FRONTPAGE

«Die Zürcher Schauspielerin Rachel Braunschweig: Tatort & Netflix»

Von Rolf Breiner

 

Man kennt ihr markantes Gesicht aus Filmen wie «Die göttliche Ordnung» oder «Zwingli». Die Zürcherin Schauspielerin Rachel Braunschweig verkörpert die Staatsanwältin in den aktuellen Schweizer «Tatorten» und die Bäuerin Katherina in der TV-Serie «Neumatt».

Die 53jährige Schauspielerin ist auch bei der zweiten Staffel dieser Schweizer Produktion dabei, die nun von Netflix erfolgreich weltweit verbreitet wird.

 

«Es fiel mir schwer mich zu fokussieren – jetzt bin ich für Hauptrollen bereit»

Markant einprägsam: Die Schweizer Schauspielerin Rachel Braunschweig ist seit über 25 Jahren im Geschäft, auf Bühnen und vor Kameras. 2017 wurde sie mit dem Schweizer Filmpreis Quartz für die beste Nebenrolle im Film «Göttliche Ordnung» ausgezeichnet. Im neuen Schweizer «Tatort»-Team verkörpert sie die Staatsanwältin Anita Wegenast. Seit März steht Rachel Braunschweig vor der Kamera für die zweite Staffel der Erfolgsserie «Neumatt». Wir trafen uns im Zürcher Zollhaus, Cafe Gleis, zu einem ausgiebigen Gespräch.

 

Sicher eine Frage, die Sie schon häufiger gehört haben: Sie sind in Horgen am Zürisee aufgewachsen. Doch was hat Ihr Name mit der norddeutschen Stadt zu tun?

Rachel Braunschweig: Gar nichts. Ich hatte meine ersten Theaterengagements an norddeutschen Bühnen in Hannover, Wilhelmshafen und Hamburg. Mehr nicht.

 

Ihr Mann Michael Hasenfuss stammt aus Deutschland und ist ebenfalls künstlerisch tätig..?

Er ist auch Schauspieler, aber vor allem als Autor tätig. Er schreibt Theaterstücke und Hörspiele.

 

Ihr Name wie auch der Ihrer Kinder Ezra und Yaira lässt auf jüdische Wurzeln schliessen…

Da kommen wir wieder auf Braunschweig.  Mein Grossvater und seine Familie sind schon seit 200 Jahren in der Schweiz in Lengnau/Endingen. Nur dort durften jüdische Familien siedeln. In dem Roman Melnitz von Charles Lewinsky ist diese Welt sehr eindrücklich beschrieben. Ein Lesetipp! Den Namen väterlicherseits habe ich behalten.

 

Ich habe erfahren, dass Sie auch pädagogisch aktiv sind, früher an Fachhochschulen in Luzern oder an der ZHDK in Zürich, und nun…?

Ich gebe immer wieder mal Kurse oder Workshops in Sachen Auftrittskompetenz, beispielsweise für Studierende am KV Luzern Berufsakademie, auch im Kanton Aargau oder Zürich für Jugendliche in der Bewerbungssituation.

 

Vor fünf Jahren wurden Sie mit einem Quartz ausgezeichnet. Was bedeutet solch eine Auszeichnung für Sie, was kann sie bewirken?

Egal ob Nomination beispielsweise für «Spagat» oder der Quartz – es ist sicher eine Anerkennung für die Arbeit, die man mit Herzblut und Leidenschaft geleistet hat. Ja, das bedeutet etwas: Man wird wahrgenommen. Das ist ein Antrieb und Ansporn zum Weitermachen. Und diese Wahrnehmung kann zu weiteren Projekten und spannenden Rollen führen.

 

Sie waren ja bereits vor den Auszeichnungen gut im Geschäft…

Ich war vor allem als Theaterschauspielerin gut im Geschäft. Ich habe relativ spät beschlossen, mich auf den Film zu fokussieren. Ich war so etwas wie ein Mischkonzern, weil ich viele verschiedene Dinge gern tue und kann.

 

Haben Sie das Theater abgeschrieben?

Nein, ich werde wieder spielen, und zwar im Theater Marie in Aarau, das Manuel Bürgin im Kollektiv übernimmt, der zurzeit das Theater Winkelwiese in Zürich leitet. Martina Clavadetscher schreibt ein Stück nach Motiven von «Die Räuber» von Friedrich Schiller. Es soll «This is a Robbery» heissen. Premiere ist dann im Januar in Aarau mit anschliessender Tournee.

 

Nun stecken Sie in den Dreharbeiten zur zweiten Staffel «Neumatt». Sie spielen die Rolle der  Bäuerin Katharina Wyss. Wie läuft es ?

Katharina macht eine grössere Entwicklung. Sie löst sich vom Hof, von ihren Kindern und geht in die Stadt.

 

Ist das ein Akt von Emanzipation?

Ja, ich glaube schon. Sie löst sich von der Bauernidentität und findet sich in etwas Neuem wieder.

 

Die Dreharbeiten in und um Uster gehen bis Anfang Juli. Die achtteilige Serie «Neumatt» ist zum Verkaufsschlager geworden.

Netflix hat die erste Staffel gekauft, die erste Schweizer Serie überhaupt. Ab 13. Mai wird die erste Staffel von Netflix ausgestrahlt. Sie wird in 190 Ländern in 30 Sprachen zu sehen sein.

 

Sie haben es geschafft, sind gefragt. In Berlin haben Sie eine Agentur und in der Schweiz?

Nein, hier kommen die Anfragen quasi von selbst. Hier habe ich mir einen Namen gemacht.

 

Im Zürcher «Tatort» sind Sie weiter am Ball, nehme ich an.

Genau, inzwischen sind die Folgen 4, 5 und 6 abgedreht, im nächsten Jahr geht’s weiter.

 

Und wie sieht es mit Kinoproduktionen aus?

In Rom war ich bei einer internationalen Produktion dabei: «The Swarm», ein achtteiliger Öko-Thriller nach dem Bestseller «Der Schwarm» (2004) von Frank Schätzing. Ein weiteres Kinoprojekt wurde um ein Jahr verschoben, eine Schweizer Produktion von Condor Films. Es handelt sich um einen historischen Kriminalfall um 1900, basierend auf einer wahren Geschichte.

 

Kann man Sie auch irgendwo hören?

Ja, tatsächlich. Im Museum Rietberg, Zürich, gibt es die Ausstellung «Im Namen des Bildes. Das Bild zwischen Kult und Verbot im Islam und Christentum» (bis 22. Mai). Da hat mein Mann ein unterhaltsames Hörspiel geschrieben, das wir zusammen eingesprochen haben. Im Juni nehmen wir zudem eine Hörspielbearbeitung des Sommernachtraums für den SRF auf mit dem Titel: «Mir war, als wär’ ich».

 

 

Haben Sie nicht auch Lust zum Schreiben, zum Regie führen?

Regie zu führen, würde mich schon mal wieder reizen. Mit einer Freundin in Berlin arbeite ich gerade an einem Stoff. Mehr sei noch nicht verraten.

 

Rachel Braunschweig

 

29. Mai 1968 in Horgen geboren und dort aufgewachsen

Sternzeichen: Zwilling

Ehemann Michael Hasenfuss  (55)

Rachel Braunschweig, geboren in Zürich, studierte Schauspiel an der Zürcher Hochschule der Künste. Nach Festengagements in Wilhelmshaven und Hannover sowie als Gast am Schauspielhaus Hamburg lebt sie inzwischen als freischaffende Schauspielerin in Zürich. 

Für ihre Darstellung der Theresa im international erfolgreichen Kinofilm DIE GÖTTLICHE ORDNUNG erhält sie 2017 den Schweizer Filmpreis.

2019 kann man sie im Kinofilm ZWINGLI als Fürstäbtissin Katharina von Zimmern sehen.

Ab 2020 ist sie als Staatsanwältin Anita Wegenast im Hauptcast mit Carol Schuler und Anna Pieri Zuercher im neu gestalteten schweizer TATORT die Dritte im Bunde.

Weltpremiere feiert sie beim renommierten San Sebastián International Filmfestival mit dem Kinofilm SPAGAT / шпагат von Christian Johannes Koch. Sie spielt darin die Hauptrolle Marina. Für ihre Leistung ist sie für den Schweizer Filmpreis in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ nominiert. An ihrer Seite spielen Alexey Serebryakov (LEVIATHAN) und Michael Neuenschwander. Der Film gewinnt 2021 den Zürcher Filmpreis.

Sie gehört zum Hauptcast der Drama-Serie NEUMATT, die von Zodiac-Pictures und vom SRF produziert wurde. Regie führten Sabine Boss und Pierre Monnard. Die erste Staffel wird im Herbst 2021 ausgestrahlt, die Dreharbeiten für die zweite beginnen im Frühjahr 2022.

2021 dreht sie für die internationale Koproduktion THE SWARM in englischer Sprache und vier Folgen des schweizer TATORTs. Für ihre Rolle der Staatsanwältin Anita Wegenast erhält sie 2021 den Schweizer Fernsehpreis Prix Swissperform

 

 

«Rückblick aufs 75. Filmfestival Locarno 2022 –  Ein Jubiläum mit Frauenpower»

 

rbr. Das Filmfestival feierte Comeback und Jubiläum – ohne Einschränkungen und mit viel Power. Die 75. Ausgabe des grössten der kleinen Filmfestivals in Europa lockte eine grosse Zuschauerzahl: 128 500 Zuschauer und Zuschauerinnen besuchten das Festival, 56 500 die Piazza Grande, 72 000 die Filmsäle. Das entspricht einem Zuwachs von 60,4 Prozent gegenüber 2021. Wir picken einige Highlights, aber auch Schwächen heraus.

 

Das Herz des Festivals. Keine Frage, die Piazza Grande ist und bleibt das Mass aller Dinge. Kein anderes Festival kann solches Ambiente, so einen Schauplatz bieten wie dieses stimmige Openair-Kino. Einmalig eben auch für Filmemacher, Filmschaffende und andere Filmakteure. Da lässt es sich eine Regisseurin wie Anna Gutto trotz unstabilem Wetter nicht nehmen, vom Festivalsaal Fevi (der Marke Mehrzweckhalle) auf die Piazza zu wechseln, um dort ihr Roadmovie «Paradise Highway» mit ihrer Crew auf der gigantischen Leinwand live zu erleben.
Gewollt knallig wurde das Festival mit «Bullet Train» eröffnet (ausverkauft). Viel leiser, aber eindrücklicher präsentierte sich das Sozialdrama um eine Mutter und ihre Tochter aus Eritrea in Zürich: «Semret» von Caterina Mona. Grossen Gefallen fand das Publikum offensichtlich an der belgisch schweizerischen Koproduktion «Last Dance». Der verschmitzte und doch «todernste«» Spielfilm um einen alten Mann, der nach dem Verlust seiner Frau in ihre Fussstapfen tritt und sich einer Tanz- und Bewegungstruppe anschliesst, erhielt den Publikumspreis (Prix du Public). Eher störend und selten überzeugend waren die die Filmschnipsel vorweg auf den Piazza unter dem Motto «Postcards from the Future», initiiert von Direktor Giona A. Nazzaro und Stefano Knuchel. Elf Filmschnipsel verwehten wie sie gekommen waren, bis auf die Ausnahme, die Postkarte von Fredi M. Murer war gekonnt verschmitzt, humorvoll.

Wettbewerbe. Das Niveau des Internationalen Wettbewerbs um die Leoparden hatte wie so oft wenige Licht- und mehr Schattenseiten. Die meisten Filme werden kaum Eingang in den normalen Kinobetrieb finden. Wohl möglich, dass dies der Siegerfilm «Regra 34» (Regel 34) der Brasilianerin Julia Murat schafft. Er beschreibt wie Simona, eine angehende Juristin, die sich mit häuslicher Gewalt besonders gegen Frauen befasst, selber aber Grenzen der Sexualität und Internetprostitution, sexueller Praktiken und Obsessionen (BDSM) auslotet und ausprobiert.
Der Schweizer Beitrag «De noche los gatos son pardos» von Valentin Merz bot ein seltsames Konglomerat aus Sexsprengseln, Drehaktionen im Urwald und Krimisequenzen. Ein Filmregisseur war verschwunden und wurde irgendwann tot aufgefunden, und es gibt weitere Opfer. Der Streifen wurde mit einer speziellen Erwähnung bedacht in der Sektion «First Feature» und hat bereits eine Starttermin in der Schweiz, am 13. Oktober.
Der Film «Serviam – Ich will dienen» über die Machenschaften einer Ordensschwester (Maria Dragus) in einem Mädcheninternat entpuppte sich eher als Ärgernis denn als Entdeckung. Bemerkenswert ist das filmische Kunstspiel vom Russen Alexander Sokurow. In «Skazka» treten die Diktatoren Stalin, Mussolini und Hitler sowie Premier Churchill aufeinander und begehren am Höllentor Eingang ins Himmelreich (?). Thematisch höchst aktuell ist die österreichische Dokumentation «Matter Out of Place», eine Reise zu Müllhalden, Müllmännern, Müllentsorgern und Müllsammlern – ohne Kommentar. Die Bilder verschmutzter Seen, Strassen und Städten sprechen für sich. Nur was hat dieser starke Müll-Film im Wettbewerb zu tun, der mit Spielfilmen bestückt ist?

 

 

Schwerpunkte. Auffallend viele Filme befassten sich Pubertät und Erwachsenwerden. In «Astrakan» (Frankreich) beispielsweise macht das zwölfjährige Waisenkind Samuel seiner Pflegefamilie das Leben schwer, eckt an, rastet aus, stört. Ein hoffnungsloser Fall? Der Kanadier Trevor Anderson schildert in «Before I Change My Mind», wie der Neuling Robin versucht, in der Klasse und unter Seinsgleichen Fuss zu fassen. Ausgerechnet bei einem Mitschüler Marke Schläger findet er einen Freund oder doch nicht…? Vom Schweizer Film «Semret» war bereits die Rede, wo ein junge Eritrerin ihre Mutter herausfordert und ein Trauma aufreisst. Auffällig viele markante Filme trugen die Handschrift von Frauen vom Leopardensieger «Regra 34» über «Human Flowers of Flesh» von Helena Wittmann und «Paradise Highway» von Anna Gutto bis «Where the Crawdads Sing» von Olivia Newman.

 

 

Porträts. Auf völlige verschiedene Art näherten sich Filmer zwei Persönlichkeiten. Der Schweizer Kaspar Kasics liess sich auf die Autorin Erica Jong («Angst vorm Fliegen») ein und war von ihr total befangen. Seine Porträtarbeit «Erica Jong – Breaking the Wall» basiert auf vielen Gesprächen, die sie dominiert, aber auf Dauer ermüden. Wunderbar die Bilder (Isabelle Casez) am Anfang und am Schluss: ein menschenleeres New York und ein fast verträumtes Venedig.
Ganz anders André Schäfer. Er lädt zu einer Reise mit dem Erfolgsautor Martin Suter ein – von Auftritten mit Stephane Eicher bis zu persönlichen Gesprächen, etwa mit der Tochter, dem Verleger, Wegbegleitern und Romanfiguren. Schäfer mischt amüsant-gekonnt fiktive Romanszenen mit Begegnungen und Statements des Literaten: «Alles über Martin Suter. Ausser die Wahrheit». Der ironische Titel verrät: Hinter den Bilder steckt viel Wahrheit.

 

 

Nachhaltige Begegnungen. 36 Jahre danach war die stilbildende Musikdokumentation «Home of the Brave» in Locarno wieder zu sehen. Der Film von und mit Laurie Anderson war frisch und innovativ wie dazumal. Und quicklebendig präsentierte sich die 75jährige Musikkünstlerin und Performerin auf der Bühne der Piazza. Vom begeisternden filmischen Zeugnis kreativen Ausdruckes könnte sich heute noch manche Künstler und Filmer eine Scheibe abschneiden. Ein Wiedersehen mit den Melodramen Douglas Sirks war ein Genuss, wenn auch die Bildqualität der Werke aus der Zeit zwischen 1934 und 1978 oft zu wünschen übrigliess, etwa bei «La Habanera» (1937), Sirks letzte deutsche Produktion noch unter dem Namen Detlef Sirck. Der Ton war okay, als Zarah Leander schmachtend schön ihre «Habanera» interpretierte.
Nachhaltig, wenn auch auf ganz andere Weise ist der ukrainische Spielfilm «Yak Tam Katia?» (Wo ist Katia?). Die 35jährige alleinerziehende Anna arbeitet hart als Notfallärztin und will ihrer Tochter Katia eine bessere Zukunft ermöglichen, doch dann erleidet die Zehnjährige in Kiew einen schwerwiegenden Unfall. Fahrerin ist die Tochter der Bürgermeisterin. Und diese will keine negativen Schlagzeilen und Anna bestechen, die verzweifelt ist, aber Moral zeigt…Christina Tynkevych dreht erbarmungslos an der Spirale von Verzweiflung, Wut, Korruption, Schuld und Sühne. Ein Drama, das sich auf viele Situationen heute übertragen lässt.

 

 

Einsichten, Aussichten. Mit den Ehrungen für Laurie Anderson und Costa-Gavras hatte Direktor Nazzaro ein gutes Händchen. Diese Anerkennungen sind verdient. Das mag in gewissem Mass auch für Schauspieler und Regisseur Mattt Dillon («City of Ghosts») zutreffen, der einen Lifetime Achievement Award erhielt. Dass Daisy Edgar-Jones («Where the Crawdads Sing») den Award des Leopard Clubs erhielt, ist wohl ihrem Image als Jugendtalent zuzuschreiben. Fazit: Das 75.Filmfestival Locarno schlug keine grossen Wellen, ausser dem Jubiläumsanlass. Immerhin konnte es in gewohntem Rahmen stattfinden. Der Wettbewerb war zwar vielseitig besetzt, konnte aber nur punktuell überzeugen. Es ist auch festzuhalten, dass Direktor Nazzaro ein Faible fürs Genrekino hat und entsprechend das Piazzaprogramm gestaltete – vom Killerthriller «Bullet Train» und Roadmovie «Paradise Highway» über Sozialdramen «Semret» und «Vous n’aurez pas ma haine» (You Will Not Have My Hate) bis zu ironischen Komödien wie «My Neighbor Adolf» und «Last Dance». Die Tatsache, von einigen heimlich erhofft, soll 2023 wahr werden: Präsident Marco Solari will nach der 76. Ausgabe zurücktreten.

 

 

Die Preise. Goldener Leopard (Concorso internazionale) für «»Regra 34«» von Julia Murat, Brasilien.
Jurypreis «Gigi la Legge»von Alessandro Comodin, Italien.
Leopard für beste Regie an Valentina Maurel und «Tengo sueños eléctricos», Belgien, Frankreich, Costa Rica.
Pardo für beste Schauspielerin an Daniela Marín Navarro in «Tengo sueños eléctricos».
Pardo für besten Schauspieler an Reinaldo Amien Gutiérrez in «Tengo sueños eléctricos».
Goldener Leopard (Cineasti del presente) für «Svetlonoc» (Nightsirenen) von Tereza Nvotová, Slowakei
Jurypreis (Concorso Cineasti del presente) für «Yak Tam Katia» von Christina Tynkevych, Ukraine.
Pardo für beste Schauspielerin an Anastasia Karpenko in «Yak Tam Katia».
Pardo für besten Schauspieler an Goran Marković in «Sigurno Mjesto» (Safe Place) von Juraj Lerotić, Kroatien.
Pardo Verde WWF für «Matter Out of Place» von Niklaus Geyrhalter, Österreich

 

 

«75. Filmfestival Locarno vom 3. bis 13. August 2022 – Das ABC zum Jubiläumsfestival»

 

rbr. Nach Corona-Einschränkungen 2021 will Locarno wie in alten Zeiten powern und eröffnet mit dem Actionknaller «Bullet Train». Was bietet das Filmfestival am Lago Maggiore vom 3. bis 13. August 2022? Über 200 Filme (rund 300 Aufführungen) in elf Sektionen und 14 Kinos sind angesagt. Unser ABC hilft weiter.

 

A wie Agenten. Das Stelldichein der Killer und Agenten im «Bullet Train» erweist sich als Knallbonbon, als würde nicht das 75. Filmfestivals Locarno eröffnet, sondern der 1. August mit einem Feuerwerk gefeiert. Und das alles in einem Superschnellzug, dem «Bullet Train» zwischen Tokio und Kyoto. Der smarte Haudegen Brad Pitt hält als Auftragskiller «Ladybug», dirigiert von einer ominösen Chefin (Sandra Bullock), seine Knochen hin, kommt aber mit ein paar Schrammen davon. Der Inhalt, hirnrissig wie in den meisten Actionspektakel, tut nichts zur Sache. Hauptsache die Schwarte kracht und die Richtigen triumphieren, selbst aus Mafiosi- oder Killer-Kreisen.
B wie Budget. Nach wie vor ist laut GV vom April ein Budget von 14,5 Millionen Franken für Filmfestival vorgesehen (wie schon 2021). Man geht von einem Defizit in diesem Jahr von knapp 900 000 Franken aus.
C wie Costa-Gavras. Sein bekanntestes Filmwerk ist wohl das Drama «Z», für das er 1969 den Oscar erhielt. Costa-Gavras (89) erhält am 11. August den Pardo alla Carriera für sein Lebenswerk. Der Meister des Politthrillers «filmte dort, wo es wehtat», schrieb der «Bund». Bedeutende Filme sind «L’Aveu» (1970, «Das Geständnis» – mit Yves Montand und Simone Signoret), «Hanna K» (1983), «Music Box» (1989, Die ganze Wahrheit – mit Armin Müller-Stahl und Jessica Lange) oder «Amen» (2002, Der Stellvertreter – mit Ulrich Tukur). In Locarno werden die Filme «Un homme de trop» (Ein Mann zuviel, 1966) und «Compartiment tueurs» (1965, Mord im Fahrpreis inbegriffen) aufgeführt.
D wie Douglas Sirk. Der grosse Regisseur, 1897 in Hamburg als Hans Detlef Sierck geboren, 1987 in Lugano gestorben, musste als erklärter Gegner der Nazis mit seiner jüdischen Frau aus Deutschland fliehen. Er machte in Hollywood Karriere und drehte 1959 seinen wohl erfolgreichsten Film «Imitation of Life» (Solange es Menschen gibt). In Locarno sind 13 Filme von ihm zu sehen – von «Zwei Windhunde» (1934) bis «Bourbon Street Blues» (1978), dazu RW Fassbinders «Angst essen Seele auf» (1974). Sirk, der Grossmeister des Melodrams, hatte grossen Einfluss auf Fassbinder.
E wie Ehrenpreis. In der Serie «Normal People» hatte die britische Schauspielerin auf sich aufmerksam gemacht. Nun brilliert Daisy Edgar-Jones in der Literaturverfilmung «Where the Crawdads Sing» (Der Gesang der Flusskrebse) , die auf der Piazza Grande aufgeführt wird (5. August). Sie agiert als Kya, ein Mädchen, dann junge Frau, die in den Sümpfen Nord Carolinas auf sich allein gestellt aufwächst und teilweise böse Erfahrungen mit Männern macht. Ihr wird der Ehrenpreis 2022 des Leopard Club zuteil.
F wie Festivalzentrum. Locarno ist zersplittert. Gut, es gibt die Sopracenerina an der Piazza, sie ist die geschäftige Anlaufstelle für Akkreditierungen, Informationen z.B. über die Semaine de la Critique, vielleicht auch Treffpunkt für einen kurzen Austausch. Das PalaCinema beherbergt Kinos, Café und Restaurant. Die Begegnungen sind flüchtig, zufällig. Seit Grand-Hotel-Zeiten – die historische Stätte wurde 2005 geschlossen – gibt es kein vergleichbares Zentrum mehr für Filmerschaffende und Cineasten – eben danach. Nun soll das geschichtsträchtige Bauwerk – hier wurde das Filmfestival 1946 gegründet – restauriert und saniert werden und als 5-Sterne-Hotel neu erglänzen. Es ist von Investitionen von über 70 Millionen Franken die Rede (Eröffnung: 2025).
G wie Glockenschlag. Mit dem Glockenschlag um 21.30 Uhr wird das Filmereignis auf der Piazza Grande eingeläutet. Eine sonore Stimme stimmt auf das filmische Ereignis ein. Danach bevölkern Festivaldirektor Giona A. Nazzaro und seine Moderatorin die Bühne, stellen Ehrengäste, Stars, Filmer samt Equipe vor.
H wie Histoire. Auch Wiederaufführungen restaurierter Klassiker gehören zum Programm: In der Sektion Histoire(s) sind «Die letzten Heimposamenter» (1973) von Yves Yersin und Eduard Winiger sowie «The Written Face» (1995) von Daniel Schmid wiederzuentdecken.
I wie Informationen. Über Tickest und Pässe orientiert locarnofestival.ch/LFF/tickets.and.passes.html. Der Festivalpass, nominell und nicht übertragbar, kostet 330 Franken (für Senioren 220 Franken, für Studenten 110 Franken), ein Pass für die Aufführungen auf der Piazza Grande kommt auf 250 Franken.
J wie Jubiläum. Das erste Projekt eines Internationalen Locaneser Filmfestival 1946 schien zum Scheitern verurteilt und scheiterte zuerst, weil die Bürgerschaft den Bau eines Theaters/Kinos ablehnte. Gleichwohl liessen die Initianten nicht ab von der Idee und installierten im Park des Grand Hotels eine Leinwand von 8 mal 7 Metern. Die Filme «Roma, offene Stadt» von Roberto Rossellini und «Iwan, der Schreckliche» von Sergej Eisenstein wurden aufgeführt. Ein Festival war das noch nicht, aber ein Anfang. So richtig los ging es 1947 unter den Direktoren Riccardo Bolla und Vinicio Beretta mit Filmen von Vittorio De Sica und John Ford. 1971 wurde die Piazza Grande einbezogen und avancierte zum grössten, schönsten Freilichtkino zumindest in Europa. So feiert das Festival in diesem Jahr sein 75-Jahr-Jubiläum, wobei nicht das Gründungsjahr, sondern die erste Festivalausgabe zugrunde liegt.
K wie Kelly. Und noch eine Frau, die neben Daisy Edgar-Jones mit einem Ehrenpreis am 12. August bedacht wird: die Amerikanerin Kelly Reichardt. Sie hatte mit dem Film «First Cow» das Festival 2019 eröffnet. «Wir nehmen das 75-jährige Jubiläum des Festivals nicht nur zum Anlass zurückzublicken, sondern auch, um uns die Zukunft vorzustellen. Die Entscheidung für eine Ehrung von Kelly Reichardt, ist ein Zeichen für ein zeitgenössisches Kino in vollem Aufschwung, und lässt uns nach vorne schauen und Vielfalt und Wandel begrüssen. Als Ausdruck der unerschöpflichen Fähigkeit des amerikanischen Kinos, sich neu zu erfinden, ist Kelly Reichardt vielleicht die aufregendste Filmemacherin der Gegenwart», begründet Festivaldirektor Giona A. Nazzaro den Pardo d’onore Manor. Zu sehen sind ihre Filme «Meek’s Cutoff» (2010) und «Night Moves» (2013).
L wie Leitung. Er ist der Maestro des Festivals seit 22 Jahren, Kopf und Herz: Festivalpräsident Marco Solari (77), sogar älter als das Festival selbst. Er sah Direktoren kommen und gehen. Die letzte Direktorin harrte nur zwei Jahre (2018-20) aus, die Französin Lili Hinstin passte nicht nach Locarno. Nach dem Wegzug von Carlo Chatrian nach Berlin hat Giona A. Nazzaro (56) die künstlerische Leitung, also die Direktion in Locarno, 2020 übernommen. Operativer Leiter ist Raphaël Brunschwig (38).
M wie Marcel Marceau. «L’art du silence» heisst der Dokumentarfilm von Maurizius Staerkle Drux über den grandiosen Pantomimen Marcel Marceau, über den Künstler der sprachlosen Kunst, Poet der Stille und der Bewegung. Der Film ist in der Sektion Panorama Suisse zu sehen, organisiert von den Solothurner Filmtagen, der Schweizer Filmakademie und Swiss Films. Zur Auswahl gehören unter anderem die Filme «Olga» und «Und morgen seid ihr tot», die bereits in den Kinos liefen, der Dokumentarfilm «L’îlot«» und der Kurzfilm «Ala Kachuu», der für einen Oscar nominiert worden war.
N wie Nächte. Es gibt Nächte auf der Piazza Grande, die unvergesslich bleiben. Vierzig Jahre ist es her, dass die Brüder Paolo und Vittorio Taviani ihren Film «La notte di San Lorenzo» präsentierten. Es mögen 8000, 9000 oder mehr Zuschauer gewesen sein (der Autor war einer von ihnen), die gebannt verfolgten, wie italienische Dorfbewohner 1944 auf die Amerikaner hofften und der Deutschen Wehrmacht ausgesetzt waren. Eine magische Nacht, wo das Kino unterm Sternenzelt eine Sternstunde erlebte. Nicht von ungefähr war es der 10. August, der Tag des Heiligen Laurentius von Rom.
O wie Open Doors. Diese Sektion in Locarno ist seit 20 Jahren dem unabhängigen Filmschaffen vorbehalten. «Open Doors» ist offen für Zusammenarbeiten über Regionen und Länder hinaus, unterstützt kreative Talente und bietet ein Forum für freies innovatives Filmen. Aktuell liegt der Fokus auf Lateinamerika und der Karibik.
P wie Piazza Grande. Sie ist der Magnet, der magische Ort des Festivals. Sponsoren mit ihren Gästen haben ihren Auftritt (Marsch zu den bevorzugten Plätzen), Bundesräte, Prominente, Stars, Filmschaffende. Bis zu 8000 Filminteressierte strömen allabendlich auf die Piazza Grande im Herzen Locarnos. Hier wird das ganze Spektrum des Kinos abgedeckt – vom Actionknaller «Bullet Train» (3. August) und einer dramatischen Komödie wie «My Neighbor Adolf» (4, August) über das kriminelle Liebesdrama «Where the Crawdad Sing» (5. August) und dem Actiondrama «Paradise Highway» (6. August) bis zur schweizerisch-belgischen Koproduktion «Last Dance» (8. August), bis zum Schweizer Drama «Semret» (10. August), dem Terrordrama «Vous n’aurez pas ma haine» (12. August) und der Schweizer «Abrechnung» von André Schäfer: «Alles über Martin Suter. Ausser die Wahrheit» (13. August).
Q wie Qualität. Wie erwähnt, das Spektrum ist reichhaltig, vor Fehlgriffen bzw. Fehlbesuchen ist man nicht gefeit. Nicht jeder Film in den Wettbewerben hat die Qualität, die man erwartet oder erhofft. Viele schaffen es nicht ins Kino. Die Qualität hat ihren Preis, und man sucht oft lange, bis man Kleinode entdeckt, begeistert und bewegt ist. Auch die Aufführungen auf der Piazza Grande sind kein Qualitätsgarant.
R wie Russland. Die Kriegsnation, die sich über alle Vereinbarungen und Vernunft hinweggesetzt und die Ukraine brutal überfallen hat, scheint weit weg und ist doch so nah – in Nachrichten, in Gesprächen. Das Festival ist gleichwohl stolz darauf, auch einen russischen Film zu präsentieren: «Skazka» (Fairy Tale) vom Putin-Kritiker Alexander Sokurov. Und der durfte prompt nicht ausreisen. Sein Film nimmt am Wettbewerb teil.
S wie Semaine de la critique. Ein sicherer Wert am Festival ist jeweils die Semaine de la Critique, die Filmkritikerwoche (5. bis 12. August 2022). Sieben Dokumentarfilme wurden von Filmkritikern ausgewählt, zum Beispiel «Armotonta Menoa – Hoivatyön Laulujac», eine finnische Musikdokumentation über Senioren, der Schweizer Beitrag «Die DNA der Würde» über Relikte des Balkankrieges oder «Das Hamlet-Syndrom» über einen Regisseur und seinen Theaterleuten aus der Ukraine.
T wie Talent. Im Wettbewerb Concorso Cineasti del presente sind immer Talente zu entdecken, die ihren ersten, zweiten Spielfilm realisiert haben. Da wäre beispielsweise der Film «Love Dog» von Bianca Lucas über Traumata und Trauerarbeit zu nennen. Die Tschechin Tereza Nvotová erzählt in «Svetlonoc – Nightsiren» von altem frauenfeindlichem Aberglauben und einer Frau, die sich wehrt. «Matadero» von Santiago Fillo ist ein Film über Argentinien in den Siebzigerjahre über Träumer und Besiegte. Insgesamt wurden 15 Filme programmiert.
U wie Ukraine. Ein Film aus der Ukraine ist in der Sektion Concorso Cineasti zu entdecken. «Yak Tam Katia» (How Is Katia?) von Christina Tynkevych beschreibt, wie eine alleinerziehende Mutter ihren eigenen moralischen Kompass hinterfragen muss.
V wie Vision Award Ticinomoda. Mit diesem Award wird in Locarno kreative Arbeit gewürdigt. 2019 ging der Preis an die Herausgeberin Clair Atherton, 2021 an den Spezialisten für visuelle Effekte, Phil Tippett. In diesem Jahr wurde die amerikanische Künstlerin und Filmemacherin Laurie Anderson ausgewählt, «die einen einzigartigen Dialog mit Bildern geschaffen hat», so Direktor Nazzaro. Zwei ihrer Filme werden gezeigt: «Heart of a Dog» (2015) und «Home of the Brave» (1986).
W wie Wettbewerbe. Für den Internationalen Wettbewerb 2022 wurden 17 Filme nominiert, darunter auch der Debütfilm des Zürcher Valentin Merz, «De Noches Los Gatos Son Pardos», ein «mediafiktiver Spielfilm» um einen Regisseur der während der Dreharbeiten in Südamerika verschwindet. Der zweite Schweizer Beitrag, «Baliqlara Xütba» (Sermon to the Fish) von Delphine Lehericey ist eine Koproduktion mit Aserbaidschan und erzählt die Geschichte eines heimkehrenden Soldaten, der in seinem Dorf nur noch Tote vorfindet – bis auf seine Schwester.
X wie X Filme. Wer kann sich noch daran erinnern? Mit seinem Debütfilm «Schmetterlinge» gewann der deutsche Regisseur Wolfgang Becker 1987 den Goldenen Leopard. 1994 gründete er zusammen mit Tom Tykwer, dem Produzenten Stefan Arndt und dem Schweizer Dani Levy in Berlin die Produktionsgesellschaft X Filme Creative Pool. In dieser «Werkstatt» entstanden Filme wie «Lola rennt» (Tykwer) oder «Alles auf Zucker» (Levy).
Z wie Zitat. Die «du»-Ausgabe 77/8 aus dem Jahr 2007 widmete sich Locarno und seinem Festival, das just sein 60-Jahr-Jubiläum feiern konnte. Journalist Urs A. Jäggi beschrieb die Grundeigenschaften bzw. Absichten des Festivals 1947 perfekt: «Das Filmfestival von Locarno ist eigentlich gar kein Filmfestival. Es ist vielmehr der Versuch, mit einem Spagat einen ambitiösen cinematographischen Anlass mit dem Bedürfnis nach einem Top-Event in der Tourismus-Region zu verbinden und gleichzeitig die kulturelle Präsenz der italienisch sprechenden Minderheit zu markieren, ohne aber die Ausstrahlung und den Glanz der internationalen Film- und sonstigen Prominenz missen zu müssen.» So war es und so wird es weiter sein!

 

 

 

«Federico Fellini – Von der Zeichnung zum Film», Kunsthaus Zürich bis 4.September 2022

Visionen der Fellini-Filme

 

rbr. Es ist eher ungewöhnlich, dass ein Kunsthaus einem Filmregisseur eine Ausstellung widmet. aufgenommen wird. Filmschöpfer Federico Fellini wird diese Anerkennung zuteil. In Zusammenarbeit mit dem Museum Folkwang in Essen ist eine Ausstellung entstanden, die Fellinis kreative Arbeit dokumentiert: «Von der Zeichnung zum Film».

Seine Filme entstanden im Kopf, dann auf Papier und schliesslich am Set.
Viele Bilder haben sich eingeprägt, der kantigen Charakterkopf Casanovas beispielsweise, die drallige Anita aus «La dolce vita» oder Gelsomina alias Giuletta Masina aus «La Strada». Die Zeichnungen bilden quasi das «Vorleben» der Filmfiguren ab. Sie sind künstlerische Vorboten, Gesichter, Visionen der Filme, die Federico Fellini realisiert hat.
Dreizehn Filme werden in der Ausstellung aufgeblättert. Rund 500 Exponate dokumentieren die Werke des Film-Künstlers Fellini (1920-1993), schön chronologisch von «Lo sceicco bianco» (Die bittere Liebe, 1952) bis «E la nave va» (Fellini’s Schiff der Träume, 1983) angeordnet.
Skizzen, Zeichnungen, Fotografien vom Set, Drehbuchauszüge, Filmplakate, Requisiten und Trailer verbinden sich zu einer Gesamtkunstwerk-Palette. Sie markieren fixieren und charakterisieren seine Filme. Ausgangpunkt sind meistens schier beiläufig hingeworfene Skizzen, Zeichnungen, Karikaturen. «Diese beiläufigen Ideen, diese Zufallsprodukte», so Fellini, «sind dann die Wegweiser, nach denen sich meine Mitarbeiter richten: Bühnenbildner, Kostümbildner, Maskenbildner» und erklärt: «Wenn ich einen Film vorbereite», schreibe ich wenig. Ich ziehe es vor, die Personen, die Szenerien zu zeichnen.»

 

Das Sammelsurium an Entwürfen, Pointen und zeichnerische Fussnoten entpuppen sich als An- und Einsichten und machen Lust auf den ganzen Film (und nicht nur auf Trailer). Dafür fühlt sich die Kunsthaus-Kuratorin Cathérine Hug freilich nicht verantwortlich und verweist auf Kinos. Doch die Ausbeute ist mager. Es gab eine Aufführung des Dokumentarfilms «Auf den Spuren von Fellini» (2013) von Gérald Morin im Kunsthaus. Auf Kinoleinwänden zu sehen sind nur «Roma» (1972) als Filmmatinee im Kino Piccadilly, Zürich, am 24. Juli (12 Uhr) und «La notti di Cabiria» (1957) im Openair-Kino Xenix, Zürich, am 10. August (21.15 Uhr). Da hätte mehr drin gelegen für engagierte Lichtspielstätten.

 

Die Materialien zu den Fellini-Filmen werden ergänzt durch Karikaturen (Fellini begann als Karikaturist), Briefdokumente, Telefonzeichnungen und Traumtagebücher. Cineasten werden begeistert sein und andere neugierig werden auf Werke wie «La città delle Donne» (1980), ein Film, der lange vor feministischem Aktivismus den Mann an den Frauenpranger stellte (der aber überraschend freigesprochen wurde). Oder auf die nostalgische Hommage an Heimat: «Amarcord» (1973), der verrückte Film, der ein skurriles Sittenbild der Gesellschaft in den Dreissigerjahre vorführt (und mit einem Oscar belohnt wurde).
Seit den Fünfzigerjahren pflegten Daniel (1930-2011) und Anna Keel (1940-2010) eine enge und persönliche Verbindung zu Federico Fellini. Dazumal wurden bereits Fellini-Zeichnungen in der Keel-Galerie am Kunsthaus ausgestellt. Der Diogenes hütet und publiziert das literarische Erbe des Filmmeisters. Hier finden sich Notizen und Aufsätze, eine Biografie und andere illustre Bücher. Es lohnt sich, Fellini zu sehen und zu lesen.

 

Eine Auswahl
«Fellini. Cinecittà – Meine Filme und ich», Inter Book 1988
Tullio Kezich «Fellini. Eine Biographie», Diogenes Verlag1989
«Fellini’s Zeichnungen», Einhundertachtzig Entwürfe für Figuren, Dekoratinen, Kostüme, Telefonzeichnungen und Graffiti, herausgegeben von Christian Strich mit einem Vorwort von Roland Topor, Diogenes 1976.
«Federico Fellini. Von der Zeichnung zum Film. Edition Folkwang, Kunsthaus Zürich, Diogenes Verlag 2022. Mit einer ergänzende Broschüre, zusammen als Ausstellungspaket 42 Franken.
Fellini «Aufsätze und Notizen», Diogenes Taschenbuch 1974/1981
«Denken mit Federico Fellini». Aus Gesprächen Federico Fellinis mit Journalisten, Diogenes Taschenbuch 1984

 

 

Filmtipps

 

 

Alles über Martin Suter – Ausser die Wahrheit
rbr. Lügen in Wahrheit verpackt. Der Filmer André Schäfer ist ein Fan des Autors. Das ist nach wenigen Einstellungen unschwer zu erkennen. Wir nehmen teil am filmischen Spaziergang durch Geschichten und Geschichte: Martin Suter (74), einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Schweizer Autoren, ist quasi Gastgeber. Der Titel deutet es fast spitzbübisch an: Dieser Film ist kein minutiös angelegtes Biopic, kein Porträt der konventionellen Art, kein biographisches Kompendium, sondern ein Vexierspiel im Kosmos des Martin Suter. Natürlich steckt hinter der Titelfloskel «Ausser die Wahrheit» (Sprachpuritaner würden sie gern in «Ausser der Wahrheit» umschreiben) einige Wahrheit.
Man weiss nicht recht, wer wen bei diesen literarischen und biografischen Erkundungen bei der Hand nimmt: der Hauptdarsteller den Filmer oder umgekehrt. Wie auch immer, Herr Suter ist ganz Gentleman, der Einblicke in seine Arbeit, etwa im Studio in Guatemala, gewährt, der in seinem literarischen Garten oder sollte man Gestrüpp spaziert. Da tauchen Figuren und Szenen aus Büchern auf. Aber es werden auch Live-Szenen eingestreut und «Weisheiten» ausgetauscht – mit Schreiberling Benjamin von Stuckrad-Barre oder mit Ex-Kicker Bastian Schweinsteiger, Held seines jüngsten Werks. Ergiebiger und stimmiger sind da freilich Konzertausschnitte mit Stephan Eicher, für den Suter einige Liedertexte verfasst hat.
So pendelt die fiktionale Dokumentation vergnüglich zwischen Tat und Wahrheit, Fiktion und Selbstdarstellung und kommt seinem Titelhelden spielerisch nahe. Man erfährt dies und da, auch über seine Kinder aus Guatemala (wobei der Sohn tragisch zu Tode kam), weniger über seine Frau, ein paar Sentenzen über seinen Ur-Verleger Daniel Keel (und Ziehvater) und dessen Sohn, dem heutigen Chef beim Diogenes Verlag. Es fallen wegweisende Sätze wie «Lügen in Wahrheit verpackt werden glaubwürdiger» und andere sprachliche Bonbons. Dass die kritische Distanz fehlt und der Film den Erfolgsautor in schönstem Licht zeigt, wird durch wohlfeiles Vergnügen und Verschmitztheit wett gemacht. Man kann sich amüsieren wie bei Suters Allmen-Krimis.
Und wenn Vergessen beim Erinnern hilft, wie es einmal heisst, dann ist der Rückgriff auf seine Romanen, etwa zu «Lila, Lila» oder «Die dunkle Seite des Monds», sicher ein Gewinn, auch wenn die Wahrheit eine Fiktion bleibt.
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Semret

rbr. Last der Vergangenheit. Semret, eine Frau aus Eritrea, lebt unscheinbar in Zürich und versucht, ihre Tochter im Teenageralter vor der Welt zu schützen. Semret ist allein und verunsichert, trägt schwer an Erinnerungen und geht, wenn immer es geht, auf Distanz, besonders zu ihren Landsleuten. Ein junger Mann (Tedros Tekleab) aus Eritrea, wohl mit ähnlichem Schicksal, unterstützt sie. Doch sie bleibt misstrauisch, weist ihn zurück. Semret arbeitet in einem Spital und möchte Hebamme werden. Ihre vierzehnjährige Tochter Joe (Hermela Tekleab) ist unbeschwert und stösst bei ihrer Mutter auf eine Mauer des Schweigens, wenn sie etwas über ihre Herkunft, Identität und Vergangenheit erfahren will. Der Mutter-Tochter-Konflikt spitzt sich zu, als Joe mit einem Jungen anbändelt.
Die Zürcher Filmautorin Caterina Mona kennt sich mit eritreischen Schicksalen aus, hat Frauen mit Flüchtlingshintergrund persönlich kennen gelernt. Behutsam und einfühlsam schildert sie in ihrem Spielfilmdebüt «Semret», wie schwer eine Frau ihre Vergangenheit belastet. Sie versucht, ihr zu entfliehen, will vergessen, verdrängen. Doch ihre Tochter zwingt sie, sich ihrem Trauma zu stellen.
Das stille Sozialdrama überzeugt durch Intimität und Authentizität, getragen von der Eritreerin Lula Mebrahtu, die in London lebt und eine paar Brocken Schweizerdeutsch für den Film gelernt hat. Denn über weite Strecken wird die eritreische Landessprache (Tigrinya) gesprochen. Auch der Landsmann, der Mutter und Tochter helfen will, hat einen eritreischen Hintergrund, gespielt von Tedros «Teddy» Teclebrhan. Der stammt selber aus Asmara, Eritrea, und ist in Deutschland ein bekannter Komiker (Teddy Comedy) und Schauspieler. Sein Musikvideo «Deutschland isch stabil» wurde im Jahr 2020 von Millionen Leuten aufgerufen und angesehen.

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Bullit Train
rbr. Killerkrieg auf Schienen. Es geht nicht so beschaulich zu wie im «Orient Express», sondern harsch und brutal: Im «Bullet Train», dem Hochgeschwindigkeitszug  von Tokio nach Kyoto, veranstalten Killer und Agenten ein Schlachtfeld. Nach dem japanischen Roman «Maria Beetle» von Kõtarõ Isaka lässt Regisseur David Leitch die Puppen beziehungsweise Killer tanzen. Und das geht so:
Eigentlich nervt ihn sein Job als Auftragskiller, doch dann muss er unter dem Decknamen Ladybug (Brad Pitt) den Job eines Kollegen übernehmen und einen Aktenkoffer ausfindig machen und behändigen. So einfach wie’s von der Chefin Maria Beetle (Sandra Bullock) klingt, ist das natürlich nicht. Denn noch andere bösen Buben sind hinter dem dollarschweren Koffer her, etwa die so genannten Zwillinge Tangerine (Aaron Taylor-Johnson) und Lemon (Brian Tyree Henry, die natürlich keine Zwillinge sind). Überhaupt scheint der rasende Express bis auf wenige Passagiere und Bedienstete nur mit mörderischen Psychopathen, Rächern, Ganoven und Agenten besetzt zu sein. Ein japanischer Vater (Andrew Koji) will seinen Sohn rächen, manipuliert von einem mysteriösen, wandelbaren Schulmädchen (Joey King). Der Verbrecherboss White Death (Michael Shannon) soll eliminiert werden, und auch sein Sohn (Logan Lerman) kommt nicht ungeschoren davon. Ausserdem mischen ein mexikanischer Unhold namens Wolf (Bad Bunny) und eine Person namens Wespe mit.
Es geht drunter und drüber, es wird gehauen und gestochen, geprügelt und geschossen. Jeder gegen jeden oder auch mal zusammen gegen einen. Es ist gar nicht wichtig, wer gegen wen warum und wozu. Hauptsache Action. Kein Wunder kann doch Regisseur David Leitch auf reiche Erfahrung als Stuntman und Double für Brad Pitt zurückgreifen, beispielsweise in «Fight Club» (1999). Er war neben Antoine Fuqua und seiner Partnerin Kelly McCormick, mit der er die 87North Productions leitet, auch für die Produktion verantwortlich.
Die Action- und Stuntchoreographie ist denn in «Bullet Train» auch erstklassig, sieht man mal von ein paar Aussenszenen und dürftigen Spezialeffekten ab. Der Schauplatz ist zu 90 Prozent ein Shinkansen, ein Hochgeschwindigkeitszug also, der bis zu 320 km/h erreichen kann. Natürlich ist «Bullet Train» ein Studioprodukt, also «Kunstwerk», so originell und echt wie ein Comic. Immerhin, ist das Ensemble hochkarätig – angefangen von dem unverwüstlichen 58-jährigen Brad Pitt, der so gern als Ladybug seine Hitman-Existenz beenden würde, über Shootingstar Joey King («The Princess»), Aaron Taylor-Johnson als Killerzyniker Tangerine, der in Locarno mit einem Excellence Award Davide Campari geehrt wurde, bis zu Sandra Bullock als Ladybug-Dirigentin, die als Titelfigur des Romans nur kurz in Erscheinung tritt. Das kann sich sehen lassen. Gleichwohl hat der Streifen Überlänge, ist haarsträubend unglaubwürdig und nachlässig in der Erzählstruktur. Die humoristischen Sequenzen mit den Zwillingen sind amüsant, bleiben aber sparsam. Fazit: Ein Bombenfest und Knallbonbon für Actionfans, das freilich zerplatzt und wenig nachhallt.

 

 
Luchsinger und die Götter
rbr. Eine Rentnergang wird aktiv. Die Schweiz kann einem gestohlen bleiben, wenn die Rente weder vorne noch hinten reicht, und der Lebensabend quasi auf Sparflamme brennt. Da gibt’s nur eins: Raus aus dem Rentnerdasein unter Schweizer Bedingungen und rein in die paradiesischen Dauerferien in Bali. So haben es sich einige alten Herren in Bali gemütlich gemacht und leben in den milden Tag hinein: Geri Zangger (Andrea Zogg), der Mann mit einem Geheimnis, Luftikus Markus Hilfiker (Max Rüdlinger), Martin Balsiger (Jürg C. Maier) und der Berner Ex-Taxifahrer Ruedi Luchsinger (Manfred Liechti). Herrlich diese Sorglosigkeit. Doch auch der droht ein Ende, wenn einem die Moneten ausgehen. Luchsinger ist nicht auf Schweizer Franken-Rosen gebettet. Gut gibt es betuchte Freunde wie Geri und der hat eine Idee, nämlich die Identitäten zu tauschen. Und so heckt das Quartett Geri, Markus, Martin und Ruedi einen Plan aus, der einige kriminelle Energie fordert.
Der Berner Autor und Regisseur Markus Köbeli, bekannt unter anderen als Texter für die TV-Sendungen «Total Birgit» und «Viktors Spätprogramm», hat seinen ersten Spielfilm realisiert. Und die Geschichte ist ebenso interessant und spannend wie die luftige Seniorenkomödie mit ernstem Hintergrund.
Orlando Bassi, Perückenproduzent aus Bali, der Satirefiguren wie Giacobbos Harry Hasler und andere ausschmückte, animierte Köbeli, einen Film in Bali zu drehen. Ursprünglich sei ein Dokumentarfilm geplant worden, erzählt der Autor den Freiburger Nachrichten, doch dann sei er mit einer 40köpfigen Crew aus Indonesien und Australien konfrontiert worden. Und so liess er sich verleiten, Schweizer Rentner ins Zentrum zu stellen, die ihr (letztes) Lebensheil in Bali suchen. Die Rentnergang, von Zangger als Drahtzieher angeführt, schlägt zwar nicht dem Schicksal, wohl aber den Behörden ein Schnippchen. Doch Köbelis luftiger Spielfilm erweist sich nicht als pures Lustspiel, sondern lässt auch den ernsten Lebenshintergrund nicht aus den Augen. Dass die balinesische Kultur nicht nur als exotischer Background dient, ist seinem Film hoch anzurechnen. Ein vergnüglicher Sommerfilm nicht nur für Senioren und nicht nur für den Sommer.

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Notre Dame brûle

rbr. Flammendes Inferno. Das Ereignis hat sich ins Gedächtnis eingebrannt: Der Brand der Kathedrale Notre Dame am 15. April 2019. Wie kam es zu dieser Katastrophe? Jean-Jacques Annaud («Im Namen der Rose») hat sich auf Spurensuche begeben, versuchte das Unfassbare, das verheerende Inferno an der Seine zu rekonstruieren und zu dokumentieren. Es beginnt alles ganz harmlos: Ein Streichholz wird entzündet, Kirchenglocken tönen. Ein Mitarbeiter beginnt seinen Überwachungsjob. Auf einer Baustelle wird achtlos eine Zigarette weggeschmissen. Um 18.17 Uhr schlägt ein Sicherheitsmelder Alarm. Der Sicherheitsbeobachter meldet ihn akkurat weiter. Doch seine Kollegen können die Ursache nicht ausfindig machen. Eine halbe Stunde steigen Rauchschwaden über der Kathedrale auf. Die Feuerwehrt und andere werden alarmiert. Das Drama nimmt seinen Lauf. Die Hilfskräfte kommen nicht rasch genug durch den Verkehr. Der Kirchenmann (Kustos), der wichtige Schlüssel zu den Reliquien bei sich trägt, ist in Versailles.
Was hier abläuft, ist so spannend wie ein Actionfilm. Regisseur und Autor Jean-Jacques Annaud verknüpft sehr geschickt Dokumentaraufnahmen (inklusive Staatspräsident Emmanuel Macron) mit Spielszenen, die für den Zuschauer kaum zu entwirren sind. Feuerwehrleute – darunter auch eine Frau! – kämpfen sich in die Türme vor. Ein Trüppchen versucht alles, um die Heilige Dornenkrone aus dem Kirchenraum zu «evakuieren», findet aber nur eine Kopie. Der Kustos Laurent Prades (Mickaël Chirinian) hat die Schlüssel zum Safe, wo die Reliquie, die Jesus getragen haben soll, aufgehoben wird.
Der Film über «Notre Dame in Flammen» ist gespickt mit spannenden Episoden und kleinen Heldentaten. Dazu immer wieder Detailaufnahmen von berstenden Balken, brennendem Dachstuhl oder Blei spuckenden Wasserspeiern. Sicher eine Ehrerweisung an die Rettungskräfte – freilich ohne Heroes wie in Actionstreifen. Tatsache ist, dass diese Menschen, die ihr Leben einsetzten, mit ihrem Einsatz eine noch grössere Katastrophe verhindert haben. Tatsache ist auch, dass eine Fehlerkette verheerende Folgen hatte. Der Film zeigt dies deutlich, aber auch die Betroffenheit – nicht nur der Profis am Brandherd, sondern auch der Bevölkerung und Menschen weltweit. Annauds «Notre Dame»-Drama ist keine lupenreine Dokumentation, aber ein packendes Stimmungsbild.

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Everything Will Change

Kriege, Krisen, Klima – das Damoklesschwert schwebt spürbar über uns. Ist die Zukunft noch zu retten? Darum geht es in dem ausserordentlichen Film «Everything Will Change» von Marten Persiel: In wunderbaren Dokumentarbildern stimmt der Film eine Hymne auf die Wildnis, auf die Vielfalt an – heute und mahnt. Nicht mit erhobenem Zeigefinder, sondern klug und anrührend. Er spricht Verstand und Gefühle an. Persiels Film zwischen Science und Fiction ist Appell und Naturdokument zugleich. Filmer Wim Wenders («Der Himmel über Berlin») ist skeptisch: «Die Evolution ist grossartig, keine Frage. Aber uns wurde etwas mitgegeben, das man sonst nirgends findet: Ein Bewusstsein. Das ist Fluch und Segen zugleich. Die Selbstreflexion.» Sehenswert für alle, die sich um die Zukunft sorgen.

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Elvis

rbr. Passion, Posen und Performance. Sein Name elektrisiert bis heute: Elvis Aaron Presley, 1935 in Tupelo, Mississippi, geboren, 1977 in Memphis, Tennessee gestorben, ist einer der Grössten des US-Show- und Musikbusiness. Baz Luhrmann hat ihm ein filmisches Denkmal geschaffen. Das filmisch-musikalische Porträt des Filmregisseurs, der mit «Moulin Rouge» Gespür für musikalische Stoffe bewies, hat einem Giganten des US-Musikbusiness ein opulentes Kinowerk gewidmet: «Elvis».
Der Film beginnt und endet mit einer zwielichtigen Gestalt: Colonel Tom Parker (Tom Hanks). Und der behauptet mehrmals (im Film), ohne ihn gäbe es den Rockstar Elvis nicht und er trage keine Schuld an seinem Tod. Nachgewiesen hat der selbsternannte Colonel vom Star profitiert, hat Millionen abgesahnt, hat ihn geprägt, aber auch gezwängt und manipuliert. Den Part dieses spielsüchtigen und hoch verschuldeten Managers verkörpert Tom Hanks aufdringlich gut – aufgedunsen, schwammig, ölig, fies. Olivia DeJong als Priscilla Presley, der ihr Mann entgleitet, bietet ein Gegengewicht, geht aber im Film unter.
Das Drama spannt den Bogen von den Anfängen in den Fünfzigerjahren, von der Soul- und Gospelszene bis zu den glamourhaften und zuletzt elenden Auftritten des drogenabhängigen Stars Elvis in Las Vegas. Ein langgestreckter Film mit unterschiedlicher Intensität und Stilbrüchen. Anfangs herrschen hektische Schnittfolgen, werden Gospelszenen geradezu geschreddert. Beim fulminanten Aufstieg wird der Film zur Kostüm- und Posenrevue. Einzelne individuelle, familiäre Episoden werden abgespult oder angetippt. Elvis wird zur manischen, tragischen Figur, die erlischt, ohne dass der Mensch Elvis wirklich berührt. Er bleibt in diesem opulenten Melodram eine grosse Popschablone.
Unerwähnt blieben soll auch nicht, dass Elvis’ Deutschland- und Hollywood-Abstecher nur Sidekicks, schwache Sprengsel sind. Sehens- beziehungsweise hörenswert sind einige berühmte Elvis-Songs bis zu «In the Getto» (im Nachspann), teilweise von Austin Butler selber intoniert. Er bietet tatsächlich eine ausserordentliche Performance – auf und neben der Bühne. Oscarwürdig, An ihm liegt’s nicht, dass die Grossproduktion «Elvis» hinter den Erwartungen zurück bleibt.
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Lightyear

rbr. Mission – fast unmöglich. Comicverfilmungen sind in Mode, es herrscht geradezu eine Inflation dieses Genres. Die Comicwelt wird geplündert bei Marvel oder aus dem DC Universum. Nebenfiguren werden zu Helden, andere hinzugefügt. Das Angebot zieht sich von Dr. Strange oder Dr. Morbius bis zu Black Woman, von Aquaman bis zu Batgirl. Disney (Pixar Stdudios) hat nun Buzz Lightyear, Rivale von Sheriff Woody in «Toy Story» (1995), neu aktiviert und ihm den Film «Lightyear» gewidmet. Buzz ist ein echter Space Ranger geworden. Zusammen mit Kommandantin Alisha ist er auf Mission mit tausend Wissenschaftlern und Technikern im Tiefschlaf an Bord, 4,2 Millionen Lichtjahre von Mutter Erde entfernt. Auf dem Heimflug mit Hyperspeed stösst Buzz auf einen unerforschten Planeten, der möglicherweise wichtige Grundstoffe birgt. Also steuert er sein Raumschiff zwecks Erkundung zum Planeten T’Kani Prime, landet und macht Erfahrung mit gigantischen Schlingpflanzen und aggressiven Mega-Käfer. Beim hastigen Aufbruch kommt es zur Katastrophe, und das Raumschiff erleidet Schiffbruch, heisst seine Energiezelle wurde zerstört. Das Space-Team samt Passagieren sitzt fest.

Der unfehlbare Buzz (so seine Selbsteinschätzung) will seinen Fehler unbedingt gutmachen und bricht zu immer neuen Geschwindigkeitsversuchen auf, um wieder auf Hyperspeed zu kommen. Was für ihn nur kurze Zeit (vier Minuten) dauert, kostet in Wahrheit aber vier Jahre. Die Crew altert, Alisha heiratet, hat eine Enkelin, Izzy, die unbedingt Space-Ranger werden möchte. Buzz gibt nicht auf, sucht den erforderlichen Treibstoff, will seine Mission vollenden und zur Erde zurückzukehren. Die ganze gestrandete Gesellschaft, die sich im Laufe der Jahrzehnte auf dem fremden Planeten gut etabliert hat, wird durch Fremde, angeführt durch Zurg, bedroht.

Buzz sieht sich gezwungen, auf die Junior Zap Patrol, zurückzugreifen. Forsche Frischlinge eben wie Unsicherheitsfaktor Maurice «Mo» Morrisson (der mit dem Kuli), wie die ruppige Darby, die auch schon Flugzeuge geklaut hat, Enkelin Izzy Hawthorn, die wirbelige Anführerin, und zuletzt Sox, eine gewiefte vielseitige Robot-Katze. Diese «Gurkentruppe» Buzz’ soll also die Mission zu einem guten Ende führen und Buzz rehabilitieren. Es wird kompliziert bei dieser ungewöhnlichen Zeitreise…

Die Pixar-Kreateure packen viel in dieses Space-Abenteuer, unterhalten intelligent (nicht immer verständlich für ganz junge Zuschauer) und steuern auf eine Botschaft zu: Gemeinsam ist fast Unmögliches zu schaffen. Es kommt auf Glaube und Geduld an, dann können auch fatale Fehler wettgemacht werden. Regie führte Angus Mac Lane, er war bereits als Designer bei der Produktion «Toy Story 2» dabei und für den Bösewicht Zurg verantwortlich, der nun mit einer Roboterarmee anrückt. Spannend spielerisch.
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Jurassic World Dominion (Ein neues Zeitalter)
rbr. Abenteuerspielplatz à la Spielberg. Dreissig Jahre nach der Spielberg-Kreation «Jurassic Parc» (1993) mit Milliarden-Erfolg geht es in eine neue Abenteuerrunde: «Jurassic World Dominion». Die Dinos haben sich rasant vermehrt, und alte Bekannte tauchen wieder auf wie Sam Neill als Paläontologe Dr. Alan Grant, Laura Dern als Kollegin Dr. Ellie Sattler, Jeff Goldblum als Chaostheoretiker Dr. Ian Malcolm oder BD Wong als Genetiker Dr. Henry Wu. Alles beginnt wie meistens friedlich. Dinosaurier-Experte Owen Grady (Chris Patt) lebt in seiner Waldhütte mit Partnerin Claire (Bryce Dallas Howard) und dem Adoptivkind Maisie Lockwood (Isabella Sermon), in unmittelbarer Nachbarschaft mit Dinosauriermutter Blue und Nachkomme Beta. Und genau auf Beta und Maisie haben es Jäger im Auftrag des Unternehmens BioSyn mit Hauptsitz in den Alpen abgesehen. Firmenchef Dr. Lewis Dodgson (Campbell Scott) hat teuflische Klonpläne. Die Jagd beginnt, führt von Kanada bis Malta und London (Pinewood Studios).
Dabei begegnen wir zahlreichen Arten (14) von Dinosauriern – vom Parausaurolphus und Dilophosaurus bis zum Pyrorapter, T-Rex und Giganotosaurus. Die Kreativabteilung war höchst produktiv. 38 Tiere seien geschaffen worden, weiss Desigern John Nolan. Es wird einiges geboten auf dem Dino-Abenteuerspielplatz: Cowboys dirigieren Parasaurolophus wie weiland Rinder, Verfolgungsjagd mit Grady und Atrociraptoren auf Malta, Dino-Attacken und Zerfleischungsduell zwischen Dinos. Dem bösen Buben Dodgson geht es hautnah ans Leder. Die schwarze Pilotin Kayla (DeWanda Wise) macht einen tollkühnen Job. Ein Liebesfunke wird zur Flamme, Dino-Mama und Zögling werden wieder vereint.
Regisseur Colin Trevorrow schöpft aus dem Vollen (Mitproduzent Steven Spielberg) und bedient diverse Themen: Mensch und Tier und Verantwortung, Wissenschaft und Schöpfungswahnsinn, Natur und Respekt, Familie und Zusammengehörigkeit. Man kann an diesem Fantasy-Spektakel seine Freude haben – mit Kindsgemüt und Lust auf visuelle Abenteuer.
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Maison de Retraite
rbr. Sozialdienst à la Français. Tunichtgut Milann (Kev Adams) rastet als Angestellter eines Supermarkts gegenüber einer alten Frau aus und muss zur Strafe nun Sozialdienste leisten. Ungern, erst recht als er erfährt, dass er seine Busse in einem Altersheim ableisten muss. Die Alten und er – das ist wie ein Stier, den ein rotes Tuch provoziert. Nach den ersten Fehltritten nimmt ihn der ehemaliges Boxchampion Lino (Gérard Depardieu) unter seine Fittiche – auch nicht ganz freiwillig. Dass Milann quasi zum Punchingball für den ausgefuchsten Lino wird, ist klar. Doch Looser Milann ist lernfähig und beweist Herz. Lino lehrt seinen Zögling kämpfen und ein bisschen mehr. Das alte, aber putzmuntere Völkchen im Seniorenheim ist nicht ganz ohne – mit der feschen Lady Simone (Mylène Demongeot), die ein spezielles Tete-à-tete mit dem Gentleman Alfred (Daniel Prévost) pflegt, der in ihr mal Marilyn, mal Madonna sieht – nicht ohne Hintersinn. Ein ausgebuffter Insasse ist auch Edmond (Jean-Luc Bideau). Als Milann, längst Liebling der Senioren/-innen, dahinter kommt, dass der Direktor des Altersheim Mimosas ein unsauberes Vertragsspiel mit den Bewohnern inszeniert, werden Milann und die Seniorenbande so richtig aktiv. Da wird eine trickreiche Revolution angezettelt…
Thomas Gilou hat diese erfrischende Seniorenkomödie inszeniert – mit Herz für eine ausgemusterte, aber vitale Generation und Sinn für mimischen Schabernack. Die Gags sind zwar nicht immer frisch, aber gleichwohl amüsant. Einen Clou bietet er zum Schluss. Da nämlich tritt Stan «the Man» Wawrinka persönlich auf – nicht als Tennisstar, sondern als liberaler Heimdirektor. Spass muss sein.
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Adolf Muschg – Der Andere

rbr. Reise nach Japan und in die Schweiz. Fast ein Jahrhundert Zeitgeschichte: Der Zürcher Adolf Muschg, 1934 in Zollikon geboren, verkörpert intellektuellen lebendigen Zeitgeist wie kaum ein anderer in der Deutschschweiz. Der Germanist, Lehrer, Professor für deutsche Sprache und Literatur an der ETH (1970 bis 1999), Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und nicht zuletzt Präsident der Akademie (2003-2005), war und ist ein scharfer Beobachter der Politik, der Gesellschaft, der Welt. Er hat sich sowohl als streitbarer Débatteur als auch als Schriftsteller einen Namen gemacht. Erich Schmid («Max Bill – das absolute Augenmass», «Meier 19») hat ihm ein Filmporträt gewidmet. Kein gewöhnliches Biopic, sondern ein anderes Bild des bekannten weisshaarigen Intellektuellen, wie der Untertitel andeutet. Ausgangspunkt ist Muschgs Roman «Heimkehr nach Fukushima» und sein Verhältnis zu Japan, das ihm mehr als ans Herz gewachsen ist, nicht nur weil er mit der Japanerin Atsuko Kanto verheiratet ist. Natürlich weist Schmid in seinem Dokumentarfilm auf wichtige Lebensstationen Adolf Muschgs hin, doch im Mittelpunkt stehen dessen Ein- und Ansichten, seine pointierten Kommentare und Zeitdeutungen. Doch scheint es, dass der «Held» selbst das Zepter im Film übernommen hat. Muschg erzählt, kommentiert, kritisiert («Der Schweiz mangelt es an Neugier»), bemerkt, betrachtet sich selbst. So heisst es: Zwei Dinge im Leben seien ihm wichtig: «Lesen und Schreiben». Ein Mensch äussert sich frank und frei und kompromisslos und macht Lust, wieder mal eins seiner Bücher in die Hand zu nehmen: «Der Rote Ritter. Eine Geschichte von Parzival», 1993, beispielsweise oder eben «Heimkehr nach Fukushima» 2018.
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Leander Hausmanns Stasikomödie

rbr. Vor die Säue geworfen. Es macht schon stutzig, wenn im Filmtitel die Absicht unterstrichen wird: Stasikomödie. Leander Haussmann wollte mit dieser Farce seine DDR-Trilogie beenden – nach «Sonnenallee» (1999) und «NVA» (2004). Doch ging das ziemlich in die Hose – trotz Staraufgebot mit Jörg Schüttauf als gealterter Stasi-Underdog Ludger Fuchs und David Kross als junger Fuchs, Henry Hübchen als Siemens, Führungsoffizier der Staatssicherheit, und Margarita Broich als Ludgers Ehefrau. und Antonia Bill, eine Entdeckung, als junge Corinna. Ausserdem mischen Detlev Buck, Filmer («Wir können nicht anders», «Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull»), als Strassenpolizist oder Bernd Stegemann als Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, mit. Es fängt gut an und endet auch so, mit einer Ampelsituation. Der junge Ludger Fuchs bleibt bei Rot stehen, obwohl weit und breit kein Verkehr in Sicht ist. Disziplin und Staatgehorsam eben. Am Ende ignoriert der alte Fuchs das Rot. Dazwischen liegen allerlei Erkenntnisse und Offenbarungen. Der junge Studiosus wurde von der Stasi angeworben und diszipliniert, um die wilden Künstlerkreise am Prenzlauer Berg (Berlin) zu observieren. Das heisst: Er muss in sich in diese Zirkel einzuschleusen. Die DDR sieht diese jungen Leute als gefährliche Elemente an. Das gefällt dem lebenslustigen Schnösel. Und als der ganze DDR-Spuk vorbei ist, besorgt sich Familienvater Fuchs seine dicke Stasi-Akte und sieht sich mit seiner Vergangenheit konfrontiert, vor allem mit einer Liebschaft, die seine Frau Corinna auf die Palme bringt.
Kurz und gut, Haussmann taucht in den DDR-Mief ein, um das System zu entlarven etwa mit dem Ampel-Gehorsam. Doch die Anspielungen sind fürchterlich dick aufgetragen, die Figuren etwa der Stasi-Drahtzieher Siemens nur noch lächerlich, die Pointen auf Stammtischniveau. Da werden beispielsweise tatsächlich Perlen vor die Säue geworfen. Witzig? Und der Held Ludger ist ein feiger Typ, ein Egoist, der sich anpasst und am Ende wenig gelernt hat. «Ich habe den Film für Leute gemacht, die Absolution wünschen», meint Haussmann. Es wird schwer, ihm und seiner Komödie Absolution zu erteilen. Das Pressedossier mit den Hintergründen ist gleichwohl spannender und aufschlussreicher als die ganze Stasi-Satirechose. Ein Fall für Deutschland?

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El Buen Patrón

rbr. Der Scheinheilige und Kümmerer. Der Patron führt, sorgt und kümmert sich. Er trägt unternehmerische und soziale Verantwortung. Märchen oder Wirklichkeit? So gibt sich auch Firmenboss Julio Blanco (Javier Bardem) als «Buen Patrón» und beschwört seine Belegschaft, einen guten Eindruck zu machen – vor einer Kommission, die seine Produktionsstätte «Básculas Blanco» besuchen will. Ein bedeutender Preis steht an. Blanco stellt Industriewaagen her. Doch intern droht Ungemach. Der entlassene Mitarbeiter José (Óscar de la Fuente) begehrt auf, bockt und installiert ein Protestcamp unübersehbar vor dem Fabriktor. Schlecht fürs Image. Auch die rechte Hand und Jugendfreund des Chefs, Miralles (Manolo Solo), macht Kummer und ist durch den Wind. Er wird bei der Produktion zum Störfaktor – wegen privater Probleme. Zudem weckt die attraktive Praktikantin Liliana (Almudena Amor) seine Aufmerksamkeit – übermässig. Da kann auch ein Kümmerer wie Blanco ins Schleudern kommen.
Der Filmtitel «El Buen Patron» ist Programm. Julio Blanco wähnt sich als guter Chef. Doch bald wird klar, dass Blanco nur eines wichtig ist, das Wohl und Image seiner Firma. Regisseur Fernando León de Aranda deckt den wahren Charakter des Patron auf. Dabei spielt die Waage am Firmentor eine symbolträchtige Rolle. Sie ist geeicht, doch am Ende stimmt das Gleichgewicht – durch Manipulation mit einem Kaugummi.
Der gute Boss ist ein böser Bube, und «El buen Patron» ist eine bitterböse Sozialsatire. Die Bühne gehört Filmstar Javier Bardem («Dune», «Pirates of the Caribbean: Salazars Rache», «James Bond: Skyfall»). Genüsslich kostet er die Rolle als charmant-perfider Imagepfleger und vermeintlich verantwortungsvoller Unternehmenschef aus. Der «Patron» war der grosse Abräumer beim spanischen Filmpreis Goya. Sechsmal wurde der Film ausgezeichnet: Bester Film, beste Regie, bester Hauptdarsteller, bestes Originaldrehbuch (Aranoa), bester Schnitt (Vanessa Marimbert) und beste Originalmusik (Zeltia Montes). Eine bittere Komödie über Arbeits-und Unternehmerwelt – über Sein und Schein, Image, Eitelkeit und falscher Fürsorge.

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Lost in Paradise
rbr. Getrennte Fluchten. Ein Paradies mit Fragezeichen. Eugen (Dominique Jann) droht der Pleitegeier, nachdem sein Musiklokal in Prag vom Feuer heimgesucht wurde. Also begibt er sich in seine Berner Heimat, um bei seinem betuchten Vater Václav (Ivan Pokorný) Geld für die Renovation locker zu machen. Doch bei dem beisst er auf Granit. Vaclav, vom Prager Frühling geprägt, dann geflohen, hat sich in Bern eine Karriere als Zahnarzt aufgebaut und hält wenig von den Bohéme-Ambitionen seines Sohnes. Auch Eugens exzentrische Tante (Heidi Maria Glössner) hat mehr Herz für Waisenkatzen als für den abgebrannten Auswanderer. Vater und Sohn sind sich fremd geworden. Jeder hat eigene kleine Fluchten inszeniert: Der tschechische Vater hat sich in eine Lebenslüge (als Held im Prager Frühling) geflüchtet, um sein Image in der Berner Gesellschaft aufzupolieren; der Sohn hat sich eine Bohéme-Nische in Prag eingerichtet, um dem bürgerlichen Bern zu entkommen.
Fiona Ziegler, in Bern aufgewachsen und in Prag als Filmerin ausgebildet, erzählt in ihrem Spielfilmerstling eine eigene Ost-West-Geschichte. Das tut sie mit einem schelmischen Auge und Sinn für Verschrobenheit. Ihre Tragikomödie bietet kleine komische Highlights – etwa mit Heidi Maria Glössner als überkandidelte Katzenfreundin Lisi oder mit Udo (Uwe Schönbeck), der mit einem Krokodil beim Zahnarzt Václav aufkreuzt. Am Ende führt ein Pontiac-Oldtimer zur Versöhnung. Die Ironie ist gediegen, die Karikatur gemässigt und das Konfliktpotenzial überschaubar.

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Operation Mincemeat
rbr. Schräge List. Britische Geheimdienstler hecken einen eigenwilligen Plan aus, um Hitlers Wehrmacht in die Irre zu führen. Die erwartet eine Invasion der Alliierten in Sizilien und hat dort Verteidigungsstellungen aufgebaut. Das ist auch die Absicht der Briten und Verbündeten, doch vielleicht kann man den Feind täuschen.
Flight Lieutenant Charles Cholmondeley (Matthew Macfadyen), ein strammer Aristokrat, kommen auf die Idee, die Deutschen mit einem Köder, sprich falschen Toten, zu locken, ausgestattet mit entlarvenden Dokumenten, die auf eine Invasion in Griechenland hindeuten. Ewen Montagu (Colin Firth), Offizier des British Naval Intelligence Department, unterstützt ihn dabei und entwickelt den Plan weiter. Auch Premierminister Winston Churchill (Simon Russell Beale) lässt sich von dem absurden Plan überzeugen und stimmt der «Operation Mincemeat» zu. Der Vorgesetzte Admiral John Godfrey (Jason Flynn) ist skeptisch und gegen das kühne Unternehmen. Gleichwohl gehen die beiden Geheimdienstler akribisch ans Werk, unterstützt durch die erfahrene Sekretärin Hester Leggett (Penelope Wilton) und die Newcomerin vom MI5, Jean Leslie (Kelly Macdonald), die ein Bild als Verlobte des Toten beisteuert. Aus einem toten Obdachlosen, der an einer Lungenentzündung gestorben war, wurde Major William Martin. Der soll abgestürzt sein und wird an die spanische Küste gespült. Die Dokumente, die er bei sich hat, sollen glaubwürdig darauf hinwiesen, dass eine Invasion in Griechenland plant ist. Eine heikle Operation… Am Ende bemerkte Premier Churchill nur: Das Hackfleisch (Mincemeat) sei verzehrt – voll und ganz.
Bei diesem Spionagethriller, mehr Kammerspiel denn Actionstreifen, nahm sich Regisseur John Madden («Best Exotic Marigold Hotel») viel Zeit für seine Helden und ihre akribische Arbeit – britisch unterkühlt und stilsicher. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch (2010) von Ben Macintyre. Eine wahre Geschichte – spannend bis zur letzten Einstellung. Da mag man die verdeckte Liebesgeschichte zwischen Montagu und seiner Assistentin Jean Leslie als emotionales Beiwerk verzeihen. Ein geradezu literarischen Clou bietet das brillante Täuschungsmanöver obendrein: Ein gewisser Ian Fleming (Johnny Flynn) macht Aufzeichnungen (wohl für seine späteren eigenen 007-Sponageromane) und kommentiert das Geschehen geradezu philosophisch.
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6 Días en Barcelona
rbr. Wenn es klemmt… Sie werden gerufen, wenn es klemmt irgendwo im Haushalt, im Waschsalon oder sonstwo: Klempner. Sie müssen sich zusammenraufen in einer Woche: Der barbeissige Valero (Valero Escolar, der gern den Chef spielt, der alte Pepo (Pep Sarrà), der kurz vor der Pensionierung steht, und der Fremde im Trio, Moha (Mohamed Mellari), eigentlich ein sympathischer Kerl marokkanischer Abstammung. Doch mit dem Neuen auf Probe hat Valero Mühe. Liegt’s am Fremden, am Aussehen? Die Chefin (Paqui Becerra) will davon nichts wissen. Moha ist geschickt, freundlich und findet einen guten Draht zu den Kunden oder auch zu Pepo. Tag um Tag kommen sich die beiden Kontrahenten bei Elektro- oder Sanitärarbeiten und in Pausen näher. Miesepeter Valero weicht auf, erkennt allmählich, dass es angenehmer ist, gemeinsam am selben Strang zu ziehen.
Die sympathische Sozialkomödie «6 Días en Barcelona» wirkt sehr authentisch, auch weil sie alltäglich und zwischenmenschlich daherkommt. Die Katalanin Neus Ballús bringt quasi eigene Erfahrungen ein. Ihr Vater war Klempner und aus dessen Erfahrungsschatz schöpfte der Regisseur: «Im Laufe der Jahre haben mich die Vorurteile und die Komplexität dieser Situation mit Kunden beeindruckt.» Während drei Jahren hat Serrà mit allen möglichen Arbeitern gearbeitet. Letztlich spielt das Klempner-Trio sich selbst. Der liebenswürdige, direkte und ehrliche «6-Tage-Arbeiterfilm» beschreibt, wie Menschen sich annähern und profitieren können – dank Verständnis und Unvoreingenommenheit.
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Für immer Sonntag
rbr. In Rente. Viele sehnen sich danach, manche fürchten den Moment, wenn der Arbeitsalltag wegfällt und man (fast) alle Zeit der Welt hat – als Rentner. Der Berner Steven Vit hat seinen Vater Rudy begleitet, seinen Weg in und im Ruhestand dokumentiert. Die letzte Dienstreise nach China, dann heisst es für Rudy Abschied und Abstand nehmen von seinem Berufsalltag. Das ist leichter gesagt als getan, das bekommen seine Frau Käthi und sein Sohn Steven zu spüren. Und der rückt dem Pensionär auf die Pelle, will genauer wissen, wieso Rudy so schlecht mit der neuen Situation klar kommt, wieso er grantelt und welche Träume er noch hat. Steven Vits Dokumentarfilm, sein erster, ist ein persönliches Zeitdokument ein Film nicht nur übers Älterwerden, sondern auch über Beziehungen und Verbundenheit, Selbstfindung und Mut, sich dem Ruhestand zu stellen: Sonntage haben eben auch ihre Schattenseiten. Erwähnenswert ist dazu, dass der Film sehr familiär und persönlich bleibt, auf jegliche Fachkommentare verzichtet und so mehr sagt als viele erklärende Worte.

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Top Gun: Maverick

rbr. Machowahn und Militärspot  Alles eine Frage der Zeit? 36 Jahre danach werden die «Besten der Besten» wieder fürs Kino aktiviert. «Top Gun»-Hero Pete «Maverick» Mitchell (Tom Cruise) hat sich in die kalifornische Wüste zurückgezogen, um Flugzeuge zu testen. Er kann’s nicht lassen und powert wie eh und je, überschreitet Befehlsgrenzen und jagt seinen Flieger auf über 10 Mach – gegen den Willen seines Vorgesetzten, Vizeadmiral Beau «Cyclone» Simpson (Jon Hamm). Der würde den Haudegen am liebsten ganz in die Wüste schicken, doch «Maverick» hat einen Fürsprecher: Admiral Tom «Iceman» Kazanski (Val Kilmer). Und der beordert den Top-Kampfflieger an eine Eliteschule der Navy, um junge Piloten für eine gefährliche Mission fit zu machen. Es geht darum, in einem «fernen» Land eine Urananreicherungsanlage zu zerstören – irgendwo im Raum des Indischen Ozeans.
«Maverick» ist von sich als Lehrer nicht überzeugt, doch dann packt ihn der Ehrgeiz, und er packt die Kandidaten und Kandidatinnen bei der Schulung hart an. Dabei stösst er, der alte, wenn auch hochdekorierte Knacker, der es bewusst nur zum Captain gebracht hat, bei den Piloten auf Skepsis, besonders bei Bradley «Rooster» Bradshaw (Miles Teller). Der gibt nämlich «Maverick«» die Schuld am Tod seines Vaters «Goose» (Anthony Edwards), einst «Wingman und »dicker Kumpel des Ausbilders Mitchell. Es liegt nahe, dass auch «Mavericks» alte Flamme Penny (Jennifer Connelly) auftaucht und neu entflammt wird. Regisseur Joseph Kosinski und seine Autoren lassen nichts aus, um die kriegerische Actionmission anzufeuern – mit hartem Training und Festen, spielerischen Football-Einlagen am Strand, Kumpeleien, Sonnenuntergängen und geradezu malerisch choreographierten Flugzeug-Formationen und Attacken. Diese «Top Gun»-Fortsetzung bietet emotionales Actionkino, spektakulär inszeniert, mit «echten» Männern, kampfbereiten Frauen, Cockpit-Dramatik und viel militärischem Habitus. Nur eines kann und will «Top Gun: Maverick» nicht, nämlich friedlich sein. In Zeiten des Krieges wie zurzeit ist dieses Macho-Machwerk irgendwie aus der Zeit gefallen, auch wenn Tom Cruise als Veteran (60) eine knackige Figur macht, genauso wie die Youngster Rooster, Bob (Lewis Pullman), Phoenix (Monica Barbaro) oder Payback (Jay Ellis). Die Dreharbeiten des «Top Gun»-Aufguss begannen bereits im Mai 2018, der Film (Budget über 150 Millionen Dollar) sollte im Dezember 2020 in die Kinos kommen. Doch Corona sorgte für Aufschub. Nun wurde das Luft-Boden-Spektakel am Filmfestival in Cannes präsentiert – mit entsprechendem Jetgetöse. Wird er wie das Original (15 Millionen Dollar Kosten, 356 Millionen US-Dollar Einnahmen) zum Kassenknüller? Die Kinos könnten es brauchen – Krieg hin oder her.

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The Duke
rbr. Schrulliger Entführer. Was heisst da alter Knacker. Manche haben es faustdick hinter den Ohren! Der in die Jahre gekommene Taxifahrer Kempton Bunton kam auf die abwegige Idee, den Herzog von Wellington zu entführen. Nicht die historische Person natürlich, sondern das Gemälde von Francisco Goya, bekannt als «The Duke». Solches geschah im Jahr 1961. Mit besagtem Bild hatte bereits James Bond im Agentenabenteuer. «Dr. No» (1962) kurz Bekanntschaft gemacht. Dieser kleine Abstecher fand auch Aufnahme in der aktuellen Gaunerkomödie «The Duke», von Roger Michell spitzbübisch inszeniert nach erwähnter wahrer Begebenheit. Besagter Kempton, wohnhaft in Newcastle, ärgerte sich über Fernsehlizenzgebühren (schon damals!) und beschloss für sein und das Recht armer Leute zu kämpfen, nämlich um kostenlosen Fernsehempfang. Als er erfährt, dass die National Gallery 140 000 Pfunde locker gemacht hatte, um Goyas Porträt vom «Duke of Wellington» zu behalten, machte er sich klammheimlich daran, das Gemälde zu entführen. Gedacht, getan. Vor seiner Frau Dorothy (Helen Mirren), einer treuen Putzfrauenseele, verheimlichte er den Klau. Allein sein Sohn Jackie (Fionn Whitehead) ist eingeweiht, Mitwisser und Helfer, und lässt den «Schatz» im Kleiderschrank verschwinden. Tatsächlich lagerte der «Duke» dort vier Jahre, bevor…
Im Kino geht alles etwas schneller, aber nicht weniger skurril und witzig zu. Die sanfte Komödie, ganz nach trockener britischer Art, beginnt mit einer Gerichtsverhandlung und der schrullige 60jährige Kempton Bunton (Jim Broadbent) erzählt, wie alles begann, wie er aneckte, ihm der Tod seiner Tochter zu schaffen machte, wie er die TV-Gebühren als Unrecht empfand und er schliesslich das gestohlene Gemälde als Faustpfand nutzte, um die Behörden umzustimmen. Das mag alles etwas altmodisch wirken, beweist aber Charme, Wärme und einen untrüglichen Sinn für Humor und Schlitzohrigkeit. Für die Hauptdarsteller Broatbent und Mirren war dieses Versteckspiel ein gefundenes Fressen. Köstlich.
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The Electrical Life of Louis Wain

rbr. Katzen-Künstler wider Willen. Der Originaltitel ist etwas verschroben und zielt auf die eigentlichen Intentionen des Engländers Louis Wain. Der nämlich war ein begnadeter Forscher und Erfinder in Sachen Elektrizität. Doch seine Intelligenz (auf diesem Gebiet), seine Kreativität sorgten nur ungenügend für materielle Grundlagen am Ende des 19. Jahrhundert. Louis Wain, 1860 geboren, musste nach dem Tod seines Vaters für den Unterhalt seiner Familie sorgten, und das waren seine Mutter und fünf Schwestern. Er heiratete 1884 seine grossen Liebe, Emily Richardson (Claire Foy), zog mit ihr aus dem Elternhaus und liess sich in Hampstead nieder. Das gemeinsame Glück währte nur kurz, seine Frau starb 1887 an Brustkrebs. Er fand einen gewissen Trost in Kater Peter, der ihnen zugelaufen war. Er schätzte den kuscheligen Kameraden und nahm ihn zum Modell für seine Zeichnungen. Ab 1890 begann er Geschichten um den Kater zu kreieren. Seine Illustrationen fanden Aufnahme in Magazinen etwa der London News, später auch in den USA. Er weilte ab 1907 wiederholt in New York. Seine drolligen Bildergeschichten um vermenschlichte Katzen wurden zum Hit und begeisterten das Publikum. Er schuf Comics, illustrierte Kinderbücher und löste eine Sympathiewelle für die Samtpfoten Anfang des 20. Jahrhunderts aus: Wain war der Animator für einen Katzenboom, der bis heute anhält.
Doch wie manche andere Künstler (oder Sportler wie beispielsweise Boris Becker) konnte Louis Wain nicht mit Geld umgehen. Seine Ideen wurden gestohlen, kopiert. Er hatte sich nicht um die nötigen Copyrights gekümmert. Seine Schwestern setzten ihn unter Druck. Man verkrachte und versöhnte sich. Doch der Künstler war fragil und anfällig, wurde ausfällig. Ärzte diagnostizierten eine Geisteskrankheit. So wurde er in die Irrenanstalt von Springfield eingewiesen. Freunde und Bewunderer wie H.G. Wells unterstützten ihn und gründeten einen Louis Wain Fund. Der grosse Katzenfreund starb 1939 im Napsbury Hospital in Hertfordshire, England.

Ein Leben voller Höhen und Tiefen. Will Sharpe (Buch und Regie) versuchte diesen produktiven, begnadeten und tragischen Phantasten gerecht zu werden und zu illustrieren. Sein Biopic über den grossen Katzenfreund und Künstler beschreibt viele Details und Schnurren dieses Exzentrikers des viktorianischen Zeitalters – schillernd, etwas altmodisch auch. « Die wundersame Welt des LouisWain» ist ein berührendes Porträt und malerisches Zeitbild, das jedem Katzenfreund ans Herz geht. Benedict Cumberbatch, der zurzeit sein Kinounwesen auch als Superheld «Doctor Strange» treibt, verleiht Wain Würde und Charakter. Er vertiefte sich in Wains Zeichenkunst, versuchte sich in Skizzen und Malerei. «Ich hatte eine riesige Verbindung zu dem Künstler Louis Wain», beschreibt Cumberbatch sein Engagement. «Ich liebe es zu zeichnen, ich mache es allerdings nicht oft. Die Gelegenheit, sich endlich einmal wirklich darauf konzentrieren zu können, war ein echtes Geschenk.»
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Les amours d’Anaïs

rbr. Anaïs rennt. Sie ist der Unruhegeist in Person: Anaïs, um die dreissig Jahre jung, will nichts verpassen. «Eine Frau am Scheideweg», beschreibt Charline Bourgeois-Tacquet, Buch und Regie, ihre Heldin. «Im Gegensatz zur etwas heroisierten Figur der ‘modernen Frau’ wollte ich eine komplexe junge Frau porträtieren, die in den materiellen und existenziellen Schwierigkeiten gefangen ist, die für ihr Alter und ihre Zeit typisch sind. Eine junge Frau, die (sich) sucht.»
Anaïs (nicht von ungefähr trägt die Schauspielerin Anaïs Demoustier denselben Vornamen), Studentin aus Paris, lässt sich treiben, wird von Verlangen getrieben und folgt schier bedingungslos ihren Impulsen. Sie ist intuitiv und rastlos. Dazu gehörte, dass sie ständig in Bewegung ist – innerlich und äusserlich. Sie rennt und rennt. Ob sie ihren Verlobten Raoul (Christopher Montenez) nur «geniesst» oder liebt, weiss sie nicht recht. Sie lässt sich mit dem Verleger Daniel (Denis Podalydès) ein, ist aber mehr an seiner Frau Emilie (Valeria Bruni Tedeschi), einer bekannten Romanautorin, interessiert. Sie reist ihr nach auf ein Schloss in der Bretagne, sucht ihre Nähe, ihre Liebe.
Wie wird sich die verheiratete Emilie entscheiden, wird sich Anaïs finden, ihre Liebe erfüllen? Charline Bourgeois-Tacquts Film hat nicht nur eine lustvolle Romanze über die Launen der Liebe, über Begehrlichkeiten und Befriedigung, sondern auch eine Reise zur Selbstfindung sommerlich leicht inszeniert: eine Hommage an Hingabe mit zwei Frauen im Spektrum, hingebungsvoll von Anaïs Demoustier und Valeria Bruni Tedeschi gespielt und sehr sinnlich verkörpert.
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A Hero
rbr. Zum Helden gemacht. Er dachte sich nichts Böses, wurde zum Gutmenschen und stürzte tief.  Was wie ein Märchen oder eine Parabel klingt, ist die Geschichte eines Iraners, der gefeiert und gefeuert wird. Rahim (Amir Jadidi) sitzt im Knast, weil er seine Schulden in Höhe von 150 000 Toman nicht abtragen kann. Toman heisst die altpersische Währung, die 1925 durch den iranischen Rial abgelöst wurde. 150 000 Toman entsprechen rund 1,5 Millionen Rial (im Wert heute von etwa 30 Franken). Während eines Hafturlaubs versucht er, seinen Schuldner zu befrieden, verspricht eine Teilabzahlung, doch der Gläubiger bleibt hartnäckig. In dieser Notlage findet seine Freundin (Fereshteh Sadre Orafaee) eine Tasche mit Goldmünzen. Eintauschen und Geld machen oder zurückgeben – ist die Frage. Rahim entscheidet sich, die Besitzerin zu finden und ihr den Fund zurückzugeben. Das geschieht. Von dieser edlen Geste erfährt die Gefängnisleitung und orientiert die Medien. Rahim wird als «ehrliche Haut» gefeiert, von einer Wohltätigkeitsorganisation zum Helden stilisiert. Sein Gläubiger, dessen Tochter und Clan bezweifeln die gute Tat, auch weil die Besitzerin der Tasche unauffindbar bleibt. Rahim, der sich als Finder ausgegeben hatte, aber nur Mittler war, wird in die Ende getrieben, sucht sich in Notlügen, wird als Lügner diffamiert.
Autor und Regisseur Ashhar Farhadi (Oscar für «The Salesman» und «A Seperation») entwickelt ein Gesellschaftsdrama, in dem Ansehen und Anerkennung entscheidende Kriterien sind, wobei die Wahrnehmung die Wahrheit wesentlich überdeckt. Der Held, von Medien gepusht, wird gestürzt, bleibt sich aber im tragischen Fall treu, erkennt seine Fehler und steht zu ihnen, auch wenn das seinen Preis hat. Farhadi legt ein Menschenschicksal bloss wie die Archäologen, die am Anfang des Films in der Ausgrabungsstätte Naqsche-e-Rostam arbeiten, dem Rahim einen Besuch abstattet. Hier, in der Nähe von Schiras und Persepolis, liegen die Helden (Grosskönige) der persischen Geschichte begraben. Der Titel «A Hero» ist entsprechend doppeldeutig. Die Tragödie um einen Menschen, der vertraut und enttäuscht, auch getäuscht wird, um Verherrlichung und Verurteilung muss man nicht explizit iranisch lesen. Der Film hat Allgemeingültigkeit im heutigen Mediendschungel. Er wurde in Cannes 2021 mit dem Grand Prix der Jury ausgezeichnet.
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Downton Abbey – A New Era
rbr. Adel verpflichtet. Eine vornehme Gesellschaft, treue Dienerschaft, ein fürstlicher (exakt: gräflicher) Landsitz, ein historischer Rahmen, Nostalgisches und Menschliches, allzu Menschliches. Das sind die Ingredienzen einer Erfolgsgeschichte. Julian Fellows, der geadelte Drehbuchautor, hat sie kreiert und schreibt und schreibt. Ein Ende ist nicht abzusehen. Mittlerweile gibt es 52 TV-Folgen in 6 Staffeln, Christmas Specials und zwei Kinofilme – seit 2010. Ein opulentes Phänomen. Auf das neuste Kinowerk «Downton Abbey – A New Era» kann man sich mit Vergnügen einlassen, auch ohne das Stammpersonal und die unzähligen Vor- und Nebengeschichten zu kennen.
Kern des verzweigten Techtelmechtel mit Klassenbewusstsein bildet die britische Adelsfamilie Crawley – an der Spitze mit der altmodischen, aber hellwachen Violet Crawley (Maggie Smith), Lady im Methusalem-Alter, der alte Hausherr Earl of Grantham alias Robert Crawley (Hugh Bonneville), seine Frau Cora (Elizabeth McGovern) und deren Tochter Lady Mary (Michelle Dockery), die das Zepter übernommen hat.
War der Besuch von König Georg V. und Queen Mary das Grossereignis im ersten Kinofilm (2019) so ist es nun das Gastspiel einer Filmcrew auf Downton Abbey. Die Herrschaften brauchen Geld, also lässt man sich eher widerwillig auf das Experiment ein. Der Regisseur Jack Barber (Hugh Dancy) und sein extravaganter blonder Star Myrna (Laura Haddock) wirbeln einiges durcheinander. Man schreibt das Jahr 1928. Dramatisch wird es aber erst, nachdem man festgestellt hat, dass der Stummfilm keine Zukunft mehr hat. Abbruch? Lady Mary hat die geniale Idee, den Stumm- in einen Tonfilm zu verwandeln. Kein Problem für den Hauptdarsteller Guy Dexter (Dominic West), aber die Stimme der Blondine ist ungeeignet. Kann man sie ersetzen…?
Das ist der eine turbulente Handlungsstrang in der neuen Abbey-Historie. Andererseits sorgt das Erbe der Countess of Grantham (Violet Crawley) in Südfrankreich für Besorgnis und Unruhe. Die Villa gehörte einem Mann, den die Countess vor ihrer Ehe kannte und mit dem sie wahrscheinlich liiert war. Wenig erbaut über den Bescheid des Verstorbenen ist dessen Witwe (Nathalie Baye). Was steckt dahinter…?
Die zwei Schauplätze, hier der imposante Adelssitz Highclere Castle in Hampshire (der Drehort), dort die südländische Côte d’ Azur. Hier die konservative ältere Sippschaft, dort die jüngere Generation, hier alte Herrschaftsstrukturen, dort Aufbruch ins Tonfilmzeitalter, hier die Oberschicht, dort die Dienerschaft. In diesem Spannungsfeld bietet Regisseur Simon Curtis alles auf, was ein Gesellschaftsspektakel mit nostalgischem Touch unterhaltsam macht – in märchenhafter Szenerie getragen von exquisiten Schauspielern, etwa Michelle Dockery als etwas trockene, aber elegante und umsichtige Realistin Mary bis zur sagenhaften (87!) Maggie Smith, die als Old Lady Pfeffer in den Gesellschaftsclinch streut. Ein Kränzchen muss man auch den «»niederen Bediensteten winden – vom Butler Mr. Charles Carson (Jim Carter) bis zur Haushälterin Elsie Mrs. Carson (Phyllis Logan) , vom Küchenmädchen Daisy (Sophie McShera) bis zum Lakai Andy Parker (Michael Fox). Mit einem illustren Clou schliesst das Gesellschaftspuzzle in neuer Ära: Die Dienerschaft tauscht Rollen. Einfach hinschauen und sich aristokratisch spitzbübisch amüsieren.
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Wet Sand

rbr. Der Liebe und des Meeres Wellen. Es war ein weiter Weg vom Filmfestival Locarno 2021 (Weltpremiere) bis in unsere Kinos. Der zweite Langspielfilm der Georgierin Elene Naveriani, wohnhaft in Bern, wurde in Solothurn mit dem Prix de Soleure und dem Schweizer Filmpreis Quartz (Bester Spielfilm) ausgezeichnet. Meeresrauschen. Ein Strandcafé namens «Wet Sand». am Schwarzen Meer, abgeschieden. Eine Idylle – doch das täuscht. Ein Mann schreibt einen Brief, packt eine Flasche Wein mit dem Brief ein. Was es damit auf sich hat, erfahren wir erst gegen Ende dieses stillen Dramas.
Eliko wird tot aufgefunden. Selbstmord, vermutet die Dorfgemeinschaft, vermutlich wegen seiner Krebserkrankung. Moe (Bebe Sesitashvili), seine Enkelin aus der Stadt, taucht auf, um den Toten zu beerben. Die einzigen, so scheint es, die um den Einzelgänger trauern, sind Amnon (Gia Agumava), der Wirt des Cafés, und Fleshka (Megi Kobaladze), die Serviertochter. Auch der einsame Fischer Spero (Kakha Kobaladze) zeigt Sympathie für den Verstorbenen. Die Dorfgemeinschaft, allen voran der grobe Dato (Zaal Goguadze), der auch seine Ehefrau Neli (Eka Chavleishvili) drangsaliert und knutet, bleibt auf Distanz, äussert sich geradezu feindselig. Auch gegenüber der Städterin Moe, die als Eindringling wahrgenommen wird. Der Todesfall wühlt die Idylle auf wie ein Sturm das Meer, deckt Vorurteile, Verletzungen, Gewaltpotenzial und Geheimnisse auf. Die Liebesgeschichte «Wet Sand» schildert problematische Verhältnisse, zumindest in Georgien: nämlich homosexuelle und lesbische Liebe, die von der Dorfbevölkerung nicht toleriert wird.
Sie hätte Schwierigkeiten gehabt, erzählt Regisseurin Elene Naveriani, die Hauptrolle des Cafébesitzers zu besetzen. Nach diversen Absagen georgischer Schauspieler sei sie auf Gia Agumava gestossen, Philologe und Professor für Griechisch und Latein. Auch die Moe-Darstellerin sei eine Laiin, berichtet die Filmerin. Das Dorf am Meer spiegelt georgische Verhältnisse wieder: ein Flecken im Abseits, spröde und abweisend, alten Denkweisen und Ängsten verhaftet. Es wird mit einer Wirklichkeit konfrontiert. Der Film, eine Schweizer Koproduktion, geht einem sehr nahe, wirft einen ungeschminkten Blick auf Georgien und seine alten Strukturen. Dank der Schweizer Koproduktion hätte sie den Freiraum gehabt, ihr Land so mit aller Problematik und Verkrustungen zu schildern. Ein denkwürdiger Film in mancher Hinsicht – sehr bewegend, tragisch und doch hoffnungsvoll.

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Alice Schwarzer
rbr. Komplexes Panoptikum einer Frauenkämpferin. Sie ist nicht die Feministin der ersten Stunde, wohl aber die wichtigste Kämpferin der Neuzeit in Deutschland – in Sachen Emanzipation, Feminismus, Frauen- und Menschenrechte. Alice Schwarzer, 1942 in Wuppertal geboren und bei ihren Grosseltern aufgewachsen, ging 1963 nach Paris, arbeitete ab 1969 für das Magazin «Pardon», freundete sich 1970 mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre an. Die Pariser Jahre haben sie wesentlich geprägt. Alice Schwarzer wurde zur kompromisslosen Journalistin und Interviewerin der Siebzigerjahre – bis heute. 1977, genauer am 25. Januar, gründete sie die Zeitschrift «Emma» als Verlegerin und Chefredaktorin. Die 361. Ausgabe (Titel «Der Bubikopf – Skandal») erschien Ende Februar, die 362. am 28. April («Missbrauch in der Katholischen Kirche»).
Dieser Frauenkämpferin, ungebrochen aktiv und angriffig, hat Sabine Derflinger («Die Dohnal – Frauenministerin, Feministin, Visionärin», «Letzte Spur Berlin», TV-Krimireihe) ein Filmporträt gewidmet. Viele wichtige Auftritte und Interviews der Autorin, Journalistin, Streiterin im Fernsehen, in der Öffentlichkeit wurden eingebaut, wichtige Lebensstationen, Begegnungen und mediale Begebenheiten skizziert. So entstand ein biographisches Panoptikum von Wuppertal über Paris bis Köln (Emma-Redaktion) – bisweilen kantig-kernig, aber auch flatterhaft. Die breitgefächerte Dokumentation, gespickt mit Archivaufnahmen etwa vom legendären Streitgespräch mit Esther Vilar, wird zur Hommage an die Frauenrechtlerin. Viele ihrer Aktionen, ihres Engagements etwa für Schwangerschaftsabbruch, gegen Kopftuchzwang in öffentlichen Institutionen, aber auch im Prozess des «Wetterfrosches» Jörg Kachelmann werden akzentuiert. Andere Vorfälle wie Steuerhinterziehung und ihre Stellung gegenüber dem Islam oder Putin bleiben vage, werden höchstens unkritisch erwähnt. Das Bildnis, das Sabine Derflinger mit ihrem Film (100, ursprünglich 136 Minuten lang) zeichnet, ist einseitig geprägt. Die Nähe zu dieser umstrittenen, streitbaren, aber prägenden Persönlichkeit wird so zum Makel, auch weil die Fülle eingestreuten und montierten Materials viele Perspektiven skizziert, dokumentiert, aber kaum bis gar vertieft.
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Rabiye Kurnaz gegen Georg W. Bush
rbr. Befreiungskampf. Es gibt Reportagen, Bücher und Filme über das Schicksal von Häftlingen im US-Lager Guantánamo. Beispielsweise das Drama «The Road to Guantánamo» aus dem Jahr 2005. Es schildert die Festsetzung von drei Moslems, die in dieser US-Enklave auf Kuba zwei Jahre rechtlos inhaftiert und gefoltert worden sind. «The Mauretanian»(2020) schildert den Leidensweg Mohamedou Ould Slahis, der im oben genannten Gefangenlager ohne Anklage und Gerichtsverfahren jahrelang festgehalten wurde. Ein Spielfilm von Kevin Macdonald mit Jodie Foster als Anwältin und Benedict Cumberbatch als Militärstaatsanwalt – nach dem Times-Bestseller «Guantánamo Diary» von Slahi.
Der deutsche Regisseur Andreas Dresen wählte einen anderen Ansatz. Gemeinsam mit Drehbuchautorin Laila Stieler verarbeitet er den Stoff, den der inhaftierte Murat Kurnaz in seinem autobiographischen Buch «Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantánamo» geliefert hatte. Doch sein Drama «Rabiye Kurnaz gegen Georg Bush» schildert nicht den öden Alltag der Guantánamo-Insassen und die Torturen, denen sie seitens des US-Militärs ausgesetzt waren, sondern den Kampf der Mutter um die Freilassung ihres Sohnes Murat. Das Drehbuch wurde an der Berlinale 2022 mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet.
Der türkischstämmige Murat (19) aus Bremen wurde im Oktober 2001 in Karachi verhaftet, Afghanen ausgeliefert und von Amerikanern des Terrors verdächtigt, schliesslich 2002 nach Guantánamo verschleppt. Als seine Mutter Rubiye in Bremen davon erfährt, unternimmt sie alles, um ihren Sohn freizubekommen. Im Menschenrechtsanwalts Bernhard Docke (Alexander Scheer) findet sie einen Verbündeten, der ihr beim trostlosen Leidensgang durch sture Behörden und gleichgültigen Politikern juristisch und menschlich zur Seite steht. Zusammen gehen die beiden «Freiheitskämpfer» bis zum US Supreme Court in Washington. Um den inhaftierten Murat (Abdullah Emre Öztürk) dreht sich alles, er ist quasi Stein des Anstosses, doch er bleibt ein Schemen im Hintergrund – bis auf Eingangs-und Schlusssequenzen. Er wurde 2006 entlassen – ohne Urteil, ohne Entschuldigung oder Bedauern der Behörden
Das muss man gesehen haben, wie Meltem Kaplan resolut, unerschrocken als Mutter Rabiye agiert, die angesichts der Unmenschlichkeit von Staatsorganen verzweifelt. Dabei verliert sie nie die Hoffnung und ihren Galgenhumor. Die Schauspielerin Meltem Kaptan, Moderatorin und Comedien («Ladies Night»), ist eine Wucht und wurde an den Berliner Filmfestspielen mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Alexander Scheer spielte 2018 den widerborstigen DDR-Liedermacher Gerhard Gundermann unter der Rege von Dresen. Er bildet als knochentrockener Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke ein Pendant zur quirligen Rechtstreiterin, mit der er durch Dick und Dünn geht. Ihr Kampf um Recht und Gerechtigkeit wurde auch in Washington und Berlin zur Kenntnis genommen. Doch die zweifelhafte Rolle deutscher Behörden und Politiker ist nicht sauber. Auch der amtierende Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, dazumal Chef des Bundeskanzleramtes hat sich in diesem Fall nicht mit Ruhm bekleckert. Erst Angela Merkel setzte sich für Murat ein. Die politischen Hintergründe und Nebengeräusche werden im Film nur vage angedeutet.
Andreas Dresen, der sich einen Kurzauftritt als Richter am Supreme Court nicht nehmen liess, schuf ein packendes engagiertes Drama um Recht und Gerechtigkeit. Ein Fanal gegen staatliche, militärische Willkür, ein Plädoyer für Würde, Menschlichkeit und unerschütterliche Solidarität. Zu bemerken ist noch die frappante Ähnlichkeit der Schauspieler Kaptan und Scheer, sie kommen auch den wirklichen Filmhelden äusserlich unglaublich nahe, wie der dokumentarische Nachspann zeigt.

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Les Olympiades
rbr. Leben und Lieben in Paris. Etwas schwärmerisch lautet der deutsche Verleihtitel «Wo in Paris die Sonne aufgeht». Na ja. «Les Olympiades» meint eigentlich keine olympischen göttlichen Gefilde, sondern ein Quartier in Paris mit Hochbauten im 13. Arrondissement, das vor allem von Menschen asiatischer Herkunft bewohnt wird. Und so gruppiert Jacques Audiard seine Sex- und Liebesbegegnungen um Émilie (Lucie Zhang), die in der Wohnung ihrer demenzerkrankten Grossmutter lebt. Sie sucht einen Mitbewohner, findet Camille (Makita Samba), der sich als Lehrer und Doktorand entpuppt. Mit Sex sind beide schnell bei der Sache. Ein Deal auf Zeit. Emilie sucht Halt, Liebe, doch der schwarze Camille will nur schnelle Befriedigung. Man findet einen Kompromiss. Später lernt Émilie, die in einem Callcenter jobt, die ältere Jurastudentin Nora (Noémie Merlant) kennen. Verzwickt wird es erst, als Nora für die Pornodarstellerin Amber Sweet gehalten wird, die ihr teuflisch ähnlich sieht. Das bringt sie in Teufels, sprich digitale Küche. Kommilitonen haben sie im Internet als Amber geoutet. Sie wird zur Ausgestossenen. In Wahrheit ist Louise (Jenny Beth) Amber. Man begegnet sich und…
Jacques Audiards schwarzweisses Liebes- und Beziehungsdrama pendelt zwischen Dokumentation und Phantasie, realer Sozialmediawelt und Wunschdenken. Sexsequenzen werden punktuell in Farbe getaucht. Ein prickelndes Stadt- und Menschenbild. Es bedient sich der Kurzgeschichten und Graphic Novels des New Yorkers Adrian Tomine. Eine Tour de Force über Triebe, Liebe, Begehren und Beziehungen – teilweise sexy und wild, aber durchweg romantisch.

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Schwarzarbeit
rbr. Schattenseiten der Arbeit. Sie malochen mit der Angst im Nacken: Schwarzarbeiter. Auch in der sauberen Schweiz ein dunkles Kapitel. Oft sind sie Arbeitgebern rechtlos ausgeliefert, müssen Lohndumping hinnehmen, werden ausgebeutet und leben quasi im Verborgenen. Ulrich Grossenbacher («Messies») ist zusammen mit Arbeitsmarktinspektoren auf Schweizer Reise gegangen – mit Schwerpunkt Bernbiet. Frédy, Regula, Marcos, Sefan und Chrümu haben Baustellen und Restaurantküchen, Pflegekräfte, Serviertöchter und Shop-Manger aufgesucht und «hinterfragt». Oft sind die Löhne niedrig und Arbeitsbewilligungen nicht vorhanden. Es tut ihnen sichtbar leid um die Arbeitskräfte, deren materielle Not von Unternehmern und Geschäftsbetreibern ausgenutzt wird. Es geht um Verantwortung der Arbeitsgeber und Schutz der Lohnabhängigen. Wiederholt kommt Gewerkschafter und Ex-Nationalrat Corradi Pardini (SP) zu Wort, der sich für gute liberale Beziehungen zur EU und Lohnschutz eingesetzt hat. Er scheute sich auch nicht, in der Höhle des Löwen bei der Blocherschen SVP-Tagung im Albisgüetli aufzutreten.
Grossenbachers engagierter und überzeugender Dokumentarfilm deckt dunkle Seiten des Schweizer Arbeitsmarktes auf, wirft explizit Fragen nach Verantwortlichkeit, auch Menschlichkeit auf. – direkt und geschminkt. Schuld, zeigt der Film, sind nicht die Lämmer, sondern die Hirten – auf Baustellen, Magazinen, in Beizen und auch Privathaushalten. Und denen schauen die Kontrolleure auf die Finger beziehungsweise in die Bücher.

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to be continued

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