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«Hans Magnus Enzensberger: „Der Tausendsassa“. Gedichte (1950-2010).»

Von Ingrid Isermann

Enzensberger, das ist der Tausendsassa unter den Dichtern, der Tausendfüssler, der Grandseigneur, den man eigentlich nicht mehr vorzustellen braucht.

„Wir wüssten keinen, mit dem wir uns lieber einen Reim auf diese Welt machen würden“, meint die Neue Zürcher Zeitung.

Und tatsächlich lässt sich für viele, ja für die meisten Lebenssituationen (s)ein Standpunkt finden, sozusagen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht, finden sich hier so manche Anleitungen und Überlegungen, sich nicht von den Unwägbarkeiten im Leben unterkriegen und umnieten zu lassen.

„Was da unaufhörlich tickt / und feuert, das soll ich sein?“
Mit diesen Zeilen beginnt die staunende Selbstreflexion und Selbstbefragung, eine Neugier auf sich und andere, die Enzensberger nie verlassen hat. Genau so wenig wie sein sarkastischer Humor und die bärbeissige Ironie, die den sowohl bodenständigen Poeten mit „common sense“ als auch den „poète maudit“ durch die vergangenen Jahrzehnte und über alle Zeiten hinweg begleitet haben.
In Tageszeitungen werden, mit Ausnahmen, immer seltener Gedichte veröffentlicht, löbliche Ausnahme sind die ZEIT und die NZZ. Ist vielleicht die subversive Grundhaltung in Gedichten mit ein Grund dafür, die den oft beckmesserischen Kommentaren in Medien in die Quere kommt und generell den hohen Stellenwert der Lyrik verkennt oder zu verkennen vorgibt?
Hans Magnus Enzensberger: Eine stille laute und vehemente Stimme, die Literatur & Kunst hier zu Wort kommen lässt.
Hans Magnus Enzensberger, geboren 1929 im bayrischen Kaufbeuren, präsentiert erstmals eine persönliche Auswahl seiner Gedichte aus sechs Jahrzehnten im Taschenbuchformat.

 

Creditur
Schon das schiere Nichts
hat es in sich
Bauchschmerzen
Für Metaphysiker.
Die Null zu erfinden
War kein Zuckerschlecken.
Als dann auch noch
irgendein Inder
auf die Idee kam, etwas
könne weniger sein als nichts,
streikten die Griechen.
Auch den Gottesgelehrten
war nicht wohl dabei.
Blendwerk, hiess es,
eine Versuchung des Teufels.
Das sollen natürliche Zahlen sein,
riefen die Zweifler,
minus ein, minus eine Milliarde?
Nur wer Geld hatte,
und das waren die wenigsten,
der hatte keine Angst:
Schulden, Abschreibungen,
doppelte Buchführung.
Die Welt wurde abgezinst.
Die Arithmetik – ein Füllhorn.
Wir haben alle Kredit,
sagten die Banker.
Eine Sache des Glaubens.
Seitdem wird immer grösser,
was weniger ist las nichts.

 

Optimistisches Liedchen
Hie und da kommt es vor,
dass einer um Hilfe schreit.
Schon springt ein anderer ins Wasser,
vollkommen kostenlos.
Mitten im dicksten Kapitalismus
kommt die schimmernde Feuerwehr
um die Ecke und löscht, oder im Hut
des Bettlers silbert es plötzlich.
Vormittags wimmelt es auf den Strassen
von Personen, die ohne gezücktes Messer
hin- und herlaufen, seelenruhig,
auf der Suche nach Milch und Radieschen.
Wie im tiefsten Frieden.
Ein herrlicher Anblick.

Schwacher Trost
Der Kampf aller gegen alle soll,
wie aus Kreisen verlautet,
die dem Innenministerium nahestehn,
demnächst verstaatlicht werden,
bis auf den letzten Blutfleck.
Schöne Grüsse von Hobbes.
Bürgerkrieg mit ungleichen Waffen:
Was dem einen die Steuererklärung,
ist dem andern die Fahrradkette.
Die Giftmischer und die Brandstifter
werden eine Gewerkschaft gründen müssen
zum Schutz ihrer Arbeitsplätze.
Aufgeschlossen bis dort hinaus
geht es im Strafvollzug zu.
Abwaschbar, in schwarzes Plastik gebunden,
liegt Kropotkin zum Studium aus:
System der gegenseitigen Hilfe
in der Natur. Ein schwacher Trost.
Wir haben mit Bedauern vernommen,
dass es keine Gerechtigkeit gibt,
und mit noch grösserem Bedauern,
dass es, wie die bewussten Kreise
händereibend versichern, auch nichts
dergleichen je geben kann, soll und wird.
Strittig ist nach wie vor, wer oder was
daran schuld sei. Ist es die Erbsünde
oder die Genetik? Die Säuglingspflege?
der Mangel an Herzensbildung?
Die falsche Diät? der Gottseibeiuns?
die Männerherrschaft? das Kapital?
Dass wir es leider nicht lassen können,
einander zu notzüchtigen,
an die nächstbeste Kreuzung zu nageln
und die Überreste zu essen, schön wär es,
dafür eine Erklärung zu finden,
Balsam für die Vernunft.
Zwar die tägliche Scheusslichkeit stört,
doch sie wundert uns wenig.
Was aber rätselhaft anmutet, ist
die stille Handreichung,
die grundlose Gutmütigkeit,
sowie die englische Sanftmut.
Also höchste Zeit, mit feuriger Zunge
den Kellner zu loben, der stundenlang
der Tirade des Impotenten lauscht;
den Barmherzigkeit übenden Knäckebrot-
Vertreter, der kurz vor dem tödlichen Schlag
den Zahlungsbefehl sinken lässt;
wie auch die Betschwester, die,
unverhofft den atemlos an ihre Tür
hämmernden Deserteur versteckt;
und den Entführer, der sein wirres Werk
mit einem matten, zufriedenen Lächeln
unversehens aufgibt, zu Tode erschöpft;
und wir legen die Zeitung weg
und freuen uns, achselzuckend, so,
wie wenn der Schmachtfetzen glücklich aus ist,
wenn es hell wird im Kino, und draussen
hat es zu regnen aufgehört, dann blüht uns
endlich der erste Zug aus der Zigarette.

Weitere Gründe dafür, dass die Dichter lügen
Weil der Augenblick
in dem das Wort glücklich
ausgesprochen wird,
niemals der glückliche Augenblick ist.
Weil der Verdurstende seinen Durst
nicht über die Lippen bringt.
Weil im Munde der Arbeiterklasse
das Wort Arbeiterklasse nicht vorkommt.
Weil, wer verzweifelt,
nicht Lust hat, zu sagen:
„Ich bin ein Verzweifelnder“.
Weil Orgasmus und Orgasmus
nicht miteinander vereinbar sind.
Weil der Sterbende, statt zu behaupten:
„Ich sterbe jetzt“,
nur ein mattes Geräusch vernehmen lässt,
das wir nicht verstehen.
Weil es die Lebenden sind,
die den Toten in den Ohren liegen
mit ihren Schreckensnachrichten.
Weil die Wörter zu spät kommen,
oder zu früh.
Weil es also ein anderer ist,
immer ein anderer,
der da redet,
und weil der,
von dem da die Rede ist,
schweigt.

 

 

Hans Magnus Enzensberger, geb. 1929 in Kaufbeuren, lebt in München.
Gedichte (1950-2010). 246 S., Taschenbuch. Suhrkamp Berlin 2010.
CHF 15.90; ISBN 978-3-518-46201-0

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