FRONTPAGE

Heidi Specogna: «Stand Up, My Beauty»

Von Rolf Breiner

 

Die Schweizerin Heidi Specogna, 1959 in Biel geboren, lebt seit 1982 in Berlin und bricht immer wieder im Dienste der Menschenrechte nach Afrika, Südamerika und demnächst nach Brasilien auf, um Persönlichkeiten zu begleiten. «Stand Up, My Beauty» porträtiert Nardos, eine äthiopische Musikerin.

Die Filmerin Heidi Specogna lehrt an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, ist Abteilungsleiterin im Fach Dokumentarfilm und betreut Projekte. Immer wieder ist sie Spuren und Schicksalen bemerkenswerter Persönlichkeiten und Menschen gefolgt. Sie machte sich ein Bild über den ehemaligen Staatspräsidenten Uruguays («Pepe Mujica – Der Präsident», 2014), über einen US-Soldaten im Irakkrieg («Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez», 2006), einen nigerianischen Fussballer, dem eine Flüchtlingsfähre gehörte («Das Schiff des Torjägers», 2010), oder über Frauen, die unter den Kriegsfolgen in der Zentralafrikanischen Republik («Cahier Africain», 2016) litten und klagten.

 

«Heldin des Alltags»: die Musikerin Nardos, Erzieherin und Ernährerin.

Dein Film startet jetzt in Schweizer Kinos, im Mai dann auch in Deutschland. Begleitest du ihn hier?
Heidi Specogna: Ja, ich finde es wichtig. a) habe ich selber viele Fragen und bin neugierig. Für mich ist ein Film erst zu Ende, wenn er gezeigt wurde. b) nimmt man im Kinoraum wahr, wie die Spannung ist, ob die Leute mitgehen oder wegdämmern. Kino ist ein lebendiger Raum. Filme, die gestreamt und online ausgewertet werden, verpuffen, die nehmen nichts auf und geben nichts zurück. Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass wir gerade für den Dokumentarfilm jede Möglichkeit wahrnehmen, den Film mit dem Publikum zu sehen und zu besprechen.

 

Die direkte Rezeption eines Films ist also nach wie vor wichtig…
Film ist eine Kunstform wie ein Konzert, ein Bild oder eine Ausstellung. Ein Bild von zwei auf drei Metern würde ich nie auf meinem kleinen Bildschirm betrachten, nie ein Konzert der Philharmonie auf meinem Notebook anhören.

 

Wird die Pandemie Auswirkungen beim Publikum haben, speziell beim jüngeren?
Das jüngere Publikum wird die Erfahrung machen, dass ein Film nicht das Gleiche ist, wenn man ihn allein anschaut. Diese sinnliche Erfahrung muss man machen. Eine gute Spur ist für mich, dass die Filme ein Nachleben haben, nämlich wenn die Filme nach dem Kino online ausgewertet werden sind und ein anderes Publikum anziehen können. So könnte die Lebensdauer eines Films verlängert werden. Das finde ich toll.

 

Zu deinem neusten Film: Wie gross war der Aufwand?
Ich habe fünf Jahre gedreht, ein halbes Jahr geschnitten. Der Film war sechs Tage in der Tonmischung, zehn Tage in der Lichtbestimmung. Der Film hat alles bekommen, an handwerklichem Können, an Finesse, an technischen Gegebenheiten, also alles, was es braucht, um auf der Leinwand leben zu können. Davon dringt vielleicht nur ein Bruchteil zum Publikum durch. Film ist ein Kunstwerk. Ihm gebührt der gleiche Respekt wie anderen Künsten.

 

Wie bist du auf die Sängerin Nardos gestossen. Was hat dich fasziniert?
Ich bin mit einem Kollegen nach Addis Abeba zur Recherche über die äthiopische Jazzmusik gereist. Ich wollte herausfinden, wieso die äthiopische Musik anders klingt als in anderen Ländern. Das war frustrierend, weil sich das alles nicht mehr abbilden liess. Am letzten Abend landete ich in diesem Kulturclub und erlebten einen Auftritt von Nardos. Dieses Erlebnis hat mich berührt. Sie ist eine Frau aus Addis Abeba, eine Heldin des Alltags. Sie versucht allen Ansprüchen gerecht zu werden – als Tochter, Mutter, Ehefrau, Künstlerin – sie spielt wirklich viele Rollen.

 

Wie ging es weiter?
Wir haben uns am nächsten Tag zusammengesetzt, ich habe sie zuhause besucht. Es war klar, dass ich zurückkehren müsste. Ich bin dann auch zurück und wir haben den Faden neu aufgenommen. Ich habe mir viel Zeit genommen, sie für den Film zu überzeugen. Wir haben ein grosses Vertrauen aufgebaut. Sie hat uns dann auch in die intimsten Räume gelassen. Dass sie ein Filmteam akzeptierte, war ein grosses Geschenk und Vertrauensbeweis.

Hat sich ein Jahr nach den Dreharbeiten etwas für Nardos geändert?
Für sie hat sich einiges verändert. Sie konnte im Rahmen des Films zeigen, was sie kann. Sie ist weiterhin als Sängerin aktiv. Das ist ihre Haupteinnahme, ihre Auftritte in diesem Club. Der Film hat ihr Selbstwertgefühl aufgebaut und vieles wettmachen können.

 

Steht diese Frau nicht auch für eine Gesellschaft im Umbruch?

Das Land mit 110 Millionen Einwohnern ist schwer zu fassen. Es gibt diese boomende Stadt Addis Abeba und dann entlegene Täler, wohin keine Nachrichten gelangen. Man spürt eine wahnsinnige Dynamik in diesem Land. Es gibt eine starke religiöse Tradition, auf die sich ein Grossteil der Gesellschaft beruft, das heisst 50 Prozent Muslime, 50 Prozent Christlich-Orthodoxe. Nardos arbeitet in einem Kulturclub, der versucht, vieles aufzubrechen. Sie hat drei Kinder von einem Mann, der in Australien lebt.

 

Welche Ziel verfolgt sie?
Nardos sagt anfangs, sie singe Lieder von anderen, möchte aber eigene Lieder singen. Und das tut sie dann auch – in Zusammenarbeit mit der Dichterin Gennet. Es war spannend zu erleben, dass ihr Alltag sich in den Liedern niederschlug, auch in dem Lied, das dem Film den Titel gab. Sie verarbeitet ihre Tätigkeit etwa als Tagelöhnerin auf dem Bau und unterstützt die Unabhängigkeit junger Mädchen.

 

Wie würdest du ihre Musik, ihre Lieder beschreiben?
Die Texte sind aus realen Situationen entstanden. Entsprechend wurden sie von Jürg Halter für das Publikum hier übertragen und nachgedichtet. Die Instrumente sind ganz unterschiedlich – traditionell bis modern. So hat beispielsweise auch der Jazzmusiker Hans Koch mitgespielt.

 

Wohin führt deine nächste filmische Reise?
Da gibt es ein grosses Projekt. Ich werde mich auf den Spuren einer Fotografin begeben: Claudia Andujar, ihr Kampf und Lebenswerk in Brasilien.

 

Claudia Andujar
Die Fotografin, 1931 in Neuenburg geboren, in Transsilvanien aufgewachsen und von Nazis verfolgt, floh mit ihrer Mutter in die Schweiz. Der jüdische Vater und Verwandte wurden im KZ Dachau ermordet. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs reiste Claudia Andujar (eigentlich Claudine Haas) in die USA, dann nach Brasilien. Studium der Humanwissenschaften in New York. 1955 begann ihre Karriere als Fotografin (MOMA, Life, New York Times).
Seit 1955 lebt sie in Brasilien. 1956 begegnet sie erstmals indigenen Völkern. Seither kämpft die heute Neunzigjährige für Menschenrechte und das Überleben der Yanomami im Amazonasgebiet. Die Lebensgrundlagen der Yanomami Community sind gefährdet – durch Landraub und Ausbeutung der Bodenschätze.

 

 

«Fotostiftung Schweiz: Manon – Einst war sie «La dame au crâne rasé»

 

I.I. Mitte der 1970er-Jahre gab sich eine junge Künstlerin den programmatischen Namen «Manon». Mit ihren Auftritten als Femme fatale, provokanten Performances und Installationen mischte sie die Zürcher Kunst auf, stellte Männer in einem Schaufenster aus oder präsentierte ihr von laszivem Dekor überbordendes Schlafzimmer als lachsfarbenes Boudoir in einer Galerie.

 

Manon ist Drehbuchschreiberin, Bühnenbildnerin, Regisseurin und Schauspielerin, aber auch Fotografin. Mit dem Werkzeug der Kamera arbeitet sie bis heute an Selbstporträts und Stillleben. Sie konstruiert ihre Bilder mit kompositorischem Feingefühl, spielt mit subtilen Verweisen auf die Kunstgeschichte und die Popkultur und bringt gleichzeitig existenzielle Wünsche und Ängste zum Ausdruck. Manons fotografisches Œuvre ist ein Reigen der Schönheit und der Vergänglichkeit, angeführt von «La dame au crâne rasé», der legendären Serie aus den Jahren 1977/78. Die Heldin dieses traumhaften Fotoromans, die mit ihrem kahlgeschorenen Schädel androgyn und sexy, verletzlich und dennoch unantastbar cool ist, taucht nicht zuletzt im späteren Langzeitprojekt Hotel Dolores wieder auf.
Die Fotostiftung Schweiz zeigt Manon-Klassiker neben weniger bekannten Arbeiten, vereint die frühen Serien und die fotografischen Tableaus der vergangenen Jahre. Sie würdigt mit dieser Ausstellung, die anlässlich des achtzigsten Geburtstags der Künstlerin bereits für 2020 geplant war und dann coronabedingt verschoben werden musste, ein international wegweisendes Werk.

 

Begleitend zu den Ausstellungen in der Fotostiftung Schweiz (2022), im Kunsthaus Zofingen (2019) und im Centre curturel suisse, Paris (2021), ist 2019 die Publikation MANON (d/e/f) im Verlag Scheidegger & Spiess erschienen.
Die Ausstellung wurde unterstützt von der Stiftung Erna und Curt Burgauer und der Ernst und Olga Gubler-Habl. 19.02. – 29.05.2022.

Fotostiftung Schweiz, Winterthur  www.fotostiftung.ch

 

 

«Schweizer Filmpreise Quartz und Oscar 2022 – O wie Olga oder C wie Coda»

Von Rolf Breiner

 

Nun sind sie vergeben – nach den Quartzen wurden die Oscars an Filmschaffende vor und hinter der Kamera gebracht. Die meistgenannten und nominierten Favoriten waren jedoch nicht die grossen Sieger. Aussenseiter holten die wichtigsten Preise. In der Schweiz war es der Spielfilm «Olga» um eine Tänzerin aus der Ukraine, in Hollywood das Gehörlosendrama «Coda».

 

Zürichs Halle 622 war 2022 Schauplatz der Quartz-Verleihung. Der Schweizer Filmpreis 2022 wurde nach dem Corona-Break wieder live mit Publikum zelebriert. Ein Anlass, an dem sich die Filmbranche sehen und feiern lassen konnte. Endlich wieder unter sich sein und ein bisschen Glanz und Gloria verbreiten. Ein Anlass freilich auch, der nur bei einer Gelegenheit das Publikum von Sitzen «riss», als nämlich Fredi M. Murer von Bundesrat Alain Berset der Ehrenpreis überreicht wurde. Es gab eine Standing Ovation. Ansonsten machten sich nur diverse Fangruppen hörbar bemerkbar, und die Verleihung – vom Französischen dominiert – plätschert vor sich hin. Eine mässig stimmige, laue Aufsage-Show. Hauptsache die Filmschaffenden hatten Spass!
Der hoch dotierte überdrehte Szenefilm «Soul of a Beast» war jedoch mit acht Nominationen nicht der grosse Sieger. Er kam freilich mit drei Quartz-Trophäen (Bester Darsteller, Filmmusik und Kamera) noch gut weg. Die Schweizr3 Filmakademie setzte ein politisches Zeichen und erkor «Olga» von Elie Grappe zum besten Spielfilm, dazu kamen Auszeichnungen für das beste Drehbuch und den besten Ton. Das Augenmerk des Dokumentarfilms «Ostrov» von Svetlana Rodina und Laurent Stoop galt einer «verlorenen Insel» im Kaspischen Meer. Die Inselbewohner, vom Kreml vergessen, setzen gleichwohl ihr Hoffnung auf Machthaber Putin. Ein etwas anderes Spiegelbild des russischen Kosmos.
Und die Quartz-Gewinner 2022 heissen:
Bester Spielfilm «Olga» von Elie Grappe,

 

 

 

«Die schwarze Spinne – Schuld und Sühne, Tod und Teufel im Emmental»

Von Rolf Breiner

 

Da ist es wieder, dieses Symbol für Pest und Plage, Angst und Verbreitung des Bösen: die Spinne. In der Novelle über Gut und Böse von Jeremias Gotthelf aus dem Jahr 1842 ist sie Zeichen einer Kollektivschuld. Markus Fischer hat «Die schwarze Spinne» neu verfilmt – mit Anatole Taubman als teuflischem Verführer, Lilith Stangenberg als Christine, die den Pakt mit dem Teufel schliesst, und Nurit Hirschfeld als ihre Zwillingsschwester Maria.

 

Düstere Zeiten im 13. Jahrhundert. Die Dorfbevölkerung im Sumiswald wird von der Obrigkeit drangsaliert. Hier im Emmental ist es der Deutschritter Hans von Stoffeln (Ronald Zehrfeld) mit seinen Gefolgsleuten, dem feisten Konrad und dem bösen Polenritter (Fabian Krüger). Der Rittersmann, der selber unter einem Kriegstrauma leidet, erteilt den leibeigenen Bauern aus puren Machtgelüsten den sinnlosen Auftrag, eine Allee mit 100 Buchen zu pflanzen – innerhalb eines Monats. Der Ammann (Andreas Matti) stemmt sich dagegen, will revoltieren und stirbt bei der Sisyphusarbeit. Den Bauern ist offensichtlich nicht zu helfen. Allein die fahrende Hebamme Christine (Lilith Stangenberg), die in ihr Dorf zurückgekehrt ist und ihrer schwangeren Zwillingsschwester Maria (Nurit Hirschfeld) bei der Geburt helfen will, findet einen Ausweg. Unversehens begegnet sie einen Fuhrmann (Anatole Taubman), der ihr einen Pakt anbietet: Er will die Baumreihe setzen und fordert dafür ein ungetauftes Kind. Der teuflische Pakt wird mit einem Kuss auf Christines Wange besiegelt, einem Brandmal, wie sich herausstellen sollte. Christine hat das Unmöglicher möglich gemacht und wird als Retterin gefeiert. Doch der Teufel fordert unerbittlich seinen Tribut, den das Dorf nicht zahlen will. Die Stimmung schlägt um. Der Priester (Ueli Jäggi) rettet ein Baby und wettert gegen Christine, der Grünebauer (Marcus Signer) und andere Dörfler verfolgen sie, die Aussätzige, die für die Pest, durch Spinnen verbreitet, verantwortlich gemacht wird. Marias Neugeborenes ist in Gefahr.

Markus’ Verfilmung taucht tief in ein finsteres Mittelalter ein, nimmt sich ein paar Freiheiten heraus, die gleichwohl im Sinne der Novelle sind. Christine ist eine Hebamme, eng verbunden mit ihrer Schwester. Der grüne Jäger verwandelt sich in einen Fuhrmann. Regisseur Fischer, massgeblich als Produzent an der Erfolgsserie «Der Bestatter» beteiligt, verzichtet auf eine Rahmenhandlung, wie Gotthelf vorsah. Die Besetzung ist tadellos: Lilith Stangenberg («Der Staat gegen Fritz Bauer», «Wild») ist die zentrale Figur, in ihr spiegeln sich Gut und Böse. Nurit Hirschfeld («Zoe & Julie», «Finsteres Glück») beeindruckt als Maria ebenso markant wie Anatole Taubman als schmeichelhafter Teufel.

Mag die Geschichte auch konventionell erzählt sein, hat sie doch ihre Kraft, Ausstrahlung und ihren tieferen Sinn nicht verloren. Die Retterin wird zur Aussenseiterin und zum Opfer. Die Menschen pendeln zwischen Schuld und Sühne, sind nicht bereit den Teufelspreis zu zahlen. Der Mensch hat sich nicht geändert, erst recht nicht in Pandemiezeiten: Schnell werden Schuldige gesucht, wird gebrandmarkt, spaltet sich die Gesellschaft. «Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer werde», schrieb Friedrich Nietzsche. Diese Warnung hat Markus Fischer seinem Film «Die schwarze Spinne» vorangestellt. Wir sprachen mit dem Regisseur Fischer und dem Schauspieler Anatole Taubman.

 

 

Markus Fischer, wie erging es dir vom «Bestatter» zur «Schwarzen Spinne»?
Markus Fischer: Das war ein grosser Schritt – von einer Fernsehserie zum grossen Kino. Mein grösster Schritt in meiner Karriere. Ich konnte bisher noch keinen Film in dieser Grössenordnung machen, auch was die Produktionsbedingungen und den Dreh in ungarischen Studios angeht. Die Bedingungen dort waren hervorragend. Dort werden sonst Blockbuster, grosse Hollywood- oder Netflix-Filme gedreht werden. Ungarn ist der Ort, wo man am besten historische Filme machen kann. Wir sind im 13. Jahrhundert, und ich habe versucht, ein dunkles Mittelalter darzustellen.

 

 

Wie hoch waren die Produktionskosten?
Ungefähr 5,5 Millionen Franken mit Corvit-Massnahmen.

 

Wo würdest du den Film ansiedeln?
Es ist kein Festivalfilm. Eher eine Mischung von Arthouse-Mainstream. Das haben wir bewusst so gewählt. Der Stoff ist in der Schweiz sehr bekannt, und wir wollten den Film einem breiten Publikum zugänglich machen – Kompromisse. Ich meine, es ist ein Mainstream-Film mit Tiefgang, und glaube, ich habe noch keinen Film so kompromisslos gemacht wie «Die schwarze Spinne».

 

Wurde denn auch im Emmental gedreht?
Ja, wir haben einiges im Emmental gedreht: Schlösser und Burgen, dazu die Emmentaler Landschaft und Berner Alpen. Diese Aufnahmen wurden dann eingefügt.

 

Pest und Pandemie – gibt es Verbindungen?
Ich sehe das nicht ganz so, also keine Parallele von der Spinne zur Corona-Seuche. Die Spinne ist ein Symbol für verschiedene Sachen, für Schuld und Sühne, dafür, dass man Widerstand gegen Unterjochung leistet und Hilfe beim Bösen sucht in der Hoffnung, dass das Gute siegen wird. Der Film bietet meines Erachtens Projektionsfläche für viele Interpretationen. Mein Interesse war es, einen emotionalen Film über Gut und Böse, Schuld und Sühne zu machen.

 

Es gibt in der Schweiz verschiedene Geschichten über einen Teufelspakt. «Die schwarze Spinne» ist Schullektüre. Welche Erinnerungen hast du daran?
Vor etwa fünf, sechs Jahren hatte ich eine grosse schwarze Spinne in meinem Garten. Da kam ich auf Gotthelfs «Schwarze Spinne». Das hatten wir doch mal in der Schule. Ich habe mir das Reclam-Heftchen geholt, gelesen und dachte: Das kann man nicht verfilmen. Aber der Stoff hat mich nicht mehr losgelassen. Ich habe dann die Drehbuchautoren Plinio Bachmann und Barbara Sommer gefragt, ob sie daran interessiert wären. In drei Jahren haben wir dann die Novelle adaptiert. Ich habe aber von Anfang an klar gemacht, dass ich nur die Kerngeschichte, eben den Pakt mit dem Teufel ohne Rahmenhandlungen wollte.

 

Damit gingen einige Änderungen einher…
Ja, der Teufel ist bei uns kein grüner Jäger, sondern ein Fuhrmann, der die Bäume transportiert, Christine keine Fremde wie bei Gotthelf, sondern eine Hebamme und eine Agnostikerin, die nicht an Gott glaubt. Den religiösen Überbau, der bei Gotthelf sehr wichtig ist, haben wir herabgesetzt. Die Zwillingsschwester Maria – eine Erfindung von uns – spielt die klassische religiöse Frau aus dem Mittelalter.

 

Wie charakterisierst du die bösen Herrscher in der Burg?
Der Deutschritter leidet unter einem postdramatischen Syndrom aus dem Krieg mit den Mongolen und verhält sich dementsprechend. Der zweite, der Polenritter, ist der Inbegriff des brutalen, ruchlosen Mannes. Der dritte, der Dicke, steht für Dekadenz.

 

Und die Kirche?
Sie hatte eine bigotte Funktion, übrigens auch bei Gotthelf. Bei ihm rettet die Kirche die Kinder, bei uns ist es die Frau, die sie rettet, aber auch das Böse auslöst.

 

Stand eine Modernisierung des Stoffes mal zur Diskussion?
Nein, ich wollte eine Geschichte aus dem Mittelalter erzählen, die heute noch gültig ist, wenn man die entsprechenden Weichen stellt. Ich wollte, dass man ins dunkle Mittelalter der Schweiz einsteigt – mit diesem Drecke, mit dieser Armut und Unterjochung durch diese dekadenten, gelangweilten Deutschritter.

 

 

Wie hast du den Film sprachlich bewältigt auf Berndeutsch?
Die deutsche Schauspielerin Lilith wurde auf Schweizerdeutsch synchronisiert. Der Berner Marcus Signer diente uns quasi als Übersetzer. Die Schweizerdeutsche Fassung haben wir sehr sorgfältig produziert. Das Original ist auf Deutsch für den internationalen Markt.

 

Corona hat das Kino zeitweise zum Stillstand gebracht. Wie beurteilst du die Aussichten? Kehrt das Publikum zurück wie vorher?
Ja, aber nicht mehr auf dieselbe Weise. Viele weichen auf Streamingdienste aus und werden wohl ausgewählter Filme schauen. Das Arthouse-Kino dürfte es schwieriger haben, ein grösseres Publikum anzuziehen. Ich glaube, dass der Weizen stärker vom Streu getrennt wird. Man muss versuchen, mit Qualität ein Publikum finden.

 

 

Man kennt ihn bestens als Bösewicht im Kino, im Fernsehen. Aktuell im ZDF-Thriller «Sarah Kohr – Geister der Vergangenheit» (14. März und in der ZDFmediathek). Der Schweizer Anatole Taubman agiert da als Schwerverbrecher, der nach 19 Jahren aus dem Knast flieht. Im Kinofilm «Die schwarze Spinne» ist er als diabolischer Fuhrmann unterwegs.

 

Anatole, wie bist du mit dieser Rolle umgegangen?
Anatole Taubman: Ich kenne nicht nur die Novelle sehr gut, sondern mich hat das Böse per se fasziniert. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Böse in jedem drinsteckt, und habe es geliebt, den Prototyp des Bösen, den Teufels oder Satan, zu erkunden und zu entwickeln.

 

Wie bist du vorgegangen?
Ich bin in die griechische Mythologie eingestiegen. Woher kommt der Teufel? Ursprünglich kommt er von Pan, dem Fürsten des Waldes, dem Gott des Wilden. Pan war ursprünglich ein lustiger und inspirierender Kerl. Sein bester Freund war Dionysos, der Gott des Weins. Sie haben im Wald gefeiert, natürlich Wein getrunken. Pan hatte ein Problem: Er sah hässlich aus, die Sirenen, Elfen und andere haben sich vor ihm gefüerchtet. Er war narzisstisch verletzt, hat sein Aussehen genutzt, hat sie geneckt und erschreckt. Bei den Römern war es Luzifer, der sich gottgleich wähnte und überschätzte. Er wurde vom Himmel verbannt und gestürzt. Aber eigentlich hat die Kirche die Natur zum Bösen gemacht, hat einen Antipol geschaffen zum Himmel, hat mit diesem Bösen, dem Teufel, gedroht.

 

Ist der Teugfel also eine personifizierte Drohung?
Genau. Ich glaube, dass jeder Mensch weiss (unschuldig) und nicht als Teufel geboren wird wie in Polanskis «Rosemarie’s Baby». Ich war froh, dass Markus Fischer den Teufel als charmanten modernen Weltenbürger einführen wollte. Ich habe mir vorgestellt, dass der Teufel in einer Schaltzentrale sitzt jenseits von Zeit und Raum und schaut, wo es auf der Welt Probleme gibt, welche die Menschen nicht lösen können, wo sie ihn brauchen. Und er dachte, er könnte so seine Nachkommenschaft sichern – mit einem Baby. So komme ich ins Spiel, mache in der «Schwarzen Spinne» einen Deal mit der Hebamme.

 

Ziehst du Parallen zwischen Mittelalter und heute, Pest und Pandemie?
Massiv. Die Geschichte ist zeitlos. Der Mensch hat immer die gleichen Probleme über Jahrhunderte hinweg – in Sachen Besitz, Schuld und Sühne, Kollektivschuld, Verantwortung und Zivilcourage.

 

Die Heldin Christine ist Retterin, Täterin und Opfer zugleich, sie wird gefeiert und verteufelt.
Wie in einer griechischen Tragödie. Das findet man heute noch.

 

Wie war die Zusammenarbeit mit Lilith Stangenberg als Christine?
Ein Traum. Sehr inspirierend. Ich habe noch nie mit einer Schauspielerin, einem Schauspieler gearbeitet, die so ähnlich arbeiten wie ich – so akribisch, die ihre Figure wirklich «bewohnen» wollen.

 

Wie schätzt du die Verfilmung der «Schwarzen Spinne» ein?
Ich glaube dem Film die Zeit, in der er spielt. Wie sich die Menschen in Sumiswald bewegen – alle mit einer Schuld und Schwere beladen. Menschen eben, welche die Härte des Lebens spüren. Alles sehr authentisch und glaubhaft.

 

Wie sehen deine Film-Reisepläne demnächst aus?
Zwischen Hamburg, Norwegen und Berlin. Ich spiele u.a. in einer ARD-Serie fünfmal 60 Minuten – ein modernes Drama. Dazu eine norwegische Produktion 90 Minuten für den Streamer NENT (Nordic Entertainment Group). Eine wahre Geschichte in Norwegen während des Zweiten Weltkriegs.

 

 

 

«Quartz und Oscar 2022 – Die Favoriten»

Von Rolf Breiner

 

Es ist eher selten, dass ein Schweizer Film für den begehrten Oscar nominiert wird. Jetzt ist es wieder soweit: «Ala Kachuu – Take and Run» von Maria Brendle ist im Rennen. Die Verleihung findet am 27. März in Los Angeles statt. Zuvor werden die Schweizer Filmpreise Quartz am 25. März in Zürich verliehen.

 

Es ist schon seltsam mit dem Schweizer Filmpreis nicht nur in diesem Jahr. Die 476 Mitglieder der Schweizer Filmakademie legen Nominationen vor, die nur bedingt befriedigen können. Zu bemängeln ist etwa das fragwürdige Timing. Die Nominierten stehen für 2022, doch wo bleiben Filme wie «Die Schwarze Spinne», die erst noch in den Kinos starten? Wo findet sich der Kurzfilm «Ala Kachuu» von Maria Brendle, zwar 2020 realisiert, aber nun für einen Oscar nominiert? Coronabedingt wurde 2020 kein Preis für einen Kurzfilm verliehen, aber was heisst das? Hausgemachte Probleme begleiten das Quartz-Prozedere seit Jahren – von den verschiedenen Standorten wie Solothurn, Luzern und Genf bis Zürich. Der «Nominations-Event» wurde wieder im Rahmen der Solothurner Filmtage 2022 eingebaut. Kein wirkliches Ereignis.

Auffällig ist auch, dass gewisse Spielfilme wie das Ausbrecherstück «Stürm: Bis wir tot sind oder frei» oder das Geiseldrama «Und morgen seid ihr tot» etwas stiefmütterlich berücksichtigt wurden – immerhin wurden Marie Leuenberger und Joel Basman (beste Darsteller für «Stürm») und Sven Schelker (im Geiseldrama) nominiert. Bei den besten Spielfilmen ist kein Kinorenner dabei. «Azor» von Andreas Fontana schlug keine grosse Publikumswellen. «La mif» von Frédéric Baillif und «Wet Sand» von Elena Naveriani müssen erst noch in Deutschschweizer Kinos Fuss fassen. Der Spielfilm «Olga» von Elie Grappe über eine emigrierte Turnerin aus der Ukraine hat traurige Aktualität gewonnen und überzeugt. «Soul of a Beast» von Lorenz Merz wurde in Saarbrücken (Max Ophüls Festival) ausgezeichnet und wartet auf den Start, er wurde beim Quartz hoch dotiert und steht an der Spitze mit acht Nominationen, darunter u.a. Bester Spielfilm, Beste Darstellerin (Ella Rumpf), Bester Darsteller (Pablo Caprez) und Beste Nebenrolle (Luna Wedler). Andere Filme fehlen wie der Spielfilm über den Tessiner Kultort «Monte Verità – Der Rausch der Freiheit» von Stefan Jäger oder die französisch-schweizerische Koproduktion «Presque», das beste Roadmovie seit Jahren, von Bernard Campan und Alexandre Jollien. Eine fragwürdige unbefriedigende Auswahl. Der Favorit: «Soul of a Beast», achtmal nominiert und in Saarbrücken (Max Ophüls Preis) zweimal ausgezeichnet für Beste Regie und Bester Darsteller/Nachwuchs (Pablo Caprez). Der Kinostart des rauschartigen Jugenddramas von Lorenz Merz ist am 14. April vorgesehen.

 

Stark wie gewohnt sind die Dokumentarfilme: «Apenas el Sol», eine Hommage an einen aussterben Indianerstamm in Paraguay, «Dida», ein bewegendes Bild über einen Mann und drei Frauen, «Les guérisseurs», Einblicke in die Situation praktizierender Ärzte heute und morgen, «Ostrov – Die verlorene Insel» über den Überlebenskampf russischer Fischer auf der Insel Ostrov, «Réveil sur Mars», die Vision eines marsbegeisterten Jungen. Mein Favorit: «Dida».

 

Beim Oscar 2022 herrschen klare Verhältnisse. Drei Frauen – Regina Hall, Amy Schumer und Wanda Suykes – moderieren die Gala im Dolby Theatre, Los Angeles (27. März). Acht Kategorien stehen zu Gebote. Spitzenreiter ist der etwas andere Western aus Australien-Neuseeland: «The Power of the Dog» von Jane Campion wurde zwölfmal nominiert, u.a. für Besten Film, Regie, Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch, Nebendarsteller Jesse Plemons und Nebendarstellerin Kirsten Dunst. Die zweitmeisten Nominationen erhielt das SF-Abenteuer «Dune» (10 – u.a. Bester Film/Produktion, Beste Kamera Greig Fraser). An dritter Stelle folgen «Belfast» und «West Side Story» (je 7 Nominationen). In der Kategorie Bester Film sind «King Richard» und «West Side Story» zu favoritisieren. Regisseurin Jane Campion («The Power of a Dog») könnte Kenneth Branagh («Belfast») knapp schlagen, aber vielleicht schafft auch der japanische Film «Drive y Car» von Ryusuke Hanaguchi eine Überraschung.
Als Beste Hauptdarsteller dürften Will Smith («King Richard») und Benedict Cumberbatch («The Power of a Dog») den Oscar unter sich ausmachen. Weitere Favoriten aus meiner Sicht: Kristen Stewart in «Spencer» (Hauptdarstellerin). Jesse Plemons in «The Power of a Dog» (Bester Nebendarsteller) und Judi Dench in «Belfast» (Beste Nebendarstellerin. Interessant ist auch, wie Van Morrison mit dem Filmsong «Down to Joy» aus «Belfast» abschneidet. In der Kategorie Bester Kurzfilm hat der Schweizer Beitrag «Ala Kachuu» von Maria Brendle sehr gute Chancen. Ihr Spielfilm zeigt, wie ein junge Frau in Kirgisien geraubt und zwangsverheiratet wird, wie sie sich auflehnt und versucht, sich zu befreien und ihren eigenen Weg zu finden. «Ala Kachuu» bedeutet Brautraub und ist in Kirgisien trotz offiziellen Verbotes noch immer gang und gebe.

 

 

«Filmpreise Quartz und Oscar 2022 – O wie Olga oder C wie Coda»

Von Rolf Breiner

 

Nun sind sie vergeben – nach den Quartzen wurden die Oscars an Filmschaffende vor und hinter der Kamera gebracht. Die meistgenannten und nominierten Favoriten waren jedoch nicht die grossen Sieger. Aussenseiter holten die wichtigsten Preise. In der Schweiz war es der Spielfilm «Olga» um eine Tänzerin aus der Ukraine, in Hollywood das Gehörlosendrama «Coda».

 

Zürichs Halle 622 war 2022 Schauplatz der Quartz-Verleihung. Der Schweizer Filmpreis 2022 wurde nach dem Corona-Break wieder live mit Publikum zelebriert. Ein Anlass, an dem sich die Filmbranche sehen und feiern lassen konnte. Endlich wieder unter sich sein und ein bisschen Glanz und Gloria verbreiten. Ein Anlass freilich auch, der nur bei einer Gelegenheit das Publikum von Sitzen «riss», als nämlich Fredi M. Murer von Bundesrat Alain Berset der Ehrenpreis überreicht wurde. Es gab eine Standing Ovation. Ansonsten machten sich nur diverse Fangruppen hörbar bemerkbar, und die Verleihung – vom Französischen dominiert – plätschert vor sich hin. Eine mässig stimmige, laue Aufsage-Show. Hauptsache die Filmschaffenden hatten Spass!
Der hoch dotierte überdrehte Szenefilm «Soul of a Beast» war jedoch mit acht Nominationen nicht der grosse Sieger. Er kam freilich mit drei Quartz-Trophäen (Bester Darsteller, Filmmusik und Kamera) noch gut weg. Die Schweizr3 Filmakademie setzte ein politisches Zeichen und erkor «Olga» von Elie Grappe zum besten Spielfilm, dazu kamen Auszeichnungen für das beste Drehbuch und den besten Ton. Das Augenmerk des Dokumentarfilms «Ostrov» von Svetlana Rodina und Laurent Stoop galt einer «verlorenen Insel» im Kaspischen Meer. Die Inselbewohner, vom Kreml vergessen, setzen gleichwohl ihr Hoffnung auf Machthaber Putin. Ein etwas anderes Spiegelbild des russischen Kosmos.
Und die Quartz-Gewinner 2022 heissen:
Bester Spielfilm «Olga» von Elie Grappe,
Bester Dokumentarfilm «Ostrov» von Svetlana Rodina und Laurent Stoop
Bester Kurzfilm «Über Wasser» von Jela Hasler
Bester Animationsfilm «Dans la Nature» von Marcel Barelli
Bestes Drehbuch «Olga» von Elie Grappe
Beste Darstellerin Claudia Grob in «La mif»
Bester Darsteller Pablo Caprez in «Soul of a Beast»
Beste Nebenroll Anais Uldry in «La mif»
Beste Filmmusik Fatima Dunn, Lorenz Merz und Julian Sartorius für «Soul mof a Beast»
Beste Kamera Fabian Kimoto und Lorenz Merz für «Soul of Beast»
Beste Montage Fréderic Baillif für «La mif»
Bestr3 Ton Jürg Lempen für «Olga»
Best3r Abschlussfilm «Love Will Come Later» von Julias Furer
Spezialpreis der Akademie Nicole Hoesli für ihr Szenenbild «Soul of a Beast»
Ehrenpreis Fredi M. Murer

 

Die Oscar-Verleihung 2022 wird als handfester Skandal in die Geschichte eingehen. Oscar-Gewinner Will Smith («King Richard») rächte seine Frau mit einer Ohrfeige, als sie vom Moderator Chris Rock despektierliche wegen ihres Kahlkopfs angemacht wurde. Der Darsteller, der als Vater der berühmten Williams-Tennis Sister, ausgezeichnet wurde, schritt zur Tat und gab dem verdutzten Joke-Maker eine Backpfeife.
Hollywood 2022 scherte aus und erkor nicht den meist genannten Spätwestern «The Power of Dog» (12 Nominationen) von Jane Campion zum besten Film, sondern das Gehörlosendrama «Coda» von Siân Heder. Der taubstumme Troy Kotsur (bester Nebendarsteller) wurde ebenfalls dekoriert. Die Favoritinnen Kristen Stewart in «Spencer» und Nicole Kidman in «Being the Ricardos» kamen nicht in die Ränge, vielmehr wurde Jessica Chastain in «The Eyes of Tammy Faye» mit einem Oscar beglückt. Als beste Nebendarstellerin stach Ariana DeBose im Remake «West Side Story» hervor. Sie ist die erste Afro-Latina, die in Hollywood zu Oscar-Ehren kommt. Zwei deutsche Filmschaffende konnten sich feiern lassen: Hans Zimmer für «Dune» (beste Filmmusik) und Gerd Nefzer für «Dune», zusammen mit Brian Connor, Paul Lambert und Tristan Myles (beste visuelle Effekte). Die meisten Oscars heimste besagtes Space-Spektakel «Dune» (sechs Oscars bei zehn Nominationen) ein, dem SF-Abenteuer, von dem bereits die Fortsetzung in Produktion ist.
Der Schweiz Beitrag «Ala Kachuu» von Maria Brendle ging leer aus. Den Oscar für den besten Kurzfilm gewann «The Long Goodbye» von Riz Ahmed und Aneil Karia. Das japanische Meisterwerk «Drive My Car», vier Nominationen, von Ryūsuke Hamaguchi wurde als bester internationaler Film ausgezeichnet.

 

 

«Daniel Felix auf Wanderschaft – Freude herrscht»
Interview Rolf Breiner

 

Ländlich, etwas abgeschieden oberhalb von Weinfelden wohnt und arbeitet der Sohn, der seinem Vater Kurt Felix wie aus dem Gesicht geschnitten ist: Daniel Felix (55). Wenn er nicht als Sendeleiter beim Schweizer Fernsehen in Leutschenbach aktiv ist, bringt er seine Filme auf oder in die Spur. Das ist fast wörtlich zu nehmen bei seinen Bahn-Filmen über die Albula- oder Bernina-Bahn beispielsweise. Nun tourt er mit seinem neusten Werk durch die Kinos: «Chumm mit – Der Schweizer Wanderfilm». Ein Interview mit dem beherzten Filmer, Wanderer und Entertainer.

 

Daniel Felix, sind Sie ein Wandervogel?
Daniel Felix: Ja. Meine Eltern haben mich früh mitgenommen. Meine ersten Erinnerungen gehen auf eine Wanderung zum Alpstein zurück. Weit rauf also.

 

Sie sind mit dem Wandern aufgewachsen und haben mit ihrem Vater auch das Filmen entdeckt…
Genau. Damals noch mit der Super-8-Kamera.

 

Wie viele Kilometer haben Sie denn für ihren jüngsten Film zurückgelegt?
Das ist noch schwierig zu beantworten. Man kann von acht bis zehn Kilometer durchschnittlich pro Kanton ausgehen. Das wären insgesamt zwischen 200 und 260 Kilometer.

 

Sie waren mit zwei Kameras unterwegs. Wie muss man sich das vorstellen?
Ich ging mit der ersten Kamera voraus, machte die Drehbuchaufnahmen, also Wegweiser, Landschafts- und Streckenaufnahmen, Schlösser, Häuser usw. Meine Partnerin Alexandra war für die Details zuständig: Blumen, Pflanzen, Insekten, Natur, Stimmungen. Ich bin nicht so der Biologe.

 

Wieviel Filmmaterial kam denn da zusammen?
Das weiss ich nicht genau. Wenn man alle Aufnahmen aneinanderhängen würde, dürfte das einige Tage dauern.

 

Wie gross war der Aufwand?
Puuh, das war grosse Arbeit. Da kommen mit Ton, Text, Grafikaufbereitung und Schnitt locker 2000 Stunden zusammen.

 

Wer war denn für die ganze Organisation zuständig?
Ich habe für jeden Tag einen Produktionsablauf, einen Produktionsplan geschrieben. Danach mussten sich alle richten. Man wusste, wo und wann es losging, wie viele Höhemeter zu bewältigen waren, welche Ausrüstung nötig war usw.

 

Die Idee zu diesem Film entstand bereits vor 15 Jahren…
Ja, aber erst 2018, als ich ein Filmteam um mich hatte, ist die Idee konkret geworden.

 

Man hat das Gefühl, als herrsche im Wanderteam ständig Friede, Freude Eierkuchen. Gab’s keinen Knatsch?
Nein, alles verlief harmonisch. Auseinandersetzungen hatten wir überhaupt nicht, Diskussionen schon. Für uns war von Anfang an klar, dass dieses Projekt uns Freude machen soll.

 

Wie kam denn der Sänger Michael von der Heide, ein guter Freund Ihrer Stiefmutter Paola, ins Spiel?
Beim Radiohören kam mir das Lied «Hinderem Berg» von Michael von der Heide ins Ohr. Ich war schon mit dem Film beschäftigt und dachte das ist der Titel für den Film. Das war dann auch allen anderen klar. Ich bin auf ihn zugegangen, und er hat sofort eingewilligt.

 

..und wurde mit einem Cameo-Auftritt belohnt.
Ja. Partikel seines Lieds hört man im Lauf des Films immer wieder. Als ganzes bildet es beim Abspann das Schlussbouquet.
Was war das Ziel, ist Ihr Wunsch?
Der Film soll den Leuten Freude machen, sie sollen etwas Schönes sehen. Er soll anregen zum Wandern, nicht nur vor der Haustür.

 

Wie haben Sie den Film finanziert?
Es gibt vier Hauptsponsoren wie der Thurgauer Lotteriefonds, die Schweizer und Thurgauer Wanderwege, die Stadt Weinfelden sowie viele Gönner. Alle fälligen Rechnungen konnten wir so begleichen. Unsere Arbeitszeit haben wir als Investition begriffen. Jetzt warten wir die Kinoeinnahmen ab und werden dann hoffentlich das Geld etwas aufteilen können. Wir hatten gar nicht den Anspruch, ein kommerzielles Projekt zu realisieren, sondern wollten unserm Hobby, das Filmemachen, pflegen.

 

Der Film startet nun in der Deutschschweiz durch. Ist eine weitere Auswertung geplant?
In der Deutschschweiz wird der Film in 30 Kinos gespielt, dann folgt der süddeutsche Raum ab Ende März mit einer deutschen Vision. Da spreche ich Hochdeutsch. Gewisse Schweizer Dialektsequenzen werden untertitelt wie bei der Appenzeller Episode.

 

Sie haben viel Ähnlichkeit mit Ihrem Vater Kurt Felix – haben seinen Charme, Schalk, Freude…
… und seine Perfektion.

 

Ihre Wanderlust scheint ungestillt, gibt es eine Fortsetzung?
Vielleicht…

 

Sie verdienen Ihre Brötchen beim Schweizer Fernsehen SRF als Sendeleiter zu 60 Prozent. Gibt es noch andere Tätigkeiten und Projekte?
Mit Thomas Götz arbeite ich seit Jahren zusammen, für das Satireprogramm «Ergötzliches» in der bühni wyfelde (Weinfelden). Es wird vom 21.bis 23. April aufgeführt. Ich trage Filme dazu bei und präsentiere das Programm – seit zehn Jahren.

 

Sie sind also gut beschäftigt …
Ja, das kann man wohl sagen.

 

 

Daniel Felix (55)

Geboren am 27. November 1966 in Frauenfeld, Sternzeichen: Schütze
Wohnhaft Weinfelden mit Partnerin Alexandra Becker
2008 Gründung der Firma Felixfilm.ch

Dokumentarfilme
2001 Die Albula-Bahn
2008 Die Bernina-Bahn
2012 Die Bahn im mittleren Thurgau
2014 Lötschbergbahn
2018 Durchs Appenzellerland
2022 Chumm mit

 

 

Filmtipps

 
 

Paracelsus
rbr. Bildungsreise auf den Spuren eines Gelehrten. Wie fasst man einen Mann, der so schillernd, vielseitig und feingeistig war wie dieser Gelehrter, der als Paracelsus in die Menschheits- und Wissenschaftsgeschichte einging? Der Schwyzer hiess eigentlich Theophrastus Bombast von Hohenheim, 1493 oder 1494 in Egg (bei der Teufelsbrücke in der Nähe Einsiedelns) geboren und 1541 in Salzburg gestorben. Er war Arzt, Alchemist, Naturphilosoph und Naturmystiker. Mit seinem Namen verbindet man heute Naturheilkunde und ganzheitliche Medizin. Wikepedia allein hat ihm 22 Seiten gewidmet. Unzählig die Schriften von und über ihn, Untersuchungen und Bücher. Ein Kenner des Gelehrten, Heilers und Mystikers ist Pirmin Meier. Er hat das Werk «Paracelsus. Arzt und Prophet. Annäherungen an Theophrastus von Hohenheim» 1993 verfasst, das mittlerweile in 6. Auflage vorliegt.
Dieser Fachmann ist es, der dem Dokumentarfilm «Paracelsus» von Erich Langjahr den Stempel aufdrückt. Er ist der Reiseleiter des Films, der sich auf die Spuren jenes Forschers, Theologen und spirituellen Denkers begab, der uns heute noch beschäftigt. Und so beginnen die filmische Erkundungen mit Egg und der Teufelsbrücke (Schwyz). Die Reise führt ins Entlebuch, nach Basel, Colmar im Elsass, Nürnberg, St. Gallen und schliesslich nach Salzburg. wo Paracelsus gestorben ist und begraben liegt.
Fraglos versucht der Zuger Dokumentarmeister Langjahr («Männer im Ring», «Ex Voto», «Mein Berg»), Stationen und Erkenntnisse der schillernden Persönlichkeit zu erkunden, darzustellen und einzuordnen. Wie macht man das? Ein «Landschaftsessay» nennt Langjahr seine vertiefenden Erkundungen. Dabei baut er geschickt «moderne Bilder» beispielsweise vom Verkehr ein, der wie ein Störfeuer wirkt. Ein Füllhorn von Ideen, Zitaten, Prinzipien, Begebenheiten und Begabungen öffnete sich den Zuschauern. Niederlagen oder Ächtungen werden nicht ausgespart. Taktgerber ist Experte Pirmin Meier, der sich allzu sehr, fast penetrant aufdrängt. Weniger wäre besser gewesen. Alleweil ein bereicherndes, malerisches Filmwerk, das freilich den Charakter einer Schulstunde nicht leugnen kann, bildet, aber wirkt wenig nach.
***
 

 

Tout s’est bien passé

rbr. Entscheiden über Leben und Tod.Das Wort Freitod trifft die Frage nach Wunsch, aus dem Leben auszuscheiden, besser oder soll man sagen eleganter als Suizid oder Selbstmord. Das griechische Wort Euthansie bedeutet ursprünglich «schöner Sterben», wurde dann aber unter den Nazis im Zuge der «nationalsozialistischen Rassenhygiene» zum Krankenmord.
Im französischen Drama «Tout s’est bien passé» geht es tatsächlich um «schöner und leichter Sterben», heisst um selbstbestimmtes Sterben. Der Film geht intensiv vor allem auf das Problem Sterbehilfe ein. François Ozons Spielfilm basiert auf den autobiographischen Erinnerungen Emmanuèle Bernheims. Sie hatte darin ihre Erlebnisse und Empfindungen um den Tod ihres Vaters verarbeitet und sollte ursprünglich die Hauptrolle in einem Filmprojekt Alain Cavaliers spielen, verstarb dann aber 2017 im Alter von 61 Jahren. In der Verfilmung von Ozon übernahm Sophie Marceau den Part der Emmanuèle – sehr ausdrucksstark, sensibel überzeugend.
Den deutsche Filmtitel «Alles ist gut gegangen», der sich an den französischen anlehnt, kann man verschieden lesen: Was ist gut gegangen? Sind Absicht, Verlauf, oder das Ende gemeint oder alles zusammen? Als ihr 85-jähriger Vater André (André Dussollier), ein renommierter Kunstsammler, einen Schlaganfall erlitten hatte und halbseitig gelähmt war, fasste er einen radikalen Entschluss. Er will selbstbestimmend aus dem Leben scheiden, und seine Tochter Emmanuèle (Marceau) sollte diesen Wunsch erfüllen. Die andere Tochter Pascale (Géraldine Pailhas) oder sein Sohn Gérard (Grégory Gadebois) kommen für nicht in Frage. Emmanuèle, die ihre Schwester ins Vertrauen zieht, zögert, weigert sich und glaubt an eine Genesung. Letztendlich gibt sie nach und will ihren Vater beim «menschenwürdigen Sterben» unterstützen. Auch Claude (Charlotte Rampling), ehemalige Geliebte des Vaters, ist gegen Selbsttötung. Emmanuèle nimmt Verbindung zu einer Schweizer Sterbehilfe-Organisation und organisiert mit Madame Suisse (Hanna Schygulla) einen Termin in Bern, weil dies in Frankreich nicht erlaubt, also illegal ist.
François Ozon, Buch und Regie, spannt das Thema weiter. Nicht der Akt des Freitods steht dabei im Zentrum, sondern Anliegen, Gefühle sowie Verantwortungsbewusstsein der Beteiligten. Zentrale Figur ist Emmanuèle, die ein eher angespanntes Verhältnis zu ihrem energischen, bestimmenden Vater hatte. Diese nicht immer schönen Erinnerungen werden in Rückblenden geschildert. Die stärksten Momente hat der Film, wenn Vater und Tochter um Leben und Tod diskutieren und «kämpfen». In seinem 20. Filmwerk beweist Ozon einmal mehr meisterhafte Sensibilität, getragen von einem hervorragenden Ensemble – von einer faszinierenden Sophie Marceau bis Hanna Schygulla als Sterbemanagerin.

*****

 

 

Rotzbub – Willlkommen in Siegheilkirchen
rbr. Die nackte Wahrheit. Drall, derb, dreist und entlarvend sind seine feisten Figuren: Abbilder einer bürgerlichen faschistoiden Gesellschaft. Der österreichische Karikaturist und Cartoonist Manfred Deix, 1949 in St. Pölten geboren, verstarb 2016. Er zeichnete für Zeitschriften wie Stern, Spiegel, Pardon, Titanic und News. Der Cartoonist war stilprägend, markant, radikal, für manche verstörend und umstritten, vor allem wegen der Inhalte. In seinen Cartoons, Bücher und im Film lebt er weiter.
Marcus H. Rosenmüller hat ihm einen Animationsfilm gewidmet, der auf Deix’sche Art die Lausbubenjugend des Künstlers nachstellt. Denn kein anderer als Manfred Deix ist der «Rotzbub», der nicht nur erotische Zeichnung verscherbelt und die dörfliche Gesellschaft entlarvt, sondern auch Alt-Nazis und der Kirche «die Hose runterzieht».
Frühe Sechzigerjahre. Der Bub hat Talent, und das nutzt er, um die füllige Metzgerin zu entblössen, heisst nackt zu zeichnen. Die Nachfrage bei Jung und Alt steigt. Und so schaukelt sich die Geschichte im hinterwäldnerischen Dorf Siegheilkirchen bis zum Skandal hoch, der nicht nur braune Gesellen, sondern auch Kirche und engstirnige Bürger blossstellt. Das Rathaus wird quasi mit der nackten Wahrheit beschmutzt. Und nebenbei rehabilitiert der talentierte Rotzlöffel die kesse Mariolina und ihren Roma-Clan.
Wer Spass hat an derbem Humor, bissiger Karikatur und bösem österreichischen Schmäh, wird seine Freude an dieser animierten Lausbubengeschichte mit hohem satirischen Wert haben. Basis bildeten die Jugenderinnerungen des «Triebzeichners» Manfred Deix, der selbst bis zu seinem Tod an der Produktion beteiligt war. Marcus H. Rosenmöller hat das Projekt vollendet, das Deix voll und ganz gerecht wird.
*****

 

 

(Im)mortels

rbr. Fragen nach Leben und Tod. Sie ist Ausgangspunkt, aber nicht der Endpunkt im Dokumentarfilm «(Im)mortels» von Lila Ribi: Greti Aebi, eine rüstige Seniorin, wohnt in ihrem Bauernhaus im Waadtland, naturverbunden und zufrieden. Sie war bereits 91 Jahre alt, als ihre Enkelin, die Lausannerin Ribi die Kamera auf sie richtete und ihren Film begann, unterstützt vom Migros-Kulturprozent (mit 480 000 Franken).
Die alte Frau und das Leben – Lila Ribi (43) wollte mehr als eine Hommage an ihre geliebte Grossmutter realisieren. Sie beschäftigte die Frage nach dem Danach, also nach dem Tod. Ihre Grossmutter hatte mit dieser Frage in ihrem Leben abgeschlossen. Ihre lakonische Meinung: «Da ist nichts». Das war der Enkelin nicht genug, und so begann sie das Thema quasi zu «studieren», las Bücher, Aufsätze, sprach mit Wissenschaftlern und Leuten mit Nahtod-Erfahrung. «(Im)mortels», der Film über Sterblich- und Unsterblichkeit, versucht verschiedene Aspekte, Seh- und Erfahrungsweise zu berühren, zu erfassen. Die Sportlerin Sandra Boegly hat bei der Geburts ihres ersten Kindes fast ihr eigenes Leben verloren und schildert ihre Nahtod-Erfahrung. Christelle Dubois ist Bestatterin und arbeitet als Medium. Sie pflegt eine «innige» Beziehung zu Verstorbenen. Neurologe Steven Laureys versucht auf wissenschaftliche Weise, das menschliche Bewusstsein zu begreifen. Der ungarische Philosoph Ervin László begreift den Menschen als komplexes Netzwerk, beseelt von universeller Liebe. Alles ist miteinander verbunden und hinterlässt Spuren. Er glaubt, dass das Bewusstsein fortbesteht.
Zentrale Figur ist Grossmutter Greti, die mit 103 Jahren stirbt. Lila Ribi hat sie begleitet und findet stille vielsagende Naturbilder, etwa mit einem Schwalbenschwarm, dem Greti nachschaut. Am Ende ziehen die Schwalben davon. Das Wunderbare: Lila Ribis Film über den Tod ist sehr lebensbejahend und ermutigend.
*****

 
 
Wheel of Fortune and Fantasy
rbr. Glücksrad der Gefühle und Zufälligkeiten. Ein Episodenfilm der feinen japanischen Art. Ryūsuke Hamaguchis Spielfilm «Wheel of Fortune and Fantasy» (2021) (deutscher Verleihtitel «Glücksrad») beschreibt verzwickten Liebschaften, amourösen Begegnungen und eigenartigen Zufällen. In drei Kapiteln «Magic», «Door Wide Open» und «Once Again». Wer liebt wen wie lange? Ist Liebe Magie? Talk im Taxi: Model Meiko erfährt von ihrer Freundin Tsugummi, dass diese offenbar in Kazuaki verknallt ist, dem Mann, von dem sich Meiko vor geraumer Zeit getrennt hat. Doch dann erwachen alte Gefühle…
Zuerst zögert sie, doch dann willigt Nao ihrem Freund Sasaki zuliebe ein. Sie macht sich an den Hochschulprofessor Segawa ran, der auch einen erotischen Roman geschrieben hat. Student Sasaki will sich am Akademiker rächen, weil der ihn abblitzen liess. Nao soll dem angesehenen Segawa eine Venusfalle stellen, ihn verführen, um dessen Ansehen zu zerstören. Aber der Professor besteht auf offene Türen und beweist doch Schwäche…
Ein Klassentreffen 1998 – zwanzig Jahre nach Schulabschuss. Moka und Nana begegnen sich, sind sich fremd geworden. Die eine, Hausfrau und Mutter, lädt die fremd gewordenen Mitschülerin, indes eine IT-Expertin, unsicher in ihr Haus ein. Man kommt sich näher, entdeckt Gefühle für einander. Zufall oder Schicksal?
Es scheint, als drehe sich das Glücksrad der Gefühle nach Gutdünken. Beziehungen werden in Frage und auf die Probe gestellt. Die Episoden drehen sich um zwei Personen, wobei Drittpersonen eine eher beiläufige Rolle spielen, manchmal aber Auslöser sind. Hamaguchi spielt scheinbar mit Zufälligkeiten, doch steckt dahinter Kalkül. Es geht um Vergangenes und Berührendes, Initialzündungen und Schnittpunkte. Diese Meisterschaft vollendete er im Oscar-gekrönten, zwischenmenschlichen Drama «Drive My Car». Ein Meisterwerk der Gesten, der inneren und äusseren Tragik.

*****
 
 
Official Competition

rbr. Schaulaufen. Der schwerreiche Pharmaindustrieller Huberto Suárez (José Luis Gómez) will sich zum 80. Geburtstag etwas Besonderes gönnen, nämlich einen nachhaltigen Kinofilm. und sich so ein Denkmal setzen. Er kauft die Rechte an einem Bestseller und heuert die exzentrische Meisterregisseurin Lola Cuevas (Penélope Cruz) an. Die soll die Geschichte über die beinharte Konkurrenz zweier Brüder verfilmen. Natürlich müssen es angesagte Stars für dieses Film-Denkmal sein. Da wären der Hollywood- Gockel Félix Rivero (Antonio Banderas) und die gealterte Lokalgrösse Iván Torres (Oscar Martinez) gerade recht. Die beiden engagierten Mimen – hier der Hollywoodstar, dort die Theatergrüsse – sind privat nicht gerade die besten Freunde, scheinen sich aber zusammenzuraufen.

Klar, so steigert sich der Hahnenkampf zum Tohuwabohu, an dem die Regisseurin mit ihren tyrannischen Allüren nicht unschuldig ist. Dabei wird die «Competiton» bis zum letzten Tropfen ausgereizt. Man fetzt sich. Fake und Wirklichkeit vermischen sich. Witzigerweise heisst das Kinoprodukt «Die Konkurrenten», in dem freilich nur einer für beide agiert. Aber nicht nur das. Auch manche Dreh- und Schauspieltricks werden unterlaufen oder entlarvt. So entpuppt sich beispielsweise ein bedrohlicher Felsbrocken über den Häuptern der Schauspieler als Kulisse aus Pappe!
Wer Spass hat an einer Gockel-Schau, an einer Neid- und Leidkomödie wird mit dem Drama über Hochmut und Eitelkeiten von den argentinischen Regisseuren Mariano Cohn und Gastón Duprat bestens bedient. Ein Schaulaufen für Schauspieler.

****

 

 

Presque
rbr. Nahe dran – näher geht nicht. Es gibt viele Roadmovies oder Body-Streifen. Aber solch eine Freundschaftsgeschichte zwischen Lausanne und Südfrankreich war im Kino noch nicht zu sehen. Es gibt Begegnungen, die glaubt man nicht und sind doch wahr! Der Spielfilm «Presque» erzählt davon: wahres Leben im Film. Louis ist der Chef eines Bestattungsunternehmens in Lausanne. Und der ist mit einem Leichenwagen unterwegs und abgelenkt. So tuschiert er fahrlässig ein Dreirad. Ein glimpflicher Sturz mit Folgen für den Fahrer. Igor ist der Unglückliche und Glückliche zugleich. Der Lenker eines Tricycle ist Bio-Gemüse-Auslieferer. Autofahrer Louis ist Manns genug, dem Opfer wieder auf die Beine zu helfen. Der körperlich behinderte Igor ist wissbegierig, neugierig und noch nie einem so verständigen Bestatter begegnet. Er heftet sich wie eine Klette an den Bestatter und reist als blinder Passagier mit auf einer Totenfuhre von Lausanne nach Südfrankreich (Cévenne). Louis transportiert nicht nur eine Urne, sondern auch einen Sarg mit der verstorbenen Madeleine.
Kurzum, die beiden ungleichen Gestalten begeben sich auf eine menschliche Odyssee, Louis, ein Junggeselle, der einer Liebe nachtrauert, entdeckt neue Lebensqualitäten – dank Igor, der auch noch als Vierzigjähriger bei seiner Mutter lebt und wahrhaft bemuttert wird. Der Aussenseiter hat mehr drauf, als Gemüse auszutragen. Igor ist bewandert und bewaffnet mit allen möglichen Weisheiten von Philosophen – von Platon und Epikur über Descartes bis Nietzsche. Er lehrt seinem Chauffeur das Leben.
«Presque» (Nähe) ist ein wunderbarer Film übers Leben und ein bisschen mehr. Der Clou: Alexandre Jollien leidet an Cerebralparese und hat Geisteswissenschaft studiert. Er verkörper Igor, den Menschen, der auflebt und einen anderen aufblühen lässt. Bernard Campan ist Alexandre tatsächlich freundschaftlich verbunden. Gemeinsam drehen sie unter Produktionsleitung von Philippe Godeau diesen wunderbar humorigen und lebensbejahenden Film. Mehr Nähe und Echtheit gehen nicht. In Solothurn wurde er mit dem Prix du Public ausgezeichnet.

*****

 

 

L‘evenement

rbr. Frau in Not. Wie die Zeit vergeht – eben nicht. Anfang der Sechzigerjahre waren Frauen, die schwanger wurden und ihr Baby nicht gebären wollten, aufziehen konnten oder wollten, arm dran. Sie wurden gesetzmässig in die Illegalität getrieben. Die Welt ist voll von Schicksalen auch heute – irgendwo in Asien, Afrika oder sonstwo. Solch eine Geschichte erzählt Audrey Diwan in seinem Drama «L‘evenement», in Venedig 2021 mit dem Goldenen Löwen und in Frankreich 2022 mit dem César ausgezeichnet.
Ein «Ereignis» fürwahr, so auch der Titel des autobiographischen Romans (1990) von Annie Ernaux, auf den das Filmdrama basiert. Anne (Anamaria Vartolomei) hat ihr Leben noch vor sich. Sie will 1963 studieren – und nun das. Schwanger – nach einer flüchtigen Liebschaft! Sie versucht alles, dieses Dilemma «auszulöschen». Medikamente, obskure Kuren oder mehr nützen nichts. Der Bauch wächst, und die Prüfungen nahen. Der Besuch einer Engelsmacherin geht fast schief. Frau in Not.

Dass dieses Frauendrama heute noch bewegt und aufrüttelt, spricht für sich. Was ist mit Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Frau? «L’evement» ist deswegen heute noch ein Ereignis, weil Frauen die Leidtragenden sind – und das nicht nur in Sachen Schwangerschaft.

*****

 

 

Clara Sola
rbr. Eine Heilerin heilt sich selber. Ein abgelegener Flecken in Costa Rica. Isoliert und abgeschottet: Clara (Wendy Chinchilla Araya) um die 40 lebt mit ihrer Mutter Fresia (Ana Julia Porras Espinoza) sehr abgeschiedenen und behütet. Sie leidet unter Skoliose, einer Wirbelsäulenverkrümmung, die sie sichtbar behindert. Die Mutter meint, dass ihre Tochter eine Art Jungfrau Maria und von Gott für ihre körperlichen Einschränkungen mit Heilkräften getröstet und belohnt worden sei. Die erzkatholische Mutter hat Clara unter Kontrolle, die ihr Heil in der Natur und bei Tieren sucht. Ihre beste Freundin ist die weisse Stute Yuca.
Einen Wendepunkt in ihrem einsamen Lebens markiert Santiago (Daniel Castañeda Rincón), ein Freund ihrer 15jährigen Nichte Maria (Flor Maria Vargas Chaves), die ebenfalls bei ihrer Mutter wohnt. Der weckt Begehrlichkeiten und den Wunsch bei Clara, auszubrechen, sich zu finden und sich selbst zu «heilen».
Nathalie Álvarez Mesén, mit schwedischen Wurzeln und in Costa Rica heimisch, beschreibt in ihrem ersten Spielfilm, wie sich eine Frau, gefangen durch ihr Umfeld und eingeschnürt durch körperliches Handicap (Skoliose), befreien will. Symbolisch steht dafür das Korsett, dass Clara anlegen muss, wenn sie von ihrer Mutter zu «Heilungsakten» aufgeboten wird. Clara Sola beginnt die Zwänge, die Bevormundung und geschürten Erwartungen abzulegen und sich gegenüber der Mutter zu emanzipieren. Nicht von ungefähr wird der Wendepunkt das religiöse Fest der Quinceañera, einem symbolischen Akt am 15. Geburtstag von Maria, der den Übergang vom Mädchen zur Frau markiert. So verknüpft die Autorin und Filmerin Mesén menschliche wie religiös-kulturelle Spannungen. Die Natur ist hier noch ein Hort der Freiheit, der Selbstfindung, eindrücklich gefilmt von Sophie Winqvist Loggins. Der sehr sinnliche Film wird entscheidend von Wendy Chincilla Araya als Clara geprägt. Die mehrfach ausgezeichnete Tänzerin verkörpert sie phänomenal beeindruckend. Ein magisches Drama der Emanzipation.
****

 

 

La mif

rbr. Zwischen Pflicht und Empathie. Mädchen im Teenageralter aus zerrütteten Verhältnissen finden in einem Heim ihre «mif», ihre neue Familie. Geschützt, aber auch gefährdet. In flagrant ertappt: Das Mädchen Audrey vergnügt sich mit einem Jungen. Man liebt sich, und eine Betreuerin erwischt die beiden. Das darf bei diesen Jugendlichen – zwar geschlechtsreif, aber nicht mündig, strafrechtlich gesehen – nicht sein. Der Zwischenfall muss gemeldet werden und sorgt für happige Auseinandersetzungen – nicht nur unter den Schutzbefohlenen, sondern auch Betreuern und Betreuerinnen.
Sie sind so verschiedenen wie ihre Hautfarbe, ihre Herkunft, ihre Vergangenheit, die jungen Frauen im Teenageralter. Die Heimleiterin Lola (Claudia Grob) versucht einen Spagat zwischen Sympathie und Pflicht, Nähe und Distanz. Dass ein Mädchen ihr zum Vorwurf macht, die eigene Tochter nicht schützen zu können (diese hatte Selbstmord begangen), trifft Lola schwer. Als sie schwer beleidigt und provoziert wird, schlägt sie zurück – wie weiland Will Smith beim der Oscar-Verleihung. Lola, die sich aufopfert, wird selber zum Opfer.

Der Genfer Fred Baillif beschreibt das Dilemma zwischen Beziehung und Betreuung, Gebot und Verbot (von Amts wegen) auf eindrückliche Weise. Sein intimes Sozialdrama «La mif, deftig, teilweise rüde im Ton, fast zärtlich in den Zwischentönen, blättert in acht Kapiteln Probleme junger Menschen und Erzieher auf. Hier spiegeln sich gesellschaftliche Risse, Gebote, die der Realität nicht immer gerecht werden. Der Film, just mit dem Schweizer Filmpreis Quartz ausgezeichnet, vereint Fiktion und Wirklichkeit. Filmer Baillif arbeitete mit Laien, die ihre eigenen Heimerfahrungen einbrachten. Claudia Grob selber hat als Erzieherin und Heimleiterin gearbeitet und war höchst überrascht, dass sie zu Quartz-Ehren kam. Die dokumentierte Wirklichkeit, zwar inszeniert, aber hautnah an den Menschen, verdient grossen Respekt und setzt ein Ausrufezeichen in Sachen Erziehung und Schutzbedürftigkeit, Sexualität, Empathie und Gesellschaft.

*****

 

 

Ambulance
I.I. Hetzjagd durch die Strassen von L.A. Am amerikanischen Regisseur Michael Bay scheiden sich die Geister, ohrenbetäubend laut geht es in seinen Filmen zu, dauernd fliegt etwas in die Luft und es wird geballert, was das Zeug hält. So war das in seinem Katastrophenfilm «Armageddon» (1998) oder «Bad Boys» (1995). Nun ist Bay zurück mit einer Story über einen Banküberfall und eine Geiselnahme im Krankenwagen, eine Kettenreaktion nimmt ihren Lauf. Wer gerne Autorennen schaut, kommt hier auf seine Rechnung. Die visuellen Kamerafahrten sind atemberaubend, ein wahrer Geschwindigkeitsrausch, nur dass es hier um einen Ambulanzwagen geht, der von Polizeiautos verfolgt wird. Wie das? Der charismatische Profidieb Danny Sharp (Jake Gyllenhal) überredet seinen Adoptivbruder Will Sharp (Yahya Abdul-Mateen II), dessen Frau eine kostspielige Operation bevorsteht, die die Krankenkasse nicht übernimmt, am Bankraub mit einer 32-Mio-Beute mitzumachen. Wegen seiner finanziellen Schwierigkeiten steigt Will nach einigem Zögern ein. In der Bank steht zufällig am Schalter ein Polizist und das Drama beginnt. Danny nimmt den angeschossenen Polizeibeamten als Geisel und klaut zur Flucht einen Ambulanzwagen, der sogleich verfolgt wird. Die Sanitäterin Cam Thompson (Eiza González) versorgt unterdessen während der Verfolgungsjagd die Schusswunde des Polizisten, der massiv Blut verliert und eine Transfusion benötigt. Von allen Einsatzkommandos, Hubschraubern und Polizisten gejagt, beginnt eine halsbrecherische Flucht durch die Strassen von Los Angeles. Die Uhr tickt, ihre Leben hängen am seidenen Faden und ganz L.A. wird zum Schauplatz der explosiven Hetzjagd, unterstützt von rasanten Drohnenaufnahmen im Sturzflug und perspektivischen Blickwechseln.
***

 

 

Ouistreham

rbr. Befreundet, bespitzelt, betrogen. Wir kennen die Methode bestens aus den Reportagen des investigativen Journalisten und Autoren Günter Wallraff. Er arbeitete bei der «Bild»-Zeitung («Der Aufmacher»), tarnte sich als türkischer Gastarbeiter und tourte als Somalier durch Deutschland. Seine verdeckten Recherchen sorgten für Aufregung und Schlagzeilen. Eine ähnliche Konstellation verfolgt auch der Spielfilm «Ouistreham» von Emmanuel Carrère. Auch die erfolgreiche Schriftstellerin Marianne Winckler (Juliette Binoche) aus Paris versucht, sich undercover den Menschen zu nähern und den Alltag einer Putzkolonne am eigenen Leib zu erfahren – für ihr nächstes Buch. Schauplatz ist die Hafenstadt Ouistreham am Ärmelkanal, nicht weit von Caen entfernt. Marianne will eine stille Randgruppe, sichtbar machen. Sie schleust sich in eine Putzkolonne ein, geleitet von der resoluten Nadège (Evelyn Porée). Sie freundet sich mit Christèle (Hélène Lambert) an, gewinnt ihr Vertrauen. Die Putzkolonne arbeitet vorwiegend auf Schiffen und muss beispielsweise 60 Bettstätten in anderthalb Stunden bewältigen. Marianne wird von der Gruppe aufgenommen wie eine echte Kumpanin – besonders von der jungen Marilou (Léa Carne), aber auch von Justine (Emily Madeleine), die ihren Abschied gibt. Als jedoch auffliegt, dass Madeleine in Wahrheit quasi ein «Spitzel» aus Eigennutz ist, kommt es zum Bruch. Besonders Christèlé fühlt sich hintergangen, missbraucht, ist masslos enttäuscht.
Emmanuel Carrère, Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur, hat das Buch «Le Quai de Ouistreham» von Florence Aubenas adaptiert. Er hat Wert darauf gelegt, dass neben Juliette Binoche nur Laiendarsteller agieren, wobei sich zwei Figuren aus den Buch gleich selber gespielt haben, die Vorarbeiterin Nadège und die Aussteigerin Justine. So entstand ein beziehungsreiches Drama mit einer Binoche, die sich völlig unterordnet und integriert, sehr nah an der Wirklichkeit. Dabei geht es handfest zur Sache, wobei natürlich auch Emotionen eine gewichtige Rolle spielen. Kann man Verrat verzeihen, ist ein Vertrauensbruch reparabel? Immerhin diente es uneigennützig der Aufklärung.

*****

 

 

The Hating Game
I.I. Geschlechterkampf auf vergnügliche Weise. «Pretty Little Liars»-Star Lucy Hale spielt in der charmanten Liebeskomödie nach dem Bestseller von Sally Thome die attraktive, ambitionierte und allseits geschätzte Lucy Hutton. Ihr Kollege Joshua Templeman (Austin Stowell), ein Schönling und ebenfalls Assistent der Geschäftsführung nach der Fusion ihrer Verlage in New York, beobachtet sie im gemeinsamen Büro auf Schritt und Tritt. Lucy, etwas chaotisch und das pure Gegenteil ihres korrekten Kollegen, lässt ihn ihre Abneigung ungeniert spüren. Das ist vergnüglich und mit rasanten dialogischen Slapsticks in Szene gesetzt. Die Rivalität spitzt sich zu, als beide um die Beförderung kämpfen. Lucy ist wild entschlossen, den Chefposten zu kriegen und lässt sich auf einen rücksichtslosen Konkurrenzkampf mit Josh ein, der komplizierter wird als gedacht. Eine Fahrt im steckengebliebenen Lift (der Klassiker!) offenbart eine gegenseitige Anziehung. Als Josh sie sogar zu seiner Familie und Heirat seines Bruders mit der Ex-Freundin einlädt, wächst ihre Zuneigung zum vermeintlichen Erzfeind. Irrungen und Wirrungen wechseln sich in bunter Reihenfolge ab und das Happy End kommt auch anders als erwartet. Wer eine leichtfüssige und doch anregende Unterhaltung sucht, ist hier gut bedient.
***
 
 
Ostrov

rbr. Glaube an Putin. Ein vom Zaun gebrochener Krieg (Putin’s War) kann urplötzlich vieles verändern – auch die Wahrnehmung. Der gutgemeinte Dokumentarfilm «Ostrov – Die verlorene Insel» von Svetlana Rodina und Laurent Stoop liefert dafür ein denkwürdiges Beispiel. Die Russin Rodina und ihr Partner aus Lausanne porträtieren eine vergessene Insel und ihre Bewohner im Kaspischen Meer – vor Putins Aggression gegen die Ukraine. Im Mittelpunkt stehen Iwan und seine Familie, die an Putin, die Grossmacht Russland und eine bessere Zukunft glauben. Ihr Alltag ist hart und entbehrungsreich. Einst war Ostrov mit 3000 Bewohnern ein blühendes Eiland. Heute leben rund 50 Menschen dort – eher mühsam mehr schlecht als recht. Iwan, eigenwilliger Nachkomme einer Fischerdynastie, geht unverdrossen dem Fischfang nach – illegal. Er stellt ein Gesuch für Fischerrechte an Putin – und wird belohnt. Das wirkt zu schön, irrational und unwirklich.
Die bodenständigen Menschen auf Ostrov hoffen auf eine bessere Zukunft, halten an der Gemeinschaft fest, sind einer totalitären Propagandamaschinerie ausgesetzt und glauben an sie. Eine Metapher für russische Verhältnisse und Empfinden gegenüber dem Westen, glauben die Filmer. Das wäre ein wenig zu hoch gegriffen. «Ostrov» ist ein Zeitbild, beschreibt einen Mikrokosmos verlorener Menschen. Das Meer lässt sie nicht los, aber Putin auch nicht. Anton (19), der Sohn Iwans, wird zum Militär berufen.
Iwan ist Kristallisationspunkt des Films, und Filmerin Svetlana Rodina versucht zu erklären, was schier unerklärlich ist: «Er ist ein Held…ein autodidaktischer Philosoph auf der Suche nach einem Glauben in einer Welt, in der Gott tot ist. Deshalb glaubt Iwan an Putin, die grosse Vergangenheit, die grosse Nation Russland. Sein Glaube, der sich aller Logik widersetzt, lässt ihn die Härten des Lebens vergessen, ist die Quelle seiner inneren Stärke und ausweichlichen Tragödie.»
****

 

 

Ala Kachuu

rbr. Brautraub. Man glaubt es kaum, aber es gibt ihn nach wie vor, den Brautraub in Kirgisistan (veraltert: Kirgisien). Tausendfach, trotz offiziellem Verbot. Die Schweizerin Maria Bendle (38) stiess bei ihren Reisen in Kirgisien auf dieses frauenfeindliche Phänomen, total aus der Zeit gefallen. Junge Frauen werden fremdbestimmt, oft geraubt und zur Heirat gezwungen, Weigern sie sich, werden sie stigmatisiert, geächtet, ausgegrenzt. Die 19jährige Sezim (Alina Turdumamatova) lebt mit ihrer kleinen Schwestern und Eltern auf dem Land Sie möchte in der Hauptstadt Bischkek studieren. Ihre Chancen für ein Stipendium sind gut, und so macht sie sich heimlich ohne Einwilligung der Eltern auf den Weg zum Test und kommt bei der Freundin Aksana unter. Doch junge Männer spüren sie auf, haben eigentlich Aksana im Visier, finden sie nicht und kidnappen stattdessen Sezim. Und die wird in ein fremdes Dorf geschleppt und wird mit einem jungen Kerl verheiratet, den sie nie vorher gesehen hat. Ihre Eltern, die später benachrichtigt werden, fügen sich, gehorchen dem dörflichen Druck und überlassen die Tochter ihrem Schicksal.
«Ala Kachuu» bedeutet Brautraub in Kirgisien und ist nicht auszurotten trotz gesetzlichem Verbot. Dieses Thema liess Maria Bendle nicht mehr los und so schuf sie einen Kurzspielfilm (48 Minuten), der aufrüttelt. Man kann dieses Thema (Fremdbestimmung und erzwungene Hörigkeit der Frau) über Kirgisien hinaus sehen und interpretieren. Die Unterdrückung hat viele Seiten und Mittel. Die Heldin Sezim wehrt sich, doch die Alten verharren und werden zu Handlangern einer gesellschaftlichen Vergewaltigung. Frauen – Mütter und Grossmütter – selbst bieten dazu Hand, obwohl sie Ähnliches erfahren haben. Mit ihrem Film setzt die Schweizerin ein Zeichen, beeindruckt und bewegt. «Ala Kuchuu» wurde für einen Oscar nominiert. Es geht eben auch kürzer, prägnanter und direkter. Viele Langspielfilme bringen das trotz mehr Aufwand und Stars nicht zustande.

****

 

 

The Batman
I.I. Superheldenfilm mit Robert Pattinson. Nach drei Stunden im Kinositz ist man ganz schön geschafft, eine Kürzung hätte dem überlangen Film gut getan und seine düstere Charakteristik schärfer hervortreten lassen. Was bleibt davon zurück? An sich eine simple Story: ein unheimlicher Riddlemörder (Paul Dano) ist auf der Jagd nach korrupten, inkompetenten Staatsdienern, Politikern und Mafiosi. Er treibt ein Katz und Maus-Spiel mit Batman, dem er an jedem Tatort eine Nachricht hinterlässt, ein Rätsel, das ihn auf die Spur zu ihm bringen soll. Einiges scheint ziemlich verworren und undurchsichtig auf der Reise durch die Unterwelt, aber das ist natürlich Absicht. Batman (Robert Pattinson) ist unter seiner Maske kaum wiederzuerkennen, macht dennoch eine gute Figur. Was nicht ausser gelassen werden sollte, ist hier im speziellen seine Stimme in dunklem Timbre, die den ganzen Film hindurch begleitet. Batman fragt sich selbstkritisch nach seiner Rolle und nach dem Sinn des Lebens. Der Film beginnt mit einem wehklagenden Ave Maria, als der Serienmörder Riddler den Bürgermeister von Gotham hinrichtet. Keine Lügen mehr steht auf dem bandagierten Kopf des Opfers mit einer Rätselkarte für Batman. Gothams von Korruption zerfressene Elite wird vom Riddler nach und nach regelrecht ausgeschaltet. Der Mix aus Mafia- und Horrorfilm spielt im unablässigen Regen vorwiegend nachts in untergründigen dunklen Schächten. Regisseur Matt Reeves geht entschlossen mit seinen von Brutalität durchsetzten Szenen zur Sache und lässt die kriminellen Akteure wie den Pinguin (Colin Farrell) oder Carmine Falcone (John Turturro) im düsteren Zwielicht erscheinen. Catwoman (Zoe Kravitz) liefert dem Batman ein ebenbürtiges Spiel, verfolgt dabei ihre ganz eigene Agenda. Ob der Blockbuster beim Publikum an der Kinokasse einfährt, wird sich zeigen.
***

 

 

Loving Highsmith

Oder sich die Mutter von der Seele schreiben. Das ausschweifende Liebesleben der Patricia Highsmith kommt in die Kinos. Einen ungleich tieferen Einblick in das Lieben und Leiden des aussergewöhnlichen Freigeists erlauben die Tage- und Notizbücher. Lieben Sie Patricia Highsmith oder wollen Sie wissen, wie diese liebte? “Loving Highsmith” lautet der zweideutige Titel von Eva Vitijas Dokumentarfilm. Er konzentriert sich nicht auf Highsmith-Country, das einzigartige, faszinierende Werk der Queen of Suspense (22 Romane und unzählige Kurzgeschichten), sondern ihr Liebesleben. Auf ihre wilde, leidenschaftliche, ungeheuer aktive Art zu lieben. Das Brisante: Patricia Highsmith liebte Frauen, was sie vor der Familie und Öffentlichkeit zeitlebens geheim zu halten versuchte. Als Fundament dienen der Basler Regisseurin und Drehbuchautorin Highsmith’s Tage- und Notizbücher. Quotes der Schriftstellerin führen wie eine innere Stimme durch den Film, der sich aus Interviews mit Ex-Gespielinnen und Verwandten, Ausschnitten aus Filmadaptionen und TV-Beiträgen sowie privaten Film- und Fotoaufnahmen zusammensetzt und einen intimen Einblick in ihr Liebesleben ermöglicht. Männer treten nicht in Erscheinung, obwohl Highsmith einen grossen Freundeskreis und viele Männerfreunde besass.

6.1.1941 «Mutter ist mir sehr feindlich gesonnen. Vor allem, weil ich nicht feminin genug bin.» (Tage- und Notizbücher, S. 28). Patricia Highsmith kam 1921 in Fort Worth, Teaxs, zur Welt. Ihre Persönlichkeit und ihr Leben bieten Stoff in Überfülle, um in Spielfilmlänge zu fesseln. In “Loving Highsmith” erfahren wir, dass sich Mutter Mary neun Tage vor Pat’s Geburt scheiden und das Baby bei Grossmutter Willie Mae Coates in Texas zurücklässt, während sie mit ihrem zweiten Mann Stanley Highsmith nach New York übersiedelt, wo beide als Illustratoren arbeiten. Der Stiefvater ist Pat von der ersten Begegnung an verhasst, sie lernt ihn erst als Vierjährige kennen.
In häufiger, fast penetranter Wiederkehr blendet der Film das konservative Umfeld ein, in dem Highsmith aufwuchs: die Welt der Cowboys und des Rodeos, eine weisse, rassistische Macho-Welt. «Bei uns dreht sich alles um Rodeos und Longhorn-Rinder», sagen Verwandte, «wir sind eine typisch texanische Familie». Die kleine Patricia ist burschikos, trägt gern Hosen und spielt mit «Brother Dan» O. Coates, ihrem verwaisten Cousin.

14.5.1973 «Die Ehe ist der einfachste Weg, um zu vermeiden, mit einem Mann zu schlafen.» (Tage- und Notizbücher, S. 1171) Als Pat sechs Jahre alt ist, holt sie ihre Mutter nach Manhattan. «My character was essentially made before I was 6», sagt Highsmith über sich selbst. Das Verhältnis mit der Mutter ist nicht mehr zu kitten; eine lebenslange Hass-Liebe wird die beiden verbinden. Kindheit und Jugend in New York überspringt der Film. Ebenso spart er ihre Anfänge als Redaktionsassistentin in einem jüdischen Verlag und Scriptwriterin für Comics aus und fällt mit ihrem Erstling Strangers on a train (1950) quasi mit der Tür ins Haus. Alfred Hitchcock findet die Idee, zwei Mörder zu vertauschen, um die Suche nach dem Motiv unmöglich zu machen, so genial, dass er den Krimi verfilmt. Über die Hintergründe, etwa wie die junge Autorin zu ihrem Stoff kommt, wie sie ihn sich aneignet, einen Verlag findet oder die Zusammenarbeit zwischen dem Grossmeister des Hollywoodkinos verläuft, darüber verliert Eva Vitija kein Wort. Zwei Fremde im Zug wird ein Welterfolg. Von da an haftet Highsmith das Etikett der Krimiautorin an, auch wenn längst nicht alle Bücher Krimis sind. Das Morden mache ihr zwar Spass, so Highsmith, aber sie glaube nicht, dass Mord ihr Thema sei, sondern Schuld, Obsession und das Spiel mit doppelter Identität.

3.8.1951 «Ich habe nur zwei Kriterien für einen Roman: Es muss eine eindeutige Idee geben, klar und unverkennbar; er muss lesenswert sein, so lesenswert, dass der Leser ihn nicht ein einziges Mal aus der Hand legen kann.» (Tage- und Notizbücher, S. 737/38). Highsmith’s zweiter Roman Salz und sein Preis ist das erste der Girls’ Books, der Mädelsromane. Er dreht sich um eine lesbische Liebesgeschichte ohne Leiche am Ende. Das ist der Stoff, der Eva Vitija interessiert. Sie blendet Szenen aus Carol, der Filmadaptation von 2015 mit Cate Blanchett, in die Dokumentation ein: Eine junge Verkäuferin erblickt in der Spielwarenabteilung von Bloomingdale’s eine elegante Dame, die sie elektrisiert und bei ihr eine Puppe kauft. Die Dame erwidert den Blick, Coup de foudre.
Nun sind wir im Thema: das pulsierende New York der 40er und 50 Jahre, voller wilder Gay-Bars, und die verführerische, umschwärmte, junge Highsmith mittendrin. Später, als sie sich quer durch das alte Europa liebt und lebt, wird es die Gay-Szene von Paris oder Berlin sein, in der die Wandererin zwischen den Welten heimisch ist. Niemand habe damals ein Gay-Book unter seinem richtigen Namen veröffentlicht, erzählt die Stimme aus dem Off. Auch die so talentiert mordende Miss Highsmith nicht. Ihr erfolgreicher Lesben-Roman erscheint unter dem Pseudonym Claire Morgan. Erst fünf Jahre vor ihrem Tod publiziert sie ihn unter ihrem Namen und mit neuem Titel (Carol).

13.8.1950 «Das Geheimnis jeder Kunst, die etwas taugt, ist die Liebe. Es ist so schön zu lieben, dass ich mich frage, warum es schlechte Künstler gibt.» (Tage- und Notizbücher, S. 693) Highsmith liebt Frauen ihr Leben lang. Viele ihrer Lieben, Affären oder Angebeteten, leben nicht mehr, können oder wollen sich nicht äussern oder outen. Drei Ex-Geliebte sind es schliesslich, die Eva Vitija für Statements in ihrem Dokumentarfilm gewinnen kann: die amerikanische Schriftstellerin Marijane Meaker, die sehr viel jüngere Pariser Übersetzerin Monique Buffet und die Künstlerin, Regisseurin, Schauspielerin und Kostümbildnerin Tabea Blumenschein, Highsmiths’ schräge Berliner Muse. Die Drei kommen, im Wechsel mit der texanischen Verwandtschaft, immer wieder zu Wort, wobei Meaker der Löwenanteil zufällt. Immerhin ist sie bereits Ende der 1950er Jahre die letzte Frau, mit der Highsmith zusammenzieht. «Pat hatte ihr eigenes Frauenfestival», erzählt Meaker. Sie pflückt rücksichtslos die Früchte, die sie reizen.
Die alles entscheidende Frauenbeziehung ist die zu ihrer Mutter Mary: «I’m married to my mother», sagt sie. Eine schwierige, einseitige Beziehung, «ein Muster aus Liebe und Verlassen, Herzlosigkeit und Mangel an Mitgefühl». Mütterliche Liebe und Anerkennung bleiben ihr zeitlebens verwehrt. Sie schafft es nicht, die Erwartungen der Mutter zu erfüllen, und vor allem: sie heiratet nicht! Die Mutter ist der Auslöser ihres Spiels mit der Identität. Sie wird nie erfahren, dass ihre Tochter die Verfasserin von Salz und sein Preis ist und ein Doppelleben führt.

17.5.1950 «Das Schreiben ist natürlich ein Ersatz für das Leben, das ich nicht leben kann, das zu leben ich nicht in der Lage bin. Das ganze Leben ist für mich eine Suche nach der ausgewogenen Kost, die es nicht gibt. Für mich.» (Tage- und Notizbücher, S. 682/3) Pats Versuche, ihre Homosexualität zu therapieren und sich mit Männern einzulassen, scheitern. Heterosexueller Geschlechtsverkehr fühle sich an «wie Stahlwolle im Gesicht». In ihren Büchern spielen dennoch meist männliche Protagonisten die Hauptrolle, «weil sie sich besser verkaufen». Schreiben ist ihr Leben, «beim Schreiben analysiert man seine Erfahrungen». Alkohol, Zigaretten, Katzen und Schnecken sind ihre ständigen Begleiter.
Highsmith reist viel, pendelt zwischen den Kontinenten hin und her. «Entschlossen, aus jeder Katastrophe meines Lebens etwas Gutes zu machen», lässt sie sich, mal auf der Spur, mal auf der Flucht vor Geliebten in Europa nieder, wo ihre Bücher die grössten Erfolge feiern. Zuletzt lebt sie relativ zurückgezogen in ihrem «Bunker» in Tegna im Tessin, wo sie 1995 stirbt. Dort findet man nach ihrem Tod 18 Diaries und 38 Cahiers im Wäscheschrank. Über 8000 Seiten Aufzeichnungen aus fast 60 Jahren, in Englisch, Deutsch, Französisch oder sogar Spanisch. Zu ihrem 100. Geburtstag hat Anna von Planta 2021 die Tage- und Notizbücher bei Diogenes herausgegeben, die Aufbereitung war eine editorischen Herkulesaufgabe.

25.8. 1951 «Warum Schriftsteller trinken: Sie müssen in ihrem Schreiben Millionen Male die Identität wechseln. Das ist ermüdend, aber das Trinken erledigt es automatisch für sie.» (Tage- und Notizbücher, S. 741). Die Notizen der scharfzüngigen wie selbstkritischen Jahrhundertschriftstellerin sind eine Schatzkiste für ihre Fans und erlauben tiefe Einblicke in ihr Liebes- und Seelenleben und Schreiben, wo Vitijas berührende Liebesbiografie nur an der Oberfläche kratzen kann. Wie zum Beispiel beim Thema Schnecken, die Highsmith als Hermaphroditen mit stundenlangem Paarungsrituals faszinierten, so der Dokumentarfilm, womit er auf der rein sexuellen Ebene bleibt. Die Schriftstellerin hielt Schnecken zu Hunderten als Haustiere, nahm ihre Lieblinge versteckt unter der Kleidung auf der Brust oder in Salatblättern in ihrer grossen Handtasche mit auf Reisen, in Restaurants und auf Cocktailparties. Vielleicht die dauerhafteste Liebe ihres Lebens, die leitmotivisch in etliche Romane und Kurzgeschichten einfloss, verkörpern sie doch perfekt Highsmith-Country: Halb-und-Halb-Wesen, Liebe, Identitätswechsel und Mord.

Ingrid Schindler

Loving Highsmith, Dokumentation, 83 Min., D/CH 2021, Buch & Regie Eva Vitija,  Kinostart Deutschschweiz: 11. März 2022. Eröffnungsfilm der 57. Solothurner Filmtage, nominiert für den Prix Soleure 2022. Patricia Highsmith, Tage- und Notizbücher. Hrsg. von Anna von Planta, Diogenes 2021. Ca. 1370 S., Leinen, CHF 42.

 

 

King Richard

rbr. Der Vater mit der Peitsche. Er wähnt sich als King und verspricht, seine Töchter zu Königinnen auf dem Tennis-Court zu machen. Das machte er allen klar – vom Quartierclub bis zum Spitzentrainer oder Manager. «King Richard» alias Richard Williams (Will Smith) ist besessen von der Idee, sich und seine Familie aus dem Slum herauszuarbeiten. Das beginnt in einem dreckigen Quartier von Los Angeles und endet auf den grossen Bühnen des Tennissports. Die Trainer Paul Cohen (Tony Goldwyn) und Rick Macci (Jon Bernthal) sind nur Fussnoten.
Ein Mann, seine Familie und Erfolgsvision sind Kern des Spielfilms von Reinaldo Marcus Green, Die Töchter sind sein Kapital, das er schleift, formt und einsetzt: Venus (Saniyya Sidney) und Serena (Demi Singleton) kuschen und glauben an ihren Vater. Die dritte Tochter Yetunde, eine Halbschwester der beiden Tennistalente, verschwand irgendwann von der Filmbildfläche (tatsächlich wurde sie im Alter von 31 Jahren erschossen). Der Film zeichnet in typischer Hollywood-Manier den rauen Weg der Williams-Sisters nach – von den Anfängen bis zu grossen Auftritten bei den Grand Slam-Turnieren von New York bis Wimbledon und den Olympischen Spielen in Sidney (2000). Doch immer steht auch der übermächtige Vater, sein Wille, sein Ehrgeiz im Zentrum. Insofern ist King Richard nur zum Teil ein Sportfilm, durchaus gespickt mit Dokumentarausschnitten, vor allem konzentriert er sich auf den Animator und Motivator, Einpeitscher und Manager, der Tennisstar Pete Sampras schon früh ankündigte, dass seine Töchter die Weltspitze erobern würden. Will Smith bietet als Williams-Vater eine starke Leistung. Er wurde dafür bereits mit einem Golden Globe ausgezeichnet und liegt auch hoch im Kurs beim Oscar. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Greens Film die Vaterfigur schönt. Nur ab und an kommt das Ekel Richard, der gnadenlose Antreiber und obsessive Erfolgsmanager an die Oberfläche. «King Richard» ist keine Dokumentation, bietet gleichwohl fesselnde tennisnahe Unterhaltung.

****

 

 

Belfast
rbr. Kindliche Idylle und Konflikte. Dieser Schauspieler und Regisseur («Death on the Nile») hat nicht nur grosses Schnüffeltalent, beispielsweise als Hercule Poirot in Agatha-Christie-Verfilmungen, sondern auch Oscar-Erfahrungen. Der Ire Kenneth Branagh wurde fünfmal für den Oscar nominiert und liegt aktuell mit sieben Nominationen für Belfast im Rennen (u.a. Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch). In seinem aktuellen Schwarzweissfilm blickte Branagh (Buch und Regie) auf die Kindheit in seiner Geburtsstadt Belfast zurück.
August 1969. Buddy (Jude Hill) und seine Geschwister tollen in Gassen und Parks von Belfast. Liebevoll behütet von der Granny (Judi Dench, Oscar-Nomination), Grossvater (Ciarán Hinds, Oscar-Nomination) und Mutter (Caitriona Balfe), können sie sich austoben, bis eines Tages protestantische Radikale katholische Geschäfte und Menschen traktieren. Anfangs erlebt der zehnjährige Buddy die Gewaltausbrüche wie ein Abenteuer im Kino. Ein Kinobesuch ist jeweils ein Highlight, wenn der Vater (Jamie Dornan) alle zwei Wochen von seiner Arbeit in England heimkommt. Es sind Filme mit Racquel Welch, Gary Cooper («High Noon») oder das knallbunte Fantasy-Musical «Chitty Chitty Bang Bang». Das sind befreiende Farbtupfer im teilweise tristen Alltag. Buddys Vater ist verschuldet (Steuern), und eine protestantische Clique wird zur Bedrohung.
Brenaghs stimmiger Spielfilm spiegelt Zeitbild und Kindheit wieder. Buddy ist der Kernpunkt, die Kristallisationsfigur, hervorragend verkörpert durch Jude Hill, eine Entdeckung. Aus seiner Sicht (Branaghs Alter Ego) nehmen wir Anteil am Spiel, am Schulalltag, aber auch am sozialen Umfeld. Wie aus dem Nichts bricht sich plötzlich eine Gewaltwelle Bahn. Eine Bande von Protestanten will ihr Quartier von Katholiken säubern. Bürgerkrieg. Buddys Eltern stehen vor einer Zerreissprobe: Ma will bleiben, Pa, der Pendlier, verspricht sich eine bessere Zukunft in England.
Der schwarzweisse Film mit Kinofarbtupfern ist stimmig, bisweilen humorvoll, nostalgisch, gegen Ende melodramatisch. Politische Vertiefung und weitere Gewalteskalation der IRA spart Branagh aus. Er lässt seine Kindheit aufleben und ist einer Fortsetzung nicht abgeneigt, wie er in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger verrät. Verdrängte Emotionen werden wach: «Belfast war eine Katharsis für mich.» Unbedingt erwähnenswert ist auch die Musik Van Morrisons, ein Sohn Belfasts (Oscar-Nomination)
*****

 

 

Chumm mit
rbr. Schweizer Bilderbuch: Wanderlust. Wandern ist des Schweizers Lust, besonders des Dokumentarfilmers Daniel Felix, Sohn des legendären Fernsehmachers Kurt Felix. Und besagter Daniel machte sich mit einer Clique auf eine Tour de Suisse, Ausgang und Endpunkt ist der Wohnort des Filmers: Weinfelden. Ausgerüstet mit «Segnung» des Stadtpräsidenten Max Vögeli und einem Leiterwägeli, zuckelte das Trüppchen der sechs, sieben Aufrechten los, zuerst von Hagenwil über die Sitter-Fähre nach Hauptwil, TG. Beherzt und rüstig zu Fuss, mit der Seilbahn oder anderen Schienenfahrzeugen ging es quer durch die Schweiz, durch alle 26 Kantone.
Das Team war überschaubar mit wechselnder Besetzung (je nach Kanton). Zum harten Wandererkern gehörten Severo Marchionne (Produktionsleitung), Loretta Giacopuzzi Schätti (Organisation), Christian Löpfe (Kamera, Logistik), Alexandra Beck (Kamera, stellvertretende Produktionsleiterin) Constans Schmölder (Finanzen, Marketing) und Max Iseli (Flugaufnahmen, Ton). Meistens war das Wetter wie im Bilderbuch, aber es gab auch Regentage im Baselland oder Schnee in Uri. Das brachte bei einigen Teilnehmern zwar Blasen ein, konnte aber die gute Wanderlaune nicht verderben. Dabei erwies sich Daniel Felix bisweilen als Schalk und inszenierte auch mal einen witzigen Zwischenfall. Kurz stösst auch Singersongwriter Michael von der Heide dazu, er steuert das Lied «Hinderem Berg» zum Soundtrack bei.
Die Wanderpassagen zwischen fünf (Basel-Stadt) und zwanzig Kilometern (Graubünden) wurden durch Zwischenspiele «belebt»: Wanderexperte Stefan Birchler erläuterte allerlei Hintergründe, gab Hinweise zu Wanderorganisationen, Wegepflege oder Projekte. Immer wieder rückte Alexandra Becks Kamera Fauna und Flora ins rechte Licht – vomn Käfern und Vögeln bis zum Fliegenpilz oder einem Blütenmeer. Faszinierende Naturimpressionen.
«Chumm mit» ist ein gemütvoller, liebevoller Film über eine Schweiz im Bilderbuch. Er animiert, die eine oder andere Tour abseits der beliebten, bekannten Routen selber unter die Füsse zu nehmen oder zu bereisen. Die Schweiz ist ein Wanderparadies mit 65 000 km ausgewiesenen Wanderwegen. Felix und sein Team waren 58 Drehtage unterwegs, coronabedingt auf drei Jahre verteil. Kommentare und Zahleninformationen sind wohltuend zurückhaltend, die Hintergrundinformationen gut dosiert.
Über alle Routen informiert das Buch zum Film «Chumm mit» von Max Iseli (Verlag flügelrad, Weinfelden, 26 Franken), gespickt mit Wegerzählungen und Bildern mit Landschaften, Begebenheiten und Wandervögeln.
****

 

 

Swan Song

rbr. Verschmitzter Abgesang. So kann nur einer durch die Gegend gockeln: Udo Kier (77), Mega-Mime, der seit über 60 Jahren die Leinwand belebt, gibt nun den schwulen Coiffeur Pat. Der exzentrische Kerl im Ruhestand war einst Drag Queen und mehr. Schauspieler Udo Kier zelebriert diesen selbstverliebten Veteran mit Hingabe und ist dabei ganz sich selbst – extravagant und schillernd wie ein Paradiesvogel.

Pat Pitsenbarger (Udo Kier) sieht mehr oder weniger gelassen seinem Lebensende entgegen – in einem Pflegeheim in Sandusky, Ohio. Alte Lebensgeister und Lebenslust werden geweckt, als er den Wunsch einer verstorbenen Kundin (Linda Evans) erfüllen soll. Man hatte sich vor Jahren in Unfrieden getrennt, doch nun soll sie ihren Frieden haben, meint Pat. Er will sie für ihre letzte Reise, sprich Beerdigung, aufs Schönste herrichten. Und so tigert Pensionär Pat durch die Kleinstadt zum Bestimmungsort – mal tänzerisch zu Fuss, mal im Rollstuhl. Dass diese kleine Odyssee auch zu einem Schönheitssalon, und einer Drag-Queen-Show führt, versteht sich.
Todd Stephens hat seinen Film ganz auf den Mega-Mimen Udo Kier (77) zugeschnitten, gleichzeitig dem Schwulsein und dem echten Pat Pitsenbarger (1943-2012), der seine Homosexualität zelebrierte, Referenz erwiesen. Eine Hommage auch an hehre Glimmerzeiten. Udo Kier ist ein markanter Schauspieler, der in seiner Rolle aufgeht bis zum letzten lackierten Fingernagel. Der gebürtige Kölner, in Kalifornien heimisch geworden, hat mit den bekanntesten Regisseuren drehte – von Rainer Werner Fassbinder («Lili Marleen») und Gus Van Sant («My Own Private Idaho») bis Lars von Trier («Dogville»). Er wirkte während sechs Jahrzehnten in über 250 Filmen und Serienfolgen mit. In «Swan Song» läuft er zur Hochform auf als abgetretener Schwulenstar und zelebriert seinen Schwanengesang – hemmungslos exzentrisch, selbstionisch und verschmitzt.
*****

 

 

Olga

rbr. Exil einer ukrainischen Sportlerin. Olga (Anastasia Budiashkina), eine Spitzenturnerin, ist ehrgeizig, will an die Europameisterschaft. Doch dann brechen 2013 Unruhen in ihrer Heimatstadt Kiew aus. Der Euromaidan-Aufstand (Proteste in der Ukraine zwischen November 2013 und Februar 2014) forderte Staatsmacht und Polizei heraus, die mit Gewalt – wie sonst – reagierten. Am Ende musste der prorussische Staatspräsident die Weite suchen.
Olgas Mutter ist in die Demonstrationen involviert und in Gefahr. Ihre Tochter im Teenageralter muss sich in Sicherheit bringen, auch um ihre sportliche Karriere nicht zu gefährden. Schweren Herzen nimmt sie Abschied von ihren Sportfreundinnen, ihrer Mutter, ihrer Heimat. Das Ziel heisst Schweiz, das Land ihres Vaters. In der Fremde fühlt sie sich fremd und sorgt sich um ihre aktive Mutter. Magglingen bietet ihre die Chance, sportlich Fuss zu fassen. Allmählich knüpft sie neue Kontakte, wird Schweizerin. Doch innerlich bleibt sie ihrer Heimat verbunden, will zurück, als sie erfährt, dass ihre Mutter ein Opfer ihres revolutionären Engagements wird.
Elie Grappe (28) stammt aus Lyon, studierte Tanz und Musik, ab 2011 Film. Sein erster Spielfilm, u.a. in Magglingen gedreht, wirkt sehr authentisch, auch weil Grappe gezielt junge Sportlerinnen suchte und einsetzte, auch mit Mitgliedern der Nationalmannschaften aus der Ukraine und der Schweiz. Seine Stärken sind Engagement, Emotionalität und Physis. Den jungen Darstellerinnen mag die schauspielerische Ausstrahlung fehlen, doch das machen sie durch ihre Wahrhaftigkeit und Betroffenheit wett. Ungewohnt gewinnt der Film an Aktualität, denn was mit den Protesten vor neun Jahren begann, kann nun durch Putins Übergriffe zunichte gemacht werden. Die Ukraine droht, vom russischen Potentaten einverleibt zu werden.

****

 

 

Luchs

rbr. Der Natur ganz eng auf der Spur. Er wurde jahrelang gejagt und vertrieben. Nun ist er in die Schweiz zurückgekehrt. Der Luchs wurde in den Siebzigerjahren im Kanton Neuenburg neu angesiedelt. Ein Heulen, Fauchen dringt durch den Wald. Geschmeidig wie ein Tiger huscht ein Tier durchs Unterholz, hält inne, sendet laute Signale: Der eurasische Luchs ruft sein Weibchen. Paarungszeit. Für kurze Zeit kommen die beiden Raubtiere zusammen. Dann verlässt das Männchen die angewachsene Familie. Die Mutter kümmert sich allein um ihre drei Jungen.
Der angesehene Fotograf Laurent Geslin publizierte in Magazinen wie National Geographic, Paris Match oder Animan, Seit über einem Jahrzehnt beschäftigt er sich mit dem scheuen Raubtier. Mit unendlicher Geduld hat er eine Luchsfamilie im Jura durch alle Jahreszeiten begleitet, hat sie verloren und wiedergefunden. Wir werden Zeuge, wie die Mutter ihre Kätzchen versorgt, aufzieht und eines Tages allein losziehen lässt. Dass nicht alle überleben, scheint natürlich. Der Verkehr ist der grösste Feind, er ist zu 60 Prozent schuld am Sterben des Wildtieres.
Der Jäger auf Samtpfoten ist im Jura wieder ansässig geworden. Rund 150 Tiere leben heutzutage in diesen Wäldern. Der Luchs, diese Raubkatze mit den spitzen Ohren, ist Polizist der Population, ein «Eckpfeiler des Waldes» (Geslin). und wichtiges Glied der Umwelt. Er hält die Population des Wildes im Zaum, sorgt für ein Gleichgewicht. Gemeint ist die sogenannte Plenterung-Methode, das heisst: Um Erhaltung und Nutzung des Waldes zu gewährleisten, muss der Bestand und die Fortpflanzung des Waldes nachhaltig geschehen, müssen Jungtriebe vor allzu massivem Äsen geschützt werden. Jäger Luchs verhindert massive Schäden, denn er ernährt sich von Rehen, Gämsen, auch Füchsen und Wildkatzen, die am Wald «nagen». Die seit mehr als hundert Jahren in bestimmten Regionen praktizierte Methode der Plenterung hat sich wie in der Neuenburger Region bewährt. Sie ermöglicht eine auf lange Sicht stabile und konstante Holzproduktion, eine natürliche und dauerhafte Regeneration des Waldes-
Geslins Film kommt nicht als Lehrstunde daher (die sparsamen Kommentare werden vom Filmer selbst auf Französisch gesprochen, auf Deutsch von Raphael Tschudi). «Lynx/Luchs» ist eine spannende Erzählung, zugleich ein Naturpoem und Dokumentation. Geschickt haben Laurent Geslin und Cutter Laurence Buchmann aus Momentaufnahmen die Geschichte einer Luchsfamilie geformt. Ein universeller Einblick in einen Mikrokosmos und eine ausserordentliche Hommage an die Umwelt, die Natur.

*****

 

 

to be continued

NACH OBEN

Photo/Film