FRONTPAGE

«Peter Handke: Eine epische Maigeschichte»

Von Ingrid Isermann

 

Peter Handkes (*1942) neue Erzählung heisst «Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte». Was es mit dem zweiten Schwert auf sich hat, erschliesst sich erst langsam später. Doch wie hier auch Alltägliches, Nebensächliches, Bedeutendes mit genuinen poetischen Betrachtungen auf frühlingshaften Spaziergängen zur Hauptsache wird, das ist Leben in Literatur verwandelt. Und vice versa.

«Das also ist das Gesicht eines Rächers! sagte ich zu mir, als ich mich an dem bewussten Morgen, bevor ich mich auf den Weg machte, im Spiegel ansah»: Handke wirft den Blick eines Rächers in den Spiegel – Selbstironie en passant? Das steht ihm gut, dem seiner proserbischen Haltung wegen umstrittenen Autor und gefeierten Nobelpreisträger (2019), der sich seit seiner «Publikumsbeschimpfung» (Theaterstück 1966) um Kritiker foutierte. Es ging ihm dabei generell ums Theater, sprich Kritik im Allgemeinen, die in Handkes Fokus steht. Kritik im Besonderen an die Adresse von Zeitungen und Journalisten, aufzuzeigen, dass die «…besser wissenden, allesdeutenden, allesbeurteilenden, den Dingen enthobenen…» Medien für leichtfertige oder auch falsche Meldungen keine Verantwortung übernehmen, wenn sie einmal in der Welt sind und so «den wehrlosen Opfern nie wiedergutzumachendes Unrecht zufügen», wie es im neuen Erzählband heisst. Die Diskrepanz zwischen Journalismus und Literatur gleicht tatsächlich gewissermassen einem Akt auf dem Hochseil. Da hilft anscheinend oft nichts anderes, als sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen.

 

 

«Während der drei Tage vor meinem Mich-auf-den-Weg-Machens für die Rache-Aktion zog ich mich fast stündlich eigenhändig am Schopf, aber nicht, um mich vom Boden abzuheben und fort, hinter die Horizonte, zu schrauben, sondern um mich zu verankern, oder bodenständig zu machen, da mit beiden Beinen zu stehen, wo ich jetzt und hier war, und, o Wunder oder auch nicht, für einmal heimisch war. Wie rupfte ich jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen mir den Schopf, mit der linken Faust, dann mit der rechten, riss und rüttelte, stark und stärker, nah an einem Gewaltakt gegen mich selber – von aussen gesehen vielleicht einer, der dabei war, sich selber den Schädel abzureissen -, und spürte das doch als eine Wohltat, die von oben nach unten allmählich bis in die Schenkel, die Knie, die kleinste Zehe den ganzen Körper, und nicht allein den, erfüllte, still durchpaukte, tonlos durchtrommelte mit von Stunde zu Stunde neu bedrohter Ortsfestigkeit.

Jene Tage freier Zeit, sie waren dabei spürbar befristet, und am deutlichsten bekam ich das zu spüren beim Blick von der Strasse aus in die leeren Schulräume. Alle die grossen Fenster waren schon geputzt, Boden und Tische gewaschen-gewischt. Doch hatte solch Bild der Befristung, ähnlich all den anderen örtlichen Zeitgrenzenbildern, nichts Eintrübendes».

 

Während des Lesens kommen einem fortwährend eigene Gedanken in den Sinn, ja, wie war das eigentlich damals? Die Schulräume, die Wandtafel, der Globus in der Ecke, oder ist hier gar der Corona-Stillstand hellseherisch vorweggenommen? Entschleunigung ist bei Peter Handke kein Modewort. Für den in Chaville bei Paris lebenden Autor ist es seine ureigene Methode, der er nachlebt. Wer in dieser Erzählung eine stringente Handlung oder einen Plot erwartet, sucht vergebens. Manche Kritiker fanden die Beobachtungen und Betrachtungen daher langweilig, denn es gibt keine Handlung, die einem Höhepunkt zustrebt, doch die Sätze nehmen einem mit auf eine meditative Reise, fernab von Ort und Zeit. Zeilen reinster Meditation, ein epischer Ton der Mystik. Im Augenblick liegt Ewigkeit, wäre eine Interpretation solcher Zeilen, deretwegen man das Buch gerne zweimal in die Hand nimmt.

 

 

Was nun hat Handkes heftigen Zorn erweckt? Es war ein Zeitungsartikel, der auf ihn abzielte, seine Mutter (1920-1971), eine Kärntner Slowenin, sei eine der Millionen aus der einstigen grossen «Donaumonarchie» gewesen, für welche die Einverleibung Österreichs ins «Deutsche Reich» Anlass zu Freudenfesten gewesen sei, seine Mutter habe gejubelt. Sie sei eine Anhängerin, eine Nazi-Parteigenossin gewesen. Eine Photomontage zeigt mit stark vergrössertem Kopfbild seine damals siebzehnjährige Mutter, eingefügt in eine heil-schreiende Menschenmasse auf dem Heldenplatz. Handke ist empört und will die Journalistin, die ganz in der Nähe seiner Wohnung bei Paris lebt, aufsuchen und zur Rede stellen. In der Hosentasche mit einem Klappmesser bewaffnet, macht er sich mit düsteren Gedanken auf den Weg. Die Reflektionen über Frauen begleiten ihn auf der Tramfahrt, wo er im Lautsprecher die Stimme einer ehemaligen Freundin erkennt, die zu einer Feindin wurde. Ein umgekehrtes MeToo? Die zirkulierenden Gedanken verhindern planmässig vorzugehen, sondern stattdessen ständig abzuschweifen, physisch und mental. «Als ich an mir herabschaute – , merkte ich, dass meine Füsse in völlig verschiedenfarbigen Socken steckten».

 

 

Vor allem die Einbildung sei es, so Handke, und nicht die Vernunft, die den Anschein von Schönheit, von Glück und Gerechtigkeit hervorbringt: «Einbildung Gerechtigkeit, in meiner Einbildung gibt’s keine Gerechtigkeit mehr auf Erden ohne Gewalt, und von daher das Recht des Schwertes, gegen das scheinbar höchste Recht, welches die höchste Ungerechtigkeit ist, nicht nur im Fall «Meine Mutter». Recht des Schwertes: wahrhaftes Recht! Für die Übeltäterin von jenseits des Flusses, die auf der anderen Seite des Wassers lebt, ist es die höchste Gerechtigkeit, sie, so oder so, zu töten».

 

 

Auf dem Weg zu Fuss durchs Gestrüpp und die blühende Natur und der Fahrt mit dem Tram über das Ile-de-France-Plateau zu seiner Gerechtigkeit begegnen Handke Zeichenhaftigkeiten, wie ein pensionierter Richter, die ihn mehr oder weniger zu bestätigen scheinen, bis er zu bedenkenswerten Gedankenspielen des Scheins gelangt: «… den Schein als Zusatz. Mit anderen Worten: Licht? Glanz? Schimmer? Halo? Glorie, himmlische, irdische? Also, der Schein, den ich meine, ist der Schein, und er ist durch kein anderes Wort zu ersetzen, Schein ist nicht Einbildung, und er wird auch nicht hervorgerufen von der Einbildungskraft, aus dem Nichts. Der Schein, er ist für sich, und von sich aus, Materie; ist Stoff; Urstoff, Stoff der Stoffe. Und die Materie des Scheins ist unerforschlich, zu erforschen von keiner der Wissenschaften, auch nicht zu bemessen nach Länge, Breite, Höhe und Volumen mit der Mathematik, der hellsten der Wissenschaften, und der falschesten – dabei doch die meine, meine erste… Ja, erforschen, was zu erforschen ist, und das Unerforschte schweigend verehren. (…) Pazifik des Scheins. Ohne Schein: ich und mein Nichts».

 

 

Und was ist mit der Rache des Rächers der Mutter? Es kommen ihm, nicht nur im Traum, Erinnerungen an sie hoch, an ihre Schwermut, an ihr Schicksal, an ihr Erzählen, an ihr Lachen, an ihre Schönheit. In einer Gaststätte meint der Autor, die Täterin, «diejenige, die ihre Ahnungs- wie Achtlosigkeit meiner Mutter ins Grab nachgerufen hatte», in einer Fernsehsendung zu erkennen, «sie schrieb immer etwas auf mit einem überlangen Bleistift, von dem ich wünschte, er bräche in der Mitte entzwei».
Doch plötzlich rollten die Murmeln woandershin, die Übeltäterin gehörte gar nicht in seine Geschichte, es war kein Platz für sie darin. Und das war seine Rache. Das genügte und wird Rache genug gewesen sein. Das zweite Schwert.

 

 

Peter Handke
Das zweite Schwert.
Eine Maigeschichte
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
Paperback, 158 S.
CHF 29.90
ISBN 1978-35-18429402

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