FRONTPAGE

«Alain Gsponer: Jugend von Leistung getrieben und verführt»

Von Rolf Breiner

 

Vor 40 Jahren erschien der Roman «Jugend ohne Gott» des österreichischen Dichters Ödön von Horváth. Er beschreibt aus der Sicht eines Lehrers, wie Jugendliche diszipliniert, drangsaliert und auf Erfolg getrimmt werden – in faschistischen Zeiten. Der Zürcher Alain Gsponer hat das Buch verfilmt und in die nahe Zukunft verlegt. Ein dramatischer Film über Druck und falschen Ehrgeiz, Lügen, Leiden und Leistung.

 

«Und ich rede von dem fremden Jungen, der den N erschlagen hat, und erzähle. Dass der T zuschauen wollte, wie ein Mensch kommt und geht. Geburt und Tod, und alles, was dazwischen liegt, wollt er genau wissen. Er wollte alle Geheimnisse ergründen, aber nur, um darüberstehen zu können – darüber mit seinem Hohn. Er kannte keine Schauer, denn seine Angst war nur Feigheit. Und seine Liebe zur Wirklichkeit war nur der Hass auf die Wahrheit», bilanziert der Lehrer vor Gericht. Schliesslich schlägt die Staatsanwaltschaft das Verfahren nieder, so dass der Angeklagte die Koffer packen kann. «Der Neger fährt zu den Negern», endet der Roman «Jugend ohne Gott», 1937 in Amsterdam erschienen. Er landete 1938 prompt auf der Liste des «schädlichen und unerwünschten Schrifttums».

Zentrales Thema des österreichischen Autors Ödön von Horváth (1901-1938) war der Konflikt zwischen Individuen und Gesellschaft. Seine Stücke «Geschichten aus dem Wienerwald» (1931), «Kasimir und Karoline» (1932) oder «Glaube Liebe Hoffnung» (1932), nach wie vor präsent in den heutigen Theaterprogrammen, sprechen für sich – wie auch der erwähnte Roman. Die zitierte Hauptfigur, der Lehrer, ist zum «Instrument» der herrschenden Obrigkeit und Gesellschaft geworden. Disziplin, Gehorsam, Leistung (Rücksichtslosigkeit) sind angesagt. Und der Lehrer besinnt sich.

 

 

Alain Gsponers Verfilmung verlagert die Geschehnisse in eine nahe Zukunft.
«Es war mir immer klar, dass die Story nicht zu Beginn des Faschismus im letzten Jahrhundert spielen sollte, sondern dass man sie anders ausrichten müsste», meint Produzent Uli Aselmann, «entweder zeitgenössisch oder dystopisch… und wenn man das Erstarken globaler Eliten in der Gegenwart genauer betrachtet, dann ist diese Zukunft sogar viel näher, als wir es uns bei der Entwicklung des Stoffes vorgestellt hatten.»
Der Film: Die Leistungsgesellschaft fordert Tribut, sondiert gnadenlos. Wer in einer Eliteschule wie der Rowald Universität angenommen wird, hat die halbe Erfolgsmiete im Sack. In einem Assessment-Camp geht es um Bewährung, Leistung, Konkurrenzkampf, Stehvermögen, Stärke. Die jugendliche Elite, zumeist aus betuchtem Elternhaus, muss diverse Aufgaben erfüllen und Leistungsausweise erbringen – unter Leitung und Aufsicht verschiedener Leiter (Iris Berben u.a.), einer Psychologin (Anna Maria Mühe), eines Trainers (Rainer Bock) und eines Lehrer (Fahri Yardim). Kandidat Zach (Jannis Niewöhner), ein bockiger Einzelgänger, der Tagebuch schreibt und wenig Interesse an dieser Stresstour zeigt, sondert sich ab, trifft bei einer der Waldprüfungen auf die Aussenseiterin Ewa (Emilia Schüle), lässt sich gegen alle Regeln mit der Fremden, der Ausgegrenzten, der Illegalen ein. Zach, angehimmelt von der ehrgeizigen Camp-Kameradin Nadesh (Alicia von Rittberg) und argwöhnisch-neidisch vom Konkurrenten Titus (Jannik Schümann) beobachtet. Als Nadesh die Verliebten Ewa und Zach entdeckt und sich einmischt, kommt es zur handgreiflichen tödlichen Auseinandersetzung. Die Illegale Ewa wird beschuldigt. Zach gesteht, und der Lehrer klärt auf.
Das Drama «Jugend ohne Gott», inszeniert vom Zürcher Alain Gsponer («Das kleine Gespenst», «Heidi»), ist eine Parabel auf eine Gesellschaft, die auf Leistung, und Erfolgsergebnis getrimmt ist. Der Titelbezug «ohne Gott» weist nicht auf religiöse Bezüge hin, sondern meint Gottlosigkeit, fehlender Respekt, Achtung, Wertschätzung, Humanität. Gsponers Verfilmung, getragen von einem überzeugenden Ensemble, trifft aktuelle Tendenzen Der Regisseur klärt auf.

 

 

Ödön von Horváth, ist abgesehen von Theaterstücken wie «Kasimir und Karoline» oder «Glaube Liebe Hoffnung», nicht gerade ein Autor, der bei der jungen Generation bekannt ist. Wie sind Sie auf den Stoff «Jugend ohne Gott» gestossen?
Alain Gsponer: Ich musste «Jugend ohne Gott» als Schullektüre an der alten Kanti Aarau lesen, und es war für mich die beste Erfahrung einer «Pflichtlektüre», die ich je hatte. Auch heute noch wird der Roman in Schulen sehr häufig gelesen. Als wir aus Recherchegründen eine Schulklasse suchten, die gerade dieses Buch gelesen hat, war das kein Problem. Somit ist Ödön von Horváth bei Jugendlichen eigenartigerweise eher bekannt für diesen Roman als für seine gefeierten Theaterstücke.

 

Was hat Sie an diesem Roman interessiert, der vor 80 (!) Jahren, 1937 in Amsterdam, veröffentlicht wurde?
Der Roman erzählt von einem humanistischen Lehrer mit Idealen, der auf Schüler blickt, die nicht viel jünger sind als er selber, und realisiert, dass da etwas heranwächst, das ihm sehr fremd ist, etwas, was die Werte, die ihm wichtig sind, nicht mehr teilt. Er verurteilt sie dafür, ist aber gleichzeitig seinen eigenen Idealen nicht treu. Was mich am meisten fasziniert hat, ist die Beschreibung, wie ein gesellschaftliches System die Jugendlichen formt, ich würde sogar sagen verformt. Sie hatten fast keine andere Möglichkeit zu werden wie sie sind, weil sie nur eine Sicht auf die «Wahrheit» kennen gelernt haben und sie nicht in Frage stellen.

 

Im Roman steht der Lehrer im Mittelpunkt. Er erzählt. Sie und Ihre Autoren Alex Bursch und Matthias Pacht haben im Film die Perspektive gewechselt, sehen die Geschehnisse eher von aussen.
Wir haben mit einer Schulklasse über diesen Roman gesprochen. Die Schüler waren leider grösstenteils von dem Buch nichts so begeistert wie ich. Ich wollte wissen warum. Ein grosser Punkt war der überhebliche Blick des Lehrers von oben herab auf die Schüler, die nicht mehr wissen, was richtig und falsch ist. Sie fanden es viel relevanter, was mit den Protagonisten passiert, wenn man wirklich in der Realität einer anderen Gesellschaftsform lebt. Wenn man miterlebt, anstatt von aussen von dem Lehrer mit seinen Selbstzweifeln die Welt erklärt bekommt. Somit ist im Sinne der Jugendlichen der Wechsel der Perspektive, ein Wechsel von aussen in ihre Realität.

 

Im Roman spiegelt sich eine faschistische Gesellschaft. Ihr Film ist im Jetzt und in naher Zukunft angesiedelt. Glauben Sie, damit eher junge Zuschauer anzusprechen?
Ja, eindeutig. Bei den Jugendlichen, mit denen ich gesprochen habe, ist der Faschismus fern, er hat mit ihrer Realität nichts zu tun. Sie glauben, dass er nie wiederkommt. Sie wundern sich, dass die «Älteren» davor Angst, empfinden das als Panikmache. Ich selber bin eher beunruhigt, dass die Jugendlichen, unsere Freiheit und Demokratie so selbstverständlich halten, dass sie eventuell zu spät aktiv werden, wenn sie wirklich in Gefahr ist.

 

Es geht um Erziehung, Druck, Karriere und Erfolg – die Humanität scheint dabei auf der Strecke zu bleiben. Das trifft auch auf unserer Leistungsgesellschaft zu. Wollen Sie mit Ihrem Film ein Gegenzeichen, eine Warnung setzen?
Der Film zeigt ein mögliches Zukunftsszenario, eine Zuspitzung unserer aktuellen Leistungsgesellschaft. Ja, der Film ist eine Aufforderung unsere Zukunft aktiv zu gestalten. Wir können noch alles bestimmen, es muss nicht so werden, wie es der Film zeigt.

 

Sie haben in Bayern, Hessen und Berlin gedreht. Entwürfe zum Roman trugen den Titel «Auf der Suche nach Idealen» oder «Ein Lehrer in heutiger Zeit». Er handelt von den «Idealen der Menschheit», schreibt Horváth selber. Ist das auch Ihr Fokus im Film?
Das sind passendere Titel für den Roman als «Jugend ohne Gott», aber der von Horváth am Ende gewählte Titel ist provokanter und somit besser. Im Film geht es um dasselbe. Es geht um Jugendlichen, die in einer effizienten und durchökonomisierten Gesellschaft aufwachsen und somit dauerhaft im Wettbewerb stehen. Werte wie Menschlichkeit lernen sie nicht kennen, da diese sie im Weiterkommen behindern. Was passiert mit Menschen in einer solchen Gesellschaft? Wer kommt nach oben, wer fällt nach unten? Das erzählt der Film.

 

War es schwierig, die verschiedenen Typen und Charaktere zu führen, zu bündeln und bei der Stange zu halten?
«Jugend ohne Gott» ist ein Ensemblefilm mit einer speziellen Struktur. Wir erzählen den Film in mehreren Perspektiven und in jeder Perspektive behandeln wir den jeweiligen Protagonisten, wie wenn er die Hauptfigur wäre. Wie viel oder wie wenig man von den Charakteren in der anderen Perspektive erzählt, war ein gewaltige Herausforderung.

 

Wie sind Sie beim Casting vorgegangen? Hatten Sie genaue Vorstellungen von den Darstellern und konkrete Wünsche diesbezüglich?
Bei einem Ensemblefilm ist das Zusammenspiel der Schauspieler enorm wichtig. Dementsprechend muss man sie auch zusammen casten. Ich hatte beim Casting der Jugendlichen bis zu acht Schauspieler gleichzeitig vor der Kamera. Immer wieder wurde jemand ausgewechselt, bis es stimmte. So was nennt man Konstellationscasting.

 

Was waren die ausschlaggebenden Kriterien?
Am besten beschreibe ich das anhand der Figur Zach (Z. im Roman). Ich brauchte einen sehr guten Schauspieler, der äusserlich in die selbstoptimierte Welt des Filmes passt und glaubwürdig eine rebellische Kraft in sich trägt. Also suchte ich einen körperlich gut gebauten und aussehenden Jungen, dem man auch das Nachdenkliche und Grüblerische glaubt.

 

Im Buch- wie auch im Filmtitel kommt das Wort Gott vor. Doch der scheint wie im Titel abwesend zu sein. Ist Gott ein Thema für Sie, sind Sie gläubig?
Ich bin Agnostiker, somit glaube ich, dass Gott weder zu beweisen noch zu widerlegen ist. Für mich hat Gott in meinem Alltag keine Bedeutung.

 

Nach der weltweit erfolgreichen «Heidi»-Verfilmung haben Sie sich mit einem anderen gesellschaftskritischen Thema befasst. Warum?
Meine ganze Karriere begann mit gesellschaftskritischen Filmen. In meinen ersten drei Langfilmen «Kiki & Tiger», «Rose» und «Das Wahre Leben» stand die Gesellschaft im Mittelpunkt, somit kehre ich eher zu meinen Anfängen zurück.

 

Sie selber sind jüngst Vater geworden. Sind Sie optimistisch für die Zukunft der Kinder?
Ja, bin ich, vor allem da ich für diesen Film viel mit Jugendlichen gesprochen habe, da wächst eine tolle Generation heran.

 

«Grosserfolg für 13. Zurich Film Festival ZFF»

Knapp 100’000 Besucherinnen und Besucher
Hauptpreise an Frauen und an Erstlingsfilme
 
Die 13. Ausgabe des Zurich Film Festival feiert einen Grosserfolg. Mit 98’300 Besucherinnen und Besuchern (Vorjahr: 90’500) konnte die Zahl der Zuschauer um 8.5% gesteigert werden. Mit 160 Filmen und den vier neuen Festivalkinos im Riffraff verzeichnete das ZFF erneut ein deutliches Besucherwachstum und gegenüber den Vorjahren signifikant mehr ausverkaufte Vorstellungen.
 
«Das Publikum hat offenbar honoriert, dass wir unser Profil erneut geschärft und den Festivalgedanken weiterentwickelt haben», freuen sich die beiden Co-Direktoren Nadja Schildknecht und Karl Spoerri. «Besonders in den Wettbewerbssektionen, in denen neue Arbeiten aus aller Welt im Mittelpunkt stehen, aber auch etwa in den Special Screenings, im Schwerpunkt mit Filmen aus Ungarn sowie in der erneut umfangreicheren Reihe ZFF für Kinder haben wir eine starke Publikumsnachfrage gespürt».
«Mehr denn je wurde deutlich, dass das Festival in der Stadt allgegenwärtig ist», so Nadja Schildknecht und Karl Spoerri. «Leidenschaft, Engagement und Herzblut war nicht nur bei unseren vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu spüren, sondern bei den Kinobesuchern, an den Talks , den Masters und bei den vielen Parallelveranstaltungen, die zusammen erst das Festival ausmachen».
Drei Preise für BLUE MY MIND
«Alle Hauptpreise in den drei Wettbewerbssektionen gingen an Erstlingsfilme, der Schweizer Film, der prominent vertreten war, wurde mehrmals ausgezeichnet, und schliesslich geht die Mehrheit der Preise an Regisseurinnen», so Nadja Schildknecht und Karl Spoerri. Die Jurys zeigten sich in ihren Statements durchwegs beeindruckt von der hohen Qualität der Wettbewerbe wie der perfekten Organisation des Festivals.
Die international zusammengesetzten Jurys der drei Wettbewerbe vergaben ihre Goldenen Augen an der Award Night am Samstagabend im Opernhaus Zürich an die Erstlingsfilme POP AYE von Kirsten Tan aus Singapur, MACHINES von Rahul Jain aus Indien und BLUE MY MIND von Lisa Brühlmann aus der Schweiz. Brühlmann gewann zudem den Kritikerpreis und war während des Festivals bereits mit dem Kirchenpreis ausgezeichnet worden.

 

Der Schweizer Film AVANT LA FIN DE L’ÉTÉ von Maryam Goormaghtigh, ebenfalls ein Erstlingswerk, konnte den von einer ausländischen Kritikerjury vergebenen Förderpreis entgegennehmen. Die Kinderjury vergab ihren Preis an den Erstling UP IN THE SKY von Petter Lennstrand aus Schweden, und die Schweizerin Seraina Nyikos erhielt für ihr Projekt SECONDO den Preis für das beste Treatment.
Frauenpower
Auch am Grünen Teppich zeigten die Frauen dieses Jahr eine herausragende Präsenz. Bundespräsidentin Doris Leuthard eröffnete den Anlass, und mit Glenn Close, Alicia Vikander, Claire Foy, Emmanuelle Seigner, Valeria Golino, Birgit Minichmayr, Trine Dyrholm, Léa Pool, Ildiko Enyedi oder Tonie Marshall war für viel Frauenpower gesorgt.
Aber auch die Männer hatten prominente Auftritte in Talks, Masters und im Kino, etwa die Regisseure Rob Reiner, Roman Polanski und Marc Forster, der Drehbuchautor Aaron Sorkin, die Schauspieler Jake Gyllenhaal, Andrew Garfield, James Marsden, Bill Pullman, Simon Baker oder Moritz Bleibtreu sowie zum Abschluss der frühere US-Vizepräsident Al Gore.
Das 14. Zurich Film Festival findet von Donnerstag, 27. September bis Sonntag, 7. Oktober 2018 statt.

Zürich, 8. Oktober 2017

 

 

«Golden Icon Award für die grossartige Glenn Close»

 

I.I. Das 13. Zurich Film Festival hat mit starken Filmen begonnen, die eindrucksvolle Akzente setzen, wie «Euphoria», die Geschichte zweier ungleicher Schwestern mit Alicia Vikander und Eva Green, «The Glass Castle», mit Naomi Watts und Woody Harrelson über eine dysfunktionale Familie, «Call me by your name» mit Armie Hammer über eine Sommerliebe zweier junger Männer in der Lombardei, die herausragende Weltpremiere «Shock and Awe» von Rob Reiner über vier unerschrockene investigative Journalisten der Nachrichtenagentur Knight Ridder, die George W. Bushs Einmarsch in den Irak für gesetzeswidrig halten, trotz grossem Druck ihre Integrität bewahren und letztlich recht behalten.
Am Sonntag, 1. Oktober wurde Glenn Close, 70, der Golden Icon Award am Abend im Kino Corso verliehen. Die sechsfache Oscarnominierte brilliert in der Rolle «The Wife» als Frau eines Nobelpreisträgers (Jonathan Pryce, 70), dem sie ein Leben lang zur Seite stand, seine Texte redigierte und als gut gehütetes Geheimnis die eigentliche Autorin seiner ausgezeichneten Bücher ist. Am Abend der Nobelpreisverleihung in Stockholm kommt es zu einem Eklat, Joan will den Schriftsteller Joe Castleman verlassen.

In der Medienkonferenz am Nachmittag gab die zierliche, elegante Glenn Close («Fatal Attraction», 1987) Auskunft über ihre Motivation der Rolle in einer vorfeministischen Zeit. Ist es für Frauen heute anders als in den 50er Jahren, lautete eine Frage.

Glenn Close lacht, «I feel sorry, no, – also nowadays women try to live by their own and find their power and voices…it’s very komplex and happen’s all the time…».
Welcher Preis ihr am meisten bedeute? «Ich fühle mich sehr geehrt über diesen Award,
was mir aber sehr wichtig ist, ist eine Arbeit, die mich ausfüllt und das Leben mit Menschen zu verbringen, die ich schätze».

Zum Schluss des Films will Joan ihre Story nicht dem Journalisten preisgeben, sie wird nur ihren Kindern die Wahrheit erzählen, dass sie all die Jahre ihren Ärger unterdrückte, was viele Frauen tun, um des lieben Friedens willen, und plötzlich hört sie damit auf, aber es ist nicht so einfach, sie beschützte ihre Story für sich selbst. Was Glenn Close im Privatleben Halt gibt? «My dog Pip» und sie lacht herzlich…

 

«13. Zurich Film Festival glanzvoll eröffnet»

Bundespräsidentin Doris Leuthard und Stadtpräsidentin Corine Mauch als Ehrengäste mit Tennis-Star Roger Federer

 

I.I. Der schwedische Tennisfilm BORG/McENROE des Dänen Janus Metz Pedersen hat am Donnerstagabend, 28. September, das 13. Zurich Film Festival eröffnet. Neben dem Regisseur waren auch der Hauptdarsteller Sverrir Gudnason, der Björn Borg verkörpert, und Drehbuchautor Ronnie Sandahl anwesend. Passend zum Eröffnungsfilm schritt auch Tennis-Liebling Roger Federer über den grünen Teppich.

 

Als Ehrengäste begrüssten Bundespräsidentin Doris Leuthard und die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch die zahlreichen Gäste aus Kultur, Politik und Wirtschaft. Die beiden Festival-Co-Direktoren Nadja Schildknecht und Karl Spoerri richteten ebenfalls vor der Vorstellung ihr Grusswort an die anwesenden Gäste im Kino Corso.
«Wir Schweizer neigen meist eher zu Björn Borg», sagte Bundespräsidentin Doris Leuthard in ihrer Eröffnungsrede. «Dass wir das innovativste Land der Welt sind, verdanken wir unserer Zuverlässigkeit und Stabilität. Aber – wir dürfen auch etwas mehr McEnroes sein. Wir dürfen ruhig etwas offensiver und mutiger auftreten. Die Schweiz soll nicht nur Zuschauer des Weltgeschehens sein und beobachten und analysieren, sondern wir sollten mitspielen und den Charakter der Schweiz einbringen», betonte Leuthard.
«Als Stadtpräsidentin und Kulturministerin von Zürich freue ich auf all die Überraschungen, die das Organisationskomitee jeweils in dieses Festival wie in eine Wundertüte packt», sagte die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch in ihrer Eröffnungsrede. Punkten bei den Tennis-Fans konnte natürlich auch Roger Federer. Alles Roger?
Der Film BORG/McENROE ist am ZFF noch am Mittwoch (4.10.) und am Freitag (6.10.) zu sehen. Am 12. Oktober kommt er im Verleih von Ascot Elite in die Schweizer Kinos. Siehe auch Filmtipp Borg/McEnroe.

 

 

 

 

«ZurichFilmFestival 2017:Starke Frauenpräsens in Zürich«

Von Rolf Breiner

Das 13. Jahr wird garantiert kein verflixtes Jahr beim Zurich Film Festival (ZFF). Es hat sich auch international etabliert und wächst und wächst: 160 Produktionen, 41 Erstlingswerke, 12 Weltpremieren, 43 Events, Talks, Masters und mehr, 150 Partnerschaften.

 

Illustre Stars wie Glenn Close (Golden Icon Award) oder Alicia Vikander, die Regisseure Marc Foster oder Rob Reiner, die Schauspieler Bill Pullman, Jake Gyllenhaal (Golden Eye) oder Andy Serkis («Gollum») sind angekündigt. Nicht zuletzt wartet das ZFF mit markanten Premieren wie «Borg/McEnroe» (Eröffnungsfilm) oder «Blade Runner 2049» aufs, mit Rolf Lyssys «Die letzte Pointe», Roman Polanskis «D’après une histoire vraie» oder Michael Hanekes «Happy End». Die Erfolgsstory des ZFF wird fortgeschrieben. Bundesrätin Doris Leuthard wird das Festival am 28. September eröffnen, natürlich mit Stadtpräsidentin Corine Mauch an der Seite, die Zürich als kleine Stadt in der grossen Welt mit internationalem Flair lobt. «Das Zurich Film Festival macht die Stadt nun seit einigen Jahren weithin sichtbar auch zu einem attraktiven Schauplatz desinternationalen Films.» Sie freut sich auf die Gäste des ZFF, die «Anfang Herbst gerne in diese Stadt am blauen See und an der grünen Limmat kommen.» Nicht zu vergessen die grünen Teppiche, welche für die Stars vor dem Festivalzentrum und dem Corso ausgelegt werden.

 

Das Rundumprogramm wird noch bunter und vielseitiger mit den ZFF Masters (Vikander, Reiner, Close, Serkis) im Filmpodium, den ZFF Talks im Festivalzentrum (Sechseläutenplatz), dem TVision (Miniserien auf der Leinwand), ZFF für Kinder mit neun Filmen Liveübersetzungen oder mit dem Internationalen Filmmusikwettbewerb. Dabei geht es um den türkischen Kurzfilm «Tamah», der von fünf Komponisten vertont wird. Diese Kompositionen werden dann vom Tonhalle-Orchester Zürich in der Maag-Halle am 5. Oktober aufgeführt. Die Jury führt übrigens kein geringerer als Rockmusiker Herbert Grönemeyer an.
Preise gibt es zuhauf im Wettbewerb Internationaler Spiel- und Dokumentarfilm, im Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich, bei den Kinderfilmen (Kinderjury- und Kinder-Publikumspreis). Neu wurde der Filmpreis der Zürcher Kirchen, dotiert mit 5000 Franken, lanciert.
Der Schweizer Film ist durchwachsen vertreten – mit Thomas Haemmerlis Dokumentarfilm «Die Gentrifizierung bin ich: Beichte eines Finsterlings» und im Fokus mit Maryam Goormaghtighs «Before Summer Ends», Lisa Brühlmanns «Blue My Mind», Kaleo La Belles «Fell in Love With a Girl» und Katharina Wyss’ «Sarah joue un loup-garou» sowie Greg Zglinskis «Tiere». Bis auf die Coming-of-Age-Filme «Blue My Mind» und «Sarah joue un loup-garou», die immerhin teilweise in der Schweiz spielen, sind keine eigentlichen Schweizer Themen auszumachen.

 

Galapremiere feiern Léa Pools «Et au pire, on se Mariera» und Silvio Soldinis «Il colore nascoso delle cose». Unter Special Screenings findet man Nahuel Lopez’ «Daniel Hope – Der Klang des Lebens», Gabriel Baurs «Glow», Juri Steinharts «Lasst die Alten sterben», Edmund Heubergers «Das Menschlein Matthias», Rolf Lyssys «Die letzte Pointe» und «Giraffen machen es nicht anders – Die Vater-Spur» des verstorbenen Walo Deuber.
Ein üppiges Programm, wobei natürlich die Gala-Premieren einen breiten Raum einnehmen und die grösste Aufmerksamkeit auf sich lenken werden – von Marc Fosters «All I See I You» über Rob Reiners «Shock and Awe» und Lisa Langseths «Euphoria» mit Alicia Vikander bis zu Denis Villeneuves «Blade Runner 2049» mit Ryan Gosling, Harrison Ford, Carla Juri. Es gibt viel zu sehen und zu entdecken, speziell in der Kategorie Neue Welt Sicht. Im Blickpunkt stehen hier Produktionen aus dem innovativen Filmland Ungarn mit 14 Filmen. Die Retrospektive ist der grossen Mimin Glenn Close (Golden Icon Awatd) gewidmet, die mit 12 Filmen vertreten ist plus der Premiere von «The Wife».
Die Festivalleitung, Nadja Schildknecht und Karl Spoerri, zeigte sich bei der Programmpräsentation sehr zufrieden. Das Budget ist leicht gestiegen (7,3 Millionen Franken). Man erwartet wieder gegen 90 000 Besucher. Die Spielstätten (Corso, Le Paris, Piccadilly, Arena, Filmpodium) wurden um das RiffRaff erweitert, und die Stargäste werden für mediale Aufmerksamkeit sorgen. Ausserdem wies Co-Festivaleiter Spoerri auf den hohen Frauenanteil hin. «In den drei Wettbewerben beträgt der Frauenanteil zwischen 35 und 40 Prozent.» Das kann sich sehen lassen.
www.zff.com

 

 

«Fantastisches Fantoche»

 

Von Rolf Breiner

 

Zum 15. Mal geht das Internationale Festival Fantoche über diverse Kinobühnen in Baden und Wettingen – vom 5. bis 10. September. Insgesamt werden wieder über 300 Kurzfilme und zahlreiche Langfilme gezeigt.

 

Im Kino finden Animationsfilme immer wieder ein grosses Publikum und locken alle Altersschichten. Aktuell etwa die «Minions» oder die Fortsetzung «Der kleine Rabe Socke 2 – Das grosse Rennen» und demnächst «Ooops! Die Arche ist weg…» Am Fantoche-Festival in Baden sind einige Filme, die im September oder Oktober ihre Kinoreise antreten, bereits vorweg zu sehen.
Die Kinowelt wartet gespannt auf die neuste Pixar-Produktion «Inside Out – Alles steht Kopf» (Kinostart: 1. Oktober). Dabei geht es nicht um putzige Wesen und Underdog-Helden, Märchen- oder Fantasygestalten, sondern um Stimmen im Kopf. Aufführungen in Baden am 1., 2., 5. und 6. September.
Insgesamt kündigte Festivalleiterin Annette Schindler an einer Presseorientierung 20 Langfilme an, allesamt Premieren. Hervorstechen neben dem angesprochenen «Inside Out» etwa der Trickfilm «Song oft he Sea», eine Reise durch die irische Sagenwelt, «Tout en haut du monde», die abenteuerliche Suche des jungen Adeligen nach einem Arktisschiff 1892 oder «Phantom Boy», ein Film über einen Elfjährigen, der aus seinem Körper schlüpfen kann.
Im Mittelpunkt stehen gleichwohl die drei Wettbewerbe (International, Schweizer, Kinder). Rund 1400 Filme wurden eingereicht, 84 Filme für die Wettbewerbe berücksichtigt. «Seinen Film am Fantoche zeigen zu können und vielleicht sogar einen Preis dafür zu gewinnen, kann ein wesentlicher Karrierebeschleuniger sein», ist Annette Schindler überzeugt. «Fantoche bietet ein Forum für Filme, die sich ästhetisch, inhaltlich oder durch ihre Technik von den Konventionen der Filmgestaltung absetzen, sie geschickt hinterfragen oder frech auf den Kopf stellen.»
Spezielles Augenmerk gilt heuer polnischen Produktionen, Schwerpunkt bildet dabei die Filmschule Łódź, die letztes Jahr ihr 25. Jubiläum feiern konnte. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Retrospektive des Polen Jan Janary Janczak, der seit 1980 in Will, SG, lebt und arbeitet. Ein Programmschwerpunkt befasst sich mit «Family Sweet & Sour». Kinder und junge Zuschauer werden speziell bedient, ab vier Jahren sind die Kids willkommen beim altersgerechten Kurzfilmprogramm «Gemeinsam – oder nicht?». Neu ist ein Openair-Aktionskino auf dem Bahnhofplatz Baden: Es nennt sich «Fantoche fährt Velo», das heisst: Besucher zahlen keinen Eintritt, sondern müssen Energie produzieren und strampeln – beispielsweise um den die witzige Tour «Les Triplettes de Belleville» zum Laufen zu bringen.
Making Ofs, etwa zu «Inside Out», Werkgespräche, Treffs (Branchen-Brunch), Studiopräsentation («Nadasdy Film») und Ausstellungen («Historische Animationsgeräte») runden das breite Animationsfilmangebot ab. Zum Jubiläum wird auch Bundesrat Alain Berset erwartet. Fantoche hat sich prächtig entwickelt – bei einem Jahresbudget von 1,6 Millionen Franken (2015). 50 Prozent des Budgets stammt von der öffentlichen Hand, 30 Prozent von Sponsoren und der Rest wird durch Festivalerträge gedeckt. Die Zuschauerentwicklung ist sehr positiv, so steigerte sich die Bilanz 2012 von 20 893 Besuchern (12 607 bezahlte Eintritte) über 21 026 im Jahr 2013 auf 22 66 im letzten Jahr (13 800 bezahlte Eintritte).
Nach dem Festival geht ein Fantoche-Filmpaket auf Tournee durch die Schweiz: «Best of Fantoche 2015» ab 24. September im RiffRaff, Zürich, im Bourbaki, Luzern, im Stadtkino Basel, ab 25. September im Cinématte Bern usw. weiter nach Brugg, Solothurn, Wettingen, Ilanz und Olten, ins Tessin und die Romandie.

www.fantoche.ch

«Kosmos-Kultur – für Geist und Genuss»

Von Rolf Breiner

 

Vor 15 Jahre kam die Idee auf, am 28. Oktober 2011 nahm sie Gestalt an: die Schaffung eine Kulturkomplexes zwischen Langstrasse, Europaallee und HB Zürich. Geistige Väter des Unternehmens waren Bruno Deckert, Begründer und Betreiber der Bücherbar und Bücherbühne «Sphères» in Zürich, und Samir, Filmer und Produzent.

 

Vor allem boten die SBB Hand, massgeblicher Motor der Entwicklung der Europaallee. Die SBB übernahmen dann auch 55 Prozent (8 Millionen Franken) der Vorfinanzierung dieses Immobilienkomplexes (siehe auch Literatur und Kunst, Mai 2017). Auf dem Baufeld H (Lagerstrasse 104) wuchs der Kulturkomplex «Kosmos» (Eröffnung am 2. September 2017). Operativer Geschäftsführer ist Martin Roth.
Film, Literatur und Gastronomie sind hier eine spezielle Partnerschaft eingegangen. «Wir glauben an das Buch. Wenn nicht wir, wer dann, wenn nicht hier, wo dann?», proklamierte «Sphères»-Schöpfer Bruno Deckert. Kompagnon Samir, belesener Filmemacher, stimmte da nur zu. Der Buchsalon, liebevoll als «Rückzugsoase» gelobt, soll zum Verweilen, Stöbern und natürlich Kaufen einladen. Ein erlesenes Angebot, nicht wie üblich von Bestsellerlisten und angepriesenen Neuheiten dominiert, verführt zum Stöbern, Blättern in schönster Cafe-Atmosphäre.

Vom Büchersalon geht es über das Forum (300 Plätze), wo Lesungen, aber auch Konzerte stattfinden, hinunter in den Kinobereich mit sechs Sälen zwischen 60 und 300 bequemen Plätzen (Beinfreiheit) und neuster Technik im Premierenkino 1 (Dolby Atmos).
Samir, Mitinitiator, Kulturschaffender und Vorstandsmitglied, liegt dieser Bereich natürlich sehr am Herzen, doch «seine Kinos» sind es nicht. Das Angebotsspektrum ist breit gefächert von kleineren und grösseren Arthouse-Filmen wie «Trading Paradise», «The Promise» oder «Jugend ohne Gott» über Familienfilme («Bigfoot Junior») bis zu Mainstream und anderen Premieren, beispielsweise «Trading Paradise» von Daniel Schweizer. Jeweils montags findet im Forum «Kosmos-Politics» (21. September), ein Bürgerforum mit Diskussionen, statt (kostenlos).
Einige Literaturlesungen sind bereits gebucht. Den Auftakt macht die Buchvernissage mit Michèle Binswanger («Fremdgehen») am 6. September. Weitere Buch-Anlässe mit Arundhati Roy (11. September), Ben Moore (29. September) oder Sven Regener (29. und 30. November).

Geist und Gaumen sollen gleichermassen angesprochen werden: Der Espresso kostet drei Franken, Menüs werden zu 25 Franken angeboten. Küchenchef ist Stefan Heinrich (Dresden), er dirigiert 15 Küchengeister, im Gastrobereich sind 45 Leute aktiv. Die Kinopreise bewegen sich auf Arthouse-Niveau. Nach dem Zielpublikum befragt, antwortete Deckert: «Engagierte Zeitgenossen und gebildete Laien wie wir!»

Ein neuer Kosmos ist eröffnet für alle Kosmonauten und Kosmonautinnen, erst recht am Allianz Tag des Kinos (3. September) – für fünf Franken. Der Kultur-Kosmos, übrigens ohne öffentliche Gelder und Banken finanziert, könnte sich als pulsierender Treff für Geist und Genuss entwickeln.

 

 

Filmtipps

 

The Wife

rbr. Eine Frau im Schatten. Sie ist eine Ikone des Kinos, 70 Jahre, präsent wie eh und je. Glenn Close wurde am Zurich Film Festival mit dem Golden Icon Award für ihr Lebenswerk geehrt. Ihr jüngster Film «The Wife» zeigt erneut ihre prägende Leinwandpräsenz, Überzeugungsstärke und künstlerische Kraft. In Björn Runges Drama steht sie als Dichtergattin ihren Mann. Zugunsten von jenem Joe Castleman, (Jonathan Price), dem in Stockholm der Literatur-Nobelpreis verliehen wird. Joan hat jahrzehntelang im Stillen gewirkt, hat ihr Leben lang im Schatten des Erfolgsautors gestanden und ihre eigenen schriftstellerischen Fähigkeiten und Möglichkeiten offiziell zurückgestellt. Sie ist die eigentliche treibende Kraft und Schöpferin der Bücher, für die der eitle «Scharlatan» nun höchste Weihen entgegennehmen darf. Joe ist das Aushängeschild, der Star, der Titan, der freilich die literarischen Ambitionen seines Sohns David (Max Irons) bremst, ihn eher verunsichert, statt bestärkt. Die Absicht des Journalisten Nathaniel Bone (Christian Slater), über ihn eine Biographie zu schreiben, blockiert er vehement. Doch der Biograph lässt nicht locker, verwickelt auf dem Flug nach Stockholm und in Schweden Joan wie auch David in Gespräche, bringt letztlich einen Stein ins Rollen. Joan tritt aus dem Schatten ihres «geadelten» Mannes und macht einen Schnitt. – «The Wife», basierend auf dem Roman «Die Ehefrau» von Meg Wolitzer, zeigt Glenn Close auf der Höhe ihrer Kunst – wohl eine der besten schauspielerischen Leistung der Kinoactrice. Profiliert und überzeugend bis in die Haarspitzen, verkörpert sie eine Frau, die ihren Mann und seine Marotten ertrug, mittrug und protektierte, und dann den Akt der Befreiung vollzog. Ein starkes schauspielerisches Stück, in dem Annie Starke, Tochter Glenn Closes, die junge Joan verkörpert. Einen ganz anderen Part spielt Glenn Close in dem packenden SF-Thriller «What Happened to Monday», der am Filmfestival Locarno 2017 auf der Piazza gezeigt wurde. Close spielt eine gnadenlose Behördenmanagerin – vielleicht auch mal in unseren Kinos.
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Blade Runner 2049

rbr. Vexierspiel zwischen Illusion und Wirklichkeit. 30 Jahre danach. Die Welt um 2049 ist düster, marode, Klima und Szenerie sind zum Fürchten, eine Katastrophenwüste. Die Menschen haben grundlegend nichts dazugelernt – wie sollten sie auch, wenn sie es nicht in Tausenden von Jahren geschafft haben! Mensch und Maschinen haben sich angeglichen, sind kaum noch zu unterscheiden. Allein der erste Akt – Geburt oder Produktion – ist entscheidend. Die beklemmende Szenerie von Los Angeles ist «bevölkert» von Menschen, Androiden, Hologrammen und einzelnen versteckten Replikanten, die einst die Menschen bedrohten (im Jahr 2019). Und noch immer gibt es «Blade Runner», welche Replikanten der Nexus-6-Serie (siehe Ridley Scotts «Blade Runner» von 1982) ausschalten sollen. Officer K. (Ryan Gosling), selbst ein Androide, ist einer von ihnen im L.A. Police Department. Er «entschärft» einen als Farmer getarnten Replikanten der Nexus-6-Serie und findet eine Kiste mit Knochen, Gebeine einer Frau, die ein Kind geboren haben muss, und eine Marke mit dem Datum 6.10.17, übrigens dem Kinostart von «Blade Runner 2049)». Der Boss der Produktionsfirma Tyrell Corporation, Niander Wallace (Jared Leto), ist scharf auf das Zeugnis, sprich Menschenkind, das nun um die 30 Jahre alt sein müsste. «Madam» (Robin Wright), Chefin des Police Department und K’s Vorgesetzte, beauftragt den Jäger K., ebendiese Überlebenden zu jagen. K. sucht, in San Diego Erkenntnisse bei der Erinnerungsschöpferin Dr. Ana Stelline (die Schweizerin Carla Juri, «Feuchtgebiete») Hinweise zu gewinnen, und stösst in der Geisterstadt Las Vegas auf den alten Blade Runner Rick Deckard (Harrison Ford, genau der aus dem Original). – Die Handlung kompliziert sich, Fiktion und Realität durchdringen sich, Wunsch und Wirklichkeit verwischen wie Mensch und Android. Officer K. entwickelt Gefühle, taucht in die vermeintlich eigene Vergangenheit und glaubt am Ende, er sei das gesuchte Menschenkind. Es gibt Begegnungen und Szenen, die sich einprägen, beispielsweise als K’s holografische Gefährtin Joi (Ana de Armas) in die Haut einer Prostituierten schlüpft, um seine sexuellen Wünsche zu erfüllen. Kaum wurde ein apokalyptisches Szenarium (trotz flüchtiger Hologramme) so düster und kaputt entworfen und gefilmt wie hier (Kamera Roger Deakins). Die geradezu höllischen Farbkompositionen tragen ihren Teil dazu bei. Allein die teils enervierende Musik (Hans Zimmer, Benjamin Wallfisch – beide arbeiten auch bei «Dunkirk» zusammen) fällt ab – im Vergleich zum Vangelis-Sound im Film von 1982. Die hohen Erwartungen, die man an den Kultfilm-Nachfolger von Denis Villeneuve (Regie) knüpfte, wurden nicht enttäuscht – visuell ist die Fortsetzung, die in manchen Punkten das Original weiter entwickelt, eine Wucht. Das Handlungskonstrukt ist indes arg verschlungen und nicht immer auf den ersten Blick durchschaubar – kein Wunder bei 164 Filmminuten. Gleichwohl eine monumentale Vision über Identitäten (Mensch und Maschine), Künstlichkeit und Projektionen, Parallel-Schöpfung und Sehnsüchte. Anders als beim Ur-«Blade Runner», der anfangs beim Publikum durchfiel und viel später erst Kultstatus gewann, dürfte «Blade Runner 2049» ein Kinogewinner werden und beim Oscar-Rennen 2018 eine Rolle spielen.
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Blue My Mind
rbr. Die Verwandlung. Gleich dreifach wurde die Zürcher Schauspielerin («Das Missen-Massaker», «Tempo Girl) und Filmerin Lisa Brühlmann für ihren Kinoerstling «Blue My Mind» am Zurich Film Festival 2017 ausgezeichnet: Golden Eye in der Kategorie Fokus (Schweiz, Deutschland, Österreich), Preis der Filmkritiker und Preis der Zürcher Kirchen, der erstmals vergeben wurde. Die 15jährige Mia (Luna Wedler) wird in eine andere Stadt «verpflanzt, nach Zürich. Ihre Eltern (Regula Grauwiller und Georg Scharegg) sind gezügelt, und Mia tut sich schwer, mit Girls der neuen Klasse anzubändeln. Sie riskiert viel, um dazuzugehören, um bei den «Schicksen» anerkannt zu werden, und schreckt auch vor sexuellen Offerten und Abenteuern nicht zurück. Doch nicht nur die neue Umgebung, sondern auch körperliche Veränderungen machen ihr zu schaffen. Die erste Periode und damit einhergehend körperliche Auswüchse. Ihr wachsen Schwimmhäute zwischen den Zehen, ihre Beine werden mit Schuppen übersät. Sie entdeckt eine geradezu magische Anziehungskraft zum Wasser und Fischen, die sie gar verschlingt. Mia mutiert zu einem anderen Wesen. Nur ihre Freundin Gianna (Zoë Pastelle Holthuizen) weiht sie in ihr Geheimnis ein. – Lisa Brühlmanns Filmphantasie verschmilzt zwei Ebenen, eine krass realistische mit Teenagerauswüchse in Sachen Sprache, Umgang, Sex, Drogen, und eine magisch märchenhafte, was die Metamorphose zur «Meeresjungfrau» betrifft. Das hat gewisse Reize, fabriziert aber auch Widersprüche und bildnerische Ungereimtheiten. Lisa Brühlmanns, Autorin und Regisseurin, wollte eine Geschichte über Veränderung und Ablösung, Anpassung und Verfremdung erzählen. Es geht ihr aber auch um «ein Gefühl des Eingesperrtseins in einer Welt, die voller Systemzwänge und Regeln ist. Wo man, gerade heute als junger Mensch, hineinpassen muss, sich anpassen soll, einem Druck gehorchend, den ich insbesondere in der Schweiz empfinde.» (Brühlmann) Am Ende gerät die junge Frau, unerbittlich vom Meer angezogen, in eine andere Freiheit oder Abhängigkeit. Ein erstaunlicher, ambitionierter Spielfilm mit vielen Assoziationen und Hintergedanken, der filmisch freilich nur phasenweise überzeugt.
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Le Redoutable

rbr. Garstiger Godard. Er gilt als Kinoikone, Guru der Filmemacher, gefeierter Regisseur der Nouvelle Vague: Jean-Luc Godard, schweizerisch-französischer Bürger und Linker, 1930 in Paris geboren. Michel Hazanavicius‘ Spielfilm «Le Redoutable» taucht in die Sechzigerjahre. Der ehemalige Filmkritiker Godard (Louis Garrel) hat als Regisseur internationalen Erfolg, etwa mit «A bout de souffle» (1960). Er radikalisierte sich Ende der Sechzigerjahre in Paris, schloss sich der Studentenrevolte an und nahm Distanz zu seinen «faschistischen» Filmen. Das mag gesellschafts- und filmhistorisch interessant sein, taugt aber wenig für einen Spielfilm wie «Le Redoutable». Im Mittelpunkt dieses «Porträts» stehen seine (weltfremde) Radikalisierung und sein Verhältnis zur jungen Schauspielerin Anne Wiazemsky (Stacy Martin), die er heiratete. Sie war mit ihm bis 1979 liiert. Sie dient ihm als Muse und schöner Schein. Als sie sich entschloss, in Italien wieder vor die Kamera zu treten, kam es zur Trennung. Godard vertrug es nicht, dass sich ein Mensch neben ihm selbständig machte – das assoziiert der Spielfilm von Hazanavicius («The Artist»). Die echte Anne Wazemsky arbeitete nach Godard u.a. mit Pasolini und starb Anfang Oktober 2017. Das Biopic, das auch als «urkomisch» (Le Point) und «humorvoll» (Tribune de Genève) gepriesen wird, ist alles andere: gekünsteltes Zeitbild und Porträt eines garstigen Godard (Retoutable – «Der Furchtbare, Furchterregende»), eines Revolutionärs, der den Mund (zu) voll nimmt und sich in seinen Theorien und Bildern verliert. Ein unsympathischer Mensch und Film.
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Borg/McEnroe
rbr. Feuer und Eis. Auch fast vier Jahrzehnte danach ist dieser Wimbledon-Final von 1980 bei Tennisfans präsent und in Erinnerung – Federer hin und Nadal her. Ein cleverer Marketing-Streich hat sich die Popularität der damaligen Helden und den Kinostart des Spielfilms «Borg/McEnroe» zunutze gemacht. Sozusagen Hand in Hand servierten Film und die damaligen Rasenhelden den jüngst lancierten Laver-Cup in Prag (europäische gegen amerikanische Tenniscracks) der Sportöffentlichkeit. Team Europa mit Chef Björn Borg gewann übrigens gegen die US-Gegner mit Kapitän John McEnroe. Das legendäre Final von Wimbledon 1980 ist Kern-, Brenn- und Zielpunkt der erwähnten, skandinavischen Produktion, inszeniert vom Dänen Janus Metz. Alles – Kindheit, Karriere, private Momente und sportlichen Ehrgeiz, Temperament, Marotten und Medienauftritte – dienen dazu, den Kultkampf auf Rasen anzuheizen und die Kontrahenten zu beschreiben, abzugrenzen und zu profilieren. Dabei war es dem Filmer wichtig, die Medienclichés vom Heissporn McEnroe und Eismann Borg, von Feuer und Eis aufzubrechen und zu hinterfragen. Das gelingt passabel bei Borg, der sein Temperament zügelte und in sich versenkte, weniger bei McEnroe, der sich austobte, rüpelte, aneckte, um dank seiner Wut neue Energie zu genieren. Die hier verfolgten Psychogramme sind nachvollziehbar, die Konfrontation der Rivalen, die in Respekt und Freundschaft mündete, fesselte ebenso wie der finale Showdown in fünf Sätzen, obwohl der bekannt ist. Dabei gebührt Sverrir Gudnason als kühler Borg, der innerlich brodelt, ein besonderes Kränzchen, nicht nur wegen der Ähnlichkeit. Shia LaBeouf als aggressiver McEnroe hat weniger Kontur und bleibt eindimensional, auch weil er weniger Präsenz im Film hat. Gleichwohl, das historisches Tennisdrama, leider oft nur mit spärlichen, schnell geschnittenen Ballwechseln auf dem Court bestückt, lebt von den Charakteren, inklusive Stellan Skarsgård als Trainer und väterlicher Berater. Kein Sportfilm, bei dem es um Gewinn oder Niederlage geht (die weiss man schon vorher), nicht um Service, Satz und Sieg, sondern um zwei prägende Köpfe der Tenniswelt – auch 37 Jahre nach ihrem legendären Kampf am und übers Netz ein spannendes Match im Kino.
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The Circle
rbr. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Sie ist ehrgeizig und frustriert am Arbeitsplatz im Callcenter. Mae, gespielt von Emma Watson («Harry Potter»-Reihe), kriegt die Chance, beim Internetgiganten «The Circle» einzusteigen. Naiv und gutgläubig erliegt sie den Avancen des Unternehmens und der charismatischen Ausstrahlung des Firmenchefs (Tom Hanks). Mae lässt sich freiwillig in ein totales Überwachungssystem einspannen. Sie ist beeindruckt von der Firma, vom Campus (gedreht wurde u.a. im kalifornischen Playa del Rey) mit all seinen  Freizeitmöglichkeiten und von den Ambitionen dieses expandierenden Technologieunternehmens. Sie wird schnell mit den Zielen des «Circle» vertraut gemacht, nämlich eine totale Community zu schaffen, und ist begeistert. Der Slogan «Etwas zu wissen ist gut. Alles zu wissen ist besser» klingt verführerisch und überzeugend. Es heisst aber auch «Sharing is Caring» (Teilen ist sozial) oder «Secrets are Lies» (Geheimnisse sind Lügen). Trotz Warnungen ihres Jugendfreundes Mercer (Ellar Coltrane) und Aufklärung durch den «Circle»-Insider Ty (John Boyega) ist Mae Feuer und Flamme für die globalen, auch politischen Ambitionen des Unternehmens. Erst recht, als «The Circle» ihren an MS erkrankten Vater (Bill Paxton, der im Februar tatsächlich verstarb) massiv unterstützt. Mae erklärt sich bereit, total transparent für alle zu werden. Das bedeutet, sie trägt Tag und Nacht eine Kamera auf sich, ist somit fast jederzeit unter Beobachtung aller. Die Kontrolle weckt weitere Begehrlichkeiten. Das Publikum fordert beim Programm «SeeChange», dass auch Maes Freund Mercer einbezogen wird, der mit sozialen Medien absolut nichts am Hut hat und sich versteckt hält. Mae erlebt ihr Waterloo.
«The Circle» gibt vor, den Menschen das Leben zu erleichtern – bis hin zu Wahlen, wenn er sich total eingibt und transparent wird. Das klingt verlockend, birgt aber die Gefahren der Manipulation, der Kontrolle und Abhängigkeit. Dave Eggers düstere Romanversion «The Circle» (2013) setzt Regisseur James Ponsoldt fürs Kino um und bemühte sich, möglichst viele Facetten des Romans zu erfassen. Mit Emma Watson in der Hauptrolle traf er eine gute Wahl, wenngleich man sich fragt, wie naiv und verblendet muss ein Mensch sein, um die Zeichen der Zeit, sprich des «Circle», nicht zu erkennen. Die laue Verfilmung beginnt stark, verliert dann aber an Spannung. Die Entwicklung ist vorhersehbar, die plötzliche grosse Wende und Entlarvung wirken künstlich und aufgesetzt. Gleichwohl animiert «The Circle», über unsere Social-World, die sozialen Medien und die Folgen nachzudenken, über die Macht von Facebook, Apple, Google und anderen.

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Paris Can Wait
rbr. Appetitliche Road-Romanze. Es gab einen biografischen Hintergrund: Eleanor Coppola konnte tatsächlich ihren Mann Francis Ford, ja der von «Apocalypse Now» oder «The Godfather (Der Pate)», wegen Ohrenschmerzen nicht folgen und fuhr mit einem französischen Begleiter von Cannes nach Paris. Aus dieser netten Episode entwickelte sie die Geschichte einer Roadromanze, wobei sie den französischen Charmeur Jacques mehr oder weniger dazu dichtete und idealisierte. Ihr Mann, Kultregisseur Coppola, hatte sie animiert, den Film selber zu inszenieren, ihren ersten Spielfilm mit 80 Jahren! Annie Lockwood (grandios attraktiv und nuanciert von Diane Lane gespielt) mag ihrem Mann Michael (Alec Baldwin) von den Filmfestspielen in Cannes nicht nach Budapest folgen und nimmt die Einladung des Geschäftspartners Jacques (Arnaud Viard) an, sie nach nach Paris zu chauffieren. Annie, von Jacques charmant als «Brulée» im Zuge ihrer kulinarischen Eskapaden bezeichnet, blüht auf. Denn Schwerenöter und Gourmet Jacques hat nichts anderes im Sinn, als sie mit Gaumenfreuden zu verwöhnen, mit Rosen zu betören und zu bezirzen. Das irritiert sie und schmeichelt ihr, die im Schatten ihres umtriebigen Produzentenmannes darbt. Die Reise von Cannes durch Lavendelfelder nach Lyon (Filmmuseum) und Vézelay (Kathedrale) im Burgund zieht sich in die Länge. Paris kann eben warten, wenn man sich näher kommt. – Diese Road-Romanze, gespickt mit allerlei kulinarischen Intermezzi (sehr appetitanregend!), entwickelt sich zum liebenswürdigen Pax-de deux, das sehr elegant und beseelt, ohne plumpe Anmache oder Sex auskommt. Das wohltemperierte Rendezvous in Etappen ist ein verschmitztes Techtelmechtel zwischen einem Arnaud Viard als gewieften, nicht immer durchschaubaren Verehrer und Verführen Jacques und Diana Lane als Frau, die neue Lebenslust erfährt.
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Ava
rbr. Bevor es dunkel wird… Die Konstellation ist ungewöhnlich: Die 13-jährige Ava erfährt in den Ferien (warum eigentlich ausgerechnet in den Ferien?), dass sie erblinden wird. Der letzte Sommer mit Freude und Farben am Meer? Ihre Mutter Maude (Laure Calamy) will alles recht machen und ist überfordert. Ava findet einen Hund, an dem sie sich klammert, und dessen Besitzer, den jungen Roma Juan (Juan Cano), der sich am Strand versteckt hält. Sie hängt sich an den Aussenseiter auf der Flucht, bildet mit ihm eine Art Bonnie & Clyde am Strand und macht ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Die 28jährige Filmemacherin Léa Mysius inszenierte eine wilde Romanze um ein Mädchen, das sich nochmals richtig austoben, das Leben schmecken will bevor… ohne Rücksicht auf Verluste. In der Darstellerin Noée Abita fand sie die ideale «Partnerin». Diese überzeugt, die Story hingegen weniger. Léa Mysius, die wesentlich fürs Drehbuch verantwortlich war, packte zu viel in ihr Teenagerdrama – hier Coming-of-Age-Aspekte, Familien- und Ethnoprobleme, dort tragische Perspektiven und traumatische Gangsteranleihen.
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Victoria & Abdul
rbr. Wenn die Queen mit einem Inder… Indien, Agra 1887. Seit 50 Jahren herrscht Queen Victoria als Königin des Vereinigten Königreichs von Grossbritannien und Irland, seit 1876 auch als Kaiserin über Indien. Zum Goldenen Thronjubiläum sollen auch indische Bedienstete in Erscheinung treten und eine Auszeichnung überreichen. Ausgewählt werden u.a. Abdul Karim (Ali Fazal) und sein Kollege Mohammed. Der attraktive Abdul, verheiratet, wird von Hofpomeranzen eingeschärft, der Königin nur unterwürfig gegenüberzutreten und jeden Augenkontakt zu vermeiden. Doch der indische Diener erregt die Aufmerksamkeit der alten Herrscherin, die dazumal bereits 78 Jahre alt ist, gewinnt ihr Vertrauen und wird zum «Munshi», zum persönlichen Lehrer und Sekretär ernannt. Er bringt der Königin das gehobene Indisch «Urdu» bei, wird Gesprächspartner und Reisebegleiter, so auch nach Florenz, wo ihnen Komponist Giacomo Puccini («Manon Lescaut») seine Aufwartung macht. Das (platonische) Verhältnis zwischen Queen und ihrem Vertrauten Abdul wird erschüttert, als sie erfährt, dass er Muslim ist und in Indien gegen sie opponiert wird. Diese Begegnung ist historisch, wurde aber totgeschwiegen und historisch gelöscht durch Thronfolger Bertie, Prince of Wales und König Eduard VII. ab 1901. Basierend auf dem Roman «Victoria & Abdul: The True Story oft he Queen’s Closest Confidant» von Shrabani Basu, entfaltete Stephen Frears ein historisches Schaustück mit illustren Schauplätzen, üppigen Kostümen, Intrigen und intimen Momenten, Geschichtsunterricht gibt’s gratis dazu. Der Hofstaat und seine Akteure, Rituale und Regeln muten fremd und teilweise komisch an. Doch lassen sich die ironischen Anspielungen auch auf unsere Zeit münzen. Macht und Mensch, Manipulation und Machenschaften, egal in welcher Kostümierung, in welcher Zeit, sind übertragbar und aktuell. Der Clou in diesem schillernd-pompösen, menschlichen, allzu menschlichen Kostümschinken ist eine Frau, und zwar Judi Dench (bekannt als «M» in sieben Bond-Streifen) als Queen Victoria, die sie übrigens bereits 1997 in «Mrs Brown» verkörperte, wo die Königin ein Verhältnis mit dem schottischen Diener John Brown pflegte. Die grandiose Dench ist jetzt wieder im Gespräch für einen Oscar.
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PORTO
I.I. Ein romantisches Drama, das mit Zeitsprüngen und visuellen Experimenten fasziniert. In Porto, der historischen portugiesischen Hafenstadt mit ihrer mysteriösen, morbiden Atmosphäre, begegnen sich der junge US-Amerikaner Jake (Anton Yelchin) und die Französin Mati (Lucie Lucas). Beide fühlen sich etwas fremd in der Stadt und sind auf der Suche nach Kommunikation und Abenteuer. Die Sehnsucht nach Liebe und die romantische Atmosphäre Portos tragen dazu bei, dass sie sich Hals über Kopf ineinander verlieben, nachdem sie sich zufällig in einer archäologischen Ausgrabungsstätte und kurz darauf in einem Café begegnet sind. Mit Blicken, Gesten und Worten schaffen sie eine geheimnisvolle und unauflösbare Verbindung. Die Zeit scheint still zu stehen. Doch obwohl ihre Beziehung nicht länger dauert als eine  leidenschaftliche Nacht in Porto, prägt es sie für immer. Die gemeinsam verbrachten Stunden, die in gleichen Teilen schmerzhafte wie glückliche Erinnerung daran, wird beide für immer begleiten. Für den amerikanisch-brasilianischen, in New York lebenden Regisseur Gabe Klinger (Star Trek, Only Lovers left alive) ist Porto der erste Spielfilm, den er selbst inszenierte. Zuvor hatte Klinger die Dokumentation Double Play: James Benning and Richard Linklater gedreht und dafür beim Filmfestival in Venedig 2013 einen goldenen Löwen in der Kategorie «Beste Dokumentation» gewonnen. Für die Realisierung von Porto verwendete er drei Zeitepochen, drei verschiedene narrative Herangehensweisen und drei ästhetisch unterschiedliche Bildformate (8 mm, 16 mm und 35 mm). Das Liebesdrama war einer von Anton Yelchins (Like Crazy, Star Trek: into Darkness) letzten fertiggestellten Filmen vor dem tragischen Unfalltod des begabten Schauspielers im Juni 2016. Der Film wurde unter anderem von Jim Jarmusch (Down by Law, Stranger than Paradiese, Broken Flowers) mitproduziert.
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My Cousin Rachel
rbr. Im Bann einer Frau. Ihr Name ist mit Altmeister Alfred Hitchcock verbunden, er verfilmte ihr Buch «Rebecca» 1940 und ihre Kurzgeschichte «Die Vögel» 1963. 1951 erschien ihr Roman «Meine Cousine Rachel», ein Jahr danach verfilmte Henry Koster den Stoff mit Olivia de Havilland und dem jungen Richard Burton. Und nun hat sich Regisseur Roger Michell («Notting Hill») des Melodrams von Daphne du Maurier angenommen. Alles dreht sich um die Frage: War sie die böse Drahtzieherin, die Giftmischerin, die Erbschleicherin, die Männer um den Finger wickelt und verschlingt? Rachel (Rachel Weisz) war der Traum, die Erfüllung und Gemahlin vom Engländer Ambrosio in Italien, der aus gesundheitlichen Gründen in Florenz sein Heil suchte. Fragmente seines Hilferufs erreichten Philip (Sam Claflin) in Cornwall, doch dann starb der Cousin, der für Philip wie ein Vater war. Er misstraut der schönen, geheimnisvollen Rachel, verdächtigt sie und erliegt ihrem Charme, als sie nach England kommt, um ihr Erbe anzutreten. Der junge Gentleman liefert sich ihr aus, ist bereit, alles für sie zu geben, sie zu heiraten. Rachel Weisz findet als Rachel die Balance zwischen verführerischer Weiblichkeit und durchtriebenem Eigensinn, spielt mit der Ambivalenz als Geliebte und auf sich gestellte Witwe. Kein Wunder wirkt Sam Claflin als Philip blass, naiv und verführt-verwirrt. Die historische Romanze mit düsteren Beigeschmack ist ein schönes altbackenes Liebesdrama im britisch-eleganten Landdekor.
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Logan Lucky
rbr. Underdogs im Untergrund. Steven Soderbergh, der um 2013 seinen Abschied vom Kino verkündet hatte, ist zurück und schlug gleich mehrere Schnippchen. Er umging die grossen Produktionsstätten und finanzierte sich selber – mit dem Vorverkauf der internationalen Verleihrechte und Rechte für den Home-Entertainment-Markt. Die Kinoeinnahmen gehen direkt an Soderbergh und seine Mitarbeiter, die an den Gewinnen beteiligt wurden. Ausserdem knüpft er in gewisser Weise an die Erfolge der «Ocean’s 11»-Reihe an (die er selber 2001, 2004 und 2007 inszeniert hatte). Doch diesmal sind es keine gediegenen Gangsterprofis, die auf Raubzug sind, sondern Underdogs und Verlierer. Eine Ausnahme im Logan-Team bildet der eingelochte Panzerknacker Joe Bang (007-Daniel Craig). Das Brüderpaar Jimmy (Channing Tatum) und Clyde Logan (Adam Driver) sowie Schwesterherz Mellie (Riley Keough) krampfen auf der Schattenseite des Lebens, der eine (Clyde) als einarmiger Barkeeper, der andere als Bauarbeiter. Und diese beiden Looser entwickeln einen Plan, um grosse Kasse zu machen beim Charlotte Race Track in Carolina, eine Art 24-Stunden-Rennen von Le Mans, aber eben in Amerika. Sie wollen den Tresorraum knacken, in dem die Dollar-Einnahmen via Rohrpost gesammelt (eingepustet) werden. Und so kommen der blonde Safe-Experte Bang, der freilich erst aus dem Knast geholt werden muss, und seine schrägen Brüder Fish (Jack Quaid) und Sam (Brian Gleeson) ins Spiel. Akribisch werden Knastaktionen (Zuchthaus-Revolte), Wege, Verkleidungen, Einbrüche und Flucht geplant. Natürlich geht der Raubzug nicht problemlos im und unterm Stadion ab, aber… Doch die Enttäuschung ist riesig, als der Polizei das Versteck der Millionen-Beute verraten wird. Doch auch damit ist die FBI-Agentin Sarah (Hilary Swank) nicht zufrieden…
Einen kolossalen Gaunerspass rollt Soderbergh ab, nicht immer schlüssig und realistisch, aber amüsant und spitzbübisch von der ersten bis zur letzten 119. Minute. Er entführt uns in eine Zeit, als John Denver und sein «Country Road»-Hit, Bob Seger und seine Silver Bullet Band im Äther dudelten, als Solidarität und Brüderlichkeit noch Wert besassen und kein Trump weit und breit zu sehen war, der Werte abschafft und sich mächtig aufplustert. Soderbergh zettelte eine stimmige Posse an – mit vielen Anspielungen, witzigen Dialogen und Details bis hin zur Armprothese mit Bierkrug.
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The Promise
rbr. Melodram und Völkermord an Armeniern. Der türkische Präsident Erdogan und Konsorten dürften alles andere als erbaut sein und Gift und Galle spucken angesichts des Kino-Dramas um den armenischen Genozid 1914/16, der von offizieller türkischer Seite bis heute geleugnet wird. Der irische Filmer Terry George («Hotel Ruanda») hat vor dem historischen Hintergrund – Erster Weltkrieg und Verfolgung der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich – ein monumentales Liebesdrama inszeniert (Kosten: 90 Millionen Dollar, wohl finanziert durch den armenischen Multimillionär Kirk Kerkorian). – Der angehende Medizinstudent vom Lande, Michael (Oscar Isaac), kommt in Konstantinopel bei seinem Onkel unter, lernt den US-Reporter Chris Myers (Christian Bale, «Batman») und dessen attraktive Partnerin Ana (Charlotte Le Bon) kennen. Man sieht es kommen: Michael, zwecks Studienzwecken mit einer Mitgift seitens der Eltern seiner Verlobten ausgestattet, verliebt sich in Ana. Chris, liiert mit der Armenierin, spürt, dass sein Freund und seine Freundin Gefallen aneinander finden, doch (momentan) überwiegt sein journalistischer Ehrgeiz, die Welt über Massnahmen der türkischen Regierung aufklären. Diese hetzt ihre Soldaten auf die armenische Bevölkerung, lässt sie verfolgen, vertreiben, versklaven und will sie letztlich vernichten. Ein Geschichtsvorfall 20 Jahre vor der jüdischen Verfolgung durch die Nazis. Besagter US-Reporter wird übrigens verhaftet und der Spionage bezichtigt – eine Begebenheit, die fatal an Massnahmen des heutigen Erdogan-Regimes erinnert. Terry George (Drehbuch und Regie) vertraut darauf, sein an Kitsch grenzendes Melodrama durch die mörderischen Geschehnisse dramatisch zu erhöhen. Es wird einem freilich eher unbehaglich bei dieser Lovestory zu dritt, der tragischen Verkettung von Gefühlen, Gefahren und Genozid. Vor allem in der zweiten Hälfte des 134-Minuten-Epos werden die Gegensätze extrem – zwischen schmalzigen Liebesszenen und brutalen Aktionen türkischer Verfolger, Romanze und Kampf ums Überleben. Die todtraurige Bilanz kann auch durch armenische Überlebenskraft und –glaube nicht gemildert werden. Am Ende feiern die wenigen Überlebenden, signalisieren Hoffnung, aber…
Erwähnt sei gegen Filmende eine Rettungsaktion durch ein französisches Kriegsschiff am Berge Musa Dagh (Mosesberg) 1915 in der Südosttürkei – unter Leitung eines Admirals, verkörpert durch Jean Reno. Hierbei sollen tatsächlich 4000 Menschen gerettet worden sein. Georges hochdramatisches Kinowerk ist gut gemeint, erinnert und gemahnt an die erste ethische Säuberung im 20. Jahrhundert. 1,5 Millionen Menschen sollen im Zuge dieses Völkermordes umgekommen sein. Ergebnis und Kinoerlebnis sind indes fragwürdig zwiespältig. Nüchtern betrachtet, erreicht «The Promise» nicht die Wucht und Faszination eines Films wie «Dr. Schiwago» oder «Vom Winde verweht».

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Rodin
rbr. Der Berserker unter den Bildhauern. Paris 1880. Einblick ins Atelier: Ein Holzgerüst wie ein Tor, bestückt mit einzelnen Figuren. Der Bildhauer Auguste Rodin hat vom französischen Staat den Auftrag erhalten, ein Bronzetor für das Musée des Arts Décoratifs in Paris zu entwerfen und zu realisieren: «Das Höllentor». An diesem Werk arbeitet er bis zu seinem Tod 1917. Es wurde an die Fassade des Zürcher Kunsthauses angegliedert, seit 1949 angegliedert, ist eines von acht gegossenen Exemplaren weltweit. Immer wieder beobachtet die Kamera (Christophe Beaucame), wie Rodin formt, verwirft, verändert, wie er den Figuren, animiert von Dantes «Göttliche Komödie», Gestalt gibt. Sie wirken oft grob, ungehobelt, unvollendet. Auf Schönheit kam es ihm nicht an, für einmal trifft das Wort Bildhauer haargenau. Seine jahrelange Auseinandersetzung mit der Gestaltung des Balzac-Monuments, das die Auftraggeber als zu nackt, grob und garstig empfanden, ist ein Thema des Spielfilms von Jacques Doillon. Am Ende erleben wir, wie diese mächtige Statue in Japan heute von Kindern berührt, besehen wird.
«Rodin», der Film, ist kein Biopic, kein umfassendes Porträt, eher eine punktuelle Werk- und Menschenschau. Wir schauen dem Bildhauer quasi über die Schulter, wenn er die zahllosen Nacktmodelle in Pose setzt, zeichnet. Wir erleben, wie er begehrt, sich mit Modellen vergnügt, aber auch wie er mit der Schülerin, dann Assistentin, dann Geliebten Camille Claudel (Izïa Higelin) umgeht, sich ihrer bedient und sie liebt – auf Zeit. Der «Schöpfer» Rodin ist, menschlich gesehen, ein Mann und Monster, nicht gerade sympathisch, in Doillons kernigem Künstlerbild fürs Kino.
Zwei Frauen trugen sein Leben mit: die Geliebte Claudel, die ihm gleichwertig war und sich künstlerisch nicht von ihm lösen konnte (1983 bis 1993), und Rose Beuret (Séverine Caneele), die dralle, bäuerische Lebensgefährtin, die ihm trotz all seiner Affären treu blieb und die er 1917 heiratete. Beide darbten im Schatten Rodins.
Camille Claudel diktierte Rodin einen Partnerschaftsvertrag, den er jedoch nie einhielt. Sie trennte sich 1893 von ihm («Ich lasse mich von dir nicht mehr aussagen»). Der Rest ihres Lebens (bis 1943) war einzige Krise, sie litt an psychischen Erkrankungen, verbrachte die 30 letzten Lebensjahren in psychiatrischen Anstalten. Doch diese Fakten sind kein Thema für den behäbigen, etwas langatmigen «Rodin»-Film, er konzentriert sich auf den Wegbereiter der modernen Bildhauerei und Skulpturen. Vincent Lindon verkörpert ihn wuchtig, kolossal körperlich. Erwähnt sei noch, dass Zeitgenossen wie der Dichter Rainer Maria Rilke (Anders Danielsen Lie), der Schriftsteller Victor Hugo (Bernard Verley), die Maler Claude Monet (Olivier Cadiot) und Paul Cézanne (Arthur Nauzyciel) Kurzauftritte haben.
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The Wound
rbr. Männlichkeitsritual. Südafrika heute. Junge Männer lassen sich freiwillig auf ein traditionelles Beschneidungs- und Mannbarkeitsritual (Ukwaluka) ein, in einem Waldcamp abseits urbaner Zentren. Dieser Initiationsritus dauert mehrere Wochen, ausgeübt vom Stamm der Xhosa. Am Ende soll der Jüngling zum Mann «gereift» sein und «geadelt» werden. Lagerist Xolani aus Johannesburg nimmt seit Jahren als Mentor (Khankathas geheissen) teil, diesmal soll er den rebellischen Kwanda leiten und begleiten, der im Grunde wenig mit dieser Tradition anfangen kann. Der «Zögling» entdeckt dann, dass sein Mentor nur dabei ist, um Vitcha, einen anderen «Begleiter» wiederzusehen, den er liebt. Doch Vitcha ist verheiratet. Der Konflikt schwelt, und der junge Kwanda schürt das Feuer. John Trengoves Erstlingsfilm über Tabus der südafrikanischen Kultur beeindruckt. Seine intime Schilderung eines überholten Männlichkeitswahns (Frauen kommen nicht vor, höchstens am Rande als Heimkehrkulisse) ist gleichzeitig ein homosexuelles Outing-Stück – rau und auch zärtlich. Angst vor Entdeckung und ungestillte Liebe – wer findet Kraft, sich zu bekennen und sich zu offenbaren? Ein intimes Drama über einen schwelenden Konflikt, eine offene Wunde und eine gespaltene Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne, über Selbstfindung und Wahrheit.
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Trading Paradise
rbr. Paradies für Rohstoffgiganten. Zu einem grossen Teil, nämlich 60 Prozent des Metallhandels, 35 Prozent des Erdöl- und Getreidehandels weltweit werden über die Schweiz koordiniert und abgewickelt. Zwei der grössten Akteure hat der Filmemacher Daniel Schweizer («Dirty Gold War», «Dirty Paradise») aufs Korn genommen: Rohstoff-Handelsriese Glencore (Baar, ZG), und den brasilianischen Bergbaugiganten und Rohstoffkonzern Vale (St-Prex, VD). Filmer Daniel Schweizer und seine Crew begnügten sich nicht mit Fakten und Zahlen, sondern gingen vor Ort – in die Anden nach Peru, nach Sambia in Afrika und Brasilien. Soweit man konnte und durfte, drang man in Abbaubereiche vor, befragte Einwohner in der Nachbarschaft der gewaltigen Bergbauareale. Landschaften veröden, das Grundwasser wird verschmutzt, beispielsweise in Peru, Schwefeldioxid bedroht die Anwohner in Sambia. Das Filmteam wurde von Sicherheitsleuten gebremst. «Der Dreh bei der Abbaustätte war sehr kompliziert, denn private Firmen überwachten die nahe Umgebung. Sehr oft kam es vor, dass wie befragt wurden und dass man uns am Filmen hinderte», berichtet Daniel Schweizer. «Das Schlimmste waren die indirekten Bedrohungen gegenüber unseren lokalen sambischen und peruanischen Mitarbeitern…Die Tatsache, dass wir mit Kameras in diese Gebiete kamen, beunruhigte sowohl die Behörden wie auch die Sicherheitsfirmen.»
Schweizer lieferte Bestandaufnahmen vor Ort, garniert mit Statements etwa von Dick Marty, ehemaliger Staatsanwalt, vom Politiker Jean Ziegler, Vizepräsident des UNO-Menschenrechtsausschusses. von Ivan Glasenberg, CEO Glencore, und anderen Protagonist, so auch Bemerkungen einiger Politiker, die 2015 ins kolumbianische El Cerrejon reisten, um Tageabbauwerk (Steinkohle) zu besichtigen und allfällige Umweltschäden anzuprangern. Doch das sind Tropfen auf einen heissen Stein, praktisch wirkungslos. Schweizer dokumentierte eindrücklich in seinem Film, wesentlich mitgetragen vom Migros Kulturprozent, den gigantischen Rohstoffabbau und die Folgen für Mensch und Umwelt. Welche Rolle die Schweiz als steuergünstiger Standort solcher Grossunternehmen weiterhin spielt, welchen gesetzliche Vorteile Glencore & Co geniessen und halten, kann man nur erahnen. Hier weist der engagierte Dokumentarfilm «Trading Paradise», mit dem Schweizer seine Trilogie abschliesst, Lücken. Während sich Glencore zu Erläuterung durch CEO Glasenberg bereitfand, verschloss sich Val gänzlich und schottete sich ab. Kein gutes Zeichen. Schweizers Film ist keine Kampfansage, sondern nur eine Ermahnung im Sinn von «Gelbe Karte». Nicht die Schliessung der Bergbauwerke ist das erklärte Ziel des Films, sondern Beachtung der Menschenrechte, der Schutz der Bevölkerung und Schonung der Umwelt. Es ist zu befürchten auch nach Lektüre des Films, dass Profit wird wohl weiter über Verantwortung gesetzt wird.
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Mary’s Land
rbr. Maria hilft! Eine Reise von Valencia und Bogotà über Salvador (Mexiko) und Panama City nach Las Vegas und Mostar in Bosnien-Herzegowina. Juan Manuel Cotelo (Regie, Buch) schickt einen «Agenten» als Advocatus Diaboli auf göttliche Erkundung. Cotelo selbst verkörpert den Gotteszweifler. Er begegnet dem Krankenpfleger Salvador in Mexiko, der Prostituierten Rosenkränze und Marienbildrechen schenkt, Pater Francesco in Panama City, der missbrauchte und vernachlässigte Kinder betreut. Dr. John Bruchalski, der vormals unzählige Abtreibungen vorgenommen hatte, vollzog eine Kehrtwendung und gründete eine Klinik in Virginia gründete («God’s Mercy») – Gott sei Dank! Der an MS erkrankten Revuestar Lola Falana schöpft neue Marien-Hoffnung. Die 17jährige, ehemals querschnittgelähmte Silvia Buso führt ihn schliesslich auf den Berg Križevac in Bosnien-Herzegowina, wo sie wundersame Heilung erfuhr – dank der Mutter Gottes. Der Marien-Wallfahrtort heisst Medjugorje und ist unter Gläubigen so bekannt wie Lourdes. Der Vatikan bezweifelt freilich die 46000 Marienerscheinungen und hat sie (noch) nicht anerkannt. Diesem heiligen Gnadenort kann sich freilich auch des Teufels Advokat nicht entziehen. – «Mary’s Land» ist ein Unikum, mixt Rahmenhandlung und Recherchen des Agenten/Cotelos, Off-Kommentare mit wahrhaftigen Statements, An- und Einsichten des Advocatus mit flammenden Appellen der Marienverehrer. Das ist witzig, überraschend, frag- und denkwürdig zugleich. Ein Besuch Cotelos in Medjugorje war übrigens der Auslöser für «Mary’s Land». Die Marienverehrung steht nur scheinbar im Vordergrund, dem gläubigen Cotelo geht es vor allem um die Kraft des Betens und Glaubens, um Weg und Kommunikation zu Gott via Maria. Sein Zweistunden-Film dürfte primär (katholische) Gläubige ansprechen. Er entstand bereits 2013 und wurde in 25 Ländern gezeigt.
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Atomic Blonde

Die erste Einstellung in David Leitchs fulminanter Verfilmung der Graphic Novel «The Coldest City» (2012) von Antony Johnston & Sam Hart. Eiskalt ist denn auch die Agentin Lorraine Broughton, die ihren geschundenen Leib nach einem Einsatz abkühlt. Sie räumt ab und auf – im düster pulsierenden Berlin im Herbst 1989. Die Mauer ist noch nicht gefallen. Das DDR-Regimen liegt in letzten Zügen, der eiserne Vorhang ist löchrig geworden. Die britische M16-Geheimagentin soll die brisante Liste der britischen Agenten wiederbeschaffen, die einem (toten) Kollegen abhandengekommen ist, und einen Doppelagenten enttarnen. Ihren blutigen Berlin-Einsatz mit unzähligen Toten und «Beschädigten» soll sie nun vor ihren Vorgesetzten Gray (Toby Jones) und dem CIA-Chef (John Goodman) erklären und rechtfertigen. Ihre gnadenlosen Aktionen werden also rückblickend geschildert. Es geht verwirrend zu und her. Niemandem ist zu trauen weder dem Berlinkenner und Kontaktmann David Percival (James McAvoy) noch der französischen Agentin Delphine (Sofia Boutella), mit der sie eine sexuelle Liaison eingeht. Wer ist Freund, wer Feind – am Ende muss Loraine für sich selber schauen und ihre Schäflein ins Trockene bringen. Charlize Theron («Monster», «Mad Max: Fury Road») war selber Stuntfrau in diesem 30-Millionen-Actionthriller, der vom ausgewiesen Stuntexperten David Leitch inszeniert wurde. Und sie kommt nicht ohne Schrammen und Blessuren davon (auch nicht beim Dreh), aber etwas bleibt quasi unangetastet, ihre blonde Haarpracht, welche die FAZ am Sonntag-Autorin Julia Dettke zu einer Hymne auf «Magie in Platinblond» animierte. Auch wenn sich die Zeiten – Berlin vor dem Mauerfall und heute – vermischen, der Soundtrack mit David Bowie, Falco und Nenas englischen «99 Luftballon»-Fassung nicht gänzlich überzeugt und der ganze Agentenkrieg zunehmend undurchsichtig wird, packt dieses hochstilisierte Actionspektakel eben dank einer unwiderstehlichen Charlize Theron als Agentin, welche die alten Bond-Helden Connery oder Brosnan eiskalt abserviert. Im Vergleich zu «Atomic Blonde» sind die alten 007-Abenteuer ein Kinderspiel. Dass Til Schweiger übrigens als Uhrmacher und Mittelsmann fungiert, fällt dabei nicht sonderlich auf
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The Death & Life of Otto Bloom
rbr. Zeit rückwärts gelebt. Mal stelle sich vor: Ein Mann erlebt die Zeit rückwärts. Das bedeutet: Er erinnert sich an die Zukunft, vergisst aber das gerade Erlebte. Er weiss um die Zukunft, kann sie aber nicht verändern. Otto Bloom (Xavier Samuel) ist der «Mann ohne Vergangenheit» (so die erste Kapitelüberschrift). Die Neuropsychologin Ada Fitzgerald (Rachel Ward) nimmt sich des aussergewöhnlichen Menschen an, verliebt sich, wird verlassen und stösst in ihrer Vergangenheit auf ebendiesen Otto Bloom. Die junge Ada wird übrigens von Wards Tochter Matilda Brown verkörpert. In sieben Kapiteln wird das Schicksal, die Karriere dieses «phantastischen» Zeitreisenden aufgeblättert – über «Berühmt wider Willen» und «Messias Komplex» bis zum «Einsiedler». Der australische Autor und Regisseur Cris Jones spielt mit dem Gedanken, dass Zeit eine Illusion sei und beruft sich auf einen Brief Albert Einsteins. «Wenn die Vorstellung, dass wir uns vorwärts durch die Zeit bewegen, bloss eine Illusion ist, ein Produkt des menschlichen Bewusstseins», meint der Filmer, «was wäre dann, wenn es eine Person gäbe, welche die gegenteilige Illusion erlebt und sich rückwärts durch die Zeit bewegt?» Eine faszinierende Idee, die Jones im Dokumentarstil umsetzt. Und es verbirgt sich noch mehrdahinter, nämliche eine aussergewöhnliche Liebesgeschichte. Sehenswert und denkwürdig.

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Ce qui nous lie
rbr. Der Wein und der Wind. Der Franzose Cédric Klapisch führt uns mit seiner Weisreise ins Weinland Burgund. Eine simple Geschichte mit viel Verständnis und Liebe zum Wein und Weinanbau. Für ihn ist Wein eine Kulturfrage, mit der er gleichzeitig eine Familiengeschichte und das Vermächtnis seines Vaters verknüpft. Klapisch: «Es war mir bewusst, dass mein Vater diese Weinkultur und dieses Interesse am Burgund weitergegeben hatte. Der Wein stand für mich deshalb ziemlich schnell in Verbindung mit der Idee der Weitergabe.» Im Mittelpunkt stehen drei Geschwister, die das Erbe ihres Vaters antreten sollen: Juliette (Ana Girardot) arbeitet auf dem väterlichen Weingut und hat die Leitung nach dem Tod des Vaters übernommen. Ihr Bruder Jérémie (François Civil) steht ihr zur Seite, ist aber bei seinem Schwiegervater, ebenfalls Weinbauer, involviert. Jean (Pio Marmaï) hat das Gut vor zehn Jahren verlassen, lebt in Australien und kehrt nun zurück – auf Zeit. Der Vater hat verfügt, dass sein Weingut nicht geteilt werden darf. Die Geschwister versuchen sich zu finden, müssen sich entscheiden: Treten sie das Erbe an und wie? Im Laufe eines Weinjahres kristallisiert sich heraus, wie stark die Familienbande sind, wer die Tradition weiterführt. Der Spielfilm ist eine Ode an den Weinbau und bietet intime Einblicke in die Weinproduktion und –philosophie, sehr dokumentarisch. Die Kamera führte Alexis Kavyrchine, der über ein grosses Knowhow im Dokumentarfilm verfügt. Gedreht wurde zwischen Puligny-Montrachet, Chassagne-Montrachet und Meursault. Gleichzeitig erzählt der Film mehrere Liebesgeschichten und beschreibt sympathisch die Selbstfindung junger «weinseliger» Menschen.

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À bras ouverts – Hereinspaziert!

rbr. Zirkus um Roma. Die Macher von «Monsieur Claude und seine Töchter» meinten wohl, sie hätten das Publikum im Sack, wenn sie auf ähnliche multikulturelle Sympathietour weitermachen würden. Doch was Regisseur Philippe de Chauveron und sein Komödienstar Christian Clavier mit «Hereinspaziert» bieten, ist unterste Schublade. Ihr Film verdient nicht einmal den Begriff Schwank. Die gebotene Schmierenkomödie mag es vielleicht gutmeinen, indem der linksintellektuelle Autor Fougetolle (Clavier), bei einer TV-Diskussion vom Konkurrenten in die Enge getrieben, «notleidenden» Roma Standplatz und letztlich Heim bieten will. Und dann stehen sie vor dem Villentor, die Roma-Familie Babik. Die Hausherrin (Elsa Zylberstein, arg aufgetakelt) bietet notgedrungen Hand, der Sohn verliebt sich in eine hübsche Roma und der Patron (Ary Abittan) des Roma-Clans macht sich samt seiner Familie auf dem Anwesen des betuchten Schriftstellers breit. De Chauveron und sein Team lassen kein Klischee aus, um diese Sozialfarce auf Lustigkeit zu trimmen. Der Humor erweist sich leider als abgedroschen – von biederen Musikeinlagen, Techtelmechtel bis zu schweinigen Zwischenspielen und Hallodrio-Klamauk. Die vermeintlich gute Absicht, Offenheit, Toleranz und Abbau von Vorurteilen aufzumischen, wird von Überschwank und tollpatschiger Witzigkeit estickt. Der unsägliche Film ärgert und erweist sich nur als dick aufgetragene Klamotte.

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Aurore

rbr. Mutlos in der Menopause. Es gibt Filme mit guter Absicht, die lustig sein wollen, sich aber im Stil und Ton vergreifen wie die französische Produktion «À bras ouverts – Hereinspaziert!». Und solche, die lustig und lebensfroh daherkommen und ernst zu nehmen sind wie die wunderbare französische Komödie «Aurore». Eine Frau um die 50, Aurore (Agnès Jaoui) eben, Mutter zweier Töchter, alleinstehend und arbeitslos, kämpft nicht nur gegen Wallungen, sondern auch gegen Erfolgs- und Arbeitslosigkeit. Die jüngste Teenager-Tochter Lucie (Lou Roy-Collinet) verlässt die Mutter wegen einer Liebschaft. Die ältere Marina (Sarah Suco) ist schwanger, und ihre alte Liebe aus der Jugend, Totoche (Thibault de Montalbert), die Aurore zufällig nach Jahrzehnten wiedertrifft, will nicht (wieder) anbeissen. Die dralle, angehende Seniorin Aurore, von Hormonen geschüttelt, von Patrons und Amtspersonen geplagt, einsam und gebeutelt, hangelt sich durchs Leben und die Menopause. Die Wechseljahre, nicht nur medizinisch gemeint, setzen ihr grausam zu, da kann sie auch die fidele Freundin Mano (Pascale Arbillot) nur punktuell ermuntern. Trotz düsterer Altersperspektiven erscheint Licht am Horizont, dafür sorgen nicht nur eine Seniorinnen-WG, sondern auch – oh Wunder! – Mannsbilder. Autorin und Regisseurin Blandine Lenoir hat einen herzerfrischenden, lustigen und lebensbejaenden Film geschaffen, gedreht in der Provinz (La Rochelle, in der Region Nouvelle-Aquitaine). «Aurore» ist wunderbar weiblich, sinnlich und besinnlich. Ein Plädoyer für weibliche Solidarität und männliche Einsicht.

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Flitzer
rbr. Schwitzen vorm Flitzen. Mit dem Vorurteil, Flitzen sei kein Sport, räumt Peter Luisis Komödie gründlich auf. Im Gegenteil, richtige Flitzer planen, trainieren und schlagen dann erst ihre Harken. Die Idee, im Adams- oder auch Evakostüm über den Rasen eines Fussballfeldes zu joggen und den Häschern des Sicherheitsdienstes möglich lang zu entkommen, entwickelt der Deutschlehrer Balz Näf (Beat Schlatter) weiter und vermarktet sie professionell. Zusammen mit seinem albanischen Coiffeur und Wettkumpan Kushtrim (Bendrit Bajira) ziehen sie ein Wettgeschäft in Baden auf: Wie lange kann sich ein Flitzer auf dem Fussballfeld inmitten der Kicker halten, bis er eingefangen wird? Und wie kam es dazu? Balz, Gottfried-Keller-Verehrer und Museumsinitiant, netter Kerl und Vater einer schnippischen Teenie-Göre (Luna Wedler, jetzt auch in «Blue My Mind» zu sehen), wird seines Kapitals für ein Keller-Museum, das er in drei Jahren zusammengetragen hat, von der Lehrerschaft «beraubt». Die lieben Kollegen und Kolleginnen wollen die 270 000 Franken lieber in einen von der Fifa verifizierten Kunstrasen investieren. Um seinem geliebten Dichter gleichwohl eine Gedenkstätte einzurichten, verzockt der Keller-Kenner das Geld bei einer Wette. Infolgedessen hat er einen Bauunternehmer samt Bodyguard (Schwingercrack Christian Stucki) auf dem Hals.
Woher die Kohle nehmen? Und so kommt das Flitzer-Unternehmen ins Rollen, das Balz professionell aufzieht – mit Trainingslager in einer Scheune, strategischer Schulung und psychologischer Betreuung (die eigenen Hemmschwellen überwinden und wer werden!). So flitzen sie denn in den Stadien von Baden bis Bern und Zürich. Die Sportkommentatoren Rainer Maria Salzgeber und Gilbert Gress staunen, Fussballmanager wie Fredi Bickel und Ancillo Canepa (FCZ) toben. Ein Sonderkommando unter Leitung von Kommissarin Strebel (Doro Müggler) soll dem Flitzer-Supervisor das Handwerk legen. Soweit zum Inhalt. – Im Verbund mit Peter Luisi (Buch und Regie) hat Beat Schlatter diesen spinnigen Sportspass entwickelt – samt Vater-Tochter-Zoff, Schieberei, Medienrummel und Liebelei. Einen Spass wollten sie sich und uns machen und das ist über weite Strecken witzig herb gelungen – mit burschikoser Ironie und satirischen Seitenhieben der Marke Schlatter, Musik von Büne Huber und mit Prominenteneinsatz von Entertainer Dominic Deville über Goalie-Guru Jürg Stiel und Schwinger Roger Brügger bis Ex-Bundesrat Moritz Leuenberger. Es darf geflitzt und geflirtet werden, auch wenn’s am Ende allzu kuschelig und süsslich wird. Fazit: Beat Schlatter wiederlegt Gottfried Keller – Nicht nur Kleider machen Leute, es kann auch nackte Haut sein.
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Photo/Film