FRONTPAGE

Editorial

Januar/Februar 2021

 

Liebe Kulturinteressiete, Freundinnen und Freunde,
herzlich willkommen auf Literatur & Kunst!

 

Das neue Jahr ist da! Und wir alle fragen uns, was es uns wohl bringen mag? Wir bleiben zuversichtlich, solange wir die Literatur & Kunst haben, kann uns niemand die Freude darüber nehmen, dass es Dinge gibt, die uns berühren, inspirieren, aufbauen und weiterhelfen. Bücher sind gute Freunde fürs Leben.

 

Ein Freund schenkte mir den Kurzgeschichtenband «Männer in Kamelhaarmänteln» von Elke Heidenreich, wo man so einiges über männliche Protagonisten erfährt, die der Autorin nahestanden und über die ewige Frage der Frauen, was ziehe ich an, wozu und wann? Modemacher wie Coco Chanel und Karl Lagerfeld und sonst noch ein paar Berühmtheiten wie Susan Sontag in Kenzo dürfen nicht fehlen. Kleider machen Leute und der Teufel trägt Prada. Das liest sich amüsant, zuweilen auch tiefgründig, köstlich die Episode ihrer Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen, wo im WC zwei Österreicherinnen über sie redeten: «Die Heidenreich, g’scheit ist sie ja schon. Aber fesch ist sie nicht». Elke kam aus der Toilette und sagte en passant zu den festlich aufgeputzten Damen: «Aber fesch sind doch Sie!» 224 S., Hanser-Verlag, München 2020.

 

Susan Sontag war auch in Köln, wo Elke Heidenreich sie in einem Bräuhaus treffen konnte (s.o.), die Diva hatte sehr wenig Zeit und jetzt braucht man umsomehr Zeit, die dicke Biografie «Sontag» von Benjamin Moser (*1976) zu lesen. Damit fing ich über die Feiertage an, aber so lässig-leicht wie bei Heidenreich liest es sich nicht. Eher dröge und spröde und auch ganz anders als die faszinierenden Reminiszenzen von Sigrid Nunez an Susan Sontag, die ich in der November/Dezember-Ausgabe von Literatur & Kunst (Archiv) rezensierte. In der Moser-Biografie geht es um Fakten und eine chronologisch genaue Aufarbeitung ihres Lebens, was den Menschen Susan aber nicht unbedingt näherbringt. Da er dafür 2020 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, muss es wohl etwas wert sein. Fleiss lohnt sich anscheinend eben doch. Ich bin ja auch noch nicht mit dem Buch durch. 924 S., Penguin-Verlag, München 2020.

 

Am 20. Januar 2021 ist die Amtsübergabe an den neu gewählten US-Präsidenten Joe Biden und die Vize-Präsidentin Kamala Harris! Die erste Vize im Weissen Haus! Das ist ein Fortschritt und es sollte eine neue Epoche beginnen…

Der Brexit ist done! Die Briten haben ab 1. Januar 2021 ein reduziertes Handelsabkommen mit der EU und sind nicht mehr Mitglied. On verra! Fehlt nur noch das Rahmenabkommen der Schweiz mit der EU. Gut Ding will Weile haben? Hoffentlich…

Die Januar/Februar-Ausgabe von Literatur & Kunst stellt Ihnen verschiedene Frauen vor, die Geschichten und Geschichte schreiben, denn wir feiern 50 Jahre Frauenstimmrecht!. 

Ihre Ingrid Isermann

 

Land in Sicht

Am 20. Januar 2021 ist Donald Trump Geschichte. Keiner hatte das Lügen so zum Prinzip erhoben wie er. Dass er damit Erfolg hatte, beweist die Korrumpierbarkeit politischer Systeme. Nichtsdestotrotz hat Trump die Wahlen verloren, obwohl er sich als Wahlsieger ausgab. Und richtete deshalb zuletzt noch ein Chaos im Kongress an, dem Herzstück der amerikanischen Demokratie, was selbst viele seiner Anhänger nicht für möglich gehalten hätten. Dennoch fällt es der republikanischen Partei schwer, sich von Trump zu trennen.

Eine Frage der Macht, nicht der Ethik, wie es scheint. Das Impeachment lauert im Hintergrund, ob der Senat in seiner Fast-Pattsituation Trump verurteilt, bleibt abzuwarten. In einem hatte Trump recht behalten, als er mit seiner Ukraine-Intrige versuchte, Biden zu korrumpieren, dass dieser ihm gefährlich werden könnte. Nun hat er diesen undemokratischen Missgriff nochmals wiederholt, indem er den Gouverneur von Georgia aufforderte, er möge ihm 17800 Stimmen zukommen lassen, damit die Wahl gekippt werde.

Trump hat Demokratie nie verstanden und geht als denkbar schlechter Verlierer von der Bühne ab, ohne ein versöhnliches Wort und ohne dem rechtmässig gewählten neuen Präsidenten zu gratulieren. Auch das gab es wohl noch nie in der Geschichte Amerikas.

Dennoch: Trump ist Geschichte! Aufatmen bei den Demokraten und in der westlichen Welt. Joe Biden und Kamala Harris treten an und sie wollen das Land befrieden. Dazu möge ihnen Glück und Erfolg beschieden sein!

19. Januar 2021

 

Back to good old America? When the saints go marching in... Nun ist Joe Biden der 46. amerikanische Präsident und Kamala Harris die erste amerikanische nichtweisse Vizepräsidentin. Die Feier zur Amtseinsetzung gelang würdevoll und statt der BesucherInnen flatterten Tausende Fahnen im Wind vor dem Capitol. Dass die Zeiten der Panikmache vorbei sind, wünschen sich wohl alle Amerikaner. Joe Biden ging nach der Zeremonie gleich back to work ins Weisse Haus, um die unsäglichen Anordnungen des letzten Präsidenten rückgängig zu machen, wie in Sachen Klimaschutz und Einwanderung. 20.1.2021

 

 

Was können Sie im Januar/Februar 2021 auf Literatur & Kunst entdecken?

 

Mieko Kawakami ist der neue Stern an Japans Literaturhimmel. Nicht von ungefähr, denn diese junge Autorin traut sich was, über Rollenbilder und Frauenkörper sowas von ungeniert zu sprechen, als ob das die natürlichste Sache der Welt wäre. Lesen Sie selbst! «Brüste und Eier», Dumont Verlag, Köln 2020.

 

 

Elke Erb. Manchen muss man sie nicht mehr vorstellen. Vielen schon. Was die Lyrikerin und  Büchnerpreisträgerin selbst zu ihren Gedichten sagt, steht in ihrem Buch «Gedichte und Kommentare». Poetenladen Leipzig, 2020.

 

 

Sefan Brüggemann. Vielleicht ist er hierzulande noch nicht so bekannt, der in Mexico City geborene Künstler stellt bei Hauser & Wirth aus und ist ein Geheimtipp. Julieta Schildknecht hat ihn vor Ort interviewt.

 

 

Steve McQueen, Oscarpreisträger («12 years a slave»),  hat jetzt auch eine TV-Serie «Small Axe» gedreht, nicht zuletzt über Rassismus in Grossbritannien. Marion Löhndorf hat den Filmemacher interviewt.
Villi Hermann, Tessiner Filmemacher, wird an den diesjährigen Solothurner Filmtagen 2021 online mit einer Retrospektive ausgezeichnet. Interview von Rolf Breiner sowie Bericht über Preisträger und das Programm an den Solothurner Filmtagen.

 

Annemarie Schwarzenbach ist im Berner Paul Klee Museum zu Gast: «Aufbruch ohne Ziel» Und es gibt dazu einen hervorragenden Fotoband. Filmtipps.

 

«Monografie 20 Jahre Bauen: Modersohn & Freiesleben – Wirklichkeit / Reality», Park Books 2020. Die renommierten Architekten entwickeln den Charakter ihrer Projekte aus den Parametern Matrial, Konstruktion und dem Leben ihrer Auftraggeber. Architekturguides: Deutschland, Moskau und Stockholm, DOM publishers, Berlin 2021.

 

 widescreen Mitte:

Xinyi Cheng. The Horse with Eye Blinders, Ausstellungsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, 2020/21 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Mathias Völzke; © Xinyi Cheng, courtesy the artist/Balice Hertling

 

Buchtipps: «Die Wahrheit über Eva. Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern» von Carel van Schaik und Kai Michel, Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. Ein Buch, auf das nicht nur Frauen gewartet haben! Dass die alten Vorgeschichten aus der Bibel noch heute wirksam sind und es demzufolge die kulturellen Auswirkungen sind, die den jahrtausendalten Gender Gap als Ungleichheit zwischen den Geschlechtern markieren. Ein Lesegenuss und äusserst empfehlenswert!

 

«50 Jahre Frauenstimmrecht»! Das muss gefeiert werden. Denn es bedeutet 50 Jahre Demokratie! Warum dauerte es über 100 Jahre bis zur politischen Gleichberechtigung?  25 Schweizer Frauen verschiedenen Alters und Couleur geben Auskunft über ihre persönlichen Erfahrungen und Ansichten zum Frauenstimmrecht, wie Elisabeth Kopp, erste Bundesrätin der Schweiz, Petra Volpe, Regisseurin des gefeierten Gender-Spielfilms «Die göttliche Ordnung», Ellen Ringier, Nathalie Wappler u.v.a. Orell Füssli Verlag, Zürich 2020.

 

«Leni Riefenstahl. Karriere einer Täterin». Die deutsche Autorin und Dokumentarfilmerin Nina Gladitz stellt das Künstlergenie Leni Riefenstahl in Frage und deckt mit neuen Archivunterlagen die Arbeitsmethodik und -strategie der NS-Regisseurin auf, die mit 101 Jahren 2003 starb und sich bis ins hohe Alter als unschuldiges NS-Filmgenie feiern liess. Eine erschütternde Zeitgeschichte!

 

 

Kochbuchtipps: «all’orto» heisst das Kochbuch von Federico del Principe, der sich dem Gemüse widmet, das  authentisch mit Italianità zubereitet wird. Geschmackvoll und delikat, die Rezepte machen Lust aufs Ausprobieren. AT-Verlag, Aarau 2020.

 

Tanja Grandits ist die beste Köchin der Schweiz. Nun hat sie ein neues Kochbuch herausgebracht «Tanja vegetarisch», das sie auch ihrer Tochter Emma widmet. Denn auch Kinder und Jugendliche sollten besonders auf ihre Ernährung achten und sich mit Soulfood verwöhnen lassen. AT-Verlag, Aarau 2020.

 

 

Wir wünschen Ihnen für das Neue Jahr Gesundheit, Glück und gute Laune.

Und natürlich gute Unterhaltung mit Literatur & Kunst. Bleiben Sie gesund und zuversichtlich!

 

Herzlich

Ihre Ingrid Isermann, Herausgeberin