FRONTPAGE

«Filmporträts und Persönlichkeiten auf der Spur»

Von Rolf Breiner

 

Filmporträts sind so alt wie das Kino, angefangen über historische Helden, Krieger, Kaiser, Staatsmänner, Dichter bis zu Architekten, Künstlern oder Malern. Just ist wieder ein entsprechender Trend auszumachen. Wir richten unser Augenmerk auf Filmporträts über den Fussballgott Diego Maradona, den im September verstorbenen Fotografen Peter Lindbergh («Peter Lindbergh – Women’s Stories») und den Schweizer Maler Franz Buchser («The Song of Mary Blane»).

Bruno Moll entdeckte den Schweizer Maler Frank Buchser, der im 19. Jahrhundert die marokkanische Stadt Fez – undercover – besuchte und in den USA in Mission unterwegs war: «The Song of Mary Blane». Eine filmische Annäherung an eine fremde Zeit mit Querverbindungen zu heute.

 

Interessante, spannende Persönlichkeiten haben immer wieder zu Filmwerken animiert, und das seit Beginn der Kinogeschichte. Bereits 1897 wurde ein Filmporträt über Jesus geschaffen. Diesbezüglich muss man grundsätzlich zwei Formen unterscheiden, eine dokumentarische und eine spielerische, fiktionale Form, also Dokumentar- oder Spielfilme, dazwischen positioniert sich die Mischform Dokufiction, die besonders im Fernsehen bei historischen Themen wie Luther, Marx und andere sehr beliebt ist. Dokumente und Archivaufnahmen werden mit Spielszenen ergänzt oder vermischt.
Historische Geschichtsbilder wie «Zwingli» oder Künstlerporträts beleben die Leinwand, so beispielsweise das Filmdrama «Colette» (2018) über die französische Schriftstellerin und Künstlerin Colett, die Biografie «Paula» von 2016 (mit der Schweizerin Carla Juri) über die Malerin Paula Modersohn-Becker oder der Spielfilm «At Eternity’s Gate» (2019) über Vincent van Gogh. Aber auch die spielerische Dokumentation über ein Tanzgenie «Yuli» (2018), wobei der kubanische Balletttänzer Carlos Acosta sich selber einbringt, oder aktuell der Spielfilm «Nurejew – The White Crow» bewegen.
Er war ein Künstler auf seine Art – auf dem Rasen. Ein Lebenskünstler war er nicht, der Argentinier Diego Maradona. Aus dem Armenviertel am Stadtrand von Buenos Aires erklomm er die Weltbühne des Fussballs, zuerst kurz in Barcelona, dann von 1984 bis 1991in Neapel. Er wurde verehrt, vergöttert – trotz oder eben der «Hand Gottes» (er hatte bei der WM 1986 in Mexiko ein Tor gegen England mit der Hand erzielt). Er wurde mit der argentinischen Nationalmannschaft Weltmeister (und gewann im Final 3:2 gegen Deutschland). Im Süden Italiens wurde ihm geradezu himmlisch gehuldigt, als der den SSC Neapel 1986/87 erstmals zum italienischen Meister schoss. Der Abstieg begann nach der WM 1990 in Italien, Argentinien warf Italien aus dem Wettbewerb (nach Penaltyschiessen), verlor aber im Endspiel gegen Deutschland 1:0. Im folgenden Jahr wurde ihm Kokain nachgewiesen, der SSC Neapel löste seinen Vertrag auf. Maradona, drogensüchtig und alles andere als fit, tingelte von Sevilla zurück nach Argentinien, versuchte sich als Club-Trainer, später auch als argentinischer Nati-Coach (2008 bis 2010). Der Dokumentarfilm «Diego Maradona» (2019) von Asif Kapadia konzentriert sich vor allem auf die Erfolgsjahre in Neapel. In 130 Minuten wird Aufstieg und Fall eines Idols und Halbgottes beschrieben und dokumentiert, der dem Erfolg nicht gewachsen war, sich auf sich selbst verliess und scheiterte. Das Filmporträt, natürlich mit herrlichen Fussballszenen gespickt, spart die dunklen Seiten des Stars, der zwischen Drogen und fussballerischer Genialität schwankte, nicht aus – sowohl was seine Verstrickungen mit dem Mafiamilieu als auch sein Privatleben samt Liebschaften und Lügen (über Jahrzehnte an verweigerte er die Anerkennung eines Sohnes) betrifft.
Und doch bleibt das Porträt, das teilweise mit spektakulärem Archivmaterial aufwartet, trotz tiefem Blick hinter die Kulissen unvollständig, unbefriedigend. Vieles bleibt rätselhaft – trotz Statements seiner Begleiter, Kommentatoren oder von ihm selbst.
Diego Maradona lebte sein Leben bis zur Neige aus – vor allem ausserhalb des Spielfeldes. Warum wurde er nicht gebremst, warum wurde ihm nicht geholfen, warum liess er sich nicht helfen? Die Bezüge zur Gesellschaft, die verheerendes Vernetzung von Glanz und Gloria, von Anspruch und Absturz werden nur angetippt, aber nicht analysiert. Die Tragödie Maradona ist auch ein Spiegelbild einer Gesellschaft, die auf Gewinn und Ruhm, auf Biegen und Brechen geeicht ist. Trotz allem, keine Heldenhymne, sondern eine menschliche Tragödie. Sehenswert – nicht nur Fussballfans.

 

 

Man nennt ihn den «Regisseur unter den Fotografen». Zu Recht, hat der Deutsche Peter Lindbergh doch unbekannte Sternchen zu Stars gemacht, sie inszeniert statt nur für Modemagazine abzulichten. Der 74jährige Künstler und Filmer mit bürgerlichem Namen Peter Brodbeck, 1944 im damaligen Wartheland, heute Polen, geboren, revolutionierte die Modefotografie. Er starb am 3. September in Paris.

Mit 18 Jahren zog es ihn in die Schweiz, in Krefeld begann er ein Malstudium, wandte sich 1971 der Fotografie zu und lebte ab 1988 in Paris. Von dort eroberte er die Modewelt, arbeitet für die Zeitschriften Vogue, The New Yorker, Vanity Fair oder Rolling Stone. Modells wie Naomi Campbell, Cindy Crawford, Tatjana Patitz, Christy Turlington oder Linda Evangelosta wurden zu Superstars. Seine Modesessions entwickelten sich zu Inszenierungen auf dunklen Strassen und Industriegeländen und anderen Szenerien abseits von Glanz und Glamour. Er hat sie alle in ein anderes (Schwarzweiss-)Licht gesetzt, Stars wie Catherine Deneuve, Charlotte Rampling, Madonna, Nastassja Kinski, Tina Turner, aber auch die Stones oder John Travolta. Am Filmfestival war Peter Lindbergh mit zahlreichen Porträts präsent, vereinigt auf riesigen Schwarzweiss-Plakaten. Unter dem Titel «Emozioni!» vereinigte er die Persönlichkeiten Stephan Eicher, Musiker, Sandra Knecht, Künstlerin und Köchin, Christa Bösch & Cosima Gadient, Modedesignerinnen, Kerim Seiler, Künstler und Architekt, Shirana Shabazi, Künstlerin und Fotografin, Max Hubacher, Schauspieler, und Maya Rochat, Künstlerin. Unübersehbar in der Festivalstadt. Da ist es unverständlich, dass Jean Michel Vecchiets Filmporträt «Peter Lindbergh – Women’s Stories» nicht im Rahmen des Festivals aufgeführt wurde. Vecchiet versucht in seinem Dokumentarfilm das Phänomen Lindbergh zu fassen, zu bebildern. Er konzentriert sich dabei – siehe Titel – auf die facettenreichen Verhältnisse des Fotokünstlers zu Frauen, die dann auch zahlreich zu Bild und Wort kommen, Modells, Ehefrauen, Freundinnen, seine Schwester und mehr.
An der Fülle des Materials droht der Regisseur Vecchiet, ein jahrelanger Begleiter Lindberghs, schier zu ertrinken. Rastlos und umtriebig kuppelt er Fotodokumente, Statements und Filmaufnahmen, so dass man zuweilen als Zuschauer nicht mehr weiss, wo einem der Kopf steht, wer denn wann wieso und wie lange mit dem Künstler liiert war, ob sich Fotos aneinanderreihen oder Filmpassagen aus Lindberghs Werken mit Aufnahmen montiert und verschmolzen wurden. Sicher breitet sich hier spannendes, eindrücklich meisterhaftes Material aus, doch ein wenig mehr Struktur hätte der Hommage an Lindbergh und seine Musen gutgetan. Vecchiet liefert keine Chronologie, beschreibt im Grunde keine Lebensgeschichte, sondern arbeitet assoziativ – erhellend und irritierend zugleich. Erst gegen Schluss erklärt sich Lindberghs Karriere und Leidenschaft für Frauen. Die Mutter, die ihre künstlerischen Ambitionen nicht verwirklichen konnte, und seine Kindheit waren Ausgangspunkte, seine kreative Triebfeder. Ein Porträt wie ein Mosaik, das sich aus vielen Partikeln zusammensetzt. Ein abschliessendes Bild liefert der Film nicht, wohl aber eine aussergewöhnliche visuelle Reise.

 

 

Auf eine Reise ganz anderer Art begab sich der Oltener Filmer Bruno Moll. Er folgte den Spuren des Schweizer Malers Frank Buchser (1828 – 1890). Für viele ein Unbekannter. Er war ähnlich wie Karl Bodmer (1809 – 1893), der grosse Indianer-und Landschaftsmaler, ein Reisender mit Zeichenblock und bisweilen Staffelei. Ein Besessener auch, von der maurischen Kultur fasziniert als türkischer Scheich getarnt, der heimlich die Stadt Fez in Marokko bereist, was einem Christen bei Todesstrafe verboten war. Unbeirrt setzte Buchser sein Vorhaben 1858 durch, «Fez auf Papier zu bannen». Um 1866 erhält er von der Schweizer Regierung den Auftrag, ein Gemälde mit den «Helden des amerikanischen Bürgerkriegs» für den Nationalratssaal in Bern zu entwerfen. So macht er sich auf die Reise nach Charlottesville und Washington, um Skizzen von Persönlichkeiten wie General Lee, den Präsidenten Abraham Lincoln, Andrew Johnson oder Ulysses S. Grant anzufertigen. Nebenbei hatte ihn der Bundesrat mit der Mission betraut, gewisse Abklärungen über gewisse Schweizer Expansionsgelüste zu tätigen und moderne Waffen für die Schweizer Armee zu prokurieren, also anzuschaffen. Ungeheuerlich heute.
Bruno Moll stiess bei seinen Recherchen auf Buchsers Tagebücher und seinen Briefverkehr mit dem Bundesrat. Aus diesem Material rekonstruiert der Filmer den Reisebericht und das Porträt «The Song of Mary Blane». Der Titel bezieht sich auf ein Buchser-Gemälde, das ein Kulturbild Amerikas verdichtet – mit Schwarzen und Farbigen beim Picknick (es hängt im Kunstmuseum Solothurn).
Basis dieser Reise in den Maghreb und nach Nordamerika bildeten die Tagebücher Frank Buchsers, zitiert von Yves Raeber, und natürlich Bilder, Zeichnungen und Skizzen, denen Ingo Giezendanner im Film Hand lieh. Bruno Moll und seine Kameramann Edwin Horak fanden dazu stimmige Bilder, nicht selten an Originalschauplätzen, die teils als Illustrationen, teils als Assoziationen wirkten. Frappant bei dieser Belebung und «filmischen Annäherung an den Maler Frank Buchser» ist, wie aktuell sie sind. Leicht spannt sich der Bogen von den Konflikten im 19. Jahrhundert zu denen heute. Der Rassismus lebt nach wie vor – unter anderem Deckmantel, in anderen Worten weiter. Die Ausschreitungen in Charlottesville 2017, mit dem der Film beginnt, legen davon Zeugnis ab. Wie gesagt, die Reisen, das malerischen Dokumentation stehen im Zentrum dieses Dokumentarfilm. Der Mann Frank Buchser und sein privates Umfeld werden angedeutet, besonders was seine Haltung zu Frauen anging, die absolut dem 19. Jahrhundert verhaftet war. Er war kein Kostverächter. Ein Satz wie «Sie erlaubte mir von ihrer Liebe zu kosten» lässt tief blicken oder auch nicht. Hier hielt sich Porträtist Bruno Moll gegenüber dem Frauenheld Buchser zurück. Insofern blieb Buchser ein Mann seiner Zeit, ein Abenteurer mit Verständnis und Sympathie für Indianer und ehemaligen Sklaven.

 

 

 

Ausstellung COLOR MANIA im Fotomuseum Winterthur

 

I.I. Film ist seit Beginn der Kinematografie ein farbiges Medium und eine bunte Kunstform. Die im Laufe der Filmgeschichte entstandenen Farbfilmverfahren wurden zum Teil in enger Verflechtung mit der Fotografie entwickelt. Die neue Ausstellung COLOR MANIA im Fotomuseum Winterthur beleuchtet diese Entwicklung und die Geschichte des Materials Farbe in Fotografie und Film. Präsentiert werden Filmstreifen, grossformatige Bildmotive und Originalabzüge sowie Werke der zeitgenössischen FotografInnen und KünstlerInnen Dunja Evers, Raphael Hefti, Barbara Kasten und Alexandra Navratil, die aufzeigen, wie historische Farbverfahren und Techniken heute Anwendung finden.

Eröffnung & Apéro Freitag, 6. September 2019, ab 18 Uhr.
Kurzfilmprogramm Color Moods an den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur,
Donnerstag bis Sonntag 07.-10.11.2019
Sonderführung mit Prof. Barbara Flückiger, Filmwissenschaft Uni Zürich, und Buchpräsentation Color Mania, Samstag 9. November 2019, 14 Uhr.
Weitere Veranstaltungen unter www.fotomuseum.ch

 

 

Nachruf Fotograf Robert Frank (9.11.1924-9.9.2019): «Just look at the pictures»

 

Robert Frank mochte keine Erklärungen zu seinen Fotos, die Zuschreibungen und Interpretationen überliess er den Betrachtenden. Und was er fotografierte, war auf jeden Fall nichts Spektakuläres, nichts Eitles oder Aufsehenerrendes. Es war das Beiläufige, Nebensächliche, das uns im Alltag umgibt, das er mit wachen Sinnen und einem Gespür für das existenziell Menschliche wahrnahm und als Augenblick der Wahrheit festhielt. Da brauchte es keine grossen Worte, einfach hinschauen sollte man, vielleicht aus einer Perspektive, die man vorher noch nie beachtet hatte. So war Robert Franks legendärem Fotobuch «The Americans» (1959) zunächst kein Erfolg beschieden, zu melancholisch hatte
er die triste Gegenwart vieler Amerikaner abgebildet, die vom American Dream weit entfernt waren – und es heute unter Trump mehr denn je sind. Sein Augenmerk richtete der 1924 in einer jüdischen Familie in Zürich geborene Robert Frank stets auf die Schwachen, die Schwächeren am Rande der Gesellschaft. Auch in seinen Filmen war Frank experimentell unterwegs, mit eindrücklichen Bildern aus seinem privaten Familienleben und Einblicken in die Psychiatrie. Ein Film über die Rolling Stones 1972 war derart drastisch, dass die Band ihn lange unter Verschluss hielt. Ich erinnere mich an einen Auftritt von Robert Frank im Vortragssaal des Kunsthauses Zürich anlässlich seiner Ausstellung, einer der seltenen Besuche in seiner Heimatstadt, wo er lakonisch und trocken, aber präzise und humorvoll auf Fragen antwortete. Die Intensität des Altmeisters der Fotografie war beeindruckend.
Am 9. September 2019 ist einer der grössten Fotografen des 20. Jahrhunderts mit 94 Jahren verstorben. Im Fotohaus c/o Berlin ist eine umfangreiche Robert Frank-Ausstellung zu sehen. 13. September bis 30. November 2019.
Ingrid Isermann
 

 

 

«15. Zurich Film Festival mit starken Frauen»

 

rbr. Sie blicken auf 15 Jahre mit «Blut, Schweiss und Tränen» zurück, so die Festivalleiter Nadja Schildknecht und Karl Spoerri. Ihr Weg seit 2005 war beschwerlich, führte aber stetig bergauf. Jetzt haben sie den Gipfel erklommen und können mit der 15. Ausgabe des Zurich Film Festival (ZFF) ein Fähnchen setzen. Das Direktorenpaar Schildknecht (operative Leitung) und Spoerri (künstlerische Leitung) wird im nächsten Jahr das ZFF-Zepter abgeben, Nachfolger wird NZZ-Journalist Christian Jungen («Frame») sein. Standesgemäss am Uetliberg, sprich Hotel Atlantis by Giardino, luden die ZFF-Gründer und Festivalmanager zur letzten Pressekonferenz, um die Ausgabe 15 vorzustellen.

 

Nach anfänglichen Anfeindungen und steifer Gegenbrise hat sich das Zurich Film Festival (ZFF) längst etabliert und internationales und spätes nationales Renommée gewonnen. Die Zahlen sprechen für sich: Die Zuschauer stiegen von 8000 im Gründungsjahr 2005 auf 90 500 im Jahr 2016, von 98 000 im Jahr 2017 auf 104 000 letztes Jahr. Nun werden abermals über 100 000 Besucher angepeilt. Das Budget kletterte von 7,3 auf 7,8 Millionen Franken. Die Stadt Zürich 350 000 und der Kanton 270 000 Franken bei. Nadja Schildknecht und Karl Spoerri ist es gelungen, dass nun auch Gelder vom Bund nach Zürich zum ZFF fliessen. «Wir haben die Firma und deren Struktur so umgebaut, dass wir den Anforderungen des Bundesamtes für Kultur nunmehr gerecht werden. Der Bund fördert uns nun mit 247 000 Franken.», resümierte Nadja Schildknecht.

Das Festivalprogramm ist vielfältig bunt, dramatisch, anregend, unterhaltsam, illuster und attraktiv. Über 170 Filme wurden angekündigt – aus aller Welt, aber auch mit deutschsprachigem Schwerpunkt im Wettbewerb «Fokus» mit zwölf Filmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, beispielsweise mit «Volunteer», einem Schweizer Dokudrama über Flüchtlingshilfe in Griechenland, mit «Systemsprenger», einem deutschen Drama über einen wilden Neunjährigen oder mit «Lillian», einem Roadmovie aus Österreich über eine junge russische Frau in den USA.
Herzstück des ZFF ist der internationale Wettbewerb, in dem 38 Filme konkurrenzieren, aufgeteilt in drei Sektionen – wie erwähnt in «Fokus», in internationaler Spielfilm und Dokumentarfilm, darunter etwa der Schweizer Beitrag «Silence Radio», in dem sich die Journalistin und Nachrichtensprecherin Carmen in Mexiko für die Wahrheit einsetzt. Entsprechend werden Golden Eyes, die Goldenen Augen, vergeben. Gefragt sind wie immer Gala-Premieren und Special Screenings. Den Auftakt macht «Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes», ein Schweizer Spielfilm von Nik Hilber über den verschollenen Umweltaktivisten Manser. Auf grosses Interesse dürften auch «Blackbird» mit Susan Sarandon und Kate Winslet stossen, «Gemini Man» mit Will Smith, «Judy» mit Renée Zellweger oder die Dramen «My Zoe» mit Julie Delpy und «Seberg» mit Kristen Stewart. Delpry und Stewart wie auch Roland Emmerich werden mit Golden Eyes ausgezeichnet. Zudem ist Emmerich wie Blanchett eine Retrospektive gewidmet.

Ausserdem sind auch Kinogrössen wie Donald Sutherland, Javier Bardem sowie Stammgast und Jurypräsident Oliver Stone präsent, die auch an den ZFF-Masters-Veranstaltungen teilnehmen. Abgerundet wird das 15. ZFF mit den Rubriken «Neue Welt Sicht», aktuell Kolumbien gewidmet, mit «Border Lines», Filmen, die sich mit Grenzsituationen auseinandersetzen, mit «Window to the World» und Filmen aus Hongkong oder San Sebastian, mit Serien und einem ZFF für Kinder (mit Wettbewerb). Bemerkenswert ist der nunmehr 8. Filmmusikwettbewerb unter dem Thema «Beyond the Matrix». 321 Komponistenaus 46 Ländern haben sich beteiligt und Vertonungen zum Kurzfilm «Danny and the Wild Bunch» eingesandt. Die fünf besten Stücke werden dann vom Tonhalle-Orchester am 28. September in der Tonhalle Maag aufgeführt.

Alles ist zum Zürcher Filmfest angerichtet. «Wir verstehen uns als Anwälte des Publikums und wollen elf Tage Lust aufs Kino entfachen», meint Organisator Karl Spoerri. Er sieht vor allem zwei Hauptthemen in diesem Jahr: «Der grüne Film, also Filme wie ‘Bruno Manser’, die sich um die Umwelt kümmern, und Filme, die sich um Wahrheitssuche bemühen wie ‘The Laundromat’, eine Satire mit Meryl Streep und Gary Oldman über die Panama Papers.» Die beiden Gründer haben ihr Kind, das ZFF, zum Laufen und Strahlen gebracht. Nadja Schildknecht war hoch erfreut anlässlich der Presseorientierung: «Unser Frauenanteil ist enorm gewachsen. 55 Regisseurinnen sind mit 55 Filmen präsent, das macht nahezu 40 Prozent des Gesamtangebots aus, dazu kommen zwei Golden Eyes an zwei Frauen, an Kristen Stewart (Golden Eye Award) und Cate Blanchett (Golden Icon Award).» Spezieller Gast wird der Formel1-Champion Lewis Hamilton sein –zur Schweizer Premiere des Rennfahrerdramas «Le Mans ’66» mit Matt Damon. Zu guter Letzt nutzt auch die Zürcher Filmstiftung die Gelegenheit, im Rahmen des ZFF den Zürcher Filmpreis 2019 zu vergeben – für den besten Kurzfilm, besten langen Dokumentarfilm und besten langen Spielfilm. Die Preise werden am 3. Oktober im Arena Cinema, Sihlcity verliehen. Der Publikumserfolg «Zwingli» ist nicht dabei, er wurde nicht nominiert. Da fragt man sich…

 

Programm Zurich Film Festival 26. September bis 6. Oktober 2019
https://zff.com/programm/1/
Tickets
zff.com, starticket.ch
ZFF-Verkaufsstellen, ab 16.9. Tickethäuschen Paradeplatz, Cinema Corso; ab 26.9. Festivalzentrum Sechseläutenplatz, Zürich
Kauf in den Kinos Corso Le Paris, Filmpodium, RiffRaff, Kosmos, Zürich

 

 

«17. Festival für Animationsfilme in Baden – Fantoche 2019»
Das 17. Treffen der Nationalen wie Internationalen Animationswelt geht in Baden an elf Locations über die Bühne bzw. Leinwände. Zum 17. Mal präsentiert Fantoche ausserordentliche Animationsfilme – vom 3. bis 8. September 2019. 20 Langfilme stechen hervor, dazu gibt es Wettbewerbe, animierte Dokfilme, Kinderfilme und die Sektion «Schuhe, Hemd und 100 Lire» zum Thema Migration.

 

rbr. Am Anfang steht die Hoffnung, die Heimat zu verlassen, aufzubrechen und ein neues Leben zu beginnen. Von Sehnsuchtsorten erzählen verschiedene Filme wie «Ah, America» (Ungarn 1984), «Chinti» (Rumänien 2012) oder «The Kiosk» (Schweiz 2013), vom Ankommen oder Heimat im Herzen. Schüler und Schülerinnen der Mittelschule setzen sich mit Migrationsgeschichten in selbst produzierten Animationsfilmen auseinander: «Spurensuche».
Fünf Animé-Abenteuer aus Japan sind zu sehen: «Ride Your Wave» (2019), eine Liebesgeschichte übers Surfen, «Penguin Highway» (2018), ein Abenteuerfilm um Pinguine, «Mirai» (2018), ein Film über Eifersucht zwischen Bruder und Schwester, «I Want to Eat Your Pancreas» (2018), ein Jugendrama, oder «Children oft he Sea» (2019), ein Film, in dem ein Mädchen Erfahrungen in einem Aquarium macht.

Andere Langfilme befassen sich Alpträumen und Gemälden («Ruben Brandt, Collector», Ungarn 2018), mit Leben in Kabul («Les Hirondelles de Kaboul», Frankreich 2019), mit dem Prozess gegen Nelson Mandela («The State Against Mandela and the Others», Frankreich 2018) oder mit Kriegsverbrechen und sexuelle Gewalt («Zero Impunity», Frankreich 2018). Der Film «Black is Beltza» (2018) aus Estland ist ein actionreicher Politthriller, führt vom Baskenland über Kuba bis nach Algerien. Spannend sind auch jeweils die Making-ofs mit Regisseur Milorad Krstić bei «Ruben Brandt, Collector» oder dem Schweizer Animator Simon Otoo beim Abenteuer «How to Train Your Dragon: The Hidden World» (USA 2019).
Schweizer Animationsarbeiten sind vor allem im nationalen Wettbewerb zu sehen, dazu kommt der internationale Wettbewerb in fünf Blöcken. Ergänzt wird die Competition mit dem Kinderfilm-Wettbewerb und rund zwei Dutzend Werken. Besonderes Augenmerk gilt in diesem Jahr dem Tessiner Schaffen. Unter dem Titel «La Svizzera Italiana Animata» werden diverse Arbeiten gezeigt – teilweise erstmals in der Deutschschweiz –, die im Auftrag des Tessiner Fernsehens (RSI) in den Siebziger- und Achtzigerjahre oder später von Tessiner Künstlern im Ausland entstanden sind. Workshops, die Retrospektive Joanna Priestly, Beiträge der Filmakademie Baden-Württemberg und andere Sonderaufführungen («Waltz With Bashir», 2008) runden das vielseitige Fantoche-Programm ab. Ausserdem präsentiert Lorenzo Matotti Bilder seines neusten Films «La fameuse invasion des ours en Sicile» in der Galerie DoK. Sein Werk ist auch in Baden zu sehen ist, ein Film um den Bärenkönig, sein Volk und Menschen.

mail@fantoche.ch
www.fantoche.ch

 

 

«Locarno Filmfestival 72 – Rückblick: Zweifelhafte Programmierung»

 

 

Filmfestival Locarno 2019: Ein neues Direktionskapitel wurde mit der Französin Lili Hinstin aufgeschlagen. Die einen winden ihr einen Lorbeerkranz, die anderen sehen ihre erste Programmierung eher skeptisch und kritisch. Gewinner waren einmal mehr die Filme und ihre Schöpfer: Der Portugiese Pedro Costa gewann mit dem Drama «Vitalina Varela» den Goldenen Leoparden, das Piazza-Publikum kürte «Camille» von Boris Lojkine mit dem Prix du Public.

 

 

rbr. Auch ohne Hellseher zu sein, war im Vorfeld schon klar, dass Quentin Tarantino mit seiner eigenwilligen Kinohommage «Once Upon a Time…in Hollywood» auf der Piazza Grande abräumen würde. Und so war es dann auch: Das Festival meldete 9000 Besucher, die dieser Western-und Hollywood-Huldigung samt Stargarnierung (Brad Pitt und Leonardo DiCaprio) auf den Leim gingen. Publikumsliebling (Prix du Public UBS 2019) wurde indes ein anderer: Boris Lojkine, Philosophiedozent und Doktor, der über Krise und Geschichte dissertierte, inszenierte «Camille». Sein Drama erzählt von der Fotojournalistin und Kriegsreporterin Camille, die sich 2013 voller Idealismus regelrecht in Zentralafrika in den Bürgerkrieg stürzte und ums Leben kam. Ein sicherer Kinowert (Trigon Film). Ansonsten erwies sich das Piazza-Programm, wie befürchtet, als spekulativ und nur punktuell attraktiv. Der Komödienabend (11. August) mit «Notre Dame» (wobei das eigentliche Drama bei der Präsentation kein Wort wert war) und «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» fiel halbwegs ins Wasser. Just 4600 Besucher wurden gemeldet. Von Tarantino abgesehen, registrierte man für die Piazza zweimal 6000 Zuschauer und zwar am 9. August beim Cockpit-Thriller «7500» und am 15. August natürlich beim durchaus kritischen «Diego Maradona»-Porträt.
Die Schweizer Komödie «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» von Natascha Beller hatte Wetterpech. Das hatte die Produktion, der Bern (BAK), Fernsehen und andere Institutionen jeden Support (Beitrag) verweigerten, nicht verdient. Die Krisen-Komödie um Frauen um und über 30 mit Kinderwunsch und Kinderproblemen kann nun seinen Unterhaltungswert in den Kinos beweisen.
Die Wettbewerbe gaben wie immer überwiegend unter Cineasten und Kulturjournalisten zu reden. Nur wenige werden es ins Kino schaffen. Gute Chancen hat der Gewinner «Vitalina Varela» (Goldener Leopard) des Portugiesen Pedro Costa. Er erzählt von einer Frau von den Kapverdischen Inseln, die ihren Mann, von ihm vor Jahrzehnten verlassen, nur noch tot auffindet. Die «hochartifizielle Inszenierung» wird Kunstfreunde anlocken. Die Protagonistin Vitalina Varela erhielt einen Leoparden als beste Schauspielerin. Ein Spezialpreis der Jury ging an «Pa-go» von Park Jung-bum aus Südkorea, dabei geht es um das Mädchen Yea-eun, eine Art Psychokrimi um Sehnsüchte, Begierden und Missbrauch». Einen Leoparden für die beste Regie heimste Damien Manivel für «Les enfants d’Isadora» ein, für einen Tanzfilm voll Anmut und Schönheit. Ein Fall für «Sternstunden»?
Nun, mit den Wettbewerben in Locarno – und nicht nur dort – ist es oft so, dass «Kunstwerken» eine Plattform geboten wird. Auch die neue künstlerische Leiterin Lili Hinstin setzt auf «Qualität» und nicht auf Nationalität. Das bekam der Schweizer Film deutlich zu spüren. Just einer schaffte es in den Wettbewerb: «O Film do Mundo» von Basil Da Cunha beschreibt Spiras Heimkehr von einer Erziehungsanstalt ins Elendsviertel von Lissabon. Chancenlos.
In der Sektion Concorso Cinesti del presente sah es nur wenig besser aus: Maya Kosa (Genf) und Sergio da Costa beschreiben in «»L’ile aux oiseaux» eine seelenvolle Begegnung in einer Vogelpflegestation; Klaudia Reynicke bemüht sich in «Love Me Tender» um eine Frau, die an Agoraphobie leidet, also Angst hat, ihre Wohnung zu verlassen und mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Gut gemeint, aber fürs Kino…?
Ausgezeichnet wurde übrigens «Baamum Nafi (Nafi’s Father)», eine Tragödie aus dem Senegal, in dem Mamadou Dia mehr als den Streit zweier Brüder schildert. Den Regiepreis bei den Cineasti del presente erhielt der Algerier Hassen Ferhani. In seinem Werk «143 rue de désert» liefert er ein geradezu stoisches «Kammerspiel»: Ein Kiosk in der Wüste an einer Fernstrasse, ein ältere Frau, die Tee, Gebäck und mehr anbietet, auf Passanten, Gäste, Einheimische wartet, die ihr die Welt in ihre Behausung/Cafe bringen. Sie erträgt den Alltag duldsam und optimistisch ergeben. Ein Film, jenseits von Mainstream, Action, Unterhaltung – bizarr, einmalig.
Präsident Marco Solari und Direktorin Lili Hinstin sind anscheinend höchst zufrieden mit dem Debüt 2019. Und doch ist es nie zu spät für Verbesserungen angesichts eines Festivals, so ein Einfall der «neuen Besen», es noch im Laufe des Anlasses wieder in Filmfestival umzubenennen.

 

 

Eine Bilanz
Der Publikumsandrang war mehr punktuell übergross, die Kinos zu klein. Ruth Schweikerts und Eric Bergkrauts Dokufiction «Wir Eltern» (Fuori concorso) beispielsweise wurde deswegen ein drittes Mal aufgeführt. Flexibel.
Die Schlangen bildeten sich vor den Kinoeingängen. Wer Glück hatte, konnte bei der Filmerübung «Under the God» (Part 1) vom PalaCinema Scala 2 ins 3 wechseln. Manchmal stand man auch vergebens an. An der Kommunikation darf gearbeitet werden.
Ein sicherer Wert ist alljährlich die «Semaine de la critique», die nunmehr ihr 30-Jahrjubiläum feiern konnte, die sich dem Dokumentarfilm widmet. Wieder waren Entdeckungen zu machen, zum Beispiel «Lovemobil» von Elke Lehrenkraus, Deutschland, und ihre Annäherung an Liebestrailer und deren Liebesdienerinnen; oder «Shalom & Allah» von David Vogel, Schweiz, und seine Annäherung an Schweizer, die zum Islam konvertierten.
Ehrungen in Ehren, aber die Leoparden-Awards mehren sich zusehends. Aber bitte, wenn schon, denn schon. Fredi M. Murer wurde der Leopard fürs Lebenswerk verliehen. Warum aber sein preisgekröntes Werk «Höhenfeuer», 1985 mit einem Golden Leoparden ausgezeichnet, nicht auf der Piazza Grande gezeigt wurde, bleibt ein Geheimnis der Direktorin, die im Übrigen als Moderatorin auf der grossen Piazza-Bühne recht unbeholfen und linkisch wirkte. Zwölf Zeichnungen von Fredi M. Murer sollten in Locarno ausgestellt werden. Nur musste man sie im PalaCinema suchen. Sie lagen lieblos arrangiert auf einer Treppenbrüstung. Ausstellungskultur
Apropos Piazza Grande: Warum es Samir packendes Exilantendrama «Baghdad in My Shadow«» nicht auf die Piazza schaffte, lag wohl an der etwas eigensinnigen Maxime Lili Hinstins, keine Nationen zu bevorzugen. Dabei waren auffallend viele französische Filme in Locarno zu besichtigen. Überhaupt hatte man das Gefühl, dass die Direktorin noch zu wenig Feeling für das Piazza-Programm entwickelt hat. Aber das kann ja noch werden.
Der zweisprachige Festivalkatalog ist zwar über 360 Seiten stark, sein Informationsgehalt aber dürftig. Spartanischen Inhaltshinweisen folgt ein «artifizieller» Sermon, der sich meistens als Schwafelei und abgehobenes Geschwätz erweist. In diesem Fall: Weniger Autoren, aber mehr Information bitte!
Man wird sehen bei der 73. Ausgabe vom 5. bis 15. August 2020.

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Preise Locarno Filmfestival 2019

Goldener Leopard (Internationaler Wettbewerb)
«Vitalina Varela» von Pedro Costa, Portugal

Spezialpreis der Jury
«Pa-go» von Park Jung-bum, Südkorea

Beste Regie
Damien Manivel, Frankreich, für «Les enfants d’Isadora»

Beste Darstellerin
Vitalina Varela, Portugal, für «Vitalina Varela»
Bester Darsteller
Regis Myrupu, Brasilien, für «A febre»

Besondere Erwähnung
«Hiruk-pikuk sials-kisah» von Yosep Anggi Noen, Indonesien
«Maternal» von Maura Delpero, Italien, Argentinien

Goldener Leopard Cineasti del presente
«Baamum nafi» von Mamadou Dia, Senegal

Preis für die beste Nachwuchsregie
«143 rue du désert» von Hassen Ferhani, Algerien

Spezialpreis der Jury
«Ivana cea Croaznica» von Ivana Mladenović, Rumänien

Prix du Public
«Camille» von Boris Lojkine, Frankreich

Preis der Ökumenischen Jury
«Maternal» von Maura Delpero

Semaine de la Critique
«The Euphoria of Being» von Réka Szabó, Ungarn
«Adolescentes» von Sébastien Lifshitz, Frankreich

 

 

Filmtipps

 

 

Der Büezer

rbr. Schein und Sein. Es geht auch anders, auch im Schweizer Film. Einfacher, gerader, spontaner, gleichwohl sinnlich und sinnvoll. Das bewies Natascha Beller mit ihrer 30plus-Komödie «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» – ohne die üblichen Subventionsgelder (Fernsehen, Bund, Kanton, Migros etc.). In derselben Spur bewegt sich auch der Erstling «Der Büezer» von Hans Kaufmann. Zwei Freunde haben sich zusammen getan, der Werbefilmer Kaufmann und der Schweizer Jungstar Joel Basman («Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse»). Keine Zürcher Schickimicki-Szene, kein Bilderbuch-Bergdrama, kein Krimi, kein Klamauk. Der Titel gibt die Richtung an: Es geht um handfesten Arbeitsalltag und um einen, der mittendrin steckt. Der Sanitärinstallateur Sigi (Basman) ist unbeschriebenes Blatt, einer der mitläuft und wegen seiner Schüchternheit von Kollegen gehänselt wird. Er hilft auch mal «schwarz» dem «netten» Walter (Andrea Zogg) aus, wenn es in einer seiner Absteigen (für Prostituierte) klemmt. Sigi läuft auch Hannah (Cecilia Steiner) nach, die Flyer verteilt und ihn mit zu einem Konzert in die Freikirche lotst. Büezer Patrick Signer alias Sigi schämt sich als Arbeiter und gibt seiner «Flamme» vor, Werbetexter zu sein. Das geht natürlich schief, und Sigi muss erkennen, dass Schein nicht über das Sein hinwegtäuschen kann, dass die meisten Menschen durch ihren Beruf, ihre Berufung und Status definiert werden und dass eine Not-oder Lebenslüge nicht weiterhilft. Kaufmann und Basman schufen mit dem «Büezer» authentisches Kino ohne öffentliche Förderung – unspektakulär, milieu-getreu, sensibel, unabhängig.
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Der nackte König
rbr. Auf den Spuren von Revolutionen. «18 Fragmente über Revolution» nennt der Zürcher Filmer Andreas Hoessli seine Aufarbeitung historischer Ereignisse, der Revolution im Iran 1979 und der Rebellion in Polen 1980. Er war dazumal als Korrespondent verschiedener Schweizer Zeitungen in Osteuropa tätig. Vierzig Jahre danach ging er den Ereignissen nach. Dazumal lernte er den bekanntesten und am häufigsten übersetzten Autoren Polens, Ryszard Kapuściński kennen. Dessen Buch «Schah-in-Schah» (1982, deutsch 1986) befasst sich mit den Mechanismen der Macht und des Fundamentalismus. Dieses Buch inspirierte Hoessli zum Dokumentarfilm «Der nackte König». Als Erzähler führte Bruno Ganz durch dieses Filmessay, seine letzte Rolle. Geschichte nach, kramte altes Bildmaterial hervor, bereiste Schauplätze und befragte Betroffene, Täter wie Opfer. Hoessli interessierte die Frage nach dem Wesen der Revolution.
Fast parallel geschahen die Umstürze in Persien (1979) und Polen (1980). Der Schah musste abdanken. Das polnische Regime musste sich der Bewegung Solidarność beugen – für 18 Monate. Hoessli war selbst Zeitzeugen der Rebellion in Polen, kannte viele Beteiligte, stand selber unter Geheimdienstbeobachtung. Er verknüpfte die beiden sehr unterschiedlichen Ereignisse in seinem Film, ist in die Archive gestiegen, hat die Schauplätze der Ereignisse, Betroffene, Täter wie Opfer aufgesucht. Das Anliegen des Filmers und Zeitzeugen Hoessli ist es, Strukturen der Macht zu skizzieren, Rebellion und Bewegungen. Das geschieht akribisch, und doch kann sein Film «Der nackte König» nicht befriedigen, auch weil Fragen nach den Folgen wird nur angetippt, aber nicht verfolgt werden, der Bogen zu heute nur Fragment bleibt. Warum der polnische Gewerkschaftsführer Lech Walęsa nicht einbezogen und interviewt wurde, ist unverständlich, ein Mangel.
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Late Night
I.I. Da ist sie wieder, die kapriziöse Emma Thompson, diesmal in der Rolle der Alphafrau Katherine Newbury in der Talkshow «Late Night», die ihr gut zu Gesicht steht. Ihre wechselnden Haarmähnen und Sturmfrisuren kündigen jeweils ihre Launen an, nicht zu knapp, unten denen ihre Mitarbeiter für die Sketche zu leiden haben. Etwas zu selbstgewiss ist sie geworden und ihre Einschaltquoten sind bedenklich zusammengeschmolzen. Und dann kommt noch die Hiobsbotschaft von der Sendeleiterin, sie ist gefeuert! Das ist der erfolgsverwöhnten Diva zuviel, die ein wenig an «Der Teufel trägt Prada» erinnert. Sie trommelt ihre Mannschaft zusammen und dann gibt es was auf die Ohren mit einer gehörigen Standing Manöverkritik. Da sie die einzelnen Mitarbeiter nie persönlich kennengelernt bw. sich für sie nie interessiert hat, nummeriert sie die Köpfe gleich bis Nummer 8 durch. Und die ist eine Neue, die frischen Wind in den Laden und die Talkshows bringen soll: Molly (Mindy Kaling). Eine junge Frau mit indischem Migrationshintergrund, die zunächst von Newbury vornehm übersehen wird, sich aber mit vorlautem Mundwerk Gehör zu verschaffen versteht. Ihre ersten Zeilen werden zwar nicht abends in der Show vorgelesen, als die Situation aber immer prekärer wird und der Rausschmiss unmittelbar bevorsteht, greift die Talkmasterin doch zu Mollys Texten. Und siehe da, das Publikum amüsiert sich und Molly bekommt Aufwind. Die Regisseurin Nisha Granatra zeigt die beiden extrem unterschiedlichen Charaktere, wie sie sich langsam aufeinander zubewegen. Dass auch Frauen als Chefin fies sein können, ist keine Neuheit, wohl aber eine Frau als «Late Night»-Talkerin, das war bislang den Alphamännern vorbehalten. Generell gelingt Männern besser die Identifikation mit ihren Geschlechtsgenossen. Und so brauchte es wohl auch eine Regisseurin, um diesen Tatbestand einmal ins Gegenteil zu verkehren. Katherine Newbury muss sich als Machtmensch in Frage stellen lassen, was den männlichen Äquivalenten auch zu wünschen wäre, die in unserer zeitgenössischen Arena das Sagen haben. Emma Thompson merkt man an, wieviel Spass ihr diese Rolle und die Umkehr der Verhältnisse macht, gerade in der Medienwelt. Der Film schafft es, viele Fragen des Medienbetriebs zu verhandeln, über die in den USA und Europa seit Jahren gestritten wird, wie Diversität und Geschlechtergerechtigkeit, Kampf um Glaubwürdigkeit, um die seriöse Story ohne Fake News, und die richtige Story zur richtigen Zeit.
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La Paranza dei Bambini
I.I. «La Paranza dei Bambini» ist die Verfilmung des von wahren Begebenheiten inspirierten Romans «Der Clan der Kinder» von Roberto Saviano, der auch am Drehbuch mitgewirkt hat und zudem als Produzent zeichnete. Der Film über eine Jugend zwischen Skrupellosigkeit, Konsumgier und Menschlichkeit berührt nicht zuletzt durch die charismatischen Laiendarsteller. Der Regisseur Claudio Giovanesi war auch an der Entwicklung der TV-Serie «Gomorrha» beteiligt. Mit seinem internationalen Bestseller «Gomorrha» schilderte Saviano authentisch das Phänomen des organisierten Verbrechens in Italien und steht seither unter Polizeischutz. «La paranza dei bambini» blickt auf die nächste Generation, die nachrückt und die in die Mühlen der Gewalt und der Kriminalität gerät.

Der 15-jährige Nicola (Francesco Di Napoli) braust am liebsten auf seinem Motorroller mit seiner Clique und grossem Getöse durch die engen Gassen ihres Viertels Sanità in Neapel. Es fehlen ihnen Zukunftsperspektiven und vor allem Geld. Sie wollen auch Designer-Shirts, Sneakers und teure Uhren, wie die Mitglieder der Mafia-Familienclans, die das Leben in Neapel kontrollieren. Als sich ihm die Chance bietet, steigt der aufgeweckte Nicola mit seinen Kumpanen ins Drogengeschäft ein. Das Dealen bringt Geld, doch Nicola will mehr, die Macht über sein Viertel. Kurz entschlossen fordert er den führenden alten Mafia-Boss heraus und greift zu den Waffen. Sehr zum Missfallen der anderen Mafia-Clans und so gerät Nicola zwischen die Fronten. Der Film erzählt von einem Leben unter Bedingungen, in dem illegale Machenschaften in Neapel an der Tagesordnung sind, die Freundschaft und Liebe fast unmöglich machen, doch immer wieder blitzen seine guten und gerechten Seiten auf, denn Nicola will das Viertel auch deshalb übernehmen, damit die Händler, wie seine Mutter, kein Schutzgeld mehr zahlen müssen. Und natürlich will er seine anspruchsvolle Freundin mit tollen Klamotten und Geschenken beeindrucken. Die Mafia lässt sich ihr Geschäft nicht nehmen und so kommt es zum tragischen Showdown, den die Jugendlichen unterschätzen, für die es bisher nur ein spannendes Katz und Maus-Spiel war. Der Film beeindruckt mit empathischer Kameraführung und überzeugt mit den charismatischen jungen Laiendarstellern aus Neapel. Ein aktuelles und brennendes Problem.
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L’adieu à la Nuit
Ein Wiedersehen mit Catherine Deneuve und Kacey Mottet Klein, die Grossmutter und Enkel spielen. Muriel (Catherine Deneuve) lebt auf einem malerischen Landgut mit Pferdefarm und Mandelplantage in Südfrankreich. Sie ist höchst erfreut, dass sie nach dem tragischen Unfalltod ihrer Tochter Besuch von ihrem Enkelsohn Alex (Kacey Mottet Klein) bekommt. Er erklärt ihr, dass er vorhat, nach Kanada auszuwandern. Auf Nachfragen weicht er aus und gibt kaum Auskunft. Sein verschlossenes Verhalten macht Muriel stutzig und sie forscht in seinen Unterlagen nach und entdeckt, dass er Flugtickets nach Barcelona und Istanbul hat. Sie entdeckt, dass Alex in Wirklichkeit plant, mit seiner Freundin Leila (Oulaya Amamra) nach Syrien zu emigrieren. Als zum radikalen Islam konvertierter Muslim will er sich dort den Widerstandskämpfern anschliessen. Bestürzt setzt Muriel alles daran, ihren Enkel von seinem gefährlichen Vorhaben abzubringen. Ein hoch aktuelles Thema, wie kann man einen Jugendlichen vor sich selbst schützen und davon abbringen, in den Jihad zu ziehen?
Muriel überredet einen gefangenen Syrer, der aus dem Jihad zurückgekehrt ist, ihm von seinen schlimmen Erfahrungen zu erzählen. Sie sperrt Alex mit einer List im Pferdestall ein und holt den jungen Syrer zur Hilfe heran. Doch als dieser die Tür öffnet, schlägt ihn Alex mit einer Schaufel nieder und flüchtet. Eine Verfolgungsjagd mit der Polizei beginnt, um die Flüchtigen aufzuhalten. In letzter Minute wird ihr Bus an der Grenze gestoppt. Die Aktion ist zu Ende, doch ist sie auch gelungen, die Jugendlichen von ihrem ideologischen Vorhaben abzubringen? Das lässt der Film offen.
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Nurejew – The White Crow
rbr.– Tanzgenie mit Ecken und Kanten.  Es gibt Aufzeichnungen von Aufführungen mit dem berühmten Bühnenstar Rudolf Nurejew als Tänzer und Choreographen, beispielsweise «Nureyev» (Warner Classics, 3 DVD), «The Perfect Partnership» (mit Margot Fonteyn und Nurejew) oder «Nureyev – A Film Biography». Nun hat sich der britische Schauspieler Ralph Fiennes («Schindlers Liste», «The English Patient», «Harry Potter and the Order of Phoenix» oder «Holmes & Watson») sich der grössten Tanzstars des 20. Jahrhunderts angenommen: Rudolf Chametowitsch Nurejew, 1938 in der Nähe von Irkutsk geboren, 1993 in Paris gestorben.
Fiennes, der selber einen Tanzlehrer und Förderer des Tanztalents Nurejew spielt, liefert mit seiner dritten Regiearbeit kein Biopic, kein Künstlerporträt, keinen Tanzfilm im engen Sinn und auch kein Fluchtdrama. Er versucht in «Nurejew – The White Crow» dem Genie und Menschen Nurejew und seiner Zeit, dem Menschen und Genie nahe zu kommen. Das gelingt teilweise exzellent. Alles beginnt mit einer Eisenbahnfahrt 1938. Nurejew wird während der Zugsfahrt geboren, wächst in ärmlichen Verhältnissen auf dem Lande (nahe dem Ural) auf, hat ein gespanntes Verhältnis zu seinem Vater, der den Jungen eines Tages auf der Jagd im winterlichen Wald zurücklässt. So deuten die Schwarzweissbilder an, die sparsam, aber akzentuierend eingeschoben werden. Erinnerungen an die Kindheit, die ersten Tanzschritte und mehr. Mit 17 Jahren, eigentlich schon zu alt für eine Ballettausbildung, konnte Rudik, so sein Jugendname, an der Ballettakademie in Leningrad Fuss fassen. Sein Lehrer Alexander Puschkin (Fiennes) stand ihm auch zur Seite, als er sich verletzte und sich auf ein amouröses Verhältnis mit dessen Frau Ksenija (Chulpan Khamatova) einliess. Bei einem Gastspiel des Kirow-Balletts 1961 in Paris feierte der Jungstar nicht nur grossen Erfolg, sondern fand am westlichen Leben Gefallen. Er genoss seinen Starstatus, die Freiheit, die er sich gegenüber dem KGB-Agenten Strischewsky (Alexey Morozov) ertrotzte. Er tigerte allein durch den Louvre, war vom Gemälde «Das Floss der Medusa» fasziniert, bändelte mit der Chilenin Clara (Adèle Exarchopoulos) und dem Tänzer Pierre Lacotte (Raphael Personnaz) an. Er schnupperte Freiheit, begehrte auf – gegenüber den Agenten, die das Ballett gegen westlichen Medien und Bewunderern abschirmen sollten. Neugierde, Lust auf Leben und Vergnügen, konnten sie nicht verhindern. Nurejew, erlag den «Verführungen» und weigerte sich, allein einen Flug nach Moskau (statt nach London) mit Agenten anzutreten. Im Flughafen kommt es zum «»Showdown». Ein spannender Schlussakkord, aber kein Flucht-Thrillerfinale, wie mancherorts angedeutet wird. Regisseur Fiennes, der sein Künstlerdrama auf sechs Kapitel der Biografie «Rudolf Nurejew» von Julie Kavanagh aufbaute, versucht, den Menschen, den Aussenseiter («White Crow» steht dafür), den Rebell zu erfassen. Der Star, exzellent verkörpert durch Oleg Ivenko, hat Ecken und Kanten, eine starke egoistische Ader und feminine Züge, die er in die Ballettwelt als Tänzer und Choreograph einbrachte. Fiennes beschreibt diese Aspekte (etwa Nurejews Bisexualität), seine tänzerische Ambitionen, auch Sturheiten. Sein Nurejew-Film, bisweilen sprunghaft in den Zeiten (Jugend, Leningrad, Paris), ist keine Starhuldigung, keine tänzerische «Offenbarung» oder Ballett-Hymne, sondern das Bildnis eines Besessenen, eines jungen Genies, einer Ikone. Seine künstlerische Bedeutung und Wirkung, sein Leben nach dem Gesuch um «politisches Asyl» sind kein Thema. Der Spielfilm ist ein Sehereignis allemal.

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Die fruchtbaren Jahre sind vorbei

rbr. Frauenpower, Frauenprobleme. Man hätte sich einen besseren Start als eine verregnete Mitternachtsvorstellung auf der Piazza Grande in Locarno gewünscht. Aber eben, die Kleinen trifft’s am schwersten. Aber was trübe begann, kann ja noch werden – im Kino. Denn diese Produktion hat’s in sich. Von den üblichen Geldgebern Kanton und Stadt Zürich, Zürcher Filmstiftung, Migros etc. glaubte keine an diesen Film. Eine Antwort lautet, wie uns Produzent Patrick Karpiczenko, Partner der Filmautorin und Regisseurin Natascha Beller erzählte: «Wen interessieren Frauen über 30 und ihre Kinderprobleme?» Kurzum, das Leben dreier Frauen dreht sich hier um Karriere und Kinder und die Frage: Kinder haben, kriegen und managen. Amanda (Sarah Hostettler) heiratet, und ihre Schwester Leila (Michèle Rohrbach) erfährt, dass die Braut schwanger ist. Sie lässt die Baby-Bombe an der Hochzeit platzen. Amanda ist gar nicht glücklich darüber – weder über die Lüftung des Geheimnisses noch über die Aussicht, Mutter zu werden, denn sie fürchtet über ihre Karriere. Dritte im Bunde der Freundinnen über 30 ist Sophie (Anne Haug), eine Mutter, die alle Hände voll zu tun hat, ihre Tochter behüten zu lassen. Also, eine (Amanda) fürchtet die Mutterschaft, eine (Sophie) managt ihren Alltag schlecht und recht als Allerziehende, und die dritte will unbedingt ein Baby, auch weil die biologische Uhr tickt. Das sorgt für Reibereien, groteske Situationen (Speed-Dating), Beziehungskapriolen, Nachtschwärmerei und andere amouröse Turbulenzen. Auch wenn das eine oder andere klamaukig ausartet, gefällt und amüsiert die Frauenkomödie, bei der Männer meistens nur Spielball und Statisten sind. Der Zug durch die Zürcher Szene inklusive Auftritten von Beat Schlatter, Dani Fohrler, Nik Hartmann oder Reto Stalder («Der Bestatter») unterhält. Die Dialektkomödie «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei», in der auch Produzent Karpiczenko als Yoga-Instruktor einen Cameo-Auftritt hat, gehört zu den positiven Entdeckungen in diesem Schweizer Kino-Sommer. Sie besticht durch Pfiff und eine herzhafte Ensembleleistung, auch wenn Männern nur die Rolle von Hampelmänner bleibt. Frauen werden ihren Spass haben.
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Le miracle di Saint Inconnu

rbr. Komischer Heiliger. So karg, abseitig und knochentrocken wie die Wüstenlandschaft ist auch die bizarre Episode «Le miracle du Saint Inconnu» (Der unbekannte Heilige). 15 wortlose Minuten stimmen auf diese Szenerie ein. Dazu gibt es eine Vorgeschichte: Amine (Younes Bouab), der Dieb, ist auf der Flucht. Gerade gelingt es ihm noch, eine Tasche voller Geldbündel auf einem Hügel zu begraben, eh er geschnappt wird. Nach zehn Jahren Haft kehrt er an dieses Ort zurück, um seine Beute auszugraben. Doch o Schreck, über seinem Versteck wurde ein Mausoleum für einen «Unbekannten Heiligen» errichtet. Eine Pilgerstätte. Also schwer an die bewachte Fundstätte heranzukommen. Auch mit Hilfe seines unbedarften Komplizen (Salah Bensalah) scheitern Amines Versuche. Es ist ein kauziges Dorfensemble, das sich um diese Pilgerstätte schart: der alte Bauer Brahim (Mohamed Naimane), der felsenfest daran glaubt, dass bald der Regen kommt, der seit zehn Jahren ausgeblieben ist, und sein Sohn Hassan (Bouchaib Essamak), der einfach weg will, ein Wächter, dessen Hund angegriffen, verletzt und mit Goldzähnen ausgerüstet wird, und ein Frisör, der als Zahnarzt aushilft.
Der marokkanische Regisseur und Autor Alaa Eddine Aljem liefert mit seiner absurden Fabel ein Kinostück, das sich seltsam ausmacht im Kino – inmitten von Action & Crash, Hollywood-Dramen und Ballerorgien. Die komische Episode um Geld und Glauben und Hoffnung (etwa auf den Regen), Schurken und ehrliche Wüstenbewohner hat etwas von einer wüstentrockenen Burleske – dramatisch und komisch zugleich. Der Film aus Marokko steht auch für Wandlung und ein Wunder, das sich als sehr irdisch erweist, eben auf Geld gebaut.
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Les invisibles

rbr. Ausgegrenzt. Frauen in der Bredouille. Sie nennen sich Lady Di, Edith Piaf oder Brigitte Macron. Sie wurden aus der Bahn geworfen, leben ausserhalb der Gesellschaft – arbeitslos, wohnungslos, «asozial». Für die Wohlstandsgesellschaft sind sie «unsichtbar» geworden. Sie sollen nicht stören, werden ausgeblendet. Und doch gibt es sie, und es gibt Menschen, die sich um sie kümmern, sich für sie engagieren.
Louis-Julien Petit stiess auf ein Buch («Sur la route des invisibles») und eine Filmdokumentation («Femmes invisibles: survivre dans la rue» von Claire Lajeunie), welche diese Problematik behandeln. Der Filmer begnügte sich jedoch nicht mit einer adäquaten filmischen Umsetzung, sondern ging vor dem Start des Filmprojekts regelrecht auf die Strasse, besuchte Unterkünfte wohnungsloser Frauen und Tagesstätten, sprach mit Betroffenen. Sein Fazit: «Mir wurde bald klar, dass ich mich in meinem Film auf das tägliche Miteinander dieser zwei Frauengruppen konzentrieren wollte.» Und er drehte ein Sozialdrama (in Nordfrankreich) im Sinne eines Peter Cattaneo («The Full Monty») oder Ken Loach. Seine Intention: «Ich wollte mich dieser Welt durch komische und berührende Situationen nähern, ohne die dramatische Wirklichkeit aus den Augen zu verlieren.»
Die Rollen der «barmherzigen Samariterinnen», der Sozialarbeiterinnen also, besetzte Petit mit Profis wie Audrey Lamy als Audrey, Corinne Masiero als Manu, Noémie Lvovsky als Hélène, Déborah Lukumuena als Angélique und Adolpha van Meerhaeghe als Chantal. Die obdachlosen Frauen verkörperten Laien, die Wohnungslosigkeit aus eigener Erfahrung kannten. Und diese Darstellerinnen suchten sich ihre Rollennamen wie Edith Piaf etc. selber aus.
Man stelle sich vor: Das Tageszentrum «L’Envol» betreut Frauen ohne Arbeit, Obdach und Perspektiven. Drei Monate, so hat die Stadtverwaltung beschlossen, bleiben den Sozialarbeiterinnen Audrey, Manu, Hélène, und Angélique, die gestrandeten Frauen wieder aufzurichten und ins Leben zu «entlassen». Die Idealistin Audrey tut alles mit ihrem Team – über amtliche Richtlinien und Grenzen hinaus –, um ihren Schützlingen zu helfen. Dazu gehören auch Tricks und unorthodoxe Methode inklusive eines Workshops und Anfertigung eines positiven Lebenslaufs. Als infolge der Schliessung eines Obdachlosencamps die Tagesstäte auch zur Nachtstätte heisst Herberge wird, droht der Amtsschimmel, und der kennt keine Gnade.
Es ist erfrischend und berührend, dem Treiben dieser unterschiedlichen Frauen beizuwohnen. «Les invisibles» lässt tief in düstere Alltäglichkeiten blicken, ohne jedoch Mut und Lebenslust zu verlieren. Die französische, sehr authentische Tragikomödie mit Selbstironie erzählt keine oberflächliche Erfolgsstory, sondern ist eine Ode an das Leben, ein Plädoyer für Solidarität und Optimismus. Am Ende gehen die gebeutelten, ausgegrenzten Frauen stolzen Hauptes ihres Wegs. Sie, die im Abseits stehen, haben Selbstachtung und Mut wiedergefunden.
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to be continued

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Photo/Film