FRONTPAGE

«Ein paar Grade westlich der Wirklichkeit»

Von Sacha Verna

Karen Russell hält die Realität für eine äusserst fragwürdige Angelegenheit. Das liegt zum einen daran, dass die Autorin aus Südflorida stammt, aus Amerikas Hochburg der Künstlichkeit. Von den künstlichen Zähnen und Hüftgelenken der zahlreichen Rentner über die künstlichen Welten wie Disney World bis zur künstlichen Insel, auf der ein Teil von Miami sich befindet und wo Russell 1981 geboren wurde: Hier ist das Geschäft mit dem Unechten Trumpf. Wie soll man da lernen, zwischen Schein und Sein zu unterscheiden?

 

Zum anderen oder vielleicht eben deshalb hat sich das Surreale an Karen Russells Prosa festgesaugt wie ein Blutegel. So sehr sie sich schon bemüht hat, fadengerade Beziehungsdramen zu schreiben, so grandios ist sie jeweils damit gescheitert. Nicht, dass ihre Geschichten deshalb anämisch wirkten. Im Gegenteil: Karen Russells erster Erzählungsband war bevölkert von schwer erziehbaren Werwölfen und Minotauren, die sich als Prärie-Pioniere gebärden. “Ich lande immer ein paar Grade westlich der Wirklichkeit”, sagt Karen Russell.
“Schlafanstalt für Traumgestörte” erschien vor vier Jahren und verhalf Karen Russell zum Ruf, eine der vielversprechendsten jungen amerikanischen Autorinnen zu sein. Ja, die Häufigkeit, mit der ihr Name danach auf Wunderkind- und Bestenlisten auftauchte – darunter auf jenen des New Yorker und von Granta – war fast schon komisch. Jetzt hat das Wunderkind einen ausgewachsenen Roman veröffentlicht. Kritik und Publikum sind von “Swamplandia” begeistert.
“Swamplandia” handelt von einem Freizeitpark, der im Niedergang begriffen ist. Genauer: Vom Clan der Bigtrees, der nach dem Tod der Matriarchin Hilola, der Heldin von “Swamplandias” berühmter Alligator-Show, ebenfalls im Niedergang begriffen ist. Erzählt werden die Geschehnisse abwechselnd von der 13-jährigen Ava, dem jüngsten Bigtree-Spross, und dem 17-jährigen Kiwi, dem ältesten, die beide auf ihre Weise versuchen, die Familie vor dem Zerfall zu retten. Ava, indem sie sich in die Sumpflandschaft aufmacht, um ihre verschwundene Schwester Ossie aus der vermeintlichen Unterwelt zurückzuholen. Kiwi, indem er beim “Swamplandia”- Konkurrenten “Die Welt der Finsternis” auf dem Festland anheuert und an den Ufern des “Höllensees” hinter den Touristen herschrubbt. Papa Bigtree verfolgt seinerseits ein Projekt namens “Vergnügungspark- Darwinismus”, von dem Charles garantiert abgeraten hätte. “Swamplandia” ist die Vertreibung aus dem Paradies und wie es weiterging.
“Für mich haben die Abenteuer der einzelnen Bigtrees etwas von einer mythischen Suche”, sagt Karen Russell. Die kleine lebhafte Frau sitzt in einem New Yorker Café, das mit “World Cuisine” lockt, aber an diesem Morgen nur Tortilla Chips und deprimierte Gesichter zu bieten hat. Gegenüber liegen die Studios der populären Radiostation, wo sich Karen Russell später mit einem ebenso populären Moderator über “Swamplandia” unterhalten wird. Zurzeit pendelt die Autorin zwischen ihrer Wohnung an der Nordspitze Manhattans und dem renommierten Bard College, an dem sie einen Lehrauftrag versieht. Ihr Reiseköfferchen steht neben ihr, und noch ist sie etwas atemlos vom Spurt vom Bahnhof hierher: “Wir Russells sind birnenförmige Trolle, keine Sportskanonen.”
Die mythische Suche der Bigtrees also. Verlust und Liebe, Verrat und Vertrauen, kurz: Auch bei Karen Russell dreht sich alles ums Gefühlschaosmanagement, an dem sich die Literatur schon seit Jahrhunderten abarbeitet. Bloss enthält Russells fiktives Universum eben Werwölfe und Minotauren. Oder Kulissen wie Swamplandia, die auf Täuschung angelegt sind und selbst für Eingeweihte ungeahnte Gefahren bergen. Überhaupt verwandeln sich Träume bei bei dieser Autorin oft plötzlich in Traumata. Nie ist man sicher, ob man ein Märchen liest oder eine Horrorgeschichte. “Ray Bradbury ist ein Meister dieser Form des literarischen Hologramms”, so Karen Russell.
Sie sei ein Zauberlehrling und noch ganz am Anfang.
Wer “Strafanstalt für Traumgestörte” gelesen hat, wird in “Swamplandia” bestimmte Motive wiedererkennen. Das Bowl-a-Bed Hotel zum Beispiel, in dem man sich ein Bett für die Nacht erkegeln kann. Die Freizeitparks natürlich, deren schäbiger Pracht Karen Russell schon als Kind misstraute und deren trostlos-unheimliche Atmosphäre nach Torschluss eigentlich auch andere Schriftsteller inspirieren müsste. Vor allem aber erzählt Karen Russell stets aus der Perspektive von Jugendlichen: “In jungen Köpfen steckt noch eine Menge Kinderlogik und doch schon die Vernunft und Sprache der Erwachsenen – diese Mischung ist für mich als Erzählerin äusserst attraktiv.” Ausserdem sei sie selber noch ein ziemlicher Kindskopf und immer schon einer gewesen. Als ihre Schulkolleginnen sich zu schminken begannen und das Gehen auf hohen Absätzen übten, seien sie und ihre Freundin wie die Affen in den Mangrovenwäldern herumgeturnt, die sich hinter ihrem Haus erstreckten. “Diese Wälder sind heute alle verschwunden, zubetoniert”, sagt Karen Russell und klingt dabei wie jemand, dem man etwas sehr Teures weggenommen hat.
Tatsächlich versteht Karen Russell “Swamplandia” auch als Hommage an die bedrohte Flora und Fauna Floridas. Ausflüge ins tropische Marschland der Everglades und in die Forida Keys gehörten zum Russell’schen Familienprogramm. Um Avas Sumpfexpedition möglichst anschaulich zu gestalten, hat Karen Russell das Reich der Kuhhorn-Orchideen und Teichapfel-bäume erneut erkundet – begleitet von ihrem Vater, einem ehemaligen Marinesoldat, der seiner Tochter die botanischen Eigenschaften von Louisiana-Moos geduldig erklärte.
Karen Russell nimmt einen Schluck aus ihrer Flasche Superwasser und verzieht das Gesicht. Beerengeschmack, null Kalorien, viele Vitamine. Letztere wird sie brauchen. Sie arbeitet nämlich an einer neuen Erzählungssammlung und an einem neuen Roman. Über letzteren verrät sie nur, dass er während der “Dust Bowl” spielt, einer Periode extremer Trockenheit in den USA während der 1930er Jahre. “Nach dem Sumpf die Wüste”, sagt Karen Russell. “Meine Schwester nennt das Buch jetzt schon ‘Drylandia’.”

 

Karen Russell wurde 1981 in Miami geboren. Sie studierte an der Northwestern University in Evanston/Illinois Englisch und Spanisch. Ihre Erzählungen sind unter anderem im “New Yorker”, in “Granta” und in “Best American Short Stories” 2007 erschienen. Karen Russell wird in den USA als herausragende, neue Stimme der zeitgenössischen Literatur gefeiert. Die Autorin lebt in New York.

 

 

 

Karen Russell: Swamplandia. Roman.

Aus dem Amerikanischen von Simone Jakob.

Kein & Aber Verlag, Zürich 2011.

510 Seiten. CHF 32.90. Euro 22.90.

NACH OBEN

Literatur