FRONTPAGE

Sigrid Nunez: Sempre Susan – schillernde Reminiszenzen an Susan Sontag»

Von Ingrid Isermann

 

Frühling 1976 in New York. Ein Jahr nach ihrem Master of Fine Arts an der Columbia University träumt Sigrid Nunez davon, gerade mal 25 Jahre alt, Schriftstellerin zu werden, als Bob Silvers von der «New York Review of Books» ihr einen Job vermittelt. Sie soll einer bekannten Autorin, die auf der Upper Westside wohnt, bei der Korrespondenz helfen.

«Am ersten Tag, als ich zu 340 Riverside Drive ging, schien die Sonne, und in der Wohnung – einem Penthouse mit vielen grossen Fenstern – war es blendend hell. Wir arbeiteten in Susans Schlafzimmer, ich sass an ihrem Schreibtisch und tippte auf ihrer massiven IBM Selectric, und sie diktierte, ging dabei durchs Zimmer oder lag auf ihrem Bett. Sie trug ihren lockeren Rollkragenpulli, Jeans und Ho-Chi-Minh-Sandalen aus Reifengummi, die sie von einer ihrer Reisen nach Nordvietnam mitgebracht hatte. Wegen des Krebses versuchte sie, mit dem Rauchen aufzuhören (sie sollte es versuchen und scheitern und wieder versuchen, viele Male). Sie ass ein ganzes Glas gerösteter Maiskörner und spülte sie mit Schlucken aus einer grossen Flasche Wasser hinunter».

 

Sigrid Nunez lernt die Ikone und glamouröse Denkerin aus nächster Nähe kennen, verliebt sich in deren Sohn David und zieht schliesslich bei den beiden ein.

«War es wirklich eine gute Idee, dass wir drei – Susan, ihr Sohn David und ich – zusammen wohnten? Sie war dreiundvierzig, als wir uns kennenlernten, doch auf mich wirkte sie sehr alt. Das lag zum einen daran, dass ich fünfundzwanzig war und mir in diesem Alter alle über vierzig alt erschienen. Andererseits erholte sie sich gerade von einer radikalen Mastektomie. Es war dennoch merkwürdig. Als wir uns kennenlernten, sah sie älter aus als zu der Zeit, als ich sie schon besser kannte. Während sie genas, wirkte sie zunehmend jünger, und als sie beschloss, ihr Haar zu färben, sah sie noch jünger aus».

 

Ein Erinnerungsbuch, in dem Sigrid Nunez über die vielleicht prägendste Begegnung ihres Lebens schreibt und ein privates, nuanciertes Porträt von Susan Sontag entsteht: «Ihr Einfluss auf meine Art zu denken und zu schreiben war tiefgreifend, man konnte sich keine bessere Wegweiserin in das kulturelle Leben New Yorks wünschen als sie. Kein Wunder, dass ich es als einen der grössten Glücksfälle in meinem Leben betrachtete, sie kennengelernt zu haben.

Es ist durchaus möglich, dass ich im Lauf der Zeit selbst Schriftsteller wie John Berger, Walter Benjamin, E.M. Cioran und Simone Weil entdeckt hätte. Aber Tatsache ist, dass sie mich als erste auf sie aufmerksam machte». Begeistert war Sontag von den Werken bestimmter Europäer wie zum Beispiel Italo Calvino, Bohumil Hrabel, Peter Handke, Stanislaw Lem wie auch lateinamerikanischer Autoren wie Jorge Luis Borges und Julio Cortazar, die wie sie wesentlich mutigere und originellere Werke als ihre amerikanischen Kollegen schufen. Sie sprach ununerbrochen über W.G. Sebalds Die Ausgewanderten, die zu einem von Nunez Lieblingsbüchern wurden. Nunez solle doch versuchen, elliptischer zu schreiben und ihrer Prosa eine dichtere Form zu geben, damit sie Fahrt aufnähme.

 

Susan Sontag war die geborene Mentorin, aber Unterricht so wenig wie möglich: «Ich habe gesehen, wie die besten Schriftsteller meiner Generation vom Unterrichten ruiniert wurden». Sie war der Ansicht, dass das Leben eines Schriftstellers und das Leben eines Dozenten ständig im Widerspruch stehen. Nunez vermutete, dass ihr Widerstand gegen das Unterrichten teilweise mit ihrer Begeisterung für ihre Studienzeit zu tun hatte. Ihr ganzes Leben lang hatte sie die Gewohnheiten und die Ausstrahlung einer Studentin. Sie blieb zudem, ausgenommen körperlich, immer jung. Menschen, die ihr nahestanden, verglichen sie manchmal mit einem Kind, ihre Unfähigkeit, allein zu sein, ihre unverminderte Fähigkeit zu staunen, ihre starke heldenverehrende Seite und ihr Bedürfnis, die zu vergöttern, zu denen sie aufsah. «David und ich nannten sie scherzhaft unser enfant terrible», schreibt die Autorin.

 

Sigrid Nunez beschreibt Sontags intellektuelle Brillanz, ihre Extravaganzen, ihre Launen, ihre Trauer wie auch menschliche Unzulänglichkeiten wie chronische Unpünktlichkeit und Unangepassheit: «Es ist immer gut, alles mit einem Regelbruch anzufangen». Für sie war Unpünktlichkeit die Regel: «Nur wenn ich ein Flugzeug erwischen muss oder in die Oper gehe, schaue ich, dass ich nicht zu spät komme». Sigrid Nunez eigene pingelige Pünktlichkeit ging Sontag dabei auf die Nerven. «Du musst nicht auf die Sekunde dort sein. Sei nicht so servil».

 

Langweilig war wie servil eins ihrer Lieblingswörter, wie auch beispielhaft und ernsthaft. «Man erkennt, wie ernsthaft die Leute sind, wenn man sich ihre Bücher ansieht». Es ist schwieriger für eine Frau, gestand sie ein, das hiess ernsthaft zu sein, sich selbst ernst zu nehmen, andere dazu zu bringen, dich ernst zu nehmen. Sie selbst war schon als Kind energisch aufgetreten. Das Geschlecht sollte ihr dabei nicht in die Quere kommen.

Die meisten Frauen sind zu ängstlich, meinte sie, sie hätten Angst, sich zu behaupten, als zu schlau, zu ehrgeizig, zu selbstsicher zu wirken oder nicht damenhaft zu erscheinen oder maskulin zu wirken, sie wollten nicht als hart oder kalt oder egoistisch oder arrogant gesehen werden.

Sontags Regel Nummer eins war, das alles zu überwinden. Sie hatte definitiv keine Angst, maskulin zu wirken, und war ungeduldig mit anderen Frauen, wenn sie nicht wie sie waren. Sie war Feministin, aber sie kritisierte die feministische Rhetorik dafür, naiv, sentimental und antiintellktuell zu sein. Es ärgerte sie, dass die Gesellschaft sehr intelligenter Frauen für gewöhnlich nicht so interessant war wie die Gesellschaft intelligenter Männer.

Dass sie immer Jeans trug und Sneakers und sich weigerte, eine Handtasche mitzunehmen, war ihr Kennzeichen. Männer trugen keine Handtaschen, warum sollte sie sich damit belasten?

 

Selbstverständlich war Susan vernarrt ins Kino, vielleicht auf eine Weise, wie es nur jemand sein kann, der nie fernsah. «Wir gingen ständig ins Kino», schreibt die Autorin, «Ozu, Kurosawa, Godard, Bresson, Resnais – jeder dieser Namen ist für mich mit ihrem verbunden». Wie das leidenschaftliche Kinogehen, war es für sie ebenfalls unabdingbar, jeden Tag ein Buch zu lesen: «Hör nicht auf Autoren, die behaupten, dass man nicht gleichzeitig ein ernsthafter Schriftsteller und ein unersättlicher Leser sein kann» (zwei dieser Autoren waren V.S. Naipaul und Norman Mailer).

 

Obwohl sie für ihr Aussehen oft gelobt wurde, wirkte sie nie eitel auf Nunez. Von allen Komplimenten, die Susan Sontag erhielt, sei das von Pete Hamill ihr liebstes gewesen: «Im Besitz des intelligentesten Gesichts ihrer Generation».  Neben ihrer charakteristischen wilden Haarmähne war es ihr grosses schönes Lächeln, das beeindruckte.

Nunez reflektiert in ihren Erinnerungen auch über sich selbst in einer komplexen Spiegelung hipper New Yorker Zeiten. Aufschlussreich sind ihre Beobachtungen auch hinsichtlich der literarischen Rezeption der Publikationen von Susan Sontag, wobei Kritiker mehrheitlich ihre Essays und Kurzgeschichten lobten, ihre Romane jedoch weniger Anklang fanden, was sie verletzte und in Rage brachte, ihre unkonformistische und vitale Haltung galt als arrogant und elitär.

«Sie war so New York», erzählt Sigrid Nunez. «Mit ihrer umtriebigen Art, mit ihrer Energie und ihrem Ehrgeiz, mit ihrer Wir-können-das, Wir-überwinden-jeden-Widerstand-Einstellung, mit ihrem kindlichen Wesen – und ihrem Glauben an ihre Einzigartigkeit und ihre Willenskraft, an Selbsterfindung und die Möglichkeit, neu geboren zu werden, die Möglichkeit unendlicher neuer Chancen und alles zu erreichen – war sie die amerikanischste Person, die ich je gekannt habe».

Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss, heisst es, doch in dieses Buch möchte man gerne zweimal eintauchen.

 

«Sempre Susan» erschien als Originalausgabe 2011 bei Atlas Books, New York. Die berührende  unverwechselbare Unvoreingenommenheit der faszinierenden Erinnerungen Sigrid Nunez’ gehören zum Besten, was über Susan Sontag geschrieben wurde.

 

Sigrid Nunez, *1951 in New York, Tochter einer deutschen Mutter und eines chinesisch-panamaischen Vaters, studierte am Barnard College (B.A. 1972) und erhielt einen MFA an der Columbia University. Nunez hatte verschiedene Lehraufträge, wie am Amherst College, am Smith College und an der Columbia University. Sigrid Nunez ist eine der beliebtesten Autorinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Für ihr viel bewundertes Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Ihr Roman «Der Freund» erreichte international ein grosses Publikum und wurde zum «Spiegel»-Bestseller. 1976 lebte Sigrid Nunez eine Zeitlang mit Susan Sontag und ihrem Sohn David Rieff in Sontags Apartment auf der Upper Westside, 340 Riverside Drive. Sie lebt noch immer in New York.

 

Susan Sontag, 1933-2004 in New York, war Schriftstellerin, Film- und Theaterregisseurin. Sie erhielt u.a. 2000 den National Book Award, 2001 den Jerusalem Book Prize und 2003 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Susan Sontag wurde als Tochter des jüdischen Exportkaufmanns Jack Rosenblatt und der Lehrerin Mildred Jacobsen geboren. Während des Aufenthaltes der Eltern in China, wurde sie von den Grosseltern aufgezogen. Ihr Vater starb, als sie fünf Jahre alt war. Die Mutter heiratete sieben Jahre später Nathan Sontag, einen U.S. Army Captain. 1949 ging Susan Sontag an die Univeristy of California, Berkeley, später an die University of Chicago und studierte Literatur und Theologie und bei Leo Strauss Philosophie. Früh entwickelte sie eine Leidenschaft für deutschsprachige Literatur; im Dezember 1949 besuchte sie Thomas Mann in seinem kalifornischen Exil, dessen Werk sie bis zu ihrem Tod verbunden blieb. 1950 heiratete sie mit 17 Jahren den Soziologen Professor Philip Rieff, an dessen Lehrveranstaltungen sie teilnahm. Mit ihm gemeinsam veröffentlichte sie eine Studie über den Einfluss von Sigmund Freud auf die moderne Kultur. Nach zwei Jahren kam ihr Sohn David zur Welt, 1958 erfolgte die Scheidung. 1956 besuchte Sontag in Harvard ein Seminar über Klassische Deutsche Philosophie bei Paul Tillich. In Harvard schrieb sie ihre Doktorarbeit in Philosophie. Herbert Macuse bezeichnete sie als ihren Freund und Hannah Arendt lernte sie kennen, als sie mit Mitte 20 nach New York zog. Von 1988 bis zu ihrem Tod lebte sie mit der Fotografin Annie Leibovitz zusammen. Susan Sontag wohnte im New Yorker Stadtteil Chelsea. Sie war eine scharfe Kritikerin der Regierung Bush jr., insbesondere des Irakkriegs. Neben Mary McCarthy und Joan Didion galt sie als die US-amerikanische ‘femme de lettres’.  Susan Sontag starb 2004 im Alter von 71 Jahren in New York an Leukämie. Ihre mentale Verbundenheit mit der europäischen Literatur markierte auch, dass sie von ihrem Sohn auf dem berühmtem Cimetière Montparnasse in Paris beigesetzt wurde. Über ihre letzten Tage schrieb ihr Sohn, der Journalist und Autor David Rieff, das Buch «Tod einer Untröstlichen», das 2009 im Carl Hanser Verlag erschien.

 

 

 

Sigrid Nunez

Sempre Susan

Erinnerungen an Susan Sontag

Übersetzung Anette Grube

Aufbau Verlag, Berlin 2020

Geb., Schutzumschlag, 141 S.

€ 18.
ISBN 9783351038496

 

 

 

«Usama Al Shahmani: Der Weg der Hoffnung»

 

Wie verarbeitet man das Trauma eines doppelten Exils? Aida spricht nicht über ihre Herkunft, was zur Entfremdung mit ihrem Schweizer Freund Daniel führt. Sie beginnt aufzuschreiben, was sie nicht sagen kann. 1992 in einem iranischen Flüchtlingslager geboren, flüchtete sie sechsjährig mit ihren irakischen Eltern und der älteren Schwester in die Schweiz. Die Mädchen gehen zur Schule, doch ihre Eltern kommen mit dem westlichen Alltag nicht zurecht.

 

Der Vater, ein konservativer Theologe, beschliesst schliesslich, mit der Familie in den Irak zurückzukehren. Aber was für die Eltern ihre Heimat ist, die sie einst wegen des Krieges verlassen hatten, ist für die beiden Schwestern ein fremdes Land.

«Vater hatte uns belogen. Das war nicht die Heimat, von der er uns in der Schweiz erzählt hatte. Alles hatte eine männliche Farbe, eine männliche Stimme und einen männlichen Geschmack».

Als Nosche, die ältere achtzehnjährige Schwester verheiratet werden soll, fliehen sie und gelangen auf Umwegen als unbegleitete Minderjährige in die Schweiz. Auch hier lässt sie die Vergangenheit nicht los.
Nach dem plötzlichen Unfalltod ihrer geliebten Schwester Nosche, beginnt Aida aufzuschreiben, was sie an sie, ihre Eltern und ihre fremde Heimat Irak erinnert.
«Auf dem Bildschirm lese ich meinen zu lang gewordenen Text. Willkürlich bewege ich die Maus und ziehe den Text mal hinauf, mal hinunter, er rollt vorüber wie die Landschaft, die ich damals im Irak aus dem fahrenden Auto betrachtete. In diesen weiten Feldern befinden sich viel Liebe, Hoffnung, Enttäuschung, Verzweiflung, Tod, Träume und Geduld. Ich bin verunsichert und frage mich, wo ich jetzt selber stehe in diesen endlos weiten Textfeldern. Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich eine Hoffnung habe, die den Frost zwischen mir und der Welt um mich herum beseitigt und mir etwas Leichtigkeit gibt».

 

 

Das geht unter die Haut, so präzise und hautnah über Migration und Entfremdung zu lesen, voller Spannung eine uns fremde Kultur kennenzulernen, nicht zuletzt durch die erzählerische Kunst der poetischen Verbindung der arabischen mit der westlichen Kultur.

Usama Al Shahmani gelingt es, feinfühlig von den schwierigen Erfahrungen von Flüchtlingen bei ihren Integrationsbemühungen zu erzählen und ein Fenster zur Hoffnung offen zu lassen. Ein lehrreiches Buch und eine intensive Beschreibung der Wegstrecke zur Humanität.

 

 

Usama Al Shahmani, *1971 in Bagdad und aufgewachsen in Qalat Sukar (Nasiriya), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert. Er publizierte drei Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 wegen eines kritischen Theaterstücks fliehen musste und in die Schweiz kam. Er arbeitet heute als Dolmetscher und Kulturvermittler und übersetzt ins Arabische, u.a. «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann, «Der Islam» von Peter Heine. Sein erster Roman «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» wurde mehrfach ausgezeichnet. Für «Im Fallen lernt die Feder fliegen» hat Usama Al Shahmani den Förderbeitrag des Kantons Thurgau erhalten.

 

 

Usama Al Shahmani
Im Fallen lernt die Feder fliegen
Roman
Limmat Verlag Zürich, 2020
240 S., geb. mit Schutzumschlag
CHF 28. € 24. eBook CHF 23
ISBN 978-3-03926-002-7

 

 

NACH OBEN

Literatur