FRONTPAGE

Editorial

November/Dezember 2019

 

Liebe Kulturinteressierte, liebe Freundinnen und Freunde

Herzlich willkommen auf Literatur & Kunst!

 

Was ist mit unserem Klima los?

Mehr als 150 Millionen Jahre lang lebten die Dinosaurier auf unserem Planeten. Vor etwa 60 Millionen Jahren fiel ein namenloser Astroid auf die Erde und löschte das Leben der Dinos aus. Vor 200 000 Jahren kam der Mensch. Der moderne Mensch veränderte mit Autos, Flugzeugen, Industrie etc. das Klima. Und vor einem Jahr kam Greta, die 16jährige Schülerin aus Schweden, die den Klimawandel-Protest «Fridays for Future» entfachte, weltweit bis zum UNO-Klimagipfel. Traditionelle Parteien wollen den menschengemachten Klimawandel nicht wahrhaben. Sie warten bis zur nächsten Eiszeit und möchten es jetzt noch etwas warm und gemütlich haben. Erst wenn unsere Gegend unbewohnbar wird, werden sie aufwachen. Vielleicht sollten wir alle Religionen und Parteien abschaffen und ganz neu von vorne anfangen? Eine Weltfamilie, grenzenlos? Früher glaubte man nur an den Fortschritt, vielleicht kommt jetzt der Rückschritt?

 

Oder soll die künstliche Intelligenz unser Dilemma richten?

Doch wie der Name sagt, diese Intelligenz ist künstlich. Und was heisst überhaupt Intelligenz? Darüber streiten sich die Gelehrten. Sind künstliche Intelligenzen hilfreich? Dazu äusserte Florian Coulmas, Professor für japanische Gesellschaft an der Universität Duisburg-Essen, erhellende Perspektiven in der NZZ v. 9. Oktober 2019 «Wie intelligent ist künstliche Intelligenz?»: «Wie die einzelnen Algorithmen und maschinellen Fähigkeiten zu einem intelligenten Wesen integriert werden können und ob das je geschehen wird, wissen weder die Spezialisten noch sonst jemand. Sicher ist nur, dass wir Zeugen einer Entwicklung sind, die bis jetzt unbekannte Formen geistiger Produktivität hervorbringt, die unser Leben verändern. Ob wir sie Intelligenz nennen wollen, ist noch nicht ausgemacht; dass es geschieht, aber sehr wohl, ob es uns gefällt oder nicht». Gute Nachricht: Alles hat einmal ein Ende. Schlechte Nachricht: Auch Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen können Präsident werden. 

 

Sind Menschen Computer?

Vielleicht sind schon Cyborgs um uns? Wenn man die Standpunkte NZZ am Sonntagmittag auf SRF schaut? Tatsächlich vergleicht der Chefredaktor den Menschen mit einem Computer: In der Sendung vom 22. September 2019 im Gespräch über «Künstliche Intelligenz – Träume vom Maschinenhirn» mit der ETH-Professorin für Technologie Gudela Grote, die vehement widerspricht «Menschen sind keine Computer!». Hoffentlich ist das nachhaltig auch bei der NZZ angekommen. 

«Denk’ ich an Deutschland in der Nacht», so meinte Heinrich Heine, «bin ich um den Schlaf gebracht». Wohr wahr, denkt man heute an den Rechtsrutsch und die AfD. Denk’ ich an die Schweiz am Tag?  Mitunter hat es den Anschein, dass von verschiedenen Seiten viel getan wird, Probleme und Wahrheiten herunterzudimmen. Sei es der Klimawandel, die EU, die Abschottung und Angstmacherei mit der Zuwanderung. Ich hoffe, dass Sie wählen gingen am 20. Oktober 2019. Denn der Wähleranteil in der Schweiz, die so oft die Wahl hat, die Weichen zu stellen, ist beschämend gering. Dabei ist es doch ein Privileg. Das offenbar von vielen jungen Wählerinnen und Wähler genutzt wurde. Die grüne Welle rollt! Das Klimabewusstsein wurde gestärkt. Den Worten sollten nun Taten folgen.

Ihre Ingrid Isermann

 

Klima? Auch der Autofahrer ist durchaus naturverbunden…

 

Der Automobilist (HOMO MOBILIS)

 

Der Automobilist bewegt sich.

Kommunikation ist sein Lebenselixier.

Er prüft, mit wem er verkehrt.

Verkehr hält Leib und Seele zusammen.

Körpersprache ist für ihn ein erotisches Signal.

Als bewusster Zeitgenosse achet er darauf,

über Mittel zu verfügen, die das Schlimmste verhüten.

Der Auto-mobilist liebt die Natur.

Hügel und Bewaldetes ziehen ihn magisch an.

Er ist findig im Herausfinden von Schleichwegen,

die seine Lust erhöhen.

Der Verkehr lässt ihn nicht gleichgültig.

Auf Berggipfeln betrachtet er stolz das

unter ihm liegende Revier.

Am Montag ist über allen Wipfeln Ruh’.

 

(Aus: Öffentlicher und privater Verkehr. Unernste Betrachtungen über ernsthafte Zeitgenossen. 1991).

 

 

Was können Sie im Noember/Dezember auf Literatur & Kunst entdecken?

Zwei Debüts, eine Fortsetzung: Ivna Zic, Ocean Vuong, Thomas Meyer.

Ivna Zic, 1986 in Zagreb geboren, in Zürich aufgewachsen, nimmt uns mit auf eine Reise von Paris nach Kroatien, wo, wie in jedem Sommer die Familie mit der Grossmutterinsel wartet. Ein bemerkenswertes Debüt: «Die Nachkommende», Matthes & Seitz, Berlin 2019. Das Buch ist auf der Österreichischen Longlist  und der Schweizer Shortlist für den Buchpreis 2019.

 

Ocean Vuong, 1988 in Saigon geboren, in Amerika aufgewachsen, hat die literarische Welt verblüfft mit seinem stark autobiografisch geprägten Erstlingsroman «Auf Erden sind wir kurz grandios», Carl Hanser Verlag, München 2019.  Der berührende Brief eines vietnamesischen Sohnes an seine Mutter, die ihn als Analphabetin nie lesen wird. Für seine Lyrik wurde er schon mehrfach ausgezeichnet.

 

Thomas Meyer, 1974 in Zürich geboren,  liefert die Nachfolgestory zum erfolgreich verfilmten Motti Wolkenbruch-Bestseller. Nun hat es Motti mit der Weltverschwörung und Spionage zu tun. «Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin». Diogenes, Zürich 2019. Süffisant, satirisch und amüsant.

 

 

Photo/Filmtipps: Ausstellung Fotomuseum Winterthur: Guido Baselgia – Als ob die Welt zu vermessen wäre.  Interview von Rolf Breiner mit dem Filmemacher Samir über seinen Spielfilm «Baghdad in my Shadow». Aktuelle Filmtipps.

 

Ausstellung Museum Haus Konstruktiv: Zurich Art Prize 2019 für Leonor Antunes, Bauhaus-Schüler Roman Clemens, konkreter Künstler Camille Graeser.

 

Architekturtipps: «Charlotte Perriand», Monografie Volume 4, Scheidegger & Sspiess, Zürich 2019. «Vokabular des Zwischenraums», Gestaltungsmöglichkeiten von Rückzug und Interaktion in dichten Wohngebieten, Park Books, Zürich 2019. «Tel Aviv. Die Weisse Stadt und ihre Bauten der Moderne», Architekturführer DOM publishers, Berlin 2019.

 

Reportage: Faröer-Inseln von Ingrid Schindler: «Bauklötzchenstaunen im Regenland». Die Faröer sind der wahre Norden. Siehe auch Papageientaucher, Faröer, widescreen. Foto: Ingrid Schindler.

 

Schauspielhaus Zürich: «Früchte des Zorns» von John Steinbeck in der rasanten Inszenierung von Christopher Rüping.

 

Der Schweizer Buchpreis 2019 geht an Sibylle Berg für ihren dystopischen Roman «GRM. brainfuck». Herzliche Gratulation! 

 

Wir wünschen Ihnen einen wunderschönen Herbst und stilvollen Advent mit Literatur & Kunst.

 

Herzlich

Ihre Ingrid Isermann, Herausgeberin