FRONTPAGE

«Juan Gabriel Vásquez: Duett der Detektive in den Anden»

Von Leopold Federmair

 

Die ersten deutschsprachigen Rezensenten dieses Romans des Kolumbianers Juan Gabriel Vásquez haben gleich das Ende der Geschichte verraten. Das soll hier nicht wiederholt werden, denn «Das Geräusch der Dinge beim Fallen» funktioniert wie ein Kriminalroman und könnte sich dieses Label eher als manch ein Produkt, das sich aus kommerziellen Gründen als «Krimi» bezeichnet, auf die Fahnen schreiben.

Wie in jedem Krimi gibt es auch hier einen Ermittler, einen Spurensucher, der der Wahrheit nach und nach auf die Schliche – oder doch zumindest recht nahe – kommt. Die Spannung des Buchs resultiert einerseits aus dieser Machart, andererseits aber auch aus der zugleich drängenden und verhaltenen Erzählweise und einer Sprache, die den rhetorischen Gestus mit poetischen Elementen – schillernde, interessante oder treffende Vergleiche – verbindet. In gewisser Weise ein vollkommenes Buch, mehrschichtig, motivische Parallelen ausführend, trotzdem leicht lesbar. Soziale Verantwortung zeigend, undogmatisch, mit plastischen, gleichsam greifbaren Figuren.

 

 

Die (Un-)Kultur der Drogenhändler

In all diesen Aspekten ähnelt der mehrfach preisgekrönte Roman des Kolumbianers Juan Gabriel Vásquez dem reifen Werk von Mario Vargas Llosa, an dem sich der Jüngere offensichtlich geschult hat. Andererseits erinnert «Das Geräusch der Dinge beim Fallen» auch an Gabriel García Márquez, und zwar weniger an dessen magisch-karibische Fiktionen als an «Nachricht von einer Entführung», wo das Schicksal von neun Geiseln dokumentarisch erzählt wird, die der Drogenboss Pablo Escobar 1990 kidnappen liess. Derselbe Escobar spielt auch in Vásquez’ Roman eine gewisse Rolle; die Bezüge zu realen Orten und Personen liegen ebenso auf der Hand wie die Sorge des Autors, die jüngste Vergangenheit seines Landes aufzuarbeiten und sie in einem Licht zu zeigen, das Lebensmöglichkeiten für jetzige und künftige Generationen wenigstens aufblitzen lässt. Hatte sich Vargas Llosa in Lituma in den Anden mit den linken Guerilleros und ihrer verqueren Ideologie auseinandergesetzt, so geht es Vásquez in seinem neuen, in Bogotá und im Tal des Flusses Magdalena spielenden Roman um die (Un-)Kultur der Drogenhändler und die bedrückende, angstgeladene Atmosphäre, die sie erzeugt.
Bei kritischer Lektüre zeigt auch ein vollkommener Roman Schwächen oder weckt zumindest gewisse Zweifel, die freilich mit dem Fortgang der Geschichte in den Hintergrund treten, bis sie sich ganz verflüchtigen. An einem bestimmten Punkt seiner Nachforschungen, die er anfangs nur widerwillig betreibt, überlässt der Ich-Erzähler das narrative Kommando einem Journalisten, indem er einen alten Zeitungsbericht ausführlich zitiert. Danach geht das Steuer unmerklich in die Hände einer Frau über, der Tochter jenes geheimnisvollen Piloten, dem die Ermittlungen gelten. Die Tochter verfügt selbst nur über schriftliches Material, vor allem Briefe, und dennoch gewinnt ihr Bericht dieselbe Konkretheit, die der Ich-Erzähler für das von ihm selbst Erlebte liefert. Genaugenommen ist das ein Bruch im Erzählgefüge, und zwar an einer entscheidenden Stelle. Dennoch nimmt man ihn hin, das Unglaubhafte wird mit der Zeit überzeugend, die Frage «Wer spricht?» am Ende gleichgültig. Die Antwort darauf kann unterbleiben, denn die Hauptsache liegt ja doch darin, dass ein Stoff, der uns alle angeht, auf eindrückliche Weise vermittelt wird, und das ist unbedingt der Fall.

 
Eine Spur zu vollkommen
Die Tochter des Piloten wuchs ohne ihren Vater auf, sie hat nur wenige Erinnerungen an die früheste Zeit, als sie ein Kleinkind war. Was ihr die Mutter in Bezug auf den Vater vorsetzte, waren Lügen, die sie später, nach dem Tod der Mutter, nicht mehr hinnehmen will. Sie ersetzt diese Lügen – nicht gerade durch «die Wahrheit», sondern durch ein Gemisch an Fakten, Vermutungen und Interpretationen, das die von ihr bereitgestellte Erzählung ausmacht. Mario Vargas Llosa definiert in seiner Erzählpoetik fiktionales Erzählen als eine Art höhere Lüge, ein Geschichtenerfinden im Dienste der Wahrheit, vor allem jener Dimensionen der Wahrheit, die durch gewöhnliche, etwa journalistische Berichte nicht ohne weiteres vermittelbar sind. Ebendiese Erzählpoetik setzt Vásquez ins 21. Jahrhundert hinein fort. «Das Geräusch der Dinge beim Fallen» ist in diesem Sinne ein Schwellenroman.
Möglich, dass es so etwas wie eine zu grosse Vollkommenheit gibt. Auch bei Vargas Llosas Romanen kann man sich das mitunter fragen. Die Erzählmaschine läuft wie geschmiert, und gerade diese Reibungslosigkeit hinterlässt einen Nachgeschmack, ein Bedürfnis, dass sich doch einmal etwas spiessen möge. Das gilt sogar für den unaufgelösten Rest, den uns Juan Gabriel Vásquez hinterlässt, die neuen Fragen, ausgelöst durch die Summe der Antworten, die uns das Duett der beiden Detektive aufgetischt hat.
(Erstveröffentlichung NZZ, 3. März 2015, mit freundlicher Genehmigung des Autors).

 

 

Juan Gabriel Vásquez
Das Geräusch der Dinge beim Fallen
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2014
296 S., CHF 33.90.

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