FRONTPAGE

«Rolf Lyssy: Schweizer Filmgeschichte vom «Schweizermacher» zum Festivalfilm «Eden für jeden»

Von Rolf Breiner

Vor über 40 Jahren entstand der erfolgreichste Schweizer Film, der seit 1978 das Publikum begeistert: «Die Schweizermacher» mit Emil Steinberger und Walo Lüönd. Die Komödie schrieb Schweizer Filmgeschichte. Der Regisseur Rolf Lyssy (84) wird nun mit einem Preis fürs Lebenswerk geehrt. Wo auch anders als am Zurich Film Festival (ZFF) 2020. Im Rahmen des Festivals feiert sein neustes Komödienwerk «Eden für jeden» Galapremiere. Wir besuchten den aktiven Zürcher Filmschaffenden in seiner Zürcher Wohnung, blickten zurück und vorwärts.

Das Komische im Tragischen erleben und geniessen

Sein Name ist untrennbar mit den «Schweizermachern» verbunden, dieser liebenswürdigen Komödie Schweizer Bürgerlichkeit, Einbürgerung und Liebe. Noch immer der erfolgreichste Schweizer Film mit über einer Million Besuchern. Gleichwohl wurden Rolf Lyssy in seiner langen Laufbahn nur drei Preise zuteil: 1992 der Fischhof-Preis der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, 1975 der Zürcher Filmpreis für den Film «Konfrontation» und 2012 der Schweizer Filmpreis Quartz (Ehrenpreis). Nun verleiht ihm das Zurich Film Festival den Career Achievement Award (Preis fürs Lebenswerk) und feiert Premiere seines neusten Films «Eden für jeden».

 

 

Was hast du empfunden, als du von dieser Ehrung erfahren hast?
Rolf Lyssy: Ich habe mich natürlich wahnsinnig gefreut. Erstens bin ich ein Stadtzürcher, zweitens habe ich bis auf «Konfrontation» und «Ein klarer Fall», der Geschichte von Zwahlen, alle Filme in Zürich gedreht. Christian Jungen, der neue ZFF-Festivaldirektor, lud mich im Dezember zu einem Kaffee auf dem Sechserläutenplatz und erklärte mir, seine erste Amtshandlung sei die Überreichung des Career Achievement Award an mich. Ich wollte es zuerst gar nicht glauben – 45 Jahre nach dem Zürcher Filmpreis wieder ein Preis in Zürich!
Gemäss einer Publikumsumfrage ist «Die Schweizermacher» der drittbeliebste Film in der Schweiz.

 

 

Im Nachhinein betrachtet – war dieser Film eher Lust oder Last für dich?
Bei diesem Film lernte ich beide Seiten einer Medaille kennen. Du bist der Regisseur des erfolgreichen Film mit über eine Million Zuschauer in der Schweiz, dazu 900 000 in der damaligen Bundesrepublik. Ich musste damit leben, hatte natürlich Freude an diesem Erfolg und bin glücklich damit. Klar, wir schwebten ein bisschen auf Wolke 7. Das war natürlich auch Emil, dem bekannten Kabarettisten, zu verdanken. Die Leute standen Schlange.

 

 
Wie erklärst du dir diesen Riesenerfolg?
Komödien brauchen Typisierungen. Zum Teil hat man mir Klischees vorgeworfen. In einer Komödie muss man von Sachen reden und sie zeigen, welche die Leute kennen. Sonst können sie nicht lachen. Der Kern eines guten Films ist seine Geschichte. Wenn die nicht funktioniert – auf dem Papier, im Drehbuch – kann man den Film vergessen. Die meisten Fehler bei Kinofilmen, die gemacht werden, passieren bei der Drehbucharbeit.

 

 

Du glaubst an den Kinofilm…
Der Kinofilm wird nicht untergehen. Kino ist eine Errungenschaft des letzten Jahrhunderts, eine der grossartigsten kulturellen Errungenschaften, eines der komplexesten Medien. Es spricht den Seh- und Hörsinn und den Verstand an. Es ist das Dreidimensionale, das aber zweidimensional wahrgenommen wird. Filme, die nicht in den Kopf und nur in den Bauch gehen, können selten funktionieren. Filme, die nur im Kopf stattfinden, funktionieren auch nicht. Es braucht einen komplexen Mix. Und den herzustellen, ist sehr schwierig, egal ob es ein Drama, eine Tragödie oder eine Komödie ist. Ich messe dem Drehbuch grösste Bedeutung zu, das hat absolute Priorität bei mir.
Ich komme nochmals auf meine Doppelfrage zurück. Wann ist der Erfolg zur Last geworden und warum?
«Schweizermacher» ist dann zur Last geworden, als es um den nächsten Film ging. Ich wurde von allen Seiten gedrängt, jetzt «Schweizermacher 2» zu machen. Meistens gehen Remakes oder Sequels in die Hose. Es gibt wenige Ausnahmen wie beispielsweise «Der Pate I, II und III» oder «Sabrina» von Billy Wilder und das Remake von Sydney Pollack. «Schweizermacher 2» kam für mich nicht infrage, und so waren schnell alle Türen zugesperrt. Ich musste mir eine neue Geschichte einfallen lassen – möglichst mit Emil.

 

 

So entstand also «Kassettenliebe» mit Emil…
Mir geht es darum, Geschichten zu erzählen, die etwas mit den Menschen, den Zuschauern zu tun haben. «Kassettenliebe» handelt von Partnerwahl, wie schon in meinem ersten Spielfilm «Eugen heisst Wohlgeboren» von 1968. Ich wollte meinen ersten Film nochmals drehen – zwölf Jahre später. Jetzt spielten also Videokassetten eine Rolle. Leute konnten diese in einer Agentur anschauen. Emil spielt einen Kameramann, der in dieser Agentur arbeitet. Die Presse hat den Film vernichtet, aber er war der grösste Erfolg als Schweizer Film 1981/82. Die Presse hat ihn jedoch madig gemacht und mich auf den Boden zurückgeholt.

 

 

Wie hast du das verarbeitet?
Ich war nicht glücklich mit dem Film, habe die Fehler gesehen. Meine Freunde, Bekannte sind mir mit Mitleid begegnet. Das tat weh. Im Vergleich zu «Schweizermacher» war «Kassettenliebe» harmlos. Der Film war unterhaltsam und erfolgreich, aber ich war am Boden zerstört. Die Häme, die mir entgegenschlug, und die Schadenfreude haben mir zugesetzt.

 

 

Ist das nicht auch typisch schweizerisch, so auf Erfolg zu reagieren, nämlich mit Neid und Missgunst?
Das kann ich nur unterstreichen. In der Schweiz werden Neid und Missgunst grossgeschrieben. Das habe ich in meiner Karriere erfahren.

 

 

Und nun ein neuer Film unter dem schönen Titel «Eden für jeden».
Es ist mein erster und letzter Fernsehfilm dieser Art. Dieses Format wird beim Schweizer Fernsehen abgeschafft. Es gibt im nächsten Jahr nur noch «Tatort» und Serien. Ein Glück, dieser Fernsehfilm ist nun zum Kinofilm mutiert, er startet am 1. Oktober.

 

 

Bist du auf dem «grünen» Boden der Tatsachen gelandet. Wie kam es dazu?
Es gibt den Dokumentarfilm «Unser Garten Eden». Mein Drehbuchautor Dominik Bernet, mit dem ich zusammen «Die letzte Pointe», schrieb, wurde vom Fernsehen angefragt, ob es ihn interessieren würde, auf Grund dieses Dokfilms ein Spielfilmdrehbuch zu schreiben. Die Idee kam vom Filmproduzenten Marcel Wolfisberg. Dominik fragte mich, ob wir das zusammen machen wollen. Toll, dachte ich, wenn das Fernsehen den Film finanziert, müssen wir kein Geld suchen. So erfanden wir eine passende Geschichte, und Dominik schrieb ein Treatment. Das Fernsehen fand Gefallen, und im Herbst 2018 lag die erste Drehbuchfassung vor. Dann ging es zügig voran mit vier weiteren Versionen. Dann kam mein Sohn Elia als Kameramann dazu, und wir schrieben die drehreife Fassung. Am 26. Augst 2019 war Drehbeginn, und vier Wochen später musste der Film abgedreht sein.

 

 

 

Der Begriff Eden kann manches assoziieren – vom Nachtclub bis Paradies. Bei eurem Film geht’s aber ganz irdisch zu…
Die Geschichte spielt fast ausschliesslich in einem Schrebergarten, in der Schweiz sagt man Familiengarten. Der Film erzählt eine dramatische Familiengeschichte. Und da die Handlung sich weitgehend in einem Familiengarten abspielt, kann man das wunderbar auch als Komödie erzählen. Gedreht haben wir übrigens im Familiengarten Aussersihl, Zürich.

 

 

Hast du persönlich eine Affinität zum Schrebergarten?
Null. Ich bin auf dem Land in Herrliberg aufgewachsenen. Mein Praktikum als Junggärtner habe ich in der Jugend erlebt. Wir zogen im Sommer 1944 von der Stadt aufs Land. Ich war acht Jahre alt und der einzige jüdische Bub in der Umgebung, war anders angezogen und habe mich gleichwohl schnell integriert. Ich gehörte aber einer anderen Kultur an. Zum Glück waren meine Eltern nicht religiös. Ich ging einmal im Jahr mit meinem Vater in die Synagoge. So kam es, dass ich, geprägt von meinen jüdischen Wurzeln, den Menschen und überhaupt der Gesellschaft schon früh immer mit etwas Distanz begegnete. Wir wohnten wie gesagt in Herrliberg, und jede Wohnung hatte einen Gartenplatz. Dort haben wir Gemüse etc. angepflanzt. Ich war 14 Jahre alt, als sich meine Eltern trennten. Mein Vater ging nach Zürich, und ich musste praktisch den Garten übernehmen mit Tomaten, Bohnen, Beeren usw. – bis 1958. Als 22-jähriger ging ich dann nach Zürich, und es war vorbei mit Gärtnern. Ich war frei.

 

 

Zurück zum Garten «Eden». Worum geht’s?
Sechs Figuren bilden den Kern der Familiengeschichte: die leicht demente Grossmutter, die Enkelin, deren Tante und Onkel, die zwei Parzellen bewirtschaften. Der Vater der Enkelin und sein Onkel leben als Winzer in Frankreich auf einem Weingut. Anfangs hatten wir Hazel Brugger als Enkelin vorgesehen, doch die hatte abgesagt. Wir haben uns weiter umgeschaut, Lara Stoll wollte nicht, und andere Stand-up-Comedians standen nicht zur Verfügung. Diese Enkelin sollte eine junge, schräge Figur sein. So castete ich für die Figur der Nelly Steffi Friis, die in meinem vor vier Jahren realisierten Film «Die letzte Pointe» als Verkäuferin in einer winzigen Rolle zu sehen war.
Und wie kam der Pop- und Soulsänger Marc Sway ins Spiel?
Erstens macht er schöne Musik, zweitens hat er brasilianische Wurzeln – das gefiel mir. Marc und sein Agent hatten ruckzuck zugesagt. Er spielt den Gitarrenlehrer und Singer/Songwriter Paolo Cesar Kunz, Bewohner der nachbarlichen Parzelle von Nelly und ihrer Grossmutter Rosemarie, die von Heidi Diggelmann gespielt wird.

 

Dein Sohn Elia ist auch wieder mit von der Partie…
Ja, als Director of Photography.

 

Wie ist die Corona-Zeit an dir vorbeigegangen?
Wir haben unheimlich Glück gehabt, weil der Film bereits Mitte Februar fertiggestellt war. Der renommierte Schweizer Verleih Ascot-Elite nahm ihn in sein Programm. Das Fernsehen gab grünes Licht und «Eden für Jeden» startet am 1. Oktober in den Deutschschweizer Kinos.
Ein Lucky Punch…
Das war nicht nur ein Lucky Punch, sondern mindestens zwei, denn ich bekomme nicht nur den Career Award, sondern mein Film feiert am ZFF auch seine Galapremiere.

 

Dir hat die Pandemie also nichts angehabt…
Ich mache seit 50 Jahren Homeoffice und kenne eigentlich nichts anderes. Die positive Seite des Lockdowns wurde mir schnell bewusst: keine Flugzeuge, weniger Verkehr, wenig bis keine Menschen auf der Strasse. Meinen täglichen stündigen Rundgang genoss ich sehr. Natürlich eine absurde Geschichte. Aber die Pandemie zeigt in aller Deutlichkeit, dass der Mensch sich nicht über alles erheben kann, wie manche Politiker und einige Staatspräsidenten in ihrer Selbstgerechtigkeit glauben. Im Gegenteil, das Corona-Virus zwingt die Gesellschaft dramatische, lebensbedrohende Situationen zu bewältigen, die man nicht so auf die Schnelle in den Griff kriegt.

 

 

Die Kinos leiden…
In der Tat. Einige Multiplexkinos haben geschlossen oder nur an Wochenenden geöffnet. Dagegen haben die Arthouse-Kinos entschieden, trotz massivem Besucherschwund, das tägliche Programm nicht einzuschränken.

 

 

Hat die Corona-Krise auch Gutes bewirkt? Welche Lehren sollte man ziehen?
Das Homeoffice-System wird garantiert in Zukunft dafür sorgen, dass weniger geflogen wird. Ein Virus hat die Gesellschaft gezwungen, existenzielle und philosophische Themen zu reflektieren und zu analysieren. Das hat Auswirkungen auf die Wirtschaft, auf den Markt – der Online-Markt boomt. Ich hoffe, dass die Entschleunigung nicht nur vorübergehend sein wird.

 

 

Noch ein Wort zur Komödie – dein Lebenselixier – die nicht nur in Krisenzeiten gut tut…
Es sind die Widersprüche, welche den Menschen zu schaffen machen. Und das ist auch der Kern meines Verständnisses dafür, warum mir die Komödie mit Substanz so wichtig ist. Lachen finde ich wichtig, Lachen ist gesund. Mich interessiert die Schnittstelle zwischen Tragödie und Komödie, da suche ich die Geschichten, und die sind zeit- und grenzenlos. Der Kern ist freilich, dass der Mensch mit seinen inneren, eigenen Widersprüchen nicht fertig wird. Die daraus entstehenden zwischenmenschlichen Probleme und Konflikte, haben mich immer in meinen Geschichten interessiert. Das erklärt auch, warum meine Komödien, im Kern der Geschichten, immer auch die tragische Seite des Menschseins beinhalten.
Es geht also um Widersprüche und Spiegelungen…
Richtig. So entstehen Reibung und dramatische Momente, an denen sich meine Geschichten orientieren.

 

 

Was soll man aus deinen Filmen mitnehmen?
Sie sollen zum Nachdenken und Diskutieren animieren. Das ist meine Motivation. Der Film muss von Anfang bis Schluss glaubwürdig sein. Der Zuschauer soll sich gut unterhalten und keine Blähungen im Kopf und im Bauch bekommen.

 

 

 

Retrospektive Rolf Lyssy am ZFF

Im Rahmen des 16. Zurich Film Festivals (24. September bis 4. Oktober 2020) wird Rolf Lyssy der Career Achievement Award verliehen sowie sein jüngstes Werk «Eden für jeden» in einer Galapremiere aufgeführt.
Ausserdem bietet ZFF eine Retrospektive von zehn Lyssy-Filmen
Spielfilme
«Konfrontation» (1974
«Die Schweizermacher» (1978)
«Teddy Bär» (1983)
«Leo Sonnyboy» (1989
«Die letzte Pointe» (2017)

 

Dokumentarfilme
«Vita parcoeur» (1972
«Ein Trommler in der Wüste» (1992)
«Schreiben gegen den Tod» (2002)
«Hard(y)s Life» (2009)
«Ursula –Leben in Anderswo» (2011)

 

 

 

 

Paris – ein Zeitdokument von Paul Almasy
I.I. Der in Ungarn geborene legendäre Fotograf Paul Almasy dokumentierte Paris, die Stadt der Lichter und der Liebe, in berührenden, atmosphärischen schwarz-weiss-Bildern, eine Zeitreise durch die Nachkriegszeit der Metropole.

 

Paris erwacht und erlebt nach der Besatzung eine neue Blüte: Kunst und Literatur florieren, der Existenzialismus trifft den Zeitgeist, das Kino wird durch die Nouvelle Vague revolutioniert und die Mode durch junge Couturiers. Und alle wiegen sich im Rhythmus von Jazz und Rock ’n’ Roll. Berühmte Leute besuchten wieder das Café de Flore und Designer wie Yves Saint-Laurent präsentierten die Haute Couture. Die Nouvelle Vague transformierte mit Chabrol und Godard das französische Kino, Colette, Serge Gainsbourg, Sartre und Beauvoir oder Alberto Giacometti machten Saint-Germain-des-Près zu ihrem Dreh- und Angelpunkt. «Ausser Atem (À bout de souffle)» mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg war der erste Spielfilm von Jean-Luc Godard, der als Klassiker des französischen Kinos und der Nouvelle Vague gilt. Er entstand nach einem von Godard umgeschriebenen Drehbuch von François Truffaut, das auf einem Zeitungsbericht über einen Polizistenmord basierte. Für Jean Seberg war es ebenfalls der Beginn einer spektakulären Filmkarriere. Der Film «Jean Seberg. Against all Enemies»  (2019) greift ihr kurzes Leben auf, das vom Einsatz für die schwarzen Bürgerrechtler geprägt war und aufgrunddessen vom FBI gnadenlos verfolgt wurde. Siehe auch untenstehenden Filmtipp (sowie Archiv Literatur & Kunst 06/2014).

 

 

Und mittendrin Paul Almasy. Der in Ungarn geborene, weitgereiste Fotojournalist hat Paris zu seiner Heimatstadt gemacht und durchstreift sie mit wachem Blick. Wir folgen ihm ans Seine-Ufer, zu den alten Markthallen, in Musikkeller und Cafés, in die Ateliers der Künstler, aber auch in Seitengassen und Hinterhöfe.
Und immer wieder gelingen ihm wunderbare Strassenfotografien, die ihn neben Henri Cartier-Bresson und Robert Doisneau zu einem der grossen Chronisten des Paris der 1950er- und 1960er-Jahre machen. Endlich sind seine Fotografien wieder als Buch erhältlich – poetische Bilder einer verlorenen Zeit.

 

 

Paul Almasy, *29. Mai 1906 in Budapest, wurde nach einem Politikstudium in Österreich und Deutschland Pressekorrespondent und Fotojournalist und gründete 1935 am Genfer See den PASI Pressedienst in Territet. Von Monaco aus berichtete er während des Zweiten Weltkriegs als Korrespondent der Schweizer Presse aus Frankreich, Deutschland, Belgien und den Niederlanden. Nach der Befreiung von Paris liess sich Almasy dort nieder und wurde 1956 französischer Staatsbürger. Seine Reportagereisen führten ihn auf alle Kontinente, er wurde akkreditierter Mitarbeiter von UNESCO, UNICEF, WHO, IAO und FAO. 1993 erhielt er den Orden Ordre national du Mérite. Am 22. September 2003 starb Paul Almasy in Jouars-Pontchartrain im Département Yvelines.

 

 

 

Paul Almasy

Paris

teNeues, 2020
144 S., Hardcover, 19,5 x 24 cm
117 s/w-Fotografien
Texte in Deutsch, Englisch und Französisch

CHF 27.20. € 19,90
ISBN: 978-3-96171-257-1

 

 

 

Paul Nizon: «Andere haben ein Herz, ich an der Stelle eine Forelle»

 

Von Ingrid Isermann

 

Im Dokufilm «Der Nagel im Kopf» blickt Paul Nizon auf sein Leben zurück, man sieht ihn mit 90 Jahren gebannt vor dem Laptop sitzen und auf seine Anfänge schauen, als rebellischer Schriftsteller, jung verheirateter Familienvater, sein Studium der Kunstgeschichte in Bern und München, seine Tätigkeit als Kunstkritiker bei der NZZ und seinen Ausbruch aus der Schweiz mit dem Buch «Diskurs in der Enge», ein Bestseller, der vielen Kunstschaffenden aus dem Herzen sprach und noch heute eine gewisse Gültigkeit besitzt. Und seine Streifzüge durch Paris mit philosophischen Einsprengseln…

 

Der junge und der alte Paul Nizon, was haben sie gemein, wie unterscheiden sie sich? Ist der Rebell sanfter geworden? Und mit seinem Leben zufrieden? Manche Szenen rufen seinen Widerspruch hervor, bei manchen Bildern kommt er ins Sinnieren, als ob er über sich selbst staunt, und als ob ihm der freche, junge Kerl da mit seinen Aggressionen nicht mal so sympathisch ist. Und er erzählt, dass er diese Aggressionen, die er in der Schweiz hatte, in Paris völlig verloren hatte, auf einen Schlag war er ein Anderer.

 

Wir trafen Paul Nizon anfangs September in der Goethe Bar im Schiller’s. Nizon, umringt von Fotografen nach einem Interview, gibt sich gelassen. Wir begrüssen uns und ich habe einige Fotos mitgebracht, von einer gemeinsamen Lesung in Berlin anlässlich eines Kulturaustausches «Zürich -Berlin grenzenlos», es war 1992, Paul Nizon war da 63 Jahre alt. Der kritische Geist und das Schreiben haben ihn nicht verlassen.

 

5 Fragen an Paul Nizon

 

1. Wie sehen deine nächsten Pläne aus?
Mein literarischer Plan ist das letzte «Journal» bis zur Gegenwart, also das letzte Jahrzehnt…

 

… wieder im Suhrkamp-Verlag?
Ja, alles ist im Suhrkamp erschienen, mit nur zwei Ausnahmen. Das Journal heisst auch «Der Nagel im Kopf», wie der Film, das ist mein nächstes Projekt literarisch, da freue ich mich drauf, das muss ich dann noch etwas bearbeiten.
Sonst mache ich so kleines Zeug, manchmal werde ich gefragt, ob ich von jemand, von einem Freund eine Erinnerung thematisieren kann oder sowas, aber sonst mache ich nicht mehr viel. Aber es ist immer noch viel, was ich durchsehen muss, fürs Archiv, obwohl der grössere Teil schon im Literaturarchiv ist…

 

… du hast sehr viel gemacht…
Ja, ich habe doch etwa fast 40 Bücher, die ganze Prosa und dann die Journale… Es sind sechs Bände, 60 Jahre. Fünf Bände liegen vor, der sechste erscheint im nächstes Jahr. Und dann noch meine Schriften zur modernen Kunst…

 

 

2. Hast du irgendwelche neue Themen im Fokus?
Im Moment habe ich gar keine neuen Themen, mit Ausnahme des «Journals»…

Am 4. September wurde der Dokumentarfilm «Der Nagel im Kopf» über Dein Leben im Lunchkino im Le Paris als Vorpremiere gezeigt. Du warst als Gast bei der Filmvorführung anwesend, war es gut besucht?
Es waren etwa 300 Leute da… es ist immer ein gutes Publikum dort…

 

Ich sah den Film schon in Solothurn an den Filmtagen 2020, da haben wir uns auch kurz begrüsst…
… da kennst du den Film ja schon…

 

Und bist du damit zufrieden, mit diesem Dokfilm über Dein Leben?
…ja, grossen Teils schon, zuerst war ich etwas enttäuscht über den Anfang des Films, aber im Laufe der Zeit haben sie doch ziemlich viel reingekriegt, was mich ausmacht, ja…

 

 

3. Welches ist dein liebstes Buch von allen, die du geschrieben hast?
Im Moment ist mein liebstes Buch «Das Fell der Forelle». (Ein Roman über einen Liebesversehrten, der aus der Welt und Zeit gefallen ist, ein Prosakunststück, das mit aberwitziger Komik überrascht. Suhrkamp, 2005).

 

 

Ich dachte an «Das Jahr der Liebe»…
…das war einfach das populärste Buch, es liegt schon länger zurück (1981)…

 

 

4. Wenn du zurückblickst in deinem Leben, was war deine schönste Erinnerung, was prägnant in Erinnerung geblieben ist…?
… das kann ich jetzt so gar nicht sagen… könntest du das so sagen?

(lächelt, nachdenklich)

 

Vielleicht, wo du ausgewandert bist, nach Paris?
1977, ist lange her… (Nizon war 48 Jahre)
Aber ich war schon sehr früh in Paris, wir hatten dort eine Tante, das heisst zwei Tanten. Und ich bin schon als Schüler in den 40er Jahren nach Paris gekommen…

 

… und hat dich dort auch das Pariser Fluidum begeistert…?
ja, klar, das hat mir wahnsinnig gut gefallen, das war ja damals wirklich das A und O der Kunst, der Literatur und des Films, des Theaters, alles, das war die Hauptstadt der Kunst und Kultur der Welt…
(Paris und Nizon wird zunehmend lebendiger)

 

… ist das heute auch noch so?
…nein, aber es ist eine sehr, sehr schöne Stadt…

 

… von der Architektur her und auch der Art zu leben…
ja genau, die Lebensart und Kultur…

 

 

5. Hast du eine Hoffnung für die Zukunft?
… ich denke wirklich langsam, dass es zu Ende geht mit dieser, unserer Welt…

… wegen Corona?
nicht nur, die ganze Klimageschichte ist schon wahnsinnig unheimlich…

 

Als ob die Natur uns Menschen abschüttelt? Klimakatastrophen sind immer öfter an der Tagesordnung…?

(blickt nachdenklich und nickt)

Und welche Wünsche hättest du noch?
… welche Wünsche…?

… Gesundheit? Du warst ja in Deinem Leben nie richtig krank?
Nein, das war ich nicht, nie lebensgefährlich…Aber ich habe jetzt einen Stock…
da siehst du, wie heruntergekommen ich bin… (lacht)

 

Paul Nizon, geboren 1929 in Bern, lebt in Paris. Für sein umfangreiches Werk, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde, erhielt er zahlreiche internationale Ehrungen und Auszeichnungen.

Der Dokumentarfilm über Paul Nizon «Der Nagel im Kopf» (Regie Christoph Kühn) läuft ab 10. September 2020 regulär in den Kinos. (Siehe auch Archiv Literatur & Kunst 04/2012 «Der Sprachvirtuose»).

 

 

 

«16. Zurich Film Festival 2020 – Golden Eye Award für Iris Berben»

 

I.I. Iris Berben präsentierte sich als Überraschungsgast an der Pressekonferenz am 10. September 2020 des neuen Duos des Zurich Film Festivals (ZFF), Festivaldirektor Christian Jungen und Geschäftsleiterin Elke Mayer, die das vielseitige diesjährige Filmprogramm vom 24. September bis 4. Oktober im Baur au Lac vorstellten, das gegen alle Widerstände trotz Corona stattfinden wird.

 

Iris Berben, *1950 in Detmold, vor kurzem 70 Jahre jung geworden, trotzt definitiv auch der Schwerkraft der Zeit und hielt ein flammendes Plädoyer fürs Kino und die Filmwirtschaft. Da sie demnächst in Griechenland vor der Kamera steht und aus Quarantänegründen nicht an der Preisverleihung des ZFF teilnehmen kann, trat sie nun überraschend vor den Presseleuten auf.
Seit ihrem Debüt 1968 spielte die Schauspielerin in zahlreichen Kino- und TV-Produktionen, wie u.a. «Sketchup» (1984-1986), «Das Erbe der Guldenburgs» (1986-1990), «Rosa Roth» (1994-2013), «Krupp – eine deutsche Familie» (2009, für den sie bei den Emmys 2010 als beste Schauspielerin nominiert war), «Der Wagner-Clan. Eine Familiengeschichte» (2014), «Das Zeugenhaus» (2014), «Die Protokollantin» (2018) und «Hanne» (2019).

 

Iris Berben setzt sich gegen Antisemitismus ein und wurde für ihr Politisches Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, dem Leo-Baeck-Preis und dem Preis für Verständigung und Toleranz ausgezeichnet.
Die Übergabe des Golden Eye Awards fand am 10. September 2020 im geschlossenen Rahmen statt.

zff.com / seetickets.ch
 

 

 

«16. Zurich Film Festival 24. September bis 4.Oktober 2020 – Comeback des Kinos»

 

Corona und den Folgen zum Trotz: Der neue Leiter des Zurich Film Festivals (ZFF), Christian Jungen, liess sich trotz Lockdown, Einschränkungen und Beschränkungen nicht entmutigen. Er glaubte an dieses Kulturereignis und zwar als «physisches Festival», und so werden 165 Filme in diversen Zürcher Kinosälen zu sehen sein, darunter allein 23 Weltpremieren.

Von Rolf Breiner

 

Festivalleiter Christian Jungen und sein Team liessen keine Zweifel aufkommen. Die Botschaft ist klar und deutlich: Das ZFF soll ein «Zeichen des Optimismus fürs Kino, für Verleiher, Schauspieler und fürs Publikum» setzen. Die Prämissen lauten: Filme und das Kino werden nicht untergehen, das ZFF setzt sich fürs Publikum und fürs Kino ein. «Unsere Mission», so Christian Jungen, «ist das Kino. Wir stehen für ein kollektives Filmerlebnis».
Der Virus hatte auch die Kinos mattgesetzt und für viele Absagen im kulturellen Bereich gesorgt. Locarno wurde abgesagt, Nyon («Visions du Réel») suchte in einem anderen Medium Zuflucht und fand Online statt. «Fantoche», das Festival für Animationsfilme in Baden, öffnete die Kinos es wie auch die Filmfestspiele in Venedig – in reduzierter Form versteht sich.
Ohne Einschränkungen geht es auch in Zürich nicht. So können die Kinos gemäss der Auskunft Elke Mayers, Geschäftsleiterin, nur zu 60 Prozent ausgelastet werden. Es herrscht Maskenpflicht – vor, im und ums Kino. «Ja man könne die Maske im Saal zum Popcorn-Essen abnehmen und dann wieder aufsetzen». So lauten die Direktiven von oben heisst von Staats wegen. Sinn macht das freilich nicht. Im dunklen Kinosaal mit Maske…da wiehert der Amtsschimmel!
Kern des Festivals sind die drei Wettbewerbe. Der Fokus, dotiert mit 25 000 Franken, umfasst 14 Spiel-und Dokumentarfilme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (5). Und die sind das Liebesdrama «Beyto» von Gitta Gsell, «Miraggio», ein Zeitdokument über einen Flüchtling aus Mali von Nina Stefanka, das Künstlerporträt «Not Me – A Journey With Not Vital» von Pascal Hofmann, das Coming-out-Drama «Sami, Joe und ich» von Krin Heberlein und das Zeitdrama «Spagat» von Christian Johannes Koch.
Der internationale Spielfilm-Wettbewerb (25 000 Franken) ist 14 jungen Produktionen (Erst-, Zweit- oder Drittlingsfilm) vorbehalten von den USA («Never Rarely Sometimes Always»), über Südkorea («Moving On»), Indien («The Disciple») und Skandinavien («Charter») bis Frankreich («Slalom») und Polen («Sweat»). Zwölf brandneuen Filme nehmen am Doku-Wettbewerb teil: «King of Cruise» (Holland), «Mami» (Mexiko), «Mayor» aus Palästina, «Maya» aus Indien und natürlich «I Am Greta» von Nathan Grossman u.m.
Gala-Premieren sind natürlich die Glanzpunkte des ZFF. Aus Schweizer Sicht sticht diesbezüglich der Eröffnungsfilm «Wanda, mein Wunder» mit Marthe Keller, Anatole Taubman von Bettina Oberli ins Auge. Gespannt ist man auch auf Sönke Wortmanns neuste Komödie «Contra», auf Moritz Bleibtreus Regiedebüt «Cortex» oder das Roadmovie «Nomadland» mit Frances McDormand. Erwähnenswert ist obendrein Stefan Haupts «Zürcher Tagebuch», ein sehr persönliches Zeitdokument des «Zwingli»-Regisseurs. Ein Höhepunkt dürfte auch die Weltpremiere von Rolf Lyssy Komödie «Eden für jeden» (28. September) sein, der für sein Lebenswerk mit dem Career Achievement Award geehrt wird.

Auch wenn US-Gäste infolge der Corona-Restriktiven meistens aussen vor bleiben, wartet das ZFF 2020 mit einer Reihe illustrer Gäste auf dem grünen Teppich auf. Juliette Binoche präsentiert die Komödie «La Bonne Epouse» und erhält den Golden Icon Award. Golden Eye Awards werden die Schauspielerin Olivia Colman («The Father») und der Filmschaffende Til Schweiger («Gott, du kannst ein Arsch sein!»). Der französischen Autorin, Regisseurin und Schauspielerin Maïwenn ist eine kleine Retrospektive gewidmet. Maïwenn wird das Goldene Auge («A Tribute to…») entgegennehmen und den Film «ADN» vorstellen.
Einen Coup gelangen Jungen und seinem Team mit der vorgezogenen Ehrung an der Pressekonferenz im Baur au Lac. Infolge von Dreharbeiten in Griechenland (Quarantäne) hätte sie nicht ans ZFF kommen können. Kurzfristig reiste Iris Berben zum Blitzbesuch nach Zürich und nahm freudestrahlend den Golden Eye Award entgegen: «Wunderbar!». Die Jubilarin, die im August ihren 70. Geburtstag feierte, nahm die Gelegenheit wahr, eine Lanze für das nicht nur in Deutschland gebeutelte Filmschaffen und Kino zu brechen. «Kultur darf niemals weggespart werden. Wir sollten verbinden statt trennen.» Kultur und Kino fördern, so ihr Credo, eben Kommunikation und Austausch. «Unsere Emotionalität einigt uns!» Wie es sich für Preisträger am ZFF gehört, wird Iris Berben auch auf der Leinwand präsent sein, und zwar mit dem neuen Film «Unwort» am 30. September.
Überhaupt zeichnet sich das ZFF 2020 durch starke Frauenpräsenz aus, über die Hälfte der Filme in den Wettbewerben stammen von Frauen. Insgesamt über alle Sektionen hinweg betrachtet, führten annähernd 40 Prozent Frauen Regie.

 

 

Weitere Programme am ZFF:
Neue Weltsicht: Frankreich mit 13 Lang- und fünf Kurzfilmen
Border Lines mit sieben Filmen, die sich mit Grenzsituationen auseinandersetzen aus
Window to the World mit acht Filme in Zusammenarbeit mit Hongkong, Berlin und San Sebastian
Hashtag # GetUpStandUp mit acht Filmen
Serien wie «Cry Wolf » (Dänemark), «Frieden», eine Schweizer Reihe von Petra Volpe, «The Chef»
ZFF für Kinder mit zehn Filmen u.a.
Dürrenmatttinée mit fünf Dürrenmatt-Verfilmungen
Filmmusikkonzert: Drama im Film
ZFF Masters mit Rolf Lyssy, Juliette Binoche, Til Schweiger, Maïwenn und Ray Parker jr., Komponist und Gitarrist, Musikproduzent
ZFF Talks

Infos und Programm zff.com

 
 

Filmtipps

 

Persischstunden (Persian Lessons)

rbr. Lügen-Lessons. Dieser Spielfilm geht einem an die Nieren, wühlt auf, erschüttert und lässt einem fassungslos zurück. Der Spruch «Not macht erfinderisch» klingt viel zu harmlos, wenn man diesen Film erlebt hat. So oder ähnlich haben sich Überlebensgeschichten während der Naziherrschaft zugetragen. «Persischstunden» basiert auf der Kurzgeschichte «Erfindung einer Sprache» von Wolfgang Kohlhaase. Der Belgier Gilles (Nahuel Pérez Biscayart), der 1942 von den Nazis als Jude identifiziert, wird in ein KZ im Nordosten Frankreichs «versorgt». Zufällig ist Gilles im Besitz eines persischen Buches und gibt sich als Perser Reza aus, um der jüdischen Stigmatisierung zu entkommen. SS-Hauptsturmführer Koch (Lars Eidinger) wird hellhörig, denn er will Farsi (Persisch) lernen, um nach dem Krieg in Istanbul ansässig zu werden, wo schon sein Bruder leben soll. Reza soll ihn diese Sprache lehren – und zwar 24 Worte, später 40 Worte pro Woche. In seiner Not erfindet Reza sein «Farsi», indem er Namen auf den KZ-Listen mit Begriffen verbindet. Rottenführer Max Beyer(Jonas Nay) ist jedoch misstrauisch und hält Reza für einen Betrüger. Er tut alles, um den «Perser» zu entlarven. Und beinahe kostet es Reza den Kopf, als er bei einem Picknick der SS-Schergen ein «falsches» Wort verwendet. Die Sekretärin Elsa (Leonie Benesch) genügt nicht den Ansprüchen Kochs und wird zum Küchendienst verknurrt. Reza nimmt ihre Stelle ein und hat sich so ungewollt eine Todfeindin gemacht. Brandgefährlich wird’s für «Lehrer» Reza, als ein Brite mit persischen Wurzeln eingeliefert wird und ihn ungewollt verraten könnte. Der Engländer kommt jedoch um, dank italienischen Gefangenen, denen Reza geholfen hat…
Die irrsinnige Tragödie über «Persischstunden» im KZ – nicht ohne komische Momente – schildert extreme Situationen, beschreibt ein Klima der Angst, Brutalität und Gewalt, aber auch das intime Verhältnis von Täter und Opfer. Man nimmt dem SS-Handlanger Koch sogar ab, dass er Gefühle und menschliche Seiten hat. Koch sieht in Reza einen Verbündeten im Geiste und wähnt sich als Schutzbefohlener. Regisseur Vadim Perelman, als jüdisches Kind 1963 in Kiew geboren, schuf ein packendes, tragisch-absurdes Drama über menschliche Abgründe mit zwei ergreifenden Hauptfiguren – mit einem diabolisch guten Lars Eidinger als Menschenverachter und Menschenfreund sowie Nahuel Pérez Biscayart als drangsalierte kreative Kreatur Reza/Gilles. Unvergesslich und ungeheuerlich, als der nach Kriegsende einem britischen Offizier Rede und Antwort steht, und 2840 Namen von KZ-Häftlingen aus seinem «Farsi-Gedächtnis» nennt.

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Der Nagel im Kopf

I.I. Das literarische Werk Nizons als autobiografische Endlosschleife durch die Zeit. Der Dokumentarfilm «Der Nagel im Kopf» von Christoph Kühn erzählt Paul Nizons Reise zu sich selbst. Paul Nizon, 1929 in Bern geboren, ist eine Legende der deutschsprachigen Weltliteratur. 1977 tauchte Nizon in Paris unter, um neu zu beginnen. Heute wird der bald 91-jährige Schweizer Paul Nizon, dessen Herz für Paris schlägt, in Frankreich als Schriftsteller-Mythos gefeiert. Im Dokfilm gewährt Nizon intime Einblicke in sein Leben und Schaffen.  Regisseur Christoph Kühn besuchte den Autor in Paris und zeigte ihm zu Beginn seiner Dokumentaraufnahmen ein Interview des Schweizer Fernsehens von 1967 mit Nizon, was ihn zu süffisanten Kommentaren animierte. Der Auftakt zu einer vielschichtigen, aber auch melancholischen Rückschau des Literaten auf sein Werk und sein Leben. Christoph Kühn begleitet Nizon auf Spaziergängen in seinem Quartier Latin und Fahrten mit der Métro. Thomas Sarbacher liest dazu aus den Werken «Canto», «Das Jahr der Liebe» und «Im Bauch des Wals», sodass sich Räume im sprachlichen und gedanklichen Universum des Autors öffnen, dessen Charisma ungebrochen fasziniert. Der Regisseur sagt über den Film: «Ich war schon immer fasziniert von Menschen mit Abgründen in sich, die sie zu extremen und mutigen Entscheidungen bewogen haben. An Paul Nizon und seinem literarischen Werk hat mich beeindruckt, dass er sich jenseits der Trends befand. Die deutschsprachige Nachkriegsliteratur setzte sich mit sozialen Problemen, mit Klassenkonflikten auseinander. Nicht so Nizon. Sein Schaffen kreiste stets um sein Innen- und Privatleben, was damals verpönt war. Ohne Geschichten zu konstruieren, hat er seine Seelenzustände, seine inneren Gefühle erforscht. Was kann der heute 90-jährige Paul Nizon jungen Leuten für einen Rat geben? Etwas zu wagen. Keine Angst zu haben, den eigenen Wünschen und Träumen nachzugehen. Und keine Angst vor den eigenen Gefühlen zu haben.»
Paul Nizon, Sohn eines russischen Chemikers und einer Schweizerin aus Bern, studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Germanistik in Bern und München. 1957 Promotion zum Dr. phil. mit einer Arbeit über Vincent van Gogh, bis 1959 wissenschaftlicher Assistent am Historischen Museum in Bern. Ab 1961 Kunstkritiker der Neuen Zürcher Zeitung. Er gab den prestigeträchtigen Posten für ein unsicheres Leben in der Literatur auf. Der dazugehörige Entscheidungsprozess findet sich literarisch gespiegelt in «Untertauchen. Protokoll einer Reise» (1972). Paul Nizon war dreimal verheiratet, er hat vier Kinder. Seit 2011 ist er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Nizons Archiv befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.(Siehe auch Gespräch mit Paul Nizon).
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Jean Seberg. Against all Enemies
I.I. Nouvelle Vague-Ikone Seberg engagiert sich für die Black Panthers und wird zur Zielscheibe des FBI. Paris, Mai 1968. Die amerikanische Schauspielerin Jean Seberg (bestechend: Kristen Stewart) reist für Dreharbeiten zurück in die USA. Auf dem Flug nach Los Angeles begegnet sie dem bekannten Schwarzen Bürgerrechtskämpfer Hakim Jamal (Anthony Mackie). Bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen solidarisiert sich Seberg spontan mit der Black-Panther-Bewegung und erregt damit nicht nur das Aufsehen der anwesenden Presse, sondern gerät ins Fadenkreuz des FBI-Chefs J. Edgar Hoover. Seberg trifft sich in Los Angeles privat mit Hakim Jamal und ist beeindruckt von seiner Mission, für die Bürgerrechte der Schwarzen zu kämpfen. Sie beginnt eine Romanze mit ihm und unterstützt die Black Panther mit grosszügigen Geldgeschenken, Hakim erklärt ihr: «Wir sind im Krieg mit den USA». Jack Solomon (Jack O’Connell), ein junger, ambitionierter FBI-Agent, wird auf sie angesetzt und soll Jeans Privatleben aufmischen. Doch je mehr er über die sensible Schauspielerin weiss, desto mehr beginnt er seinen rigiden Einsatz Tag und Nacht zu hinterfragen. Aus der polizeilichen Überwachung ist eine infame öffentliche Hetzkampagne geworden, die Sebergs Karriere und Ruf massiv schadet.  Als sie 1970 ihr zweites Kind erwartet, wird vom FBI das Gerücht gestreut, Seberg habe eine Liaison mit einem Black-Panther-Aktivisten und sei von ihm schwanger. Die Medienkampagne bleibt nicht ohne Folgen. Im August 1970 kam das Baby Nina zur Welt und starb zwei Tage nach der Geburt. Die Aufnahmen der Presse zeigten ein weisses Kind, womit Gerüchte über den angeblichen Vater entkräftet wurden.

Jean Seberg (1938 in Iowa-1979 in Paris) pendelte zwischen Hollywood und Europa und spielte Hauptrollen in Filmen renommierter Regisseure wie «Bonjour Tristesse» (1958), Regie Otto Preminger, nach dem Debütroman von Françoise Sagan, wie auch im Kultfilm «Ausser Atem», Regie Jean-Luc Godard (1960), die zu Filmklassikern wurden. Seberg war dreimal verheiratet, 1958 mit dem französischen Anwalt François Moreuil, der das Drehbuch zu ihrem Film «Brennende Haut» (1961) mitverfasste und mit Fabien Collin auch Regie führte. Sie liessen sich 1960 kurz nach den Dreharbeiten scheiden. Im Juli 1962 bekam sie ihren Sohn Diego, Vater war der 24 Jahre ältere Schriftsteller Romain Gary. 

1979 wurde die erst 40-jährige Jean Seberg nackt tot in ihrem Auto aufgefunden, mit fast 8 Promille Alkohol und Schlafmitteln im Blut, was den Verdacht erhärtete, dass sie keines natürlichen Todes gestorben war. Ein Suizid wurde von ihren Freunden vehement ausgeschlossen. Die Umstände ihres Todes wurden nie geklärt und nie widerlegt, ob der FBI darin verwickelt war. Am 30. August 2019, etwa 40 Jahre nach ihrem Tod, wurde der Film «Jean Seberg – Against all Enemies» beim Filmfestival von Venedig uraufgeführt. Regie führte der Australier Benedict Andrews. Das ausgezeichnete Biopic, wegen der Corona-Pandemie nun verspätet in unseren Kinos, ist ein absolut aktueller Hintergrundfilm über die rassischen Unterschiede und Konflikte in den USA. Es scheint sich seither wenig verändert zu haben, sondern die Fronten wurden noch verschärft. Der Film kommt zur richtigen Zeit zu den Wahlen auch in die Kinos in Amerika.
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Meine Freundin Conni – Geheimnis um Kater Mau
rbr. Rotgekringelte Göre. Eigentlich ist die nette blonde Göre mit den rotgekringelten T-Shirt/Pulli schön längst aus dem Teenageralter heraus. Denn Cornelia «Conni» Klawitter tauchte bereits 1992 im Kinderbuch «Conni kommt in den Kindergarten auf. Aus dem Kind, ersonnen von Autorin Liane Schneider nach dem Vorbild ihrer Tochter Cornelia, wurde ein Teenager und Erfolgsheldin. Inzwischen umfasst die Kinder- und Jugendbuchreihe mit den Autorinnen Liane Schneider, Julia Boehme, Dagmar Hossfeld unzählige Ausgaben, 65 Hörspiele und eine Zeichentrickserie mit über 50 Folgen. Und nun nach zwei Realfilmen 2015 und 2017 der erste animierte Kinofilm «Meine Freundin Conni – Geheimnis um Kater Mau». Connis grösster Freund ist Kater Mau, und ausgerechnet der darf nicht mit auf den dreitägigen Ferientrip zum Schluss Finkelstein? Denkste. Der kecke Schmusekater heftet sich als blinder Passagier an die Socken von Conni und ihren Freunden Anna und Simon. Mau, der alles andere als mau ist, freundet sich mit dem Waschbären Oskar an und stellt allerlei Unfug an. Schlimmer noch, Oskar oder Mau oder beide werden des Diebstahls verdächtigt, aber da gibt es doch noch die Mär von der diebischen Elster… Regisseur Ansgar Niebuhr («Prinzessin Lillifee») hat das Kinoabenteuer mit Conni & Co ganz im Sinne der Bücher inszeniert – liebenswürdig altmodisch, gleichwohl spannend und lustig. Ein Ferienspass ohne Techno-Schnickschnack (Handys oder so) für ganz junge Kinobesucher, wo es um Tierliebe, umtriebige Kinder und Freundschaft geht.

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The Personal History of David Copperfield
rbr. Viktorianische Odyssee. David Copperfield ist kein Unbekannter in der Filmgeschichte. Bereits zu Stummfilmzeiten wurde der berühmte Bildungsoman von Charles Dickens fürs Kino adaptiert. Nun ist Armando Iannucci (Buch und Regie) ins viktorianische Zeitalter eingetaucht. Der Held, also David Copperfield (Dev Patel, «Slumdog Millionaire»), blickt quasi zurück und kommentiert seinen Aufstieg – vom Waisen und gebeutelten jungen Arbeiter zum Schriftsteller. Das Schicksal, vor allem die Gesellschaft meint es nicht gut mit dem jungen Burschen. Seine Mutter Clara, früh verwitwet, heiratet den garstigen Industriellen Edward Murdstone (Darren Boyd), der den Stiefsohn für Jahre als Arbeitstier in seine Flaschenfabrik beordert. Es sind miese, auch kauzige und herzensgute Gestalten, welche die viktorianische Szenerie bevölkern: Die schrullige wohlhabende Tante Betsey (Tilda Swinton, eher blass) beispielsweise, der netten Schnorrer Mr. Micawber (Peter Capaldi), die gutmütige Haushälterin Mrs. Peggoty (Daisy May Cooper) und nicht zuletzt der arglistige «Freund» Uriah Heep (Ben Whishaw) beeinflussen und formen David Copperfield massgeblich. Er lernt die Niederungen menschlicher Existenz wie die Sonnenseiten des Lebens kennen. Das alles hat Iannucci recht vergnüglich in seine «Copperfield-History» verpackt. Der bunt-pittoreske Gesellschaftsreigen ist schön anzusehen, und das ist das Problem – zu schön und lackiert. Das Elend, etwa das armselige Strassenleben, die Fabrikarbeit und argen Wohnverhältnisse, macht keinen grausamen Eindruck. Da wird auch der fiese Intrigant Uriah Heep nur zum arglistigen, verklempten Kauz mit einer schwarzen (!) Mutter (Nikki Amuka-Bird). Diese geschönte illustre Selbstfindungsgeschichte wird Freunde aufwändiger Gesellschaftsbilder gefallen.

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Le meilleur reste à venir

rbr. Beste Freunde. Es beginnt alles mit einem Missverständnis und Vertuschung – wie so oft in Komödie von Shakespeare’s «Was ihr wollt» oder «Komödie der Irrungen» über Erich Kästners «Drei Männer im Schnee» bis zu Sydney Pollacks «Tootsie». Matthieu Delaportes und Alexandre de La Paterllière lieferten nach dem Kinoerfolg «Der Vorname» (Le Prénome, 2012) eine tragikomische Buddie-Performance. Zwei Freunde wollen das Beste für den anderen: Arthur (Fabrice Luchini), der Pedant, glaubt von César (Patrick Bruel), dem Lebemann, dass er todkrank sei – und umgekehrt. Eine Verwechslung bei einem Spitalintermezzo eben. César hat Lungenkrebs, Arthur weiss es, bringt es aber nicht fertig, seinen Freund aufzuklären. Umgekehrt meint Arthur, dass der andere sterbenskrank ist. Das ist für den Zuschauer zwar leicht durchschaubar, für die Protagonisten freilich nicht. Also ergeben sich kuriose Begebenheiten auf ihrer Reise nach dem Motto «Das Beste kommt noch», aber auch Misstöne, Zorn. Das Tête-à-Tête um beste Freunde bietet einige Verrenkungen, ist wie gesagt nicht neu, unterhält aber passabel mit Herz und ernstem Humor, getragen von den Schauspielern Fabrice Luchini und Patrick Bruel, Sänger und professioneller Pokerspieler, der bereits in «Le Prénome» mitwirkte. Ein beherzter Clinch, in dem Freundschaft über alles geht – trotz einiger Winkelzüge.

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Corpus Christi

rbr. Glaubensfrage. Auch dieser polnische Film fühlt der Gesellschaft auf den Zahn, obwohl der Titel «Corpus Christi» nicht gerade darauf hindeutet. Jan Komasa schildert den Glaubensweg eines jungen Kriminellen. Der 20jährige Daniel sitzt in einer Jugendstrafanstalt und hat ein offenes Ohr für Pater Tomasz. Auf Bewährung entlassen findet der gläubige Straftäter einen Job in einem Sägewerk und wie der Zufall so will, interessiert sich Marta (Eliza Rycembel) für seinen Glauben, sein Menschsein. Daniel (Bartosz Bielenia) gibt sich als pilgernder Priester aus und nimmt die Rolle eines Paters an. Und der wird im Dorf gebraucht, weil der zuständige Priester in Kur gehen muss. Der lässt sich gutgläubig täuschen wie auch die ganze Gemeinde, die an diesem jungen unorthodoxen Gottesmann trotz Bedenken Gefallen findet. Er ist ehrlich, unverblümt, menschenfreundlich – das kommt bei den jungen Leuten gut an. Keine Frage, Daniel alias «Pater Tomasz» geht es nicht um die Kirche, ihren Popanz und ihre Rituale, sondern um Menschen. Der unkonventionelle Prediger scheut sich auch nicht, sich für einen Dorfbewohner einzusetzen, den man als Schuldigen an einem Verkehrsunfall stigmatisiert, bei dem sechs junge Leute starben. Daniel will, dass sich die Menschen versöhnen.

Ein Priester als Hochstapler und Betrüger, der Gutes stiftet. Ein Gottesmann und Seelsorger – nicht von Amts und der Kirche wegen, sondern aus vollem Herzen. Natürlich wird er von einem Mithäftling aus schnöden Gründen enttarnt, aber Daniel hat sich zum tätigen Gläubigen entwickelt. Insofern erweist sich «Corpus Christi» nicht nur als bemerkenswertes Glaubensbekenntnis, es lässt sich auch zwischen Predigt und vermeintlichen «Freveltaten» (als falscher Priester) einiges an Kritik über die polnische Gesellschaft ablesen. Sei es, dass der Katholizismus in seinen Formen erstarrt und die Kirche teilweise unglaubwürdig geworden ist, dass der Schein manchmal trügt und das Wahre auch in einer falschen Vorstellung (Hochstapelei) stecken kann. Bartosz Bielenia überzeugt als Priester Daniel auf der ganzen Linie. Eine Entdeckung: «Corpus Christi» pendelt zwischen Komödie und menschlichem Drama und wurde für den Oscar nominiert. Respekt.
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Schwesterlein
rbr. Verzehrende Liebe. An den Filmfestspielen in Berlin fand das Drama um ein Geschwisterpaar starke Beachtung. Jetzt wurde «Schwesterlein» von der Schweiz für die Oscar-Nominationen angemeldet. Auch wenn namhafte deutsche Schauspieler im Mittelpunkt stehen, hat das berührende Drama einen Schweizer Touch. Vega Film (Ruth Waldburger) ist Produzent, die Schweizerinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond schrieben Drehbuch und führten Regie. Altstar Marthe Keller («Homo Faber») agiert als unstete überforderte Mutter des erkrankten Schauspielers Sven (Lars Eidinger). Demnächst wird sie auch in der Comédie humaine «Wanda, mein Wunder» von Bettina Oberli zu sehen sein, der das Zurich Film Festival am 24. September eröffnet.
Das Lied von Johannes Brahms ist quasi das musikalische Leitmotiv: «Schwesterlein, Schwesterlein, wann gehen wir nach Haus? ‘Morgen wenn die Hahnen krähn, wollen wir nach Hause gehen. Brüderlein, Brüderlein, dann gehen wir nach Haus.’» Das melancholische Volkslied, von Brahms adaptiert, deutet eine Liebe an, von der das Schwesterlein verzehrt wird und sich nach dem Tod sehnt. Stéphanie Chuat und Véronique Reymond verändern die Verhältnisse. Sven, ein Star an der Berliner Schaubühne, ist schwer erkrankt an Leukämie. Seine Zwillingsschwester Lisa (Nina Hoss) umsorgt ihn mütterlich. Die Mutter selbst (Marthe Keller) hat viel zu sehr mit sich selber zu tun. Geradezu besessen will Lisa ihrem Bruder auf die Beine helfen. Dabei machen sich beide etwas vor, verkennen die Tatsachen. Sven, der gefeierte «Hamlet» (auch im wirklichen Theaterleben feiert Lars Eidinger seit Jahren Riesenerfolge als «Hamlet» und «Richard III.»), will zurück auf die Bühne. Koste es, was es wolle. Der Schaubühne-Intendant David, gespielt vom wahren Intendanten Thomas Ostermeier, ist dagegen. Er traut dem todkranken Star kein Comeback zu, denkt an mögliches Versagen und das Wohl seines Hauses. Lisa nimmt ihren Bruder mit in die Schweiz, nach Leysin, wo ihr Mann Martin (Jens Albinus) eine leitende Lehrerstelle hat. Lisa, die Theaterautorin, leidet an einer Schreibblockade und leugnet den wahren Grund ihrer Schwäche. Sie ist verstummr, seitdem sie von der Diagnose ihres Bruders weiss. Sie ist vollkommen auf ihren Bruder fixiert und nimmt eine schwere Ehekrise in Kauf. Man sieht es förmlich kommen, alle Liebesbeweise nützen nichts, auch nicht ihr Stück von «Hänsel und Gretel», das sie für ihren Bruder verfasst hat. Ein Abschied? Eines Nachts, wieder in Berlin, formt sie in einem Sandkasten ein Labyrinth. Es scheint, als könne sie ihren eigenen Verstrickungen entkommen.
Das Schweizer Regieduo lieferte nach ihrem zweiten Spielfilm «La petite chambre» (Das kleine Zimmer) ein kleines Meisterstück. Die beiden Filmschaffenden Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, seit der Schulzeit in Liebe zur Bühne und zum Film verbunden, schufen ein intimes Liebesdrama der anderen Art. Sie beschreiben eine Seelenverwandtschaft in starken Bildern mit starken Schauspielern, die berührt. Kino, das bewegt und ans Herz geht – ohne Schmalz, falsche Töne oder Kalkül.

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Tenet
rbr. Vorwärts – rückwärts. Alle Medien-Augen schienen nur auf diesen Film zu warten – wie auf eine Naturkatastrophe oder ein Wunder. Er sollte, wenn nicht schon das Kino retten, so doch reanimieren. Filmemacher Christopher Nolan liefert mit seinem Action-Opus «Tenet» den ersten Blockbuster nach dem Corona-Kinoaus. Über 200 Millionen Dollar soll das Spektakel gekostet haben, das in einem halben Dutzend Ländern spielt (von Estland über Indien, Italien bis England und den USA). Die monatelange Startverzögerung ging obendrein ins Geld. Der Film müsste 800 Millionen Dollar einspielen, heisst es, um Gewinn zu machen. Ist das Zweieinhalbstundenwerk nun wirklich das Kinoereignis, zu dem es hochgejubelt wurde? Der «TagesAnzeiger» lobt «Tenet» über Massen und spricht von faszinierendem intelligentem Überwältigungskino für die Massen. Manche Kritiker sehen in dem schwarzen Helden (John David Washington), kurz «Protagonist» genannt, gar einen neuen James Bond. Man kann auch übertreiben.
Gut, der Protagonist alias John David Washington ist ein Mann der Tat, besitzt aber weder besonderen Charme noch nachhaltige Ausstrahlung. Er ist die (gute) Hauptfigur im Agentenspektakel, in dem es um nichts Geringeres geht, als die Welt zu retten, herausgefordert vom zynischen Bösewicht Sator (Kenneth Branagh). Dabei spielt dessen Gattin Kat (Elizabeth Debicki – sehr überzeugend) eine wichtige, auch erotische Rolle.
Es führte zu weit, in die Details dieser verzwickten Geschichte zu gehen. Wer blickt bei den pausenlosen Zeitverschiebungen, Vor- und Rückblenden noch durch, wohl nur Autor und Regisseur Christopher Nolan. Der jongliert zügellose mit seinem Lieblingselement, der Zeit – mal vorwärts, mal rückwärts, mal gleichzeitig. «Tenet», so die Mission des Protagonisten, soll so viel wie «Grundsatz» bedeutet. Witziger ist jedoch, dass man den Filmtitel auch rückwärts lesen kann. Und so spult Nolan seinen gigantischen Actionmix aus Spionage und Sciencefiction als Zeitspiel ab. Wie schon in seinen Filmen «Inception» oder «Interstellar» springen Handlung und Action hin und her. Da donnert beispielsweise ein Flugzeug in das Flughafengebäude und fährt zurück, zischen Kugel vorwärts und rückwärts, wird hoch- und runtergekraxelt (eben zurückgespult). Das ist bisweilen spannend anzusehen, bleibt aber pures Actionkino. Das Spektakel «Tenet» dröhnt allfällige Reflexionen über Zeit und Zeitlichkeit mit Power und Pulver zu. Ihm «existenzialphilosophische» Qualitäten anzudichten wie im Magazin «epd-Film», sei dahingestellt. «Tenet» ist eine Materialschlacht, die auf verschiedenen Zeitebenen spielt, wobei sich die Story laufend verschiebt. Ein bombastischer Thriller, der unterhalten kann, aber auf Dauer auch ermüdet.
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The Climb

rbr. Strapazierte Freundschaft. Passend zur aktuellen Tour de France: Zwei Freunde radeln im Hinterland der Côte d’Azur – fast wie die Profis. Doch Kyle (Kyle Marvin) ist Amateur und kommt schnell ausser Puste. Derweil sein Freund Mike (Michael Angelo Covino) munter drauflos strampelt und seinem Velogefährten so nebenbei gesteht, dass er mit dessen Verlobten Ava (Judith Godrèche) ein langjähriges Verhältnis hatte – und das kurz vor der Hochzeit. Gleichwohl wird geheiratet. Doch immer wieder geraten die beiden Busenfreunde aneinander. Man rangelt sich, versöhnt sich – mal bei einer Beerdigung, mal an Weihnachten, mal in den Skiferien. Es scheint, als könne der eine vom anderen nicht lassen.

Über sieben Kapitel strapazieren die beiden Helden, die gleichzeitig Autor (Covino/Marvin) und Regisseur (Covino) sind, ihre Freundschaft – von «I’m Sorry» (1) über «Thanks» (3) und «It’s Broken» (4) bis «Grow Up» (6) und «Fine» (7). Das Ende hat wieder mit Radfahren zu tun, aber auch mit Trennung und Happy-end. Das Kinodebüt der beiden Buddies Covino /Marvin ist gelungen, auch wenn die beiden nicht auf Klamauk und Klischees verzichten mochten, die dann ironisch gebrochen werden. Passend dazu oft bekannt Songs wie Elvis’ «What Now My Love», als sich Kyle von seiner Frau trennt, oder ein Chanson von Charles Aznavour, als doch alles gut geht. Über weite Strecken macht die Buddy-Komödie Spass, auch weil letztlich nicht alles so ernstgenommen wird – ausser Freundschaft. Manches scheint schelmisch übertrieben, wirkt aber irgendwie dank der Hauptdarsteller kurios authentisch.

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Zwischenwelten
rbr. Heilsam. Von manchen Ärzten belächelt, von vielen Menschen geschätzt: Geist- oder Naturheiler werden geduldet oder verdammt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat der Kanton Appenzell-Ausserrhoden im Gegensatz zu anderen Kantonen Naturheilpraktiker in einem offenen Gesundheitsgesetz legitimiert. Noch heute gibt es in Innerrhoden mehr Gebetsheiler als Hausärzte. Thomas Karrer, in Appenzell aufgewachsen, nahm es Wunder, welche Menschen solche unterschiedliche Wege des Heilens gehen und praktizieren. Acht Heiler und Heilerinnen haben sich der Kamera gestellt, geben Einblicke in ihre Praxis. Sie verfolgen unterschiedliche Methoden. Gerhard Kügl aus Ruggell arbeitet etwa als Aurachirurg, Niklaus Nauer als Gebetsheiler in Grub, Heinz Rüdlinger aus Ebnat-Kappel und Susanne Schiesser aus Frauenfeld als Geistheiler. Ihnen ist eines gemeinsam: Sie geben sich mit Hingabe dieser Aufgabe hin, wollen «göttliche» Energie in Bewegung setzen und materialisieren, Blockierungen lösen und helfen. Einer sieht spirituelle Kraft in seinen Bildern, andere suchen ihr «Heil» in Berührungen und Gebeten. Er wollte das Unsichtbare, das Mythische fassbar machen, meinte Thomas Karrer. Mit Makroaufnahmen und Bildern von Bergen und Wolken wollte er den Blick aufs Unsichtbare schärfen, die Verbindung zwischen Mensch und Natur nahebringen. Sein Dokumentarfilm «Zwischenwelten», an dem er sechs Jahre gearbeitet hat, erhebt keinen missionarischen, eher einen erhellenden Anspruch. Er hat zwar keine heilende, aber eine inspirierende Kraft und kommt der Aussage des Geistheilers André Peter aus Heiden nahe: «Wenn alles mit uns im Lot ist, sind wir heil.». Der Film, ist im Lot – verständnisvoll, sinnlich und inspirierend.
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Undine
I.I. Undine, die mythische Figur, will dem Mythos entrinnen. Was ist nicht schon alles über Undine geschrieben worden. Die Undine, eine Nymphe des Wassers, bekommt erst dann eine Seele, wenn sie sich mit einem Menschen vermählt. Einem untreuen Gatten bringt Undine den Tod. Auch Ingeborg Bachmann nahm sich schon des Themas an und rechnet in ihrer feministischen Erzählung Undine geht mit der seelischen Ignoranz der Männerwelt ab.
Undine heisst nun auch ein deutsch-französischer Spielfilm von Christian Petzold. Das Liebesdrama mit Paula Beer und Franz Rogowski in den Hauptrollen orientiert sich frei am Undine-Mythos. Regisseur Petzold, der auch das Drehbuch schrieb, verlegte die Sage um die Wasserfrau ins moderne Berlin. Undine (Paula Beer) ist promovierte Historikerin und führt Touristen durch die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und zeigt ihnen Modelle, die von Wachstum und rücksichtsloser Dynamik der Metropole berichten. Nichts bleibt und ist von Dauer. Alles ist im Fluss. Berlin wurde einst am Wasser gebaut. Hier schliesst sich der Kreis zu Undine, der Wasserfrau.
Undine, Freelancerin, arbeitet und lebt zwischen Natur und Gesellschaft. Im Grunde sucht sie ganz mythisch die absolute Liebe, Dauer und Treue. Undine will ihrem Mythos entrinnen und den Bann brechen. Im Museums-Café wird sie von einem jungen Mann (Franz Rogowski) angesprochen, und schon im nächsten Augenblick wird die schicksalhafte Begegnung zum Wendepunkt in ihrem Leben, finden sich Undine und ihr Bewunderer, ausgelöst durch eine ungeschickte Bewegung, auf dem Boden, im Trümmerhaufen eines symbolhaft zerborstenen Aquariums, wieder. Später schlendern die beiden versunken und eng umschlungen durch Berlin, die kalte, babylonische Stadt. Undines neuer Freund ist Industrietaucher von Beruf und hat daher auch mit Wasser zu tun. Wenn er Unterwasserturbinen repariert, begegnet ihm mitunter ein Wels von mythischer Grösse. Das Tier mit Riesenschnurrbart hat einen Wagner-Namen namens Gunther. Der Anspielungen auf Mythen sind viele in diesem poetischen Film, der optisch in Bildern schwelgt, von den Liebenden, vom Wasser, von der Zärtlichkeit, von der Unmöglichkeit von Liebe, von der kalten Stadt, von Trennung und Wiederfinden und dem Reigen, der Leben heisst.
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The Secret – Das Geheimnis

I.I. Zufall geschieht nicht zufällig. In Miranda Wells (Katie Holmes) Leben scheint vieles schief zu laufen. Der alleinerziehenden Mutter von drei Kindern wächst alles über den Kopf, seitdem ihr Mann, ein Erfinder, vor einigen Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Als hätte sich das Schicksal gegen sie verschworen, kracht während eines heftigen Hurrikans auch noch ein Ast durch das Dach ihres Hauses. Doch das Unwetter stellt Miranda nicht nur vor ihre nächste finanzielle Herausforderung, sondern bringt auch Bray Johnson (Josh Lucas) in ihr Leben. Von nun an scheint sich das Blatt für Miranda und ihre Familie zu wenden. Ob das an dem positiven und lebensbejahenden Spirit liegt, mit dem Bray plötzlich in ihr Leben tritt? Und was hat es mit dem rätselhaften Umschlag auf sich, der Bray Johnson ursprünglich zu Miranda geführt hat? Ein Geheimnis, das den neu gewonnenen Lebensmut und das langsam wiederkehrende Glück der Familie Wells sogleich wieder aufs Spiel zu setzen scheint…
Die Kernaussage des Films ist, dass Gedanken und Gefühle jedes einzelnen Menschen reale Gegebenheiten anziehen und erzeugen, und dieses Gesetz der Anziehung Auswirkungen auf jeglichen Aspekt unseres Seins, wie Gesundheit, zwischenmenschliche Beziehungen, Geld und Beruf hat. Dies geschehe nicht zufällig, sondern mit der Sicherheit und Genauigkeit eines Naturgesetzes. Der Inhalt des Films ergibt eine weitgehende Kongruenz zu den Lehrinhalten der Christlichen Wissenschaft und der Neugeist-Bewegung. Ein Herzschmerz-Film mit Happy End.
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Christoph Schlingensief. In das Schweigen hineinschreien

I.I. Regisseur, Provokateur und Charmeur. Ist es wirklich schon zehn Jahre her, dass Christoph Schlingensief mit erst 49 Jahren starb? Und doch scheint er so gegenwärtig zu sein. Sein wuscheliger Haarschopf, der Präsenz markierte und ihm etwas Wildes verlieh, einen Anschein unverwüstlicher Gesundheit und Stärke, aber eben nur ein Schein. Wie er am Zürcher Bellevue stand, sich unter die Leute mischte mit einem Plakat gegen Nazis für seine Hamlet-Aufführung im Schauspielhaus warb, die irritierten Zuschauer zu einem Besuch aufforderte, denn auch ein ehemaliger Nazi sei mit von der Partie. Oder im Schiffbau, da hatte ich mich vertan, wollte eine Theateraufführung sehen, die aber stattdessen im Schauspielhaus stattfand. Christoph Schlingensief stand neben mir, bekam das mit und sagte spontan, kommen Sie mit mir, wir fahren zusammen mit dem Taxi zum Schauspielhaus. Unterwegs telefonierte er mit Christoph Marthaler, so vertraut, so nahbar, man merkte, dass sie gute Freunde waren und ihm Marthaler viel bedeutete. Unprätentiös, höflich, freundlich und entgegenkommend, und dabei doch ein Bürgerschreck. Er konnte es, all diese Widersprüche in sich zu vereinen. Nun hat die Filmeditorin Bettina Böhler («Die innere Sicherheit», «Hannah Arendt») einen Dokumentarfilm über Schlingensief gemacht, mit Originalaufnahmen aus seiner Kindheit, aus allen Episoden und Filmen und mit Gesprächen von Kollegen und Freunden. Über zwei Jahrzehnte hat Christoph Schlingensief den kulturellen und politischen Diskurs im deutschsprachigen Raum mitgeprägt. Das intensive Filmporträt zeigt die ganze Bandbreite der Entwicklung vom jungen, experimentierenden Filmemacher über den Bühnenrevolutionär von Berlin und Bayreuth bis hin zum Bestsellerautor, der kurz vor seinem Tod die Einladung erhielt, den Deutschen Pavillon in Venedig zu gestalten. In ihrem berührenden Regiedebüt montiert Bettina Böhler virtuos die verschiedenen künstlerischen Arbeiten Schlingensiefs, die seine unbändige Energie spürbar machen. Das erste umfassende Filmporträt des Regisseurs, der in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden wäre und unvergessen ist.

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to be continued

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