FRONTPAGE

«Fragiles Gleichgewicht: Unsere grosse kleine Farm»

Von Rolf Breiner

 

Um 2010 schlugen der US-Filmer John Chester und seine Frau Molly ein neues Lebenskapitel auf: Sie begannen, einen verödeten Landstrich, eine Autostunde von Los Angeles entfernt, zu beackern, heisst zum neuem Leben und Blühen zu bringen. Auf über 80 Hektaren ist daraus ein Paradies auf Erden entstanden – mit 10 000 Obstbäumen, unzähligen Pflanzen, 250 Haus- und Wildtieren, bewirtschaftet von John, seiner Frau Molly und rund 20 Farmern und Mitarbeitenden.

John Chester (47) hat diese Entwicklung mit all ihren Problemen, Rückschlägen, Erfahrungen und Erkenntnissen in einem spannenden Film dokumentiert: «The Biggest Little Farm» ist ein wunderbares lebendiges Beispiel über die Kraft und Balance der Natur, Heilung und Optimismus, nicht zuletzt über Ökosysteme, die sich selbst regulieren. Wir sprachen mit dem Farmer und Filmer John Chester.

 
Ein Farm-Paradies in Kalifornien – Der Filmer und Farmer John Chester und sein Dokumentarfilm «The Biggest Little Farm»

Es gibt Zeiten und Situationen, da ist man/frau der Stadt, des Stadtlebens müde und sehnt sich nach Ruhe, Natur, Bodenständigkeit. Bei John und Molly Chester gab es einen weiteren gewichtigen vierbeinigen Grund, ihr Hund Todd. Der bellt nämlich hörbar und unermüdlich, wenn die beiden die Wohnung verlassen. Nicht nur Schweinegeruch, wie jüngst ein Nachbarschaftsstreit in der Schweiz belegt, stört und mindert die Lebensqualität, sondern auch ständiges Hundegebell nervt und fordert Gegenmassnahmen. John und Molly mussten sich entscheiden, Todd wegzugeben oder die Wohnung in Los Angeles zu verlassen. Klarer Fall: Todd war dem Ehepaar lieber und wichtiger als ihr urbanes Daheim.

Und so schlugen die beiden Städter 2010 ein neues Kapitel auf. John, der Filmer seit 25 Jahren unter anderem mit drei Emmys ausgezeichnet, und seine Frau Molly, begannen einen verödeten Landstrich, eine Autostunde (40 Meilen) nördlich von Los Angeles entfernt, zu beackern. Ihr Ziel war, das Stück Land über 80 Hektaren wiederzubeleben und zum Blühen zu bringen. Die Böden mussten «aufgepäppelt», heisst bepflanzt, bewässert, reaktiviert werden. Ein hartes Stück landwirtschaftlicher Arbeit. Tatsächlich hat sich daraus ein Paradies auf Erden entwickelt, die Apricot Lanes Farms, bewirtschaftet von John (47) und Molly sowie rund 20 Farmern (Mitarbeitern). 10 000 Obstbäume, unzähligen Nutz- und Wildpflanzen sind heimisch geworden, 250 Haus- und Wildtieren u.a. Ziegen, Schafe, Enten, Hühner, Perlhühner, Pferde, Hochlandrinder. Eine Schweizer Milchkuh namens Maggie grast sich hier ebenso zufrieden wie viele andere. Stars im Film sind freilich die Sau Emma und ihr treuer Begleiter, der Gockel Rooster.
John Chester hat diese Entwicklung über acht Jahre mit alle ihren Problemen, Rückschlägen, Erfahrungen und Erkenntnissen in einem spannenden Film dokumentiert: «The Biggest Little Farm». Er machte auf seiner europäischen Promotiontour kurz auch in Zürich Station und erlebte die Premiere im Lunchkino. Er war begeistert. «The Biggest Little Farm» ist ein wunderbares lebendiges Beispiel über die Kraft und Balance der Natur, Heilung und Optimismus, nicht zuletzt über Ökosysteme, die sich selbst regulieren. Wir sprachen mit dem Farmer und Filmer John Chester.

 

Wie entstand die Idee zum Film, wollten wir wissen? «Zuerst war das Farmprojekt, das gab’s noch kein Filmprojekt, denn ich wusste gar nicht, worüber denn der Film handeln sollte.», erzählt John Chester. «Natürlich, ich habe mein Leben lang gefilmt und war motiviert, auch auf den Apricot Lane Farms zu filmen. Über fünf Jahren lang habe ich gewisse Momente festgehalten. Aber ich hatte noch keine Idee, keinen Schlüssel, die Begebenheiten mit Tieren, mit Insekten, Pflanzen, mit der Natur filmisch zu erzählen. Dann irgendwann fand ich den Schlüssel. Das Stichwort heisst Biodiversität. Ich wollte die Geschichte von einem ausgleichenden System erzählen, von der Komplexität der Natur und einem gesunden Ökosystem.»
Die Farm wuchs, der Alltag war anstrengend, oft mühsam, vor Rückschlägen war man nicht gefeit – seien es Dürre, Stürme oder der Einfall von Vögeln, Schnecken oder Kojoten, die unzählige Hühner töteten. Der Eingriff des Menschen – mal wurde ein Kojote erschossen – half nicht wirklich. John Chester beobachtete die Natur, das Verhalten der Tiere und sah in der Erneuerung des Ökosystems die Lösung, setzte auf Diversität. «Das war etwa 2015», erinnert sich Chester. «Ich sah die Rückkehr der natürlichen Vielfalt im Einklang mit meinen Intensionen. Das war die Geschichte. Ich wollte erzählen, was passiert, wenn die Natur auf die Farm zurückkehrt. Wir sind Teil der Natur. Beide Kräfte müssen kombiniert werden, die der Natur und die Menschen, wobei wir Naturkräfte akzeptieren müssen, auch wenn sie gegen unsere Intentionen beim Bewirtschaften laufen.»
Menschliche Eingriffe, so zeigt der Film auch, können neue Probleme bewirken. «Alles, was wir zur Verbesserung eingesetzt haben, rief neue Probleme hervor», gesteht Chester, «wir haben es dann meistens aufgegeben, weil es nicht funktionierte. Wir haben gelernt, vorwärts zu gehen, tiefer zu schauen und Komplexität zu erkennen. Es braucht Zeit, bis eine Balance hergestellt ist.» Zwei Dinge sind wichtig bei der Art Farming, die Chester und seine Mitarbeiter verfolgen: Passion, Geduld und Beobachtung.
Welche Ratschläge würde John Chester Farmern mit auf den Weg geben?
«Meiner Ansicht nach müssen wir Systeme und Elemente der Natur wiederherstellen und nachahmen (Biomimikry). Wir müssen die Balance der Nature einbeziehen, Symbiosen kombinieren. Wir müssen die Unabwägbarkeiten des Lebens akzeptieren, das ist die Triebkraft, der Wirkstoff des Lebens».

 

 

Sozusagen als roter Faden zur Farmentwicklung laufen amüsante Episoden mit der Sau Emma und ihrem Gockelkompagnon. Ein Beispiel auch, um die Vielfalt des Zusammenlebens zu zeigen, die Balance zwischen Tieren. John Chester gezeichnet sein «Biggest Little Farm» als Organic-Farm, wir würden Biofarm sagen. Er verkauft zwar direkt, betreibt aber keinen Bioladen – noch nicht, sagt er. Das bedeutet: «Unsere Organic-Farm verzichtet auf Pestizide und chemische Zusätze. Es ist existenziell notwendig, dass wir Biodiversität und eine gesunde Erde generieren. Wir können auf unserm Planeten nicht ohne Biodiversität und gesunde Erde leben. Das sind wir unsern Kindern schuldig».
Während John Chester seinen Film in Europa begleitet, führt seine Frau Molly die Farm. «Sie ist der Boss», meint John. Die beiden engagierten Farmer sind Eltern eines Sohnes geworden, der auch kurz im Film auftritt. Inzwischen ist auch auf ein geplantes Bilderbuch von John Chester herausgekommen: «Saving Emma the Pig» (Feiwel & Friends/ Macmilan Verlag). Emma geht’s übrigens gut, sie wiegt laut John Chester 600 Pfund.

 

 

Filmtipps

 

 

Rebelles

rbr. Zocker, Zicken, Zaster. Sie verdienen sauer ihr täglich Brot, arbeiten in einer stinkigen Fischkonservenfabrik, erbeuten unverhofft und ungewollt eine Sporttasche voller Euros. Und das kam so: Die einstige Miss Calais, Sandra (Cécile de France), kehrt nach 15 Jahren in ihre Heimat Bouloge-sur Mer zurück – auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann. Sie schlüpft bei ihrer Mutter (Béatrice Agenin) unter, die in einem abgetakelten Wohnwagen haust und einen maroden Campingplatz namens L’Eden leitet. Notgedrungen nimmt die Heimkehrerin einen Fliessbandjob in der örtlichen Fischfabrik an. Prompt will Jean-Mi (Patrick Ridremont), der Boss, der einstigen Schönheit an die Wäsche. Die wehrt sich massiv. Der geile Kerl hat Pech und verliert brutal seine Männlichkeit. Er schreit Zeter und Mordio. Das ruft zwei Kolleginnen, die resolute, gut beleibte Nadine (Yolande Moreau) und die flotte Marilyn (Audrey Lamy), auf den Plan. Sie kommen Sandra zu Hilfe. Im Eifer des Gefechts stürzt der Täter die Treppe runter – tot. Nicht genug, das Trio findet am Tatort eine Tasche, prall gefüllt mit Euros. Was tun? Behalten, ein neues Leben anfangen?
Die Drei denken praktisch und entsorgen Jean-Mi, der offensichtlich dick im Drogengeschäft steckt, fachgerecht – in 520 Fischdosen. Doch diese Art Entsorgung ist noch das kleinste Problem. Jean-Mi wird vermisst, und von der Polizei gesucht, allen voran vom strafversetzten Leutnant Digne (Samuel Jouy). Drogengangster aus Belgien suchen den Verschwundenen ebenfalls, beziehungsweise den Zaster und rücken dem lokalen Mittelsmann (Simon Abkarian) auf die Bude. Das weibliche Trio entwickelt erstaunliche kriminelle Energie, wobei die unerschütterliche Nadine auch mal eine Schrotflinte zur Hand nimmt. Das kann bös enden…
Doch Regisseur Allan Maduit lässt seine Flintenweiber nicht verkommen, die von den Gangster gejagt und gefangen werden, der Polizei aufsitzen und beinahe von Sandra im Stich gelassen worden wären. Ein Film zur sommerlichen Entspannung – schräg, witzig und wechselhaft. Nicht immer logisch, aber lasterhaft lustig. Da sind weder Tiefgang noch psychische Raffinessen gefragt. Über das Trio Infernal erfährt man just das Notwendigste. Immerhin lernt eine von ihnen ihren leiblichen Vater kennen, der auch keine saubere Weste hat. Die drei Arbeiterinnen begehren gegen ihren tristen armen Alltag auf. Dass Allan Mauduit sie gleich zu Rebellinnen macht, ist so übertrieben wie das ganze Katz-und-Mausspiel zwischen Männlein und Weibchen in dieser Krimikomödie, die freilich ein blutiges Ende nimmt – im Stile eines Italo-Western. Und mit einem Augenzwinkern.
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Yao
rbr. Afrikanische Reise. Der Wille oder Wunsch können Berge versetzen. Filmautor Philippe Godeau entwirft folgendes Szenario: Der Knabe Yao (Lionel Basse), um die 13 Jahre jung, hat sich in den Kopf gesetzt, sein grosses Idol, den Schauspieler Seydou Tall (Omar Sy), zu treffen. Als der in Dakar angesagt ist, um ein Buch zu präsentieren, reist Yao über 387 Kilometer, um ein Autogramm zu holen. Ein Freund kneift, und so schlägt sich junge Fan allein durch. Seydou, der Star aus Frankreich mit senegalesischen Wurzeln (wie übrigen auch der Schauspieler Omar Sy), ist berührt, findet Gefallen an dem mutigen aufgeweckten Burschen. Er wird durch ihn an seine Wurzeln, seine Heimat erinnert, die er jetzt bewusst erlebt. Denn er wird Yao auf dessen Heimweg begleiten. Auf andere Weise ist es auch eine Reise zu seinem Sohn Nathan, von dem er getrennt lebt, weil es die Mutter so will. Ein kleines Zwischenspiel mit der durch die Lande tingelnden Sängerin Gloria (Fatoumata Diawara), die sein Angebot ablehnt, mit ihm zu kommen, bestärkt ihn, zu seiner Familie zurückzufinden. Yao versteht und übergibt seinem «Reise-Vater» ein Geschenk für Nathan, ein Tagebuch mit Zeichnungen.
Omar Sy, der gefeierte Star aus «Intouchables» und «Chocolat», wirkt wie ein Baum, eben eine grosse Stütze für den Jungen Yao: Begleiter, väterlicher Freund, Vorbild. Godeau und sein Kameramann Jean-Marc Fabre erzählen eine Geschichte von Sehnsucht und Heimkehr, Bescheidenheit, Bewährung und Besinnung auf die eigenen Wurzeln. Das Roadmovie lebt auch von den afrikanischen Bildern, man spürt den Staub, die Sonne quasi auf der Haut. Keine touristischen Perspektiven, sondern authentische Spiegelungen aus dem Senegal. Ein Satz bleibt besonders in Erinnerung: «Schicksal ist, wenn Gott incognito unterwegs ist.» Eine stimmige berührende Kinoreise.
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Skin
rbr. Aus der Haut gefahren. Ein Film, der nicht nur unter die Haut geht, sondern auch eine Häutung beschreibt. Der aus Israel stammende Regisseur Guy Nattiv, 1973 in Tel Aviv geboren und in New York lebend, greift eine tatsächliche Begebenheit auf. Ein Mann aus der faschistischen Szene im ländlichen Ohio hat von den Gewaltaktionen der Rechtsextremisten die Nase voll und will aus der sektiererischen Bewegung namens Viking Social Club aussteigen. Doch das ist so oder so nicht einfach, denn Bryon Widner ist mit Tatoos übersät – vom Kopf abwärts.
Bryon (Jamie Bell) ist in die Neonazi-Szene reingewachsen und gross geworden. Seine Wahlfamilie haust abseits der Gesellschaft und pflegt einen Kult zwischen nordischer Mythologie und nationalsozialistischer, rassistischer Ideologie. Die erste Filmszene setzt ein Ausrufezeichen und Vorgriff: Bryon lässt sich die ersten Tätowierungen entfernen. Ein Prozess, der über Monate, Jahre dauert. Entscheidend für diese Wandlung ist eine Frau. Er begegnet Juli (Danielle Macdonald), Mutter von drei Gören verschiedener Väter. Juli ist entschlossen, sich von der rechten Szene abzuwenden. Bryon bändelt mit der korpulenten alleinerziehenden Frau an, fühlt sich bei ihr geborgen und entwickelt Verantwortungsgefühl für die Kinder. Doch so einfach lassen ihn Ziehvater Fred (Bill Camp) und «Mom» Shareen (Vera Farmiga) sowie die Skinhead-Gang nicht gehen. Die energische Juli und ihre Kinder sind in Gefahr. Menschenrechtsaktivist Daryle Jenkins (Mike Colter) hilft dem Aussteiger. Mit Hilfe des FBI mutiert Bryon, das heisst: er lässt sich in 25 schmerzhaften Eingriffen seine Tatoos entfernen.
Basierend auf dem Kurzfilm «Skin», ausgezeichnet mit einem Oscar, schildert Filmautor Guy Nattiv die psychische und physische Wandlung eines jungen Mannes. Der schonungslose Spielfilm geht teilweise tatsächlich unter die Haut. Dabei bietet der Brite Jamie Bell («Billie Elliott – I Will Dance», 2000) eine überzeugende Performance. «Skin» ist ein Entwicklungsfilm, aber auch ein Liebes- und Selbstfindungsfilm – brutal, fesselnd, hautnah und letztlich positiv. Ein Manko: Man erfährt so gut wie nichts über die Vorgeschichte von Bryon und seine Tatoos, die er wie Trophäen trägt und wohl diverse (Un-)Taten markieren. Immerhin, aus dem gewaltbereiten Skinhead Bryon wird ein geläuterter, gereifter Mensch mit humanem Bewusstsein. Es ist nie zu spät…

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Yesterday
rbr. Blackout mit den Beatles. Gedankenspiele können heiter und entlarvend sein. Was wäre, wenn die Welt weiblich wäre, wenn die Sonne nicht mehr untergehen würde oder wenn es keine Beatles gegeben hätte? Nun, dass es die Pilzköpfe aus Liverpool gegeben hat, wissen wir, aber wissen es auch die anderen im Film? Regisseur Danny Boyle («Slumdog Millionaires») legt es darauf an. Sein Held, der erfolglose indisch-britische Singer-Songwriter Jack Malik (Himesh Patel) hat eine Begegnung der seltsamen derben Art. Er wird nachts während eines mysteriösen Stromausfalls von einem Bus angefahren und landet in einer anderen, ihm aber doch bekannten Welt. Ihm kommen eine und andere Melodien in den Sinn, die einst die Beatles weltberühmt gemacht haben. Nur, die kennt keiner mehr ausser Jack. Nicht mal Google hat die Famous Four aus Liverpool auf der Platte, heisst im Angebot. Keiner kann sich an die Hits der Pop-Pilzköpfe erinnern.
Jack «schlachtet» quasi seine musikalischen Erinnerungen aus, tritt auf und begeistert. Seine Managerin und Freundin Ellie (Lily James) staunt nur noch, und die Welt sprich Hörerschaft wundert sich. Jack steigt zum Popstar auf, fühlt sich nicht recht wohl in seiner Haut – als Beatles-Erbe und Imitator. Er forscht nach, sucht und findet den alten (vergessenen) John Lennon, der einsam, aber zufrieden irgendwo an einem wilden Küstenstrich haust. Der hat gar nichts gegen Jacks Erfolg, rät ihm aber. ehrlich zu sein.

Die Begegnung mit dem Beatles-Veteran ist nur eines der kuriosen Zwischenspiele, die Danny Boyle in seine Popkomödie «Yesterday» einstreut. Dazu gehören auch ein altes Ehepaar, das sich erinnert und freut, die alten Songs wiederzuhören, oder Popstar Ed Sheeran himself, der Jack unterstützt und als Vorgruppe auftreten lässt. Später ist Ed bei Konzerten des Hit-Stürmers Jack eher zweite Wahl.
Für Beatles-Fans ist es ein Vergnügen, wie die alten Hits aus dem Nichts auftauchen, wie Jack seinen ziemlich desinteressierten Eltern «Let it Be» vorspielt, einen spontanen Wettbewerb mit Ed Sheeran dank «A Long and Winding Road» gewinnt und grosse Hits wiederbelebt (insgesamt 17 im Film). Für einige Songs recherchiert Jack, forscht nach «Eleonor Rigby» (die Kombination eines Ladens in Bristol und den Vornamen einer Schauspielerin), sucht die «Penny Lane» (eine Strasse in Liverpool) auf. «Yesterday» hält Ed für den besten aller Songs, rät aber zum Titel «Hey Dude» – ob «Jude» zu verfänglich schien?

Trotz bissiger Spitzen gegen die Musikindustrie, verkörpert durch die ehrgeizige, raffgierige Managerin Debra Hammer (Kate McKinnon), ist «Yesterday» vor allem eine Huldigung an die Musik der Beatles und ein etwas gezwirbelter Liebesfilm, der mit einer zweifachen Offenbarung im Wembley Stadion endet. Man muss anmerken, dass sich die musikalische Hommage auf die bekannte erfolgreiche Seite der Beatles beschränkt. Das tut aber der spritzigen Pop-Phantasie mit einem anziehenden Himesh Patel als Underdog keinen Abbruch, der dank vermeintlich vergessener Beatles-Hits zum Publikumsliebling aufsteigt. Die Idee ist witzig, die Musik «beatig» und die romantische Headline schmusig. «Love Love Me do» könnte man als Schlussakkord für die filmische Liebeserklärung setzen oder auch Beatles Forever.

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Long Shot
rbr. Eine unmögliche Verbindung. Das kennt man aus Märchen und Romanzen: Gegensätze ziehen sich an. Es müssen ja nicht gerade die Schöne und das Biest sein, aber so ähnlich. Fred Flarsky (Seth Rogen), mehr Flegel denn Feingeist, ist ein verbissener investigativer Journalist. Er eckt immer mal wieder an und kündigt (oder wird gekündigt) bei einem Brooklyner Blatt. Ein Typ mit potthässlicher Windjacke, Basecap und wucherndem Bart. Eher mit Abstand zu geniessen. Und dieser arbeitslose Fred trifft auf einer Benefizparty zufällig seine Babysitterin wieder. Sie ist eine aparte Schönheit geworden, politisch engagiert und avisiert als Aussenministerin den nächsten Karrieresprung an: Charlotte Field (Charlize Theron) will erste US-Präsidentin werden. Die Umfragewerte sind gut, nur fehle ihr Witz und Humor, heisst es. Und so kommt die Kandidatin auf die spontane Idee, den Schreiberling Fred als Ghostwriter zu engagieren. Er soll ihren Reden Pfiff und Pfeffer beimischen. Nur hat sie nicht mit seiner Sturheit und seinem «grünen Engagement» gerechnet. Charlotte hat Umweltbewusstsein auf ihre Fahnen geschrieben. «Rettet Bienen, Bäume und die Weltmeere» (Bees,Trees and Seas). Das gefällt Parteileuten, Unternehmern und dem Mediengigant (Andy Serkis) gar nicht. Sie setzen Charlotte erpresserisch unter Druck. Parallel zur politischen Karriereebene entwickelt sich eine «unmögliche» Liebesgeschichte zwischen der kühlen Politikerin und dem etwas ängstlichen Redeschreiber, der nicht gerade einem Schönheitsideal entspricht.
Regisseur Jonathan Levine inszenierte diese romantische Komödie mit Feingefühl, am Ende gönnt man dem ungleichen Paar ein Happyend. Mit Ironie und Humor zeichnet Levine das internationale Politparkett, die Empfänge, die Partys, das Versteckspiel der Verliebten. Irgendwie siegt die Liebe über die Politik, und da wären wir wieder beim Märchen. Und solche sieht man gern, besonders wenn die Südafrikanerin Charlize Theron, die den Film mitproduzierte, mitwirkt. Sie ist eine Wucht – elegant und souverän, verletzlich und verliebt.
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Push – Für das Grundrecht auf Wohnen
rbr. Verteuern, vertreiben, verdienen. Das Problem nimmt in einigen Städten wie in Berlin oder London drastische und dramatische Formen an. Die Mieten steigen mit jedem Verkauf, mit jeder «Sanierung». Leilani Farha ist UNO-Sonderberichterstatterin für angemessenes Wohnen. Sie bereist die Welt, um die Mietpreisentwicklungen, Wohnrelationen und -krisen zu beobachten und die Gründe festzuhalten, weshalb Menschen aus ihren Wohnungen gepusht werden – von Berlin und London, bis New York, Toronto, Tokio oder Bangkok. Der schwedische Filmer Frank Gertten hat sie begleitet, Wohnsituationen dokumentiert, Stimmen gesammelt. Die Soziologin Saskia Sassen von der Columbia University beispielsweise erklärt «Global Cities» und weshalb leerstehende Wohnungen lukrativer und profitable sein können. Autor Roberto Saviano («Gomorrha») schildert, wie sich in Steueroasen der kriminelle und legale Kapitalismus treffen und geschäften. Die Mietpreise steigen weltweit. Wohnimmobilien sind Anlage- und Spekulationsobjekte, sind Ware geworden, die auf Nutzer und soziale Bedürfnisse keine Rücksicht nehmen. Leilani Farha stellt zutreffend fest: «Ich glaube, es gibt einen riesigen Unterschied zwischen Wohnen als Handelsware und Gold als Handelsware. Gold ist kein Menschenrecht, wohnen schon.»
Global Player wie Blackstone und seine Hedgefonds kaufen Gebäudekomplexe und Quartiere auf, um sie gewinnbringend zu sanieren oder weiterzuverkaufen. Da steckt auch Schweizer Geld drin, beispielsweise von diversen Pensionskassen. Ansonsten bleiben die Immobilienstrategien der Pensionskassen in der Schweiz unerwähnt. Diese hochaktuelle Dokumentation «Push» klärt auf und mahnt, ohne in Polemiken zu verfallen. Sie zeigt auch ein positives Beispiel, wie man mit leerstehendem Wohnraum umgehen kann. Barcelona mit Bürgermeisterin Ada Colau büsst Firmen, die Häuser leer stehen lassen, und kauft selber Häuser, um sie Mietern zu angemessenen Preisen zur Verfügung zu stellen.
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Inna de Yard
rbr. Die Seele Jamaikas. Sein Werk als Regisseur ist mehr als erstaunlich, ja unglaublich. Peter Webber hat Fernsehserien wie «Men Only» (Channel 4), Dokumentation wie «The Sand and the Rain» über den Macuna-Stamm in Kolumbien oder «For the Love of Books» geschaffen. Er hat Spielfilme wie «Girl with the Pearl Earring» mit Scarlett Johansson , «Hanibal Rising» oder «Emperor» mit Tommy Lee Jones und Matthew Fox inszeniert. Und nun hat er sich auf die Spuren alter Männer in Jamaika begeben. Was heisst Spuren: Er hat legendäre Reggae-Musiker und Stimmen geradezu wiederentdeckt und wiedererweckt. Sie heissen «Der Rebell» (Kiddus I), «Der Godfather» (Ken Boothe, «Electric Dread» (Winston McAnuff) oder «Leader der Congos» (Cedric Myton). Dazukommen die Jungen wie VAR, «Chief oft the Maroons» oder JAH9 (Janine Cunningham), die Rasta-Prinzessin und Rebellin.
Das Ur-Quartett versammelte sich an den grünen Hängen von Kingston und wollte die alten Hits wie «Everything I Own» (mit dem Boy George berühmt wurde) oder «By the Rivers of Babylon» (Boney M.) wiederaufleben lassen, das Gene neu beleben, ein Album einspielen und auf Tournee gehen. Im Garten (eine Terrasse über in den Bergen von Kingston) versammeln sich die legendäre Reggae-Recken, jetzt um die 70 Jahre alt. Sie sangen und spielten mit Bob Marley, Peter Tosh oder Jimmy Cliff. Jetzt wollen sie ihr eigenes Ding drehen, Peter Webber und seine Kameraleute sind dabei. Eben in echter Reggae-Atmosphäre im Garten, daher der Name «Inna de Yard». Und sie spielten, sangen und feierten, dass es eine Freude ist.
«Inna de Yard» ist denn auch mehr als ein Musikfilm, eine Biografie, der Film ist ein Bekenntnis, eine Hommage an «The Soul of Jamaica» und seine «Helden», eine Art Buena Vista Social Club of Reggae. Peter Webber ging mit den Rasta-Künstlern auf Welttournee – bis hin zu Konzerten in Paris. Ein vibrierendes Kulturzeugnis. «Die Aufnahmesession für ‚Inna de Yard‘ stehen im Mittelpunkt eines Films, der sich mit der Kultur, Identität und Geschichte Jamaikas, eines faszinierenden und magischen Landes, auseinandersetzt. » Sehen, hören und sich Mitreissen lassen!
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Kursk

rbr. Gefangen und geopfert. Noch ein Fall einer wahren Begebenheit, der fürs Kino zubereitet wurde. Im Jahr 2000 nahm ein russisches Atom-U-Boot in der Barentsee Kurs auf – für ein Manöver. Die K-141-Kursk war mit Marschflugkörpern bestückt – sank, wohl infolge einer Explosion, ausgelöscht durch einen technischen Defekt. Das U-Boot, gebaut 1990/91, war ziemlich marode. Die russische Militärführung behauptet, die Kursk sei durch ein US-Boot gerammt worden und alles, also die Rettung der Überlebenden, im Griff zu haben. 23 U-Bootfahrer hatten sich in eine unbeschädigte Sektion retten können.
Regisseur Thomas Vinterberg und Drehbuchautor Robert Rodat entwickelten das Drama auf drei Ebenen. Einer familiär- privaten, einer menschlichen und einer militärisch-politischen. Anfangs wird eine Hochzeit gefeiert, die Seeleute werden von ihrer Familien und Freudinnen verabschiedet. Man lernt die Männer, die sich da in einen «stählernen Sarg» begeben, und ihr privates Umfeld kennen. Allen voran Kapitänleutnant Michael Averin (Matthias Schoenaerts), er lässt seine Frau Tanya (Léa Seydoux) und seinen Sohn Misha zurück, die um ihn bangen. Zu den Besatzungsmitgliedern zählen u.a. Kapitän Shirokov (Martin Brambach), Sasha (Kristof Coenen), Anton Markov (August Diehl) oder Pavel Sonin (Matthias Schweighöfer). Ein Neuling an Bord ist Leo (Joel Basman), der letztlich eine verhängnisvolle Rolle spielt.
Explosionen haben die Kurks lahm gesetzt und einen Grossteil des Bootes zerstört. Das U-Boot sitzt auf dem Meeresgrund fest. Im hinteren Teil konnten sich 23 Männer retten, doch die Luft wird knapp. Die russische Admiralität, allen voran Vladimir Petrenko (Max von Sydow), versprecht vollmundig Rettung, doch die Flotte verfügt über keine speziellen Rettungsboote, nur über Tauchkapseln. Führungskräfte der Nato, bieten Rettung an. Kommandant David Russell (Colin Firth) der britischen Navy macht sich für einen Einsatz stark, doch die russische Führung wehrt ab, lässt Hilfe nicht zu – aus Prestigegründen. Als nichts mehr geht, lenkt die russische Führung ein. Nach elendig langen drei Tagen gelangen norwegischen Tauchern bis zum U-Boot, sie konnten die Rettungsluke zu öffnen. Zu spät. Angehörige und auch Militärs machen die russische Führung für den Tod der Seeleute verantwortlich, die eine Rettungschance gehabt hätten. Die Besatzung bestand zwischen 112 und 118 Seeleuten. In einer ergreifenden Abdankungsszene verweigern Angehörige, allen voran Averins Sohn Misha, dem greisen Admiral Petrenko den Handschlag.
Das sagt alles über die Haltung und Verantwortung der russischen Führung. Interessanterweise verzichtet Regisseur Thomas Vinterberg darauf, Präsident Putin anzuklagen, der im Jahr 2000 bereits Präsident der Russischen Föderation war, also oberster Verantwortlicher. Der Däne Vinterberg («Die Jagd»), einer Mitbegründer der Dogma-Bewegung, konzentrierte sich wie erwähnt auf drei Handlungsebenen, auf die Geschehnisse unter Wasser (Besatzung) und über Wasser (militärische Führung) sowie auf Land (die Angehörigen). Er legte dabei das Gewicht auf das Zwischenmenschliche, das Emotionale, wobei er ständig und zuweilen hektisch, die Ebenen wechselte, einmal die Dramatik forciert, dann wieder verlangsamte. Nicht immer zum Vorteil. Sein Katastrophenfilm ist stark in den U-Boot-Szenen, bringt die Verlassenheit, Verzweiflung und Tapferkeit der Männer unter Wasser rüber. Insgesamt eine starke belgisch-französisch-norwegische Produktion. Der Zürcher Joel Basman («Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse») zeigt in einer markanten Nebenrolle eine überzeugende Leistung. Der Vielbeschäftigte ist demnächst im Spielfilm «Der Büezer» zu sehen.
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They Shall Not Grow Old
rbr. Verheizt und verloren. «Der Krieg frisst seine Kinder» – es gibt wenige Filme, welche diese Erkenntnis so drastisch und wirklichkeitsnahe auf die Leinwand brachten wie Peter Jacksons «They Shall Not Grow Old». Man denkt an Filme wie «Im Westen nichts Neues», «Die Brücke», «Apokalypse Now» oder «Dunkirk». Doch Jacksons Filmmontage in 3D entwickelt Anziehungskraft, weil sie unglaublich authentisch, hautnah und dokumentarisch modern wirkt. Der Neuseeländer Jackson ist vor allem bekannt geworden durch seine Trilogie «Lord of the Rings». Einem Archäologe vergleichbar ist er tief in die Archive des Imperial War Museums und der BBC gestiegen und hat altes Filmmaterial zum Ersten Weltkrieg ausgegraben.
Der Anfang 1914 – die Rekrutierung, die Euphorie der jungen Freiwilligen, ihre Militarisierung – wird überwiegend in Schwarzweissbildern dokumentiert, nur punktuell durch Farbsplitter (Flagge) ergänzt. Doch wenn es wirklich Krieg wird, in Flandern an der Front, werden die Bilder gelblich, schmutzig, farbig. Die Konturen werden markanter, schärfer, lebendiger. Jackson und sein Team haben die alten Aufnahmen bearbeitet, aufgepusht und angepasst (etwa in den Bewegungen heisst bei der Geschwindigkeit der Bilder). Veteranen kommentieren aus dem Off. Die blutjungen Soldaten, halbe Kinder noch, sprechen, erzählen über den schmutzigen, schlammigen Alltag, den unendlichen Beschuss, die grauenvolle Angriffe, das sinnlose Sterben. Sie erleben auch, dass die Gegner auch nur Menschen sind – Bayern, Preussen und andere – mit menschlichen Zügen, mit Leidensfähigkeiten und Ängsten.
Jackson, so wird berichtet, hätte die Aussagen der Soldaten von den Lippen ablesen lassen. Militärveteranen – beim Filmabspann werden Dutzende von Namen (Voices) aufgeführt – hätten dann die Texte eingesprochen.
Die Bilder sprechen für sich. Das Abenteuer Krieg – glaubten die jungen Soldaten – zeigte seine mörderische Fratze. Das Fazit: Nie wieder Krieg. Und doch, nur zwanzig Jahre später brachen Hitlers 1939 braune Kohorten und Militärs den Zweiten Weltkrieg vom Zaun.
Der Krieg ist kein Abenteuerspielplatz, machte Jünglinge nicht zum Mann, sondern zu Krüppeln und Veteranen, die dann nach Kriegsende in England keine Jobs fanden, gemieden und abserviert wurden. Manche fragten sich vielleicht angesichts der technischen Eingriffe und bei der massiven Bearbeitung des historischen Materials, bei Synchronisierung und Dramatisierung: Darf man das? Ich meine, das darf man sehr wohl. Denn das dokumentarische Material wurde nicht verfälscht, sondern verschärft, nicht verraten, sondern in eine zeitgemässe Bildsprache verwandelt. Einen besseren Anti-Kriegsfilms als «They Shall Not Grow Old» sehe ich weit und breit nicht. Er führt drastisch vor Augen: Krieg ist nicht das letzte (oder erste) Mittel der Politik, sondern ein Moloch, der Menschen entmenschlicht und verschlingt. Heute wie vor 100 Jahren!

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Cronofobia
rbr. Verlorene Identitäten. Sie sind keine Lebenskünstler, eher Lebensleidende, die sich scheinbar finden und doch verloren gehen. Michael Suter (Vinicio Marchioni) ist ein Eigenbrötler, Privatdetektiv, ständig unterwegs als Tester. Er überprüft Kundenservice in Hotels, in Restaurants, an Tankstellen. Man wird nicht recht schlau aus ihm: Ist er auf der Flucht, auf der Suche? Er reist durch die Schweiz in einem Transporter, wechselt das Aussehen, als wollte er sich verschiedene Leben aneignen. Anna (Sabine Tomoteo) schleppt ein schweres Trauma mit sich. Sie hat ihren Mann verloren. Sie verhält sich störrisch, rebellisch. Und diese beiden einsamen Seelen kreuzen sich, genauer: Michael spürt Anna nach, sucht ihre Nähe, ihre Liebe? Wenn man will, ein Roadmovie von Zürcher Hotels zu Tessiner Stätten, Bündner Villen und anderswo. Und doch kein Roadmovie, eher eine Seelenwanderung, Fluchtversuche aus dem eigenen Gefängnis.
Der Tessiner Francesco Rizzi, geboren in Mendrisio, beschreibt in seinem Spielfilm-Debüt einen rätselhaften Zustand einer Angststörung.
«Cronofobia» handelt vor der Angst, sich der Zeit, des Vergehens, des Zerrinnens zu stellen. Rizzi geht es um den Prozess permanenter Veränderung, um Mobilität und Rastlosigkeit, aber auch um Sehnsucht nach Vergangenem, nach einem Ruheort, einem Halt. «Auf der einen Seite ist Suter, eine Art Grossstadt-Asket, ein rastloser Mann, der ständig sein Aussehen ändert, der fast nichts hat, nicht einmal ein echtes Zuhause; er ist ein Mann, der alles tut, um zu vergessen und um sich selbst und seiner Schuld zu entfliehen», erklärt der Filmautor. «Auf der anderen Seite ist Anna, eine Frau, die sich weigert, die Realität zu akzeptieren und die wie erstarrt in der Vergangenheit lebt.» Francesco Rizzis Beziehungsdrama ist sperrig, fordert Aufmerksamkeit und wohl auch Zuneigung zu einem spröden Thema. Man folgt den Protagonisten und verliert sich wie sie. Ein intimes Intermezzo, das gewollt vieles offen lässt.
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Le grand bain
rbr. Wenn Männer baden gehen und auftauchen. Sie tatsächlich «baden gegangen», haben versagt, verloren, Pech gehabt. Sie alle, um die vierzig Jahre alt, stecken in einer privaten, beruflichen, menschlichen Krise. Eine scheinbar komische Idee, nämlich die einer männlichen Synchronschwimmtruppe, führt sie zusammen, ganz unterschiedliche Typen mit verschiedenen Problemen, Sorgen, Hoffnungen. Der Teamgeist schweisst sie zusammen – trotz aller Hänseleien, Skepsis und Zweifel.
Bertrand (Mathieu Amalric) ist deprimiert, wird gleichwohl von seiner Frau (Marina Fois) gestützt und unterstützt. Laurant (Guillaume Canet) ist alles anderes als ein Sympathieträger, streng, aufbrausend, ekelig. Kein Wunder haben ihn Frau und Mutter verlassen, sie haben von ihm die Nase voll. Thierry (Philippe Katerine), der Badeangestellte, verkörpert das genaue Gegenteil – schüchtern, unbeachtet, einsam, der bei Frauen so wenig landet wie ein Fisch an Land, es sei denn er ist gestrandet. Poolverkäufer Marcus (Benoît Poelvoorde) will die Realität partout nicht wahrhaben, dass seine Badewannen eben auf dem Trockenen bleiben. Simon (Jean-Hugues Anglade) jobbt als Kantinenmitarbeiter, lebt in einem Wohnwagen und träumt immer noch von einer Rockmusikerkarriere. Seine Frau verachtet ihn, hat ihn verlassen, seine Tochter kann ihn nicht ernstnehmen, hat höchstens ein wenig Mitleid. Das Duo Basile (Alban Ivanov) und Avanish (Balasingham Thamilchelvan) wirkt wie ein Fremdkörper, man versteht sich, auch ohne Französisch. Dieser komischen Clique in Badehosen nimmt sich die Schwimmlehrerin Delphine (Virginie Efira) an, die aber anfangs mehr Interesse an ihren Zigaretten als an den untrainierten «Wasserratten» zeigt, aber dann… Erst recht als ihre alte Partnerin Amanda (Leila Bekhti) im Rollstuhl zur Seite «steht». Einst hatten die beide sportliche Erfolge als Synchronschwimmerinnen gefeiert, sich dann aber entzweit. Die Strampelmänner sollen fit gemacht werden für die Weltmeisterschaft in Schweden und Frankreich vertreten…
Gilles Lellouche hat mit «Le grand Bain – Ein Becken voller Männer» eine liebenswürdige Sozialkomödie geschaffen, die entfernt an jene arbeitslose Männer in Sheffield erinnert, die ihre Krise mit einer Stripshow bewältigen wollten in «The Full Monty – Ganz oder gar nicht» (1997). Lellouche Tauchgang hat Tiefgang – trotz aller Mätzchen, neckischen Zwischenspiele und Galgenhumor. Die desillusionierten Mannsbilder ohne Flossen, aber mit Mut und Teamgeist sind keine Vorzeige-oder Muskelmänner, avancieren gleichwohl zu Helden mit Herz. Lellouches Ensemblefilm, in Frankreich ein Grosserfolg, amüsiert, ohne in Kitsch und Klamauk zu versinken. Er begleitet ein «Fähnlein der sieben aufrechten Schwimmer», angeführt von zwei Frauen. Zeitgemäss komisch und liebenswürdig.
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to be continued

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