FRONTPAGE

«Dokfilmer Samirs Spielfilm: Baghdad in My Shadow»

Von Rolf Breiner

 

Es ist ein langer Weg von Bagdad nach London und von Locarno im Sommer in die Kinos im Herbst: Samir, Produzent (Dschoint Ventschr), Kulturmanager (Kosmos), Autor und Filmer hat ihn beschritten. Sein jüngster Film handelt von Emigranten aus aus dem Irak in London: «Baghdad in My Shadow». Wir trafen den Regisseur und die Hauptdarstellerin Zahraa Ghandour.

 

Zufluchtsort und Brennpunkt

Sie treffen sich im Cafe Abu Nawas, so benannt nach einem arabischen Dichter aus dem 8. Jahrhundert. Der war Hofpoet zurzeit des Kalifen Harun ar-Raschid, schrieb Wein-, Jagd- und Liebesgedichte und büsste im Jahre 815 eines seiner Spottgedichte mit dem Tode. Eine persische Familie hatte sich gerächt. Besagtes Cafe wird von einem kurdischen Aktivisten geführt und ist Treffpunkt freier Geister und Exil-Irakis. Stammgäste sind etwa der Dichter Taufiq (Haytham Abdulrazak) und der homosexuelle IT-Spezialist Muhanad (Waseem Abbas). Auch die Architektin Amal (Zahraa Ghandour) taucht hier oft auf. Sie alle haben ihre Geheimnisse, mussten untertauchen und suchten Sicherheit in England. Der öffentliche Sammelpunkt ist gefährdet, als Taufiqs fanatischer Neffe Nasseer (Shervin Alenabi) einem radikal-islamischen Prediger mehr glaubt als seinem Onkel. Als dann noch Amals Ex-Mann als Kulturattaché auftaucht, wird’s brenzlig und lebensgefährlich für die ungläubigen «Gottlosen».

 

Ein Café ist beliebtes Sujet und Synonym für Kommen und Gehen, Abschied und Aufbruch, flüchtige und feste Bekanntschaften, Hoffen und Bangen. Man muss an Rick’s Cafe im Filmklassiker «Casablanca» denken. Nur bestehen hier gravierende Unterschiede, damals in Casablanca zur Nazizeit flüchten Menschen, brechen auf und hoffen auf eine sichere Zukunft. Hier und jetzt in London ist das Café Abu Nawas feste Begegnungsstätte, sicherer Hort und Endpunkt. So ein Café hätte sich angeboten, meint Samir, «wo Menschen verschiedener Generationen aufeinandertreffen, die in verschiedenen Zeiten aus verschiedenen Gründen den Irak verlassen mussten. Sei es aus politischen Gründen, wegen fehlender wirtschaftlicher Perspektiven oder wegen ihrer sexuellen Orientierung. Ein Café Abu Nawas gab es vor etwa zwanzig Jahren tatsächlich – allerdings in Berlin».
Samir, der Dokumentarfilmer («Iraqui Odyssey», «Forget Baghdad»), strebt nach Authentizität und Wirklichkeit. So suchte er für die massgeblichen Rollen «echte» Iraki. Für die Rolle des schwulen Emigranten fand er im Irak keinen bereitwilligen Schauspieler. Der Iraki Wasseem Abbas, der in England lebt, hatte damit keine Berührungsängste und Probleme. Haytham Abdulrazaq aus Karkuk (Irak) ist Regisseur und Schauspieler, der auch in Paris arbeitet, eine Persönlichkeit mit Renommee und Freiheiten. Nein, für ihn sei es leicht gewesen, die Rolle Taufic zu spielen, der eine Bürde aus der Vergangenheit mit sich trägt, erklärte er im Gespräch.
Zahraa Ghandour (Amal) ist Journalistin, TV-Moderatorin, Schauspielerin und Feministin, seit 2012 aktiv und bekannt im Irak. Hatte sie Bedenken. Befürchtungen? Sie hatte kurz vor Drehbeginn abgesagt. «Es war eine Herausforderung», meinte sie im Gespräch. «Aber alles lief gut.» Sie spielt eine Frau, die ihren Mann verlassen hat und nun mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Wieviel hat Amal mit Zahraa Ghandour zu tun? «Ich habe auch in meinem Leben dafür gekämpft, frei, ein freier Mensch zu sein».  Wird sie vom Staats und Sicherheitsorganen nicht beobachtet, bedrängt? «Ich bin eine Frau – gegen das System, aber man ignoriert mich», unterstreicht die Schauspielerin. Wird der Film auch im Irak zu sehen sein? «Ich zweifle daran, denn er behandelt drei kritische Themen: Korruption, Homosexualität und eine Frau, die ihr Leben in die Hand nimmt und ihren Mann verlässt».
Zahraa Ghandour arbeitet zurzeit an einem unabhängigen Dokumentarfilm über eine führende Persönlichkeit im Irak, die sich seit den Sechzigerjahren (!) für Menschenrechte einsetzt: Hanaa Edwar.

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«Fotostiftung Schweiz: Guido Baselgia – Als ob die Welt zu vermessen wäre»

 

I.I. Ein doppeldeutiger Titel: Der Engadiner Guido Baselgia ist seit zwanzig Jahren unterwegs mit seiner Grossformatkamera und hat aus dem Amazonas neue Aufnahmen mitgebracht. Hier geht es nicht um schnelle Smartphone-Shots, seine Landschaftsfotografie feiert die Entschleunigung. Da muss man schon genau hinschauen, um die Hintergründe zu erfassen.

 

Bekannt für seine Aufnahmen von Landschaften aus Stein und Eis, höchst konzentrierte schwarz-weisse Kompositionen am Rande der Abstraktion, überrascht Guido Baselgia mit seinem neuesten Werkzyklus. Der Spezialist für Kargheit und Leere findet einen Weg in die Überfülle: Er fotografiert den tropischen Regenwald im Amazonasbecken, befasst sich mit der Darstellbarkeit eines Lebensraums, der allgegenwärtig ist im kollektiven Bildgedächtnis und heute aufgrund seiner akuten Bedrohung zudem im Schlaglicht klimapolitischer Auseinandersetzungen steht. Die Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz zeigt erstmals Guido Baselgias Fotografien aus dem Osten Ecuadors.

Die neue Arbeit schlägt ein weiteres Kapitel in der Reihe von Baselgias Werkzyklen auf. In ihrer Abfolge lesen sich die Projekte der vergangenen zwanzig Jahre fast wie eine Schöpfungsgeschichte: Auf Bilder lebloser Einöde folgen die Gestirne, dann die Vegetation und der Mensch. Der Fotograf geht elementaren Fragen nach und kreuzt dabei auf seinen Reisen die Fährten berühmter Entdecker, doch seine Bilder zeugen von einem sehr differenzierten Blick. Die Welt ist nicht mehr zu vermessen, es gibt keine weissen Flecken mehr auf der Landkarte, einem utilitaristisch und kolonial geprägten Gestus der Weltvermessung stehen wir heute skeptisch gegenüber. Das Betrachten von Fotografien aus entlegenen Weltgegenden bringt uns vor allem dazu, über die Bedingungen unserer Rezeption nachzudenken.

Fotostiftung Schweiz, Winterthur, 19. Oktober 2019 bis 16. Februar 2020
www.fotostiftung.ch

 

 

Filmtipps

 
Lara
rbr. Verhärmte Verliererin. Geburtstage sind so eine Sache – im Leben und im Kino. Derartige Feiertage und Jubiläen sind beliebte Situationen und Sujets in Gesellschaftsfilmen, etwa in Christoph Schaubs «Giulias Verschwinden» (2009). Dazumal sollte Giula ihren 50.Geburtstag feiern und verschwand, gespielt von Corinna Harfouch. Und sie verkörpert nun «Lara» in Jan-Ole Gersters Beziehungsdrama. Auch Lara ist es an ihrem 60. Geburtstag nicht zum Feiern zumute, im Gegenteil, sie unternimmt einen halbherzigen Selbstmordversuch. Die frühpensionierte Beamtin Lara Jenkins (Harfouch). blickt auf ein fehlgeleitetes Leben. Die einst hochbegabte Klaviervirtuosin hat das Spielen aufgegeben, ist hart, sarkastisch, zynisch und einsam geworden. Ihr Herz gehörte einst und immer noch der klassischen Musik, die sie nun ihrem Sohn Viktor (Tom Schilling) eingeimpft hat. Sie hat ihn unterrichtet, drangsaliert, forciert. Tatsächlich hat der sich zu einem exzellenten Klavierspieler entwickelt, mehr noch, er wird seine erste eigene Komposition in einem Berliner Konzertsaal vorstellen. Die Mutter verweigert ihre Anteilnahme, kauft aber jede Menge Restkarten und verschenkt sie. Sie bezweifelt das Können ihres Sohnes und stürzt ihn in eine Krise
In der Tragikomödie «Oh Boy» von 2012 driftete Niko alias Tom Schilling ziellos durch Berlin. In «Lara» hingegen hat Viktor (Schilling) ein Ziel, er will sich und seiner Mutter beweisen, dass er sich frei geschwommen hat, unabhängig geworden ist. In diesem Beziehungsdrama, getragen von zwei herausragenden Protagonisten, kommt eine private Tragödie ans Licht. Lara hat sich aufgrund des flüchtigen Urteils eines Musikprofessors (Volkmar Kleinert) grundsätzlich infrage gestellt – und wurde zur verhärmten Verliererin. Darüber zeichnet Regisseur Jan-Ole Gerster auch das Porträt eines Gesellschaftskonflikts, hier der Glaube an Autorität und Genie, dort der Wille zur freien Entfaltung und Selbstverwirklichung. Bestes intimes Kino.

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Le Mans ’66
rbr. Ford gegen Ferrari. Berühmte Rennfahrer sind immer mal wieder beliebte Filmhelden – in Spiel- wie auch Dokumentarfilmen, beispielsweise in Felice Zenonis Dokumentation «Clay Regazzoni – Ein Leben am Limit» (2016), in John Frankenheimers Formel-I-Drama «Grand Prix» (1966) oder im Spielfilm «Le Mans» (1971) mit Steve McQueen. Nun ist James Mangold auf die Rennpiste gegangen – mit Christian Bale und Matt Damon. Sein Pistendrama «Le Mans ’66» schildert nach tatsächlichen Begebenheiten den Kampf zwischen Ford (Henry Ford II) gegen Ferrari (Enzo Ferrasri) um die Vormachtstellung im Autorennsport. Die roten Boliden aus Monza hatten das Langstreckenrennen, die 24 Stunden von Le Mans, siebenmal zwischen 1958 und 1965 gewonnen. Das wollte der Fordboss ändern und engagierte den ehemaligen Rennfahrer und Konstrukteur Carroll Shelby (Mattt Damon) und Spitzenfahrer Ken Miles (Christian Bale). Die beiden eingeschworenen Partner trauten sich, wurden aber vom ehrgeizigen Management (Abteilung Marketing) ausgebremst. Der britische Hitzkopf Miles könnte dem Ford-Image schaden, fanden die Verkäufer und stellten den Autoflüsterer Miles kalt. Das rächte sich, denn der neu entwickelte Ford GT40 hatte das Zeug zum Siegen, aber…
Auch wenn man die sporthistorischen Tatsachen kennt, verliert das Renndrama der Marke Mangold («Walkt he Line») keine Meile an Spannung. Es gibt brillante Rennszene, auf Sixties getrimmt, handfeste Keilereien, böse Intrigen und viel Speed. Nicht nur für PS-Fans. Das ist den beiden Cockpit-Helden, brillant verkörpert durch Bale und Damon, und ihrer unerschütterlichen Freund- und Partnerschaft zu verdanken. Hinzukommt das Gerangel in den Chefetagen, die Machtspiele und der Clinch der beiden grossen Autoindustriellen Ford und Ferrari. Ein Film wie aus der Zeit gefallen, als Sportgeist, Solidarität und Handwerk (siehe Autoflüsterer) mehr zählten als seelenlose Computer. Gleichwohl herrschten auch in den Sechzigern Eitelkeit und menschliche Unzulänglichkeiten, gab es Stallorder und Aufbegehren. So oder so – «Le Mans ’66» ist ein Kinoereignis!
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Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes

rbr. Vom Romantiker zum Aktivisten. Am diesjährigen Zurich Film Festival wurde der Spielfilm von Nik Hilber gefeiert, und der feierte den Umweltaktivisten, Menschenrechtler und Romantiker Bruno Manser. Der Basler brach 1984 auf seiner Sinnsuche nach Borneo auf. Er suchte das einfache ursprüngliche Leben fern der Zivilisation und begegnete den Dschungelnomaden vom Stamme der Penan. Damit beginnt Hilbers Film. Manser gewinnt das Vertrauen der Penan, lernt ihre Sprache und lebt ihr Leben. Doch die Naturidylle ist in Gefahr. Die Bulldozer kommen näher, die Abholzung schreitet vor. Manser animiert die Ureinwohner, der Waldzerstörung Stirn zu bieten, organisiert den Widerstand, baut Sperren. Dass der Laki Penan (weisse Penan) Manser sich in die Penan-Frau Ubung (Elizabeth Ballang) verliebt, mag man den Filmern als emotionale fiktive Zutat verzeihen. Ansonsten habe diese sich um möglichst grosse Authentizität bemüht. Die indigene Bevölkerung war präsent, Hilber gewann wie einst Manser das Vertrauen der Penan. Nick Kelesau als Häuptling Alon Sea steht dafür als Beispiel. Die aufwändige Produktion, auf drei Kontinenten und unter anderem an Originalschauplätzen auf Borneo gedreht (77 Tage Drehzeit), ist ein Drama, das in Zeiten der Klimadiskussion und des Protestes auf offene Ohren und Augen stossen wird. Der Mann, der vom Naturliebhaber zum Umweltschützer wurde, im Jahr 1990 in die Schweiz zurückkehrte und bei der UNO vorstellig wurde, brach abermals im Jahr 2000 in den Dschungel auf, um den Indianern zu helfen – und ist seither verschollen.
Das Epos um den wohl bekanntesten Umweltaktivisten der Schweiz, Bruno Manser (1954-2005), taucht tief in den Dschungel ein, versucht zu rekapitulieren und rekonstruieren, was eigentlich nicht wiederherzustellen ist. Auch wenn manches geschönt (vor allen in den Regenwäldern Indonesiens, wo überwiegend gedreht wurde) und allzu heil scheint, hat das fast zweieinhalbstündiges Kinowerk seinen Sinn erfüllt, ein Stück Umweltdramatik glaubwürdig darzustellen. Es wird dem Basler Bruno Manser und seinem Kampf gegen Waldzerstörung gerecht, auch dank des Hauptdarstellers Sven Schelker, der den Penan-Bruder überzeugend verkörpert, auch wenn der wahre Manser weniger fotogen scheint.
Wer’s genau wissen will, sollte sich den Dokumentarfilm des Zugers Christoph Kühn aus dem Jahr 2007 anschauen: «Bruno Manser – Laki Penan». Kühn ist den Spuren Mansers im Dschungel von Sarawak gefolgt und hat u.a. mit seiner zweiten Familie, den Penan gesprochen.

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The Report
rbr. Der Wahrheit «nachhelfen». Ungeheuerlich. Ein Staat, der sich Freiheit und Menschlichkeit auf die Fahnen geschrieben hat, bedient sich Gewalt, Folter und anderer faschistischer Methoden. Die USA, vormals als Weltpolizist aktiv, bis US-Präsident Trump zum Rückzug blies, liessen CIA-Schergen gewähren, die angeblich hochbrisante Wahrheiten ans Licht fördern wollten, in Wahrheit aber falsche Geständnisse erpressten und falsches Zeugnis ablegten. Diese Machenschaften schildert der Politthriller «The Report» von Scott Z. Burns. Zugrunde liegt dem Film der 6700 Seiten umfassende Bericht des FBI-Mitarbeiters Daniel Jones. Ein Mann, der sich akribisch, unbestechlich, mit schier unendlicher Geduld und Durchhaltewillen durch einen Wust von Akten, Unwahrheiten und perfiden Störmanöver kämpfen musste. Jones, brillant verkörpert von Adam Driver, sollte im Auftrag der Senatorin Dianne Feinstein (Annette Bening) Inhaftierungsmethoden und Vernehmungspraktiken der CIA untersuchen. Diese Behörde hatte unter Leitung des Psychologen Jim Mitchell (Douglas Hodge) auf erschreckende Verhör- und Foltermethoden zurückgegriffen und falsche Geständnisse vorgelegt. Sechs Jahre lang wühlte sich Jones durch Aktenberge, entlarvte falsche Ergebnisse und wurde gebremst. CIA und das Weisse Haus wollten unbedingt die Veröffentlichung seines Berichts verhindern, der die ungesetzmässige Folterung von Gefangenen darlegte, welche im Zuge der Ermittlungen nach dem 11. September oft willkürlich inhaftiert worden waren.
Der Politthriller «The Report», produziert von Burns, der auch das Drehbuch geschrieben hat, von Jennifer Fox, Steven Soderberg u.a., ist brutal, vor allem was die Schilderung der Foltermethoden und die skrupellose «Arbeit» der CIA-Mitarbeiter und Verantwortlichen angeht. Unbestritten ein wichtiger entlarvender und packender Film, der so wohl nur in den USA (oder England) möglich war: Verfehlungen werden entlarvt, dunkle Seiten aufgeklärt, auch wenn die Verantwortlichen offensichtlich davonkommen.

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Sorry, We Missed You

rbr. Ein alltägliches Drama. Ein typischer Loach. Der britische Altmeister Ken Loach taucht wieder tief in die Ränder der Gesellschaft – wie letztlich in «I, Daniel Blake». Ricky Turner (Kris Hitchen) und seine Frau Abbie (Debbie Honeywood) versuchen mit Ach und Krach die Familie mit zwei Kindern im Teenageralter über Wasser zu halten. Man schreibt das Krisenjahr 2008 (unter Tony Blair). Er jobbt als Gelegenheitsarbeiter, sie als Altenpflegerin. Das Leben in Newcastle ist kein Zuckerschlecken. Hoffnung keimt auf, als Ricky den Job als Kurier eines Paketdienstes ergattert. Freilich als Freiberuflicher, das heisst als Franchise-Nehmer muss er einen Lieferwagen (Van) besitzen und für Risiken selbst aufkommen. Diese «Unabhängigkeit» kommt ihn teuer zu stehen. Die Bedingungen sind hart und kennen keine Gnade. Ein Ausfall kann den Absturz bedeuten. – Der Titel «Sorry We Missed You» stammt von einem Zettel, den Paketausträger an die Haustür heften, wenn sie die Adressaten nicht antreffen. Man kann ihn natürlich auch anders deuten: Sorry, wir haben es verpasst oder vermasselt. Familienvater Ricky strampelt sich und kriegt doch kein Bein auf die Erde. Ken Loach kritisiert das englische Sozialsystem und beschreibt einen Überlebenskampf, indem er wie bei «I, Daniel Blake» sein ganzes Augenmerk auf Verlierer lenkt und ihren grauen Alltag schildert. Ein heftiges und gradliniges Sozialdrama voller menschlicher Wärme, Verzweiflung – und kleinen Hoffnungsschimmern.
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Untouchable – The Inside Story oft he Harvey Weinstein Scandal

rbr. Machtmissbrauch eines Lüstlings. Kein Zweifel, er hat Hollywood und seine Machtmechanismen in Verruf gebracht. Die intimen Aktivitäten des Filmgurus Harvey Weinstein wurden durch die Recherchen des Journalisten Ronan Farrow publik gemacht. Er hat durch investigative Artikel im «New Yorker» und der «New York Times» die dunklen Seiten des Erfolgsproduzenten publik gemacht. Ronan Farrow, der Sohn von Schauspielerin Mia Farrow und Regisseur Woody Allen, gewann den Pulitzer-Preis und brachte die «Me-Too-»Bewegung ins Rollen. Was viele wussten und verschwiegen, brachte Farrow an die Öffentlichkeit. Weinstein hatte über Jahrzehnte seine Macht missbraucht, um Frauen gefügig zu machen – und sie gegebenenfalls zu fördern. Das Bett als Sprungbrett für eine Karriere. Weinstein bestreitet bis heute gewaltsame sexuelle Übergriffe und spricht von «einvernehmlichem Sex». Ursula Macfarlane hat diesen Skandal dokumentiert, hat Opfer und Mitwisser, Gefährtinnen und Sternchen interviewt und viel Dokumentarfilmmaterial zu einer grossen filmischen «Anklageschrift» montiert. Keine Frage, ihr Film ist parteilich, einseitig und entwirft das abschreckende Bild eines Produzentengenies und Monsters.
Stars und Sternchen – u.a. Rosanna Arquette, Selma Hayek, Ashley Judd, Erika Rosenbaum – wagen es, den Tyrann mit dem mächtigen Netzwerk blosszustellen. Sie klagen über Nötigung, sexuelle Übergriffe und ihre Ängste. Paz de la Huerta ist jedoch eine der wenigen Frauen, die ihn auch der Vergewaltigung bezichtigen. Bis dato kam Weinstein vor Gericht davon, zwei Prozesse sind hängig und sind auf Januar 2020 verschoben worden.
Klar, Macfarlanes Filmdokumentation ist schmerzhaft, weckt Emotionen und hält den Nötiger und Machtmenschen Weinstein eindeutig für schuldig. Darüber hinaus stellt der Film auch Fragen nach Komplizenschaft, nach Mittätern und Mitwissern, über eine Gesellschaft, die vor Macht duckt und wegschaut und einen gewieften Drahtzieher – siehe Trump – gewähren lässt. Wie der Fall Weinstein aber auch zeigt, ist keiner «Untouchable», also unantastbar. Der Hollywood-Mogul und Tyrann ist gefallen. Andere könnten auch gestürzt werden…
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Cody
rbr. Ein freies Hundeleben. Geradezu exemplarisch schildert der Dokumentarfilm «Cody – The Dogs Days are Over» wieweit eine Liebe zwischen Mensch und Tier gehen kann. Martin Skalsky adoptiert einen rumänischen Strassenköter. Er bringt ihn in die Schweiz, will das wilde, an Freiheiten gewohnte Tier in seine Familie integrieren. Alles braucht seine Zeit. Allmählich wächst das Vertrauen. Skalsky will aber mehr, will seinen Hund Cody glücklich machen und recherchiert dessen Vergangenheit. So stösst er auf Codys Weggefährtin Blanche, die in London ein Zuhause gefunden hat. Der Hundehalter arrangiert ein Treffen des auseinandergerissenen Paares. Für wen, für welches Leben wird sich Cody entscheiden?
Martin Skalsky, von Hause aus Komponist für Dokumentar-und Spielfilme («Mario», «Flitzer», «Der Sandmann»), stiess in Berlin auf den Mischling Cody. Ihn interessierte das Verhältnis Mensch und Tier. Wieviel Freiheit steht da auf dem Spiel? Gibt es so etwas wie Liebe? Und wie verhält es sich tatsächlich zwischen Hund und Hündin, sprich Cody und Blanche? So entstand ein liebevolles Porträt. Dabei bringt Skalsky sowohl die Hunderetterin Cristina Paun in Targoviste (Rumänien) als auch den Tierrechts-Philosophen Mark Rowlands, Maike Maja Nowak, welche Grundrechte für Hunde verfasst hatte, und Lya Battle, Gründerin eines Hundeparadiese in Costa Rica, ins Spiel. Ein idealistischer Film, der freilich nur einen Aspekt des «Hundelebens» behandelt. Was ist mit Schosshündchen, Drogen- und Kampfhunden? Wie verhält es sich mit Erziehung und Dressuren? Aber das sollten andere Filme beantworten.

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Official Secrets

I.I. Der Polit-Thriller von Regisseur Gavin Hood feierte im Januar 2019 im Rahmen des Sundance Film Festivals Premiere und wurde auch am ZFF gezeigt. Es ist sechzehn Jahre her, seit Katherine Gun (Keira Knightley), Mitarbeitende des britischen Geheimdienstes GCHQ (Government Communication Headquarters) ein Memo eines ranghohen amerikanischen Geheimdienstmitarbeiters der National Security Agency (NSA) an die Presse weiterleitete. Die britischen Geheimdienstkollegen wurden darin aufgefordert, eine illegale Spionageoperation gegen Mitglieder des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen zu unterstützen, die sich nicht für eine Invasion in den Irak ausgesprochen hatten. Wenige Wochen vor der Invasion veröffentlichte die englische Sonntagszeitung «The Observer» eine Titelstory des Inland-Politik-Redaktors Martin Bright (Matt Smith) mit der Schlagzeile «Enthüllt: Dreckige Tricks der USA, um Stimmen für den Irak-Krieg zu gewinnen».
Die damals 28-jährige Geheimdienstlerin versuchte 2003 auf eigene Faust, den Irak-Krieg zu verhindern, ein gefährliches, wagemutiges Unterfangen, das sie in erhebliche Schwierigkeiten brachte und mit einer Spionage-Anklage «Official Secrets Act» vor Gericht konfrontierte.
Vor kurzem wurde die wahre Whistleblowerin, Katherine Gun, von einem BBC-Moderatoren befragt, wie sie ihre Rolle heute sehe, ob sie eine Schuld eingestehe und ob sie es nochmals machen würde. Nein, gab sie zurück sie hätte keine Minute an ihrer Entscheidung gezweifelt, sie befand den bevorstehenden Krieg gegen Saddam Hussein wegen vermuteter Chemiewaffen als illegal. George Bush und Tony Blair zettelten einen Krieg unter falschen Voraussetzungen an. Dass der Krieg legal war, ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats, konnte das Gericht ihr nicht nachweisen und liess deshalb nach einem nervenaufreibenden Jahr die Anklage fallen, da Guns Strafverteidiger Ben Emmerson (Ralph Fiennes) von der Staatsanwaltschaft Dokumente verlangten, die die britische Regierung belastet hätten. Eine Sensation! Katherine Gun wollte sich nicht beugen und dem Anraten ihrer Anwälte folgen, sich schuldig zu bekennen, um eine jahrelange Haftstrafe zu vermeiden. Der spannende Film zeichnet die Geschichte der Geheimdienste in der Art eines Polit-Thrillers nach, der Thrill besteht vor allem darin, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt, die zwar nicht abgewendet wurde, aber doch Recht behalten hatte. Nach dem Einmarsch der amerikanischen und britischen Truppen in den Irak wurde das Land völlig destabilisiert, der IS kam auf und die Bevölkerung leidet bis heute unter den chaotischen Zuständen. Mehr als 160.000 Soldaten und Zivilisten wurden getötet.
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Portrait de la jeune fille au feu
I.I. Ein Kleinod von Film. Wie ein Äquivalent der Malerei, mit langen Landschaftseinstellungen der bretonischen Steilküste, dem tosenden Meer, den schreienden Möwen, schwermütigen Menschen, die nicht viel reden. Zwei Stunden lang steht eine Frau im 18. Jahrhundert im Mittelpunkt, eine Malerin, Marianne (Noèmie Merlant), die das Geschäft ihres Vaters übernommen hat. Man sieht ihr zu, wie sie für ihre Schülerinnen posiert, und wie sie souverän Auskünfte erteilt, wie Selbständigkeit für sie eine Normalität darstellt, die es zu ihrer Zeit keinesfalls ist. Und wie sie Aufträgen nachreist, Menschen zu porträtieren, wie die junge Héloise (Adèle Haenel), die sich weigert, Modell zu stehen für ihr Hochzeitsporträt. Sie soll mit einem Unbekannten in Milano verheiratet werden. Ihre Schwester hätte statt ihrer mit ihm getraut werden sollen, sie hatte sich von den Steilküsten in den Tod gestürzt. Marinne soll Héloise heimlich malen, so ihre Mutter (Valeria Golino). Doch Marianne gesteht Héloise den Schwindel und zerstört ihr Bild. Daraufhin beschliesst Héloise, nun doch für sie zu posieren. Eine Intimität entsteht zwischen den beiden, die eine unmögliche Liebesgeschichte eingehen. Die Regisseurin Céline Sciamma inszeniert den wunderbaren Film als Kunstwerk, der in Cannes für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde.
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Maleficent 2: Mächte der Finsternis
I.I. Disney-Film mit gesellschaftskritischem Ansatz. Die Fee Maleficent (Angelina Jolie) ist ungehalten: ihre Adoptivtochter Aurora (Elle Fanning) ist erwachsen geworden und hat beschlossen, den Prinzen Phillip (Harris Dickinson) zu heiraten und die Moore, in denen sie aufgewachsen ist, verlassen und ins Menschen-Königreich Ulstead ziehen. Keine Begeisterung für die bevorstehende Hochzeit scheint auch Königin Ingrith (Michelle Pfeiffer) aufzubringen. Phillips Mutter macht aus ihrer Verachtung gegenüber Feen keinen Hehl. Während eines Dinners im Schloss des Königspaars geraten die Parteien aneinander. Phillips Vater, König John (Robert Lindsay), der die Heirat befürwortet. bricht plötzlich zusammen und die Königin beschuldigt Maleficent, ihn verflucht zu haben. Die Fee sieht sich gezwungen, zu fliehen. Maleficent wird von ihr mit lakonisch-subversivem Charme dargestellt, die ihre Dominanz eindrücklich unter Beweis stellt. Während Aurora in Ulstead Mühe bekundet, sich an die neuen Lebensumstände zu gewöhnen, schmiedet Königin Ingrith einen hinterlistigen Plan:«Lock her up!» fordert sie, als Aurora sich ihrem Willen widersetzt. Das erinnert ein wenig an Trumps Fight gegen Hillary Clinton. Der erste Teil der Maleficent-Saga war eine Adaption der Dornröschen-Geschichte, die Fortsetzung weicht deutlich davon ab. Maleficent begreift sich als Fee, die von den Menschen immer gefürchtet sein will und wird. Aurora als junge Frau, die ihre Heimat verlassen muss, wenn sie mit ihresgleichen leben will. Dass Feen und Menschen nicht in Frieden koexistieren können und die Unterschiede zu gross seien, erklären ihr die Multi-Kulti-Skeptiker. Ganz wie im richtigen Leben bleibt Identitätspolitik umstritten. Die gesellschaftskritischen Töne verleihen dem Film einen zeitgemässeren Anstrich. Und zum Schluss gibt’s doch noch ein Happy End. Der Film unter der Regie von Joachim Rønning wurde von Angelina Jolie mitproduziert. Jolie, 44, hat sich inzwischen auch als Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin etabliert.
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Pavarotti

I.I. Die Oper war sein Leben. Oscar-Gewinner Ron Howard (Apollo 13, Illuminati) widmet sein Musik-Doku dem weltberühmten, umschwärmten Opernsänger Luciano Pavarotti, mit bis heute unveröffentlichten Fotos und privaten Film-Aufnahmen. Pavarotti verkaufte 26 Millionen Tonträger, mit seinen Konzerten und einem Mix von Opern- mit Popmusik erreichte er Millionen. 2007 starb Pavarotti im Alter von 71 Jahren. Hollywood-Regisseur Howard setzt dem begnadeten Künstler mit seiner Biopic ein filmisches Denkmal, um dem ereignisreichen Leben des grossen Sängers nachzuspüren, wobei der Schwerpunkt auf dem künstlerischen Aspekt liegt. Der Film besteht aus einer Fülle an Konzert-Ausschnitten und Arien, von mehr oder minder guter Qualität, ergänzt durch Interviews mit Managern, Journalisten und Musikerkollegen wie Bono von U2. Es sind vor allem die begeisternden Aufnahmen der «drei Tenöre» Luciano Pavarotti, Placido Domingo, José Carreras und die emotionalen Konzertszenen mit Künstlern der Popmusik, die zeigen, dass Pavarotti die Grenzen klassischer Musik und Gesangskunst sprengte. Wer Pavarotti liebt, wird diese Doku als Erinnerung schätzen.
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to be continued

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