FRONTPAGE

«Neue Lyrik: Nora Gomringer und Christoph W. Bauer»

Von Ingrid Isermann

 

Nora Gomrigers Gedichte, leidenschaftlich wie auch zart intoniert, überraschen hinterrücks, manche kommen auf leisen Katzensohlen, andere mit breitbeinigem Versgang. Am 5. Juli wurde sie mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 2015 ausgezeichnet. – Von Orangenhainen in den Schnee alpiner Winter, vom spanischen Dichter Federico García Lorca bis zu The Clash überwindet Christoph W. Bauer in pulsierenden Versen zeitliche und räumliche Grenzen.

 

Gedichte

Gedichte sind Gefechte
Auf weissen Seiten
Oder Tierhäuten
Ausgetragen

Die von Verdichtug
Und Ausdünnung
Sprechzeugnis ablegen
In aller Kürze

 

Sag doch mal was zur Nacht

Sag doch mal was zur Nacht, dieser Nacht mit den Sternen
und Steinen am Boden unter der Decke auf dem Hügel,
auf den der Mond sich gelegt hat, mit dem Gesicht in den

Händen, du sagst ja gar nichts zu der schönen Nacht,

dieser Nacht, mit Näglein besteckt, mit Rosen bedacht, du
sagst eh viel zu selten irgendwas, könntest doch jetzt mal
was sagen, sagen, zur Nacht was sagen, zu dieser Nacht
vor allen anderen, vor allem anderen, könntest doch mal,
könntest, könntest mal was sagen zu den Sternen, den
Steinen, den Mondstrahlen auf dem Hügel, zum Meer,
zum Sturm, DAS IST DOCH NUR WIND, na siehst du,
kannst doch was sagen, was sagen zum Sturm, der kein
Sturm, SONDERN NUR WIND ist, zum SturmWIND, der

mich ganz zerzaust, sagst gar nichts zu mir und meinem

Zerzaust-Sein, sagst gar nichts, so zerzaust bin ich vor dir…

(Auszug)

 

 

Was Blaues

Was Blaues
Was Graues
Was Gelbes
Was Neues
Was Altes
Was Schwarzes
Was Hartes
Was Weiches
Was Warmes
Was Klares
Was Gutes
Was Böses
Was Heftiges
Was Mildes
Was Zahmes
Was Schnelles
Was Lahmes
Was Wunder
Was Heiles
Was Grades
Was Steiles
Was Tiefes
Was Müdes
Was Waches
Was Heilges
Was Profanes
Was Süsses
Was Kühles
Was Heisses
Was Zartes
Was Geborgtes
Was Altes
Was Neues
Was Blaues
Und nen Ring

 

 
Wie soll ich das beschreiben?

 

Ich könnte sagen: Ein Wort, das ist ein Igel.
Ein Igel in der Hecke, der eine Rolle macht,
die Stacheln aussen zeigt den weichen Bauch
versteckt.

 

Ich könnte sagen: Ein Wort, das ist ein kleines Boot.
Ein Boot im See, das treibt im Wind,
sein Segel blähen lässt, den ganzen Sommer lang
im Abenteuer schwebt.

 

Ich könnte sagen: Ein Wort, das bist auch du.
Du bist ein Wort, der Klang dahinter,
bist Überraschung und Verwirrung für die,
die deinen Namen sprechen.
Du Kind, du Mädchen, Junge kleine Welt,
du Universum miniature.

 

(aus: « ach du je», edition spoken script 16,
Der gesunde Menschenversand, Luzern, 2015
www.menschenversand.ch)

 

 

Nora Gomringer

Mein Gedicht fragt nicht lange reloaded

Volad & Quist, Dresden, 2015

Buch + Audio-CD,

Vorwort von Peter von Matt

320 S., € 24.90

ISBN 978-3-86391-108-9

 

 

Nora Gomringer (*1980) ist Schweizerin und Deutsche, Tochter des Dichters Eugen Gomringer (siehe Archiv 12/2014, 03/2015). Sie hat zahlreiche Lyrikbände und eine Essay-Sammlung im Verlag «Voland & Quist» veröffentlicht, zuletzt «Morbus» (2015). Sie war Poetikdozentin an den Universitäre Koblenz-Landau, Sheffield und Kiel und ist Mitherausgebern des Jahrbuchs der Lyrik 2015. (DVA). 2011 erhielt sie den Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache und  2012 den Joachim-Ringelnatz-Preis, 2015 den Weilheimer Literaturpreis. Nora Gomringer lebt in Bamberg, wo sie seit 2010 das Internationale Künstlerhaus «Villa Concordia» leitet. Nora Gomringer wurde zu den Tagen der deutschprachigen Literatur in Klagenfurt (01.-05.07.15, bachmannpreis.orf.at)  eingeladen. Ende August 2015 erscheint ihr neuer Gedichtband «ach du je» im Verlag «Der gesunde Menschenversand», edition spoken script (ISBN 978-3-03853-013-8). www.nora-gomringer.de.

 

 

 

Christoph W. Bauer

 

Spielerisch legt Christoph W. Bauer die Orte seiner Kindheit über Lorcas andalusische Landschaften, mühelos verbindet er den Klang vergangener Welten mit dem Sound der Gegenwart.

 

Als einer der bedeutendsten Poeten des 20. Jahrhunderts war Federico Garcia Lorca bekannt für seine tiefgreifenden Schilderungen menschlicher Gefühlswelten. Im August 1936 wurde er, kurz nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs, von spanischen Faschisten erschossen. Doch unvergänglich ist Lorcas Poesie, darauf beharrt Christoph W. Bauer in seinem lyrischen Gespräch mit dem andalusischen Dichter. Aus seiner betörenden Bildsprache wachsen ein Ich und ein Du hervor, die sich im Farbenreichtum der Lyrik begegnen.

 

als riefe mich

dein schweigen in die täler

meiner kindheit keine

violen gab es nicht oliven

aber tannen herbeigezogen

auf dem akkordeon

 

 

andalusien aus dem wort zog ich
wonach ich gierte unterm schnee
alpiner winter verwaisten sätze
wie tage ohne ausgelastete betten

 

 

lieber schlief ich in orangenhainen
ritt ich auf der feder nach granada
im atlas voller tintenklecksen reiften
buchten blau mir bis an die ohren

 

 

und übertönten das geklapper der
löffelförmigen hölzer die nachbarn
hatten sie aus dem urlaub mitgebracht
fällt mir ein jahre später angezogen
vom tiefen gesang deines gedichts
andalusien in deine worte zieh ich

 

 

nichts weiss ich von dir und
von deinen landschaften
habe keine ahnung woran
du verzweifeltest da ist angst

 

 

in deinem blick oder ist sie
In meinem mal nebenbei
wie steht’s um deinen
humor ich mag albertis

 

 

verse lieber als die deinen
höre dich lachen tief in mich
hinein dbei spreche ich nur
mit deinem porträt federico

 

 

 

Christoph W. Bauer
Orange sind die Äpfel blau
Gedichte

Haymon Verlag, Innsbruck, 2015
20 Seiten, Broschur mit Aktenstichheftung
€ 16,90
ISBN 978-3-7099-7197-0

auch als E-Book erhältlich

Vorzugsausgabe

nummeriert und signiert, € 26.90
ISBN 978-3-7099-7198-7

 

 

Christoph W. Bauer, geboren 1968 in Kärnten, lebt als Autor in Innsbruck, verfasst Lyrik, Prosa, Essays, Hörspiele und Übersetzungen. Zahlreiche Veröffentlichungen und Auszeichnungen, u.a. Reinhard-Priessnitz-Preis (2001), Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb (2002) und Kärntner Lyrikpreis (2014). Bei «Haymon» erschienen u.a. der Gedichtband «mein lieben mein hassen mein mittendrin du» (2011) sowie die Erzählungen «In einer Bar unter dem Meer» (2013). www.cewebe.com

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