FRONTPAGE

Editorial

September/Oktober 2016

 

Liebe Literatur- & Kunstfreunde und Interessierte,
herzlich willkommen!

 

Unser Editorial beginnt mit einem Nachruf. Wir trauern um unsere geschätzte Schweizer Kollegin Jacqueline Crevoisier (*1942), die am 28. Juli 2016 nach kurzer schwerer Krankheit in Amsterdam verstorben ist. Im Juni erhielt sie den Europäischen Übersetzerpreis Offenburg 2016, gestiftet von der Stadt Offenburg und der Hubert Burda Stiftung. Ich vermisse ihre fundierten Zwischenrufe und feedbacks, ihre Postkarten aus Holland und unsere Treffen im Odeon, wenn sie in Zürich weilte. Jacqueline Crevoisier war die Gewinnerin unseres ersten Lyrik-Preises 2012 von Literatur & Kunst. Ihr kritischer Text über die «Spassgesellschaft» (siehe Archiv Literatur & Kunst, Frontpage, November 2012, 11/2012) überzeugte die Jury. Sie war eine wache, aufmerksame und zuvorkommende Persönlichkeit, die uns sehr fehlen wird.

 

 

Der Oligarch der Schweiz, Christoph Blocher, hat eine sog. Selbstbestimmungs-Initiative eingereicht, über die die Schweiz demnächst abstimmen wird. Mr. Goldfinger will die Schweiz vor „fremden Richtern“ schützen, das Schweizer Recht soll in jedem Fall über dem Völkerrecht und der Menschenrechtskonvention stehen. Erstens sind unsere Werte und Richter der Menschenrechtskonvention genauso verpflichtet wie die Richter der EU und somit absolut kompatibel. Zweitens wäre es ein Unding und gefährlicher Unfug, aus der MRK auszutreten. Die Schweiz ist so souverän wie ihre Nachbarn und umgekehrt. Diese Initiative will unsere Rechtsordnung aushebeln und sät Misstrauen in Europa, die Schweiz nicht mehr als vollen vertrauenswürdigen Handelspartner schätzen zu können. Mitunter sind andere als die eigenen Richter in Streitfällen auch sehr willkommen, um jeglicher Willkür zu widerstehen. Die Initiative spielt mit einem Sprachgebrauch, der Dinge verschleiert und unredlich Unklarheiten verbreitet. Es ist hinlänglich bekannt, dass Blocher eine Europaphobie hat, wieso auch immer… vielleicht sind die Regeln und der Arbeitnehmerschutz (Kündigung, Arbeitszeiten etc.) in Europa humaner als in der Schweiz und hätten finanzielle Auswirkungen auf Firmen wie die Ems-Chemie?
Wir freuen uns über Ihr Interesse an Literatur & Kunst, liebe Leserinnen und Leser unseres Web-Kulturmagazins, gemäss detaillierter Statistik klicken monatlich etwa 320 000 bis 350 000 User die Website www.literaturundkunst.net mit den verschiedenen Rubriken an. Und zwar, nicht nur die jeweils aktuelle Ausgabe, sondern auch viele vorherige Ausgaben. Und auch Lyrikerinnen und Lyriker,
Spitzenreiter sind hier immer noch Mascha Kaléko und Bertolt Brecht, Wir werden also gehört und gesehen und gelesen, seit Bestehen sind uns nun schon etliche Millionen, die unsere Kulturnachrichten verfolgen, in der Schweiz, Österreich und Deutschland, sowie GB und USA. Eine Reichweite, die sich sehen lassen kann und die der Kulturberichterstattung und unserem gesellschaftlichen Leben, dem Social Life, dient. Wir wünschen Ihnen weiterhin gute Unterhaltung!
Herzlich, Ihre Ingrid Isermann

 

Wir begrüssen Carol Baumgartner an Bord von Literatur & Kunst, sie ist Kulturvermittlerin in Biel und betreut ab September unsere Website. Herzlich willkommen!

 

www.carolbaumgartner.net
www.photoforumpasquart.ch
www.anagramm-agentur.ch

Was können Sie im September/Oktober auf Literatur & Kunst entdecken?

 

 

Er polarisiert und provoziert: Maxim Biller, geboren 1960 in Prag, lebt seit 1970 in Deutschland, Kolumnist und Schriftsteller, hat einen aufregenden deutsch-jüdischen Roman geschrieben, der niemand kaltlässt. «Biografie», Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016.

 

 

Die Lyrikerin Anja Bayer (*1971 in Lafayette/USA) legt ihren Debütband «unbewusstes fell» vor, der Gedichte aus zwanzig Jahren enthält und die Sprache und das Begehren zum Thema hat. Gutleut-Verlag, Frankfurt am Main, 2016.

 

 

Das Kunstmuseum Chur hat einen spektakulären Neubau. Daniele Muscionico hat ihre Impressionen vor Ort verdichtet: «Hier also wohnt Kafka».

 

 

Rolf Breiner interviewt Mario Adorf. Lesen Sie seinen Beitrag über den deutschen Film. Über die Psychoanalytikerin und Schriftstellerin «Lou Andreas-Salomé», von Nietzsche und Rilke umworben,
kommt ein neuer Film in die Kinos. Am 22. September beginnt das Zurich Film Festival (ZFF). Wir halten Sie auf dem laufenden. Aktuelle Filmtipps.

 

 

«ZUHAUSE IM STAHL» heisst eine neue Publikation, die sich mit der Geschichte des Stahlbaus in Wohnbauten auseinandersetzt. Park Books Zürich, 2016.

 

 

Ingrid Schindler hat Lefkada besucht und ist begeistert von den weissen Stränden. Lesen Sie mehr in ihrer Reportage aus Griechenland.

 

 

Und das Engadin – dem Himmel so nah: eine Tour d’Horizon zu den Hotspots Waldhaus in Sils, Suvretta House in St. Moritz, Hotel Bernina 1865 in Samedan und der Hotel-Pensiun Aldier in Sent. Kommen Sie mit!

 

 

Sacha Verna berichtet aus New York: «Obamas kulturelles Erbe». Die Wahlen stehen kurz bevor am 8. November und es geht hoch her. Was bleibt von Obama?

 

 

Das  Magazin «Reportagen» von Daniel Pumas Bernet feiert das fünfte Jubiläum. Wir gratulieren! Mittlerweile zählt es 8000 Abonnenten und 190 Geschichten. In der aktuellen Ausgabe (CHF 20) finden Sie Stories wie «Amerikas Megabeben» von Kathryn Schulz über das erwartete Erdbeben in den USA oder «Mein Leben als Avatar» von Eva Wolfangel über die virtuelle Realität. www.reportagencom

 

 

Bye-bye MANIFESTA! In Zürich ist sie schon bald Geschichte, weiterziehen wird sie 2018 nach Palermo. „What People do for money?“ war die durchaus berechtigte Frage in Zürich wie auch die angestrebten Interaktionen zwischen Künstlern, Publikum und dem normalen Alltag. Mit 171 000 Besuchenden, 250 Kunstwerken und 500 Performances kann sich die 11. MANIFESTA sehen lassen. Nun sei Wehmut spürbar, sagte Corine Mauch an der Presseorientierung auf dem beliebten Pavillon und Wahrzeichen der diesjährigen nomadischen Biennale, dass die vom Künstler und Kurator Christian Jankowski verantwortete Zürcher Manifesta nun bald vorüber sei. Am 5. Dezember erfahre man dann die genaue Analyse und Besucherzahlen. Obwohl nicht alles von Zahlen abhängt, sondern vielmehr die Impressionen zählen, die Zürich auch durch den „Pavillon der Reflexionen“ erfahren habe, so die Direktorin der Manifesta, Hedwig Fijen. Zur Manifests 11 ist eine Publikation «Eine Stadt wird zum Kunstraum» erschienen, Lars Müller Publishers 2016. Der Pavillon wird zum Gratis-Filmevent des Zurich Film Festival, ab 22. September bis 2. Oktober werden hier Filmklassiker gratis gezeigt. Vielleicht die letzte Gelegenheit, den Pavillon zu erleben.
 

 

Literaturnobelpreis 2016 an Bob Dylan
What a surprise! Der US-Amerikaner Bob Dylan, *1941, erhält den Literaturnobelpreis, gab das Nobelpreiskomitee in Stockholm am 13. Oktober bekannt. Der Liedermacher werde für seine poetischen Neuschaffungen in der amerikanischen Gesangstradition geehrt, hieß es zur Begründung. Es ist das erste Mal, dass ein Songwriter den Preis erhält. «Dylan ist eine Ikone», erklärte die Akademie. «Sein Einfluss auf die zeitgenössische Musik ist gross». Blowing in the wind…?

 

Und nun purzeln sie wieder, die Preise… Bodo Kirchhoff (68) hat mit seinem Roman «Widerfahrnis» den Deutschen Buchpreis erhalten, wie an der Frankfurter Buchmesse am 17. Oktober 2016 mitgeteilt wurde.

 

Die Publizistin Carolin Ecke erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In ihrem neuen Buch «Gegen den Hass» kämpft sie gegen den Hass in der Gesellschaft. S. Fischer Verlag, 2016.

 

 

«Frau Schmitz» von Lukas Bärfuss ist im Schauspielhaus Zürich zu Gast: Surfen mit Identitäten»

Was ist ein Mann? Was ist eine Frau? Zunächst einmal unterscheiden sie sich optisch durch ihre Kleidung, seit Jahrzehnten laufen Männer in den gleichen Klamotten rum, in früheren Jahrhunderten gings auch für Männer bunter zu. Aber ist das ein Grund für einen Mann, Frauenkleider anzuziehen? Oder steckt da mehr dahinter? Das versuchen die Arbeitskollegen von Frau Schmitz (Friederike Wagner, Lambert Hamel), die eigentlich ein Mann ist und eine Ehefrau (Susanne-Marie Wrage) und eine Teenager-Tochter (Lisa-Katrina Mayer) hat, herauszufinden. Mit ihrer Rolle als Frau haben sich einige Kollegen arrangiert, die sie gerne als Frau und daher nicht als männlichen Konkurrenten sehen wollen wie Sven, der Projektleiter (köstlich: Gottfried Breitfuss) und Arbeitskollege Julius (Milan Zerzawy). Mara, die Personalalerin (Carolon Conrad) legt Frau Schmitz nahe, in Männerkleidung einen Job in Pakistan für die Firma zu erledigen, dort kämen Frauenkleider nicht so gut an. Nach ihrer Rückkehr zieht sich Frau Schmitz nicht wieder um und das Verwirrspiel beginnt. Sven, der die Projektleitung an Frau Schmitz verloren hat, sieht eifersüchtig, wie Mara Frau Schmitz zu einem Glas Champagner einlädt und Julius, der ihr noch vor kurzem Avancen machte, beschimpft sie nun als «satanisches Krawattenvieh». Zum Schutz vor den Zudringlichkeiten zieht sich Frau Schmitz wieder um, doch es droht ihr die Kündigung, wenn sie das Wechselspiel nicht beendet.
In einer langen Stuhlreihe sitzen die Schauspieler nebeneinander, das Scheinwerferlicht fällt auf die jeweils sprechende Person. Ein Ringelreihen also um Kleider und Verkleidung, Maskenspiele und das Surfen mit Identitäten. Da fallen durchaus witzige und milieu- und geschlechtergerechte Slapsticks, doch nach 90 Minuten hat man das Gefühl, dass die Sache unfertig zu Ende geht. Auch wenn die aktuell in den Medien breitgetretenen sexuellen Übergriffe hier auch visuell thematisiert werden, Handauflegen aufs Knie, Schönheits-OPs; das Spiel mit den Geschlechterrollen ist etwas gar fad geraten und die Spannung erschöpft sich in der Wiederholung. Regie: Barbara Frey. Premiere 22. Oktober 2016, Pfauen. www.schauspielhaus.ch

 

Tonhalle: Zürcher Kammerorchester mit Artist in Residence-Star Klaus Maria Brandauer – «Krieg, es lebe der Krieg!?»

 

Klaus Maria Brandauer, 1943 in Bad Aussee in der Steiermark geboren, gehört zu den bekanntesten Bühnen- und Filmschauspielern (u.a. «Mephisto», «Out of Africa», Bond-Bösewicht). In der Saison 2016/17 gastiert er als Artist in Residence beim Zürcher Kammerorchester (ZKO).

Zusammen mit dem Orchester widmet er sich leidenschaftlich der Verbindung von Wort und Musik. Mit «Krieg, es lebe der Krieg!?» thematisieren Klaus Maria Brandauer und Star-Violonist  Daniel Hope und sechs Instrumentalisten die Thematik, wie Musik den Krieg reflektiert.
Beethovens weltbekannte Ouvertüre zu Goethes Drama «Egmont» macht deutlich, dass Kriege und Kämpfe nicht nur Fragen der Weltpolitik sind, sondern auch Geschichten persönlicher Schicksale erzählen. Strawinskys Parabel «L’Histoire du soldat», mitten im Ersten Weltkrieg komponiert, greift das Schicksal eines Sodaten auf, der auch aus Syrien stammen könnte.

Das von Rhythmen und Klängen getriebene Szenario wurde vom tongewaltigen Stimmen-Modulator Klaus Maria Brandauer untermalt, den das Publikum im vollbesetzten Saal frenetisch feierte. Ein Zeichen gegen den Krieg!

Dienstag, 25. Oktober 2016, 19.30 Uhr, Tonhalle Grosser Saal.

 

Weitere ZKO-Konzerte mit Klaus Maria Brandauer:
«Weiss der Kuckuck!». Mit den Kindern auf Märchenreise. So. 30. April 2017, 11.00 Uhr, Tonhalle, Grosser Saal.
«Shakespeares Sturm». Werke von Mozart u.w.  Sa. 24. Juni 2017, 1930 Uhr. Tonhalle, Grosser Saal.

Man muss kein ausgesprochener Giacometti-Fan sein, um diese Ausstellung wunderbar zu finden:

 

 

 

«Alberto Giacometti – Material und Vision. Die Meisterwerke in Gips, Stein, Ton und Bronze»

Vom 28. Oktober 2016 bis 15. Januar 2017 stellt das Kunsthaus Zürich anhand von 250 Werken erstmals den Umgang Alberto Giacomettis mit der Materialität seiner Werkstoffe in den Mittelpunkt einer Ausstellung. 75 kostbare Gipse aus dem Nachlass des Künstlers, die am Kunsthaus restauriert wurden und wegen ihrer Zerbrechlichkeit selten zu sehen sind. Die Ausstellung beleuchtet auf neuartige Weise grundlegende Aspekte des Schaffens und Arbeitsprozesses des weltbedeutenden Schweizer Plastikers und gibt Antwort auf die Fragen: Was bedeuteten Giacometti seine Gipse? In welchem Verhältnis stehen sie zum Gesamtwerk? Und welches ist der spezifische Charakter der anderen, vom Künstler wie die Gipse eigenhändig bearbeiteten Schöpfungen in Stein, Ton, Bronze, Holz und Plastilin? www.kunsthaus.ch

 

 
Klein aber mächtig – Kunst Zürich vom 27. – 30. Oktober 2016
Bereits zum 22. Mal öffnet die Kunst Zürich ihre Türen, über 80 Galerien aus der Schweiz und dem Ausland präsentieren eine Vielzahl an Positionen, von Multimedia über Fotografie und Installationen bis zu den klassischen Ausdrucksformen von Malerei und Skulptur. Es werden über 22.000 Besucher erwartet, die in diesem Jahr mit dem neuen Sektor «Statement Schweizer Kunst», kuratiert von Alexandra Blättler, eine einmalige Gelegenheit erhalten, Werke aus privaten Sammlungen zu bestaunen. 

Agenda:
Samstag, 29. Oktober 2016, 14 Uhr: «Das Niederdorf, die Bronx, Beverly Hills und die Berge», Willy Spiller im Gespräch mit Tobia Bezzola.
Sonntag, 30. Oktober 2016, 14 Uhr: «Parkett & Beyond», Jacqueline Burckhardt im Gespräch mit Ewa Hess.

 

Wir wünschen Ihnen einen wundervollen Herbst, sei es im Engadin oder auf Lefkada oder wo immer Sie sind… nicht zuletzt mit Literatur & Kunst!

 

 

Herzlich
Ihre Ingrid Isermann, Herausgeberin