FRONTPAGE

«New York, mon amour»

Von Simone de Beauvoir

«Trotz aller Bücher, die ich gelesen habe, trotz aller Filme, Fotos und Berichte – in meiner Vergangenheit ist New York eine sagenhafte Stadt: und zwischen Wirklichkeit und Legende gibt es keine Verbindung.»

Im Januar 1947 reist Simone de Beauvoir zum ersten Mal nach Amerika. Begeistert nahm sie die Einladung zu einer viermonatigen Vortragsreise an. Die amerikanische Kultur ist für sie, wie für viele Pariser ihrer Epoche, ein Mythos. Sie brennt darauf, das Land endlich mit eigenen Augen zu sehen und zu entdecken. Sie streift durch Manhattan und Brooklyn, besucht China Town und – trotz aller Warnungen – Harlem.
Ihrem scharfsichtigen Blick entgeht nichts. Ihre ambivalenten Eindrücke verarbeitet Simone de Beauvoir in ihrem Reisetagebuch. Die unverwechselbare Beauvoir’sche Mischung aus kritischem Bericht, nachdenklichem Monolog und analytischer Untersuchung kann als ein Zeugnis ihrer Befindlichkeit gelesen werden und ist zugleich ein wichtiges
Zeitdokument.

 

Exklusiver Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung
der Edition Ebersbach Berlin.

Reisetagebuch 27.-31. Januar 1947

27. Januar
Wenn ich New York entziffern will, muß ich mich an New Yorker wenden. In meinem Büchlein stehen Namen, aber für mich steht kein Gesicht hinter ihnen. Ich muß auf englisch mit Leuten telefonieren, die mich nicht kennen und die ich nicht kenne. Ich gehe hinunter in die lobby des Hotels und bin eingeschüchtert, als hätte ich ein mündliches Examen zu bestehen. Diese lobby betäubt mich durch ihre Fremdheit – eine Fremdheit mit umgekehrtem Vorzeichen. Ich bin der Zulukaffer, den ein Fahrrad in Schrecken versetzt, bin die Bäuerin, die in der Pariser U-Bahn verloren ist. Ein Zeitungs- und Zigarrenladen, Western Union, Frisiersalon, writing room, wo Stenotypistinnen nach dem Diktat der Gäste schreiben – Club, Büro, Warteraum, Verkaufsgeschäft: alles in einem. Um mich herum ist der ganze Komfort des täglichen Lebens, aber ich weiß nichts mit ihm anzufangen, die kleinste Kleinigkeit wird zum Problem: wie frankiere ich meine Briefe? Und wo sind sie einzuwerfen? Dieses Flügelschlagen neben dem Aufzug, diese hellen Blitze, ich hielt sie beinahe schon für Halluzinationen. Hinter einer Glasplatte fallen Briefe von der 25. Etage bis in die Tiefen des Kellergeschosses; das ist der Briefkasten. Bei dem Zeitungshändler steht ein Automat, der Briefmarken ausspuckt. Aber ich bringe das Kleingeld durcheinander. Ein Cent ist für mich gleichzeitig ein Sou und ein Centime, 5 Cent sind also 5 Centimes, aber gleichzeitig auch 5 Sous, also 25 Centimes. Zehn Minuten lang versuche ich vergeblich zu telefonieren: alle Apparate werfen den Nickel aus, den ich hartnäckig immer wieder in den Schlitz stecke, der für Fünfundzwanzig- Cent-Stücke bestimmt ist. Niedergeschlagen bleibe ich in einer der Kabinen sitzen. Ich habe Lust, mein Vorhaben aufzugeben, ich verfluche diesen teuflischen Apparat. Aber schließlich kann ich mich ja nicht auf ewig einschließen. Ich bitte den Angestellten der Western Union, mir zu helfen, und diesmal bekomme ich Antwort. Am anderen Ende des Drahts vibriert die Stimme ohne Gesicht: ich muß antworten. Man erwartet mich nicht, und ich habe nichts zu bieten. Ich sage nur: «Ich bin da.» Auch ich habe kein Gesicht, ich bin nur ein Name, den gemeinsame Freunde weitergegeben haben. Ich sage noch: «Ich möchte Sie gern sehen.» Das ist nicht einmal wahr, und sie wissen es. Ich will sie gar nicht sehen, denn ich kenne sie nicht. Und doch sind die Stimmen beinahe freundschaftlich und natürlich. Schon diese Natürlichkeit stärkt mich, als ob sie Freundschaft wäre. Aber nach drei Anrufen schließe ich mit glühheißen Wangen mein Büchlein.

 

Ich gehe in den Frisiersalon, und dort fühle ich mich schon etwas heimischer. Diese Salons gleichen sich in allen Städten, die ich kenne: es ist der gleiche Geruch, es sind die gleichen metallischen Trockenhauben – die Kämme, Puderquasten und Spiegel sind völlig unpersönlich. Den Händen überlassen, die meinen Schädel massieren, bin ich schon kein Phantom mehr: zwischen diesen Händen und mir besteht eine lebendige Verbindung – das ist wirklich mein eigenes, leibhaftiges Ich. Aber selbst dieser Augenblick ist nicht völlig alltäglich. So muß ich zum Beispiel dem jungen Mädchen, das mich frisiert, nicht die Haarnadeln, eine um die andere, reichen: sie kleben an einem Magneten, den das Mädchen am Handgelenk trägt, und ein Magnet zieht sie auch wieder heraus, wenn die Haare wieder trocken sind. Dieses kleine Spiel entzückt mich.

 

Alles entzückt mich, sowohl die unvorhergesehenen als auch die vorgesehenen Visionen. Ich wußte nicht, daß in den eleganten Vierteln vor den Häusern grünliche Baldachine, jeweils mit einer dicken Nummer versehen, bis auf den Gehsteig hinausragen und auf diese Weise irgendeinen Empfang anzeigen. Ein Portier steht auf der Schwelle, so daß jedes Haus einem Hotel oder einer Bar ähnelt. Auch der Hauseingang ist von betreßten Portiers bewacht und gleicht dem Empfangsraum eines Palast-Hotels. Den Fahrstuhl bedient ein Angestellter: nicht ganz leicht, heimliche Besucher zu empfangen. Andererseits sah ich im Kino oft Häuser ohne Portier, so wie in Frankreich in der Provinz. Man geht durch eine erste Glastür und stößt auf eine Reihe von Klingeln, eine für jeden Mieter; jeder hat auch seinen Briefkasten. Man klingelt, und jetzt öffnet sich eine zweite Glastür. Ich habe auch die breiten, flachen Klingelknöpfe wiedergefunden, die mir im Film aufgefallen waren, ebenso den dumpfen Klang, dumpfer als die französischen Klingeln. Was mich verwirrt, ist: daß diese Filmaufmachung, an die ich nie recht hatte glauben wollen, tatsächlich wahr ist.

 

So viele winzig kleine Überraschungen verleihen den ersten Tagen einen ganz besonderen Reiz. Nichts langweilt mich. Gewiß, dieses geschäftliche Mittagessen in einem Restaurant der 40. Straße ist absolut freudlos; mit seinen Teppichen, Spiegeln und Kronleuchtern gleicht dieses elegante Lokal einem Teesalon in einem Warenhaus, und selbstverständlich ist es überheizt. Aber mein Martini, mein Tomatensaft schmeckt nach Amerika: auch dieses Essen hat immer noch etwas Weihevolles.
Aber auch für diesen Reiz muß man bezahlen, und die Fremdheit, jeden einzelnen Augenblick verwandelt, stellt mir Fallen. Es ist schönes Wetter und ich will am East River entlang spazierengehen. Aber der drive, jener breite, erhöhte Fahrdamm längs des Flusses, ist nur für Autos reserviert. Ich versuche zu mogeln und gehe hart an der Mauer entlang. Aber es ist schwer, in Amerika zu mogeln; das Räderwerk greift präzis ineinander, es dient dem Menschen – vorausgesetzt, daß dieser sich gefügig einordnet. Auf dieser Art von Autorennbahn sausen die Wagen im Sechzig-Meilen-Tempo gefährlich dicht an mir vorbei. Am Ufer ist ein Platz für Fußgänger, die dort spazierengehen, aber es scheint unmöglich, dorthin zu gelangen. Ich nehme einen Anlauf, erreiche die Linie, die die beiden entgegengesetzten Ströme trennt, dort aber muß ich lange stehen, aufgepflanzt wie ein Kandelaber, und abwarten, bis eine kleine Lücke mir gestattet, diesen Leidensweg zu vollenden. Eine Einfassung muß ich noch überspringen, ehe ich in Sicherheit bin. Unter meinem Wintermantel, der für diese Sonne zu schwer ist, bin ich erschöpfter als nach einer Bergbesteigung. Einige Augenblicke später werde ich gewahr, daß es Passagen für Fußgänger unter dem drive gibt und daß auch Brücken über ihn hinwegführen.

 

Der Fluß riecht nach Salz und Gewürzen. Menschen sitzen auf Bänken in der Sonne: Pennbrüder und Neger. Kinder auf Rollschuhen gleiten über den Asphalt, rennen gegeneinander an, schreien. Am Rand des drive werden billige Wohnhäuser gebaut. Diese gewaltigen, sich nach oben verjüngenden buildings sind häßlich. Aber weiter hinten sehe ich die hohen Türme der Stadt und jenseits des Flusses Brooklyn. Inmitten des Krachs der Rollschuhe setze ich mich auf eine Bank, ich sehe nach Brooklyn hinüber und fühle mich glücklich.

 

Brooklyn existiert, auch Manhattan mit seinen Wolkenkratzern, und am Horizont das ganze Amerika. Ich selbst existiere nicht mehr. So ist es. Ich begreife, was ich hier gesucht habe: diese Fülle, die man nur in der Kindheit oder in der ersten Jugend kennt, wenn man sich selbst zugunsten anderer Dinge einmal völlig ausschalten kann. Gewiß, auch bei anderen Reisen habe ich diese Freude genossen, aber sie war flüchtig. In Griechenland, in Italien, Spanien und Afrika blieb Paris für mich das Herz der Welt, Paris war nie völlig aus mir gewichen, ich selbst war immer in meiner Haut geblieben.
Paris hat seine Hegemonie verloren. Ich bin nicht nur in einem fremden Land, ich bin in einer anderen Welt gelandet, in einer selbständigen‚ abgesonderten Welt; ich berühre diese Welt – sie ist da. Sie wird mir geschenkt werden. Nein, sie wird mir nicht geschenkt werden‚ sie existiert in einer so blendenden Augenscheinlichkeit, daß es mir nicht in den Sinn kommt, sie in meine Netze einzufangen – es wird eine Offenbarung sein, die ihre Vollendung jenseits der Grenzen meiner eigenen Existenz finden wird. Mit einem Schlag bin ich befreit von der Sorge um jenes monotone Unternehmen, das ich mein Leben nenne. Ich bin nur noch das bezauberte Bewußtsein, durch welches hindurch das souveräne Objekt sich entschleiern wird.
Ich bin lange gelaufen. Als ich an die Brücke kam, war die Sonne ganz rot, das Gitterwerk der metallischen Brücke stand gegen den flammenden Himmel. Durch das Eisennetz hindurch sah ich die hohen, viereckigen Türme der Battery; der horizontale Schwung der Brücke, der vertikale Höhenflug der Wolkenkratzer, welch ein Stelldichein! Und ein glorreiches Licht krönte diese kühne Vision.

 

Ich habe um 18 Uhr eine Verabredung im Plaza, 59. Straße. Ich steige zur Hochbahn hinauf, sie ist rührend wie ein Erinnern, kaum breiter als eine Schmalspurbahn in der Provinz; die Wände sind aus Holz, man könnte meinen: eine Haltestelle auf dem Land. Auch die Drehtür ist aus Holz, aber sie dreht sich automatisch – kein Angestellter: man passiert sie mit Hilfe eines Nickels, jenes magischen Geldstücks, das die Telefonapparate in Bewegung setzt und auch die Türen jener stillen Klausen öffnet, die man hier schamhaft restrooms nennt. In Höhe der ersten Etage fahren wir über die Bowery dahin. Wir sausen an den Stationen vorbei – da ist schon die 14. Straße, dann die 35., die 42. – ich warte auf die 59., aber wir fliegen an ihr vorbei; 70., 80. Straße, wir halten gar nicht mehr. Unter uns sind alle Lichter entzündet, das ist wieder jenes nächtliche Fest, das ich aus Himmelshöhen sah: Kinos, Bars, drugstores, Karusselle. Ich fliege durch einen wunderbaren Lunapark und selbst die kleine Hochbahn ist eine Jahrmarktsattraktion. Wird sie noch einmal halten? Wie groß ist doch New York …

 

Ich war in einen express gestiegen. An der nächsten Station steige ich aus und nehme einen local. Ich warte lange in der parfümierten, überheizten hall des Plaza; die Umgebung ist die gleiche wie in dem Restaurant heute mittag: zuviel Spiegel, zuviel Teppiche, Behänge und Kronleuchter. Ich bin erstaunt, wie lange ich warten muß, und plötzlich bemerke ich, daß ich im Savoy Plaza bin: mein Rendezvous ist gegenüber. Ermüdet, durcheinandergebracht und betäubt von so vielen Entdeckungen und Irrtümern, setze ich mich an die Bar des Plaza, zu meinem Glück hatte man auf mich gewartet. Der Martini bringt mich wieder zu mir. Der große, in schwarzer Eiche möblierte Saal ist überheizt, überfüllt. Ich sehe mir die Leute an. Überraschend sind die Frauen. Auf ihren gepflegten, in tadellose Wellen gelegten Haaren tragen sie wahre Blumenbeete und Vogelhäuser. Die meisten Mäntel sind aus Nerz, die umständlich drapierten Kleider sind mit glänzenden Pailletten übersät und mit schweren, wert- und phantasielosen Edelsteinen besetzt. Alle tragen weit ausgeschnittene Schuhe mit sehr hohen Absätzen. Ich schäme mich meiner Schweizer Schuhe mit Crêpesohlen, auf die ich so stolz war. Ich habe an diesem winterlichen Tag auf der Straße nicht eine einzige Frau mit flachen Absätzen gesehen; keine hatte den freien, sportlichen Gang, den ich bei den Amerikanerinnen erwartete. Alle tragen Seide, keine Wolle, alle tragen Federn, kleine Schleier, Blumen, Putz. Zuviel Schmuck, zu viele Spiegel und Behänge; zum Essen zu viele Soßen und zuviel Sirup, und überall zuviel Hitze. Auch der Überfluß ist eine Geißel.

 

Gestern habe ich mit Franzosen bei D. P. zu Abend gegessen. Heute abend esse ich bei Franzosen. Und nach dem Essen nimmt mich B.C., Französin, in ein paar Bars mit. Wenn ich mit Franzosen zusammen bin, empfinde ich dieselbe Enttäuschung wie in meiner Kindheit in Gesellschaft meiner Eltern: nichts war völlig wahr – zwischen den Dingen und mir stand eine Glaswand, die Vögel schienen im Käfig zu sitzen‚ die Fische schwammen im Aquarium und die Schimpansen waren ausgestopft. Und ich wünschte doch so sehnlichst, die Welt in Freiheit zu sehen … Ich mach mir nichts aus Whisky, nur die Glasstäbchen, mit denen man ihn aufrührt, habe ich gern. Aber gefügig trinke ich bis 3 Uhr morgens Scotch, denn der Scotch ist einer der Schlüssel zum Herzen Amerikas. Und ich will dahin gelangen, die Glaswand zu zertrümmern.

 

28. Januar
Ich habe einen Vortrag vorzubereiten. Ich installiere mich an einem Schreibtisch des Schreibsalons. Man hört das Murmeln der Stimmen, die den Tippmädchen diktieren, und das Geklapper der Schreibmaschinen. Es ist friedlich und traurig, man könnte glauben, man sei im Bon Marché. Ich beschließe, mich in einer Bar niederzulassen, wie man sie rings um den Central Park findet. Ich liebe sie nicht besonders: sie gehören zu den großen Hotels und atmen die gleiche weichliche und respektable Atmosphäre wie die hall mit ihren Luxusauslagen. Obwohl man Alkohol serviert, muß ich doch an die Teesalons für alte Damen denken: hier hat der Whisky die ganze Unschuld eines Fruchtsafts – hier passiert nichts. Aber sie üben einen Zauber auf mich aus: die Freunde, die ich so um ihre Amerika-Reisen beneidete, hatten mit dem ganzen Stolz der Eingeweihten von Sherry Netherland oder Café Arnold gesprochen. Ich folge ihren Spuren. Ich habe keine eigene Vergangenheit und pumpe mir die ihre. New York gehört ihnen noch, ich bin nur eine Neuangekommene, und es will schon viel besagen, daß ich mich in ihre Intimität schleiche. Ich bin bescheiden wie eine, die man in letzter Minute eingeladen hat.

 

Es ist hier nicht Sitte, in einem Raum zu arbeiten, in dem man trinkt. Hier ist alles spezialisiert. In einem Raum, wo getrunken wird, muß man trinken. Sowie mein Glas leer ist, erscheint dienstbeflissen der Kellner. Trinke ich es nicht schnell genug aus, so umschleicht er mich mit einem leichten Vorwurf in den Zügen. Der Whisky schmeckt mir heute gar nicht so schlecht. Aber es erscheint mir doch vernünftiger, vor dem vierten Glas zu gehen. Ich spreche vor einem französischen Publikum. Ich trinke einen Cocktail bei einer Französin, alle Gäste sind Franzosen mit Ausnahme von zwei Amerikanern, die französisch sprechen. Und dabei bin ich hier keineswegs in einem kolonisierten Land, wo die Sitten den Umgang mit den Eingeborenen untersagen – im Gegenteil: wir sind das, was man hier eine Kolonie nennt. Ich möchte da gerne raus und bin freudig erregt, als ich zu A. M. komme, der mich zum dinner eingeladen hat: endlich komme ich in ein amerikanisches Haus! Aber abgesehen von Richard Wright, den ich von Paris her kenne und dem ich hier zu meiner Freude wieder begegne, sind alle Gäste Franzosen. Sogar Leute von der Botschaft sind da, und alles spricht in einem sehr offiziellen Ton französisch über Frankreich.
Alle diese Franzosen, die ich treffe, bemühen sich, mir Amerika auseinanderzusetzen, und ich muß mir ihre Erfahrungen zunutze machen. Fast alle vertreten einen extremen Standpunkt: entweder hassen sie das Land und warten nur darauf, es verlassen zu können – oder aber sie beweihräuchern es mit jenem Übereifer, den unsere Kollaborateure Deutschland gegenüber an den Tag legten.

 

Zur letzteren Gattung gehört der Universitätsprofessor R. Kaum daß er mir die Hand geschüttelt hat, muß ich ihm schon «versprechen», nichts über Amerika zu schreiben: dies ist ein so hartes, so widerspruchsvolles Land, daß es einem auch nach zwanzig Jahren noch nicht gelingt, es voll zu verstehen – es ist beklagenswert, es obenhin zu kritisieren, wie es gewisse Franzosen tun –‚ Amerika ist zu riesig, als daß auch nur das Geringste, was man über das Land sagen könnte, einer Wahrheit entspräche. Jedenfalls muß ich ihm «versprechen», nichts über die Farbigen zu schreiben – das ist ein schmerzliches und schwieriges Problem, über das man sich erst dann eine Meinung bilden kann, wenn man ein ungeheures Tatsachenmaterial zusammengetragen hat, und das erfordere mehr als die Dauer eines Menschenlebens. Und warum übrigens ist man in Frankreich so sehr auf die Negerfrage versessen? Ist nicht das geistige und künstlerische Schaffen der Weißen weit wertvoller? Selbst die Musik der modernen weißen Komponisten hat einen höheren Wert als der Jazz.
V. ist Antiamerikaner und erklärt mir voller Verachtung, daß seine Haltung die einzig mögliche für einen Franzosen ist, der in diesem Land lebt: wenn er sich nicht fügsam unterordnen müßte, so würde er in einem Dauerzustand von Revolte und unerträglichem Haß leben. Keiner der europäischen Werte ist hier anerkannt; und V. anerkennt keinen einzigen der amerikanischen Werte. Die Atmosphäre des Alltags erscheint ihm nicht atembar, New York verabscheut er. Die Haltung R.s ist mir durch ihre Unterwürfigkeit höchst zuwider, übrigens war er während des Kriegs Pétain- Anhänger: der geborene Kollaborateur. Andererseits weigere ich mich, zu glauben, daß es in diesem Land nichts Anziehendes geben sollte. New York hat mein Herz im Sturm genommen. Gewiß, in beiden Lagern sagt man mir: «New York ist nicht Amerika.» V. fällt mir auf die Nerven, wenn er erklärt: «Wenn Sie New York lieben, dann nur deshalb, weil es eine europäische Stadt ist, die sich an den Rand dieses Kontinents verirrt hat.» Dabei ist es allzu einleuchtend, daß New York nicht Europa ist. Aber noch mehr hüte ich mich vor P., einem anderen proamerikanischen Pétain-Anhänger, wenn er der «Fremden- und Judenstadt» New York die idyllischen Dörfer New Englands gegenüberstellt, wo Bauern leben, die hundertprozentige Amerikaner sind, und wo noch patriarchalische Sitten herrschen. So hat man uns allzuoft von dem «wahren Frankreich» gesprochen, das man dem korrupten Paris gegenüberstellte.
Noch habe ich nicht mitzureden, ich kann nur zuhören. Ich denke nur, daß Amerika eine Welt ist und daß man eine Welt so wenig akzeptieren oder zurückweisen kann, wie man die Welt akzeptieren oder zurückweisen kann. Es handelt sich darum, hier seine Freundschaften und seine Feindschaften zu wählen, hier seine Pläne und seine Revolten durchzufechten. Amerika – das ist ein Stück des Erdballs, hat eine Politik, eine Zivilisation, hat Klassen, Rassen, Sekten und Einzelmenschen; hier gibt es Diebe und Polizisten, Ingenieure und Künstler, Unzufriedene und Zufriedene, Ausbeuter und Ausgebeutete. Ich weiß sehr wohl, daß Liebe gegen Haß und Haß gegen Liebe stehen wird.

 

29. Januar
Ich bin wieder spät zu Bett gegangen. Aber irgend etwas ist in der Luft von New York, das den Schlaf überflüssig macht: vielleicht schlägt das Herz hier schneller als anderswo. Herzkranke schlafen wenig, und viele New Yorker sterben am Herztod. Ich jedenfalls bin recht glücklich über diesen Zustand: die Tage scheinen mir zu kurz. Das erste Frühstück im drugstore an der Ecke ist ein Fest. Orangensaft, Toasts, Milchkaffee – das ist immer wieder ein Vergnügen. Auf meinem Drehsessel nehme ich einen Augenblick lang am amerikanischen Leben teil: mein Alleinsein trennt mich nicht von meinen Nachbarn, die auch allein frühstücken; aber es ist mehr die Freude, zu ihnen zu gehören, die mich isoliert: sie frühstücken nur, sie nehmen am Fest nicht teil.
In Wirklichkeit ist alles Fest für mich. Die drugstores zum Beispiel faszinieren mich: jeder Vorwand ist mir recht, hineinzugehen. Sie sind für mich die ganze amerikanische Exotik. Ich hatte eine falsche Vorstellung von ihnen: bald hatte ich die langweilige Vision einer Apotheke, und bald – wegen des Wortes soda-fountain – stellte ich mir einen Zauberspringbrunnen vor, aus dem ganze Fluten von ice-cream, rosa und weiß, quellen. In Wahrheit sind sie die Nachfahren der alten Basare der Kolonialstädte und Niederlassungen des Far West, wo die Pioniere vergangener Jahrhunderte Arzneien, Lebensmittel, Handwerkszeug und alles zum Leben Notwendige vorfanden. Sie sind gleichzeitig primitiv und modern, was ihnen jene spezifisch amerikanische Poesie verleiht. Alle Gegenstände haben eine gewisse Familienähnlichkeit: den gleichen billigen Glanz, die gleiche bescheidene Heiterkeit. Die Bücher mit den cellophanierten Einbänden, die Zahnpastatuben, die Bonbonschachteln – sie alle sind von der gleichen Farbe. Man hat den vagen Eindruck, daß die Lektüre nach Zucker schmecken Wird und daß die Bonbons Geschichten erzählen werden. Ich kaufe Seifen, Hautcreme, Zahnbürsten. Die Hautcrème ist wirklich fetthaltig und die Seifen schäumen wirklich: diese Ehrlichkeit ist ein Luxus, den wir bereits vergessen hatten. Sowie man aber von dieser Norm abweicht, wird die Qualität der Erzeugnisse ungewisser. Gewiß, die Geschäfte der 5. Avenue tragen auch dem verwöhntesten Geschmack Rechnung, aber diese Pelze, diese Schneider von internationaler Eleganz sind ein Reservat der kapitalistischen Internationale. Was nun die demokratischen Läden betrifft, so erregen sie zunächst durch ihren Überfluß und ihre schillernde Verschiedenartigkeit unser Entzücken; die Herrenoberhemden sind schön, über die Schlipse kann man geteilter Meinung sein, die Handtaschen und Damenschuhe sind ausgesprochen häßlich, und aus dieser verschwenderischen Fülle von Kleidern, Blusen, Röcken und Mänteln hätte es eine Französin schwer, eine Auswahl zu treffen, ohne ihren guten Geschmack zu verletzen. Und sehr bald stellt man fest, daß unter der bunten Hülle alle Schokoladen den gleichen Erdnußgeschmack haben und daß alle bestsellers die gleiche Geschichte erzählen. Und warum gerade diese eine Zahnpasta wählen? Diese unnütze Überfülle hat einen Nachgeschmack von Mystifikation. Da gibt es tausend Möglichkeiten – und es bleibt doch immer die gleiche. Du hast eine tausendfache Auswahl – und eine ist soviel wert wie die andere. So kann der amerikanische Bürger von seiner Freiheit im Innern des ihm auferlegten Lebens Gebrauch machen, ohne darauf zu kommen, daß dieses Leben selbst nicht frei ist.

 

Ich allein bleibe vor den Auslagen stehen, dabei sind diejenigen, die Dalí entworfen oder inspiriert hatte, wirklich bemerkenswert: diese Handschuhe, die wie Vögel zwischen den Bäumen fliegen, diese Schuhe zwischen den Algen – selbst in Paris gibt es nur ein oder zwei Geschäfte mit Auslagen dieser Art. Wenn man Eintritt bezahlen müßte, um dieses Modeschauspiel zu bewundern, wäre kein Platz zu haben; aber das Schauspiel kostet nichts, und nicht einmal die Frauen, die vorübereilen, schauen in die Auslagen: alles rennt mit Riesenschritten einem Ziel entgegen. Andere, etwas phantasielosere Auslagen erinnern an die weihnachtlichen Schaufensterdekorationen der großen Warenhäuser: da sieht man den Broadway zu verschiedenen Zeitaltern, elegante Frauen im Kostüm von 1900 steigen unter einer altmodischen Straßenlaterne in eine Kalesche. Als wirkliche Touristin amüsiert mich das alles. Den Nachmittag und den Abend verbringe ich mit alten Freunden, die 1940 nach New York geflüchtet sind, Rotspanier. Ich weiß, daß für viele Flüchtlinge Amerika nur ein Exil gewesen ist, das sie nicht geliebt haben. Auch diese hier lieben es nicht. Sie sagen: das Leben in New York ist grausam für die Entwurzelten, Armen.
C. L. ist Maler und hat in Berlin, in Madrid und Paris – wie viele Künstler – in einer Art Halbelend gelebt. Aber in Europa hatte die Armut nichts Entehrendes; einem vermögenslosen Künstler stand das Bohème-Leben mit all seinen Möglichkeiten und Freundschaften offen: borgte man ihm Geld, so erwies man ihm eine Gefälligkeit, wie sie unter Freunden durchaus natürlich ist. Hier, sagt C., läßt man dich zwar nicht Hungers sterben, aber das Abendbrot, das man dir spendiert, das Geld, das man dir vorschießt, sind Almosen, die mit Verachtung gewährt werden und eine Freundschaft unmöglich machen. Selbst jetzt, wo sie ihre materielle Lage verbessert haben, leben meine Freunde in fast völliger Isolierung: es gibt keine Cafés oder Salons, in denen die Intellektuellen sich treffen, jeder lebt von jedem getrennt. Und die Entfernungen sind so groß, sagt mir S. L., daß man es sich nach einem arbeitsreichen Tag sehr überlegt, noch eine Stunde U-Bahn zu fahren, um sich zu sehen. Es gibt Leute, die wir gern besuchen würden, aber wir müssen uns darauf beschränken, von Zeit zu Zeit eine telefonische Unterhaltung mit ihnen zu führen: Konservenfreundschaften, die all ihre Frische verlieren, so wie die in Eisblöcken erstarrten Erdbeeren. Unter diesen Bedingungen, ohne Kameraden, ohne Antrieb, ist das Künstlerische Schaffen eine besonders undankbare Sache. Ein unbekannter Maler kann weder das Interesse der anderen Maler, die ihn nicht kennen, noch dasjenige des aufgeklärten Publikums erregen – da es kein aufgeklärtes Publikum gibt. Ein Künstler, der bekannt werden will, hat kaum eine andere Chance, als sich einem Reklamefachmann anzuvertrauen. Ein solcher hat C. seine Dienste angeboten, und zwar hat er ihm drei Vorschläge unterbreitet: ein wenig Reklame, viel Reklame, eine Riesenreklame. Bei Nummer drei ist der Erfolg garantiert, sagt der Agent; Nummer zwei verspricht nur einige Aussichten. Aber selbst Nummer eins – die völlig zwecklos ist – ist für einen Maler, der nichts verkaufen kann, immer noch viel zu teuer. Wir kommen aus einem französischen Restaurant, wo wir eine Ente à l’orange gegessen haben, die einem Vorkriegs-Paris Ehre gemacht hätte; ich bin entzückt von der Schönheit der großen Avenuen unter einem Neonlichthimmel. Meine Freunde seufzen. Sie denken an Madrid, wohin es kein Zurück mehr gibt, an Paris, wo sie weder Wohnung noch Arbeit haben. Und ich fühle, daß New York auch ein Gefängnis sein kann.

 

30. Januar
Ich erforsche New York, Viertel um Viertel. Gestern war ich an den Ufern des Hudson und am oberen Broadway. Heute bin ich zwei Stunden lang den East River heraufgelaufen, dann war ich im deutschen Viertel, rund um die 90. Straße. New York schenkt mir die ganze Wonne einer Gebirgstour: Wind, Himmel, Kälte, Sonne, Müdigkeit. Wenn ich am Nachmittag um fünf Uhr in mein Hotel zurückkomme, bin ich so viel gelaufen und habe so viel gesehen, daß ich mich wie vergiftet fühle. Meine Beine tragen mich nicht mehr, aber meine vom Sehen ermüdeten Augen wollen immer noch mehr sehen. Neben meinem Hotel wird Henri V. mit Laurence Olivier gegeben, ich gehe hinein. Der Film hat mir gut gefallen, aber beim Verlassen des Kinos fühle ich mich nicht befriedigt: diese bunten Bilder haben mir nichts von Amerika erzählt. Indem ich sie sah, vergaß ich New York. Heute abend, stärker als an anderen Abenden, habe ich das Verlangen, die Stadt zu fassen – mit meinen Händen, meinen Augen, meinem Mund, irgendwie werde ich sie fassen. Ich laufe durch dieselben Straßen, die ich Sonnabend abend als Phantom durchlaufen habe. Jetzt habe ich Gestalt angenommen. Ich höre die Geräusche vom Times Square; ich sehe auf einem Riesenplakat den runden Mund des Rauchers, der echte Rauchringe ausstößt; ich streife die Leute, sie sehen mich. Und rund um mich ist die Stadt ein organisches Wesen geworden. Ich weiß, wo mein Hotel liegt. Das Haus unserer spanischen Freunde, das Haus von D. P. sind freundliche Wegweiser geworden. Von der 125. Straße bis zur Battery habe ich viele Straßen durchforscht …

 

Sonnabend machte mich meine völlige Ahnungslosigkeit glücklich – heute abend bin ich stolz auf mein Wissen: so wächst man über sich selbst hinaus. Ich gehe langsam. Ich wollte diese Lichter um meinen Hals schlingen, wollte sie liebkosen, verschlingen. Nun sind sie da – und was soll ich mit ihnen anfangen? Meine Hände, mein Mund, meine Augen haben keine Macht über diese Nacht. Da sind Bars und Restaurants: ich habe weder Durst noch Hunger. Da sind Geschäfte: aber nichts, was man dort kaufen kann, wird New York in meine Hände liefern. Ein Buch würde mich von New York entfernen. Rund um den Times Square herumzulaufen ist ebenfalls unnütz. Die Menschen scheinen alle so zu laufen wie ich – aber alle haben ein Ziel, die Nacht führt sie dem ersehnten Stelldichein entgegen. Ich ersehne nichts, nur einen Mythos: New York, das überall und nirgends ist.
Ich gehe in ein anderes Kino. Das Schwarz-Weiß der Leinwand ist Morphium für mich, und der amerikanische Dialekt der Schauspieler regt mich auf. Ein amüsanter Film: The Lady in the Lake, aber als ich das Kino verlasse, bin ich aufs neue enttäuscht – ich habe wieder New York vergessen. Eine lange Zeit war es der Film, der mir Amerika bedeutete, und ich erinnere mich, mit welch freudiger Erregung ich im August 1941 in Marseille wieder amerikanische Filme sah, nachdem ich «schwarz» über die Demarkationslinie gegangen war. Damals sah ich mir täglich drei amerikanische Filme an. Aber jetzt bin ich in Amerika, und es gelingt mir nicht, ein zusammenfassendes Bild zu gewinnen.

 

Ich trinke einen Orangensaft in einem drugstore, dann in einer Bar einen Whisky: wenn Amerika fern wäre, vielleicht würde es der Geschmack des Scotch mit einem Schlag wieder vor meinem Gedächtnis erstehen lassen – hier aber hat er keine Macht über mich, und wie könnte etwas wieder vor mir erstehen, das ich nicht gefunden habe? Ich gehe noch einmal ins Kino, diesmal in eine Wochenschau, nur damit keine fremde Geschichte mich von dem ablenkt, was ich suche; ich brauche das Schwarz-Weiß der Bilder wie ein Rauschgift, ich möchte, daß sie mich fesseln, ohne mich völlig abzulenken. Nach einer Stunde stehe ich wieder auf der Straße. Es ist Mitternacht. Die Stadt liegt unter jener verhexten und nervösen Helle, die die Mitternachtssonne in den weißen Nächten des Nordens verbreitet: man kann unmöglich schlafen gehen. In der 42. Straße zeigen Anschläge in schreienden Farben thrillings an. Ich bleibe stehen. Zu beiden Seiten der Kasse deformieren Zerrspiegel die Passanten. Ich gucke in die Spiegel und hätte Lust, Grimassen zu schneiden; Wolken jagen durch meinen Kopf. Ich trete ein. Diesmal gelange ich fast ans Ziel: der Film ist so albern, daß ich denke, das ist New York, ich bin in einem New Yorker Kino. Aber ich habe zu lange auf dieses Vergnügen Jagd gemacht, schnell verfliegt es, ich langweile mich. Mit dieser Langeweile komme ich nicht weiter – es ist zwei Uhr morgens, ich gehe heim.

 

31. Januar
Was das Alltagsleben in Amerika so angenehm macht, das ist die gute Laune und die Herzlichkeit der Amerikaner. Natürlich hat das auch seine Kehrseiten. Die unaufhörlich wiederholten gebieterischen Aufforderungen, «das Leben von der guten Seite zu nehmen», fallen mir auf die Nerven. Auf den Reklamen, ob sie nun Quaker-Oats, Coca-Cola oder Lucky Strike anpreisen – welch eine Überfülle von schneeweißen Zähnen: das Lächeln scheint ein Starrkrampf zu sein. Das junge, verstopfte Mädchen schenkt ein verliebtes Lächeln dem Zitronensaft, der ihren Därmen Erleichterung verschafft. In der U-Bahn, auf der Straße, auf den Seiten der Magazine verfolgt mich dieses Lächeln wie eine Zwangsvorstellung. In einem drugstore las ich auf einem Aushängeschild: Not to grin is a sin – nicht lächeln ist eine Sünde. Man fühlt die Vorschrift heraus, das System.
Cheer up! Take it easy! Dieser Optimismus ist für die soziale Ruhe und das wirtschaftliche Gedeihen des Landes unentbehrlich. Wenn ein Bankier einem jungen Franzosen, der in Verlegenheit ist, großzügig 50 Dollar ohne Sicherheiten leiht, wenn der Manager meines Hotels das leichte Risiko auf sich nimmt, die Schecks seiner Gäste anzunehmen, dann deswegen, weil dieses Vertrauen Voraussetzung einer auf Kredit und Geldumlauf fundierten Wirtschaft ist. Auch die Liebenswürdigkeit ist genormt. Heute nachmittag ging ich einen Scheck einlösen. Kaum hatte ich die Bank betreten, als mir auch schon ein galonierter Beamter entgegenkam, um mir behilflich zu sein: ich hätte meinen können, er erwarte mich. Er führte mich in eine Art hall, wo Schreibtisch neben Schreibtisch stand. Auf jedem Schreibtisch steht ein Schild, das dem Publikum den Namen des Angestellten anzeigt. Ich setze mich und zeige meine Papiere Mr. John Smith: das ist kein anonymes Räderwerk, und ich bin keine anonyme Kundin. Seine Höflichkeit gilt mir, mir persönlich. Er zeichnet meinen Scheck ab, und sofort zahlt mir der Kassierer den mir zustehenden Betrag aus. In Frankreich hätte sich die Nachprüfung meines Schecks jenseits des Schalters, ohne jede Fühlungnahme mit meiner Person und fraglos unfreundlich abgespielt, und ich selbst wäre als einfache Nummer behandelt worden. Natürlich falle ich nicht darauf herein.

 

Diese dem Bürger bezeigte Achtung ist völlig abstrakt: dasselbe höfliche Lächeln, das Mr. David Brown zusichert, daß er eine einmalige Einzelerscheinung sei, wird auch Mr. John Williams – ebenfalls eine einmalige Einzelerscheinung – zuteil; nichts ist universeller als diese jedem einzelnen mit einer gewissen Feierlichkeit zuerkannte Besonderheit. Man wittert die Mystifikation. Diese ihm erwiesenen Aufmerksamkeiten bringen es mit sich, daß der Amerikaner sich nicht aufzublasen braucht, um das Gefühl seiner Menschenwürde zu haben. Die Herzlichkeit der Verkäufer, Angestellten, Kellner und Portiers ist vielleicht Geschäftstüchtigkeit, unterwürfig aber ist sie nie. Sie sind nicht verdrießlich oder steif; und wenn ihre Liebenswürdigkeit auch sehr materielle Ziele verfolgt, so ist
sie doch deswegen nicht minder echt. Wir haben die deutschen Soldaten für die Art und Weise, in der sie grausame Befehle ausführten, für verantwortlich gehalten, und in der Tat: der Mensch ist niemals passiv; im Gehorsam verpfändet er seine Freiheit, und wer sich dem Bösen unterwirft, übernimmt es auf eigene Rechnung. Dieses Übernehmen vollzieht sich meist durch Erdichtungen und Initiativen hindurch, die die Verantwortlichkeit klar erkennen lassen.
So läßt auch der amerikanische Bürger die Reklame für das Lächeln nicht passiv über sich ergehen: mag auch dieser Optimismus im Grunde kommandiert sein, so ist doch er es, der Bürger, der aus freien Stücken herzlich, vertrauensvoll und großzügig ist; und seine Freundlichkeit ist um so weniger in Zweifel zu ziehen, je weniger er – eigentlich mehr mystifiziert als mystifizierend – an dem Erfolg des Systems interessiert ist.

 

Wie ich auch über die amerikanischen Ideologien denken mag, immer werde ich eine warme Sympathie für die Taxichauffeure, die Zeitungsverkäufer und Schuhputzer empfinden, kurz: für alle, deren Haltung uns Tag für Tag vor Augen führt, daß die Menschen untereinander Verbündete sein könnten. Sie umgibt eine Atmosphäre von Vertrauen, Heiterkeit und Freundschaft.
Der liebe Nächste ist nicht a priori ein Feind, und auch, wenn er sich täuscht, wird er nicht sofort für schuldig gehalten. Ein solches Wohlwollen ist in Frankreich sehr selten geworden. Ich bin Ausländerin: das ist hier weder ein Fehler noch eine Überspanntheit. Man lacht nicht über meine kümmerliche Aussprache – man gibt sich um so mehr Mühe, mich zu verstehen. Wenn ich kein Kleingeld habe, um den Taxichauffeur zu bezahlen, unterstellt er mir nicht schlechten Willen: er ist mir behilflich, welches zu beschaffen oder verzichtet großzügig auf ein paar Cents. Für die Taxichauffeure habe ich übrigens eine besondere Zuneigung. Während der ganzen Fahrt unterhalten sie mich, dabei ist es oft schwer, sie zu verstehen; es gibt welche, deren Dialekt sogar die New Yorker außer Fassung bringt. Viele Chauffeure waren während des Kriegs in Frankreich, und so sprechen wir von Paris.

 

Und jedesmal denke ich gerührt: das ist also einer von diesen Männern, die wir mit soviel Freude und Liebe empfangen haben, einer von denen, deren Helm und deren Uniform für uns Befreiung bedeutete. Es ist wunderlich, hier diese namenlosen Soldaten wiederzufinden, jeden mit seinem Namen und seinem Privatleben, welche damals aus einer unerreichbaren Welt kamen, einer Welt, die von unserem Elend getrennt war durch Schranken aus Eisen und Feuer. Sie haben für Paris eine etwas herablassende Sympathie, wie jener Zollbeamte, der mir bei der Ankunft sagte:
«Sie kommen aus einem schönen Land, aber Sie kommen in ein noch schöneres.» Seit ich mir einen Schnupfen zugelegt habe, hat ihre Herzlichkeit einen grollenden Unterton angenommen; dabei ist das Klima von New York daran schuld, das übergangslos von warm auf kalt überspringt. In ihren Augen aber schleppe ich mich mit einem jener bedauerlichen Laster aus dem alten Europa herum. Sie fragen mich ernst: «Sie haben einen Schnupfen?» und sind ein wenig skandalisiert. Ein guter amerikanischer Bürger ist nicht krank, und für einen Ausländer ist es eine Unhöflichkeit, sich in New York einen Schnupfen zu holen. Sie empfehlen mir Heilmittel, und einer holt sogar aus seiner Tasche Pillen, die er mir anbietet. Neulich war ich voller Mißtrauen, sowohl gegen R. als auch gegen V. Ich will kein voreiliges Urteil über Amerika fällen. Aber abgesehen von der Schönheit New Yorks bin ich doch einer Sache ganz sicher: das ist die menschliche Wärme, die im amerikanischen Volk lebt.

 

 

Simone de Beauvoir
New York, mon amour
Reisetagebuch
Hg. und mit einem Vorwort von Susanne Nadolny
Mit Fotos von Andreas Feininger
192 S., Halbleinen
CHF 30.50. 19.80 Euro.
ISBN 978-3-86915-032-1

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