FRONTPAGE

«Hannah Arendt: Gedichte – Ich selbst, auch ich tanze»

Von Ingrid Isermann

 

«Nur von den Dichtern erwarten wir Wahrheit (nicht von den Philosophen, von denen wir Gedachtes erwarten)». Von Hannah Arendt, weltberühmt als eine der bedeutendsten Theoretikerinnen des 20. Jahrhunderts, war bisher nicht bekannt, dass die politische Autorin jahrzehntelang auch Lyrik verfasste. Dieser Band versammelt nun erstmals sämtliche Gedichte und zeigt, dass Arendts Werk ohne einen engen Bezug zur Dichtung nicht denkbar wäre.

 

Hannah Arendt und der Begriff der «Banalität des Bösen» sind untrennbar mit ihrem Namen verbunden. Ihre öffentlichen Stellungnahmen mit dem unvergesslichen forschenden Blick auf politische Ereignisse waren häufig unter Gegnern, aber auch Freunden umstritten. Ihre Zivilcourage wurde oft als Unnachgiebigkeit wahrgenommen und bekämpft, insbesondere ihre Arbeit zum Eichmann-Prozess 1963 und 1964. Durch ihr politisches Hauptwerk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft Anfang der 1950er Jahre wurde sie in der Öffentlichkeit bekannt. Vita activa oder vom tätigen Leben ist ihr philosophisches Hauptwerk.
«Dichtung hat in meinem Leben eine grosse Rolle gespielt», hat Hannah Arendt 1964 im Fernsehinterview mit Günter Gaus erklärt und damit ihre Begeisterung für die griechische Poesie und ihre Beschäftigung mit der Literatur und den Künsten gemeint. Rolf Hochhuth hat sogar von Hannah Arendts «dichterischer Kraft» gesprochen und hinzugefügt, «sie war durch und durch Literatin».

 

Die am 14. Oktober 1906 in Linden, heute ein Stadtteil von Hannover, geborene jüdische deutsch-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin emigrierte 1933 aus Deutschland. Vom nationalsozialistischen Regime 1937 ausgebürgert, war sie staatenlos, bis sie 1951 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. Seitdem verstand sie sich als US-Amerikanerin und bekannte sich zur US-amerikanischen Verfassung. Sie war als Journalistin und Hochschullehrerin tätig und veröffentlichte wichtige Beiträge zur politischen Philosophie.

 

Pluralität im politischen Raum
Arendt vertrat ein Konzept von «Pluralität» im politischen Bereich, der Menschen eine potentielle Freiheit und Gleichheit in der Politik gewährt und auch die Perspektive des Anderen zu akzeptieren. An politischen Vereinbarungen, Verträgen und Verfassungen sollten auf möglichst konkreten Ebenen gewillte und geeignete Personen beteiligt sein. Aufgrund dieser Auffassung stand sie rein repräsentativen Demokratien kritisch gegenüber und bevorzugte Rätesysteme und Formen direkter Demokratie.
Nicht zuletzt aufgrund ihrer zahlreichen theoretischen Auseinandersetzungen mit Philosophen wie Sokrates, Platon, Aristoteles, Immanuel Kant, Martin Heidegger und Karl Jaspers sowie mit den massgeblichen Vertretern der neuzeitlichen politischen Philosophie wie Niccolò Machiavelli, Charles de Montesquieu und Alexis de Tocqueville wurde sie dennoch häufig als Philosophin bezeichnet. Gerade wegen ihres eigenständigen Denkens, der Theorie der totalen Herrschaft, ihrer existenzphilosophischen Arbeiten und ihrer Forderung nach freien politischen Diskussionen nimmt sie in den Debatten der Gegenwart eine bedeutende Rolle ein.
Als Quellen für ihre Überlegungen nutzte Arendt neben philosophischen, politischen und historischen Dokumenten unter anderem Biografien und literarische Werke. Diese Texte wertete sie wortgetreu aus und konfrontierte sie mit ihren eigenen Denkansätzen.
Der Spielfilm von Margarete von Trotta «Hannah Arendt (Ihr Denken veränderte die Welt)» 2012 mit Barbara Sukowa in der Hauptrolle erhielt mehrere Preise.

 

 

Traum

 

Schwebende Füsse in pathetischem Glanze.
Ich selbst,
Auch ich tanze,
Befreit von der Schwere
Ins Dunkle, ins Leere.
Gedrängte Räume vergangener zeiten,
Durchschrittene Weiten,
Verlorene Einsamkeiten
Beginnen zu tanzen, zu tanzen

 

 

Ich selbst,
Auch ich tanze.
Ironisch vermessen,
Ich hab nichts vergessen,
Ich kenne die Leere,
Ich kenne die Schwere,
Ich tanze, ich tanze
In ironischem Glanze

 

 

 

In sich versunken

 

Wenn ich meine Hand betrachte
– Fremdes Ding mit mir verwandt –
Stehe ich in keinem Land,
Bin an kein Hier und Jetzt
Bin an kein Was gesetzt.

 

 

Dann ist mir als sollte ich die Welt verachten,
Mag doch ruhig die Zeit vergehen.
Nur sollen keine Zeichen mehr geschehen.

 

 

Betracht ich meine Hand,
Unheimlich nah mir verwandt.
Und doch ein ander Ding.
Ist sie mehr als ich bin
Hat sie höheren Sinn?

 

 
Hannah Arendt, am 14. Oktober 1906 in Hannover geboren und am 4. Dezember 1975 in New York gestorben, studierte Philosophie, Theologie und Griechisch unter anderem bei Heidegger, Bultmann und Jaspers, bei dem sie 1928 promovierte. 1933 emigrierte sie nach Paris, 1941 nach New York. Von 1946 bis 1948 war sie als Lektorin, danach als freie Schriftstellerin tätig. Sie war Professorin für Politische Theorie in Chicago und lehrte ab 1967 an der New School for Social Research in New York.

 

 

 

Hannah Arendt

Ich selbst, auch ich tanze
Die Gedichte

160 S., geb. mit Schutzumschlag

€ 20 (D). € 20,60 (A)

ISBN: 978-3-492-05716-5

 

 


«Hannah Arendt: Sokrates. Apologie der Pluralität

Hannah Arendt dachte zeitlebens im Horizont Sokrates’. Schon in den amerikanischen Anfängen stellte sie den Lehrer Platons in den Mittelpunkt ihrer Versuche, ein politisch relevantes und persönlich haltbares Denken für die Moderne zu begründen.

 
Meisterhaft entfaltet diese Vorlesung aus den 50er Jahren eine Apologie der menschlichen Pluralität. So wendet sich Arendt gegen die platonische Versuchung, der Relativität der möglichen Wahrheiten mit der absoluten Autorität eines wegweisenden Denkansatzes begegnen zu wollen. Entscheidend ist für Arendt der innere Dialog, den Sokrates philosophisch initiierte. Zudem hebt sie die Kommunikation unter Bürgern und Freunden hervor, die im Austausch der Meinungen gemeinsame Perspektiven der Weltgestaltung eröffnen könne. In den Erinnerungen »In Hannah Arendts Seminar« berichtet ihr letzter Assistent Jerome Kohn, wie sich entlang platonischer Texte das gemeinsame Nachdenken mit der Philosophin an der New School of Social Research gestaltete.
Hannah Arendt, Matthias Bormuth (Hg.)
Sokrates. Apologie der Pluralität
Reihe: Fröhliche Wissenschaft
Matthes & Seitz Berlin, 2016
107 S., Softcover (Klappenbroschur)
Übersetzung: Joachim Kalka
12 €

ISBN: 978-3-95757-168-7

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