FRONTPAGE

«Samirs neuestes Filmwerk: Baghdad in My Shadow»

Von Rolf Breiner

 

Es ist ein langer Weg von Bagdad nach London und von Locarno im Sommer in die Kinos im Herbst: Samir, Produzent (Dschoint Ventschr), Kulturmanager (Kosmos), Autor und Filmer hat ihn beschritten. Sein jüngster Film handelt von Emigranten aus aus dem Irak in London: «Baghdad in My Shadow». Wir trafen den Regisseur und die Hauptdarstellerin Zahraa Ghandour.

 

Zufluchtsort und Brennpunkt

 

Sie treffen sich im Cafe Abu Nawas, so benannt nach einem arabischen Dichter aus dem 8. Jahrhundert. Der war Hofpoet zurzeit des Kalifen Harun ar-Raschid, schrieb Wein-, Jagd- und Liebesgedichte und büsste 815 eines seiner Spottgedichte mit dem Tode. Eine persische Familie hatte sich gerächt. Besagtes Cafe wird von einem kurdischen Aktivisten geführt und ist Treffpunkt freier Geister und Exil-Irakis. Stammgäste sind etwa der Dichter Taufiq (Haytham Abdulrazak) und der homosexuelle IT-Spezialist Muhanad (Waseem Abbas). Dort arbeitet auch die Architektin Amal (Zahraa Ghandour). Sie alle haben ihre Geheimnisse, mussten untertauchen und suchten Sicherheit in England. Der öffentliche Sammelpunkt ist gefährdet, als Taufiqs fanatischer Neffe Nasseer (Shervin Alenabi) einem radikal-islamischen Prediger mehr glaubt als seinem Onkel. Als dann noch Amals Ex-Mann als Kulturattaché auftaucht, wird’s brenzlig und lebensgefährlich für die «Gottlosen».

Ein Café ist beliebtes Sujet und Synonym für Kommen und Gehen, Abschied und Aufbruch, flüchtige und feste Bekanntschaften, Hoffen und Bangen. Man muss an Rick’s Cafe im Filmklassiker «Casablanca» denken. Nur bestehen hier gravierende Unterschiede, damals in Casablanca zur Nazizeit flüchten Menschen, brechen auf und hoffen auf eine sichere Zukunft. Hier und jetzt in London ist das Café Abu Nawas feste Begegnungsstätte, sicherer Hort und Endpunkt. So ein Café hätte sich angeboten, meint Samir, «wo Menschen verschiedener Generationen aufeinandertreffen, die in verschiedenen Zeiten aus verschiedenen Gründen den Irak verlassen mussten. Sei es aus politischen Gründen, wegen fehlender wirtschaftlicher Perspektiven oder wegen ihrer sexuellen Orientierung. Ein Café Abu Nawas gab es vor etwa zwanzig Jahren tatsächlich – allerdings in Berlin.»
Samir, der Dokumentarfilmer («Iraqi Odyssey», «Forget Baghdad»), strebt nach Authentizität und Wirklichkeit. So suchte er für die massgeblichen Rollen «echte» Iraki. Für die Rolle des schwulen Emigranten fand er im Irak keinen bereitwilligen Schauspieler. Der Iraki Wasseem Abbas, der in England lebt, hatte damit keine Berührungsängste und Probleme. Haytham Abdulrazaq aus Kirkuk (Irak) ist Regisseur und Schauspieler, der auch in Paris arbeitet, eine Persönlichkeit mit Renommee und Freiheiten. Nein für ihn sei es leicht gewesen, die Rolle Taufic zu spielen, der eine Bürde aus der Vergangenheit mit sich trägt, erklärte er im Gespräch.
Zahraa Ghandour (Amal) ist Journalistin, TV-Moderatorin, Schauspielerin und Feministin, seit 2012 aktiv und bekannt im Irak. Hatte sie Bedenken. Befürchtungen? Sie hatte kurz vor Drehbeginn abgesagt. «Es war eine Herausforderung», meinte sie im Gespräch. «Aber alles lief gut.» Sie spielt eine Frau, die ihren Mann verlassen hat und nun mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Wieviel hat Amal mit Zahraa Ghandour zu tun? «Ich habe auch in meinem Leben dafür gekämpft, frei, ein freier Mensch zu sein.» Wird sie vom Staats und Sicherheitsorganen nicht beobachtet, bedrängt? «Ich bin eine Frau – gegen das System, aber man ignoriert mich», unterstreicht die Schauspielerin. Wird der Film auch im Irak zu sehen sein? «Ich bezweifele es, denn er behandelt drei kritischen Themen: Korruption, Homosexualität und eine Frau, die ihr Leben in die Hand nimmt und ihren Mann verlässt.» Zahraa Ghandour arbeitet zurzeit an einem unabhängigen Dokumentarfilm über eine führende Persönlichkeit im Irak, die sich seit den Sechzigerjahren (!) für Menschenrechte einsetzt: Hanaa Edwar.

 

Samir, 1955 in Bagdad geboren und seit den Sechzigerjahren in der Schweiz, ist gelernter Typograph und realisiert seit den Achzigerjahren eigene Filme wie «Morlove – Eine Ode für Heisenberg» (1987), «Immer & Ewig» (1991), «Babylon 2» (1993), «Norman Plays Golf» (2000), «Forget Baghdad» (2002, «Snow White» (2005) oder «Iraqi Odyssey» (2014). An den Hofer Filmtagen 2019 wurde Samir eine Werkschau mit insgesamt neun Filmen von 1992 «(It was) just a Job» (Kurzfilm) gewidmet bis «Baghdad in My Shadow.» Hinzu kamen vier Filme aus der Dschoint Ventschr-Produktion. Im Rahmen der Ausstellung «Theater of Operations. The Gulf Wars 1991 – 2011» im Museum of Modern Art (MoMA) von November bis 1.März 2020 zeigt Sami seinen Film «Iraqi Odyssey» und die Videoarbeit «(It Was Just a Job»). Sein neuster Film wurde auch zum Filmfestival in Kairo eingeladen.

 

Gab’s in einem arabischen Land wie Ägypten keine Auflagen?
Samir: Doch, ich musste die Liebesszenen zensurieren.

 

Und wie war die Reaktion in Hof?
Grossartig. Die Hoferfilmtage sind ein Publikumsfestival – und zwar in Franken, in der deutschen Provinz sozusagen. Die Zuschauer waren hingerissen. Ich habe alle Filme begleitet. Ein wunderbarer Anlass – sehr familiär zum Schluss. Die Leute waren einfach neugierig und überrascht über die breite meines Filmschaffens. Kurz darauf am Filmfestival in Washington DC, Sektion «Arabian Sights» habe ich den Zuschauerpreis gewonnen.
Wie wichtig sind solche Anlässe?
Für Deutschland war die Aufführung von «Baghdad in My Shadow» sehr wichtig. Nach der erfolgreichen Aufführung und der enthusiastischen Rückmeldung des Publikums, entschloss sich der Verleih, den Film im April 2020 in Deutschland zu starten.
Der Schauplatz deines Spielfilms ist London. Das hat sicher Gründe…
Etwa vier Millionen Iraqis leben im Exil, davon allein drei Millionen in Grossbritannien und davon 700 000 London. Da ist es schon natürlich, dass der Film dort spielt und nicht in Zürich.
Wie schon erwähnt ist der Treffpunkt der Exil-Irakis ein Café, benannt nach dem arabischen Dichter Abu Nawas.
Er ist einer der weniger arabischen Dichter, der in der westlichen Welt nie richtig rezipiert worden ist. Es gibt keine Übersetzung. In der arabischen Welt ist er dagegen ein Klassiker. Seine Spezialität sind Liebesgedicht, erotische Gedichte auch über die Schönheit der Jünglinge. In diesem Café treffen sich Menschen verschiedener Generationen, die in verschiedenen Zeiten aus verschiedenen Gründen den Irak verlassen mussten.
Ein besonderes Anliegen war dir das Ensemble: Iraki sollten auch Iraki spielen. Wie hast du das geschafft?
Das würde dies Interview sprengen. Es war schwierig.

 

 

Nehmen wir das Beispiel der Hauptdarstellerin, Amal, der Frau, die ihren Mann im Irak verlassen hat. Eine Unerhörtheit in irakischer Gesellschaft.
Ich habe drei Anläufe unternommen. Ältere Schauspielrinnen aus dem Irak kamen nicht infrage, weil sie sich chirurgisch verschönert hatten. Das wollte ich nicht. Dann bin ich ins Ausland gegangen, habe in England auch einige gefunden, doch sie waren zu «white». Ich wollte Frauen, wie ich sie als Kind erlebt habe: Sie waren alle dunkel. Zahraa Gahndour war ideal, sie ist die Frau, wie ich sie im Film postuliere. Und das war auch das Problem. Ihre Realität hat sich übergestülpt, und sie hat drei Wochen vor Drehbeginn abgesagt – aufgrund eines Rieseneklat in der Familie. Die Rolle war in diesem Moment vakant, und sie stand unter Druck. Sie kämpft für das, was sie im Film vertritt, und hatte sich zurückgezogen. Ein kritischer Moment. Dann hat sie ihre Absage zurückgenommen. Bei dem schwulen Muhanad hatten wir Glück und fanden Waseem Abbas in London, einen arabischen Schauspieler. Andere im Irak hatte gleich abgesagt, als sie erfuhren, dass sie einen Schwulen verkörperten sollten.

 

 

Gab’s bei den Dreharbeiten in Bagdad keine Probleme?
In London war es schwieriger, weil die Auflagen höchst bürokratisch und mühsam waren und unseren Fahrplan durcheinander gebracht haben. Dreharbeiten im Britischen Museum wurden uns beispielsweise verboten. In Bagdad war das Problem, dass dort keine Filmindustrie existiert. Aufnahmen mit Drohnen über der Innenstadt waren kein Problem, in der Innenstadt London wäre das unmöglich.

 

 

Wie war bisher die Reaktion der Beteiligten?
Sie waren alle begeistert und sagen: Das ist unser Film.

 

 

Besteht die Gelegenheit, dass dein Film im arabischen Raum gezeigt wird?
Der Film wird am 20. November in Kairo gezeigt. Er schlägt eine Brücke zwischen Orient und Okzident und hält dem arabischen Publikum den Spiegel vor: Was ist schief gelaufen? Dabei geht mehr als um Toleranz. Wer die Augen davor verschliessen will, lebt nicht in der Realität einer globalisierten Welt.

 

 

 

 

«Fotostiftung Schweiz: Guido Baselgia – Als ob die Welt zu vermessen wäre»

 

I.I. Ein doppeldeutiger Titel: Der Engadiner Guido Baselgia ist seit zwanzig Jahren unterwegs mit seiner Grossformatkamera und hat aus dem Amazonas neue Aufnahmen mitgebracht. Hier geht es nicht um schnelle Smartphone-Shots, seine Landschaftsfotografie feiert die Entschleunigung. Da muss man schon genau hinschauen, um die Hintergründe zu erfassen.

 

Bekannt für seine Aufnahmen von Landschaften aus Stein und Eis, höchst konzentrierte schwarz-weisse Kompositionen am Rande der Abstraktion, überrascht Guido Baselgia mit seinem neuesten Werkzyklus. Der Spezialist für Kargheit und Leere findet einen Weg in die Überfülle: Er fotografiert den tropischen Regenwald im Amazonasbecken, befasst sich mit der Darstellbarkeit eines Lebensraums, der allgegenwärtig ist im kollektiven Bildgedächtnis und heute aufgrund seiner akuten Bedrohung zudem im Schlaglicht klimapolitischer Auseinandersetzungen steht. Die Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz zeigt erstmals Guido Baselgias Fotografien aus dem Osten Ecuadors.

Die neue Arbeit schlägt ein weiteres Kapitel in der Reihe von Baselgias Werkzyklen auf. In ihrer Abfolge lesen sich die Projekte der vergangenen zwanzig Jahre fast wie eine Schöpfungsgeschichte: Auf Bilder lebloser Einöde folgen die Gestirne, dann die Vegetation und der Mensch. Der Fotograf geht elementaren Fragen nach und kreuzt dabei auf seinen Reisen die Fährten berühmter Entdecker, doch seine Bilder zeugen von einem sehr differenzierten Blick. Die Welt ist nicht mehr zu vermessen, es gibt keine weissen Flecken mehr auf der Landkarte, einem utilitaristisch und kolonial geprägten Gestus der Weltvermessung stehen wir heute skeptisch gegenüber. Das Betrachten von Fotografien aus entlegenen Weltgegenden bringt uns vor allem dazu, über die Bedingungen unserer Rezeption nachzudenken.

Fotostiftung Schweiz, Winterthur, 19. Oktober 2019 bis 16. Februar 2020
www.fotostiftung.ch

 

 

 

Filmtipps

 

 
Marriage Story

I.I. Scheiden tut weh. Scheidungsdramen fanden schon des öfteren den Weg auf die Leinwand, wie beispielsweise «Kramer gegen Kramer» mit Meryl Streep und Dustin Hoffmann. Auch die «Marriage Story» von Regisseur Noah Baumbach ist eine anrührende Tragödie, die die Geschichte einer Entfremdung und Trennung kunstvoll auffächert. Charlie Barber (Adam Driver) ist ein erfolgreicher Off-Broadway-Theaterregisseur in New York, während seine Frau Nicole (Scarlett Johansson) früher in Los Angeles als Schauspielerin arbeitete und sich nun um den gemeinsamen Sohn Henry (Azhy Robertson) kümmert. Nicole vermisst ihre Berufstätigkeit und ihre Familie und Freunde in Los Angeles. Nach ihrer Trennung von Charlie zieht sie mit dem 8-jährigen Henry zurück in ihre Heimatstadt Los Angeles. Der Umzug dorthin war immer einer der Hauptstreitpunkte ihrer Ehe. Hier verbrachte sie viel Zeit mit ihrer Mutter Sandra (July Hagerty), einer früheren Schauspielerin, und ihrer Schwester Cassie (Merritt Wever). Als ihr neues Leben in Los Angeles beginnt, will sie die offizielle Scheidung von Charlie und heuert die hochkarätige Scheidungsanwältin Nora Fanshaw (Laura Dern) an. Nicole möchte auch nach der Scheidung mit ihrem Ex-Mann befreundet bleiben, weshalb alles möglichst sanft über die Bühne gehen soll. Sie erzählt Nora, wie sie in ihrer Ehe nach und nach ihre Ambitionen aufgegeben, ihre Bedürfnisse verdrängt und sich Charlie untergeordnet hat. Er habe sich lieber um seine Karriere gekümmert, als um seine Familie, während sie selbst ihre Schauspielkarriere aufgegeben hat.
Obwohl er weiter in New York arbeitet, wo er das Theaterstück «Elektra» inszeniert, nimmt sich Charlie nach Rücksprache mit seinen hochkarätigen und entsprechend teuren Anwälten eine Zweitwohnung in der Nähe von Nicole, um über das gemeinsame Sorgerecht für Henry zu verhandeln und pendelt zwischen Los Angeles und New York hin und her. Während ihr Sohn mal bei der Mutter, mal beim Vater seine Zeit verbringt, steigen die Anwaltskosten in exorbitante Höhen. «Marriage Story» wurde am Filmfestival in Venedig als Weltpremiere gezeigt, wie auch am Toronto International Festival. Am 6. Dezember wurde der Film in das Programm von Netflix aufgenommen. Für die Golden Globes in Berverly Hills am 5. Januar 2020 steht «Marriage Story» mit sechs Nominierungen bereits an der Spitze. Nicht von ungefähr, denn das feinfühlige Drama mit den ausgezeichneten Schauspielern Scarlett Johansson und Adam Driver geht unter die Haut.
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Hustlers
rbr. Abzocken. Starke Frauen, halbnackte Frauen, Frauenpower im Film – Jennifer Lopez macht’s möglich – als Koproduzentin und Hauptdarstellerin. Knackige 50 Jahre alt und eine Augenweide als Stripperin im kriminellen Sozialdrama «Hustlers». Im Dezember 2015 erschien im Magazin «The New Yorker» ein Artikel unter dem Titel «The Hustlers at Score», verfasst von Jessica Pressler. Lorene Scfaria hat den Stoff fürs Kino adaptiert und auch Regie geführt. Im Fokus stehen vier Stripperin, die in New Yorker Nachtklubs betuchte, willige Männer bis aufs Hemd ausnehmen, also abzocken. Sie reizen sie, sie betäuben sie (K.O.Tropfen) und bedienen sich hemmungslos ihrer Kreditkarten. Nicht von ungefähr, denn die Stripperinnen, die bis 2008 haufenweise Dollars scheffelten, bekommen die Krise der Wall Street quasi hautnah zu spüren. Die Bankenkundschaft bleibt aus, das Glamourleben hat ein Ende, bis die smarte Ramona (Jennifer Lopez) Treffen mit willigen Mannsbildern organisiert, sie mit einem Drogencocktail «gefügig» macht, mit ihren Gehilfinnen (Constance Wu, Lili Reinhart und Keke Palmer) die Konten der Opfer plündert. Eine von ihnen ist Dorothy (C. Wu), die als Neuling im Stripbusiness von Nachtklubmanagern abgezockt und dann von Ramona unter ihre Fittiche genommen wurde. Aus ihrer Sicht (Interview mit einer Journalistin) wird der Hustler-Fall aufgerollt.
Dabei legt Regisseurin Lorene Scafaria weniger Wert auf prickelnde Sexshows, sondern auf den sozialen und zwischenmenschlichen Hintergrund. Gut gemeint, aber dem Film fehlt das Feuer. Dafür gibt’s viel Glamour, Einkaufstouren und trainierte Bodies, die das Kapital der Nachteulen sind. Die kriminelle Energie der Ladies ist enorm, dabei schlummert dahinter auch die Sehnsucht nach Familie. Die Moral bleibt gleichwohl fragwürdig. Motto der Abzockerinnen: Die Gesellschaft ist schlecht, betrügt und beutet aus, also machen wir’s genauso! Gemeinsam sind wir stark! Aus Opfern werden Täterinnen. Schön und gut, doch das macht den prüden Streifen, der zwischen Krimi und Sozialdrama jongliert, noch nicht sympathisch.
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The Good Liar
rbr. Der Schein trügt. Ein Paradestück für Helen Mirren und Ian McKellen. Ihn kennt man unter anderem als Zauberer Gandalf in dem Fantasy-Epos «Lord oft the Rings» oder als Magneto in der «X-Men»-Filmreihe. Sie brillierte königlich in «The Queen», als Morgana in «Excalibur» oder als Hitchs Gattin Alma in «Hitchcock». Regisseur Bill Condon hat sie erstmals zusammengebracht für das Kino-Gaunerstück «The Good Liar», basierend auf dem Roman von Nicolas Searle. Roy Courtnay (McKellen) ist ein smartes Schlitzohr, das Frauen charmant «ausnimmt» und nicht erst seit gestern eine schmutzige Weste hat. Als nächstes Opfer hat er die wohlhabende Witwe Betty McLeish (Mirren) im Visier und kommt seiner neusten Date-Bekanntschaft ziemlich nah. Man reist gemeinsam nach Berlin, wo der Charmeur freilich mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Man (er) strebt eine gemeinsame Zukunft mit gemeinsamen Konto an. Der Trickbetrüger, ein bisschen oder mehr verliebt, steht kurz vor seinem letzten (?) grossen Coup. Doch als gewiefter Zuschauer ahnt man, dass nicht nur er etwas im Schilde führt. Man sollte das Mienenspiel von Betty/Mirren aufmerksam verfolgen. Ein kleines Augenblinzeln reicht.

Es ist eine Wonne, diesem Duell zuzuschauen. Was luftig leicht und amourös beginnt, kippt später in ein düsteres Drama. Die hinterhältig verschmitzte Romanze entpuppt sich als perfide Rache. Auch wenn das Schlusskapitel künstlich strapaziert wirkt, schadet es dem Spiel der beiden britischen Grossmimen keineswegs. Ein Duell der Meisterklasse.
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A Rainy Day in New York
rbr. Techtelmechtel in New York. Woody Allen ist nicht nur in die Jahre gekommen, sondern auch in die Schlagzeilen. Das hat weniger mit seinem jüngsten Film als mit seiner Vergangenheit zu tun. Im Zuge der #Me Too-Kampagne wurden alte Missbrauchsvorwürfe «aufgefrischt» – mit Folgen. Seine neuesten filmischen Liebesturbulenzen, produziert von Amazon, wurden von den Geldgebern für amerikanische Kinos gesperrt. In Mittel- und Südeuropa, Hongkong, Russland und Europa fand Allens Film offene Leinwände, so auch in der Schweiz. Altmeister Allen, mittlerweile 84 Jahre alt, spielt auf der alten Tastatur – mit frischen Gesichtern. Landei Ashleigh (Elle Fanning) aus Arizona freut sich auf ein romantisches Wochenende mit ihrem College-Freund Gatsby (Timothée Chalamet) in New York. Doch dann kommt das eine zum anderen. Ashleigh, die Studentin mit journalistischen Ambitionen, begegnet dem bekannten, in die Jahre gekommenen Filmregisseur Roland Pollard (Liev Schreiber) und kann mit ihm ein Interview führen. Etwas arg naiv begibt sich die ehrgeizige Reporten ins Schlepptau des neurotischer Drehbuchautors Ted (Jude Law) und des Filmstar Francisco (Diego Luna). Unterdessen tigert Boyfriend Gatsby im regnerischen New York umher, verliert seine Freundin aus den Augen und bändelt kurz mit der Zufallsbekanntschaft Chan (Selena Gomez) an. Am Ende ist jeder unterm Schirm… Woody Allens Regenausflug in die New Yorker Szene wird Fans Freude machen – dank zeitweise spritziger Szenen und ironischer Seitenhiebe, etwa auf alte kriselnde Männer, auf Starruhm und die naive Unschuld vom Lande, natürlich blond. Gleichwohl kann der Rainy-Day-Abstecher nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Geschichte arg stilisiert und durchschaubar ist. Der teilweise umständliche Film kann seine nostalgische Sympathie, Schwärmerei und New York-Sehnsucht nicht verhehlen. Das kann man wunderbar, aber auch etwas langweilig finden. Eine typische Woody-Allen-Hommage an New York.
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My Zoe
rbr. Grenzenlose Mutterliebe. Fast immer wird das Kind zum Problem, wenn sich die Eltern trennen. Isabelle (Julie Delpy) muss sich Töchterchen Zoe (Sophia Ally) mit ihrem Ex-Mann(James (Richard Armitage) teilen. Und dann passiert’s: Isabelle merkt nicht, dass Zoes Kopfschmerzen schwere Folgen haben, das siebenjährige Mädchen erleidet irreparable Hirnschäden. Koma. Der zuständige Arzt in einer Berliner Klinik rät, die Maschinen abzuschalten. Doch Isabelle, selber Genforscherin, gibt nicht auf und hat einen verwegenen Plan: Die Genetikerin will ihre Zoe wiederhaben – fröhlich und lebendig. Mehr sei nicht verraten. Die Hauptdarstellerin Julie Delpy hat den Film selber in die Hand genommen – als Autorin, Regisseurin und Produzentin. Das Ergebnis? Ein diskutabler Film. Er handelt von einer totalen Mutterliebe, die keine ethischen Grenzen kennt und mit Hilfe eines Arztes (Daniel Brühl) in die Schöpfung eingreift. Darf man das? Delpys Drama berührt einige gesellschaftliche Fragen: Wie weit können Eltern gehen? Wie steht es um das Wohl des Kindes? Ist der Wissenschaft alles erlaubt, und gibt es eine Moral nach dem Tod? Der Film gibt ein Schaubeispiel, gekonnt inszeniert, das aber eher abschreckt als weiterhilft.
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Belle Epoque
rbr. Amouröse Zeitreise. Wo kann man schöner durch die Zeit reisen als im Kino? Es muss ja nicht der Weltraum, es kann auch ein Tag in einer bestimmten vergangenen Epoche sein. Antoine (Gauillaume Canet) hat eine Vergnügungslücke entdeckt und offeriert mit seinem Team den Einstieg in eine bestimmte Epoche. Die Illusionshandwerker im Filmstudio rekonstruieren beispielsweise die Belle Epoque perfekt oder den 16. Mai 1974, wie es sich Victor (Daniel Auteui1), ein guter Freund Antoines, wünscht. Victor hat irgendwie den Draht zu seiner Frau Marianne (Fanny Ardant) verloren und möchte nochmals den Tag erleben, als er ebendiese Frau zum ersten Mal traf, in einem Lyoner Bistro 1974. Das führt nicht nur zu Kostümierungen, entsprechender Musik und Gehabe (Rauchen!), sondern auch für Turbulenzen. Am liebsten möchte Victor, ein abgehalfterter Cartoonist, die Zeit stoppen und in ihr verweilen. «La Belle Époque» ist intelligentes Kopfkino, charmant inszeniert von Nicolas Bedos. Nach etwas trägem Start nimmt die nostalgische Tragikomödie Fahrt auf. Man ergötzt sich an den queren Liebeleien, sanften Seitenhieben, den neckischen Scheingefechten und der wehmütigen Atmosphäre. Vor allem ist der Film eine Ode an hoffnungslose Romantiker und das Kind im Manne. Amüsant. Mit dem spanischen Spielfilm «Belle Epoque» aus dem Jahr 1992 hat er nichts zu tun, auch wenn es in dieser Komödie mit Penelope Cruz um Beziehungsturbulenzen geht, allerdings im Jahr 1931.
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But Beautiful
rbr. Auf die Natur hören und Beziehungen verändern. Licht am Horizont: Der Österreicher Erwin Wagenhofer zeigt in seinem jüngsten Dokumentarfilm «But Beautiful», dass es auch anders geht: umweltfreundlicher, befriedigender, grüner und nachhaltiger. Er suchte Alternativen zum Leben, Arbeiten, Versorgen, Zufriedensein. Frauen ohne Schulbildung aus 78 Ländern fanden im indischen Barefoot College Aufnahmen und wurden zu «Solar-Mamas»: Sie bauen Solaranlage für die ganze Welt. Erwin Thoma war in den Achtzigerjahren Förster im Karwendelgebirge (Nordtirol), er lebte und fühlte den Wald, war mit ihm verwachsen. Er berichtet von der Solidarität des Waldes, seiner Kraft und Lebendigkeit. Und er hat das Erbe seines Grossvaters gepflegt und den Vorteil von Mondholz umgesetzt. So entwickelte er Häuser, die ausschliesslich aus Holz bestehen und keine Heizung benötigen. Das Schweizer Ehepaar Barbara und Erich Graf hat sich vor zwölf Jahren aufgemacht, ein Stück Ödland auf der Kanareninsel La Palma zu bewirtschaften. Ehemals wurden hier Avocados angebaut, dann verfiel das Anwesen, verwahrloste, der Boden war ausgelaugt. Grafs Ziel: dieses Land (7000 Quadratmeter) wiederzubeleben. Sie setzten ganz auf lebenszentrierte Kultur (Permakultur), liessen Natur und Tieren grösstmögliche Freiheiten und das Land erholte sich, gesundete.
Erwin Wagenhofer strukturierte seine Bilder mit musikalischen Intermezzi des US-Pianisten Kenny Werner, der österreichischen Jazzformation Mario Rom’s Interzone und mit lateinamerikanischen Liedern, interpretiert von der Kolumbianerin Lucia Pulido. Statements des Dalai Lama und seiner Schwester Jetsun Pema würzen diesen optimistischen Film über eine Welt im Argen. «But Beautiful» ist Signal und Programm. Nach «We Feed the World», «Let’s Make Money» und «Alphabet» setzen Wagenhofer und seine Partnerin Sabine Kriechbaum, Autorin und Produzentin, positive Zeichen, dokumentieren Verbundenheit und Solidarität auf verschiedene Weise – musikalisch, sozial, umweltbewusst und nachhaltig.
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Ergänzend zum Film ist das Buch «But Beautiful. Nichts existiert unabhängig» erschienen, Verlag Antje Kunstmann, München 2019, 32 Franken. Es ist quasi ein Making Off der Filmarbeit, beschreibt Hintergründe, Entwicklungen der Protagonisten und vertieft die Filmbilder.

 

 

The Irishman
rbr. Alte böse Buben. Gut zwölf Jahre ist das Unternehmen alt und hat die Kinoszene und Filmindustrie ganz schön aufgemischt. Der neuste Clou des Streaminggiganten Netflix (Net wie Internet und Flix wie Film) heisst «The Irishman», dauert satte 210 Minuten und stammt aus der «Gangsterküche» von Martin Scorsese. Genau der, der Mafia-Epen wie «The Gangs of New York» oder «GoodFellas» ins Kino brachte. Nun hat der 77-jährige die alten «Gangsterherren» nochmals aktiviert für sein Epos «The Irishman. Gemeint ist dabei Hauptfigur und Erzähler Frank Sheeran, verkörpert von Robert De Niro. Er hockt im Altersheim und «beichtet» nicht beim Pater, sondern vor der Kamera. Er erzählt von seinem Aufstieg vom Lastwagenfahrer zum Leibwächter und Killer, von den Machenschaften eines Mafia-Bosses wie Rosario «Russell» Alberto Bufalino (Joe Pesci) in Pennsylvania, den Machtgelüsten des Gewerkschaftsboss James Riddle «Jimmy» Hoffa (Al Pacino) oder dem Mafiosi und Kontrahenten Anthony «Tony Pro» Provenzano (Stephen Graham) aus New York, der Hoffas Gewerkschaft «Teamster» übernehmen möchte.
Scorsese schlägt einen Zeitbogen von Mitte der Fünfzigerjahre bis in die späten Achtziger, vermischt Zeitgeschichte mit Gangstermythen. Jimmy Hoffa stieg tatsächlich zum Führer der LKW-Gewerkschaft Teamsters in Detroit auf, unterhielt enge Beziehungen zur Cosa Nostra und verschwand im Juli 1975 spurlos. 1982 wurde er für tot erklärt. Der Film beziehungsweise «The Irishman» Frank, ein Gefährte Hoffas sowie Freund und Vertrauter Russells, schildert, wie es dazukam. Dass sich Frank dann für einen seiner «Paten» entscheiden muss und tut, gehört zu den Höhepunkten des Mobster-Thrillers, in dem nur eine Frau eine Rolle spielt: Peggy (Anna Paquin), Franks Tochter, die weiss, was gespielt wird, und sich vom Vater abwendet.
Scorsese streut in seinen Mammutfilm (Kosten annähernd 160 Millionen Dollar) Zeitereignisse (betreffs Robert und John F. Kennedy, den Gewerkschaftskampf und mehr), pendelt zwischen den Zeiten, aber auch zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Er liess die Hauptdarsteller De Niro, Pacino und Pesci digital verjüngen und trickste, wo es ging. Das hatte auch zur Folge, dass manche Szenen der aufpolierten Figuren wie Schmierentheater wirkten, auf der anderen Seite spielen De Niro und Pacino in intimen Duellen ihre ganze Klasse aus. Scorsese liebt Details bis zum Überdruss, fordert von den Zuschauern grosse Duldsamkeit. Sein monumentales, gedehntes Werk, das für drei Filme reicht, ist ganz auf Männer, deren Macht und Machenschaften, Meriten und Gewaltbereitschaft fixiert. Ein Männer- und Mafia-Epos, in dem Scorsese aus seinem Gangster-Fundus schöpft. Es ist anstrengend – meisterlich hin oder her.
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Midway
rbr. Schlachtfest. Er ist der «Master of Desaster», der Zerstörung, der Schlachten und Heroen (nicht zu verwechseln mit Supermänner und -frauen). Der Deutsche Roland Emmerich («Independence Day») ist wieder in den Krieg gezogen, in keinen apokalyptischen, sondern in einen historischen Krieg. Der heimtückische Angriff der Kaiserlich-japanischen Luftstreitkräfte im Dezember 1941 auf Pearl Harbour zog die USA in den Zweiten Weltkrieg. Sechs Monate später ging die US-Marine zum Gegenangriff über, zuerst bei den Marschallinseln, dann bei den Midway-Inseln im Zentralpazifik. Den US-Marinefliegern gelang es, vier Flugzeugträger der Japaner zu zerstören. Das war die Wende im Pazifikkrieg, und die Japaner wurden in die Defensive gedrängt. Dieser historische Hintergrund diente Emmerich für sein Schlachtgemälde. Dazu setzte er alle bis dato bekannten technischen Mittel ein. Und tatsächlich meint man, direkt mit den Piloten im Cockpit zu sitzen und im Sturzflug die japanischen Schiffe anzugreifen.
Dieser Pazifikkrieg ist hier nicht nur eine Materialschlacht, sondern macht ihn auch an einzelnen Schicksalen fest. Da wäre der Draufgänger Richard «Dick» Best (Ed Skrein) zu nennen, der zum Führer einer Flugstaffel aufsteigt und tollkühn zwei japanische Flugzeugträger erfolgreich angreift. Interessanter ist freilich der Analytiker Edwin Layton (Patrick Wilson), der von Admiral Chester W. Nimitz (Woody Harrelson) zum Nachrichtenchef der US-Pazifikflotte ernannt wird und die entscheidenden taktischen Hinweis gibt, den Japanern bei den Midway-Inseln eine Falle zu stellen. Er geniesst das volle Vertrauen des Admirals. Eine tragische Gestalt ist dagegen der japanische Gegenspieler, Admiral Yamamoto Isoroku (Etsushi Toyokawa), der mit seinen Streitkräften untergeht. Ihn hatte Layton dazumal als Marineattaché in Japan als gemässigten Befehlshaber kennengelernt, der vor möglichen japanischen Aggressionen gewarnt hatte.
«Midway», im deutschsprachigen Bereich mit dem Untertitel «Für die Freiheit» etikettiert, soll gemäss Emmerich nicht als Kriegsheldenepos verstanden werden, sondern als Beispiel für amerikanische Solidarität und Gemeinsamkeit damals – in einem heute zerrissenen Amerika. Regisseur und Drehbuchautor Wes Tooke sind bemüht, keiner Seite wehzutun. So bleibt das Kriegsgrauen irgendwie spektakulär künstlich und lässt einen ziemlich kalt.
Bemerkenswert ist eine kleine Episode: John Ford, der grosse Western-Regisseur, hatte als Dokumentarfilmer an der Midway-Schlacht teilgenommen. Geoffrey Blake mimt den Filmer und treibt sein Team an, auch in einer lebensbedrohenden Situation weiterzudrehen. Man sieht: Der Krieg wird fortgesetzt – im Kino.
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Deutschstunde
rbr. Pflicht und Eigenverantwortung. Einer erfüllt seine Pflicht in Nazideutschland, ein anderer kämpft um seine künstlerische Freiheit. Hier ein verbohrter Dorfpolizist, dort ein verfemter Künstler. «Deutschstunde» heisst der dramatische Roman von Siegfried Lenz aus dem Jahr 1968, ein mehrdeutiger Titel. Er ist sowohl Hinweis auf eine erzieherische Massnahme als auch als Lektion über ein Kapitel Geschichte zu verstehen. Lenz’ Geschichtsstunde handelt von Pflicht und Freiheit, Verantwortung und Schuld. Alles beginnt (im Buch wie im Film) mit einer Strafarbeit, die dem jungen Menschen Siggi (Tom Gronau) aufgebrummt wurde. Er sitzt in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche und muss einen Aufsatz über das Thema «Die Freuden der Pflicht» schreiben. Er erinnert sich an seine Kindheit hoch in Schleswig-Holsteins Norden. Hier amtet sein Vater Jens Jepsen (Ulrich Noethen) als Dorfpolizist, dem seine Pflicht über alles geht. So ist es ihm ein amtliches Anliegen, dem Nachbarn und Jugendfreund Max Nansen (Tobias Moretti) ein Schreiben aus Berlin auszuhändigen: Maler Nansen wurde 1943 vom nationalsozialistischen Regime mit einem Malverbot belegt und als «entarteter Künstler» stigmatisiert. Siggi (Levi Eisenblätter), der elfjährige Sohn des blindgehorsamen Amtshüters, ist mit Max, seinem Patenonkel, befreundet und soll ihm bei der Überwachung helfen. Doch es kommt anders.
Jepsen, der rigorose Handlanger des Nazi-Regimes, lässt eigenes Empfinden, Menschlichkeit und überhaupt den gesunden Menschenverstand nicht gelten und stellt Pflicht und Gehorsam über alles. Am Ende gibt es nur Opfer – vom Maler und seiner Frau Ditte (Johanna Wokalek) über Jepsens desertiertem Sohn Klaas (Louis Hofmann) bis zur Ehefrau Gudrun (Sonja Richter), der Tochter Hilke (Maria Dragus) und seinem Sohn Siggi. Eine Lehrstunde fürs Leben – aus der Geschichte über eine entmenschlichte Gesellschaft. Es ist müssig, darüber zu streiten, ob der von Nazis geächtete Maler Emil Nolde, der selber Nazi-Mitläufer und Sympathisant war, dem Schriftsteller Lenz fälschlicherweise als Beispiel diente.
In erneuter Zusammenarbeit haben Christian Schwochow (Regie) und seine Mutter Heide Schwochow (Drehbuch) ein packendes, tiefsinniges Stück Kino geschaffen – mit einem exzellenten Ensemble. Gegenüber dem Roman erscheint der Vater im Film bösartiger, verbohrter und dämonischer, gleichwohl ist die «Deutschstunde» eine beklemmende Lektion über ideologische Verblendung und Eigenverantwortung, Überzeugungsterror, Courage und Menschlichkeit. Eine Kinolehrstunde erst recht heutig, sie scheint wieder sehr nötig.
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Lara
rbr. Verhärmte Verliererin. Geburtstage sind so eine Sache – im Leben und im Kino. Derartige Feiertage und Jubiläen sind beliebte Situationen und Sujets in Gesellschaftsfilmen, etwa in Christoph Schaubs «Giulias Verschwinden» (2009). Dazumal sollte Giula ihren 50.Geburtstag feiern und verschwand, gespielt von Corinna Harfouch. Und sie verkörpert nun «Lara» in Jan-Ole Gersters Beziehungsdrama. Auch Lara ist es an ihrem 60. Geburtstag nicht zum Feiern zumute, im Gegenteil, sie unternimmt einen halbherzigen Selbstmordversuch. Die frühpensionierte Beamtin Lara Jenkins (Harfouch). blickt auf ein fehlgeleitetes Leben. Die einst hochbegabte Klaviervirtuosin hat das Spielen aufgegeben, ist hart, sarkastisch, zynisch und einsam geworden. Ihr Herz gehörte einst und immer noch der klassischen Musik, die sie nun ihrem Sohn Viktor (Tom Schilling) eingeimpft hat. Sie hat ihn unterrichtet, drangsaliert, forciert. Tatsächlich hat der sich zu einem exzellenten Klavierspieler entwickelt, mehr noch, er wird seine erste eigene Komposition in einem Berliner Konzertsaal vorstellen. Die Mutter verweigert ihre Anteilnahme, kauft aber jede Menge Restkarten und verschenkt sie. Sie bezweifelt das Können ihres Sohnes und stürzt ihn in eine Krise
In der Tragikomödie «Oh Boy» von 2012 driftete Niko alias Tom Schilling ziellos durch Berlin. In «Lara» hingegen hat Viktor (Schilling) ein Ziel, er will sich und seiner Mutter beweisen, dass er sich frei geschwommen hat, unabhängig geworden ist. In diesem Beziehungsdrama, getragen von zwei herausragenden Protagonisten, kommt eine private Tragödie ans Licht. Lara hat sich aufgrund des flüchtigen Urteils eines Musikprofessors (Volkmar Kleinert) grundsätzlich infrage gestellt – und wurde zur verhärmten Verliererin. Darüber zeichnet Regisseur Jan-Ole Gerster auch das Porträt eines Gesellschaftskonflikts, hier der Glaube an Autorität und Genie, dort der Wille zur freien Entfaltung und Selbstverwirklichung. Bestes intimes Kino.

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Le Mans ’66
rbr. Ford gegen Ferrari. Berühmte Rennfahrer sind immer mal wieder beliebte Filmhelden – in Spiel- wie auch Dokumentarfilmen, beispielsweise in Felice Zenonis Dokumentation «Clay Regazzoni – Ein Leben am Limit» (2016), in John Frankenheimers Formel-I-Drama «Grand Prix» (1966) oder im Spielfilm «Le Mans» (1971) mit Steve McQueen. Nun ist James Mangold auf die Rennpiste gegangen – mit Christian Bale und Matt Damon. Sein Pistendrama «Le Mans ’66» schildert nach tatsächlichen Begebenheiten den Kampf zwischen Ford (Henry Ford II) gegen Ferrari (Enzo Ferrasri) um die Vormachtstellung im Autorennsport. Die roten Boliden aus Monza hatten das Langstreckenrennen, die 24 Stunden von Le Mans, siebenmal zwischen 1958 und 1965 gewonnen. Das wollte der Fordboss ändern und engagierte den ehemaligen Rennfahrer und Konstrukteur Carroll Shelby (Mattt Damon) und Spitzenfahrer Ken Miles (Christian Bale). Die beiden eingeschworenen Partner trauten sich, wurden aber vom ehrgeizigen Management (Abteilung Marketing) ausgebremst. Der britische Hitzkopf Miles könnte dem Ford-Image schaden, fanden die Verkäufer und stellten den Autoflüsterer Miles kalt. Das rächte sich, denn der neu entwickelte Ford GT40 hatte das Zeug zum Siegen, aber…
Auch wenn man die sporthistorischen Tatsachen kennt, verliert das Renndrama der Marke Mangold («Walkt he Line») keine Meile an Spannung. Es gibt brillante Rennszene, auf Sixties getrimmt, handfeste Keilereien, böse Intrigen und viel Speed. Nicht nur für PS-Fans. Das ist den beiden Cockpit-Helden, brillant verkörpert durch Bale und Damon, und ihrer unerschütterlichen Freund- und Partnerschaft zu verdanken. Hinzukommt das Gerangel in den Chefetagen, die Machtspiele und der Clinch der beiden grossen Autoindustriellen Ford und Ferrari. Ein Film wie aus der Zeit gefallen, als Sportgeist, Solidarität und Handwerk (siehe Autoflüsterer) mehr zählten als seelenlose Computer. Gleichwohl herrschten auch in den Sechzigern Eitelkeit und menschliche Unzulänglichkeiten, gab es Stallorder und Aufbegehren. So oder so – «Le Mans ’66» ist ein Kinoereignis!
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Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes

rbr. Vom Romantiker zum Aktivisten. Am diesjährigen Zurich Film Festival wurde der Spielfilm von Nik Hilber gefeiert, und der feierte den Umweltaktivisten, Menschenrechtler und Romantiker Bruno Manser. Der Basler brach 1984 auf seiner Sinnsuche nach Borneo auf. Er suchte das einfache ursprüngliche Leben fern der Zivilisation und begegnete den Dschungelnomaden vom Stamme der Penan. Damit beginnt Hilbers Film. Manser gewinnt das Vertrauen der Penan, lernt ihre Sprache und lebt ihr Leben. Doch die Naturidylle ist in Gefahr. Die Bulldozer kommen näher, die Abholzung schreitet vor. Manser animiert die Ureinwohner, der Waldzerstörung Stirn zu bieten, organisiert den Widerstand, baut Sperren. Dass der Laki Penan (weisse Penan) Manser sich in die Penan-Frau Ubung (Elizabeth Ballang) verliebt, mag man den Filmern als emotionale fiktive Zutat verzeihen. Ansonsten habe diese sich um möglichst grosse Authentizität bemüht. Die indigene Bevölkerung war präsent, Hilber gewann wie einst Manser das Vertrauen der Penan. Nick Kelesau als Häuptling Alon Sea steht dafür als Beispiel. Die aufwändige Produktion, auf drei Kontinenten und unter anderem an Originalschauplätzen auf Borneo gedreht (77 Tage Drehzeit), ist ein Drama, das in Zeiten der Klimadiskussion und des Protestes auf offene Ohren und Augen stossen wird. Der Mann, der vom Naturliebhaber zum Umweltschützer wurde, im Jahr 1990 in die Schweiz zurückkehrte und bei der UNO vorstellig wurde, brach abermals im Jahr 2000 in den Dschungel auf, um den Indianern zu helfen – und ist seither verschollen.
Das Epos um den wohl bekanntesten Umweltaktivisten der Schweiz, Bruno Manser (1954-2005), taucht tief in den Dschungel ein, versucht zu rekapitulieren und rekonstruieren, was eigentlich nicht wiederherzustellen ist. Auch wenn manches geschönt (vor allen in den Regenwäldern Indonesiens, wo überwiegend gedreht wurde) und allzu heil scheint, hat das fast zweieinhalbstündiges Kinowerk seinen Sinn erfüllt, ein Stück Umweltdramatik glaubwürdig darzustellen. Es wird dem Basler Bruno Manser und seinem Kampf gegen Waldzerstörung gerecht, auch dank des Hauptdarstellers Sven Schelker, der den Penan-Bruder überzeugend verkörpert, auch wenn der wahre Manser weniger fotogen scheint.
Wer’s genau wissen will, sollte sich den Dokumentarfilm des Zugers Christoph Kühn aus dem Jahr 2007 anschauen: «Bruno Manser – Laki Penan». Kühn ist den Spuren Mansers im Dschungel von Sarawak gefolgt und hat u.a. mit seiner zweiten Familie, den Penan gesprochen.

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The Report
rbr. Der Wahrheit «nachhelfen». Ungeheuerlich. Ein Staat, der sich Freiheit und Menschlichkeit auf die Fahnen geschrieben hat, bedient sich Gewalt, Folter und anderer faschistischer Methoden. Die USA, vormals als Weltpolizist aktiv, bis US-Präsident Trump zum Rückzug blies, liessen CIA-Schergen gewähren, die angeblich hochbrisante Wahrheiten ans Licht fördern wollten, in Wahrheit aber falsche Geständnisse erpressten und falsches Zeugnis ablegten. Diese Machenschaften schildert der Politthriller «The Report» von Scott Z. Burns. Zugrunde liegt dem Film der 6700 Seiten umfassende Bericht des FBI-Mitarbeiters Daniel Jones. Ein Mann, der sich akribisch, unbestechlich, mit schier unendlicher Geduld und Durchhaltewillen durch einen Wust von Akten, Unwahrheiten und perfiden Störmanöver kämpfen musste. Jones, brillant verkörpert von Adam Driver, sollte im Auftrag der Senatorin Dianne Feinstein (Annette Bening) Inhaftierungsmethoden und Vernehmungspraktiken der CIA untersuchen. Diese Behörde hatte unter Leitung des Psychologen Jim Mitchell (Douglas Hodge) auf erschreckende Verhör- und Foltermethoden zurückgegriffen und falsche Geständnisse vorgelegt. Sechs Jahre lang wühlte sich Jones durch Aktenberge, entlarvte falsche Ergebnisse und wurde gebremst. CIA und das Weisse Haus wollten unbedingt die Veröffentlichung seines Berichts verhindern, der die ungesetzmässige Folterung von Gefangenen darlegte, welche im Zuge der Ermittlungen nach dem 11. September oft willkürlich inhaftiert worden waren.
Der Politthriller «The Report», produziert von Burns, der auch das Drehbuch geschrieben hat, von Jennifer Fox, Steven Soderberg u.a., ist brutal, vor allem was die Schilderung der Foltermethoden und die skrupellose «Arbeit» der CIA-Mitarbeiter und Verantwortlichen angeht. Unbestritten ein wichtiger entlarvender und packender Film, der so wohl nur in den USA (oder England) möglich war: Verfehlungen werden entlarvt, dunkle Seiten aufgeklärt, auch wenn die Verantwortlichen offensichtlich davonkommen.

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Sorry, We Missed You

rbr. Ein alltägliches Drama. Ein typischer Loach. Der britische Altmeister Ken Loach taucht wieder tief in die Ränder der Gesellschaft – wie letztlich in «I, Daniel Blake». Ricky Turner (Kris Hitchen) und seine Frau Abbie (Debbie Honeywood) versuchen mit Ach und Krach die Familie mit zwei Kindern im Teenageralter über Wasser zu halten. Man schreibt das Krisenjahr 2008 (unter Tony Blair). Er jobbt als Gelegenheitsarbeiter, sie als Altenpflegerin. Das Leben in Newcastle ist kein Zuckerschlecken. Hoffnung keimt auf, als Ricky den Job als Kurier eines Paketdienstes ergattert. Freilich als Freiberuflicher, das heisst als Franchise-Nehmer muss er einen Lieferwagen (Van) besitzen und für Risiken selbst aufkommen. Diese «Unabhängigkeit» kommt ihn teuer zu stehen. Die Bedingungen sind hart und kennen keine Gnade. Ein Ausfall kann den Absturz bedeuten. – Der Titel «Sorry We Missed You» stammt von einem Zettel, den Paketausträger an die Haustür heften, wenn sie die Adressaten nicht antreffen. Man kann ihn natürlich auch anders deuten: Sorry, wir haben es verpasst oder vermasselt. Familienvater Ricky strampelt sich und kriegt doch kein Bein auf die Erde. Ken Loach kritisiert das englische Sozialsystem und beschreibt einen Überlebenskampf, indem er wie bei «I, Daniel Blake» sein ganzes Augenmerk auf Verlierer lenkt und ihren grauen Alltag schildert. Ein heftiges und gradliniges Sozialdrama voller menschlicher Wärme, Verzweiflung – und kleinen Hoffnungsschimmern.
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Untouchable – The Inside Story oft he Harvey Weinstein Scandal

rbr. Machtmissbrauch eines Lüstlings. Kein Zweifel, er hat Hollywood und seine Machtmechanismen in Verruf gebracht. Die intimen Aktivitäten des Filmgurus Harvey Weinstein wurden durch die Recherchen des Journalisten Ronan Farrow publik gemacht. Er hat durch investigative Artikel im «New Yorker» und der «New York Times» die dunklen Seiten des Erfolgsproduzenten publik gemacht. Ronan Farrow, der Sohn von Schauspielerin Mia Farrow und Regisseur Woody Allen, gewann den Pulitzer-Preis und brachte die «Me-Too-»Bewegung ins Rollen. Was viele wussten und verschwiegen, brachte Farrow an die Öffentlichkeit. Weinstein hatte über Jahrzehnte seine Macht missbraucht, um Frauen gefügig zu machen – und sie gegebenenfalls zu fördern. Das Bett als Sprungbrett für eine Karriere. Weinstein bestreitet bis heute gewaltsame sexuelle Übergriffe und spricht von «einvernehmlichem Sex». Ursula Macfarlane hat diesen Skandal dokumentiert, hat Opfer und Mitwisser, Gefährtinnen und Sternchen interviewt und viel Dokumentarfilmmaterial zu einer grossen filmischen «Anklageschrift» montiert. Keine Frage, ihr Film ist parteilich, einseitig und entwirft das abschreckende Bild eines Produzentengenies und Monsters.
Stars und Sternchen – u.a. Rosanna Arquette, Selma Hayek, Ashley Judd, Erika Rosenbaum – wagen es, den Tyrann mit dem mächtigen Netzwerk blosszustellen. Sie klagen über Nötigung, sexuelle Übergriffe und ihre Ängste. Paz de la Huerta ist jedoch eine der wenigen Frauen, die ihn auch der Vergewaltigung bezichtigen. Bis dato kam Weinstein vor Gericht davon, zwei Prozesse sind hängig und sind auf Januar 2020 verschoben worden.
Klar, Macfarlanes Filmdokumentation ist schmerzhaft, weckt Emotionen und hält den Nötiger und Machtmenschen Weinstein eindeutig für schuldig. Darüber hinaus stellt der Film auch Fragen nach Komplizenschaft, nach Mittätern und Mitwissern, über eine Gesellschaft, die vor Macht duckt und wegschaut und einen gewieften Drahtzieher – siehe Trump – gewähren lässt. Wie der Fall Weinstein aber auch zeigt, ist keiner «Untouchable», also unantastbar. Der Hollywood-Mogul und Tyrann ist gefallen. Andere könnten auch gestürzt werden…
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Cody
rbr. Ein freies Hundeleben. Geradezu exemplarisch schildert der Dokumentarfilm «Cody – The Dogs Days are Over» wieweit eine Liebe zwischen Mensch und Tier gehen kann. Martin Skalsky adoptiert einen rumänischen Strassenköter. Er bringt ihn in die Schweiz, will das wilde, an Freiheiten gewohnte Tier in seine Familie integrieren. Alles braucht seine Zeit. Allmählich wächst das Vertrauen. Skalsky will aber mehr, will seinen Hund Cody glücklich machen und recherchiert dessen Vergangenheit. So stösst er auf Codys Weggefährtin Blanche, die in London ein Zuhause gefunden hat. Der Hundehalter arrangiert ein Treffen des auseinandergerissenen Paares. Für wen, für welches Leben wird sich Cody entscheiden?
Martin Skalsky, von Hause aus Komponist für Dokumentar-und Spielfilme («Mario», «Flitzer», «Der Sandmann»), stiess in Berlin auf den Mischling Cody. Ihn interessierte das Verhältnis Mensch und Tier. Wieviel Freiheit steht da auf dem Spiel? Gibt es so etwas wie Liebe? Und wie verhält es sich tatsächlich zwischen Hund und Hündin, sprich Cody und Blanche? So entstand ein liebevolles Porträt. Dabei bringt Skalsky sowohl die Hunderetterin Cristina Paun in Targoviste (Rumänien) als auch den Tierrechts-Philosophen Mark Rowlands, Maike Maja Nowak, welche Grundrechte für Hunde verfasst hatte, und Lya Battle, Gründerin eines Hundeparadiese in Costa Rica, ins Spiel. Ein idealistischer Film, der freilich nur einen Aspekt des «Hundelebens» behandelt. Was ist mit Schosshündchen, Drogen- und Kampfhunden? Wie verhält es sich mit Erziehung und Dressuren? Aber das sollten andere Filme beantworten.

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Official Secrets

I.I. Der Polit-Thriller von Regisseur Gavin Hood feierte im Januar 2019 im Rahmen des Sundance Film Festivals Premiere und wurde auch am ZFF gezeigt. Es ist sechzehn Jahre her, seit Katherine Gun (Keira Knightley), Mitarbeitende des britischen Geheimdienstes GCHQ (Government Communication Headquarters) ein Memo eines ranghohen amerikanischen Geheimdienstmitarbeiters der National Security Agency (NSA) an die Presse weiterleitete. Die britischen Geheimdienstkollegen wurden darin aufgefordert, eine illegale Spionageoperation gegen Mitglieder des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen zu unterstützen, die sich nicht für eine Invasion in den Irak ausgesprochen hatten. Wenige Wochen vor der Invasion veröffentlichte die englische Sonntagszeitung «The Observer» eine Titelstory des Inland-Politik-Redaktors Martin Bright (Matt Smith) mit der Schlagzeile «Enthüllt: Dreckige Tricks der USA, um Stimmen für den Irak-Krieg zu gewinnen».
Die damals 28-jährige Geheimdienstlerin versuchte 2003 auf eigene Faust, den Irak-Krieg zu verhindern, ein gefährliches, wagemutiges Unterfangen, das sie in erhebliche Schwierigkeiten brachte und mit einer Spionage-Anklage «Official Secrets Act» vor Gericht konfrontierte.
Vor kurzem wurde die wahre Whistleblowerin, Katherine Gun, von einem BBC-Moderatoren befragt, wie sie ihre Rolle heute sehe, ob sie eine Schuld eingestehe und ob sie es nochmals machen würde. Nein, gab sie zurück sie hätte keine Minute an ihrer Entscheidung gezweifelt, sie befand den bevorstehenden Krieg gegen Saddam Hussein wegen vermuteter Chemiewaffen als illegal. George Bush und Tony Blair zettelten einen Krieg unter falschen Voraussetzungen an. Dass der Krieg legal war, ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats, konnte das Gericht ihr nicht nachweisen und liess deshalb nach einem nervenaufreibenden Jahr die Anklage fallen, da Guns Strafverteidiger Ben Emmerson (Ralph Fiennes) von der Staatsanwaltschaft Dokumente verlangten, die die britische Regierung belastet hätten. Eine Sensation! Katherine Gun wollte sich nicht beugen und dem Anraten ihrer Anwälte folgen, sich schuldig zu bekennen, um eine jahrelange Haftstrafe zu vermeiden. Der spannende Film zeichnet die Geschichte der Geheimdienste in der Art eines Polit-Thrillers nach, der Thrill besteht vor allem darin, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt, die zwar nicht abgewendet wurde, aber doch Recht behalten hatte. Nach dem Einmarsch der amerikanischen und britischen Truppen in den Irak wurde das Land völlig destabilisiert, der IS kam auf und die Bevölkerung leidet bis heute unter den chaotischen Zuständen. Mehr als 160.000 Soldaten und Zivilisten wurden getötet.
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Portrait de la jeune fille au feu
I.I. Ein Kleinod von Film. Wie ein Äquivalent der Malerei, mit langen Landschaftseinstellungen der bretonischen Steilküste, dem tosenden Meer, den schreienden Möwen, schwermütigen Menschen, die nicht viel reden. Zwei Stunden lang steht eine Frau im 18. Jahrhundert im Mittelpunkt, eine Malerin, Marianne (Noèmie Merlant), die das Geschäft ihres Vaters übernommen hat. Man sieht ihr zu, wie sie für ihre Schülerinnen posiert, und wie sie souverän Auskünfte erteilt, wie Selbständigkeit für sie eine Normalität darstellt, die es zu ihrer Zeit keinesfalls ist. Und wie sie Aufträgen nachreist, Menschen zu porträtieren, wie die junge Héloise (Adèle Haenel), die sich weigert, Modell zu stehen für ihr Hochzeitsporträt. Sie soll mit einem Unbekannten in Milano verheiratet werden. Ihre Schwester hätte statt ihrer mit ihm getraut werden sollen, sie hatte sich von den Steilküsten in den Tod gestürzt. Marinne soll Héloise heimlich malen, so ihre Mutter (Valeria Golino). Doch Marianne gesteht Héloise den Schwindel und zerstört ihr Bild. Daraufhin beschliesst Héloise, nun doch für sie zu posieren. Eine Intimität entsteht zwischen den beiden, die eine unmögliche Liebesgeschichte eingehen. Die Regisseurin Céline Sciamma inszeniert den wunderbaren Film als Kunstwerk, der in Cannes für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde.
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Maleficent 2: Mächte der Finsternis
I.I. Disney-Film mit gesellschaftskritischem Ansatz. Die Fee Maleficent (Angelina Jolie) ist ungehalten: ihre Adoptivtochter Aurora (Elle Fanning) ist erwachsen geworden und hat beschlossen, den Prinzen Phillip (Harris Dickinson) zu heiraten und die Moore, in denen sie aufgewachsen ist, verlassen und ins Menschen-Königreich Ulstead ziehen. Keine Begeisterung für die bevorstehende Hochzeit scheint auch Königin Ingrith (Michelle Pfeiffer) aufzubringen. Phillips Mutter macht aus ihrer Verachtung gegenüber Feen keinen Hehl. Während eines Dinners im Schloss des Königspaars geraten die Parteien aneinander. Phillips Vater, König John (Robert Lindsay), der die Heirat befürwortet. bricht plötzlich zusammen und die Königin beschuldigt Maleficent, ihn verflucht zu haben. Die Fee sieht sich gezwungen, zu fliehen. Maleficent wird von ihr mit lakonisch-subversivem Charme dargestellt, die ihre Dominanz eindrücklich unter Beweis stellt. Während Aurora in Ulstead Mühe bekundet, sich an die neuen Lebensumstände zu gewöhnen, schmiedet Königin Ingrith einen hinterlistigen Plan:«Lock her up!» fordert sie, als Aurora sich ihrem Willen widersetzt. Das erinnert ein wenig an Trumps Fight gegen Hillary Clinton. Der erste Teil der Maleficent-Saga war eine Adaption der Dornröschen-Geschichte, die Fortsetzung weicht deutlich davon ab. Maleficent begreift sich als Fee, die von den Menschen immer gefürchtet sein will und wird. Aurora als junge Frau, die ihre Heimat verlassen muss, wenn sie mit ihresgleichen leben will. Dass Feen und Menschen nicht in Frieden koexistieren können und die Unterschiede zu gross seien, erklären ihr die Multi-Kulti-Skeptiker. Ganz wie im richtigen Leben bleibt Identitätspolitik umstritten. Die gesellschaftskritischen Töne verleihen dem Film einen zeitgemässeren Anstrich. Und zum Schluss gibt’s doch noch ein Happy End. Der Film unter der Regie von Joachim Rønning wurde von Angelina Jolie mitproduziert. Jolie, 44, hat sich inzwischen auch als Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin etabliert.
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Pavarotti

I.I. Die Oper war sein Leben. Oscar-Gewinner Ron Howard (Apollo 13, Illuminati) widmet sein Musik-Doku dem weltberühmten, umschwärmten Opernsänger Luciano Pavarotti, mit bis heute unveröffentlichten Fotos und privaten Film-Aufnahmen. Pavarotti verkaufte 26 Millionen Tonträger, mit seinen Konzerten und einem Mix von Opern- mit Popmusik erreichte er Millionen. 2007 starb Pavarotti im Alter von 71 Jahren. Hollywood-Regisseur Howard setzt dem begnadeten Künstler mit seiner Biopic ein filmisches Denkmal, um dem ereignisreichen Leben des grossen Sängers nachzuspüren, wobei der Schwerpunkt auf dem künstlerischen Aspekt liegt. Der Film besteht aus einer Fülle an Konzert-Ausschnitten und Arien, von mehr oder minder guter Qualität, ergänzt durch Interviews mit Managern, Journalisten und Musikerkollegen wie Bono von U2. Es sind vor allem die begeisternden Aufnahmen der «drei Tenöre» Luciano Pavarotti, Placido Domingo, José Carreras und die emotionalen Konzertszenen mit Künstlern der Popmusik, die zeigen, dass Pavarotti die Grenzen klassischer Musik und Gesangskunst sprengte. Wer Pavarotti liebt, wird diese Doku als Erinnerung schätzen.
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to be continued

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