FRONTPAGE

Editorial

November/Dezember 2020

 

Liebe Literatur- und Kulturinteressierte, Freundinnen und Freunde,
herzlich willkommen auf Literatur & Kunst!

 

Nero im Weissen Haus – oder die Relativität der Wahrnehmungen
Die Welt schaut auf Amerika, auf den Dealmaker im Weissen Haus, der verloren hat und der Sieger sein will. Der Präsident als Lustspiel Des Kaisers neue Kleider. Dabei will er doch nur spielen, der Donald, mit den Wählern, Frauen eingeschlossen, den Emotionen, den Stimmen, die wie in Georgia nochmals ausgezählt werden müssen.
Und nein, die Schlüssel übergibt er nicht an Joe Biden, der kommt nicht rein ins Weisse Haus. Denn das ist seins, ganz und gar… deshalb schasste er noch schnell den besonnenen Verteidigungsminister, der das Militär gegen die Bürger nicht einsetzen wollte. Und vielleicht erlässt der Don noch ein Gesetz in seiner Amtszeit wie Putin, die Präsidentschaft zu verlängern.
Könnte ja sein, why not?
Autokraten unter sich verstehen sich. Logisch, dass weder Putin noch Xi Jinping President elected Joe Biden zu seinem Sieg bisher gratulierten. (Korrektur 13.11.2020: Inzwischen hat China Biden gratuliert!). Auch hier in der Schweiz melden sich verschiedene Medienstimmen zu Wort, man habe, sprich Bundesrätin Simonetta Sommeruga, viel zu früh gratuliert. Man muss doch erst mal abwarten. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.
Nun sind zwei alte weisse Männer im Weissen Haus. Der eine versöhnlich, der andere wütend. Und stolz auf seine Proud Boys. Die Lunte hat er schon gezündet, dafür kann er ja nichts, wieso wollen ihn auch 78 Millionen Americans nicht mehr haben? Seine Methoden sind doch rechtens, oder?
Auch wenn die New York Times heute wörtlich schreibt:
«Denying defeat, claiming fraud and using government maschinery to reverse election
results are the time-honored tools of dictators».
Also, die Niederlage zu verneinen, Wahlbetrug einzuklagen und die Regierungsgewalt dazu zu benutzen, um die Wahlergebnisse umzukehren, sind die zeitgemässen Werkzeuge von Diktatoren. Alles klar?

12. November 2020

Am 24. November leitete Donald Trump nach 30 erfolglosen Klagen auf Wahlbetrug wie in Michigan, Pennsylvania, Georgia, die Transition für die Amtsübergabe an Joe Biden ein, der bereits wichtige Posten seines Kabinetts vorgestellt hat. Bis jetzt hat Trump seine Niederlage nicht bestätigt.

Ihre Ingrid Isermann

 

 

Am 3. November 2020 wird der neue (oder alte) Präsident der Vereinigten Staaten gewählt, vielleicht werden wir den Namen erst später erfahren, wenn alle Stimmen ausgezählt sind und das kann dauern. Eine Prognose zu wagen, ist schwierig, alles kann passieren, nur hoffen wir, dass es friedlich ablaufen möge und keine bewaffneten Bürgerwehren Donald Trumps zum Einsatz kommen. Demnächst also mehr über diese richtungweisende Wahl Amerikas.

 

Am 7. November verkündeten die US-Sender CNN und FOX mittags die Nachricht zuerst: Joe Biden ist der 46. Präsident der Vereinigten Staaten. Um 20 Uhr dann traten Vize-Präsidentin Kamala Harris und eleced President Joe Biden mit bewegter Stimme auf dem Podium in Delaware vors Mikrophone, bejubelt von einer begeisterten Menschenmenge mit US-Flaggen. Präsident Trump will die Wahl anfechten und erklärte die zuletzt ausgezählten und noch auszuzählenden Stimmen für ungültig. Staatschef aus Kanada, England, Frankreich, Deutschland und asiatischen Staaten haben dem designierten Präsidenten gratuliert, der einen schwierigen Weg vor sich hat, das zerstrittene Amerika, das Trump hinterlässt, zu einen. Aber nichts ist unmöglich, wenn wir zusammen stehen, sagte Biden und dass er ein Präsident für alle Amerikaner sein wolle. Die Erleichterung ist überall spürbar, von New York bis Philadelphia, wo sich die Wahl entschieden hatte.

 

8. November 2020: Der Schweizer Buchpreis geht an Anna Stern und ihren Roman «das alles hier, jetzt», Elster-Salis Verlag 2020.  Herzliche Gratulation!

 

«Je ne suis pas Charlie…». Solidarität mit Freiheit und Gerechtigkeit ist das eine, Zustimmung zu gnadenlos respekt- und geschmacklosen Karikaturen das andere. Es geht darum, Menschen wegen ihres religiösen Glaubens nicht derart zu verunglimpfen, dass eine Todfeindschaft aufgebaut wird, es geht aber auch darum, dass nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt, Menschen wegen ihrer anderen Haltung umzubringen. Der extremistische Islamismus hat dem Islam selbst die Todfeindschaft proklamiert, daran gibt es keinen Zweifel. Wohl aber daran, dass die Solidarität der Meinungsfreiheit auch von den Charlie Hebdo-Machern missbraucht wurde. Die Anschläge mit Todesfolge zu verurteilen, ist unabdingbar. Die Karikaturen zu verteidigen, hingegen nicht. Der Unterschied ist gravierend und muss gewahrt werden. Dass die erneute Provokation der Mohammed-Karikaturen kürzlich zum Tod eines Lehrers in Frankreich geführt hat, ist tragisch. Wo bleibt die westliche Selbstkritik?
Ihre Ingrid Isermann

Die Lyrikerin Elke Erb (*1938)  erhält den Georg-Büchner-Preis 2020. Die Autorin  gehört zu den bedeutendsten deutschen Literaten, die für ihr poetisches Werk geehrt wird.
 

Was können Sie im November/Dezember 2020 auf Literatur & Kunst entdecken?

 

Literatur: «Sempre Susan» sind die faszinierenden Erinnerungen der amerikanischen Schriftstellerin Sigrid Nunez an die glamouröse und unvergessene Denkerin und Autorin Susan Sontag. Aufbau-Verlag, 2020. Usama Al Shamani, aus dem Irak geflüchtet, erzählt hier einmal aus der Perspektive einer Frau eine berührende Geschichte der Flucht in die Schweiz. «Im Fallen lernt die Feder fliegen», Limmat Verlag, 2020.

 

Zwei ausgezeichnete Lyrikerinnen:
Anne Weber erhielt den Buchpreis des Deutschen Buchhandels für «Annette, ein Heldinnenepos» für ihre fulminante die Geschichte einer 96-jährigen Freiheitskämpferin. Matthes&Seitz, 2020.
Louise Glück erhielt den Literaturnobelpreis 2020 für ihre Lyrik, die hierzulande kaum bekannt ist. Wir stellen Ihnen beide Autorinnen vor.

 

Der Lockdown ist für die Kulturszene pures Gift. Wie gehen Kulturschaffende, Museen und Sammler damit um? Julieta Schildknecht hat den bekannten Schweizer Sammler Uli Sigg dazu interviewt.

 

Robert Frank hat mit seinem Fotoband «The Americans» die Amerikaner verewigt. Doch blieb er der Schweiz immer verbunden. Daniele Muscionico hat die Ausstellung in der Fotostiftung Winterthur besucht, die noch bis anfangs Januar 2021 geöffnet ist.
Rolf Breiner hat den Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart über seine vielfältigen Talente und Aktivitäten interviewt. Aktuelle Filmtipps.

 

Architekturtipps: TXL Tegel Berlin über den Flughafen als Architekturikone. OMA Toulouse, Napli, Paris Haussmann, Park Books 2020.

 

Mitte widescreen: National Gallery, London: Artemisia Gentileschi’s Defiant Women (1593 in Rom – 1654 in Neapel).

 

 

Buchtipp: «Kalmann» ist ein Simpel, aber ein ganz Schlauer. Ingrid Schindler über diese isländische Kultfigur, gewürzt mit eigenen Betrachtungen über die Kultur in Island.
Diogenes, Zürich 2020.

 

Medien: «Vergessene Schreckgespenster». Was bewegt die Medienszene und wie wird sie
von den Usern wahrgenommen? Rainer Stadler untersucht die Auswirkungen von Hypes auf die Medien in seinem lesenswerten und gescheiten letzten Beitrag für die NZZ.

 

 

Der NZZ-Feuilletonchef hat zwanzig Zeitgenossen zum Zeitgeist befragt. Lesen Sie selbst, was und wen der Zeitgeist umtreibt. René Scheu,  «Gespräch und Gegenwart», Reden über (und gegen) den Zeitgeist», herausgegeben von Hans Ulrich Gumbrecht mit einem Vorwort und Interview von René Scheu. NZZ Libro, 2020.

 

 

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, zum ersten Mal in der jüngsten Geschichte hat ein Virus die ganze Welt lahmgelegt, und es ist kein Ende abzusehen. Wir befinden uns nach und teilweise wieder vor dem Lockdown und in einer unfreiwilligen Maskerade. Es wird uns bewusst, wie verletzlich Menschen sind und wie kostbar unsere Gesundheit ist. Da muten Corona-Gegner wie Zombies an, die wider alle Vernunft das Maskentragen ablehnen. Es ist eine unruhige und auch gefährliche Zeit, vielleicht gefährlicher denn je. Auch politisch steht mit den Wahlen in Amerika einiges auf dem Spiel, geht es doch auch um die Beziehungen zu Russland und China, die Europa massgeblich tangieren.

 

Was bleibt und bleiben kann, ist die Freude an der Literatur und an der Kunst.
Und die möchten wir Ihnen allen wie immer ans Herz legen, mit Literatur&Kunst.

Wir danken Ihnen für Ihre Treue und wünschen Ihnen alles Gute für das kommende Jahr!

 

Herzliche
Ihre Ingrid Isermann, Herausgeberin