FRONTPAGE

«Die Zürcher Schauspielerin Rachel Braunschweig: Tatort & Netflix»

Von Rolf Breiner

 

Man kennt ihr markantes Gesicht aus Filmen wie «Die göttliche Ordnung» oder «Zwingli». Die Zürcherin Schauspielerin Rachel Braunschweig verkörpert die Staatsanwältin in den aktuellen Schweizer «Tatorten» und die Bäuerin Katherina in der TV-Serie «Neumatt».

Die 53jährige Schauspielerin ist auch bei der zweiten Staffel dieser Schweizer Produktion dabei, die nun von Netflix erfolgreich weltweit verbreitet wird.

 

«Es fiel mir schwer mich zu fokussieren – jetzt bin ich für Hauptrollen bereit»

Markant einprägsam: Die Schweizer Schauspielerin Rachel Braunschweig ist seit über 25 Jahren im Geschäft, auf Bühnen und vor Kameras. 2017 wurde sie mit dem Schweizer Filmpreis Quartz für die beste Nebenrolle im Film «Göttliche Ordnung» ausgezeichnet. Im neuen Schweizer «Tatort»-Team verkörpert sie die Staatsanwältin Anita Wegenast. Seit März steht Rachel Braunschweig vor der Kamera für die zweite Staffel der Erfolgsserie «Neumatt». Wir trafen uns im Zürcher Zollhaus, Cafe Gleis, zu einem ausgiebigen Gespräch.

 

Sicher eine Frage, die Sie schon häufiger gehört haben: Sie sind in Horgen am Zürisee aufgewachsen. Doch was hat Ihr Name mit der norddeutschen Stadt zu tun?

Rachel Braunschweig: Gar nichts. Ich hatte meine ersten Theaterengagements an norddeutschen Bühnen in Hannover, Wilhelmshafen und Hamburg. Mehr nicht.

 

Ihr Mann Michael Hasenfuss stammt aus Deutschland und ist ebenfalls künstlerisch tätig..?

Er ist auch Schauspieler, aber vor allem als Autor tätig. Er schreibt Theaterstücke und Hörspiele.

 

Ihr Name wie auch der Ihrer Kinder Ezra und Yaira lässt auf jüdische Wurzeln schliessen…

Da kommen wir wieder auf Braunschweig.  Mein Grossvater und seine Familie sind schon seit 200 Jahren in der Schweiz in Lengnau/Endingen. Nur dort durften jüdische Familien siedeln. In dem Roman Melnitz von Charles Lewinsky ist diese Welt sehr eindrücklich beschrieben. Ein Lesetipp! Den Namen väterlicherseits habe ich behalten.

 

Ich habe erfahren, dass Sie auch pädagogisch aktiv sind, früher an Fachhochschulen in Luzern oder an der ZHDK in Zürich, und nun…?

Ich gebe immer wieder mal Kurse oder Workshops in Sachen Auftrittskompetenz, beispielsweise für Studierende am KV Luzern Berufsakademie, auch im Kanton Aargau oder Zürich für Jugendliche in der Bewerbungssituation.

 

Vor fünf Jahren wurden Sie mit einem Quartz ausgezeichnet. Was bedeutet solch eine Auszeichnung für Sie, was kann sie bewirken?

Egal ob Nomination beispielsweise für «Spagat» oder der Quartz – es ist sicher eine Anerkennung für die Arbeit, die man mit Herzblut und Leidenschaft geleistet hat. Ja, das bedeutet etwas: Man wird wahrgenommen. Das ist ein Antrieb und Ansporn zum Weitermachen. Und diese Wahrnehmung kann zu weiteren Projekten und spannenden Rollen führen.

 

Sie waren ja bereits vor den Auszeichnungen gut im Geschäft…

Ich war vor allem als Theaterschauspielerin gut im Geschäft. Ich habe relativ spät beschlossen, mich auf den Film zu fokussieren. Ich war so etwas wie ein Mischkonzern, weil ich viele verschiedene Dinge gern tue und kann.

 

Haben Sie das Theater abgeschrieben?

Nein, ich werde wieder spielen, und zwar im Theater Marie in Aarau, das Manuel Bürgin im Kollektiv übernimmt, der zurzeit das Theater Winkelwiese in Zürich leitet. Martina Clavadetscher schreibt ein Stück nach Motiven von «Die Räuber» von Friedrich Schiller. Es soll «This is a Robbery» heissen. Premiere ist dann im Januar in Aarau mit anschliessender Tournee.

 

Nun stecken Sie in den Dreharbeiten zur zweiten Staffel «Neumatt». Sie spielen die Rolle der  Bäuerin Katharina Wyss. Wie läuft es ?

Katharina macht eine grössere Entwicklung. Sie löst sich vom Hof, von ihren Kindern und geht in die Stadt.

 

Ist das ein Akt von Emanzipation?

Ja, ich glaube schon. Sie löst sich von der Bauernidentität und findet sich in etwas Neuem wieder.

 

Die Dreharbeiten in und um Uster gehen bis Anfang Juli. Die achtteilige Serie «Neumatt» ist zum Verkaufsschlager geworden.

Netflix hat die erste Staffel gekauft, die erste Schweizer Serie überhaupt. Ab 13. Mai wird die erste Staffel von Netflix ausgestrahlt. Sie wird in 190 Ländern in 30 Sprachen zu sehen sein.

 

Sie haben es geschafft, sind gefragt. In Berlin haben Sie eine Agentur und in der Schweiz?

Nein, hier kommen die Anfragen quasi von selbst. Hier habe ich mir einen Namen gemacht.

 

Im Zürcher «Tatort» sind Sie weiter am Ball, nehme ich an.

Genau, inzwischen sind die Folgen 4, 5 und 6 abgedreht, im nächsten Jahr geht’s weiter.

 

Und wie sieht es mit Kinoproduktionen aus?

In Rom war ich bei einer internationalen Produktion dabei: «The Swarm», ein achtteiliger Öko-Thriller nach dem Bestseller «Der Schwarm» (2004) von Frank Schätzing. Ein weiteres Kinoprojekt wurde um ein Jahr verschoben, eine Schweizer Produktion von Condor Films. Es handelt sich um einen historischen Kriminalfall um 1900, basierend auf einer wahren Geschichte.

 

Kann man Sie auch irgendwo hören?

Ja, tatsächlich. Im Museum Rietberg, Zürich, gibt es die Ausstellung «Im Namen des Bildes. Das Bild zwischen Kult und Verbot im Islam und Christentum» (bis 22. Mai). Da hat mein Mann ein unterhaltsames Hörspiel geschrieben, das wir zusammen eingesprochen haben. Im Juni nehmen wir zudem eine Hörspielbearbeitung des Sommernachtraums für den SRF auf mit dem Titel: «Mir war, als wär’ ich».

 

 

Haben Sie nicht auch Lust zum Schreiben, zum Regie führen?

Regie zu führen, würde mich schon mal wieder reizen. Mit einer Freundin in Berlin arbeite ich gerade an einem Stoff. Mehr sei noch nicht verraten.

 

Rachel Braunschweig

 

29. Mai 1968 in Horgen geboren und dort aufgewachsen

Sternzeichen: Zwilling

Ehemann Michael Hasenfuss  (55)

Rachel Braunschweig, geboren in Zürich, studierte Schauspiel an der Zürcher Hochschule der Künste. Nach Festengagements in Wilhelmshaven und Hannover sowie als Gast am Schauspielhaus Hamburg lebt sie inzwischen als freischaffende Schauspielerin in Zürich. 

Für ihre Darstellung der Theresa im international erfolgreichen Kinofilm DIE GÖTTLICHE ORDNUNG erhält sie 2017 den Schweizer Filmpreis.

2019 kann man sie im Kinofilm ZWINGLI als Fürstäbtissin Katharina von Zimmern sehen.

Ab 2020 ist sie als Staatsanwältin Anita Wegenast im Hauptcast mit Carol Schuler und Anna Pieri Zuercher im neu gestalteten schweizer TATORT die Dritte im Bunde.

Weltpremiere feiert sie beim renommierten San Sebastián International Filmfestival mit dem Kinofilm SPAGAT / шпагат von Christian Johannes Koch. Sie spielt darin die Hauptrolle Marina. Für ihre Leistung ist sie für den Schweizer Filmpreis in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ nominiert. An ihrer Seite spielen Alexey Serebryakov (LEVIATHAN) und Michael Neuenschwander. Der Film gewinnt 2021 den Zürcher Filmpreis.

Sie gehört zum Hauptcast der Drama-Serie NEUMATT, die von Zodiac-Pictures und vom SRF produziert wurde. Regie führten Sabine Boss und Pierre Monnard. Die erste Staffel wird im Herbst 2021 ausgestrahlt, die Dreharbeiten für die zweite beginnen im Frühjahr 2022.

2021 dreht sie für die internationale Koproduktion THE SWARM in englischer Sprache und vier Folgen des schweizer TATORTs. Für ihre Rolle der Staatsanwältin Anita Wegenast erhält sie 2021 den Schweizer Fernsehpreis Prix Swissperform

 

 

Filmtipps

 

 

Elvis

rbr. Passion, Posen und Performance. Sein Name elektrisiert bis heute: Elvis Aaron Presley, 1935 in Tupelo, Mississippi, geboren, 1977 in Memphis, Tennessee gestorben, ist einer der Grössten des US-Show- und Musikbusiness. Baz Luhrmann hat ihm ein filmisches Denkmal geschaffen. Das filmisch-musikalische Porträt des Filmregisseurs, der mit «Moulin Rouge» Gespür für musikalische Stoffe bewies, hat einem Giganten des US-Musikbusiness ein opulentes Kinowerk gewidmet: «Elvis».
Der Film beginnt und endet mit einer zwielichtigen Gestalt: Colonel Tom Parker (Tom Hanks). Und der behauptet mehrmals (im Film), ohne ihn gäbe es den Rockstar Elvis nicht und er trage keine Schuld an seinem Tod. Nachgewiesen hat der selbsternannte Colonel vom Star profitiert, hat Millionen abgesahnt, hat ihn geprägt, aber auch gezwängt und manipuliert. Den Part dieses spielsüchtigen und hoch verschuldeten Managers verkörpert Tom Hanks aufdringlich gut – aufgedunsen, schwammig, ölig, fies. Olivia DeJong als Priscilla Presley, der ihr Mann entgleitet, bietet ein Gegengewicht, geht aber im Film unter.
Das Drama spannt den Bogen von den Anfängen in den Fünfzigerjahren, von der Soul- und Gospelszene bis zu den glamourhaften und zuletzt elenden Auftritten des drogenabhängigen Stars Elvis in Las Vegas. Ein langgestreckter Film mit unterschiedlicher Intensität und Stilbrüchen. Anfangs herrschen hektische Schnittfolgen, werden Gospelszenen geradezu geschreddert. Beim fulminanten Aufstieg wird der Film zur Kostüm- und Posenrevue. Einzelne individuelle, familiäre Episoden werden abgespult oder angetippt. Elvis wird zur manischen, tragischen Figur, die erlischt, ohne dass der Mensch Elvis wirklich berührt. Er bleibt in diesem opulenten Melodram eine grosse Popschablone.
Unerwähnt blieben soll auch nicht, dass Elvis’ Deutschland- und Hollywood-Abstecher nur Sidekicks, schwache Sprengsel sind. Sehens- beziehungsweise hörenswert sind einige berühmte Elvis-Songs bis zu «In the Getto» (im Nachspann), teilweise von Austin Butler selber intoniert. Er bietet tatsächlich eine ausserordentliche Performance – auf und neben der Bühne. Oscarwürdig, An ihm liegt’s nicht, dass die Grossproduktion «Elvis» hinter den Erwartungen zurück bleibt.
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Lightyear

rbr. Mission – fast unmöglich. Comicverfilmungen sind in Mode, es herrscht geradezu eine Inflation dieses Genres. Die Comicwelt wird geplündert bei Marvel oder aus dem DC Universum. Nebenfiguren werden zu Helden, andere hinzugefügt. Das Angebot zieht sich von Dr. Strange oder Dr. Morbius bis zu Black Woman, von Aquaman bis zu Batgirl. Disney (Pixar Stdudios) hat nun Buzz Lightyear, Rivale von Sheriff Woody in «Toy Story» (1995), neu aktiviert und ihm den Film «Lightyear» gewidmet. Buzz ist ein echter Space Ranger geworden. Zusammen mit Kommandantin Alisha ist er auf Mission mit tausend Wissenschaftlern und Technikern im Tiefschlaf an Bord, 4,2 Millionen Lichtjahre von Mutter Erde entfernt. Auf dem Heimflug mit Hyperspeed stösst Buzz auf einen unerforschten Planeten, der möglicherweise wichtige Grundstoffe birgt. Also steuert er sein Raumschiff zwecks Erkundung zum Planeten T’Kani Prime, landet und macht Erfahrung mit gigantischen Schlingpflanzen und aggressiven Mega-Käfer. Beim hastigen Aufbruch kommt es zur Katastrophe, und das Raumschiff erleidet Schiffbruch, heisst seine Energiezelle wurde zerstört. Das Space-Team samt Passagieren sitzt fest.

Der unfehlbare Buzz (so seine Selbsteinschätzung) will seinen Fehler unbedingt gutmachen und bricht zu immer neuen Geschwindigkeitsversuchen auf, um wieder auf Hyperspeed zu kommen. Was für ihn nur kurze Zeit (vier Minuten) dauert, kostet in Wahrheit aber vier Jahre. Die Crew altert, Alisha heiratet, hat eine Enkelin, Izzy, die unbedingt Space-Ranger werden möchte. Buzz gibt nicht auf, sucht den erforderlichen Treibstoff, will seine Mission vollenden und zur Erde zurückzukehren. Die ganze gestrandete Gesellschaft, die sich im Laufe der Jahrzehnte auf dem fremden Planeten gut etabliert hat, wird durch Fremde, angeführt durch Zurg, bedroht.

Buzz sieht sich gezwungen, auf die Junior Zap Patrol, zurückzugreifen. Forsche Frischlinge eben wie Unsicherheitsfaktor Maurice «Mo» Morrisson (der mit dem Kuli), wie die ruppige Darby, die auch schon Flugzeuge geklaut hat, Enkelin Izzy Hawthorn, die wirbelige Anführerin, und zuletzt Sox, eine gewiefte vielseitige Robot-Katze. Diese «Gurkentruppe» Buzz’ soll also die Mission zu einem guten Ende führen und Buzz rehabilitieren. Es wird kompliziert bei dieser ungewöhnlichen Zeitreise…

Die Pixar-Kreateure packen viel in dieses Space-Abenteuer, unterhalten intelligent (nicht immer verständlich für ganz junge Zuschauer) und steuern auf eine Botschaft zu: Gemeinsam ist fast Unmögliches zu schaffen. Es kommt auf Glaube und Geduld an, dann können auch fatale Fehler wettgemacht werden. Regie führte Angus Mac Lane, er war bereits als Designer bei der Produktion «Toy Story 2» dabei und für den Bösewicht Zurg verantwortlich, der nun mit einer Roboterarmee anrückt. Spannend spielerisch.
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Jurassic World Dominion (Ein neues Zeitalter)
rbr. Abenteuerspielplatz à la Spielberg. Dreissig Jahre nach der Spielberg-Kreation «Jurassic Parc» (1993) mit Milliarden-Erfolg geht es in eine neue Abenteuerrunde: «Jurassic World Dominion». Die Dinos haben sich rasant vermehrt, und alte Bekannte tauchen wieder auf wie Sam Neill als Paläontologe Dr. Alan Grant, Laura Dern als Kollegin Dr. Ellie Sattler, Jeff Goldblum als Chaostheoretiker Dr. Ian Malcolm oder BD Wong als Genetiker Dr. Henry Wu. Alles beginnt wie meistens friedlich. Dinosaurier-Experte Owen Grady (Chris Patt) lebt in seiner Waldhütte mit Partnerin Claire (Bryce Dallas Howard) und dem Adoptivkind Maisie Lockwood (Isabella Sermon), in unmittelbarer Nachbarschaft mit Dinosauriermutter Blue und Nachkomme Beta. Und genau auf Beta und Maisie haben es Jäger im Auftrag des Unternehmens BioSyn mit Hauptsitz in den Alpen abgesehen. Firmenchef Dr. Lewis Dodgson (Campbell Scott) hat teuflische Klonpläne. Die Jagd beginnt, führt von Kanada bis Malta und London (Pinewood Studios).
Dabei begegnen wir zahlreichen Arten (14) von Dinosauriern – vom Parausaurolphus und Dilophosaurus bis zum Pyrorapter, T-Rex und Giganotosaurus. Die Kreativabteilung war höchst produktiv. 38 Tiere seien geschaffen worden, weiss Desigern John Nolan. Es wird einiges geboten auf dem Dino-Abenteuerspielplatz: Cowboys dirigieren Parasaurolophus wie weiland Rinder, Verfolgungsjagd mit Grady und Atrociraptoren auf Malta, Dino-Attacken und Zerfleischungsduell zwischen Dinos. Dem bösen Buben Dodgson geht es hautnah ans Leder. Die schwarze Pilotin Kayla (DeWanda Wise) macht einen tollkühnen Job. Ein Liebesfunke wird zur Flamme, Dino-Mama und Zögling werden wieder vereint.
Regisseur Colin Trevorrow schöpft aus dem Vollen (Mitproduzent Steven Spielberg) und bedient diverse Themen: Mensch und Tier und Verantwortung, Wissenschaft und Schöpfungswahnsinn, Natur und Respekt, Familie und Zusammengehörigkeit. Man kann an diesem Fantasy-Spektakel seine Freude haben – mit Kindsgemüt und Lust auf visuelle Abenteuer.
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Maison de Retraite
rbr. Sozialdienst à la Français. Tunichtgut Milann (Kev Adams) rastet als Angestellter eines Supermarkts gegenüber einer alten Frau aus und muss zur Strafe nun Sozialdienste leisten. Ungern, erst recht als er erfährt, dass er seine Busse in einem Altersheim ableisten muss. Die Alten und er – das ist wie ein Stier, den ein rotes Tuch provoziert. Nach den ersten Fehltritten nimmt ihn der ehemaliges Boxchampion Lino (Gérard Depardieu) unter seine Fittiche – auch nicht ganz freiwillig. Dass Milann quasi zum Punchingball für den ausgefuchsten Lino wird, ist klar. Doch Looser Milann ist lernfähig und beweist Herz. Lino lehrt seinen Zögling kämpfen und ein bisschen mehr. Das alte, aber putzmuntere Völkchen im Seniorenheim ist nicht ganz ohne – mit der feschen Lady Simone (Mylène Demongeot), die ein spezielles Tete-à-tete mit dem Gentleman Alfred (Daniel Prévost) pflegt, der in ihr mal Marilyn, mal Madonna sieht – nicht ohne Hintersinn. Ein ausgebuffter Insasse ist auch Edmond (Jean-Luc Bideau). Als Milann, längst Liebling der Senioren/-innen, dahinter kommt, dass der Direktor des Altersheim Mimosas ein unsauberes Vertragsspiel mit den Bewohnern inszeniert, werden Milann und die Seniorenbande so richtig aktiv. Da wird eine trickreiche Revolution angezettelt…
Thomas Gilou hat diese erfrischende Seniorenkomödie inszeniert – mit Herz für eine ausgemusterte, aber vitale Generation und Sinn für mimischen Schabernack. Die Gags sind zwar nicht immer frisch, aber gleichwohl amüsant. Einen Clou bietet er zum Schluss. Da nämlich tritt Stan «the Man» Wawrinka persönlich auf – nicht als Tennisstar, sondern als liberaler Heimdirektor. Spass muss sein.
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Adolf Muschg – Der Andere

rbr. Reise nach Japan und in die Schweiz. Fast ein Jahrhundert Zeitgeschichte: Der Zürcher Adolf Muschg, 1934 in Zollikon geboren, verkörpert intellektuellen lebendigen Zeitgeist wie kaum ein anderer in der Deutschschweiz. Der Germanist, Lehrer, Professor für deutsche Sprache und Literatur an der ETH (1970 bis 1999), Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und nicht zuletzt Präsident der Akademie (2003-2005), war und ist ein scharfer Beobachter der Politik, der Gesellschaft, der Welt. Er hat sich sowohl als streitbarer Débatteur als auch als Schriftsteller einen Namen gemacht. Erich Schmid («Max Bill – das absolute Augenmass», «Meier 19») hat ihm ein Filmporträt gewidmet. Kein gewöhnliches Biopic, sondern ein anderes Bild des bekannten weisshaarigen Intellektuellen, wie der Untertitel andeutet. Ausgangspunkt ist Muschgs Roman «Heimkehr nach Fukushima» und sein Verhältnis zu Japan, das ihm mehr als ans Herz gewachsen ist, nicht nur weil er mit der Japanerin Atsuko Kanto verheiratet ist. Natürlich weist Schmid in seinem Dokumentarfilm auf wichtige Lebensstationen Adolf Muschgs hin, doch im Mittelpunkt stehen dessen Ein- und Ansichten, seine pointierten Kommentare und Zeitdeutungen. Doch scheint es, dass der «Held» selbst das Zepter im Film übernommen hat. Muschg erzählt, kommentiert, kritisiert («Der Schweiz mangelt es an Neugier»), bemerkt, betrachtet sich selbst. So heisst es: Zwei Dinge im Leben seien ihm wichtig: «Lesen und Schreiben». Ein Mensch äussert sich frank und frei und kompromisslos und macht Lust, wieder mal eins seiner Bücher in die Hand zu nehmen: «Der Rote Ritter. Eine Geschichte von Parzival», 1993, beispielsweise oder eben «Heimkehr nach Fukushima» 2018.
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Leander Hausmanns Stasikomödie

rbr. Vor die Säue geworfen. Es macht schon stutzig, wenn im Filmtitel die Absicht unterstrichen wird: Stasikomödie. Leander Haussmann wollte mit dieser Farce seine DDR-Trilogie beenden – nach «Sonnenallee» (1999) und «NVA» (2004). Doch ging das ziemlich in die Hose – trotz Staraufgebot mit Jörg Schüttauf als gealterter Stasi-Underdog Ludger Fuchs und David Kross als junger Fuchs, Henry Hübchen als Siemens, Führungsoffizier der Staatssicherheit, und Margarita Broich als Ludgers Ehefrau. und Antonia Bill, eine Entdeckung, als junge Corinna. Ausserdem mischen Detlev Buck, Filmer («Wir können nicht anders», «Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull»), als Strassenpolizist oder Bernd Stegemann als Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, mit. Es fängt gut an und endet auch so, mit einer Ampelsituation. Der junge Ludger Fuchs bleibt bei Rot stehen, obwohl weit und breit kein Verkehr in Sicht ist. Disziplin und Staatgehorsam eben. Am Ende ignoriert der alte Fuchs das Rot. Dazwischen liegen allerlei Erkenntnisse und Offenbarungen. Der junge Studiosus wurde von der Stasi angeworben und diszipliniert, um die wilden Künstlerkreise am Prenzlauer Berg (Berlin) zu observieren. Das heisst: Er muss in sich in diese Zirkel einzuschleusen. Die DDR sieht diese jungen Leute als gefährliche Elemente an. Das gefällt dem lebenslustigen Schnösel. Und als der ganze DDR-Spuk vorbei ist, besorgt sich Familienvater Fuchs seine dicke Stasi-Akte und sieht sich mit seiner Vergangenheit konfrontiert, vor allem mit einer Liebschaft, die seine Frau Corinna auf die Palme bringt.
Kurz und gut, Haussmann taucht in den DDR-Mief ein, um das System zu entlarven etwa mit dem Ampel-Gehorsam. Doch die Anspielungen sind fürchterlich dick aufgetragen, die Figuren etwa der Stasi-Drahtzieher Siemens nur noch lächerlich, die Pointen auf Stammtischniveau. Da werden beispielsweise tatsächlich Perlen vor die Säue geworfen. Witzig? Und der Held Ludger ist ein feiger Typ, ein Egoist, der sich anpasst und am Ende wenig gelernt hat. «Ich habe den Film für Leute gemacht, die Absolution wünschen», meint Haussmann. Es wird schwer, ihm und seiner Komödie Absolution zu erteilen. Das Pressedossier mit den Hintergründen ist gleichwohl spannender und aufschlussreicher als die ganze Stasi-Satirechose. Ein Fall für Deutschland?

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El Buen Patrón

rbr. Der Scheinheilige und Kümmerer. Der Patron führt, sorgt und kümmert sich. Er trägt unternehmerische und soziale Verantwortung. Märchen oder Wirklichkeit? So gibt sich auch Firmenboss Julio Blanco (Javier Bardem) als «Buen Patrón» und beschwört seine Belegschaft, einen guten Eindruck zu machen – vor einer Kommission, die seine Produktionsstätte «Básculas Blanco» besuchen will. Ein bedeutender Preis steht an. Blanco stellt Industriewaagen her. Doch intern droht Ungemach. Der entlassene Mitarbeiter José (Óscar de la Fuente) begehrt auf, bockt und installiert ein Protestcamp unübersehbar vor dem Fabriktor. Schlecht fürs Image. Auch die rechte Hand und Jugendfreund des Chefs, Miralles (Manolo Solo), macht Kummer und ist durch den Wind. Er wird bei der Produktion zum Störfaktor – wegen privater Probleme. Zudem weckt die attraktive Praktikantin Liliana (Almudena Amor) seine Aufmerksamkeit – übermässig. Da kann auch ein Kümmerer wie Blanco ins Schleudern kommen.
Der Filmtitel «El Buen Patron» ist Programm. Julio Blanco wähnt sich als guter Chef. Doch bald wird klar, dass Blanco nur eines wichtig ist, das Wohl und Image seiner Firma. Regisseur Fernando León de Aranda deckt den wahren Charakter des Patron auf. Dabei spielt die Waage am Firmentor eine symbolträchtige Rolle. Sie ist geeicht, doch am Ende stimmt das Gleichgewicht – durch Manipulation mit einem Kaugummi.
Der gute Boss ist ein böser Bube, und «El buen Patron» ist eine bitterböse Sozialsatire. Die Bühne gehört Filmstar Javier Bardem («Dune», «Pirates of the Caribbean: Salazars Rache», «James Bond: Skyfall»). Genüsslich kostet er die Rolle als charmant-perfider Imagepfleger und vermeintlich verantwortungsvoller Unternehmenschef aus. Der «Patron» war der grosse Abräumer beim spanischen Filmpreis Goya. Sechsmal wurde der Film ausgezeichnet: Bester Film, beste Regie, bester Hauptdarsteller, bestes Originaldrehbuch (Aranoa), bester Schnitt (Vanessa Marimbert) und beste Originalmusik (Zeltia Montes). Eine bittere Komödie über Arbeits-und Unternehmerwelt – über Sein und Schein, Image, Eitelkeit und falscher Fürsorge.

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Lost in Paradise
rbr. Getrennte Fluchten. Ein Paradies mit Fragezeichen. Eugen (Dominique Jann) droht der Pleitegeier, nachdem sein Musiklokal in Prag vom Feuer heimgesucht wurde. Also begibt er sich in seine Berner Heimat, um bei seinem betuchten Vater Václav (Ivan Pokorný) Geld für die Renovation locker zu machen. Doch bei dem beisst er auf Granit. Vaclav, vom Prager Frühling geprägt, dann geflohen, hat sich in Bern eine Karriere als Zahnarzt aufgebaut und hält wenig von den Bohéme-Ambitionen seines Sohnes. Auch Eugens exzentrische Tante (Heidi Maria Glössner) hat mehr Herz für Waisenkatzen als für den abgebrannten Auswanderer. Vater und Sohn sind sich fremd geworden. Jeder hat eigene kleine Fluchten inszeniert: Der tschechische Vater hat sich in eine Lebenslüge (als Held im Prager Frühling) geflüchtet, um sein Image in der Berner Gesellschaft aufzupolieren; der Sohn hat sich eine Bohéme-Nische in Prag eingerichtet, um dem bürgerlichen Bern zu entkommen.
Fiona Ziegler, in Bern aufgewachsen und in Prag als Filmerin ausgebildet, erzählt in ihrem Spielfilmerstling eine eigene Ost-West-Geschichte. Das tut sie mit einem schelmischen Auge und Sinn für Verschrobenheit. Ihre Tragikomödie bietet kleine komische Highlights – etwa mit Heidi Maria Glössner als überkandidelte Katzenfreundin Lisi oder mit Udo (Uwe Schönbeck), der mit einem Krokodil beim Zahnarzt Václav aufkreuzt. Am Ende führt ein Pontiac-Oldtimer zur Versöhnung. Die Ironie ist gediegen, die Karikatur gemässigt und das Konfliktpotenzial überschaubar.

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Operation Mincemeat
rbr. Schräge List. Britische Geheimdienstler hecken einen eigenwilligen Plan aus, um Hitlers Wehrmacht in die Irre zu führen. Die erwartet eine Invasion der Alliierten in Sizilien und hat dort Verteidigungsstellungen aufgebaut. Das ist auch die Absicht der Briten und Verbündeten, doch vielleicht kann man den Feind täuschen.
Flight Lieutenant Charles Cholmondeley (Matthew Macfadyen), ein strammer Aristokrat, kommen auf die Idee, die Deutschen mit einem Köder, sprich falschen Toten, zu locken, ausgestattet mit entlarvenden Dokumenten, die auf eine Invasion in Griechenland hindeuten. Ewen Montagu (Colin Firth), Offizier des British Naval Intelligence Department, unterstützt ihn dabei und entwickelt den Plan weiter. Auch Premierminister Winston Churchill (Simon Russell Beale) lässt sich von dem absurden Plan überzeugen und stimmt der «Operation Mincemeat» zu. Der Vorgesetzte Admiral John Godfrey (Jason Flynn) ist skeptisch und gegen das kühne Unternehmen. Gleichwohl gehen die beiden Geheimdienstler akribisch ans Werk, unterstützt durch die erfahrene Sekretärin Hester Leggett (Penelope Wilton) und die Newcomerin vom MI5, Jean Leslie (Kelly Macdonald), die ein Bild als Verlobte des Toten beisteuert. Aus einem toten Obdachlosen, der an einer Lungenentzündung gestorben war, wurde Major William Martin. Der soll abgestürzt sein und wird an die spanische Küste gespült. Die Dokumente, die er bei sich hat, sollen glaubwürdig darauf hinwiesen, dass eine Invasion in Griechenland plant ist. Eine heikle Operation… Am Ende bemerkte Premier Churchill nur: Das Hackfleisch (Mincemeat) sei verzehrt – voll und ganz.
Bei diesem Spionagethriller, mehr Kammerspiel denn Actionstreifen, nahm sich Regisseur John Madden («Best Exotic Marigold Hotel») viel Zeit für seine Helden und ihre akribische Arbeit – britisch unterkühlt und stilsicher. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch (2010) von Ben Macintyre. Eine wahre Geschichte – spannend bis zur letzten Einstellung. Da mag man die verdeckte Liebesgeschichte zwischen Montagu und seiner Assistentin Jean Leslie als emotionales Beiwerk verzeihen. Ein geradezu literarischen Clou bietet das brillante Täuschungsmanöver obendrein: Ein gewisser Ian Fleming (Johnny Flynn) macht Aufzeichnungen (wohl für seine späteren eigenen 007-Sponageromane) und kommentiert das Geschehen geradezu philosophisch.
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6 Días en Barcelona
rbr. Wenn es klemmt… Sie werden gerufen, wenn es klemmt irgendwo im Haushalt, im Waschsalon oder sonstwo: Klempner. Sie müssen sich zusammenraufen in einer Woche: Der barbeissige Valero (Valero Escolar, der gern den Chef spielt, der alte Pepo (Pep Sarrà), der kurz vor der Pensionierung steht, und der Fremde im Trio, Moha (Mohamed Mellari), eigentlich ein sympathischer Kerl marokkanischer Abstammung. Doch mit dem Neuen auf Probe hat Valero Mühe. Liegt’s am Fremden, am Aussehen? Die Chefin (Paqui Becerra) will davon nichts wissen. Moha ist geschickt, freundlich und findet einen guten Draht zu den Kunden oder auch zu Pepo. Tag um Tag kommen sich die beiden Kontrahenten bei Elektro- oder Sanitärarbeiten und in Pausen näher. Miesepeter Valero weicht auf, erkennt allmählich, dass es angenehmer ist, gemeinsam am selben Strang zu ziehen.
Die sympathische Sozialkomödie «6 Días en Barcelona» wirkt sehr authentisch, auch weil sie alltäglich und zwischenmenschlich daherkommt. Die Katalanin Neus Ballús bringt quasi eigene Erfahrungen ein. Ihr Vater war Klempner und aus dessen Erfahrungsschatz schöpfte der Regisseur: «Im Laufe der Jahre haben mich die Vorurteile und die Komplexität dieser Situation mit Kunden beeindruckt.» Während drei Jahren hat Serrà mit allen möglichen Arbeitern gearbeitet. Letztlich spielt das Klempner-Trio sich selbst. Der liebenswürdige, direkte und ehrliche «6-Tage-Arbeiterfilm» beschreibt, wie Menschen sich annähern und profitieren können – dank Verständnis und Unvoreingenommenheit.
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Für immer Sonntag
rbr. In Rente. Viele sehnen sich danach, manche fürchten den Moment, wenn der Arbeitsalltag wegfällt und man (fast) alle Zeit der Welt hat – als Rentner. Der Berner Steven Vit hat seinen Vater Rudy begleitet, seinen Weg in und im Ruhestand dokumentiert. Die letzte Dienstreise nach China, dann heisst es für Rudy Abschied und Abstand nehmen von seinem Berufsalltag. Das ist leichter gesagt als getan, das bekommen seine Frau Käthi und sein Sohn Steven zu spüren. Und der rückt dem Pensionär auf die Pelle, will genauer wissen, wieso Rudy so schlecht mit der neuen Situation klar kommt, wieso er grantelt und welche Träume er noch hat. Steven Vits Dokumentarfilm, sein erster, ist ein persönliches Zeitdokument ein Film nicht nur übers Älterwerden, sondern auch über Beziehungen und Verbundenheit, Selbstfindung und Mut, sich dem Ruhestand zu stellen: Sonntage haben eben auch ihre Schattenseiten. Erwähnenswert ist dazu, dass der Film sehr familiär und persönlich bleibt, auf jegliche Fachkommentare verzichtet und so mehr sagt als viele erklärende Worte.

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Top Gun: Maverick

rbr. Machowahn und Militärspot  Alles eine Frage der Zeit? 36 Jahre danach werden die «Besten der Besten» wieder fürs Kino aktiviert. «Top Gun»-Hero Pete «Maverick» Mitchell (Tom Cruise) hat sich in die kalifornische Wüste zurückgezogen, um Flugzeuge zu testen. Er kann’s nicht lassen und powert wie eh und je, überschreitet Befehlsgrenzen und jagt seinen Flieger auf über 10 Mach – gegen den Willen seines Vorgesetzten, Vizeadmiral Beau «Cyclone» Simpson (Jon Hamm). Der würde den Haudegen am liebsten ganz in die Wüste schicken, doch «Maverick» hat einen Fürsprecher: Admiral Tom «Iceman» Kazanski (Val Kilmer). Und der beordert den Top-Kampfflieger an eine Eliteschule der Navy, um junge Piloten für eine gefährliche Mission fit zu machen. Es geht darum, in einem «fernen» Land eine Urananreicherungsanlage zu zerstören – irgendwo im Raum des Indischen Ozeans.
«Maverick» ist von sich als Lehrer nicht überzeugt, doch dann packt ihn der Ehrgeiz, und er packt die Kandidaten und Kandidatinnen bei der Schulung hart an. Dabei stösst er, der alte, wenn auch hochdekorierte Knacker, der es bewusst nur zum Captain gebracht hat, bei den Piloten auf Skepsis, besonders bei Bradley «Rooster» Bradshaw (Miles Teller). Der gibt nämlich «Maverick«» die Schuld am Tod seines Vaters «Goose» (Anthony Edwards), einst «Wingman und »dicker Kumpel des Ausbilders Mitchell. Es liegt nahe, dass auch «Mavericks» alte Flamme Penny (Jennifer Connelly) auftaucht und neu entflammt wird. Regisseur Joseph Kosinski und seine Autoren lassen nichts aus, um die kriegerische Actionmission anzufeuern – mit hartem Training und Festen, spielerischen Football-Einlagen am Strand, Kumpeleien, Sonnenuntergängen und geradezu malerisch choreographierten Flugzeug-Formationen und Attacken. Diese «Top Gun»-Fortsetzung bietet emotionales Actionkino, spektakulär inszeniert, mit «echten» Männern, kampfbereiten Frauen, Cockpit-Dramatik und viel militärischem Habitus. Nur eines kann und will «Top Gun: Maverick» nicht, nämlich friedlich sein. In Zeiten des Krieges wie zurzeit ist dieses Macho-Machwerk irgendwie aus der Zeit gefallen, auch wenn Tom Cruise als Veteran (60) eine knackige Figur macht, genauso wie die Youngster Rooster, Bob (Lewis Pullman), Phoenix (Monica Barbaro) oder Payback (Jay Ellis). Die Dreharbeiten des «Top Gun»-Aufguss begannen bereits im Mai 2018, der Film (Budget über 150 Millionen Dollar) sollte im Dezember 2020 in die Kinos kommen. Doch Corona sorgte für Aufschub. Nun wurde das Luft-Boden-Spektakel am Filmfestival in Cannes präsentiert – mit entsprechendem Jetgetöse. Wird er wie das Original (15 Millionen Dollar Kosten, 356 Millionen US-Dollar Einnahmen) zum Kassenknüller? Die Kinos könnten es brauchen – Krieg hin oder her.

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The Duke
rbr. Schrulliger Entführer. Was heisst da alter Knacker. Manche haben es faustdick hinter den Ohren! Der in die Jahre gekommene Taxifahrer Kempton Bunton kam auf die abwegige Idee, den Herzog von Wellington zu entführen. Nicht die historische Person natürlich, sondern das Gemälde von Francisco Goya, bekannt als «The Duke». Solches geschah im Jahr 1961. Mit besagtem Bild hatte bereits James Bond im Agentenabenteuer. «Dr. No» (1962) kurz Bekanntschaft gemacht. Dieser kleine Abstecher fand auch Aufnahme in der aktuellen Gaunerkomödie «The Duke», von Roger Michell spitzbübisch inszeniert nach erwähnter wahrer Begebenheit. Besagter Kempton, wohnhaft in Newcastle, ärgerte sich über Fernsehlizenzgebühren (schon damals!) und beschloss für sein und das Recht armer Leute zu kämpfen, nämlich um kostenlosen Fernsehempfang. Als er erfährt, dass die National Gallery 140 000 Pfunde locker gemacht hatte, um Goyas Porträt vom «Duke of Wellington» zu behalten, machte er sich klammheimlich daran, das Gemälde zu entführen. Gedacht, getan. Vor seiner Frau Dorothy (Helen Mirren), einer treuen Putzfrauenseele, verheimlichte er den Klau. Allein sein Sohn Jackie (Fionn Whitehead) ist eingeweiht, Mitwisser und Helfer, und lässt den «Schatz» im Kleiderschrank verschwinden. Tatsächlich lagerte der «Duke» dort vier Jahre, bevor…
Im Kino geht alles etwas schneller, aber nicht weniger skurril und witzig zu. Die sanfte Komödie, ganz nach trockener britischer Art, beginnt mit einer Gerichtsverhandlung und der schrullige 60jährige Kempton Bunton (Jim Broadbent) erzählt, wie alles begann, wie er aneckte, ihm der Tod seiner Tochter zu schaffen machte, wie er die TV-Gebühren als Unrecht empfand und er schliesslich das gestohlene Gemälde als Faustpfand nutzte, um die Behörden umzustimmen. Das mag alles etwas altmodisch wirken, beweist aber Charme, Wärme und einen untrüglichen Sinn für Humor und Schlitzohrigkeit. Für die Hauptdarsteller Broatbent und Mirren war dieses Versteckspiel ein gefundenes Fressen. Köstlich.
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The Electrical Life of Louis Wain

rbr. Katzen-Künstler wider Willen. Der Originaltitel ist etwas verschroben und zielt auf die eigentlichen Intentionen des Engländers Louis Wain. Der nämlich war ein begnadeter Forscher und Erfinder in Sachen Elektrizität. Doch seine Intelligenz (auf diesem Gebiet), seine Kreativität sorgten nur ungenügend für materielle Grundlagen am Ende des 19. Jahrhundert. Louis Wain, 1860 geboren, musste nach dem Tod seines Vaters für den Unterhalt seiner Familie sorgten, und das waren seine Mutter und fünf Schwestern. Er heiratete 1884 seine grossen Liebe, Emily Richardson (Claire Foy), zog mit ihr aus dem Elternhaus und liess sich in Hampstead nieder. Das gemeinsame Glück währte nur kurz, seine Frau starb 1887 an Brustkrebs. Er fand einen gewissen Trost in Kater Peter, der ihnen zugelaufen war. Er schätzte den kuscheligen Kameraden und nahm ihn zum Modell für seine Zeichnungen. Ab 1890 begann er Geschichten um den Kater zu kreieren. Seine Illustrationen fanden Aufnahme in Magazinen etwa der London News, später auch in den USA. Er weilte ab 1907 wiederholt in New York. Seine drolligen Bildergeschichten um vermenschlichte Katzen wurden zum Hit und begeisterten das Publikum. Er schuf Comics, illustrierte Kinderbücher und löste eine Sympathiewelle für die Samtpfoten Anfang des 20. Jahrhunderts aus: Wain war der Animator für einen Katzenboom, der bis heute anhält.
Doch wie manche andere Künstler (oder Sportler wie beispielsweise Boris Becker) konnte Louis Wain nicht mit Geld umgehen. Seine Ideen wurden gestohlen, kopiert. Er hatte sich nicht um die nötigen Copyrights gekümmert. Seine Schwestern setzten ihn unter Druck. Man verkrachte und versöhnte sich. Doch der Künstler war fragil und anfällig, wurde ausfällig. Ärzte diagnostizierten eine Geisteskrankheit. So wurde er in die Irrenanstalt von Springfield eingewiesen. Freunde und Bewunderer wie H.G. Wells unterstützten ihn und gründeten einen Louis Wain Fund. Der grosse Katzenfreund starb 1939 im Napsbury Hospital in Hertfordshire, England.

Ein Leben voller Höhen und Tiefen. Will Sharpe (Buch und Regie) versuchte diesen produktiven, begnadeten und tragischen Phantasten gerecht zu werden und zu illustrieren. Sein Biopic über den grossen Katzenfreund und Künstler beschreibt viele Details und Schnurren dieses Exzentrikers des viktorianischen Zeitalters – schillernd, etwas altmodisch auch. « Die wundersame Welt des LouisWain» ist ein berührendes Porträt und malerisches Zeitbild, das jedem Katzenfreund ans Herz geht. Benedict Cumberbatch, der zurzeit sein Kinounwesen auch als Superheld «Doctor Strange» treibt, verleiht Wain Würde und Charakter. Er vertiefte sich in Wains Zeichenkunst, versuchte sich in Skizzen und Malerei. «Ich hatte eine riesige Verbindung zu dem Künstler Louis Wain», beschreibt Cumberbatch sein Engagement. «Ich liebe es zu zeichnen, ich mache es allerdings nicht oft. Die Gelegenheit, sich endlich einmal wirklich darauf konzentrieren zu können, war ein echtes Geschenk.»
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Les amours d’Anaïs

rbr. Anaïs rennt. Sie ist der Unruhegeist in Person: Anaïs, um die dreissig Jahre jung, will nichts verpassen. «Eine Frau am Scheideweg», beschreibt Charline Bourgeois-Tacquet, Buch und Regie, ihre Heldin. «Im Gegensatz zur etwas heroisierten Figur der ‘modernen Frau’ wollte ich eine komplexe junge Frau porträtieren, die in den materiellen und existenziellen Schwierigkeiten gefangen ist, die für ihr Alter und ihre Zeit typisch sind. Eine junge Frau, die (sich) sucht.»
Anaïs (nicht von ungefähr trägt die Schauspielerin Anaïs Demoustier denselben Vornamen), Studentin aus Paris, lässt sich treiben, wird von Verlangen getrieben und folgt schier bedingungslos ihren Impulsen. Sie ist intuitiv und rastlos. Dazu gehörte, dass sie ständig in Bewegung ist – innerlich und äusserlich. Sie rennt und rennt. Ob sie ihren Verlobten Raoul (Christopher Montenez) nur «geniesst» oder liebt, weiss sie nicht recht. Sie lässt sich mit dem Verleger Daniel (Denis Podalydès) ein, ist aber mehr an seiner Frau Emilie (Valeria Bruni Tedeschi), einer bekannten Romanautorin, interessiert. Sie reist ihr nach auf ein Schloss in der Bretagne, sucht ihre Nähe, ihre Liebe.
Wie wird sich die verheiratete Emilie entscheiden, wird sich Anaïs finden, ihre Liebe erfüllen? Charline Bourgeois-Tacquts Film hat nicht nur eine lustvolle Romanze über die Launen der Liebe, über Begehrlichkeiten und Befriedigung, sondern auch eine Reise zur Selbstfindung sommerlich leicht inszeniert: eine Hommage an Hingabe mit zwei Frauen im Spektrum, hingebungsvoll von Anaïs Demoustier und Valeria Bruni Tedeschi gespielt und sehr sinnlich verkörpert.
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A Hero
rbr. Zum Helden gemacht. Er dachte sich nichts Böses, wurde zum Gutmenschen und stürzte tief.  Was wie ein Märchen oder eine Parabel klingt, ist die Geschichte eines Iraners, der gefeiert und gefeuert wird. Rahim (Amir Jadidi) sitzt im Knast, weil er seine Schulden in Höhe von 150 000 Toman nicht abtragen kann. Toman heisst die altpersische Währung, die 1925 durch den iranischen Rial abgelöst wurde. 150 000 Toman entsprechen rund 1,5 Millionen Rial (im Wert heute von etwa 30 Franken). Während eines Hafturlaubs versucht er, seinen Schuldner zu befrieden, verspricht eine Teilabzahlung, doch der Gläubiger bleibt hartnäckig. In dieser Notlage findet seine Freundin (Fereshteh Sadre Orafaee) eine Tasche mit Goldmünzen. Eintauschen und Geld machen oder zurückgeben – ist die Frage. Rahim entscheidet sich, die Besitzerin zu finden und ihr den Fund zurückzugeben. Das geschieht. Von dieser edlen Geste erfährt die Gefängnisleitung und orientiert die Medien. Rahim wird als «ehrliche Haut» gefeiert, von einer Wohltätigkeitsorganisation zum Helden stilisiert. Sein Gläubiger, dessen Tochter und Clan bezweifeln die gute Tat, auch weil die Besitzerin der Tasche unauffindbar bleibt. Rahim, der sich als Finder ausgegeben hatte, aber nur Mittler war, wird in die Ende getrieben, sucht sich in Notlügen, wird als Lügner diffamiert.
Autor und Regisseur Ashhar Farhadi (Oscar für «The Salesman» und «A Seperation») entwickelt ein Gesellschaftsdrama, in dem Ansehen und Anerkennung entscheidende Kriterien sind, wobei die Wahrnehmung die Wahrheit wesentlich überdeckt. Der Held, von Medien gepusht, wird gestürzt, bleibt sich aber im tragischen Fall treu, erkennt seine Fehler und steht zu ihnen, auch wenn das seinen Preis hat. Farhadi legt ein Menschenschicksal bloss wie die Archäologen, die am Anfang des Films in der Ausgrabungsstätte Naqsche-e-Rostam arbeiten, dem Rahim einen Besuch abstattet. Hier, in der Nähe von Schiras und Persepolis, liegen die Helden (Grosskönige) der persischen Geschichte begraben. Der Titel «A Hero» ist entsprechend doppeldeutig. Die Tragödie um einen Menschen, der vertraut und enttäuscht, auch getäuscht wird, um Verherrlichung und Verurteilung muss man nicht explizit iranisch lesen. Der Film hat Allgemeingültigkeit im heutigen Mediendschungel. Er wurde in Cannes 2021 mit dem Grand Prix der Jury ausgezeichnet.
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Downton Abbey – A New Era
rbr. Adel verpflichtet. Eine vornehme Gesellschaft, treue Dienerschaft, ein fürstlicher (exakt: gräflicher) Landsitz, ein historischer Rahmen, Nostalgisches und Menschliches, allzu Menschliches. Das sind die Ingredienzen einer Erfolgsgeschichte. Julian Fellows, der geadelte Drehbuchautor, hat sie kreiert und schreibt und schreibt. Ein Ende ist nicht abzusehen. Mittlerweile gibt es 52 TV-Folgen in 6 Staffeln, Christmas Specials und zwei Kinofilme – seit 2010. Ein opulentes Phänomen. Auf das neuste Kinowerk «Downton Abbey – A New Era» kann man sich mit Vergnügen einlassen, auch ohne das Stammpersonal und die unzähligen Vor- und Nebengeschichten zu kennen.
Kern des verzweigten Techtelmechtel mit Klassenbewusstsein bildet die britische Adelsfamilie Crawley – an der Spitze mit der altmodischen, aber hellwachen Violet Crawley (Maggie Smith), Lady im Methusalem-Alter, der alte Hausherr Earl of Grantham alias Robert Crawley (Hugh Bonneville), seine Frau Cora (Elizabeth McGovern) und deren Tochter Lady Mary (Michelle Dockery), die das Zepter übernommen hat.
War der Besuch von König Georg V. und Queen Mary das Grossereignis im ersten Kinofilm (2019) so ist es nun das Gastspiel einer Filmcrew auf Downton Abbey. Die Herrschaften brauchen Geld, also lässt man sich eher widerwillig auf das Experiment ein. Der Regisseur Jack Barber (Hugh Dancy) und sein extravaganter blonder Star Myrna (Laura Haddock) wirbeln einiges durcheinander. Man schreibt das Jahr 1928. Dramatisch wird es aber erst, nachdem man festgestellt hat, dass der Stummfilm keine Zukunft mehr hat. Abbruch? Lady Mary hat die geniale Idee, den Stumm- in einen Tonfilm zu verwandeln. Kein Problem für den Hauptdarsteller Guy Dexter (Dominic West), aber die Stimme der Blondine ist ungeeignet. Kann man sie ersetzen…?
Das ist der eine turbulente Handlungsstrang in der neuen Abbey-Historie. Andererseits sorgt das Erbe der Countess of Grantham (Violet Crawley) in Südfrankreich für Besorgnis und Unruhe. Die Villa gehörte einem Mann, den die Countess vor ihrer Ehe kannte und mit dem sie wahrscheinlich liiert war. Wenig erbaut über den Bescheid des Verstorbenen ist dessen Witwe (Nathalie Baye). Was steckt dahinter…?
Die zwei Schauplätze, hier der imposante Adelssitz Highclere Castle in Hampshire (der Drehort), dort die südländische Côte d’ Azur. Hier die konservative ältere Sippschaft, dort die jüngere Generation, hier alte Herrschaftsstrukturen, dort Aufbruch ins Tonfilmzeitalter, hier die Oberschicht, dort die Dienerschaft. In diesem Spannungsfeld bietet Regisseur Simon Curtis alles auf, was ein Gesellschaftsspektakel mit nostalgischem Touch unterhaltsam macht – in märchenhafter Szenerie getragen von exquisiten Schauspielern, etwa Michelle Dockery als etwas trockene, aber elegante und umsichtige Realistin Mary bis zur sagenhaften (87!) Maggie Smith, die als Old Lady Pfeffer in den Gesellschaftsclinch streut. Ein Kränzchen muss man auch den «»niederen Bediensteten winden – vom Butler Mr. Charles Carson (Jim Carter) bis zur Haushälterin Elsie Mrs. Carson (Phyllis Logan) , vom Küchenmädchen Daisy (Sophie McShera) bis zum Lakai Andy Parker (Michael Fox). Mit einem illustren Clou schliesst das Gesellschaftspuzzle in neuer Ära: Die Dienerschaft tauscht Rollen. Einfach hinschauen und sich aristokratisch spitzbübisch amüsieren.
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Wet Sand

rbr. Der Liebe und des Meeres Wellen. Es war ein weiter Weg vom Filmfestival Locarno 2021 (Weltpremiere) bis in unsere Kinos. Der zweite Langspielfilm der Georgierin Elene Naveriani, wohnhaft in Bern, wurde in Solothurn mit dem Prix de Soleure und dem Schweizer Filmpreis Quartz (Bester Spielfilm) ausgezeichnet. Meeresrauschen. Ein Strandcafé namens «Wet Sand». am Schwarzen Meer, abgeschieden. Eine Idylle – doch das täuscht. Ein Mann schreibt einen Brief, packt eine Flasche Wein mit dem Brief ein. Was es damit auf sich hat, erfahren wir erst gegen Ende dieses stillen Dramas.
Eliko wird tot aufgefunden. Selbstmord, vermutet die Dorfgemeinschaft, vermutlich wegen seiner Krebserkrankung. Moe (Bebe Sesitashvili), seine Enkelin aus der Stadt, taucht auf, um den Toten zu beerben. Die einzigen, so scheint es, die um den Einzelgänger trauern, sind Amnon (Gia Agumava), der Wirt des Cafés, und Fleshka (Megi Kobaladze), die Serviertochter. Auch der einsame Fischer Spero (Kakha Kobaladze) zeigt Sympathie für den Verstorbenen. Die Dorfgemeinschaft, allen voran der grobe Dato (Zaal Goguadze), der auch seine Ehefrau Neli (Eka Chavleishvili) drangsaliert und knutet, bleibt auf Distanz, äussert sich geradezu feindselig. Auch gegenüber der Städterin Moe, die als Eindringling wahrgenommen wird. Der Todesfall wühlt die Idylle auf wie ein Sturm das Meer, deckt Vorurteile, Verletzungen, Gewaltpotenzial und Geheimnisse auf. Die Liebesgeschichte «Wet Sand» schildert problematische Verhältnisse, zumindest in Georgien: nämlich homosexuelle und lesbische Liebe, die von der Dorfbevölkerung nicht toleriert wird.
Sie hätte Schwierigkeiten gehabt, erzählt Regisseurin Elene Naveriani, die Hauptrolle des Cafébesitzers zu besetzen. Nach diversen Absagen georgischer Schauspieler sei sie auf Gia Agumava gestossen, Philologe und Professor für Griechisch und Latein. Auch die Moe-Darstellerin sei eine Laiin, berichtet die Filmerin. Das Dorf am Meer spiegelt georgische Verhältnisse wieder: ein Flecken im Abseits, spröde und abweisend, alten Denkweisen und Ängsten verhaftet. Es wird mit einer Wirklichkeit konfrontiert. Der Film, eine Schweizer Koproduktion, geht einem sehr nahe, wirft einen ungeschminkten Blick auf Georgien und seine alten Strukturen. Dank der Schweizer Koproduktion hätte sie den Freiraum gehabt, ihr Land so mit aller Problematik und Verkrustungen zu schildern. Ein denkwürdiger Film in mancher Hinsicht – sehr bewegend, tragisch und doch hoffnungsvoll.

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Alice Schwarzer
rbr. Komplexes Panoptikum einer Frauenkämpferin. Sie ist nicht die Feministin der ersten Stunde, wohl aber die wichtigste Kämpferin der Neuzeit in Deutschland – in Sachen Emanzipation, Feminismus, Frauen- und Menschenrechte. Alice Schwarzer, 1942 in Wuppertal geboren und bei ihren Grosseltern aufgewachsen, ging 1963 nach Paris, arbeitete ab 1969 für das Magazin «Pardon», freundete sich 1970 mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre an. Die Pariser Jahre haben sie wesentlich geprägt. Alice Schwarzer wurde zur kompromisslosen Journalistin und Interviewerin der Siebzigerjahre – bis heute. 1977, genauer am 25. Januar, gründete sie die Zeitschrift «Emma» als Verlegerin und Chefredaktorin. Die 361. Ausgabe (Titel «Der Bubikopf – Skandal») erschien Ende Februar, die 362. am 28. April («Missbrauch in der Katholischen Kirche»).
Dieser Frauenkämpferin, ungebrochen aktiv und angriffig, hat Sabine Derflinger («Die Dohnal – Frauenministerin, Feministin, Visionärin», «Letzte Spur Berlin», TV-Krimireihe) ein Filmporträt gewidmet. Viele wichtige Auftritte und Interviews der Autorin, Journalistin, Streiterin im Fernsehen, in der Öffentlichkeit wurden eingebaut, wichtige Lebensstationen, Begegnungen und mediale Begebenheiten skizziert. So entstand ein biographisches Panoptikum von Wuppertal über Paris bis Köln (Emma-Redaktion) – bisweilen kantig-kernig, aber auch flatterhaft. Die breitgefächerte Dokumentation, gespickt mit Archivaufnahmen etwa vom legendären Streitgespräch mit Esther Vilar, wird zur Hommage an die Frauenrechtlerin. Viele ihrer Aktionen, ihres Engagements etwa für Schwangerschaftsabbruch, gegen Kopftuchzwang in öffentlichen Institutionen, aber auch im Prozess des «Wetterfrosches» Jörg Kachelmann werden akzentuiert. Andere Vorfälle wie Steuerhinterziehung und ihre Stellung gegenüber dem Islam oder Putin bleiben vage, werden höchstens unkritisch erwähnt. Das Bildnis, das Sabine Derflinger mit ihrem Film (100, ursprünglich 136 Minuten lang) zeichnet, ist einseitig geprägt. Die Nähe zu dieser umstrittenen, streitbaren, aber prägenden Persönlichkeit wird so zum Makel, auch weil die Fülle eingestreuten und montierten Materials viele Perspektiven skizziert, dokumentiert, aber kaum bis gar vertieft.
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Rabiye Kurnaz gegen Georg W. Bush
rbr. Befreiungskampf. Es gibt Reportagen, Bücher und Filme über das Schicksal von Häftlingen im US-Lager Guantánamo. Beispielsweise das Drama «The Road to Guantánamo» aus dem Jahr 2005. Es schildert die Festsetzung von drei Moslems, die in dieser US-Enklave auf Kuba zwei Jahre rechtlos inhaftiert und gefoltert worden sind. «The Mauretanian»(2020) schildert den Leidensweg Mohamedou Ould Slahis, der im oben genannten Gefangenlager ohne Anklage und Gerichtsverfahren jahrelang festgehalten wurde. Ein Spielfilm von Kevin Macdonald mit Jodie Foster als Anwältin und Benedict Cumberbatch als Militärstaatsanwalt – nach dem Times-Bestseller «Guantánamo Diary» von Slahi.
Der deutsche Regisseur Andreas Dresen wählte einen anderen Ansatz. Gemeinsam mit Drehbuchautorin Laila Stieler verarbeitet er den Stoff, den der inhaftierte Murat Kurnaz in seinem autobiographischen Buch «Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantánamo» geliefert hatte. Doch sein Drama «Rabiye Kurnaz gegen Georg Bush» schildert nicht den öden Alltag der Guantánamo-Insassen und die Torturen, denen sie seitens des US-Militärs ausgesetzt waren, sondern den Kampf der Mutter um die Freilassung ihres Sohnes Murat. Das Drehbuch wurde an der Berlinale 2022 mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet.
Der türkischstämmige Murat (19) aus Bremen wurde im Oktober 2001 in Karachi verhaftet, Afghanen ausgeliefert und von Amerikanern des Terrors verdächtigt, schliesslich 2002 nach Guantánamo verschleppt. Als seine Mutter Rubiye in Bremen davon erfährt, unternimmt sie alles, um ihren Sohn freizubekommen. Im Menschenrechtsanwalts Bernhard Docke (Alexander Scheer) findet sie einen Verbündeten, der ihr beim trostlosen Leidensgang durch sture Behörden und gleichgültigen Politikern juristisch und menschlich zur Seite steht. Zusammen gehen die beiden «Freiheitskämpfer» bis zum US Supreme Court in Washington. Um den inhaftierten Murat (Abdullah Emre Öztürk) dreht sich alles, er ist quasi Stein des Anstosses, doch er bleibt ein Schemen im Hintergrund – bis auf Eingangs-und Schlusssequenzen. Er wurde 2006 entlassen – ohne Urteil, ohne Entschuldigung oder Bedauern der Behörden
Das muss man gesehen haben, wie Meltem Kaplan resolut, unerschrocken als Mutter Rabiye agiert, die angesichts der Unmenschlichkeit von Staatsorganen verzweifelt. Dabei verliert sie nie die Hoffnung und ihren Galgenhumor. Die Schauspielerin Meltem Kaptan, Moderatorin und Comedien («Ladies Night»), ist eine Wucht und wurde an den Berliner Filmfestspielen mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Alexander Scheer spielte 2018 den widerborstigen DDR-Liedermacher Gerhard Gundermann unter der Rege von Dresen. Er bildet als knochentrockener Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke ein Pendant zur quirligen Rechtstreiterin, mit der er durch Dick und Dünn geht. Ihr Kampf um Recht und Gerechtigkeit wurde auch in Washington und Berlin zur Kenntnis genommen. Doch die zweifelhafte Rolle deutscher Behörden und Politiker ist nicht sauber. Auch der amtierende Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, dazumal Chef des Bundeskanzleramtes hat sich in diesem Fall nicht mit Ruhm bekleckert. Erst Angela Merkel setzte sich für Murat ein. Die politischen Hintergründe und Nebengeräusche werden im Film nur vage angedeutet.
Andreas Dresen, der sich einen Kurzauftritt als Richter am Supreme Court nicht nehmen liess, schuf ein packendes engagiertes Drama um Recht und Gerechtigkeit. Ein Fanal gegen staatliche, militärische Willkür, ein Plädoyer für Würde, Menschlichkeit und unerschütterliche Solidarität. Zu bemerken ist noch die frappante Ähnlichkeit der Schauspieler Kaptan und Scheer, sie kommen auch den wirklichen Filmhelden äusserlich unglaublich nahe, wie der dokumentarische Nachspann zeigt.

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Les Olympiades
rbr. Leben und Lieben in Paris. Etwas schwärmerisch lautet der deutsche Verleihtitel «Wo in Paris die Sonne aufgeht». Na ja. «Les Olympiades» meint eigentlich keine olympischen göttlichen Gefilde, sondern ein Quartier in Paris mit Hochbauten im 13. Arrondissement, das vor allem von Menschen asiatischer Herkunft bewohnt wird. Und so gruppiert Jacques Audiard seine Sex- und Liebesbegegnungen um Émilie (Lucie Zhang), die in der Wohnung ihrer demenzerkrankten Grossmutter lebt. Sie sucht einen Mitbewohner, findet Camille (Makita Samba), der sich als Lehrer und Doktorand entpuppt. Mit Sex sind beide schnell bei der Sache. Ein Deal auf Zeit. Emilie sucht Halt, Liebe, doch der schwarze Camille will nur schnelle Befriedigung. Man findet einen Kompromiss. Später lernt Émilie, die in einem Callcenter jobt, die ältere Jurastudentin Nora (Noémie Merlant) kennen. Verzwickt wird es erst, als Nora für die Pornodarstellerin Amber Sweet gehalten wird, die ihr teuflisch ähnlich sieht. Das bringt sie in Teufels, sprich digitale Küche. Kommilitonen haben sie im Internet als Amber geoutet. Sie wird zur Ausgestossenen. In Wahrheit ist Louise (Jenny Beth) Amber. Man begegnet sich und…
Jacques Audiards schwarzweisses Liebes- und Beziehungsdrama pendelt zwischen Dokumentation und Phantasie, realer Sozialmediawelt und Wunschdenken. Sexsequenzen werden punktuell in Farbe getaucht. Ein prickelndes Stadt- und Menschenbild. Es bedient sich der Kurzgeschichten und Graphic Novels des New Yorkers Adrian Tomine. Eine Tour de Force über Triebe, Liebe, Begehren und Beziehungen – teilweise sexy und wild, aber durchweg romantisch.

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Schwarzarbeit
rbr. Schattenseiten der Arbeit. Sie malochen mit der Angst im Nacken: Schwarzarbeiter. Auch in der sauberen Schweiz ein dunkles Kapitel. Oft sind sie Arbeitgebern rechtlos ausgeliefert, müssen Lohndumping hinnehmen, werden ausgebeutet und leben quasi im Verborgenen. Ulrich Grossenbacher («Messies») ist zusammen mit Arbeitsmarktinspektoren auf Schweizer Reise gegangen – mit Schwerpunkt Bernbiet. Frédy, Regula, Marcos, Sefan und Chrümu haben Baustellen und Restaurantküchen, Pflegekräfte, Serviertöchter und Shop-Manger aufgesucht und «hinterfragt». Oft sind die Löhne niedrig und Arbeitsbewilligungen nicht vorhanden. Es tut ihnen sichtbar leid um die Arbeitskräfte, deren materielle Not von Unternehmern und Geschäftsbetreibern ausgenutzt wird. Es geht um Verantwortung der Arbeitsgeber und Schutz der Lohnabhängigen. Wiederholt kommt Gewerkschafter und Ex-Nationalrat Corradi Pardini (SP) zu Wort, der sich für gute liberale Beziehungen zur EU und Lohnschutz eingesetzt hat. Er scheute sich auch nicht, in der Höhle des Löwen bei der Blocherschen SVP-Tagung im Albisgüetli aufzutreten.
Grossenbachers engagierter und überzeugender Dokumentarfilm deckt dunkle Seiten des Schweizer Arbeitsmarktes auf, wirft explizit Fragen nach Verantwortlichkeit, auch Menschlichkeit auf. – direkt und geschminkt. Schuld, zeigt der Film, sind nicht die Lämmer, sondern die Hirten – auf Baustellen, Magazinen, in Beizen und auch Privathaushalten. Und denen schauen die Kontrolleure auf die Finger beziehungsweise in die Bücher.

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to be continued

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