FRONTPAGE

Editorial Nr. 37

Editorial

April 2014

 

Liebe Kunstinteressierte, liebe Leserinnen und liebe Leser
Herzlich willkommen!

 

Nachruf
Urs Widmer (21.5.1938 in Basel-2.4.2014 in Zürich)

 

Mit Phantasie die Welt verändern

Es war 1970, in einer der ersten Ausgaben des neuen Tages Anzeiger-Magazins erschien eine Kurzgeschichte von Urs Widmer: «Der Pilot und die dicke Frau». Was für eine phantastisch-surreale und skurrile Erzählung! Weder die Geschichte noch der Autor sind mir seither aus dem Kopf gegangen. Danach erschien Buch um Buch mit seinen erzählerischen Eskapaden voller phantastischer Fabulierlust, die den sogenannten Holzboden der Schweiz Lügen straften.
1985 begegneten wir uns persönlich, eher zufällig, beim Klassentreffen im Schulhaus Ilgen I am Römerhof in Zürich, wo seine Tochter und mein Sohn die Schulbank drückten und es im gleichen Quartier Kindergeburtstage zu feiern gab. Urs Widmer war nach 17-jährigem Aufenthalt 1967-1984 als Lektor und freier Schriftsteller in Frankfurt am Main gerade nach Zürich umgezogen.
Einige persönliche Reminiszenzen über den Menschen Urs Widmer. 1992 fragte ich ihn für eine Lesung in Ost-Berlin mit u.a. Paul Nizon an, initiiert vom Kulturamt Hellersdorf zum Kulturaustausch «Berlin-Zürich grenzenlos». Kurz nach der Wende war der Berlin-Besuch eine spannende Erfahrung. Urs Widmer las aus seinem bei Diogenes neu erschienenen Buch «Der blaue Siphon» in der Villa Flora in Ost-Berlin. Urs konnte mit seiner überbordenden und tiefgründigen Phantasie die Zuhörer in den Bann ziehen, als offenherzig verbindlich Zugewandter ohne Attitüden. Er spulte seine Lesung nicht ab, sondern reagierte auf kleinste Regungen und registrierte die unsichtbaren Wärmeschwingungen. Was er nicht gerne preisgab war, wie schüchtern er eigentlich und wie aufgeregt er bei jeder Lesung war. Das, dieses irgendwie Jungenhafte, verlor sich auch nicht in späteren Jahren. Doch es machte ihn eben sehr menschlich, zugänglich und liebenswert sympathisch.
Urs Widmers Werk kreiste um die eigene Geschichte in seinen mit Melancholie, Komik, Witz und Ironie grundierten Erzählungen wie u.a. «Der Geliebte der Mutter» oder «Das Buch des Vaters», doch stets bezog er die Welt und die Zeitgenossenschaft in sein Universum mit ein. Ganz augenscheinlich auch in seinem letzten Buch «Reise an den Rand des Universums», für das er den Schweizer Literaturpreis erhielt. (Siehe auch Essay von Urs Widmer in Literatur & Kunst, 10.2013). Ein im doppelten Wortsinn phantastischer Schriftsteller, der zudem verständlich schreiben konnte, per se nicht das leichteste Unterfangen, ist in der Schweiz singulär.
Im Theater Rigiblick fand am 3. April eine Lesung und Gedenkfeier für Urs Widmer statt, im vollbesetzten Saal waren auch viele Schriftstellerkollegen anwesend. Der Anlass war mit dem Rigiblick schon seit einem Jahr geplant, und eigentlich wollte Urs Widmer selbst auftreten, nun hat es Peter Schweiger für ihn übernommen, aus «An die Freunde. Ein Requiem» und «Orpheus, zweiter Abstieg» zu lesen, mit Klavierbegleitung von Eriko Kagawa und Daniel Fueter, die eigene Kompositionen und Stücke von Bach, Hindemith und Prokofjew spielten.
Wir trauern um den bedeutenden Schriftsteller Urs Widmer.
Ingrid Isermann, 4. April 2014

 

 

Es gibt Gedichte, die einen nicht mehr loslassen und über die Jahre begleiten oder plötzlich wieder aus der Erinnerung aufsteigen und mit Sehnsucht anstecken. Gedichte, deren Lebenslust und Fröhlichkeit sich unmittelbar überträgt. Wir empfehlen Ihnen eine Sammlung mit Gedichten von
Ilse Aichinger, Rose Ausländer, Elisabeth Borchers, Thomas Brasch, Hans Magnus Enzensberger, Bertolt Brecht, Christian Morgenstern, Mascha Kaléko, Kurt Tucholsky, Ernst Jandl, Heinrich Heine, Goethe Johann Wolfgang und vielen anderen bekannten Namen, jetzt erschienen im Taschenbuch «Gedichte, die glücklich machen». (Insel Verlag Berlin 2014, CHF 10.50, € 7.00. ISBN 978-3-458-35997-5).

 

 

Und das lesen Sie im April auf Literatur & Kunst:

 

Katja Petrowskaja (*1970 in Kiew) erhielt mit einem Auszug aus ihrer Erzählung «Vielleicht Esther» den Ingeborg-Bachmann-Preis 2013. Jetzt liegt das Buch in bewunderswert poetischer Sprache vor, die ihre entfernten Verwandten in die Gegenwart zurückholt. Das Buch hat durch die Ereignisse in der Ukraine eine unerwartete Aktualität erhalten.

 

Lyrik fristet unverdientermassen oft ein Schattendasein. Jetzt aber hat einer die Szene aufgewühlt, weit über Lyrikgrenzen hinaus. Der junge, in Dänemark geborene 18-jährige Palästinenser Yahya Hassan erregt Aufsehen mit seinen anklagenden Gedichten sowohl an den Islam als auch an die westliche Gesellschaft mit ihren Institutionen. Mehr als 100.000 Exemplare gingen schon über den Ladentisch. Seine Lesungen kann er wegen akuter Bedrohung durch Islamisten nur unter Polizeischutz abhalten.

 

Paul Chan, 1973 in Hongkong geboren und in New York lebend, hierzulande eher unbekannt, ist einer der aufregendsten und originellsten jungen Künstler der Gegenwart. Das Schaulager Basel präsentiert ab 12. April 2014 seine bisher umfassendste Ausstellung.

 

Das Museum für Gegenwartskunst in Basel zeigt Marcel Broodthaers wunderbare Werke: «Le Corbeau und le Renard». 22.3.-17.8.2014.

 

Literatur und Film, geht das zusammen? Nicht immer gut, manchmal allerdings blendend, wie in «Spuren – Tracks», der abenteuerlichen Lebensgeschichte der Australierin Robyn Davidson, die allein mit 4 Kamelen! Tausende von Kilometern die australische Wüste durchwanderte. Grandios! Weitere Beispiele und aktuelle Filmtipps von Rolf Breiner.

 

Konstantin Grcic, *1966, hat sich mit seinem Design bereits einen Namen geschaffen, das Vitra Museum Weil am Rhein zeigt seine Visionen zur Stadt- und Architekturlandschaft.
Eine neue Publikation über Le Corbusier: «Béton Brut».

 

Der japanische Architekt Shigeru Ban (*1957 in Tokio) erhielt den renommierten Pritzkerpreis für seine experimentelle grenzüberschreitende Architektur, die auf traditionellen japanischen Atttributen basiert. Er setzt auf Bambus, Holz, Stoff, Papier, Karton und verblüffte damit die Fachwelt.

 

Isolde Schaad (*1944 in Schaffhausen) erhielt die Goldene Ehrenmedaille des Kantons Zürich für ihr scharfsinniges und zeitkritisches literarisches Engagement. Nun ist wieder ein Buch im Limmat Verlag erschienen: «Die Ausweitung am Äquator der Gürtellinie in unerforschte Gebiete». Der Titel verspricht, was er hält: hier wird exemplarisch sondiert, brisant und humorvoll die Spezies Mensch unter die Lupe genommen. Wir bringen Auszüge.
Ferner L&K-Buchtipps: Banana Yoshimoto, die Bauhaus-Frauen und Menschen am CERN.

 

Kolumne: Jo Lang ist Historiker und Mitglied der Grünen, der sich Gedanken macht über den Kulturkampf in der Schweiz zwischen Konservatismus und Moderne. Wer darf in der Schweiz sein? Wer darf Schweizer sein? Wir danken dem Autoren und der WOZ, in der dieser Artikel zuerst erschien.

 

Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft …! was gibt’s da im Frühling zu sehen und zu entdecken? Rolf Breiner weiss mehr, in seiner Reportage erfahren Sie es.

 

Wir empfehlen Ihnen einen Besuch im Literaturmuseum Strauhof zu «Georg Büchner – Revolutionär mit Feder und Skalpell». Büchner, 1813 in Hessen geboren und mit 23 Jahren in Zürich verstorben, hat ein schmales, fragmentiertes und zeitloses Werk hinterlassen. Als Schriftsteller, Revolutionär und Naturwissenschaftler beschäftigten ihn Fragen, die heute noch gültig sind. Das Spannungsverhältnis zwischen nüchterner Wissenschaft und spekulativer Philosophie einerseits, und der Hoffnung auf Freiheit in einem repressiven System andererseits sowie psychische Wechselbäder zwischen lähmender Angst und beflügelnder Euphorie lassen sich in seinen Dramen und Schriften finden. Eine begeisternde Ausstellung in den verwinkelten intimen Räumen, die sich für Literatur so aussergewöhnlich gut eignen. Eine Ausstellung, die Sie nicht verpassen sollten. Als Ergänzung zeigt das Filmpodium zwei gegensätzliche filmische Adaptionen (Woyzeck / BRD 1979, Regie Werner Herzog; LENZ / Schweiz/Deutschland 2006, Regie Thomas Umbach).  www.filmpodium.ch. www.strauhof.ch. (Siehe auch Banner Strauhof auf der Frontpage).

Zur Ausstellung ist im Hatje Cantz Verlag ein umfangreicher Katalog erschienen, 614 Seiten, 290 Abbildungen. Verkaufspreis im Strauhof CH 72, im Buchhandel CHF 82.

 

 

Literatur & Kunst verlost ab 7. April 3×2 Tickets für den Film «THE REUNION». Senden Sie uns Ihren Namen an info@literaturundkunst.net und Sie sind dabei!

 

 

Wir wünschen Ihnen einen superben Frühling mit Optimismus und Schaffenskraft und natürlich auch mit Literatur & Kunst!

 

 

Herzlich
Ihre Ingrid Isermann, Herausgeberin

Editorial