FRONTPAGE

Figurentheater: Elsi Giauque «L’Histoire du Soldat»

Von Hana Ribi

 

 

Die international bekannte Textilkünstlerin und Lehrerin an der Kunstgewerbeschule Zürich, Elsi Giauque, die im weiträumigen Rebhaus «Festi» oberhalb von Ligerz am Bielersee lebte, gründete in den 1930er Jahren mit ihrem Mann, dem Kunstmaler Fernand Giauque und dem gemeinsamen Künstlerkreis eine Künstlerkolonie.

 

Die Künstlergemeinschaft organisierte zwischen 1935-1942 gemeinsame Ausstellungen im Fraubrunnenhaus in Twann und 1943 im Aarbergerhaus in Ligerz. Berühmt waren die Sonntag-Matinéen, an denen zu den ausgestellten Werken der Gestalter sowohl literarische Texte als auch Musik von Honegger, Schoeck oder Hindemith erklangen. Ein weiterer Höhepunkt dieser Matinéen war das Marionettentheater Festi-Ligerz des Ehepaares Giauque, das gemeinsam mit ihrem Freundeskreis Marionettenspiele inszenierte. Elsi Giauque, die Schülerin von Sophie Taeuber-Arp war, und in dadaistisch bearbeitetem «König Hirsch» von Carlo Gozzi mit Marionetten ihrer Lehrerin im Schweizerischen Marionettentheater an der Kunstgewerbeschule Zürich mitwirkte, brachte die in Zürich lieb gewonnene Kunst des Marionettenspiels an den Bielersee mit.

 

Das 2018 in der Bieler edition clandestin erschienene und von Karin Merazzi-Jacobson herausgegebene Buch dokumentiert das Marionettentheater Festi-Ligerz (1927-1947) des Künstlerpaares Giauque. Der Fokus liegt auf ihrer bedeutenden Marionetteninszenierung von 1931 «Die Geschichte vom Soldaten» nach Charles Ferdinand Ramuz und Igor Stravinskij, die Willy Burkhard vom Klavier mit einem Trio musikalisch mitgestaltete. Die Fassung für ein Trio entstand 1919 als Stravinskij seine Originalkomposition von 1918 überarbeitete. Fernand Giauque drechselte die Marionetten, seine Frau Elsi realisierte die Kostüme und das Bühnenbild.
2017 erlebte die Inszenierung unter der Leitung von Prof. Joachim Steinheuer ein Revival: das Musikwissenschaftliche Seminar der Universität Heidelberg führte das Stück mit live Musik, Sprechern und mit kopierten Marionetten neu auf (Videoaufnahme).
So veranschaulicht das Buch ein Stück Schweizer Kulturgeschichte.

 

Im Beitrag von Hana Ribi werden die Künstlerkolonie Festi und das Marionettentheater beleuchtet, im Vorwort geht die Direktorin des Centre Dürrenmatt Neuchâtel, Madeleine Betschart, der Freundschaft zwischen Friedrich Dürrenmatt und Elsi Giauque nach. Karin Merazzi und Joachim Steinheuer schildern den langen Weg zu einer Neuinszenierung. Die sehr schöne Gestaltung des reich illustrierten Kunstbuches stammt von Francesca Petrarca. Das Buch mit allen Beilagen veranschaulicht ein Stück Schweizer Kulturgeschichte.

 

Die Theaterhistorikerin Dr. phil. Hana Ribi hat sich in Theorie und Praxis mit dem Figurentheater befasst. Sie war Mitbegründerin und erste Leiterin des «Zürcher Puppen-Theaters», heute Theater Stadelhofen; sie schreibt, inszeniert sowie betreut internationale Ausstellungen und publiziert zu Fragen des Figurentheaters. Sie promovierte am Theaterinstitut der Universität Bern mit Edward Gordon Craig – Figur und Abstraktion.

 

 

Die Geschichte vom Soldaten:

Das Marionettentheater Festi-Ligerz von Elsi und Fernand Giauque (1927–1947).

Die Künstlerkolonie Festi-Ligerz: Die Inszenierung 1931 und die Rekonstruktion 2017 vom Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Heidelberg mit DVD sowie ein dreisprachiges Libretto / Karin Merazzi-Jacobson (Hrsg.), Madeleine Betschart, Elsi Giauque, Marte Vorbrodt, Hana Ribi, Joachim Steinheuer, Christiane Sibille; Text: dt.-franz.-engl.; edition clandestin, Biel 2018. Ill., 312 S.,

CHF 48. ISBN 978-3-905297-73-7.

 

 

 

L&K-Buchtipp:

«Wilhelm Bode: Hirsche, Majestät des Waldes»

 

I.I. Wilhelm Bode, selbst einst ein passionierter Jäger aus Familientradition, schildert die wechselvolle Natur- und Kulturgeschichte des Hirsches. Er erzählt nicht nur von der Faszination für Bambi, der Bedeutung des Hirsches für Frida Kahlo und Joseph Beuys und von dem Auf und Ab der Jagdhistorie.

 

Er beschreibt, wie ihn seine Begegnungen mit dem Hirsch allmählich von der Trophäenjagd abbrachten und zum überzeugten Gegner einer rücksichtslosen Jagdpraxis werden ließen, die nicht nach ihren Konsequenzen für den Naturraum fragt. So ist dieser Ausflug durch die heimische Kulturlandschaft nicht zuletzt ein engagiertes Plädoyer, die Jagd auf das stolze Wildtier in eine neue Beziehung des Respekts vor der Natur zu verwandeln.

 

 

Metapher und Hoffnung auf eine bessere Welt
Frida Kahlo, die grosse mexikanische Malerin des 20. Jahrhunderts, die die Metapher des leidenden Hirsches zeitgleich zum Bambi-Film bildnerisch wiederbelebte, schuf mit ihrem Selbstbildnis Der verletzte Hirsch ungeachtet des Miniaturformats ihr berühmtestes Werk. Die eigenwillig zwischen Surrealismus und Neuer Sachlichkeit changierende Malerin führte ein Leben, das von körperlichen Gebrechen gezeichnet war. Ihren Schmerz ertränkte sie, zeitweise an den Rollstuhl gefesselt, in Sucht und enttäuschten Liebesaffären. Sie erlag 1956 mit nur 47 Jahren einer Lungenembolie, kurz darauf wurde ihrem Werk internationale Anerkennung zuteil. Das Bildnis des gequälten Hirsches ist Metapher ihres Lebens und ihrer Hoffnung auf eine bessere Welt. Das Gemälde zeigt sie als Zwitter im gewaltigen Sprung, schwebend aus einem toten Wald in eine zartgrüne Zukunft. Ihr Gemälde steht am Anfang einer Hirschsymbolik moderner Künstler nach ihr, wie beispielsweise auch Joseph Beuys.

 

 

Wilhelm Bode

Hirsche
Ein Portrait
Herausgegeben von Judith Schalansky
Illustrationen von Falk Nordmann

Matthes & Seitz, Berlin 2018
Reihe Naturkunden Bd. 046
Geb., 156 S. € 18.

 

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