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«Horizon Beautiful» – oder ein Abenteuer in Äthiopien

Von Rolf Breiner

 

Der Schweizer Regisseur und Produzent Stefan Jäger wurde 2011 nach Äthiopien berufen, um an der Film- und TV-Akademie in Addis Abeba zu unterrichten. Er animierte die Studenten, einen Kinofilm zu drehen. Zum Spielfilmprojekt «Horizon Beautiful» stiess der Schauspieler Stefan Gubser («Tatort»), der einen Fussballmanager spielt. Ein Gespräch mit Stefan Jäger und Stefan Gubser über die Faszination Fussball, Äthiopien und Strassenkinder, über falsche und berechtigte Hoffnungen und ihren Low-Budget-Film.

 

Mit einem Stoffbündel kicken Strassenkinder in Addis Abeba, der Metropole Äthiopiens. Ein besonders vorwitziger Balltreter ist der kecke zwölfjährige Waisenknabe Admassu, der auch mal Obst klaut, um zu überleben. Seine grosse Hoffnung heisst Fussball, er träumt davon, einst die Fussballschule von Barcelona zu besuchen und sieht seine grosse Chance, als der internationale Fussball-Magnat und Manager Franz Arnold (Stefan Gubser) auf seiner Goodwill-Tour auch Äthiopien heimsucht. Er soll den Kindern und Jugendlichen Fussball als Hoffnung und Zukunft verkaufen – tut dieses aber nur widerwillig. Er ist nicht wirklich mit dem Herzen bei der Sache und lässt auch Admassu abblitzen. Doch der greift zu rigorosen Mitteln und organisiert die «Hammer»-Strassengang, um den prominenten Fussballbotschafter zu entführen. Die Aktion läuft aus dem Ruder, und der Manager aus der Schweiz landet prompt in einem Dorf weit ab von Addis Abeba, geschwächt durch sein Herzleiden und fehlende Medikamente, die der kleine Drahtzieher heimlich an sich genommen hat. Admassu nimmt dem hilflosen «Big Boss» das Versprechen ab, seine Fussballträume zu verwirklichen, ihn sogar zu adoptieren. Es kommt zum Showdown auf dem Dorf-Fussballplatz. «Horizon Beautiful» ist ein sehr authentischer, bewegender Spielfilm mit realem Hintergrund über trügerische Hoffnungen, falsche Versprechungen, Verrat und Herzen, die richtig schlagen.

 

«Horizon Beautiful» wurde im April und Mai 2012 in Addis Abeba und Umgebung gedreht. Wie ist es dazu gekommen? Was hat dich motiviert?
Stefan Jäger: Die Schweizer Botschaft und das Goethe-Institut hatten mich 2011 eingeladen, an der Blue Nile Film and Television Academy in Addis Abeba zu unterrichten – für zwei Wochen. Ich war das erste Mal in Afrika und habe dann realisiert, dass es schön wäre, mit den Studenten etwas Grösseres zu machen. Ich hatte das Gefühl, ein solches Projekt aus unserer privilegierten Situation heraus finanzieren zu können, was dann in der Tat erstaunlich gut funktioniert hat. Die Studenten waren unglaublich motiviert, zumal es in Äthiopien keine wirkliche Filmindustrie gibt. Die Schule leistet in diesem Sinne wertvolle Pionierarbeit und öffnet viele Türen. Also schlug ich vor: Lasst uns etwas Gemeinsames machen – zusammen mit dem Schulleiter Abraham Haile, der die Akademie 2010 gegründet hatte. Wir haben die Head of Departments mit Profis besetzt und alle andere Rollen und Funktionen mit Laien und Studenten, um ein richtiges Kinoprojekt auf die Beine zu stellen. Das hat sehr gut funktioniert.

 

Wie entstand die Geschichte?
Ich hatte eine vage Grundidee: Manchmal ist es interessant, sein Ziel zu erreichen, aber nicht so, wie man sich es erträumt hat. Ich habe dann die Idee von einem Jungen, der Fussballer werden möchte und in Kontakt mit einem Fussballboss tritt, an Oliver Keidel herangetragen, einen meiner besten Freunde. Oliver ist einer der renommiertesten Drehbuchautoren in Deutschland. Meine Frage, ob er Lust hätte, einen «Writer’s Room» mit äthiopischen Studenten zu gründen und anzuleiten, hat er sofort bejaht. Oliver hat die Gruppe über ein halbes Jahr hinweg gecoacht. Ich habe Regie geführt, assistiert von Solomon Tadele, erfolgreicher Geschäftsmann und Filmemacher und von Dirbdil Assefa, der mittlerweile eigene Langfilme realisiert.

 

Wie lief es mit der Finanzierung?
Innerhalb eines Monats habe ich die Zusage von der DEZA, der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit beim Bund, bekommen. Da wusste ich: Es ist machbar und wir haben auch noch weitere Mittel gefunden, um den Film in bescheidenem Rahmen zu realisieren.

Mit dem Strassenjungen Henok Tadele (heute 13 Jahre alt) als Fussballenthusiast Admassu hast du einen idealen Mitspieler gefunden. War die Suche schwierig?
Nein, eigentlich gar nicht, das Schicksal meinte es gut mit uns. Als wir auf einer Locationtour waren, ist Henok der erste Strassenjunge gewesen, der mir spontan auffiel. Ich habe darum gebeten, ihn anzusprechen. Meine Mitarbeiter haben mir abgeraten, doch mein Instinkt war richtig. Nach einem ausgedehnten Casting mit 60 Kindern war und blieb Henok meine erste Wahl und irgendwann haben alle realisiert, dass man die Klischees überwinden muss, die man bei einem Strassenkind natürlich immer hat. Henok Tadele war schlussendlich enorm zuverlässig, genau und höchst motiviert, dieses Abenteuer mit uns anzugehen. Er ist Halbwaise, und er hatte bis zum Zeitpunkt unserer zufälligen Begegnung zwölf Stunden am Tag gearbeitet. Wir haben ihn dann drei Monate lang geschult, Englisch, Fussball und Schauspiel, in dieser Zeit hat er sich schon sehr wohl gefühlt, und der Dreh war dann die Kür.

 

Heute lebt Henok in einem Selam Village. Was hat es mit der Schweizer Selam-Hilfsorganisation auf sich?
Das Kinderhilfswerk Selam ist seit 29 Jahren in Äthiopien tätig, um Waisenkindern und Jugendlichen zu helfen. Es betreibt zwei Kinderdörfer, eine Schule, Lehrstätten, eine Tagesklinik und vieles mehr. Damit ermöglicht es ganz vielen Kindern einen Einstieg ins Leben und schenkt ihnen eine Vision.

 

Du trägst gewissermassen nicht nur für den Jungdarsteller, sondern auch für die beteiligten Filmleute in Äthiopien Verantwortung nach den Dreharbeiten. Wie seid ihr vorgegangen?
Seit Abschluss der Dreharbeiten haben wir immer wieder Drehbücher der Studenten gelesen, haben ihnen Feedback gegeben, haben sie vermittelt, Empfehlungen geschrieben. Ein paar waren in Berlin am Talent Campus, andere im Filmprogramm von Tom Tykwer in Nigeria oder mit unserem Film auf Festivals. Wo immer möglich, öffnen wir ihnen Türen.

 

Der Filmtitel «Horizon Beautiful» bezieht sich auf den Namen des Jungen Admassu Amare, aber er könnte eine weitere Bedeutung haben, etwa eine Hinweis auf die Zukunft, auf Hoffnung…
Übersetzt heisst sein Name «Der Horizont wird schön», und ich mag den Gedanken, dass der Titel natürlich noch viele andere Bedeutungen hat, die jeder selber interpretieren darf.

 

Und was haben Sepp Blatter und die Fifa dazu gesagt? Haben sie den Film unterstützt?
Nein. Wir haben der Fifa unsern Film geschickt, aber ich weiss nicht, ob sie sich den Film je angesehen haben. Sie haben jedenfalls nicht reagiert und sich nicht gemeldet. Schade eigentlich, denn schliesslich beweist Franz Arnold, dass er gar nicht so böse ist, wie es auf den ersten Blick erscheint.

 

Zufall oder Absicht – diese Managerfigur Franz erinnert irgendwie an Fifa-Boss Sepp Blatter, wenn auch nicht äusserlich..?
Wir nennen die Fifa zwar nicht beim Namen, aber Film ist ja immer auch Andeutung und Spiel…

 

Der Film sollte bereits im Herbst 2014 in unsere Kinos kommen. Wieso jetzt erst?
Wir waren seit 2013 dauernd zu Filmfestivals unterwegs – von Lausanne über Frankfurt, Hamburg, London und Madrid bis Polen, Kanada und USA, Ägypten, Tunesien, Marokko und Israel, Iran, Türkei, Südkorea, Russland und Japan. Wir haben dabei einige Auszeichnungen geholt, beispielsweise den Special Award für Henok in Marokko, den Spezialpreis in Posen, Kinderpreis in Mexico City oder den Grossen Preis in Kyoto am 20. Kinderfilmfestival. Und dann hatte ich das traurige Glück, mit Mathias Gnädinger im Herbst 2014 «Der grosse Sommer» zu drehen, seinen letzten Kinofilm. So war die Zeit zu knapp, um die Herausbringung von «Horizon Beautiful» seriös zu begleiten.

 

Wie steht es um deine Kinoprojekte «11:23- 09:59 – Projekt Angst» und wann kommt «Der grosse Sommer» in die Kinos?
«Projekt Angst» lief am Zurich Film Festival. Ob er in die Kinos kommt, weiss ich nicht. «Der grosse Sommer», ein Feel-Good-Movie, wird am 28. Januar 2016 starten. Den Verleih macht Impuls, sie haben von Anfang an dieses besondere Projekt geglaubt.

 

 

Stefan Jäger

Geboren am 27. April 1970 in Uster. Seit 2002 als Dozent für Regie an der Filmakademie in Ludwigsburg (Baden-Württemberg) tätig.
Seit 2009 auch als Dozent für Dramaturgie und Drehbuch an der Zürcher ZHdK.
Daneben freischaffender Filmer und Produzent.
Regie: «birthday» (2000), «Im Namen der Gerechtigkeit» (TV-Film 2001) «Cyrill trifft» (TV- und Kinofilm, 2002/2003), «Hello Goodbye» (2006/07), «Boxing Jesus» (2008), «Hunkeler und der Fall Livius» (TV-Film 2009),
«Schloss Biberstein» und «Das kleine Paradies» (TV-Doku-Serie «SRF bi de Lüt», 2010, 2011»), «11:23 – 09:59 Projekt Angst» (2014), «Der grosse Sommer» mit Mathias Gnädinger (2015/16) u.a.

1997 Gründung von handsUP! Film Production gemeinsam mit Markus Kaeppeli. Produktion von «Misguided Angel» (1998). Ab 2007 tellfilm, Verlegung und Umstrukturierung der Firma nach Zürich. Seit 2007 ist Katrin Renz aus Berlin als Produzentin und Dramaturgin dabei, seit 2014 auch als Geschäftsführerin.
Seit 2013 tellfilm Deutschland, Berlin.
Produktion diverser Kino- und TV-Filme, darunter den «Tatort: Wunschdenken» (2010)

«Das Wichtigste war, dass wir mitgemacht haben».

 

Interview mit Stefan Gubser

Der Schauspieler Stefan Gubser, in Winterthur geboren, hat bisher in rund 140 TV- und Kinofilmen mitgewirkt. Er war Mitbegründer der Produktionsfirma tellfilm, schied 2012 aus der Geschäftsleitung aus. Seinen 50-Prozent-Anteil an «tellfilm» hat Katrin Renz übernommen. Gubser ist gleichwohl Produzent und einer der beiden Hauptdarsteller im Familienfilm «Horizon Beautiful».

Über Schweizer Grenzen hinaus bist du als «Tatort»-Kommissar Reto Flückiger einem breiten Publikum bekannt geworden – zuerst am Bodensee und nun seit 2011 in Luzern. Wann kommt der nächste?
Der nächste «Tatort» heisst «Schutzlos» und kommt im Juli. Dabei geht es um einen Schwarzafrikaner, der erstochen wird.

 

In Deutschland ist der «Tatort» Kult. Man trifft sich Kneipen oder sonstwo, um sich den Krimi gemeinsam anzusehen. Public Viewing mit Leichen sozusagen. Hast Du das mal selber mitgemacht?
Nein, aber das wird demnächst der Fall sein. Denn nach der Fernsehausstrahlung wird «Schutzlos» an zwölf Openair-Kinoveranstaltungen gezeigt, beispielsweise am 7. Juli in Zug oder am 8. Juli in Kreuzlingen.

 

Hast du Favoriten unter den «Tatort»-Ermittlern?
Die Münchner, den Miroslav Nemec kenne ich schon lange. Aber ich mag auch die Münsteraner, den Jan Josef Liefers und Axel Prahl, und die Kölner. Dietmar Bär und Klaus Behrendt.

 

Bist du noch nicht amtsmüde?
Nein, es sind ja nur zwei Filme pro Jahre. Ich arbeite mit den besten Leuten zusammen und habe vor kurzem um drei Jahre verlängert.

 

Begeben wir uns doch an einen ganz anderen Tatort, nämlich Äthiopien. Wann bist du zu diesem Projekt gestossen?
Sehr früh schon in der Anfangsphase, als das Drehbuch entwickelt wurde. Stefan Jäger war das Projekt sehr wichtig, und ich habe gerne mitgewirkt. Ich bin erst nach Addis Abeba geflogen, als die Dreharbeiten anstanden. Es war Stefans Idee, mich als Franz zu besetzen und ich fand es eine spannende Idee. Hatte aber meine Zweifel, wie das alles in Äthiopien zugehen wird. Es war ein Abenteuer.

 

Du verkörperst eine unsympathische Figur, eine Art Fussball-Kolonialherrn.
Ja, anfangs will er nur sein Image aufpolieren, sieht nur die ökonomischen Werte, die er aus der Kampagne ziehen kann. Doch durch die Begegnung mit dem Jungen ändert sich der Franz Arnold. Er merkt, dass er sich auf dem Holzweg in seinem Leben befindet.

 

Der Junge ist von ihm enttäuscht, fühlt sich verraten…
Aber daran trägt Admassu auch eine gewisse Schuld. Er hat Franz seine Pillendose geklaut, hat die Entführung inszeniert, um als Retter aufzutreten. Und Franz merkt dann, was der Junge mit ihm für ein Spiel getrieben hat.

 

Wie funktionierte denn die praktische Arbeit mit Henok Tadele, wie hat man sich verständigt?
Der Junge konnte kein Englisch, er hat Unterricht bekommt, verstand dann ein paar Brocken, hat aber mehr oder weniger den Text nachgeplappert. Gut gemacht, aber er verstand oft nicht, was er sagte. Wir brauchten einen Übersetzer und Coach. Henok war sehr, sehr fleissig und talentiert. Ich war erstaunt, wie professionell er sich am Ende verhalten hat. Wenn ich an die Szene denke, als der Junge vor das Auto rennt und Franz sagt: Ich will, dass du mein Vater bist – krieg ich heute noch Gänsehaut. Das war ein irres Erlebnis, und ich habe gespürt, das kommt tief aus dem Buben raus, und war so authentisch.

 

Überhaupt, der Film wirkt dokumentarisch auf den Strassen, auf dem Land, im Dorf und dadurch auch sehr authentisch.
Es blieb uns gar nichts anderes übrig, weil ein grosses Chaos in diesem Land herrscht. Dieses Land ist so beinsteinarm. Das machte mir auch Schwierigkeiten, damit klar zu kommen. In diesem Land kommt die Armut aus allen Poren, und wir kommen aus dem Westen und drehen einen Film.

 

Was konntet ihr denn bewirken?
Wir hatten die Chance, etwas zu geben, was mit Geld nichts zu tun hat. Für mich war es von Anfang an ein Entwicklungsfilmprojekt. Mit unsern bescheidenen finanziellen Mitteln und unserm Wissen ums Filmemachen konnten wir etwas vermitteln. Das finde ich viel wichtiger, als irgendwie Geld zu geben, wobei man nicht weiss, was damit passiert. Das Wichtigste war, dass wir gekommen sind und mitgemacht haben und nicht einfach Geld gegeben haben und gesagt haben: Macht mal!

 

Hoffnung ist ein zentrales Thema im Film. Und danach? War das Projekt nachhaltig?
Mit dem Jungen habe ich heute noch Kontakt. Nach dem Film wollten wir etwas Gutes für Henok tun und hatten ein Gespräch mit ihm. Und dann meinte der Junge, ich hätte gern einen Flatscreen, ein Telefon und eine Wohnung für mich. Kommt gar nicht in Frage, habe ich ihm geantwortet. Und er war stinkesauer. Ich wollte ihm eine Ausbildung im Kinderdorf Selam zahlen. Doch er hat sich geweigert. Nach drei Monaten hat er mir eine E-Mail geschickt, dass es ihn doch interessieren würde. Er ging in die Schule in Addis Abeba, bockte aber, schlug, war auffällig. Ich habe ihm dann geschrieben, dass es Regeln im Leben gäbe, die er akzeptieren müsse. Wenn er das nicht täte, würde ich mich zurückziehen. Nach ein paar Monaten sah ich ihn wieder zur Premiere in Frankfurt: Und Henok war wie ein umgekehrter Handschuh – zuvorkommend, freundlich, hat angefangen, sich an die Regeln zu halten, und macht sich toll.

 

 

 

Stefan Gubser

Geboren: 1. August 1957 in Winterthur. Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Engagements am Burgtheater Wien, Residenztheater München, Staatstheater Wiesbaden.
Erste Filmrolle 1987 in «El rio de oro».
Kommissar Bernauer in «Eurocops». Kommissar Reto Flückiger seit 2000 im «Tatort: Der schwarze Skorpion», SWR, dann ab 2011 Schweizer «Tatort» (7) bis 2014. 8. Luzerner «Tatort: Schutzlos» (Openair-Kinos).
Kinofilme u.a.: «Anna Göldin – Letzte Hexe» (1991), «Brandnacht» (1993).

 

 

Filmtipps

 

Men, Women & Children

rbr. Vernetzt, verraten, verloren – Die Internet- und Online-Welt ist allgegenwärtig. Ein Segen, wenn man damit umgehen kann, ein Fluch, wenn man sich fahrlässig verhält, wie nicht nur Jugendliche immer wieder erfahren müssen, sondern auch gestandene Erwachsene, Politiker inklusive. Der kanadische Drehbuchautor und Regisseur Jason Reitman beschreibt Menschen, denen Widriges widerfährt, denen Chatbeziehungen zum Verhängnis werden oder und die ihre Internetaktionen wie ein Bumerang selber trifft. Kurzum, je mehr Kommunikationsmittel desto grösser die Enttäuschung, die Blossstellung und Orientierungslosigkeit. Ein Ehepaar (Rosemarie DeWitter und erstaunlich Grimassenschneider Adam Sandler für einmal ernst zu nehmen) leben lieblos vor sich hin, Don befriedigt sich dank Pornoseiten und landet bei einer Prostituierten, seine Frau Helen setzt Hoffnungen auf ein Datingportal. Ihr Sohn Chris hat sich in Internetpornos verloren. Donna (Judy Greer) puscht ihre Tochter mit nicht ganz astreinen Medienmitteln, und Patricia versucht ihre Tochter Brandy, total zu kontrollieren. Und es geht noch weiter. Manche verlieren die Kontrolle, den Durchblick, den Boden unter den Füssen. Jason Reitman schuf mit seinem melodramatischen Netzwerk «Men, Women & Children» ein verzweigtes Kinostück, das nachdenklich stimmt und fesselt.

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Parcours d‘Amour

rbr. Tanzen statt Hadern. Sie haben ihr Leben gelebt – aber doch nicht ganz. Gino, Anfang 70, und Eugène, Anfang 80, sind zwar pensioniert, aber gleichwohl rüstig unterwegs auf den Tanzflächen der Pariser Tanzcafés. Sie lieben Frauen, aber nicht nur eine. Beide Männer haben ihre Wehwehchen und Prostataoperationen hinter sich. Sie hadern nicht mit dem Schicksal, sondern machen das Beste draus und sich auch mal über die eigene Malaise lustig. Auch Christiane, Anfang 70, und Freundin Michelle, Mitte 60, sind solo, haben sich von ihren Männern getrennt und suchen einen Partner zu. Einer, bei dem Tanzen zum Job gehört, ist der Eintänzer Michel, Mitte 60. Er macht Frauen professionell den Hof – auf Bestellung. Er steht seinen Mann – höflich, zuvorkommend, charmant als Gentleman. Die gebürtige Düsseldorferin Bettina Blümner lebt in Berlin und hat ein Jahr lang eine Handvoll Pariser und Pariserinnen über 60 begleitet, die ein bisschen Glück in Tanzcafés wie «Memphis» oder «Chalet du Lac» suchen. Sie dokumentiert liebevoll das unschuldige Treiben zwischen Rumba, Tango und Walzer. Ihre Traumfrau finden die Rentner freilich ebenso wenig wie die angejahrten Damen ihren Traumtänzer. Auf dem «Parcours d‘amour» lebt die Hoffnung immer wieder neu, auch wenn die Lichter gegen Abend ausgehen. Ein sympathischer Film mit Schalk und Lebenslust.

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Cherry Pie

rbr. Nebulöse Reise. Aus dem Irgendwo ins Nirgendwo? Wie Treibgut lässt sich Zoe, eine junge Frau scheint’s ohne Bindung, durchs nebulöse Land nach Norden spülen, Frankreich genauer gesagt. Die blonde «Fahrende» hat zwar ein Gesicht, aber keine Vergangenheit. Treibgut – sie durchquert Landschaften, Strassen, Quartiere, Tankstellen. Irgendwann erreicht sie den Ärmelkanal, begegnet auf einer Fähre einer geheimnisvollen Frau in einem Wintermantel. Am Ende verlässt Zoe das Schiff in einem Wintermantel. Eine Reise ohne Wiederkehr? Eine aparte Frau, eine Kamera und Bewegung. Lolita Chammah als Zoe trägt den Film. Ihr Gesicht, ihre Erscheinung bleiben haften in einem Spielfilm wie ein Stillleben ohne Geschichte, aber in Bewegung. In manchen Einstellungen erinnert man sich an Isabelle Huppert, Lolitas Mutter.

Man erfährt wenig von Zoe, die wohl einen Freund verlassen hat, um sich selbst zu finden. Die traumwandlerische Reise bringt sie vielleicht an ein Ziel. Wir ahnen, aber wir wissen es nicht. Ursprünglich sollte «Cherry Pie» eine Kamera-Fingerübung, ein Kurzfilm werden, meinte Lorenz Merz, der den Film ohne Drehbuch drehte. Es wurde ein essayistischer Bilderexkurs oder besser eine Exkursion, bereits 2014 entstanden. Der 34jährige Merz, Partner der Hautdarstellerin, hat vor allem als Kameramann reüssiert, etwa beim Spielfilm «Chrieg», ausgezeichnet mit dem Schweizer Filmpreis 2015.

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Das ewige Leben

rbr. Schräg, schräger – Hader. Er sieht aus wie ein geborener Grantler und spielt den Miesepeter auf Bühnen und vor der Kamera – mit Bravour und Tücke. Der österreichische Kabarettist Josef Hader schlüpft zum vierten Mal in die Haut des Privatdetektiv Simon Brenner, eine Erfindung des Krimiautors Wolf Haas. Der Brenner, ausgelaugt, abgetakelt und abgebrannt, sucht sein Heil in der Heimat und kriegt eine Kugel verpasst. Wohl möglich war er selbst der Täter. Der verschrobene Krimi, dessen Fall oder Inhalt sich erst nach einer gewissen Strecke erschliessen und nur nebensächlich sind, erweist sich als Vehikel für schrägen Humor, österreichische Schrulligkeit, für Hader, Haas und Regisseur Wolfgang Murnberger. Kein «Tatort» nach Haas, sondern ein morbider Trip mit Hader. «Das ewige Leben» werden sie damit nicht erlangen, aber den Applaus für ein tragikomisches Gerangel zwischen Krimi und Heimatliebe. Immer etwas daneben, aber mit abgründigem Charme.

 

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Fidelio, l’Odyssée d’Alice

rbr. Ein Schiff, eine Frau und zwei Männer. Alice fährt zur See, auf dem Frachter Fidelio, Marseilles. Allein in einer Männercrew. Sie arbeitet als Maschinistin, liebt den Job  auf See, das Leben und zwei Männer, den einen, den Comiczeichner Felix (Anders Danielsen Lie), hat sie an Land zurück gelassen, zum anderen, dem Kapitän Gaël (Melvil Poupaud), ist eine alte Liebe entfacht. Sie will beide. Ihr Begehren ist gross, und sie kann, will sich nicht für einen entscheiden.  Ariane Labed verkörpert die Heldin Alice auf ihrer Gefühlsodyssee, sehr glaubhaft, stark und doch sehr feminin. Überhaupt zeichnet sich dieses Liebesdrama der Filmautorin Lucie Borleteau durch seine dokumentarische Authentizität und Atmosphäre aus. Hier die Weite der Meere, die dunklen Häfen, dort die Enge des Maschinenraums, der Kajüten. Borleteau drehte überwiegend auf einem Schiff. Kein Seeabenteuer, eher eine Reise in die Gefühls- und Liebeswelt einer Frau. Ausser einem Seebegräbnis, geselligen Gelagen und einem Feuerausbruch passiert nichts Ungeheuerliches, sieht man einmal von Alice Liebesleben ab. «Fidelio» ist ein dichter, fühlbarer Film über Bordleben, Small Talk unter Männern (mit einer Frau), Langeweile, Einsamkeit und Begehrlichkeit. Zeit spielt auf hoher See keine Rolle mehr. Eine zusätzliche tiefere Dimension gewinnt der Film dadurch, dass Alice auf das Tagebuch ihres Vorgängers stösst, der tödlich verunfallte. Die Odyssee einer liebenden Frau auch, die wohl ankommt (in Danzig), aber nicht weiss, wohin sie die Reise weiterführt.

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Geronimo
rbr. Romeo und Julia in der Hitze Frankreichs. Ein Roma entführt eine Braut. Lucky Molina (David Murgia) hat die Türkin Nil Terzi (Nailia Harzoune) «gekapert» und flieht mit ihr auf einem Motorrad. Das Paar rennt blind in ihr vermeintliches Glück, erlebt glückliche Liebesmomente, kann aber der Wirklichkeit nicht entkommen. Zorn und Gewaltbereitschaft der jeweiligen Clans sind geweckt. Der «bestohlene» Bräutigam Tarik, mit dem Nil zwangsverheiratet werden sollte und vor dem sie flieht, und ihr hitzköpfiger Bruder Fazil lechzen nach Rache. Die türkischen Terzis wollen die flüchtige Braut zurückholen und den Liebhaber bestrafen. Während die älteren Clanmitglieder einigermassen besonnen scheinen und vor Gewalt warnen, sind der betrogene Bräutigam Tarik (Tim Seyfi) und der hitzköpfige Fazil Nils jüngerer Bruder, nicht zu bremsen. Sie machen Jagd auf das flüchtige Liebespaar.
Die Sozialarbeiterin Geronimo (Celine Sallette) versucht,  zu schlichten und ein Blutbad zu verhindern. In einer Art Dance-Battle treten die jungen Gefolgsleute der türkischen Terzis und Molinas, den Zigeunern, in einer Fabrikhalle an. Flamenco-Stakkato (mit Flamencotänzerin Prado Jimenez), Breakdance und drohende Männerposen – der Vulkan steht vor dem Ausbruch. Als dann Alex, ein etwas beschränkter Penner, der vorgibt, Nil zu schützen, einen Revolver ins Spiel bringt, ist das Desaster nicht mehr aufzuhalten. Tony Gatlif («Gadjo Dilo»), Schauspieler, Autor, Produzent und Regisseur mit algerischen Roma-Wurzeln, entfacht ein heissblütiges Melodrama im Süden Frankreichs. Natürlich spielt das Romeo-und-Julia-Motiv eine starke Rolle. Doch noch näher steht das Liebesdrama «Geronimo» dem Musical «West Side Story» (Musik: Leonard Bernstein). Neu in dieser Auseinandersetzung verschiedener ethnischer Gruppen ist die Gestalt Geronimos. Sie verzweifelt schier an der eskalierenden Gewalt. Ein packendes Drama, das auch den Wahnsinn so genannten Ehrenkodices und Familienfehden schildert.
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Hedi Schneider steckt fest
rbr. Unberechenbares Leben. In ihrer Welt scheint alles bunt, hell, harmonisch und harmlos, bis sie eines Tages – nicht vom Teufel – aber von Panikattacken gepackt wird, und das beim Sex mit ihrem Mann Uli. Hedi Schneider (Laura Tonke – grandios) wird völlig aus der Bahn geworfen. Sie quittiert ihren Job, schottet sich, verkriecht sich im Bett und verweigert sich der Familie. Das duldsame Verständnis von Uli (Hans Löw) und Sohn Finn (Leander Nitsche) schlägt bald einmal in Vorwürfe und Unduldsamkeit um. Die Frau mit der Angst vor der Angst kann sich eben nicht zusammenreissen und ist Depressionen ausgesetzt. Gleichwohl versuchen die Betroffenen, das alte Glück wiederherzustellen – mindest für einen Tag am Meer. Die Münchnerin Sonja Heiss (Drehbuch, Regie) jongliert auf dem schwankenden Seil zwischen Glück und Leid, Nähe und Distanz, Wärme und Kälte. Es gelingt ihr dabei, einen gedämpft heiteren, aber nie «depressiven» Ton zu halten. Sie wollte einen «poetischen, verspielten Zugang zu den Figuren schaffen». Das gelang ihr mit dieser Tragikomödie mit sanftem Humor und Horror: Glaubwürdigkeit und Gefühligkeit sind ihre Stärken, auch wenn man als Zuschauer Hedis Befindlichkeiten und Ängste nicht immer nachvollziehen kann. Wie weit man von Hedi Traumata wirklich berührt wird, dürfte individuell verschieden sein.
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Dawn
rbr. Zahn um Zahn. Palästina 1947. Israelische Gefährten (man könnte auch sagen Terroristen), und ein Jüngling halten den britischen Offizier Dawson (Jason Isaacs) gefangen. Später stösst die Radiomoderatorin Ilana (Sarah Adler) hinzu. Der Brite soll als Druckmittel dienen, einen Untergrundkämpfer in Gewalt der britischen Besatzer, der im Morgengrauen hingerichtet werden soll, freizupressen. Gad (Liron Levo), Leiter der Untergrundgruppe, ist beauftragt, die britische Geisel zu töten, falls die Briten nicht auf einen Austausch eingehen. Ausgerechnet Jüngling Elisha (Joel Basman), der in Polen den Holocaust überlebt hat, ist als «Henker» bestimmt, wenn’s denn sein muss. – Eine nachtlang Warten auf das scheinbar Unvermeidliche. Das Kammerspiel vom Schweizer Romed Wyder (Brig) ist ein Psychothriller auf engstem Raum. Dabei stehen die Frage im Zentrum: Heiligt das Ziel die Mittel? Ist Gott ein Friedenskämpfer oder Terrorist? Im dichten Drama, das jetzt erst mit grosser Verspätung in unsere Kinos kommt, zeigt Joel Basman, jüngst mit einem Prix Walo ausgezeichnet, eine reife Schauspielerleistung. Leider hat die Filmproduktion Dschoint Ventschr nicht darauf verzichten können, dem Film eine Art israelische Wochenschau anzuhängen. Junge Zuschauer sollen so auf den historischen Background und die Entwicklung Israels hingewiesen werden. Der Anhang ist jedoch filmisch wie pädagogisch missraten.
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Kühe, Käse und drei Kinder
rbr. Ein Alpsommer mit Kindern. Im Gegensatz zu anderen Schweizer Dokumentarfilmen über Hirten, Alpwirtschaft und Brauchtum (Alpensegen, Alpaufzügen etc.) bewegen sich Susanne Fanzuns Filmbeobachtungen im familiären Rahmen und konzentrieren sich auf die Wahrnehmungen, Empfindungen und Erfahrungen von drei Kindern. Braida, acht Jahre jung, Marchet (6) und Jon (3) verleben die Sommermonaten mit ihren Eltern und einer Hilfskraft auf einer Alp im bündnerischen Safiental. Tätige Freizeit und Ferien: Die Kinder arbeiten mit, melken, misten aus. Selbst Knirps Jon hilft beim Holzspalten. Kein Fernsehen, keine Games, keine Playmobile. Einen Geldautomaten bastelt man ebenso selber wie ein Töggelispiel. Manchmal vermissen die Kinder ihre Freunde, die Schule, die gewohnte Umgebung, doch dafür werden sie mit viel Freiheit, Tieren und Natur «entschädigt» und belohnt. Das einfache Leben auf der Alp Gün hat eben auch viele Reize. Den Eltern Anna und Riccardo Nesa samt Alpgehilfin Aita Puorger bleiben die Nebenrollen. Susanna Fanzun ist eine geduldige einfühlende Beobachterin. Sie will weder Missionarin, noch grüne Botschafterin sein. Sie bleibt Realistin und dokumentiert auf Augenhöhe der Kinder. Und das kann sehr bereichernd sein.
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Song from the Forest
rbr. Musikmesse im Regenwald. Seine Liebe zu diesem speziellen Gesang wurde durch eine Radiosendung geweckt. Der Amerikaner Louis Sarno, 1954 in New Jersey geboren, folgte diesen eigenartigen Klängen und Gesängen bis tief in den zentralafrikanischen Regenwald. Er fand diese Musik bei den Bayaka-Pygmäen – und eine neue Heimat. Das war vor 25 Jahren. Der Weisse wurde zum Naturmenschen, zum Mitglied der Waldgemeinschaft aus Jägern und Sammlern, gründete eine Familie und reiste dann mit seinem Sohn Samedi, was so viel wie Samstag heisst, in seine Ursprungswelt nach New York. Das Naturkind, nun im Teenageralter, kommt mit der hochmodernen US-Welt besser klar als sein Vater. Der deutsche Autor und Journalist Michael Obert («Regenzauber») war Reisebegleiter mit der Kamera (bedient von Kamerafrau Siri Klug, die bei Michael Ballhaus gelernt hat). Er taucht in die Urwaldwelt der Pygmäen und dokumentiert die Konfrontation der beiden mit der Moderne. In seinem Film «Song from the Forest» kombiniert, verdrahtet, verbindet er die polyphonen Gesänge der Bayaka mit Renaissancegesängen aus dem 16. Jahrhundert. Es handelt sich dabei um die Messe für vier Stimmen von William Byrd, gesungen von der Oxford Camerata. Ein ungewöhnliches, sehr stimmiges Bilder- und Tonwerk. Ein Dokument über Louis Sarno, aber auch über Rituale, Lebensweise und Musik, die verloren gehen. Der Lebensraum der Bayaka ist bedroht.

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Victoria
rbr. Nachtreise ohne Schnitt und Schnörkel. Ab durch die Mitte Berlins eine Nacht lang. Victoria (Laia Costa), ein Grossstadtfrischling aus Spanien, jobbt in einem Café, sucht Anschluss und landet bei jungen Typen, die herumalbern, schäkern, rauchen, trinken und Party machen in einer lauten grellen Techno-Disco. Die junge Frau, reichlich naiv, neugierig und sträflich vertrauensselig, lässt sich mit den Berliner Prolo-Jungs treiben. Sie nennen sich Sonne, Boxer, Blinker und «Fuss», schleusen Victoria auf eine Dachterrasse, flirten mit ihr und dem Nachthimmel. Die durchgeknallten «Halbstarken» von heute haben Spass – bis zum Morgengrauen. Doch dann wird’s ernst. Einer aus der Gruppe muss eine Schuld bei einem Gangster einlösen: Er soll mit den Kumpels eine Bank überfallen. Und weil ausgerechnet «Fuss» fusslahm, sprich besoffen ist, wird Victoria überredet, sich als Fahrerin zu beteiligen. Ein neuer Tag bricht an, und keiner übersteht diese Nacht ohne Blessuren an Leib und Seele. Die Story ist nicht besonders knackig oder speziell, doch die Dreharbeiten hatten es in sich. Regisseur Sebastian Schipper drehte seinen Streifzug durch Berlin in einem Zug, das heisst in einer einzigen Einstellung – von 4.30 Uhr in der Früh bis kurz vor 7 Uhr. Ein Filmmarathon über 2 Stunden und 20 Minuten mit 22 Motiven, 150 Komparsen und einer Kamera (Sturla Brandth Grøvlen). Ein verrücktes Mammutprojekt – wild, atemlos, authentisch und melodramatisch. Die Typen sind keine Sympathieträger – zügellose Prolos, welche die Sau rauslassen – aber auch Victoria taugt wenig als Heldin. Dauernd fragt man sich: Wie kann man nur so vergessen, so fahrlässig, so blöd sein? Item, es geht um eine Nacht, um Alles oder Nichts, um eine haltlose Generation. Trotz Bilder wie aus der Mülltonne und einem eher zähen Beginn bleibt man hängen. Das spontane Strassenabenteuer entwickelt sich zur Liebesgeschichte, zum Thriller – mit dem Silbernen Berliner Bären 2015 ausgezeichnet.
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Love & Mercy
rbr. Die Kehrseite der Beach Boys. Er war der kreative Kopf der kalifornischen Hitparadenstürmer Beach Boys – damals in den Sechziger- und Siebzigerjahren: Brian Wilson (73). Und wenn man heute wieder Hits wie «Surfin‘ U.S.A.», «Good Vibrations», «Sloop John B» oder «California Girls» zu Gehör bekommt, staunt man, wie frisch, poppig, raffiniert gesungen sie immer noch daherkommen. Er schuf die berühmten Songs, die von den Beach Boys, zwei seiner Brüder, Cousin Mike Love und Schulfreund Al Jardine in die Musikwelt getragen wurden. Brian Wilson war das Genie, das Stimmen hörte und umsetzte. Er fand vom Surfing-Sound zu ungemein raffiniert arrangierter Psychedelic-Musik. Ein Sonderling, der Drogenräusche feierte, in depressive Löcher fiel, verfiel und vom dubiosen Psychiater und Manager Eugene Landy abhängig wurde. Regisseur Bill Pohlad beschreibt dieses unstete Leben zwischen Fun, Fantasy und Fall, zwischen Genie und Wahnsinn in seinem Spielfilm «Love & Mercy» auf verschiedenen Zeitebenen (der Titel bezieht sich auf einen Song von 1988). Da ist einmal der junge Brian Douglas Wilson, eindrücklich gespielt von Paul Dano, der versucht seine Kompositionen und Soungvisionen auch als Produzent durchzusetzen. Er feiert Grosserfolge mit den Beach Boys, zehrt sich auf, verliert sich in Drogeneskapaden. Und dann der «entmündigte» Brian (John Cusack) viele Jahre danach in den Händen jenes Landy (Paul Giamatti), der ihn dirigiert und quasi gefangen hält. Es ist die Freundin Melinda (grossartig Elizabeth Banks), die ihn rettet und seine Ehefrau wird. Sparsam sind einige Dokumentaraufnahmen eingestreut und zum Schluss sieht und hört man den Brian Wilson aktuell, der in diesem Jahr das Album «No Pier Pressure» herausgebracht hat. Der Film konzentriert sich auf die Erfolgsära und auf Brians «Wiederauferstehung», wobei Cusack als Mann nach dem Fall nur phasenweise überzeugt. Regisseur Pohlad vermeidet es in seinem (lückenhaften) Biopac freilich, ein Heldenlied zu inszenieren und die Beach Boys in den kalifornischen Himmel zu heben. Ihn interessiert vor allem der Schaffensprozess, Aufstieg, Fall und die Wiederkehr jenes Brian Wilson begreiflich zu machen, der immensen Einfluss auf die Popmusik hatte von den Beatles bis heute. Es ist das Verdienst dieses Films, Brians Wilsons Musikvisionen nicht nur zu hören, sondern auch zu verstehen und nachzuvollziehen.
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Child 44
rbr. Düsteres Russland. Tom Rob Smith gelang 2008 mit seinem Thriller «Child 44» auf Anhieb ein internationaler Bestseller. Es folgten zwei weitere Romane mit dem Geheimdienstoffizier bzw. Ermittler Leo Demidow: «Kolyma» und «Agent 6». Daniel Espinosa (Regie) und Richard Price (Buch) haben nun versucht, «Kind 44» fürs Kino zu adaptieren. Obwohl ihr Werk immerhin 137 Filmminuten dauert, wird es Kenner der Buchvorlage (wie so oft) enttäuschen. Vieles bleibt vage und Stückwerk, beispielsweise das Verhältnis zwischen Fahnder Leo und dem Serienmörder Andrej, manche Figuren wie Leos Chef in der russischen Pampa, Miliz-General Nesterow (Gary Oldman), oder der Drahtzieher in Moskau, Major Kuzmin (Vincent Cassel), sind Staffagen. Einzig Gegenspieler Wassili (Joel Kinnaman) und Raisa (Noomi Repace), Gefährtin und Frau des Helden Leo Demidow, gewinnen an Kontur. Kristallisationsfigur im Buch wie im Film ist Leo, Fahnder im Geheimdienst, der nicht im Sinne des stalinistischen Staates agiert, Raisa nicht denunziert und zur Verräterin macht, die sie gar nicht ist. Er wird verbannt in die triste Provinz, lässt aber nicht davon ab, einen Kindesmörder aufzuspüren. Tom Hardy, der bereits als neuer «Mad Max: Fury Road» seinen Muskelmann steht, agiert glaubhaft als Leo, der Haltung auch im Terrorklima bewahrt. Der Film spannt den Bogen von der Eroberung Berlins durch die Rote Armee – mit Leo als Flaggenhisser auf dem Reichstag – über Stalins Terror bis zu dessen Tod. Zu viel Stoff, zu viele Ambitionen, zu viele Andeutungen und Aktionen. Im Anfang, gut eine Stunde, hat der Politthriller, der auch ein Liebesdrama ist, seine stärkste Phase und entwirft ein Klima der Angst, der Intrigen, der Hinterhältigkeit. Für Kenner: Die Schweizerin Ursina Lardi («Akte Grüninger») ist auch kurz im Spiel, auch sie wird ein Opfer der stalinistischen Schergen.
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Jurassic World
rbr. Manipulierte Dinos. Offensichtlich reichte es Steven Spielberg nicht, mit den legendären Urviechern dreimal grosse Kinokasse (1993, 1997, 2001) zu machen und vor 20 Jahren geradezu eine Dinosaurier-Manie auszulösen. 22 Jahre nach «Jurassic Park» werden die Dinos und Anverwandte wieder losgelassen. Der gigantische Sensations- und Vergnügungspark «Jurassic World» auf einer pazifischen Insel bei Costa Rica lockt täglich über 20 000 Besucher an, so auch das Brüderpaar Zach (Nick Robinson) und Gray Mitchell (Ty Simpkins). Doch hinter den Kulissen braut sich Düsteres zusammen. «Dino-Hüter» und Experte Owen hat vier Velociraptoren sozusagen auf Kommando abgerichtet. Da wittert ein Militärkopf Morgenluft, diese Tiere militärisch einzusetzen. Der Genetiker Dr. Wu (BD Wong) hat ausserdem einen Dino entwickelt, der nicht nur eine zerstörerische Kraft entwickelt, sondern auch intelligent ist, auch eine lebende Waffe sozusagen. Und eben just diese genmanipulierte Bestie, der Indominus Rex, bricht aus. Was nun folgt, ist Krieg und Chaos in Jurassic World, wobei neben den befreiten aggressiven Kreaturen die beiden Kinder, Kampfexperte Owen (Chris Patt – ein neuer Indiana Jones im Dino-Umfeld) und Tante Claire (Bryce Dallas Howard), das Marketing-Model des Parks, bewegte Rollen spielen. Ausser den explosiven Actionszenen mit Dinos in und über Wasser, in der Luft und im Dschungel wird kräftig auf die Gefühlsdrüse gedrückt. Bruderherz liebt Bruderherz, die Eltern zittern, die zickige Managerin findet ihren starken Mann etc. Bemerkenswert, geradezu sensationell ist Tante Claire alias Marketing-Püppchen als Dauerläufern in High Heels. Das verdient eine Medaille! Klarer Fall: Ein Film für Dino-Fans und solche, die es werden wollen.
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Das dunkle Gen
rbr. Dem Hirn auf der Spur. Ein Arzt will wissen, woran er und vor allem sein Sohn Leonard ist: Frank Schauder leidet an Depressionen und will ergründen, woher die Schwermut komme und wohin sie geht. Wird auch sein Sohn davon betroffen, vererbt sich diese Krankheit? Schauder, Arzt und Patient, will diesen Fragen auf den Grund gehen, die Wurzeln sozusagen ausgraben. Die Filmer Miriam Jakobs und Gerhard Schick aus Köln sind ihm gefolgt. So erzählen sie einerseits eine persönliche Geschichte, erweitern sie aber erheblich, befragen Experten wie Sabina Gallati, Humangenetikerin am Inselspital Bern, oder den Schweizer Genomforscher Ivo Gut, Direktor des Nationalen Genom-Analyse-Zentrums in Barcelona. Da kommt vieles zusammen: Konkretes und Denkbares, Erforschtes und Machbares. Die Filmer fanden dazu Klangbilder und Animationen. Ihre Dokumentation über «Das dunkle Gen» ist ein Film über das Leben, über Veränderbarkeit und Manipulation. Abstraktionen über DNA, Formeln und Folgen werden sichtbar, wenn auch nicht immer sogleich begreifbar. Es mangelt es dieser ausufernden Filmarbeit an Stringenz, Verdichtung und Klarheit. Man nimmt viele Eindrücke kurzfristig mit, die sich freilich infolge der Fülle wieder verlieren.
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