FRONTPAGE

Editorial Nr. 33/34

Editorial Dezember 2013/Januar 2014

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Kunstinteressierte, herzlich willkommen!

 

Wie schnell oder wie langsam vergeht die Zeit? Es ist relativ… Einige Wogenbrecher haben uns erreicht, uns mit Freude oder auch Trauer erfüllt und daran erinnert, wie endlich alles ist… das Jahr 2013 neigt sich seinem Ende zu.
Literatur & Kunst hat Ihnen manches nahegebracht, worüber unsere AutorInnen Ihnen berichtet haben, denen ich hier ein Kränzchen winden möchte. Und auch Ihnen, liebe Kunstverliebte, die Sie uns Ihre Aufmerksamkeit schenken. Bisher konnte Literatur & Kunst etwa zwei Millionen Zugriffe auf unser Web-Kultur-Magazin verzeichnen. Das freut uns sehr, herzlichen Dank!

 

Albert Camus – am 7. November wäre der Schriftsteller der exemplarischen Novelle «Der Fremde» 100 Jahre geworden. Aus diesem Anlass ergoss sich eine Vielzahl von Nachrufen, Würdigungen und Biografien über den Autoren, dessen Werk wieder neu interpretiert wurde, im Lichte der vergangenen Zeit. Seinen Widerpart, den Star-Philosophen Jean-Paul Sartre, hat er um Längen überrundet. Camus konnte sich nie für Ideologien, die Unrecht und Gewalt zur Erreichung ihrer Ziele in Kauf nehmen, erwärmen oder gutheissen. Darin hat ihm der Zeitverlauf recht gegeben. Der Kommunismus konnte nicht gelebt werden, die Mauer in Berlin ist gefallen. Doch die Mauern im Herzen der Menschen bestehen allerorten weiter. Es gibt zuviel Hunger in der Welt, materiell, und auch immateriell. Die Kunst und die Literatur sind die Welttröster und die Aufheller und Aufdecker. Camus hat die existenziellen Fragen berührt, die uns auch heute angehen. Iris Radisch hat seine Kinder Jean und Catherine besucht, in Paris und in Lourmarin, wo Camus zuletzt lebte. Lesen Sie den berührenden Bericht von Iris Radisch, die auch eine sehr bewegende Biografie «Das Ideal der Einfachheit», Rowohlt Verlag 2013, über Camus verfasst hat.

 

Ron Winkler  (*1973) ist ein junger Lyriker, den Angelika Overath mit seinem neuen Gedichtband «Prachtvolle Mitternacht», erschienen im Schöffling Verlag, Frankfurt am Main, vorstellt.

 

Alberto Giacometti und Andrea Garbald waren beide im Bergell beheimatet. Wie wird man zum Künstler und was bedeutet Erfolg? Daniele Muscionico geht der Frage nach. Eine Ausstellung mit Fotografien von Garbald findet ab Februar im Kunstmuseum Graubünden statt.

 

Ein Interview mit dem iranischen Filmemacher und Oscarpreisträger Asghar Farhadi von Rolf Breiner und viele aktuelle Filmtipps!

 

Hinter den Architekten stehen die Ingenieure Schnetzer Puskas, die für einmal im Licht stehen und in einer Monografie von Fabrizio Brentini gewürdigt werden. Ferner Buchtipps über die Giardini Länderpavillons der Biennale Venezia, das Schweizerische Architekturmuseum S AM in Basel sowie die Preisträger des Aga Khan Awards 2013.

 

Über Ingeborg Bachmann ist eine umfangreiche Biografie der Bachmann-Kennerin Andrea Stoll erschienen, die aus bisher unveröffentlichten Dokumenten zitiert und neue Perspektiven eröffnet: «Der dunkle Glanz der Freiheit», Bertelsmann 2013.

 

Ferner Schweizer Buchtipps: «Lydia Welti-Escher», eine Neuauflage der Biografie von Joseph Jung über das tragische Leben der Tochter von Alfred Escher, NZZ-Libro Verlag 2013.
«In Zürich gestorben… in Zürich vergessen» von Gottfried Honegger über 51 bekannte und unbekannte Schweizer Persönlichkeiten, Limmat Verlag 2013.
«Ruth Binde. Ein Leben für die Literatur», von Alexander Sury, Wörterseh Verlag 2013.

«Vo naachem u vo wytem», Berner Mundart-Erzählungen von Barbara Traber, Landverlag 2013.
«Liebe Lebenslänglich» von Ursula von Arx, Kein & Aber, Zürich 2013, über die oft schwierigen Beziehungen von Eltern und Kindern.

Und last but not least präsentieren wir Ihnen zwei exklusive Kochbücher, auch als Geschenk geeignet: «Das kulinarische Erbe der Alpen» und «Schwarzenbach: Das Zürcher Kochbuch», beide im AT-Verlag, Aarau 2013 erschienen.
Gute Unterhaltung!

 

Kolumne: Hedi Wyss schreibt über Essgewohnheiten früher und heute.

Lieben Sie antiken Schmuck? Dann sollten Sie das einzigartige Schmuckmuseum in Pforzheim besuchen, mit Preziosen aus Troja und Persien.

Die Reportage führt Sie in die Goldstadt Pforzheim und ins Unesco-Biosphärengebiet der Schwäbischen Alb. Über stimmungsvolle Weihnachtsmärkte im Elsass und das Automobilmuseum in Mulhouse berichtet Afra Flepp.

 

Rückblick: Das waren noch Zeiten, das waren noch Männer: «DIE SCHWEIZER».

Eine vierteilige Dokumentation des Schweizer Fernsehens SRF, die historische Männerköpfe porträtierte. Die wilden Eidgenossen, die seit 1515, der Schlacht bei Marignano  in der Lombardei zwischen den Eidgenossen und Frankreich um das Herzogtum Mailand, sozusagen neutralisiert sind, frischten das Geschichtsbewusstsein ein wenig auf. Die bärtigen Haudegen künden in einer Zeit der political correctness und der Wirtschaftsmacht der Banken von vergangenen Zeiten, wo ein Schwur und das Wort eines Mannes noch etwas galten.

Nur gut, dass auch die Frauen zum Zuge kamen, in der Serie «CHERCHEZ LA FEMME», featuring die wunderbaren One-Woman-Shows von Meret Oppenheim, Sophie Taeuber-Arp, S. Corinna Bille, Manon. Die DVDs können beim Schweizer Fernsehen bestellt werden, damit Sie nichts verpassen. www.srf.ch.

 

 

Roswitha Haftmann-Preis 2014 für Rosemarie Trockel. Sonderpreis für Robert Frank:  Der höchstdotierte europäische Kunstpreis, der Roswitha Haftmann-Preis, geht 2014 an die deutsche Konzept-Künstlerin Rosemarie Trockel. Mit einem Sonderpreis wird der Foto- und Filmkünstler Robert Frank ausgezeichnet.

 

Tipp: Jim Morrison Tribut im Theater Rigiblick. Ein Tribut an den Songwriter, Sänger und Lyriker Jim Morrison. Mit Anna Kaenzig, Tobey Lucas & Signori Misteriosi, George Vaine, The Doors Revival Band, Daniel Rohr, Tobias Carshey, Vera Kaa und Greg Galli. Sonntag, den 8. Dezemer 2013, 20 Uhr.

Theater Rigiblick, Germaniastrasse 99, 8044 Zürich. Tel 044 361 80 51. www.theater-rigiblick.ch. info@theater-rigiblick.ch.
Nachtrag: Und was für ein Tribut! Was Daniel Rohr und die Musikgruppen einem begeisterten Publikum boten, versetzte einem in die bewegenden sechziger Jahre des Jim Morrison. Immer wieder schafft es das charmante Theater Rigiblick mit Eigenproduktionen zu überzeugen, die einzigartig sind. Apropos: der Jim Morrison Tribut wird am 16. März 2014 wiederholt. Unbedingt hingehen!
9. Dezember 2013: Hans Magnus Enzensberger – und der Kaufleuten-Saal ist voll. Bevor er liest, grummelt er vor sich hin, welchen Text er nun auswählen soll, diesen oder jenen, und dann steht er auf, liest stehend, denn Gedichte brauchen Atem… und seine Nonchalence, sein lakonisches Räuspern, das kommt an, bei den Jungen und sowieso. Der Gastgeber Martin Ebel stolpert in die Fallstricke, die Enzensberger ihm stellt, dem ganz und gar Unautoritären, der in keine Schublade passt. Formidabel! Der Rest ist Schweigen.
Ein neuer Lyrikband «Blauwärts» mit einer (endlich mal) ungewöhnlichen Typographie, Gedichtbände müssen ja optisch nicht immer so langweilig sein, und ein Prosatext «Herr Z», aus dem Enzensberger vorliest. Suhrkamp Berlin! Sehr empfehlenswert! (Herr Enzensberger war schon da bevor Herr Unseld kam, und Herr Enzensberger bleibt auch da, beim Suhrkamp Verlag, als Autor und als Verwaltungsrat im neu gegründeten Verlagsimperium).

 

 

Etwas wirft schon lange seine langen Schatten voraus: ein Wort, das es nicht geben dürfte: «Masseneinwanderung», eine Initiative einer Partei, die sich dem Volke anbiedert, ohne es ernst zu nehmen. Denn solche Worte verbieten sich von selbst. Sie erinnern fatal an einen überwunden geglaubten demagogischen Kulturkampf, dem ein ganzes Volk zum Opfer fiel, indem es sich zum Täter machte. Masse und Macht, hatte Elias Canetti sein Hauptwerk gewidmet.

Mass Masse Massenhaft Massenwahn Massenhysterie Masshalten Massnahmen Massnehmen Augenmass Masslos Los Lassen Hassen Rassen Einwandern Auswandern.

Wer im Exil lebt, kennt das Schweigen. Zu Wörtern, die massenhaft zirkulieren, die das Masslose predigen, darf man nicht schweigen. Es geht um etwas anderes, ob ein Wort wie Solidarität noch einen Wert hat, ob es nur ein Wort ist. Und was Worte anrichten können. Manche können töten. Die Menschlichkeit.

Laura de Weck hat mit ihrer Schwester Fanny ein Video gegen die Masseneinwanderungs-Initiative produziert,

hier abrufbar:

 

«Bankern beim Denken zugucken», nennt Andreas Veiel (*1959 in Stuttgart) seine Motivation zum Dokumentar-Theaterstück «Das Himbeerreich» des Deutschen Theater Berlin, das in einer Uraufführung am Schauspielhaus Zürich am 5. Dezember zu sehen war. Was denken Banker, denken sie überhaupt und worin besteht ihre Motivation? Das versuchte das Stück mit Originalzitaten, die einem das Gruseln lehren konnten, herauszufinden. Ist es nur die Rendite und weil alle das machen oder sind es die Algorithmen? Nein, sagte Veiel, der mit seinem Dokumentarfilm «Black Box BRD» (2001) bekannt wurde, die Wirtschaft wird von Menschen gesteuert. Einige von ihnen werden outgesourct, aber niemand wird zur Rechenschaft gezogen, der Milliarden verlocht hat. Die Steuerzahlen zahlen die Zeche, das war so und das wird so sein, weil die Kapitaldecke der Banken auch heute noch viel zu dünn ist. Das Stück regt zum Nachdenken an und die sechs Darsteller (u.a. Susanne Marie-Wrage und Ulrich Matthes) machen ihre Sache gut.
«Eine konkrete Tiefenbohrung der Krise sollte man vornehmen», meint Veiel dazu. Einverstanden, solange Banker solche Sätze von sich geben wie
«Wir müssen permanent Entscheidungen treffen in einem Bereich, den niemand wirklich durchdringt» oder «Wir haben nur die Chance der Katastrophe».

 

Einen grossen Wunsch möchte Literatur & Kunst an dieser Stelle anbringen – dass das geschätzte und renommierte Zürcher Literaturmuseum Strauhof an der Augustinergasse erhalten bleibt; am 3. Dezember 2013 werden etwa 5.000 Unterschriften für den Strauhof der Stadtpräsidentin und der Präsidalabteilung überreicht, mit der Bitte und dem Wunsch, den Entscheid zu überdenken und den Strauhof weiterzuführen. Wir schliessen uns diesem Votum an.

Ist es denn möglich, würde Walter Kempowski fragen, dass es so etwas Schönes wie das Literaturmuseum Strauhof nicht mehr geben soll? Geopfert auf dem Altar des schnöden Mammons «Sparvorgabe» der Stadt Zürich? Aber doch nicht hier den Rotstift ansetzen! Obwohl die Stadtpräsidentin Corine Mauch ihren WählerInnen versprach, nicht an der Kultur zu kürzen! Wie denn jetzt? Oder fiel man auf ein aberwitziges Angebot herein, unter dem Deckmantel der Förderung von Schulkindern mit einem Schulhausroman (…) die Räume sinnvoller nutzen zu können? Nix da, das ist Unsinn, denn Kinder lernen in der Schule fürs Leben, oder nicht? Falls nicht, dann lernen sie bei Richard David Precht, was die Schule versäumt und was sie sein könnte…  Aber nicht im Strauhof, der ist für die Besinnung, Sinnlichkeit und Sinn der Literatur da! Immer noch und immer wieder! Zurich, city of greater area, shame on you!

PS. Schreiben Sie wie die 5.000 Empörten wegen des Strauhofs-Verdikt der Stadt Zürich an die Stadt Zürich, Präsidialabteilung über Ihren Unmut und dass Sie das nicht zulassen werden. Im Frühjahr sind Wahlen! Die Realität entlarvt sich von selbst, darauf braucht man nicht zu warten. In diesem Sinne wünschen wir alles Gute für das geschätzte und beliebte und ehrwürdige Literaturmuseum Strauhof aus dem 16. Jahrhundert, das nicht zu Tode getreten und getrampelt werden darf.

 

Zürich, 10. Dezember 2013

Am Internationalen Tag der Menschenrechte, machten rund 800 Menschen in der Zürcher Altstadt aufmerksam auf die weltweite Gewalt an Mädchen. Unterstützt von prominenten Persönlichkeiten und gemeinsam mit UNICEF bildeten sie eine Menschenkette über die Münsterbrücke und entlang den beiden Limmatufern, um ihre Solidarität auszudrücken und gegen Menschenrechtsverletzungen an Mädchen zu protestieren.

«Ich freue mich sehr über die zahlreichen Menschen, die erschienen sind und sich mit der Bildung dieser Menschenkette gemeinsam mit UNICEF dafür einsetzen, dass Mädchen weltweit vor Gewalt geschützt werden», sagte Elsbeth Müller, Geschäftsleiterin von UNICEF Schweiz, heute Mittag in Zürich. «Die Gleichbehandlung von Mädchen und Buben ist ein Kinderrecht. Doch was in Paragrafen verankert ist, wird in der Praxis vielerorts missachtet. Kein Mädchen soll sterben, nur weil es ein Mädchen ist.»

 

 

Dies ist eine Doppel-Ausgabe mit wöchentlichen Aktualisierungen, schauen Sie regelmässig bei Literatur & Kunst herein. Wir wünschen Ihnen eine besinnliche Lesezeit und wunderbare Lesefreuden, frohe Festtage und einen guten Rutsch ins Neue Jahr! Machen Sie’s gut!

Herzlich
Ihre Ingrid Isermann, Herausgeberin

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