FRONTPAGE

«Saša Stanišić: Geträumte Herkunft»

Von Ingrid Isermann

 

Von der Grossmutter, vom Drachenfangen, von alter und neuer Heimat, vom Ankommen und Erinnern: Identität und Integration sind die grossen Themen unserer Zeit. 1992 flüchtete Saša Stanišić nach der Besetzung Višegrads durch bosnisch-serbische Truppen mit seinen Eltern nach Heidelberg. Er lebt heute in Hamburg.

Wo jemand herkommt, ist entscheidend für den Lebensweg. Und wo jemand hinwill und unfreiwillig hinmuss, wenn er Flüchtling ist. Und zu den Flüchtlingen gehört. Aber gehört man dorthin, zu den Flüchtlingen? Man möchte ankommen, irgendwie und irgendwo. Und dann wird man gefragt, wo kommst du her? Wem man es ansieht, der wird sofort gefragt. Ich bin von hier, sagen auch die, die zugewandert ist.

 

Aber früher oder später setzen sie sich mit ihrer Herkunft auseinander, gehen ihrer Geschichte nach und erzählen sie, zuerst sich selbst, dann auch anderen. Wie Saša Stanišić, dem seine Heimat doppelt verloren ging. Sein Land Jugoslawien gibt es nicht mehr. Jetzt kommt er aus Bosnien-Herzegowina und reist auf den Spuren seiner frühen Kindheitserlebnisse zurück in die Vergangenheit, zu seiner Grossmutter. Saša will Drachen fangen und fährt in die Berge, wo seine Vorfahren herkommen, die im bosnisch-herzegowinischen Bergdorf Oskoruša auf dem Friedhof liegen und wo er bis 2009 noch nie war. Seine Grossmutter erzählt ihm von früher und wie es war als es früher war.

 

Grossmutter spielt eine wichtige Rolle, sie ist der Leitfaden. Die Geschichten, in sich verschachtelt, sind intim und doch hat man nie das Gefühl, voyeuristisch zuzuschauen. Saša Stanišić integriert uns in seine Familie und lässt uns teilhaben. Grossmutter hat ein Mädchen auf der Strasse gesehen und ruft ihr vom Balkon aus zu, es solle keine Angst haben, sie komme es holen. Auf der Hauptstrasse, die einmal den Namen Titos getragen hat, steht sie auf Strümpfen hilflos mitten im brausenden Verkehr, das Mädchen ist weg. Sie ruft Kristina! Und das ist ihr eigener Name. Es ist der 7. März 2018 in Višegrad, Bosnien und Herzogewina, Grossmutter ist siebenundachtzig Jahre alt und elf Jahre alt. Die Geschichten der Grossmutter und seine eigene Biografie überschneiden sich wie Wellenlinien, die sich trennen und in einem steten Wechsel spielerisch wieder zusammenfinden.

 

Saša Stanišić wurde am 7. März 1978 in Višegrad an der Drina geboren, dem Fluss, dessen Brücke der Schriftsteller Ivo Andrić in seinem 1961 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Buch «Die Brücke über die Drina» ein Denkmal setzte, dem Vielvölkerstaat Bosnien zwischen Orient und Okzident.

 

Dreissig Jahre später, im März 2008, soll Stanišić einen handgeschriebenen Lebenslauf mit Begründung zur Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft bei der Ausländerbehörde einreichen. Die vielfachen Versuche eines chronologisch einwandfreien Lebenslaufs lesen sich in berührendem Plauderton mit melancholischen Untertönen. Stanišić spiegelt ungewisse Gewissheiten in sprachlicher Brillanz. Das Buch ist ein Erlebnis, das Zuversicht und Hoffnung weckt.

 

 

LOST IN THE STRANGE

DIMLY LIT CAVE OF TIME

 

Ich lebe in Hamburg. Ich habe einen deutschen Pass. Mein Geburtsort liegt hinter fremden Bergen. An der vertrauten Elbe gehe ich zweimal die Woche laufen, eine App zählt die zurückgelegten Kilometer. Ich kann mir kaum vorstellen, wie das ist, sich zu verlaufen.

   Ich bin ein Anhänger des Hamburger Sportvereins. Ich besitze ein Rennrad, das ich so gut wie nie fahre, weil ich Angst habe, dass es mir geklaut wird. Ich bin neulich im Botanischen Garten spazieren gegangen, umgeben von blühendem Zeug. Ich habe einen Mitarbeiter gefragt, ob der Speierling hier heimisch ist. Er hat gesagt, er kenne sich mit Kakteen aus.

   Man will gelegentlich von mir wissen, ob ich in Deutschland zu Hause bin. Ich sage abwechselnd ja und nein. Die Leute meinen es selten ausgrenzend. Sie sichern sich ab. Sie sagen: «Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, meine Cousine hat einen Tschechen geheiratet».

   Liebe Ausländerbehörde, ich bin am 7. März geboren in Jugoslawien in einer Regennacht. Ich lebe seit dem 24. August 1992, einem Regentag, in Deutschland. Ich bin ein höflicher Mensch. Ich möchte nicht, dass sich jemand unwohl fühlt, nur weil ich kein Tscheche bin. Ich sage: Ich komme aus …. undsoweiter. Dann sage ich: «Ist das Axl Rose von Guns N Roses dahinten?» Wenn sich der Gesprächspartner umsieht, verwandle ich mich in einen deutschen Schmetterling und fächle davon.

 In einem Garten in der Nähe unserer Mietwohnung spielt mein dreijähriger Sohn. Die Nachbarn sagen, der Besitzer sehe ungern Kinder in seinem Garten.Ein Kirschbaum wächst dort. Die Kirschen sind reif. Wir pflücken sie gemeinsam. Mein Sohn ist in Hamburg geboren. Er weiss, dass Kirschen einen Kern haben und Kern auch Kospica heisst und Kirsche auch Tresnja.

   Man hat mir in Oskoruša Kirschbäume gezeigt. Einer hat mir sein Bärenfell vorgeführt, einer die Räucherbaracke. Eine hat mit ihrem Enkelsohn in Österreich telefoniert und mir dann ein Handy verkaufen wollen. Gavrilo hat mir seine Narbe gezeigt, die aussah wie von einem Riesenmaul gerissen. Manches wollte ich sehen und hören, manches ging so.

   Als ich Gavrilo nach dem Ursprung der Riesennarbe fragte, hat er mir Brombeeren gereicht und mir ein Ferkel schenken wollen, und weit oben, im Gebirge, zischte und fauchte eine Geschichte, die begann mit:

   Weit oben, im Gebirge.

   Diese Geschichte beginnt mit einem Bauern namens Gavrilo, nein, mit einer Regennacht in Višegrad, nein, mit meiner dementen Grossmutter, nein. Diese Geschichte beginnt mit dem Befeuern der Welt durch das Addieren von Geschichten.

   Nur noch eine! Nur noch eine!

   Ich werde einige Male ansetzen und einige Enden finden, ich kenne mich doch. Ohne Abschweifung wären meine Geschichten überhaupt nicht meine. Die Abschweifung ist Modus meines Schreibens. My own adventure.

 

 

Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad als Sohn einer bosniakischen  Politikprofessorin und eines serbischen Betriebswirts geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Seine Mutter fand Arbeit in einer Wäscherei, während sein Vater auf dem Bau tätig war; 1998 wanderten die Eltern in die USA aus. Nach dem Abitur 1997 studierte er an der Universität Heidelberg Deutsch als Fremdsprache und Slawistik. Während des Studiums entstanden immer mehr literarische Texte. Seine Erzählungen und Romane wurden in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Saša Stanišić erhielt u.a. den Preis der Leipziger Buchmesse für »Vor dem Fest« und zuletzt für »Herkunft« den Deutschen Buchpreis 2019 sowie den Eichendorff-Literaturpreis 2020 und den Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster. Seit 2015 ist Stanišić Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg sowie Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Saša Stanišić ist Vater eines Sohnes. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg-Altona. Seit 2013 ist Stanišić deutscher Staatsbürger.

 

 

Saša Stanišić

Herkunft
Luchterhand, München 2019

360 S., CHF 29.90 € 22.

E-Book 17,99 €

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Literatur