FRONTPAGE

Editorial

Mai/Juni 2020

 

Liebe Literatur & Kunst-Interessierte, Freundinnen und Freunde, herzlich willkommen!

 

Die Coronakrise hält uns in Atem. Seit Mitte März ist Normalität ein exklusiver Begriff. Nichts war mehr wie zuvor und wird es wohl für längere Zeit auch noch bleiben. Die Pandemie hatte uns alle auf dem linken Fuss erwischt. Die Schweiz ist bis jetzt einigermassen über die Runden gekommen dank den Verhaltsmassregeln, zu Hause zu bleiben. So langsam werden die Einschränkungen wieder gelockert. Vorsicht ist geboten. Die Krise bringt uns auch zum Nachdenken, ist ein einfacheres Leben möglich und auf was können wir verzichten, auf was wollen wir nicht verzichten? Solidarität ist wieder eine Option und die Gesundheit, die über allem steht. 

 

Pressionen

Immer noch ein Tabu in unserer Zeit, die Depression. Stimmigkeiten und Verstimmungen, die aufs Gemüt schlagen, deren Ursache man sich oft nicht erklären kann, und die Männer wie Frauen gleichermassen befällt. Depressionen sind Pressionen der düsteren Art, die Kehrseite der Aggressionen, gegen sich selbst gerichtet. Aus diesem Jammertal wieder hinauszufinden, ist eine schwierige Aufgabe auch für Psychiater und Psychologen. Nun hat sich eine junge Autorin dieses Themas angenommen und schreibt über eine Depression, die vollkommen lahmlegt und blockiert. Und das mit abgründigem Humor und Satire. Wenn gar nichts mehr hilft, auch keine Therapeuten, greift man gerne zu dieser Lektüre. Da findet man eine Leidensgenossin, die sich nicht lustig macht über diese psychische Erkrankung, aber die Distanz dazu findet, sich selbst zu betrachten und unter die Lupe zu nehmen und damit aus der Isolation herauszukommen. In den Coronavirus-Zeiten machen diese Erfahrung der Isolation mittlerweile eine ganze Menge Menschen und sie werden feststellen, dass Einsamkeit eine der Hauptgründe für eine Depression sein kann. Und damit vielleicht auch mehr Verständnis für die von der Depression Betroffenen aufbringen können. Und damit wäre schon viel geholfen, wenn dieses Tabu nicht weiter stigmatisieren würde in unserer Gesellschaft, die in diesen Zeiten zusammenrückt und lernt, dass Zusammenhalten und füreinander-Einstehen eine grosse Lebensqualität bedeutet.
Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Mai, nicht zuletzt, weil der Mai mein Geburtsmonat ist.

Ihre Ingrid Isermann

 

Buchtipp: Helene Bockhorst. «Die beste Depression der Welt».
Helene Bockhorst schreibt über Depressionen, ein Tabuthema, obwohl viele Menschen davon betroffen sind. Sie geht sich selbst nicht aus dem Weg, sondern den Hintergründen der Verstimmungen auf den Grund. Das ist mitunter schwer erträglich, düster und scheinbar hoffnungslos. Sie hinterfragt ihre Familiengeschichte, die Lügen, die Männer, hart aber fair, wie man mit depressiven Verstimmungen nicht nur überleben, sondern leben kann. Helene Bockhorst. Die beste Depression der Welt. Roman. Ullstein-Verlag, 2020. CHF 28.90. ISBN 978-3-550-20076-2.

 

 

 

Bachmannpreis 2020 für Helga Schubert (D).
Die Premiere der virtuellen Lesungen der 44. Tage der deutschsprachigen Literatur 17.-21. Juni 2020 ist geglückt. Die Jury unter dem Vorsitz von Hubert Winkels krönte Helga Schubert für den Klagenfurter Bachmannpreis 2020. 14 Autorinnen und Autoren hatten sich dem Wettbewerb gestellt. Der Deutschlandfunkpreis ging an Lisa Krusche (D), der KELAG-Preis an Egon Christian Leitner (A). Laura Freudenthaler (A) erhielt den 3sat-Preis, den Publikumspreis gewann Lydia Haider (A).
Helga Schubert wurde von Insa Wilke eingeladen. Es ist für sie der zweite Anlauf zum Klagenfurter Lesewettbewerb, denn 1980 durfte Schubert nicht aus der DDR zum Klagenfurter Wettbewerb ausreisen. Nach dem Mauerfall sass sie 1987-1990 selbst in der Jury der Tage der deutschsprachigen Literatur.
In ihrer Laudatio sagte Insa Wilke, Helga Schuberts Text «Vom Aufstehen» habe alle angerührt. Eine Frau liege im Bett und zögere das Aufstehen hinaus, ein klassisches literarisches Motiv, das Erinnern an die Mutter. 80 Jahre Leben, 20 Minuten Lesezeit, der Stoff hätte eine Geschichte der Katastrophe sein können, aber sie zeige, wie man Frieden mache. Der Text lehrt das Lesen und das Leben ohne Belehrung.

Die Jury spreizte wieder ihre Pfauenfedern, wobei Neo-Juror Philipp Tingler (CH) sich gerne in der Rolle eines polternd widersprechenden Marcel Reich-Ranicki sah,  mitunter war das lustig, mitunter nervig. Ebenfalls neu in der Runde war Brigitte Schwens-Harrant (A) neben den bisherigen Jurymitgliedern Klaus Kastberger (A), Michael Wiederstein (CH), Insa Wilke (D), Nora Gomringer (D/CH).
Hubert Winkels als Juryvorsitzender hielt die Abschlussrede: «Ein Grossereignis Bachmannwettbewerb hat in dieser seltsamen Verfallszeit von Möglichkeiten gut kompensiert, was fehlt, nämlich das Liveereignis vor Ort. Was ich sehen konnte, war eine bewegende technische Installation von eigenem, fast ästhetischem Rang», besonderer Dank gelte Moderator Christian Ankowitsch, der die Koordination übernahm.  ORF-Direktorin Karin Bernhard sprach Hubert Winkels für sein letztes Jahr als Juryvorsitzender und für Empathie, Esprit und Gelassenheit ihren Dank aus. Im kommenden Jahr wird Winkels die Eröffnungsrede der deutschsprachigen Literatur 2021 halten. www.3sat.de

 

Was können Sie im Mai/Juni 2020 auf Literatur & Kunst entdecken?

 

Peter Handke, so umstritten wie gefeiert, legt einen neuen Erzählband vor: «Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte», Eine Geschichte mit überraschenden Wendungen. Suhrkamp 2020.

 

Ein neuer Sommerkrimi von Donna Leon: «Geheime Quellen». Venedig noch vor der Coronazeit… aus der Zeit gefallen ist das trotzdem nicht, denn es geht um die Wasserqualität, die bedroht ist. Diogenes, 2020.

 

«Die Maulposaune» lautet der Titel einer neuen Lyriksammlung aus Italien, Gedichte von verschiedenen jungen Autorinnen und Autoren, zweisprachig italienisch/deutsch. Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2020.

 

Ingrid Schindler stellt Ihnen die opulenten «Japanischen Holzschnitte von 1680 bis 1938» vor, die bis heute faszinieren. Taschen Verlag, 2020.

 

In der Coronakrise sind alle Ausstellungen geschlossen, aber davon lässt sich auch die Fotogalerie Bildhalle, Zürich nicht abhalten, eine Online-Ausstellung zu veranstalten. Mit wunderbaren Fotos von Albarrán Cabrera, René Groebli, Werner Bischof, René Burri u.a.

 

Architektur-Bchtipps: «Die Ökonomie des Raums», DOM publisher, Berlin 2020. «Next to Bauhaus. Die Dessauer Schule», Band 2, 2020. «Snohetta», eine Architektenvereinigung, Detail-Verlag, 2020.

 

widescreen Mitte: Das Guggenheim-Museum, New York City. Architekt Rem Kohlhaas kuratierte die Ausstellung «Countryside. The Future» und präsentiert das Land als Raum für Innovation und Freiheit, in dem Zukunft gestaltet wird. Bis 14. August 2020.

 

Interview mit dem Künstler Charles Gaines, der 2020 seine erste Ausstellung in Europa bei  Hauser & Wirth in St. Moritz hat. Julieta Schildknecht hat den Künstler befragt.

 

Die tolle Reportage von Ingrid Schindler ins englische Bath ist eine amüsante und spannende Imagination, lesen Sie selbst.

 

8. Mai 1945: vor 75 Jahren endete in Europa der Zweite Weltkrieg. Wir sollten uns der dunklen Seite des Kontinents stellen, nicht zuletzt, um Populisten nicht das Feld zu überlassen. Ein Auszug aus dem autobiografischen Logbuch «Weltenflimmern» erzählt Geschichten und Erinnerungen von Krieg, Kindheit, Jugend, Liebe, Gott und der Welt.

 

Wir wünschen Ihnen gute Unterhaltung mit Literatur & Kunst! Im Juli/August machen wir eine Sommerpause. Im September, wenn die Kultur (hoffentlich) wieder auf vollen Touren läuft, sind wir wieder für Sie da! Wir wünschen Ihnen Gelassenheit und Optimismus, bleiben Sie gesund!

 

Herzlich

Ihre Ingrid Isermann, Herausgeberin