FRONTPAGE

Editorial Nr. 34

Editorial Februar 2014

 

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Kunstinteressierte, herzlich willkommen!

 

Max Frisch gibt zu reden. Doch wer war Max Frisch privat? Aufschluss könnte das Berliner Journal geben, mit seinen Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1973/74 in Berlin, wohin Frisch mit der zweiten Ehefrau Marianne Frisch-Oellers gezogen war, um einen neuen Anfang zu suchen. Das Geflecht, das aus den Tagebüchern entsteht, erstaunt ob der Vielfalt der hintergründigen Porträts und der verschiedenen Lebensmöglichkeiten, die Frisch versucht auszuloten. Seine Ausführungen kreisen um die schonungslose Selbstbefragung und Analyse, frei nach Philip Roth “Mein Leben als Mann”. 

18.-26.4.1973. In London: «Bescheidenheit? Ich habe gekniffen: Angst vor dem Hochmut, der gefordert werden kann. Der Preis für diese beschissene Bescheidenheit: sie verdirbt die Menschen, die einen lieben, einen nach dem andern. Der Preis für Feigheit».

Die Bekenntnisse dieser Jahre transportieren seine Skepsis und die Abgründe, das Leben schreibend biografisch in den Griff zu kriegen. Für Frisch war das Private schon früh politisch. Insofern sind die Texte aktuell geblieben. Viele Passagen aus dem Journal verwendete Max Frisch übrigens später für seine autobiografische Erzählung «Montauk», die 1975 erschien. Lesen Sie selbst, Literatur & Kunst bringt ausführliche Auszüge aus dem «Berliner Journal», erschienen im Suhrkamp Verlag Berlin 2014. 

 

Wir empfehlen Ihnen en passant das Taschenbuch von Christoph Halbig: «Der Begriff der Tugend und die Grenzen der Tugendethik». Tugenden haben Konjunktur, ihr angeblicher Verlust wird kulturkritisch beklagt. Doch was ist eigentlich eine Tugend? Wie verhalten sich Tugenden und Laster zueinander? Trägt Tugend zum Glück des Tugendhaften bei oder ist der Tugendhafte eher der Dumme? Setzen die Tugenden einander voraus oder sind sie unabhängig voneinander zu haben? Christoph Halbig, Professor für Philosophie an der Justus-Liebig-Universität Giessen, beantwortet diese Fragen im Rahmen einer umfassenden Ontologie der Tugend und unterzieht diese Kategorie in der Ethik einer kritischen Prüfung. Suhrkamp Verlag Berlin, 2013. ISBN 978-3-518-29681-3.

 

Die Reichen und die Schönen beschäftigen die Boulevardblätter in traumhaften Auflagen. Sie können an den Träumen teilhaben, mit der fabelhaften, handlichen Ausgabe von «Yachten und dergleichen» von Truman Capote. Seine spritzigen und lebensklugen Erzählungen sind 2013 neu im Kein&Aber Verlag Zürich erschienen, aus dem Amerikanischen übersetzt von Ursula-Maria Mössner. Ein unvergleichlicher Lesegenuss! ISBN 978-3-0369-5679-4.

 

Was bietet Ihnen die Februar-Ausgabe von Literatur & Kunst?

 

Literatur  Max Frisch erlebt gegenwärtig eine Renaissance, mit der Herausgabe seiner Berliner Tagebücher und der Inszenierung des berühmten Romans «Mein Name sei Gantenbein» am Schauspielhaus Zürich. Lesen Sie dazu auch die Impressionen der Premiere am 16. Januar 2014.

 

Lyrik  Ein unbekanter junger Dichter des 16. Jahrhunderts präsentiert Hundert Gedichte, die erstmals 2013 vollständig versammelt und von Herausgeber Kurt Kreiler kommentiert werden. Die Gedichte des Edward de Vere (1550-1604) können noch heute begeistern und sind der literarische Beleg für die wahre Identität: William Shakespeare. Eine Entdeckung! Insel Verlag Berlin 2013. Ferner die Schweizer Lyriker Urs Allemann und Lisa Elsässer mit neuen Publikationen.

 

Kunst  Der Modedesigner mit Klassik und Esprit, Paul Smith, ist im Design Museum London zu Gast. Ein Bericht von Marion Löhndorf.
Ausstellungstipps: Kunsthaus Zürich: Von Matisse bis zum Blauen Reiter. Kunstmuseum Bern: Markus Raetz.

 

Film Der Film «Akte Grüninger» bewegt die Menschen. Was dem St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger widerfuhr, als er 1938/39 Tausende Juden vor den Nazi-Schergen rettete, deshalb des Amtes enthoben und verurteilt wurde, ist eine Tragödie. Der Film ist Teil einer späten Rehabilitation. Interviews mit Anatole Taubman und Stefan Kurt. Von Rolf Breiner. Ferner aktuelle Filmtipps.

 

Architektur  Schöne neue Bildbände: «Fresco». Verlag Lars Müller publishers, 2013. «Chicagoisms». «Bauplan für Architekten», beide Park Books Zürich, 2013. Architekturführer «Hongkong», DOM publishers 2013. Neues entdecken in Venedig, Chicago, Rom oder Hongkong!

 

Buchtipps  Friederike Mayröcker: «études», eine Rezension von Leopold Federmair. Die Dichterin legt mit fast neunzig Jahren einen neuen Gedichtband vor, «ein Fleckerlteppich aus Lektüren, Bildern und Erinnerungen». Suhrkamp Verlag Berlin 2013.
Ferner: Durs Grünbein und Aris Fioretos: «Verabredungen, Gespräche und Gegensätze über Jahrzehnte». Suhrkamp Berlin 2013. Paul Nizon: «Die Belagerung der Welt». Journale aus den 60er Jahren bis 2010.  Suhrkamp 2013. Lee Miller: «Fotografin Muse Model». Das aussergewöhnliche Leben der amerikanischen Fotografin Lee Miller (1907-1977), reichhaltig illustriert, mit bisher unveröffentlichtem Bildmaterial. Eine grandiose Entdeckung, nicht nur für Modefans. Scheidegger & Spiess, 2013.

 

Theater   «Fiktion, Wirklichkeit und Wahrheit» –  Die burleske Inszenierung des tschechischen Regisseurs Dušan David Pařízek spielt mit Geschichten, die man sich wie Kleider anzieht und blieb mit raffinierten Textcollagen nahe am gleichnamigen berühmten Roman «Mein Name sei Gantenbein» von Max Frisch.

 

Reportage  Zauberhaftes Marokko – Von Marrakesch über den Hohen Atlas nach Taroudant und Essaouira an die Atlantikküste. Kommen Sie mit! Am 15. Februar und am 29. März geht’s wieder los, Imbach-Wanderreisen veranstaltet achttägige Wanderferien in Marokko, lesen Sie mehr in der Reportage.
9. Februar 2014. Blackbox Schweiz. Schicksalstag für die Schweiz.
Die Masseneinwanderungs-Initiative der SVP ist hauchdünn mit 50.3 Prozent angenommen worden. Die Partei triumphiert. Aber vielleicht ist es ein Pyrrhus-Sieg? Unbestritten ist, dass die Schweizer mit 20 bis teilweise 30 Prozent ausländischer Bevölkerung die höchste Quote der Welt haben. Und sich viele fragen, was habe ich davon? Verstopfte Strassen und Züge, höhere Mieten, Wohnungsnot und nur die Wirtschaft profitiert von den Arbeitskräften?

Die Parolen der SVP verfingen, einmal mehr nach dem EWR-Nein: Ausländer raus, Steuern runter, lauteten die tumben Devisen, die viele in den Bann zogen. Lösungen hat die Partei nicht anzubieten, aber der SVP-Gründer Christoph Blocher, Schirmherr und Einpeitscher, der sich hinter dicken Mauern in seiner Residenz am Zürichsee verschanzt und in einem Schloss in Graubünden residiert und sich gerne als «König der Schweiz» versteht, weiss, wie man’s macht. Seine Ems-Chemie, jetzt von seiner Tochter Magdalena Martullo-Blocher geleitet, macht 1,5 Milliarden Umsatz im Jahr und verdient jeden zweiten Franken im Ausland. Und: die Ems-Chemie bekam Millionen-Subventionen von der EU für ihre Fabriken im Ausland. In den Schweizer Medien herrscht darüber Stillschweigen. Wer soviel Geld macht, wird respektiert.

Es ist nur zu hoffen, dass die pragmatischen Schweizer nicht einem Rattenfänger aufgesessen sind, und die bilateralen Verträge mit der EU ganz aufs Spiel gesetzt haben. Was geschieht nun mit den etwa 430’000 Schweizerinnen und Schweizern, die in der EU leben und arbeiten? Müssen sie neu auch um eine Aufenthaltsgenehmigung (Kontingentierung) nachsuchen wie die zukünftigen Einwanderer in die Schweiz? Das alles ist ziemlich unausgegoren, die SVP hat keine Rezepte, aber den Schweizern ist der Kragen ob der ungezügelten Einwanderung geplatzt. Und jedes Ding hat zwei Seiten: vielleicht ist dies auch ein Anlass, in der EU über die Zuwanderung nachzudenken, ob die gutgemeinte Freizügigkeit langfristig so weiter gemeint sein kann. Basel, Zürich, Zug sowie das französischsprachige Waadtland lehnten die SVP-Initiative ab, über deren Umsetzung das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Es könnte auch eine erneute Volksbefragung resultieren, ob die Schweizer die vorteilhaften bilateralen Verträge mit der EU und die Freizügigkeit wirklich kündigen wollen. Das bisherige Resultat erweist sich vor allem als Misstrauensvotum gegenüber den Behörden, die die massive Einwanderung von 80.000 Personen im Jahr  nicht in den Griff kriegten und man auch Angst vor den finanziellen Kosten und den überlasteten Sozialwerken hatte.

 

Die Zürcher Wahlen brachten keine grosse Überraschung. Die bisherigen Stadträte und die Stadtpräsidentin wurden wiedergewählt, die FDP konnte den Grünen einen Sitz abjagen und so stehen neu drei bürgerliche sechs links-grünen Stadträten gegenüber. Was mit dem Strauhof wird, ist noch nicht entschieden und es stünde der Stadtpräsidentin Corine Mauch gut an, den Einsatz von über 6.000 Eingaben für das Literaturmuseum ernstzunehmen.

 

Paul Nizon und Philippe Jaccottet heissen die Träger des Grand Prix Literatur 2014 – neben dem Schweizer Buchpreis die wichtigste Literaturauszeichnung hierzulande. Sie haben die mit je 40’000 Franken dotierten Gesamtwerkpreise am 20. Februar in der Schweizer Nationalbibliothek in Bern erhalten. Der Spezialpreis Übersetzung geht an den 59-jährigen Obwaldner Christoph Ferber. Er übersetzt seit den 80er-Jahren hautsächlich Lyrik und lebt auf Sizilien.

Literatur & Kunst hat im Januar 2014 die Höchstmarke von bisher 250.000 Klicks erreicht und wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Interesse an kulturellen Belangen.

 

 

Wir wünschen Ihnen einen frischen Februar mit vielen Inspirationen und spannenden Lesestunden!
Ihre Ingrid Isermann, Herausgeberin

Editorial