nicht froh, Satire hin, Satire her. Die Freude am Augenzwinkern in Richtung von, na ja, Kafka, Swift und vielleicht sogar Orwells «Animal Farm» hat sich schnell erschöpft. Es bleiben schwach verbrämte Highlights des Brexit-Wahnsinns. Trump hat einen Auftritt als twitternder Archie Tupper, der Brexit selbst hält als «Reversalis- mus» Einzug. Gemäss diesem soll das Volk fürs Arbeiten zahlen, fürs Einkaufen aber entlohnt werden. Die deutsche Kanzlerin stützt in einem (ganz uniro- nischen) Kurzauftritt den Kopf in die Hände und fragt: «Warum?»

Obwohl das Buch kurz ist, zieht es sich. Denn wer will den Stoff der Tageszeitungen noch einmal – literarisch leicht zurechtgezupft – im Zweitdurchlauf vorgeführt bekommen? Wo das Leben doch schon längst die Kunst nicht nur imitiert, sondern übertrifft. Ein paar schöne Giftigkeiten jedoch, die abseits der obligaten Schelte liegen, hält McEwans Anti-Brexit-Brevier bereit. Der «Guardian» mit seiner vorhersehbaren politischen Korrektheit bezieht Prügel – die Zeitung geht einem Fake-Artikel von Sams auf den Leim –, und auch die eigene Zunft bleibt nicht verschont: «Es gibt nichts Schöneres als eine eng gestrickte Abfolge von Lügen. Deshalb also wurden Menschen Schriftsteller».

 

 

Kein Ruhmesblatt
Die englische Presse, auch der Brexitkritische «Guardian», urteilte ungnädig. Den konservativen «Daily Telegraph» brachte der «überstrapazierte Party-Gag» zum Gähnen. Die «Times» hielt das Buch für «ziemlich schwachen Stoff». Am schärfsten fiel das Urteil der «Financial Times» aus. Der Roman sei ein Beweis für die Arroganz und Verachtung der liberalen Gesellschaft «gegenüber denen, die es wagten, ihr Paroli zu bieten, indem sie für den Brexit stimmten». Ähnliches liess auch der «Evening Standard» anklingen, dessen Chefredaktion der ehemalige Schatzkanzler und Remainer George Osborne innehat.
Dabei sind einige von McEwans besten Freunden Brexit-Wähler, wie er kürzlich der «Times» erklärte: «Ich will mein Leben nicht nur mit Menschen bevölkern, mit denen ich übereinstimme.» Die Brexiteers in seinem Umkreis dürfte das Werk kaum freuen. Ebenso wenig wie die Gegenseite, den grimmigen Kritiken gemäss. Wobei sich endlich einmal alle einig wären.
In deutscher Sprache erscheint «Die Kakerlake» am 27. November bei Diogenes.

 
Erstveröffentlichung NZZ, 3.10.2019 mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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