FRONTPAGE

«Ulrich Tukur – Man schafft ein Universum aus sich selbst»

Von Rolf Breiner

 

Er ist auf vielen Bühnen zuhause – in Theatern und Konzertsälen, vor Kameras und am Schreibtisch. Ulrich Tukur, Schauspieler und Sänger, schreibt auch Bücher, zuletzt den Roman «Der Ursprung der Welt». Im Kino ist er im aktuellen Managerdrama «Jagdzeit» von Sabine Boss mit Stefan Kurt zu sehen.

Der gebürtige Hesse (Viernheim) wurde als Ulrich Gerhard Scheurlen 1957 geboren und ist einer der bekanntesten und beachtesten Schauspieler Deutschlands. Er mimt den «Tatort»-Kommissar ebenso behände und eigenwillig wie einen perfiden CEO im Schweizer Managerdrama «Jagdzeit». Wir trafen Ulrich Tukur zu einem anregenden Gespräch an den Solothurner Filmtagen, wo Sabine Boss’ Spielfilm «Jagdzeit» Premiere feierte.

 

Als Schauspieler sind Sie bekannt – vom Kino, vom Fernsehen. Sie tanzen auf mehreren Hochzeiten. Welche Bühne ist Ihnen denn am liebsten, auf welcher spielen Sie am liebsten?

Ulrich Tukur: Es fing mit der Musik an und hört wohl auch mit der Musik auf. Ich bin ja kein begnadeter Pianist, spiele ganz ordentlich und singe gerne. Über die Musik bin ich zum Theater gekommen.

 

Im September treten Sie mit den «Rhythmus Boys» im Berliner Schiller Theater auf. Fühlen Sie sich als moderner Troubadour – nicht mit Laute, aber mit Band?
Ja, Troubadour ist ein sehr schöner Beruf: ein fahrender Sänger mit Akkordeon. Ich hab es gern, dass man nicht an einem Ort bleibt, sich dem Leben ausliefert, dass man nicht festgezurrt ist in den grossen Schlachtschiffen, den Staatstheatern, und verkommt. Ich bin von Herzen Musiker, Musik ist für mich die Königin der Künste, weil sie die Herzen der Menschen trifft.

 

Und das Theaterspielen?
Ich mag es, wenn die Dinge live passieren, wenn sie nicht abgesichert sind. Beim Film ist das anders: Wenn der Film durch die Postproduktion gelaufen ist, ist alles festgezurrt. Dann kann nichts mehr passieren. Aber das ist nicht mehr spannend. Spannend ist es, wenn du an einem Abend untergehen kannst. Du kannst aber auch eine mittelmässige Inszenierung durch inspiriertes Spiel herausreissen und ungewöhnlich machen als Bühnenschauspieler.

 

Und das Schreiben?
Das ist eine neue Erfahrung. Du schaffst ein Universum aus dir selbst: Du bist der Schauspieler, der Drehbuchautor, der Kameramann – du bist alles. Aber das macht auch einsam.

 

Welche Rolle spielt Ihre Frau beim Schreiben dabei?
Sie ist Sparringpartnerin, ich brauch sie sehr, denn sonst wüsste ich gar nicht, ob ich mich nicht in ein Nirwana hineinschreiben oder gegen die Wand schreiben würde.

 

Wie war die Reaktion auf Ihr Buch «Der Ursprung der Welt»?
Wunderbar. Elke Heidenreich ist einer der grössten Fans dieses Buches. Andere fanden es dann nicht so… Ich will damit sagen, dass du die Publikumsreaktionen auf der Bühne sofort spürst, beim Konzert auch. Beim Film dauert es etwas länger. Aber beim Buch wartest du wochenlang, bis eine Reaktion kommt.

 

Bei Lesungen ist eine Reaktion doch da…
Ja, aber bei Buchveröffentlichungen hört man lange Zeit nichts. Dann kommt irgendwann eine tolle Kritik, eine Reaktion. Das kommt aber mit einer zeitlichen Verzögerung, die man nicht gewohnt ist.

 

Das Schreiben hat doch auch immer mit Ihnen selbst zu tun. Verarbeiten, bewältigen Sie damit auch etwas?
Das ist sehr psychologisch. Ich habe mit diesem Buch zum ersten Mal über meine Kindheit nachgedacht. Ich bin eingestiegen in das Haus meiner Grosseltern, das ich beschreibe, dann kam mir die Erinnerung an meinen Vater und seine Lebensverklemmtheiten. Da kam viel hoch, was ich alles in mir hatte, woran ich aber Jahrzehnte nicht gedacht hatte.

 

Was waren die Auslöser für Ihren letzten Roman, der die Recherche und die Begegnung eines jungen Deutschen in Frankreich mit der Vergangenheit beschreibt?
Ausgangspunkt war ein altes Photoalbum. Dann fiel mir einfach dieser Onkel ein, der sich Paul Goullet nannte, und mein Patenonkel Paul Götz, der Richter in Stuttgart war und Gedichte geschrieben hatte. An den kann ich mich sehr lebhaft erinnern, obwohl er bereits 1964 verstorben war. So kam Gedanke zu Gedanke. Mein Grossvater war Kunstmaler. Der Vater meines Vaters hatte meinen Vater 1925 produziert und hatte sich nach Zentralsardinien abgesetzt. Einmal Anfang der Sechzigerjahre kam er zurück und hat mich unheimlich beeindruckt. All das habe ich in das Buch eingearbeitet, wo ich die fiktive Geschichte des jungen Mannes erzählt, der Züge von mir hat. Und so ist es passiert. Es war spannend, auch weil ich nicht wusste, wohin die Reise gehen würde. Ich hatte nur das Schlussbild im Kopf. Die Figuren führen ein Eigenleben, wenn sie stimmig sind.

 

Zum Film, wie sind Sie bei «Jagdzeit» ins Spiel gekommen? Haben Sie überhaupt etwas mit Jagen zu tun?
Ich habe mit Jagen überhaupt nichts am Hut. Ich hasse Jagen. Ich lebte teilweise in einem alten Bauernhof in den nördlichen Apenninen zwischen Bologna und Florenz, und die Italiener jagen von Februar bis Oktober und schiessen alles. Sie schiessen sich auch gegenseitig ab. Sabine Boss kam auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich den CEO spielen wolle. Klar. Ich kannte ihren Film «Der Goalie bin ig». Ein toller Film.

 

Haben Sie schon einmal mit Stefan Kurt gearbeitet?
Ich kenn ihn, er war ja auch in Hamburg am Thalia Theater, hatte aber mit ihm vorher nicht zusammengearbeitet. Ich habe ihn mehrmals gesehen und finde ihn einen wunderbaren Komiker und tollen Schauspieler, abgesehen davon ist er ein guter bescheidener Mensch. Es war ein grosses Vergnügen mit ihm.

 

Kennen Sie die Hintergründe, die den Spielfilm inspiriert haben?
Ja, ich kenne die Geschichte von Josef Ackermann, habe ihn auch kennengelernt. Ackermann ist so ein janusköpfiger Mensch, war wahnsinnig sympathisch, sehr nett, als ich mich mit ihm lange unterhalten habe. Auf der anderen Seite hat er kein Problem, in seinem Geschäft Menschen über die Klinge springen zu lassen.

 

Sie verkörpern in diesem Film den CEO, eigentlich Firmenzersetzer, der nur Gewinn im Auge hat. Wie kommen Sie als Schauspieler mit solchen negativen Figuren klar?
Man lernt den Text und spielt die Figur. Es gab eine Szene, wo sich der CEO Brockmann einen Whisky einschenkt und seine Hand zittert, nachdem er vom Selbstmord erfahren hat. Man sieht, dass er «angefressen» ist und nicht kalt ist. Er ist ein Alphamännchen, das auch Angst hat.

 

 

 

«FOTOMUSEUM WINTERTHUR – FOTOGRAFINNEN AN DER FRONT»

I.I. Die Ausstellung «Fotografinnen an der Front – Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus» widmet sich der Bildberichterstattung aus internationalen Kriegen und Konflikten. Gezeigt werden rund 140 zwischen 1936 und 2011 entstandene Bilder der Fotojournalistinnen und Dokumentarfotografinnen Carolyn Cole (*1961), Françoise Demulder (1947–2008), Catherine Leroy (1944–2006), Susan Meiselas (*1948), Lee Miller (1907–1977), Anja Niedringhaus (1965–2014), Christine Spengler (*1945) und Gerda Taro (1910–1937). In ihren Aufnahmen geben die Fotografinnen einen fragmentarischen Einblick in die komplexe Realität des Krieges, vom Spanischen Bürgerkrieg über den 2. Weltkrieg und den Vietnamkrieg, bis zu jüngeren internationalen Kriegsgeschehen im Balkan, in Afghanistan, Irak oder Libyen.
Artist Talk mit der Fotografin Carolyn Cole. Sonntag, 01.03.2020, 11.30 Uhr.
Rundgang und Gespräch mit Clément Saccomani, Geschätsleiter der Fotoagentur NOOR, ehemaliger Pressefotograf und Chefredaktor bei Magnun Photos. Mittwoch, 25.03.2020. 18.30 Uhr.
Rundgang und Gespräch mit Elisabeth Bronfen, Professorin für amerikanische Literatur und Kulturwissenschaft, Universität Zürich. Samstag, 23.05.2020, 16.00 Uhr.
Eine Ausstellung des Kunstpalast, Düsseldorf, in Kooperation mit dem Fotomuseum Winterthur. 29.02.-24.05.2020
www.fotomuseum.ch

 

 

«Schweizer Filmpreise 2020: Formidable Frauenpower»

 

rbr. Seit 1998 wird der Schweizer Filmpreis verliehen. Am 23. März wurden die diesjährigen. Preisträger und Preisträgerinnen vom Bundesamt für Kultur (BAK) bekannt gegeben. Elf Kategorien standen zur Auswahl, achtmal gewannen Frauen. Ein Novum und deutliches Zeichen für Anerkennung, die längst fällig war. Frauenpower! Damit ist die Schweiz den USA und Hollywood weit voraus. Siehe Oscar-Preisträger 2020! Die Preis-Gala, Ende März vorgesehen, wurde infolge der Corona-Einschränkungen auf das Filmfestival Locarno (5. bis 15. August) verschoben.
Fanny Bräuning gewann in der Kategorie Bester Dokumentarfilm. Sie hatte ihre Eltern auf deren Reisen mit dem Camper durch Europa begleitet. Der Vater, ehemaliger Fotograf, und die Mutter, vom Hals abwärts gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt, lassen sich nicht unterkriegen. «Immer und ewig» heisst der aussergewöhnliche Liebesfilm (12 000 Besucher). Den Quartz als Bester Spielfilm gewann nicht ein Publikumserfolg wie «Platzspitzbaby», «Moskau. Einfach!» oder «Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes», sondern die welsche Produktion «Le milieu de l’horizon» von Delphine Lehericey. Ihre stimmige Beschreibung des Landlebens in der Sommerhitze fesselte. Dazu die Geschichte um ein Knaben und dessen Mutter, die ihre Liebe zu einer anderen Frau entdeckt, gingen in Deutschschweizer Kinos ziemlich unter. In der Westschweiz wurden hingegen über 10 000 Kinoeintritte verbucht. Neben der Regisseurin wurde auch Joanne Giger für das beste Drehbuch quartz-belohnt.
Der Hauptdarsteller Sven Schelker als Bruno Manser kam zu Preisehren (nunmehr zum zweiten Mal). Seine Leistung im Dschungel und darüber hinaus ist tadellos. Es blieb die einzige Auszeichnung für den Manser-Film. Miriam Steiner erhält den Schweizer Filmpreis für ihre Darstellung als aufmüpfige Schauspielerin Odile in «Moskau. Einfach!» von Micha Lewinsky. Als beste Nebendarstellerin hat sich Cecilia Steiner als sympathische Anhängerin einer Freikirche in «Der Büezer» durchgesetzt – gegenüber Antonio Buil («Insoumises») und Andrea Zogg («Der Büezer»). Bleibt noch zu erwähnen, dass Basil da Cunha für die beste Kameraarbeit («O Film do Mundo») und Olivia Pedroli für die beste Filmmusik («Immer und ewig») ausgezeichnet wurden. Samirs spannender Exilantenspielfilm «Baghdad in my Shadow», dreimal nominiert, kam einmal in die Ränge, und zwar für den besten Schnitt (Jann Anderegg).
Der Schweizer Filmpreis 2020 tut der Branche in diesen Zeiten geschlossener Kinos gut, kann aber über den aktuellen verordneten Stillstand nicht hinwegtrösten oder helfen. Der mit Quartz belobigte Film «Le milieu de l’horizon» könnte eine Renaissance erleben, wenn der Vorhang wieder aufgeht.
Der Quartz steht alljährlich zur Diskussion.Für diese Filmpreise kommen nur Werke mit gewissem künstlerischen Wert und gehörigen Ambitionen infrage. Erfolgsfilme werden gemieden und von der Akademie schnöde behandelt. Eintrittszahlen spielen kaum bis keine Rolle.
Und doch könnte der Quartz Signalwirkung haben, indem etwa Werke, in der Deutschschweiz zu wenig beachtet, einen neuen Schub bekommen könnten. Das eindringliche Coming-out-Drama «Le milieu de l’horizon» hätte es ebenso verdient wie die kubanisch-schweizerische Produktion «Insoumises» (2019). Der Film von Laura Cazadar und Fernando Perez – nach wahre Begebenheiten – schildert, wie 1819 der junge Schweizer Arzt Enrique Faber (Sylvie Testud) ohne Rücksicht auf Rasse und Status auch Schwarze und Sklaven behandelt. Antonio Buil, nominiert als bester Nebendarsteller, spielt den Bürgermeister, der Faber, der eine Frau ist, so gut und so weit er kann, unterstützt. «Insoumises» wurde an den Solothurner Filmtagen 2020 aufgeführt, aber sonst…
Nachdem auch die Kinowoche der Nominierten (23. bis 29.März) in Zürich abgesagt werden musste, wird es in naher Zukunft kaum noch Gelegenheit geben, «Insoumises» und andere Filme wie «Le milieu de l’horizon» im Kino zu sehen. Aber vielleicht ist der Quartz nicht nur eine kantige Trophäe, sondern zeigt auch Wirkung…

 

 

Filmtipps

 
Volunteer
rbr. Menschen für Menschen. Sie sind aus den Schlagzeilen verschwunden, die Flüchtlinge, die Gestrandeten, die Internierten. Corona hat sie regelrecht vertrieben und verstummen lassen. Aber sie sind noch da und werden nicht weniger. Und es gibt nicht wenige, die sich um die Menschen kümmern und einsetzen, die in Europa gestrandet, aber nicht willkommen sind. Anna Thommen und Lorenz Nufer haben Schweizer begleitet, die sich als «Volunteer», als freiwillige Helfer, beispielsweise in Griechenland (Lesbos) engagieren. Politiker schauen einfach zu, verdrängen, werden Stimmen laut. Das sei pure Fahrlässigkeit, heisst es auch. Schweizer Bürger wollten nicht einfach zusehen, sondern solche Flüchtlinge in Not unterstützen. Es sind ein Bauer und eine Tierärztin, ein Armee-Hauptmann, eine Pensionärin (78), ein Komödiant oder eine Tessiner Grossrätin. Drei Jahre lang hat die Baslerin Anna Thommen als Volunteer gearbeitet, wollte nicht mehr wegschauen, sondern dokumentieren (oft mit der Handkamera). Zusammen mit Lorenz Nufer aus Zürich hat sie einerseits ein Flüchtlingsdrama (mit eindrücklichen Bildern) und Anklage gegenüber europäischen Behörden und Politikern realisiert, andererseits eine Dokumentation über Helfer und Freiwilligeneinsätze geliefert. Sie alle zeichnen sich durch Zivilcourage, Verantwortungsbewusstsein und Nächstenliebe aus. In Gesprächen mit Beteiligten erfährt man, was die Volunteers bewegt hat und beschäftigt, wie sie sich wieder im normalen Leben daheim zurecht gefunden haben, was empfunden, was sie geprägt hat – danach. Der Film lebt und wirkt durch seine entschlossenen Protagonisten, die sich eingeben, Wege weisen und mahnen, die Flüchtlingen nicht zu vergessen: «Man ist für die Menschen da.»
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Jeanne

rbr. Die kindliche Märtyrerin. Keine andere Persönlichkeit, abgesehen vielleicht von Jesus, Napoleon und anderen Gestalten aus der antiken Mythologie, hat Filmemacher und -macherinnen mehr inspiriert als die französische Nationalheroin Jeanne d’Arc. Carl Theodor Dreyer (1928), Luc Besson (1999) und Robert Bresson (1962) haben den Prozess und das Martyrium der jungen Frau, die sich um 1429/31 im Namen des französischen König «anmasste», Krieg gegen die englischen Besetzer zu führen. Die jüngste Version stammt von Bruno Dumont, der bereits 2017 in einer Art Musical «Jeanette – Die Kindheit der Jeanne d’Arc» verfilmte. Nun hat er nachgedoppelt mit derselben Hauptdarstellerin Lise Leplat Prudhomme (12). Sein spartanischer Spielfilm kennt im Prinzip nur zwei Schauplätze, Dünen und Festungsbunker in der Normandie sowie die Kathedrale von Rouen. Schlachtszenen werden durch ein Reiterballett symbolisiert, Folterwerkzeuge gezeigt (nicht sichtbar angewendet) und das Ende auf dem Scheiterhaufen von Ferne in den Dünen (ohne Publikum) als Silhouette markiert. Dumonts eigenwilliges, hoch stilisiertes Drama von 2019 wirkt wie ein dialogschweres Theaterstück. Es lehnt sich an Dumonts ursprüngliche Musical (2017) an, das auf dem Stück von 1897 über Jeannes Kindheit von Charles Peguy basiert. Jetzt sind einige wenige poetische Lieder zu hören, die befremdlich wirken, und sogar peinlich, wenn einem alten Mönchen eine kindliche Stimme zugeordnet wird. Im Film «Jeanne» verkörpert ein Kind (Teenager) die Jungfrau von Orleans, geht stoisch und sehr erwachsen seinen Leidensweg geht und bietet den alten überheblichen Kirchenmännern Stirn. Er zeigt auch den absolutistischen Anspruch einer Männerkirche, die Zerrissenheit einer gläubigen Seele, die sich nicht beugen und verbiegen lässt, und die Ohnmacht der Unschuld gegen Machtdünkel. Das ist zwar hochartifizielles, aber auch bemühendes, statisches und übertriebenes Kino, das keinerlei Kompromisse gegenüber Zuschauer kennt. Es zelebriert das Bildnis einer junge Frau und Kämpferin, die sich auf göttliche Eingebung und ihren eigenen Glauben (und nicht der Kirche) beruft. – Den Film kann man im Heimkino (Streaming) sehen (für 10 Franken), dank Verleiher Outside the Box und neun Schweizer Kinos. www.outside-thebox.ch
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Cittadini del mondo
rbr. Rentnerträume. Wenn man in die Jahre kommt, kommt vieles anders, als man denkt, sich wünscht oder anstrebt – nicht nur angesichts der Corona-Turbulenzen und alltäglicher Beschränkungen. Zwei römische Rentner um und über 70 sinnieren über Sinn und Unsinn ihres stillgelegten Lebens nach und sind unzufrieden. Sie haben noch Träume, wollen ihr bequemes Quartierleben aufgeben und Reissaus nehmen. Das Ausland lockt, aber wohin…? Giorgetto (Giorgio Colangeli), immer knapp bei Kasse, und sein Zeitgenosse, der Professore (Gianni Di Gregorio), Typ Lateinlehrer, suchen Rat bei Attilio (Ennio Fantastini – er ist nach den Dreharbeiten im Alter von 63 Jahren verstorben). Der lebt der ausserhalb Roms und hat einst wilde Motorradreisen unternommen. Der bringt sie auf Inselträume: Wie wär’s mit den Azoren? Und schon packt sie die Reiselust, und die drei Pensionäre entwickeln verschiedenen Aktivitäten, um die Auswanderung zu finanzieren. Aber dann kommen doch Bedenken auf. Unter anderem ist da noch Giogettos Freund Abu (Salih Saadin Khalid), der mit Schlauchboot von Afrika (Mali) floh und in Italien landete… Wie gesagt, auch mit 70 hat man noch Träume, und die entfaltet Regisseur Gianni Di Gregorio, der selber den Professor mimt, liebenswürdig augenzwinkernd in seiner Pensionärskomödie. Das ist nicht besonders aufregend, aber anregend, auch wenn dabei ein Sturm im Wasser- oder Weinglas entfacht wurde. Die wundersame Wendung am Schluss kann man mögen oder auch weniger. Sympathisch ist der Rentnertrip allemal.
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Pinocchio
rbr. Lernprozess für einen Holzkopf. Eine wohlbekannte Figur aus der Kindheit (oder später) taucht wieder auf – quicklebendig, neugierig und abenteuerlustig. Der Knabe mit Holzkopf erblickte 1881 das Licht der Zeitungswelt. Der Autor Carlo Collodi schickte den Holzbuben Pinocchio auf Abenteuer, publiziert als Fortsetzungsgeschichten in einer italienischen Kinderzeitschrift. Inzwischen hat der jugendliche Held manchen Auftritt gehabt, im Disney-Trickfilm (1940), als Animationsserie (1976), Fernseh- oder im Kinofilm 2002 mit Roberto Benigni als Pinocchio. Nun ist der Schauspieler in der Verfilmung von Matteo Garrone in die Rolle des Tischlers Geppetto geschlüpft, der die lebensechte Marionette geschnitzt hat. Der arme Handwerker wundert sich über alle Massen, als die Puppe tatsächlich lebendig wird, spricht und schneller lernt, als man laufen kann. Der Knilch (Federico Ielapi), von seinem Vater Geppetto mit Schulfibel ausgerüstet, schwänzt die Schule und macht sich auf Erkundungen. Er lernt dabei nicht nur Fuchs und Katze (Massimo Ceccherini und Rocco Papaleo), ein durchtriebenes Gaunerpärchen, kennen, sondern erfährt auch, was es heisst zu lügen. Dann nämlich – wir wissen es –verlängert sich seine Nase! Pinocchio wird von der Grille (Davide Marotta) gewarnt und schlägt doch ihre Ratschläge in den Wind. Er landet vor dem affenartigen Richter (Teco Celio), kommt frei und sucht das Haus eines Vaters auf, doch der ist selber auf der Wanderschaft und sucht seinen Zögling. Wäre da nicht die gute Fee Fata Turchina (Marine Vacth), wer weiss, was aus dem Bruder Leichtfuss geworden wäre… Filmautor Matteo Garrone hat sich recht nah an der literarischen Vorlage Collodis gehalten und lässt die Geschichte Ende des 19. Jahrhunderts spielen, ein wenig mit modernen Zutaten gespickt. Die Figuren – vermenschlicht von der Grille über den Richter bis zur Schnecke – sind märchenhaft ausstaffiert. Gleichwohl ist die neuste Pinocchio-Belebung kein Märchenfilm im herkömmlichen Sinn, sondern eine Entwicklungsgeschichte, ein Lernprozess mit erhobenem Zeigefinger. Der Lügner wird geläutert, aus dem Lausbub wird ein rechtschaffener Knabe. Schön anzusehen. Gedreht wurde in der Toskana (Siena), in Apulien und Latium (Stadt Viterbo). Der Name Pinocchio setzt sich übrigens aus den italienischen Worten pino (Pinie), pinco (Dummkopf) und occhio (Auge) zusammen.
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The Perfect Candidate
rbr. Kleine Rebellionen. Sie war die erste Frau in Saudi-Arabien, die einen Spielfilm (heimlich) realisiert hat. Haifaa Al Mansour beschrieb in «Das Mädchen Wadjda» (2012), wie eine Elfjährige, gut situiert und offen für westlichem Konsum (Turnschuhe, Jeans), sich kleine Freiheiten erkämpfte. Wadjda wünschte sich ein Velo, mit dem sie gegen einen Freund ein Wettrennen fahren wollte. Ein Unding im erzkonservativen Feudalregime. Haifaa Al Mansour geht – nach Abstechern in den USA –in ihrem jüngsten Film einen Schritt weiter. Ihre Heldin, die junge Ärztin Maryam (Mila Al Zahrani), ist in gesellschaftlichen Normen gefangen. In Saudi-Arabien ist Frauen das Autofahren erst seit 2018 erlaubt. Tagtäglich wird Maryam mit Vorurteilen und Anfeindungen am Arbeitsplatz konfrontiert. Ein älterer Patient will sich nicht von ihr, einer Frau, behandeln lassen. Doch die Ärztin lässt sich nicht von arabischen Männernormen unterkriegen. Sie ist in einem verhältnismässig liberalen Elternhaus aufgewachsen. Ihre Mutter war Sängerin, ihr Vater ist Musiker. Engagiert setzt sie sich für die Instandsetzung einer Strasse zum Spital ein, wird bei den Behörden vorstellig, aber eben….
Um in Dubai an einem Kongress teilzunehmen, benötigt sie ein Visum. Dies ist abgelaufen und sie braucht dringend die Unterschrift ihres Vaters. Doch der ist mit seiner Band auf Tournee. Sie sucht Hilfe bei einem Cousin, zu dem sie aber nur gelangen kann, wenn sie auf der Liste der Kandidaten für Gemeindewahlen steht. Sie lässt sich registrieren. Eher zufällig wird sie so zur Kandidatin und nimmt den Wahlkampf. Eine ihrer Schwestern, Selma, ist Kamerafrau und unterstützt sie, die jüngere Sara (Nora Al Alwadh) fürchtet Nachteile und Ausgrenzung. Es sind vereinzelt komische Situationen, aber auch gesellschaftlich entlarvend, mit denen Maryam sich auseinandersetzen muss. Das geht bis zu einer Wahlveranstaltung (Männer und Frauen sitzen getrennt), an der sie nur via Übertragung sprechen darf. Doch sie durchbricht diesen Zwang (infolge einer technischen Panne) und tritt direkt auf – ohne Vermummung, ohne Nikab oder Burkha . Eine Provokation in diesem islamisch-konservativen Land, die aber Beifall findet.
Eine Frau steht auf (steht quasi ihren Mann), bricht Männerregeln und wird nicht an den Pranger gestellt. «Die perfekte Kandidatin» ist nicht perfekt, aber mutig, kämpferisch, selbstbewusst. Das macht Hoffnung, auch weil dieser Film überhaupt entstehen konnte – in Saudi-Arabien, wo Männer in fast allen Lebenslagen diktieren. Geschickt verknüpft Haifaa al Mansour Heiteres mit Tragischem, konfrontiert alte Männer mit jungen rebellierenden Menschen. Es sind kleine Nadelstiche gegen ein patriarchalisches System, wobei die manifestierte Tradition infrage gestellt wird, weil sie so traditionell gar nicht ist. Es gab andere bessere, freiere Zeiten für Frauen, dafür mag Maryams verstorbene Mutter stehen, die eine Hochzeitssängerin war. Aber alte Krusten brechen auf, werden brüchig
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La Vérité
rbr. Flucht vor der Wahrheit. Der Schein trügt. Die alternde Diva Fabienne (Catherine Deneuve) hat ihre Memoiren unter dem Titel «La Vérité» veröffentlicht und nimmt es mit eben dieser Wahrheit nicht so genau. Sie lässt aus, beschönigt, lügt. Ihre Tochter Lumir (Juliette Binoche) ist extra mit ihrem Mann Hank (Ethan Hawke) und Töchterchen Charlotte (Clémentine Grenier) von New York nach Paris gereist, um dieses Buch in hoher Auflage zu feiern. Sie muss gleichwohl feststellen, dass ihre Mutter weiter den schönen Schein wahrt und sich mit einem Netz aus Halbwahrheiten und Beschönigungen umgeben hat. Alte Wunden brechen auf (bei Lumir), alte Verhältnisse werden gegenwärtig. Wie ein Phantom ist Sarah gegenwärtig, Fabiennes Schwester, Schauspielerin, Konkurrentin. Lumir wirft ihr vor, an ihrem Tode mitschuldig geworden zu sein. Szene um Szene, auch bei Fabiennes aktuellen Dreharbeiten, werden Versäumnisse, Verletzungen, Verdrängungen deutlich. Fabienne hat Sarah ausgestochen, Lumir ist vor ihrer Mutter geflohen und nun versucht die Diva, ihrer neusten Rolle zu entfliehen, weil sie ihre jüngerer Filmpartnerin Manon (Manon Lenoir) zu sehr an Sarah erinnert.
Hirokazu Kore-eda, Buch und Regie, hat seinen Film ganz auf den grossen französischen Star Catherine Deneuve zugeschnitten, die all ihre Klasse, ihre Ausstrahlung und Ehrlichkeit zu sich selbst ausspielt. Sie dominiert, Juliette Binoche bleibt eine Schattenrolle, die sie freilich bravourös meistert. Andere wie Haushälter Luc, Hausmann Jacques oder Pierre, Lumirs Vater, bleiben nur Randfiguren. Der Japaner, Gewinner der Goldenen Palme von Cannes 2018 mit «Shoplifters», hat mit «La Vérité» seinen ersten Film im Ausland realisiert. Er schildert einen Mutter-Tochter-Konflikt, der über Jahrzehnte schwelt, und jetzt nochmals existenziell ausbricht. Es ist ein intimes Familiendrama über die «leere Egozentrik» (Film- Bulletin) eines Filmstars, die Angst und Flucht vor Wahrheiten, aber auch über Dreharbeiten und Befindlichkeiten der Akteure. Man mag die Durchsichtigkeit der Auseinandersetzung kritisieren, doch die schauspielerischen Leistungen von Deneuve und Binoche ziehen einen in Bann.

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Emma
I.I. Ein romantischer Kostümbilderbogen. Dass sich ihre Erzählungen aus dem vorviktorianischen Zeitalter so gut in unsere Zeit transportieren lassen, hätte sich die britische Autorin und Pfarrerstochter Jane Austen (1775-1817) bestimmt nicht träumen lassen. Nun ist mit «Emma» eine weitere Verfilmung ins Kino gekommen, die man ohne Wenn und Aber als Augenweide bezeichnen kann. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman «Emma», der von der Drehbuchautorin Elanor Catton originalgetreu adaptiert wurde. Autumn de Wilde gab mit diesem Film ihr fulminantes Regiedebüt. In der Titelrolle ist die bravouröse Anya Taylor-Joy als Emma Woodhouse zu sehen, der britische Sänger und Schauspieler Johnny Flynn spielt den umworbenen, verhalten-leidenschaftlichen George Knightley. Die Dreharbeiten fanden in England an verschiedenen Landsitzen mit Kunstgalerien und weiträumigen grünen Landschaften statt, in Chavenage House in Tetbury (Gloucestershire), im Kingston Bagpuize House & Garden in Oxfordshire, in Wilton House in Salisbury und in Firle Place in Lewes, aus der Entstehungszeit des Romans, das sich weitgehend im originalen Zustand befindet und zum ersten Mal zum Spielort eines Films wurde. Die wohlhabende Emma, die mit ihrem Vater Mr. Woodhouse (Bill Nighy) auf ihrem Gut in Highbury zusammenlebt, verfügt über ein gut ausgestattetes Selbstbewusstsein, hübsch, charmant, elegant und eine hervorragende Pianistin. Heiraten will sie nicht, kein Mann könnte ihr das Wasser reichen. Stattdessen versucht sie, ihre Freundinnen standesgemäss zu verkuppeln, was nicht immer auf Gegenliebe stösst. Insbesondere ihre schüchterne, weniger gut situierte Freundin Harriet (Mia Goth) möchte sie unter die Haube bringen, doch dann verliebt sich Emma völlig unerwartet selbst in einen gewissen Herrn Knightley (Johnny Flynn). Wie sich die abwechslungsreiche Charade mit Witz, Parodie und Romantik auflöst, ist mit grossem Amüsement anzuschauen. Für das Setdesign zeichnete Kave Quinn, die Kostüme schuf die mit einem Oscar und vier weiteren Oscar-Nominierungen ausgezeichnete Kostümbildnerin Alexandra Byrne. Verantwortlicher Kameramann war der ebenfalls mehrfach ausgezeichnete Christopher Blauvelt, dessen subtile Kameraführung die skurrilen Gepflogenheiten und Gebräuche der damaligen feinen Gesellschaft authentisch auferstehen lässt.
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Hexenkinder

rbr. Verlorene Kindheit. Was haben Hexenverfolgung und Kinderverwahrung miteinander zu tun? Der Innerschweizer Dokumentarfilmer Edwin Beeler («Die weisse Arche», «Arme Seelen») rollt in seinem Film «Hexenkinder» ein düsteres Kapitel der Schweizer Sozialgeschichte auf. Im 17. Jahrhundert wurden Kinder (!) in der Schweiz der Hexerei beschuldigt, gefoltert, geständig gemacht und hingerichtet. Das ist aktenkundig. Kinder wurden aber auch im 20. Jahrhundert zu Opfern gemacht, stigmatisiert, verwahrt, gezüchtigt. Sie waren Waisen, verwahrlost, weil die Eltern selbst verarmt, verkommen oder schlicht überfordert waren. Sie waren «illegitim», heisst unehelich geboren, und im Stich gelassen, wurden Opfer ihrer Eltern, etwa weil die Mutter gestorben und der Vater sich das Leben genommen hatte. Sie mussten für ihre Eltern büssen. Die Behörden verfügten Zwangseinweisungen in Waisenhäuser, in Heime in Laufen, Pura, Zizers oder Zug. Die Erzieher, Betreuer, Züchtiger nannten oder nennen sich Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz oder Stiftung «Gott hilft». Schon die Namen sind Hohn, denn die Kinder wurden in diesem Häusern nicht nur verwahrt und gemassregelt, sondern gequält («Waterboarding» wurde dazumal schon von Barmherzigen Schwestern praktiziert), gepeitscht, blossgestellt und missbraucht – über Jahre.
Fünf erwachsene Zöglinge, zwei Frauen und drei Männer, blicken zurück und schildern, wie sie eine qualvolle Jugend erlebten – ungeschützt, unverstanden, ungeliebt, vorverurteilt und als «Hexenkinder» eingestuft – bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhundert. Sie trauern einer verlorenen Kindheit nach und haben doch den Lebensmut nicht verloren. MarieLies Birchler, Jahrgang 1950, die als Bettnässerin jahrelang bestraft wurde, erinnert sich an ihre Kindheit im Waisenhaus Einsiedeln: «Die Oberin hat jeden Abend Weihwasser aus Lourdes über mein Bett gespritzt. Damals – ich war acht Jahre alt – hat man mir gesagt, ich sei vom Teufel besessen. Jahrelang hat man mir das eingetrichtert. Und ich habe es geglaubt.»
Filmer Edwin Beeler hat ihr Vertrauen gewonnen, hat Annemarie Iten-Kälin (Waisenhaus Einsiedeln), Sergio Devecchi (Haus der Stiftung «Gott hilft» in Pura und Zizers), Willy Mischler (Kinderheim «Mariahilf». Laufen) und Pedro Raas (Waisenhaus Einsiedeln) Zeit gegeben, liess sie ihre Erlebnisse, Gefühle und Wünsche zu schildern. Erstaunlich, bei allen sind keine Verbitterung, Rachegefühle, kein Zorn zu spüren, sondern grosse Trauer um eine verlorene Kindheit und Bedauern.
Der feinfühlige ruhige Dokumentarfilm Beelers nimmt sich Zeit und wühlt auf. Gut, dass immer wieder versöhnliche, fast idyllische Bilder von Wasser, Wälder, Wiesen, Landschaften eingestreut werden und die erschütternden Aussagen der Protagonisten «mildern». Dazu trägt auch die sonore Stimme des Obwaldner Schauspielers Hanspeter Müller-Drossaart («Gotthard», «Bozen-Krimi») bei. Ein denkwürdiger Film – über Gestern und doch gegenwärtig. Die «Täter» (Institutionen etc.) von damals äussern sich nicht, weil sie nicht wollten wie etwa die «Barmherzigen Schwestern». Andererseits hat der Regisseur den Fokus auf den religiösen Wahn, der weiterlebt, die Verhaltensmuster und Mentalität, die hinter den «Tätern» steckt, gerichtet. Beeler interessiert die persönliche Geschichte, er wollte einen «anwaltschaftlichen Film» machen. Und das ist ihm eindrücklich bedrückend gelungen.

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Ema y Gastón
rbr. Körperkult. Er ist Choreograph, sie seine Tänzerin, Geliebte, Widerpart. Ema (Mariana Di Girolamo) und Gastón (Gael García Bernal) bilden ein wildes künstlerisches Paar, das den Reggaeton, einen poppigen Musikstil in Chile, bis zum Exzess lebt. Sie haben Polo (Christián Suarez), einen Jungen aus Kolumbien, adoptiert. Doch der Knabe zündelt gern und hat Emas Schwester quasi angezündet. Die «Eltern sind überfordert» – mit dem Adoptivsohn und letztlich mit sich selbst. Die beiden geben den Knaben an die Behörden zurück. Die Beziehung geht in die Brüche. Ema kehrt Gastón und der experimentierfreudigen Tanzgruppe den Rücken, zieht mit Flammenwerfer und eigener Frauen-Gang durch die Hafenstadt Valparaíso. Sie lebt ihre eigen Lust und Leidenschaft – zügellos. Sie verführt den Feuerwehrmann Anibal (Santiago Cabrera), der Emas Auto löscht, von ihr selbst in Brand gesetzt. Sie vergnügt sich mit Freundinnen oder einer Anwältin. Ema kennt keine Hemmungen, keine Scham. Sie ist Eva und Femme fatale zugleich. Doch hinter ihren sexuellen Abenteuern steckt ein Plan. Ema will eine Familie gründen.
Der Chilene Pablo Larraín schuf ein ekstatisches Drama über Kunst, Lust, Leidenschaft und Selbstverwirklichung. Dazu dient ihm einerseits der moderne Musikstil Reggaeton, andererseits die Figur Ema, eine Verkörperung von Geliebte, Mutter, Tochter, lasziver Verführerin und Freigeist. Ema sucht Liebe und Erfüllung. Die platinblonde Mariana Di Girolamo alias Ema bietet Körperkult pur und wirkt trotz aller Wildheit dennoch wie eine Kunstfigur. Ihr Gegenpart Gastón alias Gael García Bernal, Typ Macho, überzeugt weniger. Ihm fehlen Ausstrahlung und ein gewisser Sexappeal. Regisseur Larrain hat einen wilden und doch hochstilisierten, hintersinnigen Kunstfilm kreiert, der verwirrt, irritiert, aber auch fasziniert.
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Mare
rbr. Eine Frau bricht aus. Andrea Štaka, 2006 Schweizer Gewinnerin des Goldenen Leoparden von Locarno mit «Das Fräulein», knüpft mit «Mare» an alte Themen an – wie Frausein, Freiheit, Heimat, Orientierung. Der Filmtitel ihres jüngsten Werks weist auf das Meer (bei Dubrovnik), aber vor allem auf die Hauptfigur hin. Sie heisst Mare, gespielt von Marija Škaričić, ist von Zürich in ihre Heimat zurückgekehrt. Sie liebt ihre Familie, ihre drei Kinder und ihren Mann Duro (Goran Navojec, Partner der Schauspielerin Mirjana Karanović, die vormals «Das Fräulein» und jetzt Mares Mutter spielt). Die Ehe ist zur Zweckgemeinschaft geworden, die Leidenschaft erloschen. Das Meer in der Nähe, der Flughafen vor der Haustür – das weckt Sehnsüchte. Mare möchte die Eintönigkeit des Alltags durchbrechen, wieder einen Job haben und alte Freiräume erobern. Als sie eines Tages Kontakt zu einem Gastarbeiter in der Nachbarschaft knüpft, gibt sie dem Begehren nach.

Die Luzernerin Andrea Štaka, liiert mit dem Filmemacher Thomas Imbach, greift gern auf ihr bekannte Kräfte zurück und hat die Hauptrolle Marija Škaričić («Das Fräulein», «Cure-das Leben einer anderen») auf den Leib geschrieben. Mares Kinder werden übrigens von der Nichte und zwei Neffen der Regisseurin gespielt. Mare spürt, dass sie an einem Wendepunkt steht – hier die Familie, die sie liebt und bindet, dort die Sehnsucht nach Freiheit, Unabhängigkeit und ein ungestilltes Verlangen. In Mare stecke auch ein Stück von ihr selbst, gesteht Štaka: «Wir befinden uns im ambivalenten Raum von Beziehungen und Intimität. Sie liebt ihren Mann und begehrt auch einen anderen, sie liebt ihre Kinder, gleichzeitig sind sie ihr fremd.» Eine Frau sucht ihre kleinen Fluchten, Freiheiten, ist sich ihrer Familienverantwortung bewusst und wagt gleichwohl den Seitensprung. Es bleibt offen, ob ihr dieser Spagat letztlich gelingt.
«Mare» ist ein intimes, ein inneres Drama, mit jeder Faser überzeugend verkörpert durch Marija Škaričić. Kein Hochglanzkino, kein Glamour, keine hochdramatische Zuspitzung. Andrea Štaka bevorzugte Handkamera, spröde Bilder und einfache Einstellungen. Das macht diese Geschichte einer Frau auf der Schwelle zur «Befreiung» authentisch und überzeugend.
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7500

rbr. Cockpit-Dramatik pur. Es gibt Filme, die sich auf engstem Raum abspielen – in oder um eine Telefonzelle, in einem geschlossenen Gebäude, in einem Keller oder in einem Flugzeug. Patrick Vollrath (Regie und Drehbuch zusammen mit Senad Halilbašić) bringt es fertig, über 90 Minuten Hochspannung in und vor einem Cockpit aufzubauen und zu halten. Es beginnt alles ganz normal. Pilot Michael Lutzmann (Carlo Kitzlinger) bringt mit seinem amerikanischen Co-Piloten Tobias Ellis (Joseph Gordon-Levitt) den Airbus A319 sicher in die Luft – auf dem Flug von Berlin nach Paris. Alles geht planmässige, bis drei muslimische Terroristen versuchen, das Cockpit zu stürmen. Den Piloten gelingt es mit knapper Not die Tür schliessen, doch der Kapitän ist schwer verletzt, und der 18jährige Eindringling Vedat (Omid Memar) konnte von Tobias Ellis überwältigt und gefesselt werden. Der Kopilot setzt den Notruf 7500 ab, den internationalen Code für Flugzeugentführung. Die ausgesperrten Terroristen drohen, Passagiere zu töten, und haben herausgefunden, dass die Stewardess Gökce (Aylin Tezel) mit dem Kopiloten ein Kind hat. Ein besonders schweres Pfand in der Hand der Kidnapper.
Kein Film für schwache Nerven und Menschen mit Flugangst. Bis auf Anfang und Schluss spielt sich das Drama im Cockpit ab. Der Zuschauer weiss nur so viel, wie die Piloten via Monitor aus dem Passierraum mitkriegen. Auch was man nicht sieht in diesem packenden Kammerspiel, kann man sich ausmalen. Es kommen einem Assoziationen an andere Entführungsfälle in den Sinn. Der Entführungsthriller kommt ohne Musik und äusserem Spektakel aus, er wird von der klaustrophobischen Situation und Spannung getragen wie auch vom Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt, bekannt aus «Snowden», dem Drama über den Whistleblower Edward Snowden. Dieser hyperrealistische Cockpit-Thriller in Extremis genügt sich selbst, heisst: Man erfährt ausser über die Liaison von Kopilot und Stewardess nichts über Opfer und Täter, die dem islamischen Bösewicht-Klischee entsprechen. Es gibt keinen sozialen oder politischen HErst recht kann man so der hochexplosiven Konfrontation dieser deutsch-österreichischen Koproduktion nicht entgehen.
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Die Känguru-Chroniken
rbr. Das Känguru von Kreuzberg. Eines muss man vorausschicken: dem Film gehen vier Bücher und entsprechende Hörbücher voraus, die zwischen 2009 und 2018 veröffentlicht wurden. Im Mittelpunkt steht ein Känguru, das in Berlin-Kreuzberg lebt und sich als Kommunist ausgibt. Es hat sich beim Kleinkünstler Marc-Uwe eingenistet, ist nicht auf den Mund gefallen, lässt auch mal die Fäuste sprechen, lässt gern Linke, Rechte und oder auch Normalos auflaufen. Die Känguru-Bücher sind Kult geworden, zumindest in Deutschland: kauzige, aberwitzige und schräge Bilder und Geschichtchen über eine Gesellschaft, die sich scheinbar gern auf den Arm nehmen lässt.
Autor ist Kabarettist Marc-Uwe Kling, der auch gleich das Drehbuch zum Kinofilm schrieb und dem Känguru seine Stimme gab. Der Basler Dani Levy («Alles auf Zucker», «Tatort») hat verschiedene Episoden zu einem Spassfilm zwischen Klamauk, Komik, Kabarett und «Klassenkampf» gefügt. Das kann amüsieren, aber auch nerven. Die Story ist so holzschnittartig wie manche Figuren, die so plakativ und schablonenhaft sind wie in einem Comicmagazin. Aber manche Sprüche, Kommentare, Dialoge haben Witz und Hintersinn und peppen die banale Story auf. Unter anderem geht’s darum, den erblondeten Immobilienhai Jörg Dwigs, von Henry Hübchen als eine Art Trump-Kaspar verkörpert, und dessen Pläne (Bebauung des Görlitzer Parks) zu sabotieren, seine drei Porsche zu versenken oder anderweitig aus dem Verkehr zu ziehen. Känguru-Gastgeber Marc-Uwe (Dimitrij Schaad) zieht wohl oder übel mit. Neben den türkischstämmigen Brüdern Friedrich-Wilhelm und Otto-Von tauchen auch David Hasselhoff, Bud Spencer- und Terence Hill-Verschnitte auf.
Das Känguru, ein Plüsch-Zeitgenosse mit Liebe zu Schnapspralinen, vernascht sie alle – besonders das Lesepublikum. Wer sich darauf einlässt, kann durchaus Spass haben – mit oder ohne Familie. Hauptsache, man hat sich ein kindliches Gemüt bewahrt, dann kann man auch Fan des vorlauten Beuteltiers mit Hang zum Schmarotzen und Kommunistischen Manifest werden.
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Jagdzeit
rbr. Um Profil und Profit. Film ist Fiktion, auch wenn die Geschichte, die erzählt wird, von wahren Begebenheiten angeregt wurde. So legen die Produzenten von Turnus Film Wert darauf, dass ihr Spielfilm «Jagdzeit» zwar von Ereignissen in der Wirtschaftswelt inspiriert wurde, aber im Wesentlichen fiktiv ist, was Handlung und Personen angeht. Sabine Boss («Der Goalie bin ig») lässt zwei Manager aufeinander los, die beide behaupten, sie agierten zum Wohl der Firma Walser. Die beliefert seit Jahrzehnten Automobilkonzerne. Doch der Schweizer Zulieferkonzern lahmt und ist in Schwierigkeiten geraten. Der Finanzchef Alexander Maier (Stefan Kurt) bemüht sich redlich, geht in seinem Job auf, bis eines Tages ein neuer CEO auftaucht. Hans-Werner Brockmann (Ulrich Tukur) ist ein knallharter Topmanage, der vom deutschen Konzern dem Walser-Unternehmen verordnet wurde, wie so üblich. Brockmann soll die Firma wieder auf Kurs bringen, heisst umstruktuieren. Das geht erfahrungsgemäss nicht ohne Opfer. Einer der Leidtragenden (Mike Müller) protestiert lauthals, natürlich vergeblich.

In der Chefetage bemüht man sich um Partnerschaft. Ein Verkauf, ein Börsengang wird in Erwägung gezogen. Doch bald einmal wird Maier klar, dass der rigorose, überhebliche Brockmann kein Pardon kennt. Die (moralischen) Standpunkte können nicht gegensätzlicher sein. Der Finanzchef recherchiert, versucht den skrupellosen CEO zu stürzen. Wer den Kürzeren zieht, lässt sich leicht ausmalen. Es herrscht «Jagdzeit» im Business. Der Wirtschaftsthriller von Sabine Boss nimmt das wörtlich. Die Kontrahenten gehen tatsächlich auf Jagd, wobei der arglistige Brockmann seinen Kontrahenten perfide mit Platzpatronen «füttert». Der Finanzexperte trainiert andererseits in seinem Keller und schiesst auf virtuelle Keiler. Auf lebendige Tiere zu schiessen, widerstrebt dem Mann, der brillant mit Zahlen jonglieren kann, aber sowohl als Manager, als auch als Vater und Ehemann versagt. Maier erkennt, dass er zunehmend isoliert ist und vereinsamt. Er sieht nur einen Ausweg, sich zu rächen. Sabine Boss entwirft einen Psychothriller, der natürlich an gewisse Vorfälle in der Banken- und Versicherungsszene erinnert, aber auch (geradezu prophetisch) ans jüngste CS-Debakeln (Überwachung) gemahnt, was Moral, Ehrlichkeit, Beschönigungen und Unschuldsbeteuerungen betrifft. Auch Brockmann wäscht im Film wie einst Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld. Kühl und sachlich distanziert, zeichnet «Jagdzeit» ein verheerendes moralisches Bild aus der Manageretage. Es geht um Profil und Profit. Mit feinen Strichen und Sensibilität seziert der Spielfilm Geschäftsgebaren und Gegenwart. Menschlichkeit bleibt auf der Strecke.

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Camille
rbr. Mitgegangen, mitgelitten, mitgehangen. Schauplatz Zentralafrika. 1960 war hier die französische Kolonialherrschaft beendet worden. Doch das Land fand keine Ruhe, wurde immer wieder von Umstürzen, Militärrevolten, Gräueltaten und Kämpfen heimgesucht. Auf Übergriffe und Machtübernahme 2013 der islamischen Séléka folgten Gegenaktionen der Anti-Balaka, die dann aus Rache wahllos Muslime niedermetzelten. Die französische Fotojournalistin Camille Lepage reiste 2013/14 in die Zentralafrikanische Republik an Orte des Bürgerkriegs, quasi ins «Herz der Finsternis». Sie folgte Tätern wie Opfern, dokumentierte das Grauen wie auch stille zwischenmenschliche Momente. Sie war erschüttert, wollte die Welt wachrütteln – und versuchte zu begreifen. Camille engagierte sich, forderte politisches Engagement im Westen und Einsatz französischer Truppen. Sie war nah dran, suchte in dieser Finsternis Licht, Hoffnung, Menschlichkeit. Sie riskierte viel, war auf Gedeih und Verderb jungen bewaffneten Männern ausgesetzt. Sie begleitete einen kleinen Trupp von Kriegern auf dem Motorrad und geriet in einen Hinterhalt.
Sie war mutig, entschlossen, idealistisch – die französische Fotojournalistin Camille Lepage nahm leidenschaftlich teil an Menschen, an Tätern wie Opfern und wurde selber ein Opfer. Sie starb im Mai 2014. Boris Lojkine hat ihrer Arbeit, ihrer Passion einen Film gewidmet – mit Nina Meurisse als Camille. Der Tod steht am Anfang und am Ende des Spielfilms «Camille», der sich vehement um dokumentarische Nähe bemühte. Er verbindet Archivaufnahmen mit fiktiven Bildern und Camille-Fotos, mischt Fernsehaufnahmen mit inszenierten Szenen. Der Neuenburger Schauspieler Bruno Todeschini ist als Fotokollege der Heldin zu sehen, und Michael Zumstein spielt sich selbst. Er kannte Camille und war im Dezember 2013 in der Hauptstadt Bangui. Der Film, in der Zentralafrikanischen Republik gedreht, konzentriert sich auf die letzten Lebensjahre Camilles, zeigt den schmutzigen Krieg und die Arbeit der Fotojournalisten. Wir erleben die Geschehnisse weitgehend aus dem Blickwinkel der Fotografin. Ein Drama, das wie ein Dokument wirkt.
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The Gentlemen
rbr. Wer trickst am besten? Wo Gentleman draufsteht, muss nicht unbedingt ein Gentleman drinstecken. Etwa nach diesem Motto hat Guy Ritchie («Snatch», «Aladdin») seine amüsante, aber komplizierte Gaunerei inszeniert. Der Amerikaner Mickey (Matthew McConaughey) hat es zum noblen Drogenbaron in London gebracht. Wie es sich für einen «Gentleman» gehört, handelt er nicht mit schmutzigem Heroin, sondern mit feinerem Hasch sprich Marihuana. Nun hat er genug Money gescheffelt und will aussteigen, will sein Underground-Imperium (heisst seine weitgestreuten Mini-Hausplantagen) verkaufen, um sich schöneren Dingen wie beispielsweise seiner Ehefrau Ros (Michelle Dockery) zu widmen. Doch dieses Ansinnen ruft Neider, Mitwisser, potenzielle Profiteure und andere Geier auf den Plan. Wer zählt die Gauner, Tricks und Antitricks, schäbigen Schachzüge und rigorosen Massnahmen (Clearing by killing), bösen Absichten, gescheiterte Finessen und knalligen Überraschungen?
Regisseur Ritchie bürstet seine Darsteller gegen den Strich: Charlie Hunnam wirkt als Mickeys cooler Rechtsanwalt und Killer; Hugh Grant agiert als schmieriger Privatschnüffler Fletsch, der Mickey austricksen möchte, und Colin Farrell stromert als kariert-gedresster Prolo-Boxer-Coach durch die vertrackten Aktionen. Das sollte man sich ansehen Eine Gangsterkomödie mit Seitenhieben auf die britische Gesellschaft, Snobismus, Scheinheiligkeit und schlaue Inszenierungen.
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About Endlessness
rbr. Reflexionen über das Leben. Das Wort ist ein Stolperstein: «Endlessness». Auf Deutsch hört sich das besser, bedeutender an: Unendlichkeit. Der Schwede Roy Andersson («A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence») setzt seine Art des Filmens, des Erzählens, des Animierens fort. Auch sein jüngstes Werk «Endlessness» reiht Szenepartikel, Momentaufnahmen, Begebenheiten aneinander. Da hat ein Mensch Vertrauen verloren, etwa an Banken, und versteckt seine Ersparnisse im Bett; einer hat seinen Glauben verloren, ein anderer seine Beine. Ein Mann bettelt um sein Leben. Menschen am Rande – sie haben viel verloren, wie die endlosen Soldatenkolonnen, die besiegt und zerlumpt nach Sibirien trotten. Ein Paar schwebt über das zerbombte Köln, das Leben, die Liebe gehen weiter: Hoffnung über der Düsternis.
«Endlessness» baut sich wie ein Mosaik zusammen. 32 Szenen reihen sich scheinbar beliebig aneinander, verdichten sich, assoziieren, inspirieren zu Geschicten. Eine Erzählerin kommentiert kurz die Szene, bringt sie auf den Punkt. Am Ende der Reise steht das Bild von einer Strasse, die scheinbar ins Unendliche führt. Ein Mann hat eine Autopanne. Ende.
Das Filmessay des schwedischen Bildermachers und Philosophen Roy Andersson ist auch eine Ode an die Zeitlosigkeit. Ein sinnbildnerisches Meisterwerk der lakonischen nordischen Art, wo wenige Bildeinstellungen viel sagen. Reflexionen über das Leben eben.
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Just Mercy
rbr. Kampf um Recht und Gerechtigkeit. Die wahre Begebenheit liegt noch nicht so lange zurück und ist zumindest in den USA aktuell wie eh und je. Basierend auf dem autobiographischen Buch «Just Mercy: A Story of Justice and Redemption» von Bryan Stevenson, schildert Regisseur Destin Daniel Cretton den Kampf des jungen Rechtsanwalts Bryan Stevenson (Michael B. Jordan) um das Leben zum Tode Verurteilter. Im Fokus steht der Fall Walter McMillian, der beschuldigt wurde, 1987 in Alabama ein 18jähriges weisses Mädchen ermordet zu haben, und der zum Tode verurteilt wurde. Stevenson, frischgebackener Absolvent der Harvard-Universität, nimmt sich des hoffnungslosen Falls an. Wut, Schmerz und Hass der weissen Bevölkerung hatten ein Opfer gefordert. Das hiess Walter McMillian (Jamie Foxx) und war Farbiger. Fragwürdige Indizien und eine Falschaussage genügten, den Verdächtigen zum Täter zu stempeln, obwohl der seine Unschuld bezeugte und eigentlich auch ein Alibi hatte, das freilich nicht überprüft wurde. Es braucht mehrere Anläufe, um die Rechtsbrechungen und haarsträubenden Methoden der örtlichen Polizei und Staatsanwaltschaft aktenkundig zu machen und dem Verurteilten zu seinem Recht vor Gericht zu verhelfen.
Der Afroamerikaner Stevenson und Eva Ansley (Brie Larson), Leiterin der lokalen Equal Justice Initiative (EJI), versuchten nicht nur McMillian, bekannt als «Johnny D.», zu rehabilitieren, sondern auch anderen Gefangenen zu helfen, die im Todestrakt jahre- beziehungsweise jahrzehntelang auf ihre Hinrichtung warteten. Im Fall von Herbert «Herb» Richardson (Rob Morgan), dessen Bombe eine Frau tötete, gelang dies nicht. Er endete auf dem Elektrischen Stuhl. Solche Szenen sind es, die unter die Haut gehen. Man versteht auch die Wut der ohnmächtigen schwarzen Bevölkerung angesichts feindlich gesinnter, rassistischer weisser Bevölkerungsschichten.
Stevensons Geschichte und Crettons packender Gerichtsfilm weisen auf ein Manko der US-Gesellschaft, auf die Rassendiskriminierung und auf ein Justizsystem, das noch immer Weisse bevorzugt und in Vorurteilen verhaftet ist. Polizei-und Justizwillkür grassiert auch heute noch in den USA.
«Just Mercy – Ohne Gnade», gedreht in den Südstaaten (Georgia und Alabama), ist auch ein Drama gegen die Todesstrafe. Perfide Seitenhiebe können sich Vollzugsbeamte im Film nicht verkneifen, in dem sie den schwarzen Strafverteidiger auf den berühmten Roman «Wer die Nachtigall stört» von Harper Lee hinweisen, wo sich ein weisser Anwalt gegen gewisse weisse Bürger in Alabama stellt. Er verteidigt einen Schwarzen und wird (beinahe) selber zum Opfer wird.
Seit 1989 engagierten sich Stevenson, Eva Ansley und die Organisation EJI für lebenslänglich Verurteilte und Todeskandidaten. Allein in Alabama konnte die Initiative in 26 Jahren 100 Hinrichtungen verhindern. McMillian wurde übrigens 1993 freigesprochen und aus dem Todestrakt entlassen. Er starb 2013.
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to be continued

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