FRONTPAGE

«Hervorragend: Der Staat gegen Fritz Bauer»

Von Rolf Breiner

 

Am Filmfestival Locarno gewann das packende Politdrama «Der Staat gegen Fritz Bauer» überraschend den Publikumspreis (Prix du Public), dotiert mit 30 000 Franken. Der deutsche Regisseur Lars Kraume  inszenierte eindrücklich ein Stück Zeitgeschichte über den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der in den Fünfzigerjahren Naziführer vor Gericht brachte.

Bundesrepublik Deutschland 1957. Die Zeit des Aufschwungs, des Wirtschaftswunders. Es sei höchste Zeit, verkündete Bundeskanzler Konrad Adenauer, einen Strich unter die Vergangenheit zu ziehen. Die Nazi-Gräueltaten wurden ganz weit weggeschoben. Verdrängt, vergessen, fast verleugnet. Doch einer machte da nicht mit: Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, zurück aus dem dänischen Exil, wollte Naziführer vor Gericht bringen und machte (heimlich) Jagd auf den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, die zentrale Figur der Endlösung. Er war für die KZ-Transporte der Juden verantwortlich. Bauer war die treibende Kraft für die Auschwitz-Prozesse. Burghart Klaussner verkörpert diesen Einzelkämpfer im Politdrama «Der Staat gegen Fritz Bauer», inszeniert von Lars Kraume. Wir trafen Regisseur und Hauptdarsteller in Zürich vor der Schweizer Premiere.

 

 

Lars Kraume, Sie sind 42 Jahre alt. Ist das die Generation, die sich wie Giulio Ricciarelli «Im Labyrinth des Schweigens» mit der deutschen Nachkriegsgeschichte befasst und sie kritisch beschreibt?
Lars Kraume: Die Zeitzeugen sterben, und dieser Blick auf die junge Zeit der BRD hatte eigentlich im Kino nicht so recht stattgefunden. Es ist tatsächlich erstaunlich, dass gleich zwei Filme entstanden sind über die Vorgeschichte der Auschwitzprozesse. Wobei ich anfangs nichts vom Filmprojekt «Im Labyrinth des Schweigens» wusste. Ich bin auf das Buch«Heimkehr der Unerwünschten – eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945» meines Koautors Olivier Guez gestossen. Darin tauchte Fritz Bauer auf, den ich nicht kannte, obwohl ich in Frankfurt aufgewachsen bin. Ich fand ihn eine sehr interessante Figur, auch einen interessanten Weg, über den Holocaust einen Film zu machen.

 

Wie hat sich der Film entwickelt?
Zuerst haben wir ein Buch geschrieben, das komplett Fiction war. Das kam mir irgendwie komisch vor. Ich fand dann, man müsste einen Film über Fritz Bauer drehen und mit diesem Porträt einen Teil der jungen Republik erzählen. Wir haben recherchiert und das ganze Leben von Bauer betrachtet und versucht, möglichst viele Originaltöne einzubauen, zum Beispiel die Talkshow «Heute Abend Kellerklub» von 1963/64. Die Eckpunkte der Geschichte wie den Brief von Lothar Herrmann, den Kontakt zur Mossad, den Auftritt des BKA-Chefs haben wir nacherzählt und nachgestellt– so genau wie es ging.

 

Die Figur des Karl Angermann, Adlatus, rechte Hand und Freund des Generalstaatsanwalts Bauer, ist fiktiv. An ihr wird das damalige Problem der Homosexualität und des «Schwulen-Paragraphen 175» aufgehängt.
Wir wollten Bauer, dem man homosexuelle Neigungen nachgesagt hatte und aktenkundig gemacht hat, nichts anhängen, was nicht belegt werden kann. Angermann diente eben auch dazu, das Privatleben und die Einsamkeit Bauers zu zeigen.

 

Würden Sie ihn als einsamen Wolf beschreiben, der gegen den Zeitgeist und die Verdrängung kämpfte?
Genau, das ist eine gute Beschreibung. Ich glaube, dass er eine Mischung aus Hoffnung und starkem Pessimismus war. Die Anfangssequenz im Film als er in der Badewanne lag, von Schlaftabletten betäubt, war eigentlich auch sein Ende. So soll er 1968 gestorben sein. Bauer war ein getriebener Mensch, hat 18 Stunden am Tag gearbeitet und wie ein Schlot geraucht. Die einen behaupten, dass es Selbstmord war, die anderen reden von einem Mord. Insgesamt, glaube ich, wenn man alles kennt, dass sein Tod ein Unfall war.

 

Sehen Sie Bauer als Helden, als Lichtgestalt in dieser Zeit?
Total. Er ist einer der wenigen, der in jenen Jahren gegen das Nicht-Zurückschauen eintrat. Das macht ihn exemplarisch für jede andere Zeit und Gesellschaft, macht ihn zu einem individuellen Helden. Er stellte sich allein gegen den Konsens der Gesellschaft, gegen das Vergessen.

 

Wie kam denn der Schweizer Dani Levy ins Spiel?
Dani kenne ich schon lange. Er war einer der ersten Filmemacher, die ich kennenlernte. Ich musste einen Kurzfilm von Dani als Aufnahmeprüfung in die Filmhochschule (DFFB) besprechen. Ich wollte bei der israelischen Sequenz Israelis, die von Juden gespielt werden. Und Dani kennt Israel sehr gut.

 

Sie konnten in Locarno Ihren Film präsentieren und haben den Publikumspreis gewonnen.
Das war toll. Wir hatten dort die Welturaufführung auf der Piazza vor über 8000 Zuschauern, und ich meine, dieser Film muss in der Welt gezeigt werden. Locarno war perfekt. Ich habe mich auch bemüht, dass der Film nicht zu schwermütig wird, sondern bei aller Ernsthaftigkeit auch Humor besitzt. Die Aufführung war ein unvergessliches Erlebnis.

 

Und wie geht’s weiter?
Ich habe stets ganz unterschiedliche Filme gemacht – von der klassischen Komödie, über ein Sciencefiction-Fresko bis zum Politdrama jetzt. Ich mache sozusagen mit jeden Film ein neues Experiment. Ich war erstmals in Jerusalem und war beeindruckt, habe mich danach in die Kreuzzüge eingelesen und ein Treatment über den dritten Kreuzzug geschrieben, den deutschen Kreuzzug, der 1195 von Heinrich VI. gestartet, der 60 000 Soldaten in Messina versammelt hatte, aber nie aufgebrochen ist, weil Heinrich vorher gestorben ist. Das wäre so ein 80 Millionen-Dollar-Ridley-Scott-Film, aber ich glaube nicht, dass dies mein nächster Film wird. Ich drehe einiges fürs Fernsehen, im letzten Jahr habe ich drei Filme gedreht, zwei kommen ins Kino, einer im Fernsehen. Ich habe eine eigene Reihe mit Ronald Zehrfeld, der hier Bauer als Staatsanwalt Angermann unterstützt. Ronald verkörpert in der ZDF-Reihe «Dengler» nach den Romanen von Wolfgang Schorlau. Eine Folge des Politthrillers wurde im Februar ausgestrahlt, eine zweite kommt im nächsten Jahr.  Im November drehe ich einen Film vor dem Hintergrund des Ungarn-Aufstands 1956 über eine DDR-Schulklasse, die eine Schweigeminute über die Opfer in Ungarn eingelegt hat und einen Riesenärger provozierte, was zur Politisierung dieser Abiturientenklasse führte. Ein Film fürs Fernsehen mit dem Titel «Das schweigende Klassenzimmer»

 

 

Lars Kraume, Regisseur

Geboren am 24. Februar 1973 in Chieri, Italien. In Frankfurt aufgewachsen. Deutsche Film- und Fernsehakademie, Berlin (dffb), seit 1992 Filmer. 2001 Kinodebüt «Viktor Vogel». «Guten Morgen, Herr Grothe», 2007. Deutscher Fernsehpreis, Grimme-Preis 2007 Mitbegründer der Produktionsfirma  Badlands  Film (mit Jürgen Vogel), bis 2012. 2012 «Meine Schwestern». 2014 «Tatort: Der Hammer», 2015,  «Dengler – Die letzte Flucht» (ZDF, Ausstrahlung 2015), «Dengler – Am zwölften Tag» (ZDF, Ausstrahlung 2016).

 

 

 

Ein Kämpfer der Gerechtigkeit

 

Der gebürtige Berliner Burghart Klaussner (eigentlich: Klaußner) begann seine Schauspielerkarriere Anfang der Siebzigerjahre in Berlin (Schaubühne), Schiller-Theater, dann folgten Stationen in Hamburg, Frankfurt, Bochum und Zürich (Schauspielhaus). 2006 wurde er als bester Darsteller in Locarno mit dem Goldenen Leoparden für seine Rolle in «Der Mann von der Botschaft» ausgezeichnet. Er spielte einen hartherzigen Pastor in «Das weisse Band» und überzeugte als Chef des Reichkriminalamtes im Drama über den Widerstandskämpfer «Elser – Er hätte die Welt verändert». Klaussner agiert nun als fahndender Generalstaatsanwalt in Hessen: Fritz Bauer spürte den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann in Argentinien auf und weihte den israelischen Geheimdienst Mossad ein, der ihn dann entführte und vor Gericht brachte. Wir trafen Burghart Klaussner in Zürich, er kam mit Regisseur Lars Kraume aus Toronto, wo ihr Film am Filmfestival vorgestellt wurde.

 

 

Herr Klaussner, seit 45 Jahren stehen Sie auf der Bühne oder vor der Kamera. Ich habe Sie beispielsweise an dem himmlischen Liederabend «Ein Stück vom Himmel» im Berliner Renaissancetheater erlebt – mit Katja Riemann, Imoge Kogge, Max Hoppe und anderen. Was war dort Ihre schönste nachhaltigste Rolle in Zürich?
Burghart Klaussner: Ich war sieben Jahre in Zürich. Eine war gleich zu Anfang in der «Kalldewey, Farce«» von Botho Strauss. Die zweite Rolle war «Der Menschenfeind», inszeniert von Werner Düggelin. Er war dazumal mein wichtigster Regisseur. Die Stücke unter seiner Regie waren «Geschlossene Gesellschaft» von Jean-Paul Sartre und «Das Lied der Heimat» von Thomas Hürlimann. Diese Jahre zwischen 1992 und 2000 waren die schönste Theaterzeit meines Lebens.

 

Sieht man Sie wieder auf Bühnen?
Zurzeit bin ich in Dresden am Werken. Ich führe Regie und spiele die Hauptrolle, und zwar bei einer nachgestellten Gerichtsverhandlung von dem literarisch bekannt gewordenen Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, der nun sein erstes Theaterstück geschrieben hat. Es heisst «Terror» und handelt von einem Luftwaffenpilot, der eine vollbesetzte Lufthansa-Maschine abgeschossen hat, die entführt worden war und ins Münchner Olympiastadion abstürzen sollte. Ich spiele den vorsitzenden Richter, der diesen Fall verhandelt. Premiere ist am 29. Januar 2016.

 

Und wie sieht es mit musikalischen Programmen aus?
In den Neunzigerjahren habe ich mal einen Cole-Porter-Abend im Schauspielhaus gegeben. Es gibt auch einen Abend, der immer wieder auftaucht, der heisst «Zum Klaussner». So hiess die Berliner Gaststätte meiner Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern. Ich bin ja kein Gastwirt, sondern Gastgeber für darstellende Kunst. Die Reisegaststätte der bedenkenlosen Art ist «Zum Klaussner».

 

Wie sind Sie denn zum Film und Fritz Bauer gestossen?
Es gab eine Anfrage von der Produktion und Regisseur Lars Kraume. Ich kannte nur den Namen und habe dann eine Fernsehdokumentation gesehen. Fritz Bauer war immer ein leuchtender Name, schon bei meinem Studium in Berlin, weil er eben einer dieser zornigen alten Männer war, die nach dem Krieg zurückgekommen waren und sich nichts mehr gefallen lassen wollten – wie Hans Mayer, Ernst Bloch, Adorno und wie sie alle hiessen. Als ich das Material gesehen hatte, war ich fasziniert von dieser ganz eigenen Persönlichkeit. Zuerst dachte ich: Das kriege ich gar nicht hin, wie soll ich so jemanden wiedergeben. Aber dann auf einmal war es da.

 

Wenn ich es recht betrachte, wollen Sie keine Figur, keine Persönlichkeit kopieren, sondern sie aufleben lassen.
Am Anfang des Kinofilms sieht man Bauer in einem kurzen schwarzweissen Dokumentarausschnitt. Man sieht, wie sich seine Lebensreise in seinem Körperhaushalt abgebildet hat. Er war ein Mensch, der es sich nie leicht gemacht hat. Ich fand mich mit ihm verwandt.

 

Wie beschreiben Sie diese Figur, die Sie sichtbar gemacht haben, ein Mann, der gegen den Zeitgeist, gegen Verdrängen und Vergessen, ankämpfte. Ein Humanist, der eine Nation wachrütteln wollte?
Sie haben mir die Worte aus dem Mund genommen. So ist es 1 zu 1. Darum geht es, um einen Cowboy – einer gegen alle. Ein Mann, der sich viel Verzicht auferlegt hat, um sein Ziel zu verfolgen, und seine Gesundheit ruinierte. Man sieht, was es ihn kostet, Kämpfer der Gerechtigkeit zu sein. Ein Held.

 

Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit, an die Fünfzigerjahre?
Ich war 1956 ja noch ein Schulkind von sieben Jahren. Ich erinnere mich an den Geist dieser Zeit. Es gab gar keine andere Haltung in der Gesellschaft als das Vergessen. Die Vergangenheit der Dreissiger- und Vierzigerjahre war ein Geheimnis. Man hat nicht darüber geredet – ob Soldaten im Krieg oder Opfer im Konzentrationslager. Irgendetwas stimmte nicht, durfte nicht angesprochen werden, weil man vielleicht Sachen erfährt, die man nicht erfahren möchte, von denen man lieber nichts wissen will.

 

Ist die Zeit, ist die Generation jetzt reif, diese Vergangenheit auszugraben?
Wir sehen im Moment eine erstaunliche Entwicklung, die sich im Wort Willkommenskultur manifestiert. So etwas gab es in Deutschland vorher noch nicht, nämlich ein Gesinnungswandel. Er könnte daher rühren, dass wir in Deutschland seit Jahrzehnten in unsere Wunden geschaut haben, um Trauerarbeit zu leisten. Ich erfahre jetzt von jungen Leuten, die unsern Film gesehen und wahrgenommen haben, dass es mal anders war, dass es Leute wie Fritz Bauer gab, um auf diesen zivilisatorischen Stand zu kommen, um überhaupt das Gesicht der Welt wieder zeigen zu können.

 

Es geht also um die Zeit vor der Rehabilitation…
Das hat nicht die Zeit, das haben einzelne Menschen bewirkt. In frühen Jahren waren es Leute, die gesagt haben, wir müssen uns diesen Verbrechen stellen. Die Ausstellungen über die Wehrmacht, die Typographie des Terrors, das Holocaust-Denkmal und mehr liegen hinter uns, und wir wissen eigentlich nicht genau, wie wir das geschafft haben.

 

Und dazu dient auch dieser Film…
Es ist ein Heldenfilm, und wir sollten uns dringend mit Lichtgestalten wie Fritz Bauer befassen. Denn so viele haben wir nicht in der Nachkriegszeit.

 

Die jungen Leute sind also interessiert an diesem Stoff…
Ja, ausserdem besitzt der Stil der Fünfzigerjahre hohe Attraktivität. Und wie sich Form und Inhalt und Zeitläufe verbinden, interessiert die jungen Leute ungeheuer. Und sie begreifen den Übergang vom kitschigen Stil der Dreissigerjahre in die Moderne.
Und Ihre Piazza-Erfahrung in Locarno?
Wir haben den Publikumspreis geholt gegen 22 andere Filme, teilweise gegen amerikanische Blockbuster. 8000 Leute sassen auf der Piazza, waren mucksmäuschenstill, und es gab eine ungeheure Aufmerksamkeit für unsere Arbeit. Für mich war es das dritte Mal in Locarno, beim zweiten Mal habe ich den Darstellerpreis gewonnen. Locarno ist mein Schicksal, es ist das Festival, wo ich am häufigsten gewesen bin.

 

 

 

Burghart Klaussner,  Schauspieler

Geboren am 13. September 1949 in Brlin. Studium der Germanistik und Theaterwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Ab 1970 Schauspieler, Goldener Leopard 2006 als bester Darsteller in «Der Mann von der Botschaft». 2009 als Pastor in «das weisse Band, Oscar-Nomination». 2010 Deutscher Filmpreis für diesen Film als Bester Hauptdarsteller. 2012 Deutscher Theaterpreis «Der Faust» für «Tod eines Handlungsreisenden». Regie 2009 am Schauspielhaus Bochum für «Marigold».
TV- und Filmauswahl: 1989 Pilotfilm «Peter Strohm», 1996 «Rossini», 2003 «Good Bye, Lenin!», 2005 «Die Luftbrücke», 2006 «Der Mann von der Botschaft», 2008 «Der Vorleser», 2009 «Das weisse Band», 2013 «Das Adlon», 2013 «Nachtzug nach Lissabon», 2015 «Elser – Er hätte die Welt verändert», 2015 «Der Staat gegen Fritz Bauer», 2015 «Bridges of Spies – Der Unterhändler» (Regie: Steven Spielberg).

 

 

 

Der Staat gegen Fritz Bauer
rbr. Kampf gegen Vergessen und Verdrängen. Man hatte sich just so schön in der neuen Bundesrepublik Deutschland eingerichtet, lebte auf im Wirtschaftswunderland, und dann kam einer, dem das Vergangene nicht egal war, der anrührte, was man in der Gesellschaft am liebsten totgeschwiegen hätte. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, aus dem dänischen Exil heimgekehrt, spürte 1957 Naziverbrechern nach, er hatte vor allem Adolf Eichmann im Visier, den SS-Obersturmbannführer, der die Massendeportation der Juden gemanagt hatte. Aber Bauer kämpfte gegen Widerstände in den eigenen Justizreihen. Man sollte gemäss Bundeskanzler Konrad Adenauer einen Schlussstrich ziehen. Das Vergangene sollte vergangen bleiben. Doch gerade das war dem Humanisten mit jüdischen Wurzeln ein Dorn im Auge. Er misstraute den deutschen Geheimdiensten – zurecht – und suchte Kontakt zum Mossad, dem israelischen Geheimdienst, nachdem er durch Mittelsmänner Eichmann in Argentinien aufgespürt hatte. Der Nazi-Manager wurde nach Israel entführt, 1961 verurteilt und im Mai 1962 hingerichtet. Erst nach Bauers Tod wurde öffentlich, dass dieser wesentlich zur Jagd auf Eichmann beigetragen hatte. Wäre das vorher bekannt geworden, hätten ihm diese Aktivitäten den Kopf als Generalstaatsanwalt gekostet. – Soweit der historische Hintergrund zum Spielfilm «Der Staat gegen Fritz Bauer» von Lars Kraume. Er konzentriert sich bewusst auf die Zeit um 1957. Bauer liegt in der Badewanne, so der Beginn des Films. Ein Selbstmordversuch? BKA-Mitarbeiter Paul Gebhardt (Jörg Schüttauf) und Oberstaatsanwalt Ulrich Kreidler (Sebastian Blomberg) würden diesen Fall gern ausschlachten, um den unbequemen Rechtsritter los zu werden – wegen Untragbarkeit im Amt. Doch damit wecken sie bei Bauer erst recht Widerstandskräfte. Deckung erhält er vom befreundeten Ministerpräsidenten (Götz Schubert) und Hilfe vom jungen Staatsanwalt Karl Angermann (Ronald Zehrfeld). Der stellt sich nach einigem Zögern auf seine Seite, obwohl er damit seine Karriere gefährdet. Tatsächlich verdichten sich die Hinweise, dass Eichmann sich in Buenos Aires aufhält. Bauer sucht die Unterstützung des Mossad, weil er fürchtet, die deutschen Geheimdienste (BKA, BND, Verfassungsschutz) würden eine Festnahme Eichmanns sabotieren, um einen Prozess zu verhindern. – Ein spannender Blick zurück: Gewiss baut Kraume in seinem Polit- und Menschendrama gewisse Thrillerelemente ein, doch im Kern ist sein Film geradezu ein dokumentarisches Zeitbild, das die Stimmung der Gesellschaft und die Haltung des Justizapparats in den Fünfzigerjahren widerspiegelt. Dazu gehört auch die Affäre, welche Angermann, eine fiktive Figur, mit der Nachtklubsängerin Victoria (Lilith Stangenberg) beginnt, die sich als Mann entpuppt. Solche homosexuelle Beziehung war 1957 strafbar (Paragraph 175) und wird vom Geheimdienstler Gebhardt als Druckmittel gegen Angermann eingesetzt. Auch Bauer soll tatsächlich im dänischen Exil homosexuelle Beziehungen gepflegt haben. – Kraumer gelingt es dank seines Helden, einen wesentlichen Geschichtsabschnitt der BRD aufzuschlüsseln und deutlich zu machen. Ohne Bauer keine Auschwitz-Prozesse, ohne Bauer keine Rehabilitation der Widerstandskämpfer wie Stauffenberg, ohne Bauer keine Geschichtsbewältigung – und ohne Burghart Klaussner keinen Bauer in diesem Film, der diesen zornigen alten Mann und Ritter der Gerechtigkeit in Gestus und Haltung fulminant verkörpert.
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«Schellen-Ursli: Eine bekannte Geschichte neu erzählen»

Filmer Xavier Koller zum Kinderbuchklassiker «Schellen-Ursli»

 

Von Rolf Breiner

 

Das Buch hat Weltkarriere gemacht, hat Kinder- und Erwachsenenherzen vom Engadin bis China oder Japan bewegt. Der Klassiker «Schellen-Ursli», getextet von Selina Chönz, illustriert von Alois Carigiet, hat der Innerschweizer Xavier Koller («Die Schwarzen Brüder», «Die Reise der Hoffnung») verfilmt.

 

Vor 70 Jahren erschien das Bilderbuch «Schellen-Ursli», das nicht nur eine unglaubliche Weltkarriere machte (übersetzt in 14 Sprachen), sondern auch das Bild der Schweiz, sprich des Engadins, weltweit prägte. Das Bild des Brauchtums (Chalandamarz) wurde selten so nachhaltig visualisiert wie in diesem Bilderbuchklassiker. Das ist vor allem dem Bündner Grafiker, Zeichner und Maler Alois Carigirt zu verdanken, dem im Schweizer Landesmuseum eine Ausstellung gewidmet ist (Zürich bis 3. Januar 2016). Der Schwyzer Xavier Koller hat sich des Bündner Buben angenommen und auf die Leinwand gebracht. Ursli, eigentlich Uorsin, fühlte sich in seinem Stolz getroffen und wollte kein «Schellen-Ursli» sein. Wir trafen den Filmer Koller, Pendler zwischen der Schweiz und Kalifornien, in Zürich zu einem ausgiebigen Gespräch.

 

Das Buch kam vor 70 Jahren heraus. Wann hast du mit dem «Schellen-Ursli» Bekanntschaft gemacht?

Xavier Koller: Wann ich genau es gelesen habe – ich bin Jahrgang 1944 – weiss ich nicht mehr, es war in meiner Kindheit. Es gehörte zur Ausstattung im Elternhaus wie auch «Globi» usw. Als Junge habe ich eigentlich wenig gelesen, mein Bruder hat mir immer vorgelesen.

 

 

Wann und wie bist du zum Filmprojekt gestossen?

Vor vier Jahren hat man mich mal angefragt, aber dann dauerte es Jahre. Im März 2014 war das Filmprojekt noch abgesagt worden, weil die Finanzierung nicht zustande gekommen war, bis dann der Kanton Graubünden eingestiegen ist. Er hat das Projekt quasi vorm Ertrinken gerettet. Dann hat man mir den Auftrag gegeben, das Buch neu zu schreiben und die Produktion vorzubereiten.

 

 

Wieweit warst du selber eingebunden in Sachen Location und Besetzung?

Gänzlich. Wir haben beispielsweise das Dörfchen Sur En, gegenüber von Ardez auf der Schattenseite, ausgesucht. Natürlich mussten wir auch im Dorf bauen und haben dann das Maiensäss errichten. Guarda kam nicht in Frage, dort wo Carigiet zeitweise zwecks Motivstudie gewohnt hatte.

 

Glückliche Fügung? Im Landesmuseum Zürich ist die Ausstellung «Alois Carigiet – Kunst, Grafik & Schellen-Ursli» eingerichtet worden – mit einem Spezialraum über die Dreharbeiten zu deinem Film.

Reiner Zufall. Diese Einbindung hat sich ganz natürlich ergeben.

 

Das hilft sicher euerm Film.

Ich hoffe sehr. Ich weiss nicht, wie viele Leute ins Landesmuseum gehen und Carigiet anschauen.

 

 

Die Vorlage mit Reimen von Selina Chönz und Zeichnungen von Alois Carigiet – war sie mehr Belastung oder Anregung?

Ich habe keine Berührungsängste und bin in der Vergangenheit immer respektlos umgegangen mit Literatur. Im Buch finden sich Bilder, die zur Ikone geworden sind wie beispielsweise die Heimkehr mit der Glocke. Gewisse Elemente haben wir behalten, nachgestellt. Solche Berührungspunkte habe ich eingebaut, teilweise als ironische Referenz. Das Buch war sicher Inspiration, aber wir leugnen nicht, dass der Film eine eigene Geschichte erzählt.

 

 

Ihr habt neuen Figuren und Ereignisse hinzugefügt – wie das Mädchen Seraina, den Kaufmann/Bürgermeister und sein Sohn Roman, einen Wolf und eine Lawine – und habt die ursprüngliche Geschichte erheblich dramatisiert.

Hinter jeder Ikone/Bild steckt eine Person, eine Geschichte. Man kann solch eine Geschichte erfinden, um der Person Charakter zu geben, damit die Figur zu einem Charakter wird. Dann braucht eine Geschichte dramatische Bogen und Höhepunkte, Spannungselemente – und – ja – Humor, um unterhaltend zu sein. Das haben wir versucht.

 

 

Es gibt lustige und spannende Momente im Film und eine Botschaft.

Die Frage ist: Wie kannst du Werte übermitteln, ohne auf Werten zu pochen. In einer Komödie hast du mehr Toleranz als in einem Drama. Du kannst Ironie, Spitzbübigkeit einbauen. Das hatte ich im Sinn.

 

Haben wir es mit einem Lausbuben-Abenteuer zu tun?

Kann man so sagen. Kinder müssen immer überrascht werden, um ihre Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten.

 

Die Geschichte ist weitgehend bekannt. Kann man sich als Zuschauer davon befreien?

Man kann die Geschichte neu erleben, der Film hat ja eine eigene Identität und ist ein anderes Medium.

 

 

Funktioniert der Film in der heutigen Kinolandschaft?

Es ist ein Märchen. Man will es sehen oder nicht. Vielleicht treffen wir einen Nerv. Es ist ein Familienfilm.

 

Eine Produktion aus der Schweiz für die Schweiz. Der Film hat 5,6 Millionen Franken gekostet. Ist es eher Zufall, dass du dich nach den «Schwarzen Brüdern» wieder mit einer Literaturverfilmung befasst hast?

Ja, denn beide Projekte sind nicht ursprünglich von mir.

 

 

Gibt es spürbares Heimatgefühl, wenn du aus Kalifornien wieder in die Schweiz kommst?

Heimatgefühl kenne ich nicht. Ich fühle mich dort zuhause, wo ich gerade bin, also in der Schweiz oder in den USA. Für mich ist Heimat nicht an einen Ort gebunden. Mir schlägt das Herz nicht höher, wenn ich die Schweizer Fahne oder irgendeine Fahne sehe.

 

Nach der «Ursli»-Reise in der Schweiz geht’s wieder nach Kalifornien. Welche Projekte stehen an?

Es gibt Verschiedenes. Ich hoffe, ich werde im nächsten Jahr wieder in Europa drehen. Wahrscheinlich einen Western. Ausserdem habe ich die Rechte an einem englischen Roman gekauft und arbeite mit der Autorin am Drehbuch. Diese Komödie soll eine Frau inszenieren, ich selber werde sie allenfalls produzieren.

 

 

 

Alois Carigiet

rbr. Die Wende kam 1945. Dabei hatte sich der Bündner Alois Carigiet, geboren am 30. August 1902 in Trun, schwer getan und gezögert, die gereimte Geschichte von Selina Chönz zu illustrieren. Seine Bilder zur Geschichte des «Schellen-Ursli» wurden zu Ikonen. Uorsin, der Bergbub aus dem Engadin wollte sich beim Frühlingsfest «Chalandamarz» nicht mit ärmlichen Schellen begnügen, sondern mit einer tollen Glocke aufwarten. Das Buch ging um die Welt, und der Grafiker Carigiet wurde zu einer Berühmtheit. Der Mann aus der rätoromanischen Schweiz hatte zuvor sein Brot als Grafiker, Bühnenbildner, Plakatkünstler verdient, und das erfolgreich. Er war Mitbegründer 1933 des Cabaret Cornichon, kreierte Plakate, Bühnenbilder, Prospektes und schuf das offizielle Plakat und Wandbild für die Landesausstellung 1939. Nach dem «Schellen-Ursli» widmete er sich fast gänzlich der Malerei und schuf u.a. Wandbilder im Muraltengut, Zürich, in Solothurn, Biel und Richterswil. 1956 führte er Fassadenmalerei am Haus «Schwarzer Adler» in Stein am Rhein durch.
Weitere Bilderbücher erscheinen: «Florina und das Wildvöglein» (1952, Text von Selina Chönz), «Zottel, Zick und Zwerg» (1965, eigener Text), «Birke, Birnbaum, Berberitze» (1966, eigener Text). Alois Carigiet starb am 1. August 1985 in Trun.

 

Anlässlich seines 30. Todestages wurde im Landesmuseum, Zürich, die Sonderausstellung «Alois Carigiert» eingerichtet (bis 3. Januar 2016). Zu sehen sind Bilder, Illustrationen, Dokumente, Plakate, Interviews, Briefe, TV-Aufnahmen, Kleidung, Wohnmöbel und mehr. Ein Raum ist der Verfilmung des «Schellen-Ursli» durch Xavier Koller vorbehalten.

 

 

 

Schellen-Ursli
rbr. Im Stolz getroffen. Vor 70 Jahren erschien das Buch, das zum Klassiker wurde: «Schellen-Ursli» von Selina Chönz (Text) und Alois Carigiet (Bilder). Erzählt wird die Geschichte des Bündner Bergbuben Uorsin, Ursli genannt, der aufbegehrte, weil er beim Chalandamarz statt einer Glocke Schellen tragen sollte. Die Geschichte in Versen diente dem Schwyzer Filmer Xavier Koller («Die Schwarzen Brüder», «Reise der Hoffnung») als Basis für sein Kinoabenteuer. Da geht es denn auch weit dramatischer und krimineller zu als in der Originalvorlage. Urslis Familie (Tonia Maria Zindel und Marcus Signer, «Der Goalie bin ig») gerät infolge eines Unfalls in Notlage, die der gerissene Kaufmann Armon (Leonardo Nigro) gewissenslos ausnutzt und seinem Söhnlein Ramon (Laurin Michael) die grösste Glocke, nämlich Urslis Glocke, verschafft. Das will der gehänselte, im Stolz getroffene Bub nicht auf sich sitzen lassen und kämpft gegen Wintersturm und Lawine, um die Glocke seines Vaters aus dem Maiensäss zu holen. Diese Vorfälle wie auch Geschichte um einen Wolf, das geliebte Zicklein Zilla und Freundin Seraina (Julia Jeker) sind Zutaten und erhöhen die Spannung, dürften ein junges Kinopublikum zusätzlich fesseln. Kollers Verfilmung wirkt durchaus authentisch, bleibt im Bündnerischen verwurzelt, wenn auch sprachlich einige Kompromisse geschlossen werden. Die drei Kinderdarsteller (Jonas Hartmann als Ursli, Laurin Michael und Julia Jeker) stammen aus dem Bündnerland, gedreht wurde im Engadin (Sur En bei Ardez) und der Bündner Liedermacher Linard Bardill steuerte den Titelsong bei. Ein Familienfilm, der Mut macht und unterhält – herzig und heimelig.
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Schweizer Doppelsieg beim Film Contest ZFF

 

Schweizer Beiträge gewinnen gleich beide Preise beim diesjährigen zweiten Film Contest ZFF 72. Der von einer Fachjury vergebene und mit CHF 5000 dotierte Jury Award geht an STEPS (UNE HISTOIRE COMME LES AUTRES) von Jason Sereftug, Kevin Personeni und Danilo Neto aus der Romandie. Den vom Publikum bestimmten und mit CHF 4000 dotierten Viewers Award gewinnt MEIN ERSTES MAL / NICHT MEIN LETZTES MAL von Silvan Giger und Zoë Pastelle aus der Deutschschweiz.

Die Aufgabe der Teilnehmenden bestand darin, zum Thema „Mein erstes Mal“ innerhalb von 72 Stunden einen maximal 72 Sekunden langen Clip zu produzieren. Einreichungen gab es aus insgesamt 22 Ländern, darunter der Schweiz, Deutschland und Österreich, aber auch etwa aus Polen, Rumänien, Brasilien, Peru, den USA und Iran. Im 72-stündigen Voting-Zeitraum wurde die Seite 72.zff.com 488’000 Mal aufgerufen und verzeichnete knapp 93’000 Nutzer. Insgesamt wurden über 27’000 Votes abgegeben.

Die eingesandten Arbeiten wurden einerseits von einer Fachjury bewertet, andererseits von der weltweiten Online-Community. Der Wettbewerb will Filmbegeisterte aller Art inspirieren und zu kreativen Höchstleistungen animieren.

Die eingereichten maximal 72-sekündigen Clips, die entweder Teaser oder Pilotbeiträge des zukünftigen YouTube Kanals sein konnten, werden in einer Videogalerie gesammelt und sind auf zff72.com zu sehen. Während das Thema «Mein erstes Mal» fix vorgegeben war, konnten die Teilnehmenden das Genre ihres Beitrags frei wählen.

Die beiden Gewinner sowie neun weitere von der Jury bestimmte Kandidaten erhalten nun die Möglichkeit, den YouTube Space Berlin zu besuchen. Die Fachjury, welche die Einreichungen bewertete, bestand aus Regisseur Michael Steiner, YouTuber und Filmemacher Sawyer Hartman und dem ZHdK-Dozenten Nico Lypitkas.

Der Film Contest ZFF 72 wurde in Partnerschaft mit Credit Suisse Viva, in Zusammenarbeit mit YouTube und mit Unterstützung vom Bundesamt für Kultur durchgeführt.

STEPS (UNE HISTOIRE COMME LES AUTRES), den Gewinnerfilm des Jury Award, können Sie unter http://72.zff.com/de/2015/970/ anschauen.

MEIN ERSTES MAL / NICHT MEIN LETZTES MAL, den Gewinnerfilm des Viewers Award, können Sie unter http://72.zff.com/de/2015/982/ anschauen.

 

Die Preise des 11. Zurich Film Festival


Hauptpreise gehen an Island, Mexiko und Österreich. 
Kritikerpreise an die Schweiz und Spanien
. Publikumspreise an die Schweiz und Estland

 

Die Hauptjurys der drei Wettbewerbe des 11. Zurich Film Festival vergeben ihre Goldenen Augen an HRÚTAR von Grimur Hakonarson aus Island (Internationaler Spielfilm), LOS REYES DEL PUEBLO QUE NO EXISTE von Betzabé García aus Mexiko (Internationaler Dokumentarfilm) und THANK YOU FOR BOMBING von Barbara Eder aus Österreich (Fokus: Schweiz, Deutschland, Österreich). Die Preise in den beiden Internationalen Wettbewerben sind mit je 25’000 Franken, der Preis im Wettbewerb Fokus: Schweiz, Deutschland, Österreich ist mit 20’000 Franken dotiert.

 

Der Förderpreis für einen Schweizer Film geht an THE MIRACLE OF TEKIR von Ruxandra Zenide (Schweiz) und der Kritikerpreis an PIKADERO von Ben Sharrock (Spanien). Den Publikumspreis erhält AMATEUR TEENS von Niklaus Hilber (Schweiz) und den Publikumspreis der Sektion ZFF für Kinder vergeben die jungen Zuschauer an SUPILINNA SALASELTS von Margus Paju (Estland).

 

Preise Internationaler Spielfilmwettbewerb

Jury:
Elizabeth Karlsen (Jurypräsidentin) / Produzentin / Grossbritannien
Yann Demange / Regisseur / Grossbritannien
Rosa Attab / Produzentin / Frankreich
Maria Furtwängler / Schauspielerin / Deutschland
Katja von Garnier / Regisseurin / Deutschland

 

Das Goldene Auge des 11. Zurich Film Festival für den besten Film im Internationalen Spielfilmwettbewerb geht an:
HRÚTAR von Grimur Hakonarson (Island, Dänemark)
Besondere Erwähnungen gehen an:
Koudous Seihon (Darsteller) in MEDITERRANEA von Jonas Carpignano (Italien, Frankreich, USA, Deutschland, Katar)
Marielle Heller (Regie) für THE DIARY OF A TEENAGE GIRL (USA)

 

 

Preise Internationaler Dokumentarfilmwettbewerb

Jury:
Catherine Dussart (Jurypräsidentin) / Produzentin / Frankreich
Abbas Fahdel / Regisseur / Frankreich
Joelle Alexis / Cutterin / BelgienAlexander Nanau / Regisseur / Deutschland
Havana Marking / Regisseurin, Produzentin / Grossbritannien

 

Das Goldene Auge des 11. Zurich Film Festival für den besten Film im Internationalen Dokumentarfilmwettbewerb geht an:
LOS REYES DEL PUEBLO QUE NO EXISTE von Betzabé García (Mexiko)
Eine Besondere Erwähnung geht an:
KILLING TIME – ENTRE DEUX FRONTS von Lydie Wisshaupt-Claudel (Belgien, Frankreich)

 

 

Fokus: Schweiz, Deutschland, Österreich

Jury:
Nico Hofmann (Jurypräsident) / Produzent / Deutschland
Anika Decker / Drehbuchautorin und Regisseurin / Deutschland
Alexander Fehling / Schauspieler / Deutschland
Birgit Minichmayr / Schauspielerin / Österreich
Nick Brandestini / Regisseur / Schweiz

 

Das Goldene Auge des 11. Zurich Film Festival für den besten Film im Wettbewerb Fokus: Schweiz, Deutschland, Österreich geht an:
THANK YOU FOR BOMBING von Barbara Eder (Österreich)
Eine Besondere Erwähnung geht an:
GRUBER GEHT von Marie Kreutzer (Österreich)

 

 

Förderpreis

Jury:
Miriam Bale / Filmkritikerin / USA
Mariane Morisawa / Filmkritikern / Brasilien
Angelika Kettelhack / Filmkritikerin / Deutschland

 

 

Der Förderpreis an den besten Schweizer Film im ganzen Programm geht an:
THE MIRACLE OF TEKIR von Ruxandra Zenide (Schweiz/Rumänien)

 

 

Kritikerpreis

Jury:
Flavia Giorgetta / Filmkritikerin / Schweiz
Marco Zucchi / Filmkritiker / Schweiz
Peter Holdener / Filmkritiker / Schweiz

 

 

Die Filmkritiker vom Schweizerischen Verband der Filmjournalistinnen und Filmjournalisten (SVFJ) vergeben den Preis für den besten Erstlings-Spielfilm in den Wettbewerben an:
PIKADERO von Ben Sharrock (Spanien, Grossbritannien)

 

 

Publikumspreis

Der Publikumspreis an einen Film in einem der drei Wettbewerbe, den die Zuschauer und Zuschauerinnen durch Stimmkarten in den Kinos bestimmen konnten, geht an:
AMATEUR TEENS von Niklaus Hilber (Schweiz)

 

 

Publikumspreis Kinderfilme

Der Publikumspreis für einen Film der Sektion ZFF für Kinder, den die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer durch Stimmkarten in den Kinos bestimmen konnten, geht an:
SUPILINNA SALASELTS von Margus Paju (Estland)

 

 

Treatment-Wettbewerb

Jury:
Urs Fitze (Jurypräsident, SRF)
Philippe van Doornick (Telepool)
Martin Suter (Schriftsteller)

 

Der Preis für das beste Treatment geht an:
Stefanie Klemm für das Projekt RENATAS ERWACHEN (Schweiz)
Sie erhält 5000 Franken als Preissumme sowie 25’000 Franken für die Drehbuchentwicklung.

 

Schlussbouquet 11. Zurich Film Festival ZFF 2015

 

Mit rund 85’000 Besucherinnen und Besuchern (Vorjahr: 79’000) konnte das ZFF seine Zuschauerzahl erneut um rund 7.5% steigern. Mit 161 Filmen (Vorjahr: 145), rund 460 Gästen (Vorjahr: 450) aus aller Welt und einem Budget von CHF 7,1 Mio. (Vorjahr 6,9) ist das ZFF erneut gewachsen.

 

 “Wir sind sehr zufrieden mit der diesjährigen elften Festivalausgabe. Wir hatten in jedem Sinn elf strahlende sonnige Festivaltage. Dank einem zusätzlichen Festivalkino, dem etwas umfangreicheren Filmprogramm und vielen ausverkauften Vorstellungen konnten wir die Zuschauerzahlen erneut steigern“, freuen sich die Festivaldirektoren Nadja Schildknecht und Karl Spoerri. „Mit den insgesamt 85’000 Besucherinnen und Besuchern werden unsere Erwartungen deutlich übertroffen.“

„Mit unseren Wettbewerbsprogrammen mit jungem Kino sehen wir uns auf dem richtigen Weg“, bilanziert Programmdirektor Karl Spoerri. „Wir zeigen Arbeiten, die eine eigene künstlerische Handschrift besitzen und zugleich aktuelle politische Themen auf die Leinwand bringen. Die Goldenen Augen für engagierte Filme wie HRÚTAR, LOS REYES DEL PUEBLO QUE NO EXISTE und THANK YOU FOR BOMBING, aber auch die Preise für die Schweizer Filme THE MIRACLE OF TEKIR und AMATEUR TEENS zeigen, dass unser Programm am Puls der Zeit ist“, so Spoerri.

 

Mike Leigh und Arnold Schwarzenegger 

 

An der Award Night sind am Samstagabend im Opernhaus Zürich die Preise an die verschiedenen Gewinnerfilme des diesjährigen ZFF vergeben worden. Die Goldenen Augen in den drei Wettbewerben gingen an junge engagierte Filme aus Island, Mexiko und Österreich, die Kritikerpreise an die Schweiz und Spanien, und die beiden Publikumspreise an die Schweiz und Estland.

Höhepunkt des Abends war die Verleihung des A Tribute to… Award an Filmregisseur Mike Leigh, der dem weltweiten Kinopublikum mit Filmen wie HIGH HOPES (1988), SECRETS AND LIES (1996), VERA DRAKE (2004) und zuletzt MR. TURNER (2014) bekannt geworden ist. Leigh betonte in seiner bewegenden Dankesrede, dass Kino ein „gemeinsamer Prozess“ sei, und dass seine Mitarbeiter und Schauspieler für ihn immer wie eine Familie seien.

 

Am letzten Mittwoch war der österreichisch-amerikanische Filmschauspieler Arnold Schwarzenegger mit dem diesjährigen Golden Icon Award ausgezeichnet worden, was für den grössten Publikumshype am diesjährigen ZFF sorgte. Der Schauspieler, Politiker und Umweltaktivist nahm sich viel Zeit für seine Fans, plauderte in einer öffentlichen Conversation angeregt über Leben und Karriere und verabschiedete sich mit seinem berühmten „I’ll be back!“

 

Mit Armin Mueller-Stahl (Lifetime Achievement Award), Steve Golin (Career Achievement Award) sowie Kiefer Sutherland und Liam Hemsworth (Golden Eye Award) ehrte das ZFF weitere Grössen des Kinos. Aber auch Regisseure des Weltkinos wie Alejandro Amenábar, Anton Corbijn, Todd Haynes, Jean-Jacques Annaud und Stephen Frears sowie Schauspielstars wie Christoph Waltz, Jeremy Irons, Joseph Fiennes, Ellen Page oder Maria Furtwängler gaben sich am ZFF mit ihren neuen Produktionen die Ehre.

 

Publikumspreis an AMATEUR TEENS

 

Die Jurys der drei Wettbewerbe vergaben ihre Goldenen Augen an das Spielfilm-Drama HRÚTAR von Grimur Hakonarson aus Island, den Erstlings-Dokumentarfilm LOS REYES DEL PUEBLO QUE NO EXISTE der Mexikanerin Betzabé García und an den österreichischen Spielfilm THANK YOU FOR BOMBING von Barbara Eder. Der Förderpreis für einen Schweizer Film ging an den Spielfilm THE MIRACLE OF TEKIR von Ruxandra Zenide und der Kritikerpreis an den Erstlings-Spielfilm PIKADERO von Ben Sharrock. Den Publikumspreis schliesslich erhielt der Zürcher Niklaus Hilber für seinen Spielfilm AMATEUR TEENS.

Das 12. Zurich Film Festival findet von Donnerstag, 22. September bis Sonntag, 2. Oktober 2016 statt.

 

I.I. Die „goldenen Augen“ sind wieder aus Zürich verschwunden, aber die vielfältigen Impressionen werden bleiben, vom Sechseläutenplatz mit dem Festzelt des Zurich Film Festivals mit Stars und Sternchen auf den grünen Teppichen – warum nicht mal blaue Teppiche, zu Zürich und dem See passend? – und vor allem der exquisiten Auswahl besonderer Filme.
Nachstehend fünf Filme ausser Konkurrenz, die mir besonders gefallen haben, wie die Gala Premiere der Literaturverfilmung «The End of the Tour» im Kino Arena, ein Road-Trip über den gefeierten Schriftsteller David Foster Wallace, der 1996 seinen Roman «Infinite Jest” (Unendlicher Spass) veröffentlicht hatte. Auf einer Promotionstour wird er fünf Tage vom „Rolling Stone“-Journalisten David Lipsky begleitet, der das Interview mit dem unkonventionellen Foster Wallace aber nie veröffentlichte und erst 2010 zwei Jahre nach Wallace’ Freitod darüber ein Buch schrieb, das nun die Basis für den Film darstellt. Die Dialoge im Biopic mit Jesse Eisenberg als Lipsky und Jason Segel als Foster Wallace sind einmalige Höhepunkte der gelungenen amerikanischen Literaturverfilmung in der Regie von James Ponsoldt.

 

Als Special Screening und Europapremiere wurde das britische Dok-Porträt «Listen to me Marlon» im Kino Corso in der Regie von Stevan Riley gezeigt. Marlon Brando zählt mit seinen unvergessenen Rollen in „Endstation Sehnsucht“ oder „Der Pate“ wie auch „Letzter Tango in Paris“, aber auch aufgrund seines „Method Acting“ zu den bedeutendsten Darstellern des 20. Jahrhunderts. Filmemacher Stevan Riley hat von Brando selbst aufgenommene Tonmitschnitte mit Archivmaterial seiner Filme gemischt. Brando also über Brando! Und der empfindsame Mime gibt mehr von sich und seiner Lebenshaltung preis, als wir je zuvor über ihn erfahren haben, der im Grunde ein publikumsscheuer Mensch war. Ein fesselndes Porträt über eine intensive und hochemotionale Lebensreise. Es ist zu hoffen, dass diese Filme in der Schweiz einen Filmverleih finden.

 

Zu den besonderen Filmen, ausser Konkurrenz gezeigt, gehört auch Freeheld», die wahre Liebes- und Lebensgeschichte des lesbischen Paares Hester und Andrée, das vor rund zehn Jahren für eine Gleichberechtigung kämpfte, die erst im Juni 2015 in den USA anerkannt wurde. Mit der wunderbaren Julianne Moore und Ellen Page in der Regie von Peter Sollett, USA. Ellen Page kam für die Premiere ans Zurich Film Festival.

 

Als Weltpremiere war «Die dunkle Seite des Mondes» nach dem Roman von Martin Suter im Corso zu sehen, ein Thriller in der Regie des deutschen Regisseurs Stephan Rick, mit u.a. Moritz Bleibtreu und Jürgen Prochnow. Ein Wirtschaftsanwalt als Aussteiger, der sich auf dem schmalen Grat zwischen Normalität und Wahnsinn bewegt.

 

Ebenfalls als Thriller angelegt und ausser Konkurrenz lief «Colonia» als Europapremiere des deutschen, oscarprämierten Regisseurs Florian Gallenberger, mit u.a. Emma Watson, Daniel Brühl. Mitten im Militärputsch gegen den chilenischen Präsidenten Salvador Allende geraten Lena und ihr Freund in die Fänge von Pinochets Geheimpolizei. Während Lena wieder entlassen wird, kommt Daniel in das abgeschottete Gefangenenlager „Colonia Dignidad“ im Süden Chiles unter der Führung des zwielichtigen Laienpredigers Paul Schäfer. Die Sekte arbeitet mit Pinochet zusammen und lässt politische Gefangene dort foltern und töten. Lena schliesst sich der Sekte an und gemeinsam gelingt ihnen die Flucht, der hochspannende Politthriller basiert auf einer wahren Begebenheit. Paul Schäfer wurde erst im Mai 2006 von einem chilenischen Gericht des Missbrauchs von Kindern für schuldig befunden und zu einer Haftstrafe von 20 Jahren verurteilt. 2010 starb er in Santiago de Chile.

 

 

 

Filmtipps

 

Life
I.I. Der Film «Life» kommt als Hommage zum 60. Todestag von James Byron Dean (8. Februar 1931 in Marion, Indiana – 30. September 1955 in Cholame, Kalifornien) im Oktober in die Kinos. Regisseur Anton Corbijn (*1955) erzählt von der Begegnung und kurzen Freundschaft zwischen Dean (Dane DeHaan) und dem Magnum-Fotografen Dennis Stock (Robert Pattinson). Der Beginn des Films in der Dunkelkammer lässt schon hier den Regisseur Anton Cobijn selbst als ambitionierten Fotografen erkennen. Mit Star-Fotografien von Roten Teppichen der Hollywood-Traumfabrik sucht Stock bei seinem Boss John Morris (Joel Edgerton) lukrative Aufträge. Auf einer Party des Filmregisseurs Nicholas Ray 1955 in Los Angeles, Regisseur des Films «Rebell without a cause», lernt der junge ambitionierte Fotograf James Dean kennen, dessen coole und laszive Haltung wie ein Magnet auf die Umgebung wirkt. Stock ist sofort fasziniert vom jungen Schauspieler, dessen Premiere als Hauptdarsteller in «Jenseits von Eden» nach John Steinbecks Roman, verfilmt von Starregisseur Elia Kazan, kurz bevorsteht. Beeindruckt vom Charisma des aufstrebenden Schauspielers, überzeugt er das Magazin «LIFE» von einer Fotosession, da Dean das Image einer rebellischen neuen Jugendbewegung verkörpere. Eine Fotostrecke mit dem Nachwuchsstar soll Stock seinerseits zu einem Karrieresprung verhelfen und so begleitet er Dean beruflich und privat mit der Kamera, wie zu Events mit Pier Angeli oder Eartha Kitt. Doch die Zusammenarbeit mit dem exzentrischen Mimen erweist sich als schwierig und das LIFE-Magazine drängt auf die Fertigstellung des Fotoessays.Bei strömendem Regen fotografiert Dennis Stock James Dean mit hochgeschlagenem Mantelkragen und lässiger Zigarette im Mundwinkel auf dem Times Square, ein Foto, das Kultstatus erlangte. Dean nimmt den Fotografen vor der Premiere von «East of Eden» mit nach Indiana zu seinen Verwandten in Fairmount auf die Farm, wo er nach dem frühen Tod seiner Mutter aufwuchs. Dort entstehen die legendären Aufnahmen, die Dean an vertrauten Plätzen, versunken in seine Melancholie und Erinnerungen, zeigen. An einem Abschluss-Ball in seiner Highschool in Fairmount, wo die beiden eingeladen sind, hält Dean eine symbolträchtige Ansprache, das Leben wertzuschätzen und im Moment zu leben; dann bringt er mit dem Trommeln auf seiner geliebten Conga mit der Band und dem Elvis-Song ‘Such a night’ gehörig Drive in den Abend. Der junge Schauspieler Dane DeHaan verblüfft in atmosphärischer Dichte mit der Ähnlichkeit in Haltung und Gestik James Deans. – Sieben Monate später verunglückte der Schauspieler mit 24 Jahren tödlich in seinem Porsche 550 in Kalifornien. Für  «Rebel without a Cause» und «Giganten» wurde der charismatische Star postum mit zwei Oscarnominierungen als «Bester Hauptdarsteller» ausgezeichnet.  – Zum Film ist auch ein neuer Bildband über Dennis Stock (24. Juli 1928 in New York – 11. Januar 2010 in Florida) erschienen: Dennis Stock, «Time ist on your side», mit einem Vorwort von Anton Corbijn und einem Essay der Fotohistorikerin Carole Naggar,  Prestel Verlag München, 2015, CHF 69, englisch. Der grossformatige Fotoband enthält auch die legendären Aufnahmen von Dennis Stock aus New York und Indiana, die im Film «Life» zu sehen sind.

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Carol
I.I. Die neunzehnjährige Therese Believet möchte Fotografin werden und jobbt als Aushilfe zur Weihnachtszeit in einem geschäftigen Kaufhaus in New York. Die elegante und wohlhabende Carol Aird (Cate Blanchett) ist auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für ihre Tochter, wo ihr im Kaufhaus die junge, attraktive Verkäuferin (Rooney Mara) ins Auge fällt und es knistert sofort zwischen den beiden Frauen. Carol lässt ihre Handschuhe auf dem Verkaufstisch liegen, die Therese ihr mit dem Geschenk nachsenden lässt, was Carol veranlasst, sie zum Dank zum Mittagessen einzuladen. Die Atmosphäre im New York der 50er Jahre ist perfekt eingefangen, mit Oldmobiles und stilvollen Interieurs der Restaurants. Die Begegnung mit Carol gibt Thereses Leben eine neue Wendung, ihren Freund Richard, der auf eine Reise nach Europa und eine spätere Heirat drängt, lässt sie abblitzen. Als  Carols eifersüchtige Ehemann (Jake Lary) Carols von der ungewöhnlich engen Freundschaft seiner Frau zu Therese Wind bekommt, droht er ihr, das Sorgerecht für ihre Tochter zu entziehen. Therese und Carol brechen zusammen zu einer Reise auf, einem Roadmovie, wo sie bespitzelt werden und feststellen müssen, dass eine Konfrontation mit ihren Gefühlen, ihrer Hingabe und einem zukünftigen Leben unausweichlich wird. Der Ehemann beantragt das alleinige Sorgerecht für das Kind und Carol trennt sich daraufhin von Therese. Cate Blanchett, grossartig in ihrem Mix aus Souveränität, Eleganz und Intelligenz, spielt eine Frau, die alles hat, solange sie sich an die geltenden gesellschaftlichen Spielregeln hält. Rooney Mara, an Audrey Hepburn erinnernd, spielt authentisch eine moderne, junge Frau, die ihre Autonomie nicht aufgeben will, gleichzeitig aber  kompromisslos den Wunsch hat, sich ihrem eigenen Glück mit Carol nicht in den Weg zu stellen. Regisseur Todd Haynes verfilmte die Geschichte einer lesbischen Beziehung in den prüden 50er Jahren, die von Patricia Highsmith 1952 unter dem schützenden Pseudonym Claire Morgan und dem Titel «Salz und sein Preis» veröffentlicht wurde. Erst 2005 erschien im Diogenes Verlag die vorliegende Übersetzung in einer Taschenbuchausgabe unter dem Namen Patricia Highsmith «Carol». Der stilvolle Film, gezeigt am Zurich Film Festival, wurde auch im Mai am Filmfestival Cannes 2015 stark beachtet.
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45 Years

rbr. Wenn gestern gegenwärtig wird. Ein paar Tage vor dem Jubiläumsfest. Geoff und Kate Mercer, beide auf die 70 zugehend, wollen ihren 45. Hochzeitstag feiern. Fast ein halbes Jahrhundert zu zweit. Sie führen eine harmonische Ehe, die natürlich in die Jahre gekommen ist. Kann es da noch Geheimnisse geben? Offensichtlich, denn eine Nachricht verstört den Ehemann, der etwas kauzig und stiller geworden, aber durchaus liebenswürdig geblieben ist. Man hat in den Schweizer Bergen eine Leiche gefunden, tiefgefrorenen und unversehrt im Gletscher. Geoff glaubt, dass es sich dabei um seine damalige Geliebte Katya handeln muss, die vor 50 Jahren bei einer gemeinsamen Skitour abstürzte und verschollen blieb. Alte Erinnerungen leben auf, und der Rentner geht ihnen nach. Anfangs geht seine Frau Kate souverän mit diesem Vorfall um und lässt Geoff gewähren. Doch als der wie magisch besessen seiner Katya nachspürt und nachtrauert, wird die Verschollene zu einem Geist, der sich wie ein Damoklesschwert über die Beziehung des Paars legt. Die Vertrautheit ist gestört, das Vertrauen bekommt Risse. War diese Katya mehr als eine Vorgängerin, eine unerfüllte Liebe? Welche Bedeutung hatte sie wirklich für Geoff, fragt sich Kate verunsichert. – Feinsinnig und intim zeichnet Regisseur Andrew Haigh die späte Krise einer unendlichen Beziehung nach – in ruhigen Bilder, ganz fokussiert auf das Paar. Stille Gesten, Andeutungen, minimale mimische Signale und Stummheit – Charlotte Rampling als irritierte Kate, die sich irgendwie doch hintergangen fühlt, und Tom Courtenay als verschwiegener Gatte, der einem Verlust nachsinnt, beherrschen die Tastatur des Kammerspiel, der gestörten Zweisamkeit ideal. Beide erhielten in Berlin einen Silbernen Bären für ihre Leistung. «45 Years» gehört zu meisterhaften Filmen, die mit kleinen Mitteln Grosses bewirken und im Stillen vieles sagen. Eine Wohltat im lauten Getümmel der Actionmasse und oberflächlichen Sinnesreize.
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The Farewell Party
rbr. Selber Hand anlegen. Ein Altersheim in Jerusalem. Der 75jährige Yehezkel und seine Frau Levana verbringen hier ihren Lebensabend. Ruhig und beschaulich, bis sich die Zimmernachbarin Jana an sie mit einer extremen Bitte wendet. Ihr Mann Max ist todkrank und leidet. Er will seinem Leben ein Ende setzen, aber nicht selber Hand anlegen. Yehezkel soll’s richten. Er windet sich, dann kommt der ehemalige Elektriker auf die famose Idee, einen Apparat zu konstruieren, den der Sterbenskranke selber bedienen kann. Das spricht sich herum. Yehezkel, seine Helfershelfer und seine Euthanasie-Maschine sind gefragt. Heikel und tragisch wird‘s, als Levana selber schwer erkrankt und Hilfe sucht. – Sharon Maymons und Tal Granits Film basiert auf persönliche Erfahrungen, ein Drama über Liebe und Tod und Selbstbestimmung – selbstironisch mit Galgenhumor. Eine Komödie übers Sterben? Durchaus, aber mit sozialem und ernstem Hintergrund. Getragen wird dieser spitzbübischer Film über Sterbehilfe von einem bekannten israelischen Schauspielerensemble wie Ze’ev Revach als Yehezkel, Levana Finkelshtein als Levana oder Ilan Dar als Docteur Dsniel.
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The Wolfpack
rbr. Geschichten, die das Leben schreibt. Diese Teenager, jetzt um die 20 Jahre alt, haben 14 Jahre real  isoliert in einer New Yorker Sozialwohnung gelebt, gelernt, gespielt. Die Eltern – der Vater Oscar, ein Peruaner, und die Mutter Susanne, ein Hippiemädchen aus dem Mittleren Westen – erlebten 1996 in der Bronx einen Schusswechsel vor ihrer Haustür. Der Vater beschloss aus (übersteigerter?) Fürsorge und Angst vor Gewalt draussen «Stubenarrest» für die Familie – auf unbestimmte Zeit. Die Kinder – sechs Brüder und eine behinderte Schwester – durften die Wohnung nicht verlassen. Unterrichtet wurden sie von der Mutter. Und da sie die Welt draussen nicht erfahren konnten, schufen sie ihre eigene Welt – made in Hollywood. Sie sahen unendlich viele Filme, spielten Szenen nach. Am liebsten Filme von Quentin Tarantino, Horrorfilme oder «Batman». Erst im Januar 2010 durchbricht Mukunda Angulo die Regel und verlässt die Wohnung allein – im Alter von 15 Jahren. Mukunda ist der heimliche Anführer seiner Brüder. Die Filmerin Crystal Moselle ist zufällig der Angulo-«Gang» in Manhattan begegnet. Sie hat ihr Vertrauen gewonnen, auch das der Eltern. Sie hat die Jungs vier Jahre begleitet und Material aus dem Archiv der Angulos eingebaut. Das einzigartige Dokument einer Familiengeschichte beschreibt eine gewaltlose «Befreiung» und einen Aufbruch. Gleichwohl hätte man gern etwas mehr im Film aus dem komplizierten Familienmikrokosmos vor dem Auf- und Ausbruch, von den Konflikten, Reibungen und Gefährdungen erfahren. Moselles packender Dokumentarfilm «The Wolfpack» gewann am Sundance Filmfestival 2015 den Grand Jury Prize.
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The Program

rbr. Um jeden Preis: Steiler Aufstieg, tiefer Fall. Er hatte alle besiegt: die Skeptiker, die Konkurrenten, die Berge, selbst den Krebs, aber auch Dopingtester und Journalisten, die seinen medizinischen Werten und Kräften nicht trauten. Der Amerikaner Lance Armstrong, siebenfacher Tour-de-France-Gewinner, stieg zum Superhelden des Radsports um die Jahrhundertwende auf, war der selbsterklärte Saubermann und doch grösster Drahtzieher der Sportmanipulation. Man weiss, wie das Denkmal Armstrong abstürzte und alle Titel los wurde. Der Betrüger musste am Ende zugeben, was er je bestritten hatte, nämlich sich bedingungslos dem Doping verschrieben zu haben. Aufstieg und Fall des Lance Armstrong ist bekannt, gleichwohl reizte es Stephen Frears («The Queen», «Philomena») die Erfolgsgeschichte mit Folgen auf die Leinwand zu bringen. Basierend auf dem Buch «Seven Deadly Sins» vom Journalisten David Walsh, schildert und enthüllt er nochmals die Karriere Armstrongs. Die auf Erfolg programmierte Rezeptur des italienischen Doping-Hexers Michele Ferrari wurde für Armstrong und sein Team quasi zum Glaubensbekenntnis. Fast wie ein Krimi entwickelt Frears die Ereignisse – von Armstrongs ersten Erfolgen, seinem Kampf gegen den Krebs und den Triumphen bis zu seiner Demaskierung, teilweise unterlegt mit Dokbildern. Imponierend wie Ben Foster diesen unerbittlichen Sportsmann verkörpert, der alle Mittel einsetzt, um zu siegen, zu siegen und zu siegen. So wird dieses schmutzige Drama, erstaunlich nah an der Szene und intim, auch zum Lehrstück über menschliche Hybris, Vermessenheit und fragwürdige Moral. Schonungslos wird offenbart, wie gestern und heute Lug und Trug herrschen – vom Radsport über Fussball (Fifa) bis zu etwelchen Manipulationen aus Markt- und Profitgier (siehe VW).
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The Intern

rbr. Zuckersüsse Seniorenromanze mit Businesstouch. Man könnte auf diese Schmalzstulle eindreschen und sich ob all der Klischees ärgern, die hier aufgetischt werden. Und da kommt einiges zusammen: Ein Mann um die 70 namens Ben Whitaker (Robert de Niro) ist nach all seinen Weltreisen gelangweilt und will endlich wieder gebraucht werden. Also heuert der verwitwete Rentner als Senior-Praktikant bei einer styligen Online-Firma an, die Kleider anpreist. Natürlich wird er wirbligen der Chefin Jules (Anne Hathaway)  zugeteilt, die mit ihm nichts anzufangen weiss. Dann gibt’s dann noch ein paar junge Kumpels am Computer und Telefon, die sich gern vom Typen der alten Kavaliersschule beraten lassen, eine gekränkte Assistentin und der vernachlässigte Ehemann der geschäftstüchtigen Chefin. Der rüstige Gentleman bewahrt die Ruhe, wird so zur starken Schulter, an der sich die Firmenschöpferin anlehnen und ausheulen kann. Ben wird’s schon richten, wenn man ihn lässt, und so kommt’s denn auch. Die sogenannte Generationenkomödie von Nancy Meyers ist aus zwei Gründen dennoch sehenswert: Robert De Niro gefällt sich als launiger Senior mit Pfiff, gediegen, charmant und so menschlich. Anne Hathaway kann sich als überforderte Chefin Jules austoben – mit Herz und Schmerz.

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Dürrenmatt
rbr. «Schreiben ist Arbeiten an sich selbst.» Er starb 1990 und ist doch auch nach 25 Jahren so lebendig, so präsent wie eh und je. Da sind seine Theaterstücke wie «Der Besuch der alten Dame» oder «Die Physiker», die immer wieder inszeniert werden, oder Filme wie die TV-Dokumentation «Dürrenmatt im Labyrinth» von Sabine Gisiger, der im Januar 2015 ausgestrahlt wurde, und nun der Film fürs Kino «Dürrenmatt. Eine Liebesgeschichte» von derselben Filmautorin. Der grosse Berner Dichter und Denker, wie er leibt und lebt, philosophiert und geniesst – im Original. Ein Füllhorn sinniger Sprüche und denkwürdiger Einsichten. Originalton Friedrich Dürrenmatt in seiner unnachahmlichen brummeligen Berner Art: «Schreiben ist Arbeiten an sich selbst» oder «Der Schweizer ist ein vorsintflutliches Wesen in ständiger Erwartung der Sintflut». Dürrenmatt war ein Schreiber, der nicht aufhören konnte, an seinen Texten zu feilen, zu verbessern. Und er war wie Max Frisch ein kritischer Zeitgenosse, der manche Polit- und Wirtschaftsköpfe vor die Köpfe gestossen hat. Doch vor allem erleben wir Dürrenmatt in Sabine Gisigers «Liebesfilm» als Schriftsteller und Mensch im Spiegel und Reflexion seiner Schwester Verena «Vreni» (91), seiner Kinder Peter (66) und Ruth Dürrenmatt (64), die ausgiebig zu Wort kommt. Viel Gewicht legt die Filmautorin auf Lotti, die Frau, Partnerin, Lektorin, mit der er 40 Jahre zusammenlebte und deren Tod 1983 ihn in eine tiefe Krise stürzte. Sie ist präsent in Aufnahmen, wenigen in bewegten Bildern, gar nicht in Worten. Gisigers Filmarbeit, sorgfältig recherchiert und dokumentiert – von seinem Haus in Neuenburg bis zur Zürcher Kronenhalle, von Inszenierungen bis zu seiner berühmten Rede im Zürcher Schauspielhaus, von Zwiegesprächen mit seinem Kakadu bis zum Tafeln und Trinken. Sabine Gisiger hat den kulinarischen «Moloch» als Kind in ihrem Elternhaus erlebt und ihm jetzt ein wuchtiges, aber inniges filmisches Denkmal gesetzt. Eine Liebeserklärung: Dürrenmatt forever!
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Er ist wieder da
rbr. Satirische Wiedergeburt wird zur Hitler-Renaissance. Darf man das, kann man das? Ja, David Wnendt («Kriegerin», «Feuchtgebiete») tut sich keinen Zwang an und verfilmte Tumur Vermes‘ deutschen Bestseller «Er ist wieder da». Nicht einfach so vom Blatt ins Bild. Er setzte noch einen drauf und spickte seinen Spielfilm mit dokumentarischen Einsprengseln. Er schickte seine nette sympathische Hitler-Kopie (grossartig auf seine Weise Oliver Masucci) «uf de Gass». Die Passanten staunen, grüssen freundlichst und bitten gar amüsant zum Selfie. Eine recht zweifelhafte anstössige Methode für einen Spielfilm. Ohne sich als bierernster Moralapostel aufspielen zu wollen: Aber Adolf Hitler als Popstar geht mir gegen den Strich – und wirft ein bedenkliches Licht auf die deutsche Fun-Gesellschaft. Ansonsten setzt Wnendts Realsatire auf Klamauk und Effekte mit prominenter Besetzung (Christoph Maria Herbst, Katja Riemann). Lustig, amüsant und politisch bissig ist die Witzfiktion nur selten. Die provokante Frage «Was wäre, wenn Adolf Hitler im heutigen Berlin erwacht und in die rechte Szene taucht» beantwortet der Streifen klar: Er wäre scheinbar willkommen. Aber das soll ja alles nur Satire sein. Wer’s glaubt…
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Black Mass
rbr. Grandiose Gangsterballade. Als kühner Karibik-Pirat mit einigen Macken segelt Johnny Depp auf einer Erfolgswelle. Andere Auftritte («Into the Wood», «Mortdecai») kamen dagegen beim Kinopublikum weniger gut an. Nun schlüpft Depp in die Rolle eines Gangsters, der wirklich wirkte, gejagt wurde, untertauchte und 2011 gefasst wurde. Der heute 86-jährige wurde 2013 verurteilt und sitzt in einem Gefängnis von Florida. Besagter James Joseph «Whitey» Bulgar, 1919 in Boston geboren, stieg zum Gangsterboss der Southies von Boston auf, nachdem er in den Siebzigerjahren mit dem FBI einen Deal geschlossen hatte. Er lieferte die Mafiosi scheinbar ans Messer, während man ihn und seine Walter Hill Gang gewähren liess. Scott Cooper inszenierte die Gangsterballade «Black Mass» stimmig und schonungslos – mit einem Johnny Depp in Hochform. Er agiert hinter einer Maske, die diesen Namen wahrlich verdient, als skrupelloser Drahtzieher, Killer und Boss. Oscar-reif! In diesem harschen Unterweltsdrama im Klima der Siebzigerjahre sind «Sherlock Holmes Benedict Cumberbatch» als James Bulgers Bruder Billy, mächtiger und einflussreicher Senator, Joel Edgerton als FBI-Verbündeter John Connolly und Kevin Bacon als leitender FBI Agent Charles McGuire zu sehen. Ein Gangsterfilm mit realem Hintergrund.
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Amateur Teens
rbr. Jung, neugierig, lautstark und leichtsinnig. Filmemacher Niklaus Hilber («Cannabis») hat genau hingeschaut – unter Teenagern an einer Zürcher Sekundarschule. Die Kommunikationsmöglichkeiten und -gefahren sind unendlich, locken, verleiten und verletzen. Das Internet mag in vieler Hinsicht ein Segen sein, aber auch ein «Teufelsinstrument». Es kommt auf den User, seine/ihre Absichten und Verantwortungsbewusstsein an. Das ist ein Thema in Hilbers Teenager-Tragödie «Amateur Teens» in fünf Akten. Um sich aufzuspielen, interessant zu machen und andere zu manipulieren, ist Milena (Luna Wedler) manches Mittel recht. Sie stachelt andere Girls an, endlich den ersten Akt zu vollziehen. Ähnlich geht es bei den Jungs in dieser Klasse zu. Adi (Benjamin Dangel) spielt sich als grossmäuliger Macker auf, kriegt aber bei Milena einen Korb. Der türkischstämmige Selim (Fabrizio Borsani) ist in Sabrina (Chiara Carla Bär) verliebt, traut sich aber nicht recht. Neuling Lara (Annina Walt) wird von Milena gedemütigt, sucht den Anschluss und biedert sich. Ein Fussball-Partyabend, an dem sie mit den Jungs teilnimmt, läuft aus dem Ruder. Willig oder unwillig – sie wird zum Sexopfer. Mit dokumentarischer Akribie beobachtet Regisseur Niklaus Hilber das Tun der Teens, die dann nicht wissen (oder nicht wissen wollen), was sie tun. Ohne Schnickschnack bringt Hilber das Dilemma in seinem Spielfilm auf den Punkt: Die Jugendliche sind im Social-Media-Dschungel überfordert, aber auch bei der Frage nach Liebe oder Sex. Sie sind zwar kommunikationsgeil und -tüchtig, aber orientierungslos und dem Schein verfallen.
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