FRONTPAGE

«Oscargewinner Steve McQueen erzählt in der Film-Anthologie Small Axe unerzählte Geschichten»

Von Marion Löhndorf

 

Ein Genre, das der Filmemacher und bildende Künstler Steve McQueen noch nicht erprobt hatte, war die Fernsehserie. «Small Axe» ist eine Reihe von fünf in sich abgeschlossenen Filmen, die in Ton und Stil ganz unterschiedlich sind. Zwischen Polizeigewalt und ausgelassenen Partys loten McQueens fünf Filme Schicksale aus, die mit der Familiengeschichte des Regisseurs verknüpft sind.

Sieben Jahre nach seinem Oscar-prämierten Werk «12 Years a Slave» und zwei Jahre nach seinem letzten Kinofilm «Widows» veröffentlicht er nun mit «Small Axe» ein fünfteiliges Projekt, das derzeit bei der BBC ausgestrahlt wird und auch auf Prime Video, der Streamingplattform von Amazon, läuft.

 

Man kann sich die Beiträge ebenso gut in einer Museumsschau oder auf der grossen Kinoleinwand vorstellen: So seltsam, so ungewöhnlich sind sie – zumindest die ersten beiden von ihnen, die ich sehen konnte, «Mangrove» und «Lover‘s Rock».

McQueen erzählt in ihnen aus den Biografien schwarzer britischer Einwanderer aus der Karibik von den sechziger bis zur Mitte der achtziger Jahren. Das ist die thematische Klammer. Vier davon basieren auf authentischen Geschichten, die bis jetzt unerzählt geblieben waren. McQueen, der auch für die Drehbücher mitverantwortlich war, wollte das ändern. Das Projekt rührt für ihn – die Mutter stammt aus Trinidad und der Vater aus Grenada – , auch an die eigene Identität. «In ‚Small Axe‘ geht es um kleine Akte des Widerstandes, Handlungen, die mein und das Leben anderer veränderten», sagt er. Es ist ihm wichtig zu sagen: «Diese Geschichte sind britische Geschichten».

«Mangrove» geht in die späten sechziger Jahre zurück und erzählt von einem karibischen Restaurant in Notting Hill, das zum seelischen und sozialen Fixpunkt der schwarzen Einwohner des Viertels wird. Jahrelang wird das Lokal von brutalen, unbegründeten Polizeirazzien heimgesucht. Der Film ist voller Wut, er macht kein Hehl daraus. Den Titel entlehnt er einer Zeile von Bob Marley: «If you are the big tree, we are the small axe, ready to cut you down». Wer ist der Baum hier, wer die Axt? McQueen lässt es offen.

 

Die von der Polizei terrorisierte «Mangrove»-Community reagiert unterschiedlich auf die Gewalt, politisch-ideologisch, mit privatem Rückzug, angstvoll oder aggressiv. Die Betroffenen diskutieren, dann schafft das Leben schafft neue Fakten, manche Einstellungen verändern sich. Sie eint der gemeinsame Feind, die Polizeigewalt, die jederzeit unvermittelt in den Alltag einbrechen kann. Der Gastwirt (Shaun Parkes) politisiert sich wider seiner ursprünglichen Absicht und wird zur zentralen Figur.

 

Schliesslich setzen sich die 150 Gäste und Aktivisten, die das «Mangrove» zum Stammlokal machten, zur Wehr. Sie demonstrieren, sie werden festgenommen. Es kommt zum Prozess. Auf einmal nimmt der Film, der ganz langsam und scheinbar richtungslos anfängt, dramatisch an Fahrt auf. Was wie eine Dokumentation des Alltagslebens karibischer Einwanderer begann, wird plötzlich zum Gerichtsfilm.

 

Der Prozess der «Mangrove Nine» im Gerichtshof Old Bailey wird 1970 zum entscheidenden Fall, in dem es um systemischen Rassismus in der Polizei geht, der Generationen von schwarzen Briten beeinflussen würde. Die Aktivistin Altheia Jones-LeCointe (Letitia Wright) sagt an einer Stelle: Auf dem Spiel stehe die eigene Freiheit und die der Nachgeborenen.

 

 

Freiheit ist das Anliegen der Film-Anthologie

Freiheit ist das grosse Anliegen der Film-Anthologie. Und es ist der übergreifende Gegenstand, mit dem sich Oscar- und Turner-Prize-Gewinner Steve McQueen in seinem Gesamtwerk seit Jahren befasst. Mit seinem ersten Spielfilm «Hunger» über die Gefängniszeit des irischen IRA-Mitglieds Bobby Sands hatte er sich 2008 im Kino einen Namen gemacht, für die Grossproduktion «Twelve Years a Slave» (2013) über die Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten gewann er den Oscar.

Auch in seiner Arbeit als bildender Künstler, ging es immer wieder um Freiheit, vor allem – aber nicht – nur im Kontext mit dem Thema Rassismus. Dabei unterläuft McQueen als einer der wenigen hoch erfolgreichen Grenzgänger zwischen Kunst und Film fast programmatisch die Erwartungen des Publikums. Was seine Ausdrucksmittel betrifft, will McQueen sich nicht festlegen lassen: «Ich arbeite nie nach Schablone. Mein Thema muss mir sagen, was es braucht, und ich tue mein Bestes, das zu übersetzen». Die Angst vor der Wiederholung sitzt offenbar tief. Ihr sind vielleicht sein Experimentierwille, sein künstlerisches und geografisches Wandern zwischen den Welten zu verdanken.

 

«Lovers Rock», der zweite Beitrag in der «Small Axe»-Reihe, belegt das wie kaum ein anderes seiner Werke. Es gibt wenig Text, kaum Handlung, aber viel Musik. Zwei Frauen machen sich zurecht für eine nächtliche Party. Das streng religiöse Elternhaus wird von den beiden Cinderellas heimlich verlassen, um zum Tanzen zu gehen. Eine von ihnen (Amrah-Jae St. Aubyn) schleicht sich im Morgengrauen heimlich zurück, um mit der Aufforderung zum Kirchgang geweckt zu werden. Sie ist einer Tante von McQueen nachempfunden, und auch eigene frühe Beobachtungen liess er in den Film einfliessen. Er erinnert sich an die Codes, mit denen die Tänzer erotisches Interesse an einander signalisieren, das Berühren der Ellbogen und Handgelenke, denen engere Kontakte folgten. Die Kamera folgt solchen Gesten lange, wie auch den Bewegungen der Tänzer. Das Haus, in dem das Fest steigt, ist ein Mikrokosmos, man spürt: eine Gegenwelt, ein Rückzugsort. Weisse kommen nur in sekundenlangen Kurzauftritten vor. Der DJ spielt ab und zu den Klang von Polizeisirenen ein, die jedes Mal wie kleine Schocks wirken.

 

Musik spielt eine Hauptrolle, auch das ist ein bisher kaum betretenes Areal in McQueens Werk. Der Titel «Lovers Rock» verdankt sich einem romantischen Reggae-Genre, dem der Film vielleicht zu einem Revivial verhelfen wird. Das wenigstens scheint die Tageszeitung «The Guardian» zu hoffen, die der Musik im Film einen epischen Artikel widmet. Steve McQueen nannte ihn sein «Musical». Ein ungewöhnliches Musical wäre das, aber wenigstens eines, in dem Musik, Tanz und Gesang nicht, wie in dem Genre üblich, plötzlich in den Alltag einbrechen, sondern an einem ihrer natürlichen Schauplätze bleiben: am Ort einer Party. Der Film unterläuft konventionelle Sehgewohnheiten, weil so gar nichts zu passieren scheint und man ganz anderes erwartet. Selbst McQueens vorangegangene Filme waren zwar introvertiert, aber handlungsgetrieben, sein letzter, das Heist-Movie «Widows» überraschte als echter Genre-Beitrag.

 

«Lovers Rock» ist einer der Filme, die beim Anschauen irritieren und in der Erinnerung gewinnen. Die britische Presse feierte ihn (und auch «Mangrove») als Meisterwerk. Seine stilistische Eigenart und Kunst besteht darin, uns ganz nah an das Geschehen der Hausparty in Westlondon heranzurücken. Er lebt von Details und Textur, von seiner Atmosphäre. Das warme Licht, die Musik. Wir sehen, wie die Menschen sich zurechtmachen, kochen, rauchen und tanzen, tanzen, tanzen.

McQueen fragt nicht nur: Wer sind wir, wo stehen wir? Neben der historisch-politischen Wahrnehmung von Zeit gibt es auch immer ein akutes Bewusstsein für ihr Vergehen und ein spürbares damit verbundenes Bedürfnis, die Grenzen des Greifbaren zu überschreiten, die Suche nach Transzendenz, einem Jenseits im Alltäglichen. «Lovers Rock» spielt in den achtziger Jahren, aber da ist kein Retro-Fetischismus, es fehlt jeder nostgalgische Impetus. Der Film will unmittelbar wirken, gegenwärtig sein. Steve McQueen lässt uns nicht nur teilhaben. Er lädt uns ein in den Gerichtssaal. Und zur Party.

 

«Small Axe», die Film-Anthologie von Steve McQueen auf Amazon und BBC.

NZZ. 1.12.2020 mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

 

Foto: Sechziger-Jahre-Aktivistin: 
Altheia Jones-LeCointe (Letitia Wright)
im ersten Film der Reihe «Mangrove».

 

 

L&K-Ausstellungs- und Buchtipp:

 

«Aufbruch ohne Ziel. Annemarie Schwarzenbach als Fotografin»

 

Schriftstellerin, Journalistin, Fotografin, Reisende: Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) ist eine der schillerndsten Figuren der modernen Schweizer Kulturgeschichte. Erstmals in der Schweiz widmet sich eine Ausstellung ausschliesslich ihrem rund 7’000 Bilder umfassenden fotografischem Werk, das auf langen Reisen durch Europa, Asien, Afrika und Amerika entstanden ist.

 

Schwarzenbach verstand sich hauptsächlich als Schriftstellerin. Sie war aber auch eine Pionierin der Reportagefotografie in der Schweiz. Rund 300 Textbeiträge von ihr erschienen zu Lebzeiten in Schweizer Zeitschriften und Zeitungen. Ab 1933 waren diese zunehmend von eigenen Bildern begleitet. Da aber die Mehrzahl ihrer Fotografien unveröffentlicht blieb, sind die Qualität und der Umfang ihrer Tätigkeit als Fotografin bisher nur wenig bekannt.
Die meisten dieser Fotografien entstanden auf Reisen, die Schwarzenbach zwischen 1933 und 1942 nach Vorder- und Zentralasien, in die USA, durch Europa und nach Zentral- und Nordafrika führten. Ihre Tätigkeit als Journalistin, aber auch ihre grossbürgerliche Herkunft und ihr Status als Diplomatengattin ermöglichten ihr bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges eine für diese Zeit aussergewöhnliche Reisefreiheit.

Ihre Bilder und Texte stehen in engem Zusammenhang und dokumentieren die gewaltigen Umbrüche, Spannungen und Konflikte der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg: Die Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise, die Hoffnung auf gesellschaftlichen Fortschritt, die Folgen von Modernisierung und Industrialisierung, die Bedrohung durch den Faschismus oder die europäische Faszination für den «Orient».
Aber auch private Themen wie Heimatlosigkeit, Leben im Exil, Homosexualität oder das Ausbrechen aus klassischen Geschlechterrollen spiegeln sich in den Bildern. Und nicht zuletzt zeigen sie Schwarzenbachs ungebrochene Leidenschaft für das Reisen selbst – und ihre Suche nach der Begegnung mit dem Unbekannten, dem «Aufbruch ohne Ziel» als existentielle Erfahrung.

Diese Ausstellung basiert auf dem rund 7‘000 Fotografien umfassenden Nachlass Annemarie Schwarzenbachs, der im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern aufbewahrt wird und öffentlich zugänglich ist.
(Ausstellung verlängert bis 09.05.2021)

Zentrum Paul Klee, Bern 

www.zpk.ch

 

Buchtipp:

Aufbruch ohne Ziel ist die erste Publikation, die sich ausschliesslich dem bisher wenig beachteten fotografischen Werk Schwarzenbachs widmet. Es spiegelt das Spannungsfeld hochaktueller Themen: Identität und Heimat, Individualität und Gemeinschaft, der Aufbruch aus traditionellen Geschlechterrollen und das Verhältnis zwischen Natur und Kultur, Tradition und Fotschritt. 

 

Aufbruch ohne Ziel

Annemarie Schwarzenbach als Fotografin

Herausgegeben von Nina Zimmer

und Martin Waldmeier

Lars Müller Publishers, 2020

143 S., Paperback, div. Abb.

CHF 29

ISBN 978-3-03778-651-2

 

 

 

«56.Solothurner Filmtage 20. bis 27. Januar 2021: Schweizer Werkschau ohne Live-Publikum

 

Von Rolf Breiner

 

Corona hat auch die 56. Ausgabe der Solothurner Filmtage infiziert und gebeutelt, heisst zu drastischen Einschränkungen gezwungen. Die Schweizer Werkschau an der Aare findet zwar statt, aber nur online. Auch an der Aare bleiben die traditionellen Abspielstätten auf Geheiss des Bundes geschlossen. Gleichwohl versuchen Direktorin Anita Hugi und ihr Team, den Schweizer Film zu protegieren und bewusst zu machen.

 

Oberflächlich gesehen, finden die Filmtage an der Aare wie alljährlich im Januar statt, doch die Voraussetzungen sind alles andere denn kinogerecht, weil es eigentliche Kinovorstellungen nicht gibt – infolge Corona und staatlichen Massnahmen. Die Kinos sind geschlossen. Das Publikum muss draussen bleiben. So gehen die Filmtage online, heisst: Filmgespräche, Preisverleihungen und Filme können online abgerufen und «erlebt» werden. Täglich startet eine Auswahl von rund 20 neuen Schweizer Filmen auf der Solothurner Website, die dann 72 Stunden zugänglich sind.
Die Direktorin Anita Hugi bleibt optimistisch und erklärt: «Unser Auftrag ist es, das Schweizer Filmschaffen sichtbar zu machen; das gilt heute mehr denn je! Wir haben trotz der aktuellen Herausforderungen nicht klein beigegeben, sondern für die Präsentation und Vermittlung des aktuellen –besonders starken! – Filmjahrgangs neue Formen gefunden.»

Die Eröffnung am 20. Januar 2021 wird vom Schweizer Fernsehen (SRF, RSI und RTS sowie auf der Website der Solothuner Filmtage) live übertragen und ist auf der Solothurner Website zu sehen. «Die neue Website ist ein Bildwurf in die Zukunft», ist Anita Hugi überzeugt. «Sie zeigt und vermittelt den Schweizerfilm auf attraktive und moderne Art.» Ehrengast ist heuer Bundespräsident Guy Parmelin, er wird traditionell wie auch Direktorin Anita Hugi und Filmtagepräsident Felix Gutzwiller zur Eröffnung sprechen und Optimismus ausstrahlen. Präsident Gutzwiller unterstreicht: «Ein weiteres Zeichen setzen wir damit, dass unsere Online-Edition keine Gratisvorführungen vorsieht, sondern die Filmplattform eine Bezahlangebot ist – Kultur ist kostbar.» Hugi appelliert einmal mehr dafür, die Kultur, speziell die Filmkultur, zu stützen und zu fördern: «Die verbindende Kraft von Kultur ist heute wichtiger denn je.»
Erstmals wird eine Tessiner Filmproduktion (Imagofilm) die Filmtage eröffnen: «Atlas» von Niccolò Castelli. Der Luganeser Filmautor greift eine wahre Begebenheit von 2011 auf. Eine Bombe wurde dazumal auf dem Markt von Marrakesch gezündet. 16 Menschen starben, darunter auch zwei Tessiner. Ihre Freundinnern überlebten schwer verletzt. Das Drama beschreibt das Schicksal einer der überlebenden Frauen, «Allegra», die aus der Bahn geworfen wurde. Im Kern dreht sich der Spielfilm um Angst und Unsicherheit, ein Thema, das in aktuellen Corona-Zeiten höchst akut ist. «Niccolò Castelli öffnet einen Raum für kollektive Gefühlswelt unserer Gegenwart und fragt: Wie gehen wir mit einem plötzlichen Eingriff in die gewohnten Lebensrealität um?», beschreibt Direktorin Anita Hugi «Atlas». An der internationalen Koproduktion war die Tessiner Firma Imagofilm wesentlich beteiligt, von Villi Hermann begründet und geleitet. Ihm ist die diesjährige Retrospektive in Solothurn gewidmet (siehe Interview mit Hermann).

 

 

Vor 50 Jahren wurde das Frauenstimmrecht in der Schweiz eingeführt. Solothurn nimmt den Anlass auf, und so signalisiert das aktuelle Puzzle-Plakat: Frauen stehen an vorderster Front an den Filmtagen 2021 – von der Direktorin bis zu verschiedenen Themen und Schwerpunkten. Wegweisende Filmerinnen der Jahre 1971 bis 1981 und ihre Arbeiten werden gewürdigt – von Lucienne Lanz, Gertrud Pinkus und June Kovach bis Isa Hesse-Rabinovitch. Wiederaufgeführt werden aus diesem Anlass Filme wie «Lady Shiva oder Die bezahlten nur meine Zeit» (1974), «Behinderte Liebe» (1979) oder «Sirenen-Eiland» (1981).
Die neue Sektion «Im Atelier» bietet in Solothurn Live-Begegnungen, die Workshops «Who writes his story?» und «Meet the Women behind the Camera and the Sound on Set».

Traditionell werden in Solothurn die Auszeichnungen Prix de Soleure, Prix du Public und neu der Opera Prima verliehen, ein Preis für Schweizer Debütfilme – selbstredend alles online. Der Prix d’honneur geht 2021 an den Kinoaktivisten Frank Braun, der die Zürcher Kinos RiffRaff und Houdini und das Luzerner Bourbaki leitet. Der Ehrenpreis, honoriert mit 10 000 Franken, würdigt Brauns «inspirierenden Einsatz für den Film und das Kino als Ort der Begegnung», heisst es in der Begründung.
Um den Prix de Soleure, dotiert mit 60 000 Franken, wetteifern zwölf Produktionen, u.a. Jean-Stéphane Brons «The Brain», Mirjam von Arx’ «The Scent of Fear», Andrea Štakas «Mare» (kurze Zeit im Kino), Mila Raus «Das neue Evangelium», Alice Schmids «Burning Memories», Sonja Wyss’ «Farewell Paradise» oder Mana Khalis «Nachbarn».
Für den Prix Public (20 000 Franken) wurden elf Filme nominiert, u.a. der Eröffnungsfilm «Atlas» von Niccolò Castelli sowie Gitta Gsells «Beyto», Thomas Imbachs «Nemesis», Bettina Oberlis «Wanda, mein Wunder», Stefan Haupts «Zürcher Tagebuch» oder Stéphanie Chuats/Véronique Reymonds «Schwesterlein».
In der Kategorie Opera Prima 2021, dem Preis für Erstlingswerke, werden 14 Filme aufgeführt, acht Dokumentar- und sechs Spielfilme, u.a. Thaïs Odermatts «Amazonen einer Grossstadt», Vlady Oszkiels «Lieblingsmenschen», Diego Hauensteins «Ich hätte am Kronleuchter hängen bleiben müssen», Johannes Christian Kochs «Spagat», Mario Theus’ «Wild – Jäger und Sammler» oder Stefanie Klemms «Von Fischen und Menschen».
Das Panorama Schweiz umfasst insgesamt 170 Filme: Spiel-, Dokumentar- und Experimentalfilme wie beispielsweise «Amor Fati» von Claudia Vareijão, «Der Ast, auf dem ich sitze» von Luzia Schmid, «Der Spitzel und die Chaoten – Die Zürcher Jugendbewegung 1980» von Felice Zenoni, «Football Inside» von Michele Cirigliano, «Hexenkinder» von Edwin Beeler, «Kleine Heimat» von Hans Haldimann, «Not Me – A Journey with Not Vital» von Pascal Hofmann, «The Wall of Shadows» von Eliza Kubarska, «Yalda» von Massaud Bakhshi, «W. – Was von der Liebe bleibt» von Rolando Colla oder «Eden für jeden» von Rolf Lyssy.
Hervorzuheben sind zwei Dokumentarfilme zum Frauenstimmrecht: «De la cuisine au parlament: Edition 2021» von Stéphanie Goël und «Das katholische Korsett – oder der mühsame Weg zum Frauenstimmrecht» von Beat Bieri und Jörg Huwyler. Dazukommen TV-Serien wie «Frieden» oder «Wilder» (1. Episode der 3. Staffel), Familienfilme, Kurz- und Trickfilme.
Das Spezialprogramm «Fokus» widmet sich der Filmkritik, die unter Druck steht und eine ungewisse Zukunft hat. Solothurn zeigt Filme, die den Blick aufs Medium schärfen sollen, und bietet Online-Gespräche mit Betroffenen aus der Schweiz und dem Ausland. Zu sehen ist etwa Mark Cousins’ «Women Make Film» (2019), der die Filmgeschichte anhand von 183 Regisseurinnen aufarbeitet oder Jean-Luc Godards «Grandeur et décadence d’un petit commerce de é» (1986).
Die 56. Solothurner Filmtage werden 2021 als Online-Edition präsentierte: 211 Filme, darunter 36 Premieren. Auf der Filmplattform werden täglich 15 bis 20 neue Filme und Filmprogramme gestartet. Der Zugriff auf die Filme ist territorial auf die Schweiz beschränkt. Diese sind auf der Plattform jeweils während 72 Stunden verfügbar und auf 1000 virtuelle Plätze limitiert. Dazu kommen Filmgespräche, Interviews und Master Classes. Das komplette Filmtageprogramm und die neue Website der Solothurn Filmtage werden am 6. Januar 2021 online gehen.

 

Infos:
032 625 8088
support@solothurnerfilmtage.ch
info@solothurnerfilmtage.ch
solothurnerfilmtage.ch

 

Villi Hermann, Schweizer Filmschaffender: «Ich glaube an visuelle Darstellung, um zu hinterfragen»

 

Von Rolf Breiner

 

Notgedrungen finden die 56. Solothurner Filmtage online statt (20.bis 27. Januar 2021). Eröffnet wird die Schweizer Werkschau mit dem Tessiner Spielfilm «Atlas » von Niccolò Castelli am 20. Januar, produziert von Imagofilm, RSI, Italien und Belgien. Villi Hermann, Begründer und Produzent von Imagofilm, ist die diesjährige Retrospektive in Solothurn gewidmet. Sie umfasst rund ein Dutzend Langfilme und zwei Kurzfilmprogramme.

 

1941 in Luzern geboren, feiert der Filmschaffende Villi Hermann nicht nur seinen 80.Geburtstag, sondern wird an den 56. Solothurner Filmtagen auch mit einer Retrospektive (Rencontre) gefeiert.

Der Innerschweizer ist seit 40 Jahren im Tessin heimisch, gründete 1981 die Produktionsfirma Imagofilm in Lugano und lebt in Malcantone. Rund zwei Dutzend Regiearbeiten stehen auf seinem Palmarés. Grob unterteilt lässt sich sein Werk in drei Kapitel lesen: Auf eine experimentielle Phase, beginnend in Zürich (Filmkollektiv), folgt die Dokufiction «San Gottardo» (1977).Dann entstehen zeitkritische Filme wie «Es ist kalt in Brandenburg (Hitler töten)», 1980, mit Niklaus Meienberg, «Matlosa» (1981) oder «Bankomatt» (1989) mit Bruno Ganz. Ab 2000 gilt Hermanns spezielles Interesse Schweizer Themen, etwa «Luigi Einaudi . diario dell’esilia svizzera» (2000) oder «Gotthard Schuh – Eine sinnliche Sicht der Welt» (2011). Schier parallel dazu produziert er mit Imagofilm Filmwerke wie «Sinestesia» von Erik Bernasconi oder «Tutti giù» von Niccolò Castelli. Dessen neustes Werk «Atlas» wird die Solothurner Filmtage 2021 als erster Tessiner Spielfilm eröffnen. Villi Hermann ist ein vielseitiger Filmschaffender, der Brücken zwischen verschiedenen Schweizer Kulturteilen und Regionen schlägt. Ihm sind heimische Themen, Geschichten und Geschichte wichtig. Er ist kreativer Mentor, Filmemacher und Erzähler, der nicht nur abbildet, sondern tiefer blickt und anregt. In Zeiten der Corona haben wir das Interview schriftlich geführt.

 

Auch das neue Jahr 2021 steht (noch) im Zeichen der Pandemie- So müssen die 56. Solothurner Filmtage (fast) ohne Publikum über die Online-Bühne gehen. Du wirst mit einer Retrospektive geehrt, der «Rencontre Villi Hermann». Wie muss man sich, wie stellst du dir das vor?
Villi Hermann: Es war alles geplant in den Kinos in Solothurn mit Publikum und Diskussionen, vor allem wollten wir auch 35mm Filmkopien vorführen, ein wenig Vintage-Nostalgie. Kopien, die eine andere Farbstruktur und eine andere Helligkeit haben. Leider jetzt alles online, kein Publikum und vor allem keine spontanen Reaktionen nach einer Projektion. Online, totale Absenz, keine intuitiven Angriffe. Aber man muss weiter an Film glauben, ans Publikum denken. Diese Periode fordert uns auch heraus.

Eine Retrospektive (Rencontre) ist immer auch Ehrung einer Karriere, eines Lebenswerks. In diesem Fall bist du der dritte Tessiner Filmschaffende nach Renato Berta (2007) und Silvio Saldini (2013), dem sie gewidmet ist. Was empfindest du ein paar Wochen vor diesem (virtuellen) Anlass?
Reden wir bei mir nicht von Karriere. Karriere machte Renato Berta, bei uns «Ciccio» genannt, vor allem in Frankreich, er wanderte sehr früh nach Paris aus. Mit ihm drehte ich «San Gottardo». Soldini machte Karriere in Italien. Ich bin Filmemacher mit einem eigenen kleinen Atelier, eine «bottega», eine Bilderwerkstatt, die mit Filmfreunden zusammenarbeitet. Es befindet sich in einer ehemaligen Schulbaracke, und meine Nachbarn sind unabhängige Theaterleute.

 

Deine Wurzeln liegen in der Zentralschweiz, du bist in Luzern geboren, hast dich aber vor allem im Tessin als Filmschaffender und Produzent – Gründung von Imagofilm –, verdient gemacht. Dabei lagen dir vor allem Schweizer Themen und Geschichten am Herzen. Wie würdest du dein Schaffen, deine Karriere charakterisieren und einteilen?

Wo man geboren wird, ist sicher oft ein Zufall. Meine Familie ist eine «Emigranten-Familie». Meine Mutter wurde in Frankreich geboren. Weil die meisten Tessiner aus dem Malcantone emigrieren mussten, nach «California» oder «Argentina», zogen meine Grosseltern nach Grenoble in Frankreich, arbeiteten dort als Gipser und Maler. Meine Mutter emigrierte als Kind in die Deutschschweiz und arbeitete dort in der Textilindustrie. Mein Vater kam aus einer Protestanten-Bauernfamilie im katholischen Kanton Luzern. Wir sprachen immer drei Sprachen untereinander mit den entsprechenden Dialekten. Ich lebte längere Zeit in Deutschland und Frankreich. Ich mache Filme mit Leuten und Themen, die mich berühren oder irritieren. Ich glaube, unsere Heimat hat genug Probleme, die man beleuchten kann und sollte. Man muss nicht immer weit weg reisen, um Themen zu finden. Ich versuche, Filme zu produzieren, die einen direkten Bezug haben zu mir und zu uns allen. Ich habe Filme in allen drei Landesprachen gedreht oder produziert.

In letzter Zeit warst du vor allem als Produzent aktiv, beispielsweise beim Spielfilm «Cronofobia» (2018). Was reizt dich an dieser kreativen und anspruchsvollen Aufgabe?

Ich kann nicht Anleitungen und technische Daten lesen und verstehen. Ich komme aus der analogen Welt, wollte aber die digitale Entwicklung sofort mitmachen. Der einfachste Weg für mich war, von und mit der jungen Filmgeneration zu lernen. Es ist fast eine Win-win-Situation. Zudem wird es sicher immer schwieriger, für junge Cineasten ihren ersten Spielfilm zu erstellen. Mir hat man auch damals geholfen, wie Xandi Seiler oder Enzo Regusci.

Verstehst du als Förderer des italienischsprachigen Filmnachwuchses, der einen Brückenschlag zwischen dem Tessin und der Deutschschweiz anstrebt?
Ich bin kein Förderer wie das BAK oder unser Tessiner Fernsehen RSI, die Filmideen fördern. Ich begeistere mich für Filmprojekt, von denen man mir erzählt. Zusammen mit dem Cineasten entwickeln wir das Drehbuch, suchen nach Drehorten, träumen von Schauspielern, und nach vielen Jahren entsteht dann «endlich» der Film. Dies war bei Alberto Meroni, Erik Bernasconi, Francesco Rizzi und jetzt wieder mit dem neuen Film «Atlas» von Niccolò Castelli der Fall. Mich reizen Herausforderungen, für sogenannte einfache «Plot Filme» habe ich keine Sympathie. Jean-Luc Godard sagte einmal, «Ein Film muss einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben, aber nicht in dieser Reihenfolge». «Ombre», «Sinestesia», «Tutti Giù», «Cronofobia» und vor allem «Atlas» sind keine «straigt-forward-films“á, die ich produzierte.

 

Wie siehst du deine Stellung, Intension und Aufgabe – als Kreator, Förderer, Vermittler…?
Ja, kein Förderer, eher ein «go-betweener». Da damals ich eine Filmschule in London besuchte hatte, wo wir uns immer gegenseitig halfen, aber auch in Konkurrenz waren, glaube ich, sollten wir mehr reden und debattieren über Filmsprache, und dies nicht den Filmjournalisten überlassen. Schriftsteller schreiben und kritisieren andere Bücher, ich kenne fast keine Filmer, die öffentlich über andere Filme reden oder sich getrauen, zu reden und zu beurteilen.

Du bist auch als Filmsenior mit fast 80 Jahren aktiv, rüstig, innovativ – was motiviert dich heute noch? –
Ich habe während des Lockdown in aller Ruhe drei S/W Kurzfilme kreiert. Alles online, remote. Wir trafen uns nie nur via Telefon, Internet oder E-Mail. Drei Filmfreunde und drei Filme zusammen mit dem Schriftsteller Alberto Nessi, dem Musiker Zeno Gabaglio und dem Filmer Alberto Meroni. «Ultime luci rosse» wird in Solothurn uraufgeführt. Unser Kommandant der Kantonspolizei riet uns «over 65» an, ein wenige in Lethargie zu gehen, das ist nicht meine Lebensphilosophie.

 

In den Kinos wurden die Vorhänge herunter gelassen. Ein Ende ist auch im Januar 2021 nicht abzusehen. Streaming und Kino im Sessel daheim ist zurzeit angesagt. Wird das Kino überleben – und wenn wie?
The show must go in.

Wie sehen deine Pläne, deine Aktivitäten aus?
Wir bereiten einen Film vor über einen der wichtigsten italienischen Schriftsteller, Mario Rigoni Stern, ein Mann, der den Krieg erlebte, darüber schrieb und nachdachte. Er war auch ein Bewunderer und Verteidiger der Bergwelt und weilte sehr oft im Ticino.

Das Kino, wie wir es vor Corona erlebten, wird sich sicher ändern, aber wie?
Das ist nicht meine Aufgabe. Ich glaube an eine visuelle Darstellung und filmische Versuche, um so uns und die Nachbarn zu hinterfragen. Wichtig für mich, ist immer auch ein kritischer Blick in die Vergangenheit.

 

 

 

Hommage an Karl Saurer

rbr. Er war Kulturschaffender, Autor, Fussballer, Fan, Filmemacher, Freund. Der Einsiedler Karl Saurer, Weltenbürger und Menschenfreund, starb im März 2020. Der Mensch, seine Umwelt, seine Zeit, die wirtschaftliche wie menschliche Situation haben ihn ein Leben lang interessiert, haben ihn getrieben. Dafür hat er sich eingesetzt, in Wort und Bild.
Sein Dokumentarfilm über den Sihlsee und seine Menschen. «Der Traum vom grossen blauen Wasser» (1993) war ein Heimat-Poem aus «Fragmenten und Fundstücken einer Hochtal-Geschichte» (so der Untertitel). Vom Sihlsee reiste Karl Saurer nach Amerika, nach «Steinauer Nebraska» (1997), begleitet von Co-Writerin und Lebensgefährtin Elena M. Fischli. Er tauchte in die Vergangenheit und fand Gegenwärtiges. Saurer hatte die Spuren Schwyzer Auswanderer aufgenommen, die im 19. und 20. Jahrhundert ihre Heimat wegen Armut, Perspektivlosigkeit, aber auch infolge des Sihlsee-Stausees (1937) verlassen hatten. Diese seine Geschichten um Gewinn und Verlust verdichten sich zum komplexen Umweltpoem. Lyrische, indianische Texte aus dem Off oder Briefpassagen werden mit Aussagen alteingesessener oder junger Landbesitzer und Historiker verknüpft zu einem mosaikartigen Zeitdokument.
Ihm zu Ehren zeigen die 56. Solothurner Filmtage seinen Film «Steinauer Nebraska» am Samstag, 24. Januar, ab 12 Uhr (den Solothurner Livestream für drei Tage). Ebenfalls am Samstag findet ein Filmgespräch statt Lebensgefährtin Elena Hinshaw-Fischli und Weggefährte Küde Meier, der viele seiner Filme begleitet hat.

Saurers Film (75 Minuten) umfasst quasi 150 Jahre und folgt den Spuren dreier Brüder, die 1852 von Einsiedeln in den Mittleren Westen ausgewandert sind. Eine Geschichte auch von Schweizer Wirtschaftsflüchtlingen. Anlässlich der Premiere 1997 meinte Karl Saurer zu seinem Film: «In zwei grossen gegenläufigen Spiralbewegungen – der ‘weissen’ und die ‘rote’ Geschichte – erklingen in immer anderer Modulation zwei Leitmotive: Migration und der Umgang mit dem Boden und dessen Ressourcen. Im Hintergrund gesellt sich ein drittes Motiv hinzu: das der Geschichtsbetrachtung. Geschichte verstehe ich nicht als lineare Entwicklung, sondern als komplexes, mehrstimmiges Gebilde.»

 

 

Filmtipps

 

 

Yalda
rbr. TV-Tribunal. Im Iran gibt es eine Fernsehsendung, mit allerhand Showelementen ausgestattet, in der zum Tode Verurteilte begnadigt werden können. Am Abend des Yalda-Festes zur Wintersonnenwende inszeniert ein Fernsehsender die Show «Joy of Forgiveness». Verurteilte erhalten die Chance, begnadigt zu werden. Maryam (Sadaf Asgari), 20 Jahr jung, ist zum Tode verurteilt worden, weil sie ihren 40 Jahre älteren Ehemann auf Zeit angeblich aus dem Fenster gestossen haben soll. Mona (Behnaz Jafari), Tochter des Opfers, könnte ihr verzeihen und die Todesstrafe verhindern, wenn Maryam sie um Verzeihung bittet. Bei diesem telegenen öffentlichen Akt der Begnadigung (und Demütigung) übt einerseits eine Angehörige die Funktion eines Richters aus, andererseits hat das Publikum die Möglichkeit, per SMS Sympathie für die Verurteilte zu bekunden. Bei genügend Stimmen wird ein Sponsor das Blutgeld übernehmen, das Mona für den getöteten Vater zusteht.
Für westliche Gemüter klingt das unbegreiflich. Dazu sollte man wissen, dass das iranische Recht auf dem Grundsatz Vergeltung und Vergebung beruht. Wenn Angehörige bereit sind zu verzeihen, in diesem Fall die Tochter Mona, wird das Urteil gemildert, heisst: wird ein Todesurteil in eine Gefängnisstrafe umgewandelt. Das Blutgeld bedeutet traditionelle «Wiedergutmachung».
Massoud Bakhshi aus Teheran hat in seinem zweiten Spielfilm das fragwürdige TV-Schauspiel über Leben und Tod inszeniert, das tatsächlich in Iran seit Jahren ein grosses Publikum findet. Er zeigt mit «Yalda» nicht nur die Perversität von Justiz als Show, sondern auch eine gespaltene Gesellschaft von Besitzenden und Abhängigen, von Männern und Frauen. Schier unfassbar, aber Realität in der arabischen Welt. Der erschütternde Film konnte nur dank internationalen Produktionsmitteln aus Frankreich, Deutschland, Luxemburg und der Schweiz realisiert werden. Im Iran wurde ihm bisher die Aufführungserlaubnis verweigert.
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Run
rbr. An die Mutter gefesselt. Von Geburt an ist Chloe ein Sorgenkind. Die Mutter Diane Sherman (Sarah Paulson) tut alles, um ihre Tochter am Leben zu erhalten und bemuttert sie geradezu abgöttisch. Chloe (Kiera Allen) ist zum Teenager herangewachsen und noch immer an den Rollstuhl gefesselt. Sie leidet unter Asthma, Diabetes, Herzrhythmusstörungen und mehr. Diane ist für sie Pflegerin, Lehrerin, Freundin und Mutter, die ihre Tochter total kontrolliert, isoliert und von sich abhängig gemacht hat. Doch Teenager sind neugierig, und Chloe wird misstrauisch und will wissen, was es mit ihr und ihrer «besten Freundin», der Mutter, auf sich hat. Sie recherchiert und findet Hinweise, dass ihre Mutter sie künstlich «krank» macht und so an sich fesselt. Sie versucht, den Klauen ihrer Mutter zu entkommen. Ihr Ausbruch in die «Aussenwelt» ist jedoch von kurzer Dauer, ihre Mutter fängt sie wieder ein… Doch das ist nicht das Ende. Rache muss sein.
«Run »– Hau ab sagt, sagt sich Chloe, um einer totalen Abhängigkeit zu entfliehen. Der amerikanische Regisseur Aneesh Chaganty («Searching») lehnt sich bei seinem fesselnden und überraschenden Psychothriller an Hitchcock-Filme an. Sein unheimliches Beziehungsdrama, hauptsächlich im kanadischen Winnipeg gedreht, verzichtet auf übliche Horrorzutaten und besticht durch raffinierte Konstellationen und die bestechenden Darstellerinnen Kiera Allen (Filmdebüt) und Sarah Paulson («Ocean’s 8»).

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Greenland
rbr. Die Hoffnung ist grün. Katastrophenzeit. Die Erde und seine Bewohner sind mal wieder in höchster Existenzgefahr. Komet Clarke steuert auf unsern Planeten zu. Bruchstücke des Kometen schlagen ein, zerstören die Stadt Tampa in Florida. Weitere gigantische Einschläge sind zu erwarten. Bauingenieur John Carrity (Gerard Butler) erhält die Aufforderung vom Heimatschutzministerium, sich zur Robins Air Force Base mit seiner Familie zu begeben. Er und die Seinen sind wie ausgelesene andere auserkoren, an einen sicheren Ort, nämlich Grönland (Greenland), evakuiert zu werden. Garrity hat sich eigentlich von Frau Allison (Morena Baccarin) und seinem Sohn Nathan (Roger Dale Floyd) getrennt – nach einem Seitensprung. Aber nun setzt er alles daran, die Familie zu retten.
Was nun innerhalb der zwei Kinostunden folgt, sind die üblichen Zutaten einer irdischen Katastrophe und Apokalypse. Menschen rasten aus, plündern, versuchen gewaltsam eines der Militärflugzeuge zu entern oder an ein ID-Armband wie die Garritys für einen rettenden Transfer zu kommen. Die Garrity-Familie wird natürlich am Flughafen getrennt, weil John das im Auto vergessene Insulin für Nathan besorgen will, Frau und Sohn wird der Zutritt zum Flugzeug verweigert, weil sie vorbelastet sind. So beginnt eine Odyssee durch ein aus den Fugen geratenes Land im Chaos. Grün heisst die Hoffnung und die stirbt bekanntlich zuletzt. Ric Roman Waugh («Angel has Fallen» – hier hat sich Gerard Butler bereits als Actionstar bewährt) hat diesen apokalyptischen Spuk angerichtet, durchaus spannend, fragt sich nur, ob ein Katastrophenszenarium dieser Art die Zuschauer jetzt noch anlockt.
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Nuestras madres
rbr. Gegen das Vergessen. Die ersten Bilder zeigen Knochen, menschliche Knochen. Forensiker Ernesto (Armando Espitia) setzt Skelette zusammen, Tote, die vor 20, 30 Jahren gestorben sind: Opfer des Bürgerkriegs in Guatemala. Er selbst vermisst seinen Vater, der wohl Guerillakämpfer war und spurlos verschwunden ist. Doña María (Aurelia Caal), eine Frau aus einem abgelegenen Dorf, meldet sich bei Ernesto und möchte, dass er ein Grab untersucht, in dem sie ihren toten Mann Juan Manuel vermutet, und zeigt ihm ein Bild, in dem der junge Ermittler seinen Vater wiederzukennen glaubt. Er ist nahezu besessen, die Spuren seines Vaters aufzunehmen und allenfalls seinen Leichnam zu finden. Seine Mutter Cristina (Emma Dib) möchte indes die Vergangenheit ruhen lassen und am liebsten vergessen. Regisseur César Díaz schildert in seiner Dokufiction einen ergreifenden Prozess. Massengräber wurden auf private Initiative geöffnet, die Behörden möchten die Vergangenheit am liebsten begraben. Doch überlebende Mütter sollen in einem Prozess aussagen, was dazumal geschehen ist: Männer und Kinder wurden von Soldaten delinquiert, die Frauen malträtiert, vergewaltigt, gefoltert. Ernestos Arbeit – Zusammensetzen der gefundenen Skelette und Identifizierung – steht für die Auseinandersetzung mit den Gräuelgeschehnissen in Guatemala (1960-1996). 200 00 Menschen kamen in diesem Bürgerkrieg ums Leben. César Díaz beschreibt dieses Trauma einer Nation, die Vergangenheitsbewältigung und Trauerarbeit mit grossem Respekt und Sensibilität. Dazu wollte Díaz, so seine Erklärung, «den persönlichen und emotionalen Weg einer Frau einer Figur erkunden, mit der ich mich identifizieren konnte». Es handelt sich dabei um Ernesto und sein Verhältnis zu seiner Mutter Cristina. Ein erschütterndes Drama – ruhig, fast still, mit langen Einstellungen und Gesichtern, die für tragische Schicksale stehen.
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to be continued

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Photo/Film