FRONTPAGE

«Fokus auf das Gesamtwerk von Herzog & de Meuron»

Von Fabrizio Brentini

 

Man musste lange auf die Fortsetzung des Inventars der Werke von Herzog & de Meuron warten. 2009 erschien der vierte Band, dessen Layout sich von demjenigen der ersten drei Bände abhob. Das für die Gestaltung verantwortliche Team betreute nun auch den jetzigen Band unter Beibehaltung des Aufbaus, der wie schon beim vierten Band nicht restlos zu überzeugen vermag.

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Störend ist nach wie vor der Umstand, dass die Unterlagen der für eine nähere Erörterung ausgewählten Projekte in drei Teile gesplittet sind. Zunächst werden die Projekte mit Kommentar und Quellenmaterial vorgestellt, danach folgen die Pläne und ganz am Schluss findet man ganzseitige Abbildungen der realisierten Werke. Auch in diesem Band sind ungemein viele Informationen verpackt, und sie füllen über 300 Seiten, obwohl lediglich drei Jahre abgedeckt werden. Gerhard Mack, der alle bisherigen Bände herausgab, begründete die Verspätung damit, dass das inzwischen auf elf Personen angewachsene Leitungsteam (die zahlreichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht mitgezählt) ihre Tätigkeit nach der Jahrtausendwende global ausgeweitet habe und dass die Projekte ungemein komplex wurden, sodass die Aufarbeitung mehr Zeit in Anspruch genommen hat als vorgesehen.
Und weshalb fehlt da noch der fünfte Band? In die Phase, in die dieser Band Einblick gewährt, fällt die Planung der Elbphilarmonie Hamburg, über deren Entstehung und Realisierung man vermutlich eine ganze Bibliothek füllen könnte. Dieses inzwischen zu einem Hauptwerk arrivierte Monument im Gesamtoeuvre von Herzog & de Meuron wird nebst dem Olympiastadium in Peking den Kern des erst Ende 2018 erscheinenden fünften Bandes bilden.

 

Projekte und Ausführungen
Der Werkkatalog des sechsten Bandes listet die Projekte und Ausführungen von der Nummer 267 bis zur Nummer 326 auf. Auch diesmal wurde für dieses Kapitel unverständlicherweise der Satzspiegel um 90 Grad gedreht. Aus dem Katalog wurden 21 Arbeiten ausgewählt, die ausführlicher vorgestellt werden, nämlich mit einem Kommentar von Herzog & de Meuron, mit zahlreichen Dokumenten aus dem Arbeitsprozess, mit einer detaillierten Beschreibung von Gerhard Mack, mit Plänen und grossformatigen Fotos. Auch wenn ein typisches Herzog & de Meuron-Vokabular nicht zu eruieren ist – man versucht es im Büro explizit zu vermeiden –, fällt in dieser Phase das Thema der Stapelung auf, das erstmals im nicht realisierten Entwurf für die Beijing Film Academy in Qingdao, China getestet wurde. Gebaut konnte diese Idee mit dem Actelion Business Center in Allschwil und im VitraHaus in Weil am Rhein. Leicht variiert finden wir dasselbe Thema im Projekt für das Betile Museum in Cagliari, im auffälligen Wohnturm 56 Leonard Street in New York und im Péret Art Museum in Miami.

 

 

Rückbesinnung auf die Anfänge
In einem einleitenden Text stellt Gerhard Mack fest, dass im Werk von Herzog & de Meuron nach der Jahrtausendwende teilweise eine Rückbesinnung auf die Anfänge in den 1970ern nachzuweisen ist. Nach etlichen Realisationen, die aufgrund der Ambitionen der entsprechenden Bauherrschaften unübersehbare Zeichen setzen sollten, nahm das Team offenbar dankbar Aufgaben an, bei denen der eigene Anteil weniger dominant in Erscheinung trat. Geradezu devot restaurierten Herzog & de Meuron die unterschiedlichen Räume der Park Avenue Armory in New York, eines Komplexes aus dem frühen 20. Jahrhundert, der für die Kulturgeschichte der Stadt eine grosse Rolle spielte. Asketisch ist auch der Bau des Naturbades in Riehen, dessen Eingriffe die Ästhetik der sogenannten Schweizer Einfachheit wiederaufleben lassen. Selbst bei einem solch umfassenden Raumprogramm, wie es ein deutscher Sammler formulierte, könnten die einfachen Flügel im «Haus am See» wie unprätentiöse Beispiele der vernakulären Architektur gelesen werden. Überraschend im Gesamtwerk sind schliesslich die beiden Bühnenbilder für zwei Opern. Auf spektakuläre Artefakte mussten Herzog & de Meuron aber nicht verzichten – es sei hier auf die New Headquarters for BBVA in Madrid verwiesen, ein ausgedehntes Areal, aus dem eine ovale Scheibe herausgetrennt und aufgerichtet wurde. Weitherum sichtbar dürfte auch das in Glas aufgelöste Dreieckshochhaus Triangle in Paris werden, das nach langen Verhandlungen nun gebaut werden kann.
Sehr speziell ist das Gebäude Helsinki Dreispitz in Münchenstein, das aus einem rohen Betonsockel und einem darauf sich abstützenden, gitterartig strukturierten achtgeschossigen Überbau besteht. Nebst Wohnungen und Büroräumlichkeiten richteten Herzog & de Meuron hier ihr Archiv ein, das sämtliche Unterlagen all ihrer Projekte enthält. Es gibt wohl kaum ein anderes Architekturbüro, das so konsequent von Anbeginn an die Spuren der entwerferischen Arbeit konserviert hat. In einem Essay betonen Herzog & de Meuron, dass sie auf Manifeste verzichten möchten, ja, dass das Nichtwissen eine Chance für eine grosse Offenheit gegenüber jeder Bauaufgabe schenkt. Warum nun diese Obsession im Aufbewahren aller Zeugnisse ihrer Arbeit? Könnte das Archiv vielleicht der Ersatz all der Theorien sein, die für viele Stararchitekten des 20. Jahrhunderts grundlegend waren, demnach so etwas wie ein ungeschriebenes Retromanifest?
Wer die Bände des Gesamtwerkes weiterhin sammeln möchte, sollte in seiner Bibliothek genügend Platz reservieren. Seit 2007 sind die Werke Nummer 327 bis 448 hinzugekommen, die «in zukünftigen Bänden vorgestellt» werden, wie es schon lapidarisch angekündigt wird. Man rechne, wieviele es sein werden!

 

 

 

Gerhard Mack

Herzog & de Meuron 2005–2007.

Das Gesamtwerk, Bd. 6,

Birkhäuser, Basel 2018

320 S., € 116.

EUR 116.

ISBN 978-3-0356-1003-1.

 

 

«Blick auf drei Jahrzehnte Architektur»

 

I.I. Welche gestalterischen Prinzipien und Konstruktionsmethoden haben sich in den letzten 25 Jahren in der Architektur durchgesetzt? Welche gesellschaftlichen Strömungen hatten Einfluss auf die Architektur? Welche technischen Neuerungen waren prägend und was ist aus ihren Ansätzen geworden? Welche Architektenpersönlichkeiten sind in dieser Zeit ins Rampenlicht getreten und wie haben sie sich entwickelt?

 
Diesen und vielen anderen Fragen ist Christian Schittich nachgegangen. Er erzählt in chronologischer Reihenfolge die individuelle Geschichte herausragender Bauten im Gesamtzusammenhang der Architekturentwicklung der letzten Jahre anhand von ausgewählten Fotos und Zeichnungen, die den Bauprozess dokumentieren und/oder den heutigen Zustand des Gebäudes. Illustre Beispiele sind u.a. Grand Louvre Paris, Bundestag Berlin, Tate Modern London, Mediothek Sendai, Tokio, Staatsoper Oslo Neues Museum Berlin, The High Line NY, Elbphilharmonie Hamburg.

 

Worin besteht die gestalterische Bedeutung eines Gebäudes, welchen gesellschaftlichen Beitrag hat es geleistet, gab es technische Neuerungen und was haben diese bewirkt? Oder hat sich die Konstruktionsweise überhaupt bewährt? Ein spanndender Diskurs um drei Jahrzehnte Architekturgeschichte.
Schittich wirft einen einen persönlichen Blick in die bewegte jüngere Architekturgeschichte und analysiert, welche Impulse einzelne Bauwerke gesetzt haben und welche Massstäbe neu definiert wurden.
Ein Überblick über die richtungsweisende Architektur in ihrem gesellschaftlichen, gestalterischen und technischen Kontext.

 

 

Christian Schittich
Gebäude, die Zeichen setzen.
Ein Blick auf drei Jahrzehnte Architektur
Edition Detail, 2017

192 S., mit zahlreichen Abbildungen
Format 27 x 21 cm
Deutsch/Englisch
Hardcover
CHF 77. € 49.90.
ISBN 978-3-95553-384-7

 

 

«Caracas – Architectural Guide»

 

I.I. Little is known about Caracas, the capital of Venezuela which has been beset with a host of problems, chief amongst which are protests spilling into public spaces and violent political unrest. The deep-seated division of society into poor and wealthy is just as commonplace a feature as the grandiose buildings bequeathed by modernity.

 

Caracas is primarily a city of contrasts which is reflected within the contours of the country itself: although the oil reserves in Venezuela are the largest in the world, more than 75 per cent of its population live below the poverty level. This architectural guide thus illustrates the complexity of a Latin American city founded in 1567 which, however, forges a coherent identity with the Ávila mountain range and the coastline, where different scales, geographies, architectural styles and natural and urban landscapes converge. This title outlines the city’s history with reference to its most striking architecture dating from approximately 1600 up to the present day, including the Ciudad Universitaria de Caracas which was designed single-handedly by Carlos Raúl Villanueva between 1940 and 1960.

 
Architecture and urban spaces found in ten zones throughout Caracas are delineated, as well as those concepts propounded by architects and urban planning experts – such as Federico Vegas and María Isabel Peña – regarding future initiatives that could transform and enhance the city. The major exhibition charting Latin American architecture since 1945 at the Museum of Modern Art in New York led to a focus being placed on Latin America among architects, although knowledge about Caracas and Venezuela continues to be low. Architect Bernard Tschumi once stated that: “Long standing tensions between urbanisation and nature, informal and the formal economies and the needs and interests of regional infrastructure and local neighbourhoods […] are now more acute than ever.” Although this statement may be traced back to roughly one decade ago, it, too, continues to be more relevant than ever.

 

 

Caracas
Architectural Guide
Iván González Viso/José Rosas Vera

DOM publishers, 2017
134 x 245 mm
272 pages
440 pictures
€ 38.00
ISBN 978-3-86922-579 – 1

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