FRONTPAGE

«Humor, Satire, Ironie und jiddische Bedeutung»

Von Ingrid Isermann

Eine glanzvolle Neuentdeckung auf dem literarischen Parkett ist der erste Roman des 1974 in Zürich geborenen Autors Thomas Meyer: «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse». Schon der Titel verspricht eine regelrechte Sprachorgie mit der Chuzpe des jiddischen Sprachwitzes, gepaart mit einer Prise Wehmut. Das Debüt erregte Aufsehen und wurde auch für den Schweizer Buchpreis nominiert.

 

Gelesen an einem trüben Nachmittag, erhellt die kurzweilige Erzählung schlagartig die Stimmung mit ihren wahnwitzig komischen Wortkombinationen und sprungartigen Vernetzungen in die Gründe und Abgründe jüdischen Lebens eines jungen Mannes, der partout nicht den Regeln seiner mame folgen will, die ihn unbedingt verheiraten will. Das ist so unterhaltsam, vergnüglich wie anschaulich geschildert und beweist eine hohe Sprachsensibilität. Die jiddische Ausgabe fügt der multikulturellen Literatur der Schweiz einen weiteren Baustein hinzu. In der mittlerweile 5. Auflage findet sich auch ein Glossar der jiddischen Ausdrücke. Das Buch wurde im November nominiert für den Schweizer Buchpreis und man hätte diesem Autoren den Buchpreis für sein Romandebüt gewünscht.

 

Der junge orthodoxe Jude Mordechai Wolkenbruch, kurz Motti, 27 Jahre alt, hat ein virulentes Problem: Die Frauen, die ihm seine wohlbeleibte mame als Heiratskandidatinnen vermittelt, sehen alle so aus wie sie. Nicht so Laura, seine aparte Kommilitonin, doch leider ist sie eine Schickse (Nichtjüdin), trägt enge Hosen und hat einen hübschen tuches (Po), trinkt Gin Tonic und benutzt ungehörige Ausdrücke. Sein Gehorsam gegenüber der übermächtigen mame schwindet rapide. Denn Motti ist in Laura verliebt. Mit ihr möchte er glücklich werden. Mottis mame findet das ein himmelschreiendes Unrecht. Glück ist für sie etwas aus „gojischen Märchenbüchern“. Ihr Sohn, der neuerdings keinen Bart mehr, dafür eine modisch-urbane Hornbrille und Jeans trägt, entpuppt sich in ihren Augen immer mehr als „Merder der Jiddischkajt“.

 
Motti wird zum Rabbi zur Besserung geschickt. Der empfiehlt ihm wohlwollend einen Trip nach Tel Aviv, um zu sich selbst zu kommen. Tel Aviv gilt orthodoxen Juden als Sündenbabel, wo Partygänger die ganze Nacht durchmachen und sich auch nicht um den Sabbat scheren. Motti lernt eine junge Frau kennen, die ihn in den Liebesreigen einführt. Aber auch das nützt nicht viel. Denn Motti denkt nur an Laura. Amüsant ist die Episode im Yogastudio in Tel Aviv von Mottis Tante, dass der buddhistische Wortklang OM auch im Wort SCHALOM enthalten ist. Dass es gegen alle Widerstände doch noch zur Vereinigung von Motti und Laura kommt, ist abermals hinreissend geschildert, obschon es zum Bruch mit der mame kommt und ein Happy-end fraglich scheint. Meyers Roman beschreibt das Dilemma zwischen orthodoxem und weltlichem jüdischem Leben.

Es ist nicht nur die aberwitzige Situationskomik, die fasziniert, sondern auch die filigrane Leichtigkeit, mit der diese Geschichte mit Tiefgang geschrieben ist:

 

“So verglich ich den Umstand, dass Laura nicht jüdisch war, mit einem unüberwindlichen Bergmassiv und die Fantasien, die sie in mir hervorrief, mit losen, rasch hinfortziehenden Wölklein. Doch es dauerte jeweils nicht lange und die beiden Bilder tauschten die Plätze; und nicht Lauras Anziehungskraft erschien mir problematisch, sondern die Spröde meines Lebens.
Ohnehin büßte die jiddischkajt für mich in diesen Tagen ein kleines schtik ihres feierlich tragenden Wesens ein; ehrlich gesprochen empfand ich vielerlei gar als ein Korsett …
Da erzählte mir meine mame schon wieder von einer froj, die sie mir unbedingt vorstellen müsse, und ich dachte: Stell mir den tuches nur vor, ist doch einerlei … Da betrieb die Kundschaft der Wolkenbruch Versicherung an unserem Sitzungstisch jeden Tag Mischpuchologie, debattierte also uferlos darüber, über wie viele Ecken ihre mischpuche mit unserer verbunden sei, und ich dachte: Redet nur, sind ja ohnedies alle miteinander verwandt …
Da wurde auf dem Weg in die Synagoge der neuste trik weitergegeben, wie man am schabbes den Mikrowellenherd unter Umgehung der mizwojs betreiben könne, und ich dachte: Freunde, schaltet das Ding doch einfach ein, wenn ihr es einschalten wollt, was macht ihr für ein ofis draus –
Usw.”.

 

 
Thomas Meyer wurde 1974 in Zürich geboren, nach einem abgebrochenen Jus-Studium arbeitete er als Texter und gründete eine Agentur. Nach eigenen Aussagen treffen zwei unterschiedliche Stämme der Vorfahren in seinen Genen aufeinander: eine ukrainische Rabbinerdynastie und die Meyers, die seit dem Mittelalter in Birmensdorf bei Zürich ansässig waren. Die einen brachten Kommunisten, die anderen Bankangestellte hervor, was augenscheinlich für eine brisante Mischung sorgt.

 

 

Thomas Meyer
Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Salis-Verlag 2012
272 Seiten, geb., 12,5 x 19 cm
CHF 34.80. Euro 24.90 (D). Euro 25.60 (A).
ISBN 978-2-905801-59-0
www.salisverlag.com

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