FRONTPAGE

«Willkommen in der Schweiz: Fremd und Freund gegenüber Fremden»

Von Rolf Breiner

 

Das Dorf Oberwil-Lieli lehnte 2015 die Aufnahme einer Handvoll Flüchtlingen ab, an vorderster Front Gemeindeammann Andreas Glarner (SVP). Die Zürcher Dokumentarfilmerin Sabine Gisiger ging der Sache auf den Grund – lokal und national. Ein entlarvendes Dokument zur Flüchtlingsbefindlichkeit in der Schweiz. Wir befragten die Filmschaffende über ihre Motivation, Sicht und Einsichten.

Im Blickpunkt steht ein 2200-Seelen-Dorf im Aargau und mit ihm Andreas Glarner, der seit 1994 in Oberwil-Lieli wohnt und dort seit 2006 als Gemeindeammann amtet. Der SVP-Migations- und Asylchef weigerte sich im Namen seines Dorfes zehn Flüchtlingen aufzunehmen, die vom Kanton zugewiesen wurden. Er schob sie lieber in eine Nachbargemeinde ab und leistete Ersatzzahlung: «Willkommen in der Schweiz»! Diese Massnahme empörte manche Mitbürger, brachte ihm aber auch Zustimmung ein.
Die Zürcher Filmerin Sabine Gisiger fragte sich, was Menschen in der Flüchtlingsfrage umtreibt, motiviert, bewegt, beunruhigt. Das Ergebnis ist ein Dokumentarfilm über die Schweiz und Flüchtlingsbefindlichkeiten – gestern wie heute.

 

Interview Rolf Breiner

Die Flüchtlingsproblematik prägt den politischen Alltag im In- und Ausland. Welche Erfahrungen hast du gemacht?
Sabine Gisiger: Ich bin vor ein paar Wochen über Österreich nach München gefahren. Bei Bregenz habe ich Plakate gesehen, wo zu lesen war: «Wir geben euch zurück, was sie euch weggenommen haben.» Dieses Konstrukt von «Wir» und «Denen», hat mich erschüttert. Eine altbekannte Strategie: Das Bild des Feindes wird gesichtslos gezeichnet.

 

Dein Filmtitel «Willkommen in der Schweiz» ist doppeldeutig, sicher auch ironisch gemeint.
Er ist eindeutig doppeldeutig. Das ist bei uns ja auch ein Spruch: Wenn etwas typisch schweizerisch ist, sagt man auch: „Willkommen in der Schweiz!»

 

Im Fall Oberwil-Lieli bringst du das Thema, die Problematik auf den Punkt. Ein reiches Dorf verweigert sich einer Handvoll Flüchtlinge. Wann und warum hast du sich zu diesem Film entschlossen?
Das ist die reichste Gemeinde im Kanton Aargau. Es schien mir ein guter Ort zu sein, um herauszufinden, wie die Stimmung im Land ist und wie die Argumente lauten. Die Geschichte fand dort sozusagen unter dem Vergrösserungsglas statt.

 

Eine Fallstudie über ein Dorf stellvertretend für andere.
Genau. Ich habe versucht, aus diesem Beispiel ein Gleichnis zu machen.

 

Im Fokus steht der SVP-Gemeindepräsident Andreas Glarner, der freilich nicht mehr in diesem Jahr zur Wahl angetreten ist. Wie bist du mit diesem Polit-Protz zurechtgekommen? Wie nahe konntest du an ihn herankommen?
Ich glaube nicht wahnsinnig nah. Ich habe natürlich viele Gespräche mit ihm geführt. Aber jemandem nahekommen, wäre ein zu grosses Wort. Ich hatte eine freundlich distanzierte Haltung.

 

Konntest du hinter seine Fassade blicken?
Nur zu einem gewissen Grad, glaube ich. Vieles habe ich nicht verstanden. Dieses SVP-Weltbild, dieses angstbesetzte, rückwärtsgewandte Weltbild kannte ich nicht so genau, jetzt habe ich es kennengelernt und durch ihn erfahren.

 

Auf der anderen Seite stehen die grüne Regierungsrätin Susanne Hochuli und die Studentin Johanna Gündel, welche die IG Solidarität ins Leben gerufen hat – sozusagen Gegengewichte.
Auch sie konnten ihre persönlichen Überzeugungen darlegen, ihr Weltbild erklären. Auch sie stehen für in der Schweiz verbreitete Haltungen: Johanna Gündel steht für die, die meinen, sie müssten Verantwortung übernehmen und sich kümmern – Johanna aus christlicher Überzeugung, aber auch weil es Sinn macht und eine Notwendigkeit ist. Es gibt sehr viele Menschen in der Schweiz, vor allem in den Städten, die so funktionieren und sich engagieren. Susanne Hochuli ist eine erfahrene Politikerin, die sich angesichts der Flüchtlingskrise sagte: Wir brauchen keine Polemik und ewige Diskussionen, sondern gute sachliche Lösungen, die nicht durch Parteipolitik diktierte werden oder auf Wählerfang sind.

 

Kann man das als humanitären Realismus bezeichnen?
Diesen Begriff habe ich noch nie gehört, passt aber. Susanne Hochuli bezieht sich oft auf Hannah Arendt, ihr Vorbild, die gesagt hat: Bevor wir handeln, müssen wir genau hinschauen und die Dinge benennen. Das wird in Bezug auf die Flucht- und Migrationsthematik heute selten gemacht. Vielmehr werden Emotionen geschürt. Das ist frappierend. Wir wissen seit der Aufklärung: Wenn wir bessere Informationen haben, können wir bessere Entscheidungen fällen. Jetzt sind wir im Informationszeitalter, handeln aber nicht mehr aufgrund von Informationen, sondern von Emotionen. Ein Paradox: Wir können mit Informationen nicht mehr richtig umgehen, denn es wird immer schwieriger, zu entscheiden, was wahr ist und was nicht wahr ist.

 

Zurück zum Film. Beim Podiumsgespräch in Locarno mit Carla del Ponte hast du gesagt, du wolltest bei dieser Filmarbeit «lakonisch hinsehen» und »nicht aufgeregt sein». Heisst das: Du hast Distanz gewahrt? Kann man das überhaupt bei diesem Thema?
Das kann man bis zu einem gewissen Grad. Ich wollte von allen Seiten etwas erfahren, alle zu Worte kommen lassen. Es gibt so viel Polemik. Da hielt ich es für falsch, einen polemischen Film zu drehen. und für angesagt, einen eher lakonischen Film zu machen.

 

Haben die Beteiligten den Film vor dem Start gesehen?
Natürlich, das mache ich immer bei meinen Filmen. Das gehört sich so. Alle drei haben den Film akzeptiert und waren auch bei der Premiere in Locarno dabei.

 

Oberwil-Lieli, diese Gemeinde im Bezirk Bremgarten, wirkte auf mich wie eine Spiegelung der Schweiz bezüglich der Spaltung in der Asylanten- und Flüchtlingsfrage. Wie ist das angekommen?
Bei den Screenings habe ich gemerkt, dass die Unaufgeregtheit des Films geschätzt wurde, dass man sich in Ruhe die verschiedenen Positionen ansehen konnte und dass der Film Raum lässt, sich selber über die eigenen Standpunkt klar zu werden. Insofern bin ich total zufrieden.

 

Wie ist der letzte Stand im Dorf?
Das ist der, wie im Film beschrieben. Man hat eine christlich-syrische Familie in einem Schulhaus untergebracht, und die afrikanischen Flüchtlinge sind in einem Nachbardorf gelandet. Ganz neu ist: Andreas Glarner ist nicht mehr als Gemeindepräsident angetreten, der Gemeinderat ist aber bürgerlich geblieben.

 

Dein Film ist aufgebaut in fünf Akten – wie ein antikes Drama. Chöre spielen eine erläuternde Rolle – beispielsweise mit dem Intergalaktischen Chor. Wie hat sich diese Struktur entwickelt?
Dazu gibt es verschiedene Aspekte. Einmal kam mir diese Begebenheit tatsächlich wie ein Drama vor – nach dieser Flüchtlingskrise im Sommer 2015. Andererseits bin ich selber im Herbst 2015 in den Montagschor eingestiegen, den der Opernsänger Christoph Homberger damals spontan gegründet hatte. Er hat 400 Flüchtlingen und Schweizer zu einem Chor zusammengeführt. Das hat etwas Einigendes und Vereinigendes. Da sind wir bei Aristoteles, dem antiken Dichter, der gesagt hat: Man muss die Handlung mit Chören unterbrechen, um dem Zuschauer die Möglichkeit zur Katharsis, zur Läuterung, zu geben, damit das Publikum in sich zu gehen und die Seele reinigen kann. Ich empfand das für meinen Film als passende Struktur.

 

Ein Chor hat etwas Verbindendes, etwas Solidarisches. Der Mensch, seine politische Haltung, sein sozialer Stand verschwinden im gemeinsamen Gesang.
Das ist ein Plädoyer für Vielstimmigkeit. Im Intergalaktischen Chor beispielsweise sind Menschen aus elf Nationen oder mehr beteiligt. Bei meinen Recherchen bin ich zudem auf das Mechaje Ensemble gestossen, das Lieder in jiddischer und sephardischer Sprache singt – mit Christen und Juden. Da geht es um Lieder, die verloren zu gehen drohen und trotz aller Verfolgung nicht auszurotten sind. Das Ensemble singt im Film themengerecht von Flucht.

 

Ein Drama in fünf Akten. Wie würdest du die Akte beschreiben?
Im ersten Akte geht es darum, dass die Fremden kommen. Im zweiten geht es um Grenzen. Im dritten findet eine Art Reality Check statt: Andreas Glarner geht in ein Flüchtlingscamp in Griechenland, Susanne Hochuli nimmt eine Flüchtlingsfamilie bei sich auf dem Hof auf, Johanna Gündel engagiert sich in einem Flüchtlingsprojekt in Basel. Der vierte Akt handelt von Integration oder Nicht-Integration Im fünften Akte geht es um die schweizerische Lösung.

 

Häufig ist bei den Einheimischen von Heimat die Rede. Heimat für wen? Ist Heimat ein Besitz wie ein Pass, ein sicherer Hort?
Ich denke, dass der Begriff Heimat von den Menschen in diesem Land mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt wird. Für mich ist Heimat dort, wo ich mit vielen unterschiedlichen Menschen gut zusammenleben kann. Man weiss, dass bei Leuten, die nicht mit Ausländerinnen und Ausländern zusammenleben, die Ablehnung gegenüber Fremden grösser ist. Heimat ist auch ein Begriff, der auf gefährliche Art missbraucht wurde und wird. Die ganze Rückbesinnung auf Nationalstaaten und das Nationale erschreckt mich und hat etwas Rückwärtsgewandtes.

 

Die vergangene Flüchtlingspolitik der Schweiz (1939 oder 1942) und die Überfremdungsinitiative in den Siebzigerjahren werden im Film einbezogen. Was möchtest du den Zuschauern mitgeben?
Ich möchte zu bedenken geben, dass sich die Flüchtlings- und Immigrationsgeschichte in der Schweiz seit 100 Jahren zwischen zwei Polen abgespielt hat: Zwischen Angst vor Überfremdung – das Wort ist übrigens eine schweizerische Erfindung – und Humanität und Offenheit. Das schwingt bis heute mit. Das, was sich jetzt abspielt, hat eben eine lange Tradition.

 

Ist dein Film auch ein Fall fürs Ausland?
Keine Ahnung. Wir gehen im November zur Duisburger Filmwoche. Dann wird sich das vielleicht klären.

 

 

Sabine Gisiger, geboren 1959 in Zürich, Studium in Zürich und Pisa.Dissertation über die Geschichte der Dienstmädchen. Seit 1990 freie Filmschaffende:
Dokfilme:
2000 «Do it», Kino-Dok, 2003 «Homeland» TV-Dok,, 2005 «Gambit», Kino-Dok, 2010 «Guru», Kino-Dok, 2014, «Yalom’s Cure», Kino-Dok, 2014 «Friedrich Dürrenmatt im Labyrinth», TV-Dok, 2015 «Dürrenmatt, eine Liebesgeschichte», Kino-Dok. 2017 «Willkommen in der Schweiz», Kino-Dok. Dozentin für Dokfilm an der ZHdK (Masterklasse) in Zürich und der Hochschule Luzern. Mitglied der Schweizer Filmakademie und der Europäischen Filmakademie.

 

 

Filmtipps

 

Papa Moll
rbr. Biedermann in Aktion. Pausbäckig, mit einem dünnen Haarbüschel auf der Glatze, Bauch und Kulleraugen – so kennt man den Bünzli, der 1952 kreiert wurde und seither die Schweiz mit seinen tollpatschigen Aktionen beglückte. Edith Oppenheim-Jonas schuf den Biedermann, der erstmals 1953 in der Kinderzeitschrift «Junior» auftauchte. Seit 1967 erschien «Papa Moll» auch in Buchform. Über 1,5 Millionen Exemplare wurden seither verkauft. Comicheld «Papa Moll» wurde zum Schweizer Kulturgut wie «Heidi», «Schellen-Ursli» oder «Globi». Der überforderte, linkische Familienvater, aber auch Hausmann, chaotisch und liebenswert, hatte einen erzieherischen Auftrag: Er steht für Familiensolidarität und Liebe zu Kindern, Gradlinigkeit und Warmherzigkeit. Die Filmemacher Manuel Flurin Hendry (Regie), Lukas Hobi und Reto Schaerli (Produktion) hatten genau dies im Sinn. Sie wollten den verstaubten Biedermann in die heutige Kinowelt verpflanzen. Und das ist rundweg gelungen, rein äusserlich (mit dem Touch der Fünfzigerjahre), aber auch im Kern, in der Geschichte. Gedreht wurde hauptsächlich im Kanton Aargau (Bad Zurzach, Baden), in Köln (MMC-Filmstudios) und Görlitz (Oberlausitz an der polnischen Grenze), Schauplatz der Schokoladenfabrik (eigentlich die Brauerei Landskron).
Papa Moll (Stefan Kurt, perfekt aufgepeppt und ausgestattet) hat Mühe, seine Rasselbande, die forsche Evi (Luna Paiano), den ängstlichen Willy (Yven Hess) und den rebellischen Fritz (Maxwell Mare), an den Zügeln zu halten. Die Familienkontrolle entgleitet ihm, als Mama Moll (Isabella Schmid) zu Wellness-Tagen nach Bad Zurzach fährt und er ausgerechnet an diesem Wochenende vom Chef (Philippe Graber) in die Schokoladenfabrik zwecks Behebung einer Störung gerufen wird. Die Fehde mit den verfeindeten Stuss-Kindern Jackie (Lou Vogel) und Johnny (Livius Müller-Drossaart) eskaliert, und die Fabrikmaschinen laufen Amok. Papa Moll erlebt sein familiäres und berufliches Fiasko. Ist Moll samt Anhang noch zu retten, als sie gar hinter Gittern landen?
Nach bedächtigem Beginn dreht sich die Slapstick-Komödie immer schneller und schriller. Dazu tragen auch die Eskapaden um den Zirkushund Katovl bei, den die Kinder befreien und der dann in Tschips umgetauft wurde. Irgendwie kriegt Papa Moll den Dreh, wächst über sich hinaus, dreht Wachtmeister Grimm (Erich Vock) und dem Stuss-Patron (Martin Rapold) eine Nase. «Papa Moll», der nostalgische Film mit einem Budget von 5,7 Millionen Franken, ist in den Fünfzigerjahren beheimatet, kommt aber recht frisch daher: Eine kitschige beschauliche Bildgeschichte mit satirischen Seitentönen. Er leugnet seinen Comic-Charakter nicht, versprüht altmodischen Charme und vergnügt so auf putzige Weise: Zuckerwatte statt Popcorn sozusagen, kurioses Kasperlabenteuer statt Actionnonsens.

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Das bescheuerte Herz
rbr. Herzhafte Verbundschaft. Das kennen wir doch: Zwei unterschiedliche Menschen und Schicksale werden miteinander verknüpft, zuerst widerwillig, dann aus eigenem Antrieb. Man denke an den Kinohit «Ziemlich beste Freunde» (Intouchables), der Freundschaft zwischen dem zur Bewegungslosigkeit verdammten Philippe und seinem schwarzen Pfleger. Die wahre Geschichte macht nun auch als Theaterstück Karriere – mit Hanspeter Müller-Drosshaart als querschnittsgelähmten Philippe. Thematisch eng an diese Konstellation lehnt sich die Geschichte vom «Bescheuerten Herz». Auch hier treffen nicht nur zwei Welten, sondern auch Existenzen aufeinander: Der 15jährige David ist von Geburt herzkrank und hat mit seinem Leben halbwegs abgeschlossen. Medizinisch bestens versorgt durch Dr. Reinhard (Uwe Preuss), aber seelisch…? Der Herzkranke ist dem Herzspezialisten ans Herz gewachsen. Reinhard kommt auf eine verwegene Idee: Sein Sohn Lenny um die 30, ist ein Luftikus, Partyhengst und Lebensverschwender. Er liegt Papa auf der Tasche und versenkt auch mal seinen Sport-Audi in Papas Swimmingpool. Doch dann wird dem «Lebenskünstler» von Papa der Geldhahn zugedreht, den der ihn erst wieder öffnen will, wenn Lenny sich mit besagtem David abgibt, um dessen Leben (nochmals) lebenswert zu machen. Lenny murrt und beugt sich. Und Lenny entdeckt tatsächlich sein Herz für den Teenager und bemüht sich, eine Liste von 25 Wünschen zu erfüllen. Dabei geht es um schicke Klamotten, eine rasante Autofahrt, nackte Brüste, Bekanntschaft eines Mädchens, aber auch um das Lachen/Glück seiner Mutter Betty (Nadine Wrietz). Das geht dem locker-lässigen Lenny an die Nieren, er will den «Job» hinschmeissen.
Das tönt sozial-märchenhaft geschönt, hat aber Sinn, Herz und Verstand, und beruht auf einer wahren Begebenheit. Verschönt wird sie durch Flirt und Liebe, auch seitens Nothelfer Lenny (von «Fuck you Göthe»-Star Elyas M’Barek, sehr diszipliniert). Opfer/Held David, überzeugend verkörpert vom heute 16-jährigen Philip Noah Schwarz (Kinodebüt), begegnet ebenfalls seinem Traummädchen.
Manchmal ist das Leben so brutal, gleichwohl (kitschig) schön sein – im Kino. Marc Rothemund («Mein Blind Date mit dem Leben», auch nach wahren Gegebenheiten) bringt dies lebensfroh auf die Leinwand – nicht ohne tragischem Touch. Der Film stimmt – von den Darstellern bis zur Musik (mit Songs wie «If You Leave Me Now» oder «Hallelujah») – und geht zu Herzen.

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Anna Karenina – Wronski’s Geschichte
rbr. Eine Liebe, die zugrunde geht. Ein Klassiker der Liebes-Weltliteratur wie «Romeo und Julia» oder «Dr. Schiwago»: Leo Tolstois «Anna Karenina». Etwa sechzigmal wurde der Stoff verfilmt. Bedarf es da noch einer weiteren Variante? Die Frage erübrigt sich, denn dieselbe Frage könnte man auch bei biblischen Geschichten, den Sagen Homers, antiken Mythen bis zu König Arthus und seiner Tafelrunde stellen. Interessant ist die Frage des Ansatzes, der Perspektive, der Darstellung. Und in diesem Fall haben wir es mit einer russischen Variante zu tun. Regisseur Karen Schachnasarow und sein Drehbuchautor Alexei Busin wählen einen neuen Blickwinkel. Sie erzählen die tragische Liebesgeschichte aus Sicht ihres Liebhabers Wronski. Und so beginnt das grosse Drama nicht in der russischen High Society, sondern auf einem Schlachtfeld 1904 in der Mandschurei. Offizier Wronski (Maxim Matwejew) ist ein Opfer des Russisch-Japanischen Krieges und verletzt. Der Arzt, der ihn versorgt, ist Sergei Karenin (Kririll Grebenschtschikow), Sohn jener Anna (Jelisaweta Bojarskaja), die Wronski einst geliebt und verloren hatte. Der Geliebte erinnert sich an seine Geliebte, an die gesellschaftlichen Verhältnisse, Bürden und Zwänge. Anna war mit dem Beamten Karenin (Witali Kischtschenko) verheiratet, wehrte sich gegen das Werben des jungen reichen Grafen und gibt nach. Diese Liebe reisst beide in einen Strudel gesellschaftlicher Abgründe. Ehemann Karenin versucht die Fassung zu wahren, Anna vor den Folgen zu schützen, doch die bricht aus ihrem Käfig aus, gebärt Sergei, sieht sich als gehetzte Aussenseiterin gefangen, verlassen. Ihr Sohn versucht dreissig Jahre danach, Licht in die Affäre und um ihren Tod zu bringen. Rätsel bleiben. Und das ist eine der Qualitäten dieser opulenten Verfilmung. Sie weitet den Blickwinkel über die menschlichen Unzulänglichkeiten und Liebesfalle hinaus aus. Die Idee, den Roman «Anna Karenina» in Rückblenden aufzuschlüsseln, begründet sich auf den Aufzeichnungen des Arztes Wikenti Weressajew, der anscheinend den Grafen Wronski im Lazarett behandelt haben soll. So oder so – das opulente Opus «Anna Karenina» ist Kostümschinken und Liebesdrama, melodramatisches Gesellschaftspanoptikum und Gemälde zugleich, ein monumentales Kinowerk der Marke Hollywood, made in Russia heute.

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Star Wars: The Last Jedi
rbr. Aufgerüstet: Verjüngung eines alten Mythos. Man bedenke: Er war noch ein recht junger Spund, als er mit dem später berühmten Laserschwert Luft und Gegner zerteilt – vor 40 Jahren! Im Jahr 1977 betrat Mark Hamill alias Luke Skywalker die Weltall-Bühne. Nun ist er zurück, der Star-Krieger, der freilich mit Krieg, Kampf und dem ganzen Imperium nicht mehr viel im Sinn hat. Luke hat sich auf eine einsame Insel zurückgezogen (versteckt) – zusammen mit ein paar absonderlichen Pinguinen mit Kulleraugen. So war es schon in der siebten Episode der «Star Wars»-Saga (Erwachen der Macht/The Force Awakens) zu sehen. Die Kämpferin Rey (Daisy Ridley) hatte ihn heimgesucht und das Schwert gebracht. Nun stöbert sie abermals den alten einsiedlerischen Kauz in seinem Exil auf (gedreht wurde übrigens auf der irischen Felseninsel Skellig), bittet um Unterweisung und Hilfe gegen die übermächtige Erste Ordnung (First Order). Doch der desillusionierte Zyniker verweigert sich. Zwei alte Bekannte aus der dreifachen Trilogie tauchen auf: Der vollkörperbehaarte Pilot Wookie Chewbacca (Peter Mayhew) und Prinzessin Leia (Carrie Fisher, sie verstarb im Dezember vor einem Jahr). Sie organisiert den letzten Widerstand gegen die Tyrannenherrschaft der Ersten Ordnung. Doch ihr Gegenspieler, der Fascho-Oberbefehlshaber Snoke, hat die Macht in der Hand und im abtrünnigen Leia-Sohn und Vatermörder Kylo Ren (Adam Driver) einen starken Verbündeten. Die letzten Kräfte und der letzte Jedi müssen mobilisiert werden, um einen Rest der Neuen Republik zu retten. Welche Laserschwerter sind stärker, auf welche Seite schlägt sich die Macht? Gelingt es Darth-Vader-Erbe Kylo Ren die rebellische Amazone Rey und Methusalem Luke auf seine Seite zu ziehen? Die Episode VIII «The Last Jedi» hält einige Überraschungen bereit. Das furiose Galaxien-Abenteuer verquirlt lustvoll alte «Star Wars»-Elemente, Figurationen und Verstrickungen – gleichwohl gespickt mit Actionpower, aber auch Psycho-Duellen, Flirtpassagen, kuriose Momente und Kreaturen. Auffallend ist auch, dass Regisseur Rian Johnson, der auch das Buch verantwortet, die Grenzen zwischen böser und guter, dunkler und heller Macht, Zweifel und Neigung, Sehnsucht und Verantwortung verwischt. Das Ende der alten Jedi-Kultur mag ein Anfang sein – für Episode IX (also der Vollendung der dritten Trilogie). Eine jüngere Generation führt nun das Lichterschwert mit einer starken Amazone an der Spitze. Im Jahr 2019 wissen wir mehr. Tipp: Ein bisschen «Star Wars»-Vorwissen würde den Spass an der Jedi-Saga und am Space-Kult vergrössern. Trotz (kurzer) Längen fesselt «The Last Jedi» über fast zweieinhalb Kinostunden – durch visuelle Kraft, fragile Verhältnissen und spannende Verflechtungen.
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Sami – A Tale From the North
rbr. Nordisch Diskriminierung. Anders sein, heisst fremd sein. Menschen anderen Aussehens, anderer Herkunft, anderer Sitten wurden (und werden) gemieden, beargwöhnt, gefürchtet, meistens diskriminiert und verfolgt, selten respektiert und integriert. Die Menschheit kann ein düsteres Lied davon singen. Das trifft auch – bei uns vielleicht weniger bekannt – auf die Samen (Lappen/Lappland) zu. Dies indigene Volk verstreut sich über Nationalgrenzen hinweg von Norwegen, Schweden über Finnland bis Russland. Die schwedische Filmautorin Amanda Kernell (samischer Vater, schwedische Mutter) greift eine Geschichte aus den Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts auf. Christina, ursprünglich Elle Marja geheissen, kehrt hochbetagt an den Ort ihre Kindheit zurück – zur Beerdigung ihrer Schwester Njenna. Sie hat vor Jahrzehnten mit ihrer Familie und den Samen gebrochen. Wie es dazu kam, erzählt die Geschichte «Sami» (Samoblod/Samenblut) in einer grossen Rückblende. Die junge Samin Elle (Lene Cecilia Sparrok) wird von ihrer Familie zusammen mit ihrer Schwester auf eine «Nomadenschule» geschickt, wo die Kinder gedrillt und auf Schwedisch abgerichtet werden (Samisch sprechen ist verboten). Eine erniedrigende Episode erleben wir, als die Samen-Schüler rassistisch vermessen und untersucht werden. Doch die begabte Elle will sich mit dieser Ausgrenzung nicht abfinden und nimmt Reissaus, was ihr die Schwester ein Leben lang nicht verzeiht. Elle legt ihre samische Herkunft ab (verleugnet sie) und schafft es, eine höhere Mädchenschule in Uppsala zu besuchen. Rigoros nutzt sie eine flüchtige Bekanntschaft mit Niklas, Sohn aus gutem schwedischem Hause, und macht allen Widerständen zum Trotz ihren Weg. – «Sami» – das ist ein schroffer, aktueller Film (trotz historischer Perspektive) über Diskriminierung von Minderheiten und Identität, menschliche Bosheit und Emanzipation, die ihre Opfer kostet. Maj-Doris Rimpi, samische Malerin und Künstlerin, verkörpert die alte Elle/Christina, die schmerzhaft Bilanz zieht und spät, zu spät Versöhnung findet. Ein Film, ergreifend wie authentisch.
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Ferdinand
rbr. Stierisch stark. Geboren wurde er eigentlich vor über 80 Jahren. Ferdinand, der friedlich Koloss auf vier Hufen – noch heute ist er stierisch stark. Ins (Kinderbuch)Leben setzten ihn Munro Leaf und Robert Lawson 1936. Walt Disney brachte ihn 1938 in Kino. Nun wurde er wiederentdeckt und gleich als Bester Animationsfilm für die Golden Globes 2018 nominiert, inszeniert von Carlos Saldanha (Blue Sky Studios, «Ice Age»). Jungbulle Ferdinand ist ein friedliches Kerlchen, hat mehr Freude an Blumen denn am Kampftraining. Doch auch er soll zum wilden Stier getrimmt werden. Sein Vater wird eines Tages vom Torero ausgesucht und von der Zuchtfarm in die Arena chauffiert. Wir ahnen es, was passiert. Der ahnungslose Ferdinand wohl auch und nimmt Reissaus. Er findet beim Bauernmädchen Nina ein Zuhause. Ferdinand wird gross und stark, bleibt aber seiner friedlichen Linie treu, bis er eines Tages einen Markt ramponiert und von Häschern entdeckt wird. Ferdinand eingefangen und auf die ihm bekannte Farm zurückgeführt. Er kann seinem Arena-Schicksal in Madrid kaum entkommen, aber da gibt es ein lustiges Freundestrüppchen, das ihn nicht im Stich lässt: Dazu gehören die Beruhigungsziege Elvira, verschiedene Bullen-Kumpane, drei Lipizzaner und nicht zuletzt eine agile, verwegene Igel-Bande. Klar, die märchenhafte Stier-Geschichte ist gegen den Strich gebürstet, Vorurteile werden unterlaufen, der blumenverliebte Stier ist friedvoll, auch wenn er mal in einem Porzellanladen ungewollt «aufräumt», der Torero wird einsichtig (ist also nicht «stier»), und die Blumen (Herzen) der Zuschauer fliegen Ferdinand eh zu. Die Blue Sky-Studios («Ice Age») schaffen den Balanceakt zwischen tödlichem Ernst und «Blümchensex», Spannung, Spass und Slapstick – ansehnlich. Kein Pamphlet gegen den Stierkampf, aber eine Liebeserklärung an Tiere – vom Igel bis zur Ziege und Bullen. Bestens geeignet für Kinder und Erwachsene.
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The Mountain Between Us
rbr. Leben, überleben, lieben. Das ist heutzutage fast schon normal. Passagiere bleiben am Flughafen hängen – aus verschiedenen Gründen. Hier sind es die Fotojournalistin Alex (Kate Winslet) und der schwarze Neurochirurg Ben (Idris Elba, bekannt durch die TV-Serie «Luther», durch Rollen in «Star Trek Beyond», «The Dark Tower» und «Thor»). Sie bleiben wegen eines Schneesturms in Idaho stecken, müssen aber unbedingt weiter. Er muss zu einer lebenswichtigen Operation, sie zur Hochzeit. So mieten sich die beiden also ein klappriges Privatflugzeug und geraten prompt in Turbulenzen. Der Pilot stirbt, sie stürzen ab. Bis auf ein verletztes Bein geht’s den in einsamer Bergwelt gestrandeten Passagieren ordentlich. Man muss sich zusammenraufen gegen die Unbilden der Natur, Eis und Schnee und auch mal gegen einen Puma. Die beiden unterschiedlichen Charaktere – sie eher risikobereit und offensiv, der dagegen vorsichtig, kontrollierter – kommen sich zwangsläufig näher. Dafür sorgt schon das Drehbuch von Chris Weitz, beispielsweise als Alex, die Draufgängerin, vom dünnen Eis ins eiskalte Wasser plumpst und Ben sie retten und wärmen muss. Die beiden Verschollenen versuchen sich zur Zivilisation durchzuschlagen und… Siegt der Mensch über die Natur und schweisst der Überlebenswille Liebesbande? Der aus Palästina stammende Regisseur Hany Abu-Assad  inszenierte ein Überlebensdrama, das sich hinzieht und zum Liebesfilm mutiert. Ein paar eingestreute Zwischenfälle tragen nur mässig zur Spannungsförderung bei. Man runzelt die Stirn, kann sich freilich an der grandiosen Bergkulisse sattsehen (gedreht wurde im Columbia Valley, Washington). Wer eine «wilde», heroische Liebesromanze liebt, kommt auf seine Kosten.
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Mountain
rbr. Ode an die Berge. Berge sind «in» – als Kulisse oder als dramatisches Element. Ein Pärchen kämpft in den Rockies ums Überleben in «Mountain Between Us», ein Familiendrama spielt sich in den Südtiroler Bergen ab («Drei Zinnen») und Ötzi, «Der Mann aus dem Eis» und (Jürgen Vogel), spukt aus der Steinzeit im Kino. Der Dokumentarfilm «Mountain» ist da von anderem Kaliber. Die Regisseurin Jennifer Peedom hat Berge heimgesucht und «eingefangen» – von den Alpen über Afghanistan bis zur Antarktis, von Papua-Neuguines bis nach Japan und bis zum Himalaya. Am Anfang steht die Majestät der gewaltigen Kulisse im Vordergrund, dann die «Eroberung» durch Menschen (Tourismus), die Nutzung (Wintersport), Ausbeutung, Missachtung. Mit Kommentaren hält sich Jennifer Peedom zurück, allein Willem Dafoe wirkt als Erzähler mit. Die Bilder von der ungeheuren Gewalt und Majestät der Bergwelt, die wilden Extrem-Skifahrer, Kletterer, Bewunderer und Bewohner sprechen für sich. Der Film, koproduziert mit Sherpa Films, beeindruckt durch seine gewaltige Bild- und Aussagekraft. Grossen musikalischen Anteil daran haben Richard Tognetti und das Australian Chamber Orchestra.
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Lucky
rbr. Abschied mit einem Lächeln. Er stakst durch die karge Landschaft zwischen Kakteen und Bergen im Hintergrund. Eine Schildkröte, nein die Landschildkröte «Präsident Roosevelt», zieht gemächlich ihres Weges. Sie ist, stellt sich später heraus, ihrem «Besitzer» Howard (David Lynch) davongekrochen. Das juckt den Schmalbrust-Cowboy Lucky nicht die Bohne. Nach dem morgendlichen Ritual – Wecken (Radio), Zähneputzen, Yoga-Übungen und Zigarette (oder umgekehrt) – stiefelt der Mann (tatsächlich in Cowboy-Boots und -Hut) von seiner Wohnung zum Restaurant, um zu frühstücken und Kreuzworträtsel zu lösen. Dann zurück zum Haus, um bei irgendwelchen Gameshows oder Quizsendungen am Fernsehen die Zeit totzuschlagen. Abends trifft sich dann der schlaksige Methusalem, eine Art «Lucky Luke» in Rente, in seinem Stammlokal mit Freunden und Gästen, um Alltägliches zu bequatschen, besonders aber Lebensphilosophisches zu diskutieren. Da geht es um Realismus und die Wahrheit, um Vergehen, Einsamkeit und Ängste, nicht zuletzt um «Ungatz» (ein Ausdruck bei italienischen Einwanderern und der Mafia gängig), sozusagen der Weisheit letzter Schluss. Zur Stammtischtheke gehören die Wirtin, die den Dauerraucher Lucky die Zigarette im Lokal verbietet, Howard mit der verlorenen Schildkröte, oder ein «Eindringling», von Lucky verspottet, beschimpft, madig gemacht. Andererseits trifft Lucky beim Frühstück einen Ex-Marine Fred (Tom Skerritt), und alte Kriegszeiten werden lebendig. Der gleichförmige Alltag des notorischen Griesgrams Lucky wird durchbrochen, als er die Einladung einer älteren Frühstücks-Serviertochter mit mexikanischen Wurzeln zum Geburtstag ihres Enkels annimmt. Lucky entpuppt sich als Seelenmensch, der mit seinem mexikanischen Lied alle zu Tränen rührt. Die wohl innigste Szene des Films, den John Carroll Lynch mit und um Altstar Harry Dean Stanton inszeniert hat. Wenn sich der 91-Jährige als Lucky im Wüstenstädtchen bewegt, redet oder auch nur den lakonischen Beobachter spielt, kommen Erinnerungen auf an Filme wie «Paris, Texas» von Wim Wenders, an «Wild at Heart» oder «Twin Peaks» von David Lynch. Hier mimt nun er mit stoischer Ergebenheit und Hingabe den abgedankten Cowboy, der Angst hat, als Atheist gleichwohl die nahe Zukunft (Tod) gelassen fatalistisch entgegensieht – Ende mit einem Lächeln. Wenige Wochen (am 15. September 2017) nach der Aufführung von «Lucky» am Filmfestival Locarno starb Harry Dean Stanton in Los Angeles.
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Glow
rbr. Aufstieg und Fall einer Szene-Ikone. Es ist noch nicht lange her, dass sie aus der Versenkung geholt und auf ein Plakat gehievt wurde: Man pries Lady Shiva als Ikone der Postmoderne an – für eine Ausstellung 2013 im Landesmuseum, Zürich. Irene Staub war eine aufsässige Diva und Dirne Ende der 68erJahre, wurde Pop- und Mode-Ikone, Muse und Showgirl. Sie bot sich an und wurde angeboten als faszinierende Underground-Frau. Sie stand Walter Pfeiffer, über den aktuell der höchst sehenswerte Dokumentarfilm «Walter Pfeiffer – Chasing Beauty» in den Kinos zu sehen ist, Model, kam auch «Rolling Stones» Mick Jagger nahe, tingelte durch die Nächte in Berlin und Rom, stellte sich Federico Fellini vor. Doch der Meister erkannte in der Muse und Model-Lady das Feuer und das Erlöschen. Er soll bemerkt haben, dass solch eine Frau, die so sehr glüht, in ein, zwei Jahren verlöschen wird. Das Glühen in ihr zehrte sie auf. Sie starb so mysteriös, wie sie gekommen war – bei einem Motorradunfall 1989 in Thailand, 37 Jahre jung. «Glow» hat denn auch die Filmerin Gabriel Baur ihren Dokumentarfilm überschrieben. Sie schuf nicht nur ein glühendes, modisch wie menschliches Porträt dieser aussergewöhnlichen Erscheinung und Diva, sondern auch ein Zeitbild der späten Sechziger- bis Achtzigerjahre. Dazu beitragen haben neben vielen Dokumentaraufnahmen vor allem Statements von Leuten, die mit Lady Shiva in Berührung kamen, sie kannten, halfen, versagten. Die Modepionierin Ursula Rodel etwa, die Irene Staub nicht von ihrem «Lady Shiva»-Trip herunterholen, ihr die Zweifel und Einsamkeit nehmen konnte. Gabriel Baur beschreibt fundiert, bewegend und berührend die Odyssee einer Frau, die Grenzen sprengte und letztlich daran zerbrach.
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Madame
rbr. Herrin und Dienerin im Clinch. Man kennt das Spiel aus der Literatur oder dem Theater (Brechts «Herr Puntila und sein Knecht Matti» etwa.): vertauschte oder gleichgeschaltete Rollen. Und so geht’s auch in der Gesellschaftskomödie um «Madame» von Amanda Sthers zu. Aus der Not («Keine 13 Gäste am Tisch!») wird das reife spanische Dienstmädchen Maria (Rossy de Palma) von der Hausherrin Anne (Toni Colette), respektive «Madame», zum High-Society-Gast befördert. Sie soll anwesend sein, aber den Mund halten und nicht zu viel trinken. Hausherr Bob (Harvey Keitel) sieht der Inszenierung skeptisch entgegen, findet aber ebenso wie ein Gast, der britische Kunsthändler David (Michael Smiley), Gefallen an der extraordinären, erfrischend offenen Spanierin. Maria verliebt sich und David auch (ein bisschen?). Das böse Gesellschaftsspiel scheint sich zum Happy-end zu wenden, aber böse funkt die arrogante Madame Anne dazwischen… Die ironisch-satirische Gesellschaftsfarce schlägt anfangs bissige Töne an, outet eine hochnäsige Oberschicht und führt ihren Zynismus, ihre menschliche Verachtung und hybride Selbstgefälligkeit vor – in Paris auf Englisch! Doch mit zunehmender Dauer verliert die Tragikomödie an Biss und Pfiff und mutiert zum schmalzigen Techtelmechtel – freilich ohne Erfüllung. «Madame» ist keine Offenbarung – weder als Film noch im Film (Toni Collette mimt, grimassiert, aber überzeugt nicht). Die Konstellation – hier die eitle Lady, dort das «Aschenputtel» – ist leicht durchschaubar und voraussehbar – leider. Der Stoff, als Gesellschaftssatire angelegt, wird zur Seifenoper. Schade drum!
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Walter Pfeiffer – Chasing Beauty
rbr. Ein Mann mit Auge, Charme und Kultur. Er ist ein Phänomen: Der Zürcher Walter Pfeiffer (*1946) begann als Dekorateur in Zürich (EPA), wurde Grafiker (Globus) und entdeckte um 1972 die Kamera. Schönheit schrieb er auf seine Fahnen. Schöne Körper faszinierten ihn, und er lichtete nackte Männer ab, drapierte, inszenierte und fand Aufmerksamkeit, zuerst in der Schwulenszene und dann in der Modebranche. Internationale Magazine wie «Vogue», aber auch Firmen wie Migros oder Dior engagierten ihn. Sein Durchbruch als Fotograf gelang ihm um 2001 mit dem Fotoband «Welcome Aboard, Photographs 1980-2000», herausgegeben vom Schauspieler Patrick Frey. Der Luzerner Iwan Schumacher, der in letzten Jahren vor allem Künstlerporträts schaffte (über Urs Fischer, Amiet oder oder Markus Raetz), belichtete den Fotografen, der als Künstler entdeckt und taxiert wurde und wie beispielsweise Helmut Newton zum Objekt von Museen wurde. Er ist etwa im Kunstmuseum Zürich, Fotomuseum Winterthur oder Elton John Photography Collection (Tate Modern, London) zu sehen. Schumacher hat das Glück, Walter Pfeiffer lebendig und aktiv einzufangen und zu beleuchten – sozusagen von Innen und Aussen. Wegbegleiter, Freunde, Förderer, Modelle von gestern wie heute äussern sich, werfen ein persönliches Licht auf den Künstler mit dem Blick für den schönen vielsagenden Augenblick. Seine Aufnahmen erzählen Geschichten, regen an, hinterfragen manchmal spitzbübisch den Moment. Schumachers Dokumentarfilm ist ein kleines Juwel – Zeitbild wie Porträt, Kunststück wie Hommage. Sehr sehenswert.

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All I See Is You
rbr. Wenn einer Frau die Augen aufgehen… Sie sind allem Anschein nach ein glückliches Paar: Gina (Blake Lively) und James (Jason Clarke) lieben sich, leben in Bangkok. Er kümmert sich liebevoll und fürsorglich um seine erblindete Frau. Sie hat ihr Augenlicht als Kind bei einem Autounfall verloren, nimmt nur Schatten wahr und hat sich in ihrer Schemenwelt eingelebt. Eine Operation könnte ihr die Sehkraft zurückgeben. Sie wagt den Schritt. Da geht Gina nicht nur ein Licht auf, sondern sie nimmt die Welt mit «anderen Augen» wahr. Diese neue Realität und Wahrnehmung verändern im wahrsten Sinn des Wortes ihr Weltbild. Die Beziehung zwischen Gina und James verändert sich. Bisher war sie von ihrem Mann abhängig, aber nach dem Eingriff… «Wenn diese Abhängigkeit plötzlich nicht mehr existiert, kommt der Punkt des Loslassens wie bei einer Mutter und ihren Eltern», erklärte Filmer Marc Forster. Er hat sich intensiv mit der Schattenwelt der Blinden auseinander gesetzt, hat mit Betroffenen gesprochen, eine Farbpalette und ein Schattenszenarium zusammen mit Kameramann Matthias Königswieser entworfen. Der Film wirkt teilweise wie ein Experiment. Gina war blind und wird sehend im Psychodrama «All I See Is You». Sie orientiert sich neu. Das irritiert sowohl den Ehemann als auch die Zuschauer. Die Rolle des Ehemanns ist nachvollziehbar. Er wird verunsichert, weil seine Partnerin ihn nicht mehr so braucht wie vorher. Die Schauplätze Bangkok und Barcelona, zwei verschiedene Welten und Männer. Die Figur des Ramon, Ehemann von Ginas Schwester in Barcelona, ist das Gegenbild zu Ginas Mann, Ramon kennt keine Grenzen.
Marc Forster, in Deutschland geboren (1969), in der Schweiz aufgewachsen, lebt vornehmlich in den USA. Er hält gern alle Fäden in der Hand (Buch, Regie, Produktion). Mit diesem Psychodrama wagt er sich auf dünnes Eis. Die Konstellation ist spannend, doch der Film vermag über 110 Minuten nicht zu fesseln, sondern wirkt konstruiert. Das Interesse am Liebespaar zwischen Halten und Loslassen verliert sich auf Dauer.

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La belle et la meute
rbr. Eine Frau gegen eine Männermeute. Es beginnt es ganz harmlos – im Film wie im Leben. Junge Frauen im Ausgang. Die Studentin Mariam (Mariam Al Ferjani) nimmt an einer Uni-Partyteil mit einer Freundin teil, feiert, tanzt und flirtet mit Youssef (Ghanem Zrelli). Die beiden suchen Zweisamkeit am Strand und werden aufgegriffen. Schnitt. Dann sieht man Mariam davon rennen – weswegen und vor wem? Allmählich erfahren Youssef und wir Zuschauer, was vorgefallen ist. Polizisten haben das Pärchen «kontrolliert», drangsaliert, getrennt. Sie wurde anscheinend ins Auto gezerrt und vergewaltigt. Youssef konnte ihr nicht helfen, steht ihr nun aber bei und bestärkt sie darin, die Tat anzuzeigen. So beginnt eine erniedrigende Odyssee durch die Nacht und Institutionen. Ärzte, Schwestern, Polizeibeamte, Staatsanwälte sperren sich, schieben die Verantwortung von einer Stelle zur anderem. Staatsorgane verweigern sich, natürlich auch weil Polizisten involviert sind. Von Strafverfolgung also keine Spur. Angezweifelt, verhöhnt, bedrängt, bedroht – Mariam ist männlicher Anmassung und Arroganz ausgesetzt. Natürlich will Mann vertuschen, verdrängen. Polizisten greifen Mariam an, erpressen sie, wollen sie zum Widerruf zwingen. Sie ist zur Bedrohung des Macho-Apparats und Systems geworden. Im Jahr 2012 hat sich tatsächlich ein derartiger Fall in Tunis ereignet. Das Verbrechen schlug hohe Wellen in den tunesischen Medien. Regisseurin und Autorin Kaouther Ben Hania hat den Vorfall aufgegriffen und inszeniert. Das Drama einer Nacht: Mariam wird aus der Not zur Jean d’Arc, kämpft gegen eine Männermeute, die angeblich dem Staat dient. Natürlich dürfen diese «Diener» nicht in Frage gestellt oder gar in Misskredit gebracht werden darf.
Der Film beschreibt sehr nah und authentisch nicht nur eine persönliche Begebenheit, bittere Erfahrung und Entwicklung, sondern erweist sich auch als Parabel über Tunesien nach 2011, widerspiegelt den machistischen Machtapparat und Individuen, die sich wehren. Ben Hanias mutige Fiktion wird zum Plädoyer für Frauen, aber auch für Recht und Respekt – nicht nur im arabischen Raum. Ein denkwürdiger packender Psychothriller im dokumentarischen Stil.
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Battle oft the Sexes
rbr. Service und Smash um Gleichberechtigung. Es ist noch nicht lange her, dass der schwedische «Eisberg» Björn Borg gegen den US-Rotzlöffel John McEnroe im Kino antrat. Die beiden duellierten sich im Wimbledon-Final von 1980. «Borg/McEnroe» von Janus Metz ist eine Charakter- und Winner-Studie, bei dem sich fast alles um Tennis dreht. Im «Battle oft the Sexes» (Kampf der Geschlechter) wird zwar auch um Spiel, Satz und Sieg gekämpft, aber nur vordergründig. Die Regisseure Valerie Faris und Jonathan Dayton bieten zwar auch spektakuläres Tennis, aber erst gegen Filmschluss beim Showdown im Astrodome von Houston vor über 30 000 Zuschauern. Sie greifen eine historische Begebenheit auf: Die zwanzigfache Wimbledon-Siegerin (6mal im Einzel, 10mal im Doppel und 4mal im Mixed) Billie Jean King forderte den US-Sieger Bobby Riggs heraus: Die dazumal 29jährige Spitzenspielerin gegen das alternde Grossmaul Riggs (55). 90 Millionen Zuschauer sollen 1973 den Showkampf am Fernsehen verfolgt haben. Dabei ging es nicht so sehr um Dollars, sondern vor allem um einen Image- und Geschlechterkampf Mann gegen Frau. Dazumal galt die Frau als zweitrangig, prädestiniert für Küche und Bett, gesellschaftlich, politisch und sportlich herabgestuft. Billie Jean King, 1943 in Long Beach, Kalifornien, geboren, kämpfte gegen diese Diskriminierung, forderte Gleichberechtigung, auch finanziell. Nebenbei, erst seit 2007 erhalten Frauen wie Männer das gleich hohe Preisgeld in Wimbledon.
Der US-Spielfilm – mit viel Sensibilität für die Siebzigerjahre und den Zeitgeist inszeniert – taucht tief in das Geschäft Tennis ein, beschreibt den Ex-Tennisstar und Tour-Drahtzieher Jack Kramer (Bill Pullman), einen erklärten Frauenfeind, die Managerin Gladys Heldman (Sarah Silverman), Gründerin des «World Tennis Magazin», die den Widerstand organisiert, oder den Gambler Bobby Riggs (Steve Carell), ebenfalls ehemaliger Tenniscrack. Der eine, Riggs, aus Überheblichkeit wie der andere als purer Macho (Kramer) fühlen sich gegenüber Frau, speziell im Sport und Business, haushoch überlegen. Aber wie man sich denken kann: Es kommt anders.
Auch wenn man um die historischen Geschehnisse weiss, bleibt das sportliche Psychodrama von Faris/Dayton spannend und prickelnd bis zum Schluss. Neben dem Kampf um Anerkennung, Respekt und Gleichberecht. Sie ist mit dem herzensguten, verständigen Ehemann Larry King (Austin Stowell) verheiratet, verliebt sich aber in die Coiffeuse Marilyn (Andrea Riseborough). Das musste geheim bleiben, denn Sponsoren und der Öffentlichkeit hätte diese lesbische Liebe kaum akzeptiert. So erweist sich der kämpferische, gleichwohl unterhaltsame Film auch als Liebeserklärung an freie Liebe, als Abgesang auf Chauvinismus und Machismus – mit einer erstaunlichen, überzeugenden Emma Stone als Vorkämpferin Billie Jean King. Service, Satz und Sieg im «Battle oft the Sexes» für die Frau!

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Aus dem Nichts

I.I. Aus dem Nichts zerbricht Katjas Leben, als ihr Mann und Sohn bei einem Bombenanschlag ums Leben kommen. Katjas (Diane Kruger) Welt bricht zusammen, als ihr kurdischer Mann Nuri (Numan Acar) und ihr sechsjähriger Sohn Rocco (Rafael Santana) von einer Nagelbombe zerfetzt und getötet werden. Eindringlich vermittelt Diane Kruger, die erstmals in einem deutschen Film die Hauptrolle spielt und dafür in Cannes die Goldene Palme 2017 erhielt, die vom Schmerz wie betäubte Frau. Sie spielt mit Suizid-Gedanken. Gerade noch rechtzeitig verhaftet die Polizei das Neonazi-Paar Edda (Hanna Hilsdorf) und André Möller (Ulrich Friedrich Brandhoff), die durch die vorgelegten Beweise schwer belastet werden. Andrés Vater (Ulrich Tukur) gab der Polizei den entscheidenden Hinweis. Im Prozess vertritt Nuris Freund, der Anwalt Danilo Fava (Denis Moschitto) Katja als Nebenklägerin. Die Hoffnung, dass die Täter bestraft werden, gibt ihr die Kraft, jeden Tag im Gericht zu erscheinen, wo sie den reuelosen Neonazis gegenübersitzt. Dem spitzfindigen Verteidiger Haberbeck (Johannes Krisch) gelingt es, Zweifel an der Glaubwürdigkeit Katjas zu säen, indem sie nach dem Anschlag Drogen konsumierte, was ihre Aussage, die Täterin mit dem Velo und einem Rucksach gesehen zu haben, beeinträchtigt. Das Gericht entscheidet im Indizienprozess im Zweifel für die Angeklagten. Dieser Film ist ein Fanal gegen den Rassimus. In einem Interview sagte Regisseur Fatih Akin («Gegen die Wand», 2004), in Hamburg geborener Sohn türkischer Eltern, er sei wütend gewesen wegen des laufenden schleppenden Münchner NSU-Neonazi-Prozesses, der das Gericht seit mehreren Jahren beschäftigt und die Täterschaft zuerst bei den Opfern sucht, schwer gezeichnet vom Verlust ihrer engsten Angehörigen. Den Film trägt in Grossaufnahmen ein Gesicht, eines Opfers, das sich nicht mit der Opferrolle begnügen und selbst tätig werden will, nachdem das Gericht die mutmasslichen Mörder freispricht. Ein Hohn! Nun setzt Katja, Alter Ego des Regisseurs, auf Rache und verfolgt eine Auge-um-Auge-Selbstjustiz. Sie fährt nach Griechenland ans Meer, wo sich die freigesprochenen Mörder aufhalten und plant eine Racheaktion. Der in epischen Bildern in Grautönen gehaltene melodramatische Thriller (ewiger Regen in Hamburg) evoziert in starken Farbbrüchen in drei Kapiteln Familie, Gerechtigkeit und Das Meer eine Nachinszenierung des Münchner Prozesses mit einem schockierenden Ausgang.
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Detroit

I.I. Rassismus und Rassenunruhen – Themen von brennender Aktualität. Von der ersten Minute an steht der Film von Kathryn Bigelow in Flammen, der auf die Rassenunruhen Ende Juli 1967 in Detroit zurückgreift. Fünf Tage standen Häuser in Flammen, nachdem weisse Polizisten Schwarze erschossen hatten. 43 Tote, über 1000 Verletzte war die Bilanz. Am nächsten Morgen nach dem Bürgeraufstand versucht ein schwarzer Kongressabgeordneter die Lage zu beruhigen, doch die Stimmung ist zu aufgeheizt. Strassen füllen sich mit Rauch, Schaufenster werden zerstört, Geschäfte geplündert, ganze Häuser angezündet. Die lokale Polizei, die Staatspolizei und die Nationalgarde rollen mit Panzern an, um das Chaos zu stoppen. «Das sieht nicht nach Amerika aus, sondern wie Vietnam», sagt der junge weisse Polizist Krauss (Will Poulter). In der nächsten Szene erschiesst er einen vermeintlichen Plünderer. «Du hast ihn in den Rücken getroffen», sagt ein ranghöherer Offizier später ratlos zu ihm. «Wo soll ich sonst hinschiessen? Er rannte vor mir weg», antwortet Krauss verwirrt. Der Vorgesetzte leitet eine Mordanklage gegen Krauss ein und schickt ihn dann unerklärlicherweise zurück auf die Strasse. Bigelow schildert die tragische Episode im Algiers Motel, wohin sich drei Schwarze flüchteten, die Polizei glaubt, dass ein Scharfschütze aus dem Algiers Motel auf sie geschossen hat, und drei Polizisten, angeführt von Krauss, stürmen das Gebäude. Drinnen amüsiert sich lediglich eine Gruppe junger Schwarzer mit weissen Frauen. Die drei Schwarzen werden von den Polizisten grausam verhört, gefoltert und schliesslich erschossen. Der vermeintliche Scharfschütze entpuppt sich später als Gast, der mit einer Startpistole herumgealbert hat. Das Gericht spricht die Cops frei, was den actionreichen Thriller umso aktueller macht, wie die vor 50 Jahren dokumentierten Geschehnisse in Detroit. Bigelow und ihr Drehbuchautor Mark Boal hätten genau recherchiert, Gerichtsakten studiert und mit Überlebenden gesprochen. Die 1951 im nordkalifornischen San Carlos geborene Regisseurin, die Kunst in San Francisco studierte, kam durch den Schweizer This Brunner zum Film, der seinerzeit die Zürcher Arthouse-Kinos programmierte und dafür sorgte, dass Bigelow 1981 mit einem Film in Locarno ins Programm kam. Für ihren radikalen Antikriegsfilm «The Hurt Locker» gewann sie 2010 als erste Frau einen Oscar als beste Regisseurin.

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Maria by Callas

I.I. Sie war die «Primadonna assoluta» – Maria Callas. Nun kommt der Film «Maria by Callas» über die vor vierzig Jahren verstorbene begnadete Opernsängern in die Kinos. Der Fotograf und Regisseur Tom Volf entdeckte Maria Callas zufällig, als er auf eine Aufnahme von ihr stiess, die ihn sofort fesselte und auf die Idee brachte, Maria Callas ein Projekt zu widmen. Drei Jahre lang bereiste er die Welt, um die wahre Maria Callas zu finden und befragte die letzten Überlebenden ihrer Generation. Volf arbeitete an dieser Dokumentation mit bisher ungesehenem Material und Opernausschnitten in enger Zusammenarbeit mit Nadia Stancioff, Maria Callas enger Freundin.
«Es gibt zwei Personen in mir, Maria und die Callas», reflektierte die weltberühmte Künstlerin, sie kehrt in den wiedergefundenen Filmaufnahmen und Interviews ihr Innerstes nach aussen, um selbst zu verstehen, wie sie vom braven Teenager zur absoluten Weltikone werden konnte. Maria by Callas erzählt die Geschichte eines aussergewöhnlichen und einzigartigen Lebens. Der Film enthüllt eine so leidenschaftliche wie kluge und sensible, warmherzige Persönlichkeit. Eine grosse Künstlerin auf der Suche nach Wahrhaftigkeit, Schönheit und Liebe – so nah war man der grossen Operndiva noch nie. Fanny Ardant.liest unveröffentlichte Briefe der Callas, u.a. an ihren Ehemann Meneghini, an ihre Gesangslehrerin und an Onassis, mit dem sie neun Jahre liiert war, bevor er Jackie Kennedy heiratete, was Onassis später als den grössten Fehler seines Lebens bezeichnete. Kurz vor der Scheidung von Jackie Kennedy verstarb Onassis. Die Beziehung zu Maria Callas hatte er nie aufgegeben und sie bezeichnete ihn als die grösste Liebe ihres Lebens. Tom Volf hat bereits einige Kurzfilme über die Oper gedreht und war drei Jahre für die audiovisuelle Kommunikation im Théâtre du Châtelet in Paris verantwortlich.
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Das Kongo Tribunal
rbr. Kriegerische Konflikte auf der Anklagebank. Der Berner Milo Rau (40) ist ein Theatermann und Filmer, der fiktive Prozesse inszeniert, eben Tribunale, die rein juristisch gesehen, gar nicht stattfinden, gleichwohl der Rechts- und Wahrheitssuche dienen sollen. Sie befassen sich mit Vorgängen, Entwicklungen, Konflikten und Verbrechen, die von der Jurisdiktion nicht verfolgt und aufgegriffen werden, vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag einmal abgesehen. Milo Rau hat «Die Moskauer Prozesse» (in Sachen Punkband Pussy Riot) oder «Die Zürcher Prozesse» (in Sachen «Weltwoche») initiiert. Nun steht der Kongo im Fokus, wo seit über zwanzig Jahre ein Krieg tobt, der über sechs Millionen Menschenleben gekostet hat. Rebellen, Milizen und Soldaten massakrierten Frauen, Kinder, Männer. Die Justiz, der Regierungsapparat und seine Träger sind unfähig oder nicht willens, einzugreifen und schützen. Viele von ihnen sind Profiteure, geschmiert, vernetzt, und in den Konflikt verwickelt, in dem es im Kern um Ausbeutung der Bodenschätze geht. Mitverantwortung tragen internationale Firmen wie die kanadische Banjo Corporation, die Goldminen ausbeutet, aber auch die untätige UNO. So wurde dem Schweizer UN-Vertreter Jean Ziegler verboten, an Milos Raus Tribunal teilzunehmen.
Rau hat 2015 zwei Tribunale ins Leben gerufen, in Berlin ein Hearing und im Ostkongo ein Volkstribunal, an dem Opfer und Zeugen, Experten, direkte und indirekte Beteiligte, Täter, Mitverantwortliche, Minister und gar der Gouverneur teilgenommen haben. Drei konkrete Vorfälle wurden behandelt, Videos vorgeführt, Anklagen und Aussagen vorgetragen. Konkret ging es beim Tribunal in Bukavu um ein Massaker im Dorf Mutarale, wo 30 Frauen und Kinder umgebracht wurden, sowie um Enteignungen und Zwangsumsiedlungen in den Schürfgebieten in Twangiza und Bisié. In Berlin wurden die internationalen Verflechtungen zwischen Weltbank, EU, UNO und multinationalen Unternehmen wie Banjo behandelt. Raus Dokumentation ist kein Prozessfilm, eher ein Aufruf und Weckruf, die Ausbeutung im Kongo und den mörderischen Konflikt anzuprangern, die Verantwortung auch westlicher Staaten wahrzunehmen und nicht zu vergessen, die Verflechtungen aufzudecken, die Verantwortlichen zu enttarnen. Aufklärungsarbeit mit grossem Engagement. «Es handelt sich um ein theatrales Tribunal », erklärt der Filmer, «bei dem aber alles echt ist: Vom Minenarbeiter über die Rebellen und zynischen Minister bis zum Anwalt aus Den Haag spielen sämtliche Teilnehmer nichts anderes als sich selbst.» Raus «Kongo Tribunal» zeigt auch, wie die Weltwirtschaft agiert und funktioniert. Seine Arbeit wurde mit dem Zürcher Filmpreis ausgezeichnet. Dadurch, dass der Film verschiedene Schauplätze hat und Sprünge evoziert, werden Zuschauer gefordert. Die Fronten verschwimmen ebenso wie die Verantwortlichkeit – von Tätern bis zu Funktionären, Managern, Staatsträgern. Es werden auch keine Urteile direkt gesprochen, doch das «Kongo Tribunal» ist der Wahrheit auf der Spur und zeigt Wirkung. Tatsächlich wurden unterdessen zwei Minister und der Gouverneur entlassen. Der Film, in verschiedenen Längen etwa für Fernsehausstrahlungen vorhanden, ist in eine Kampagne eingebettet – mit einem Buch (23,10 Franken, www.exlibris.ch/milo-rau), mit Diskussionen und Gesprächen. Weitere Tribunale sollen im Kongo stattfinden.
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Human Flow
rbr. Flüchtlingsströme – Menschen im Elend. 65 Millionen Menschen sind auf der Flucht, die grösste Völkerwanderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Konzeptkünstler aus Peking mit Wohnsitz in Berlin, Ai Weiwei, hat sich auf eine Reise entlang der Flüchtlings- und Menschenströme («Human Flow») begeben – über ein Jahr lang mit 25 Filmteams in 23 Ländern. Wir erleben, wie Schlauchboote mit Frauen, Kindern und Männern aufgebracht, Menschen in Italien und Griechenland (Lesbos) versorgt werden. Als Ai Weiwei während eines Ferienaufenthalts 2015 auf Lesbos Zeuge einer Landung von Flüchtlingen wurde, hat ihn diese globale Problematik nicht mehr losgelassen. Seine Filmteams waren in Syrien, Palästina oder Jordanien ebenso vor Ort wie in der östlichen Türkei oder im Libanon, aber auch in Afghanistan, Kenia, Pakistan oder Irak. Der Film dokumentiert die Grenzsituationen in Mexiko oder Ungarn, die «Flüchtlings-verarbeitung» in Thailand, in Berlin oder in der Schweiz. Ai Weiwei, der auch mitproduzierte und teilweise die Kamera betätigte, plädiert mit seinem Film für Menschlichkeit und Menschenwürde. Eine persönliche Reise mit globalem Gewicht. Sein Film entwirft ein umfassendes Panorama der Flüchtlingsproblematik auch aufgrund von Einzelschicksalen, spart weder das seelische und physische Elend aus, die Hoffnungslosigkeit, die Schutzlosigkeit und Radikalisierung beispielsweise in Palästina oder Myanmar. Das freilich in teilweise faszinierenden Bildern etwa aus der Drohnenperspektive – bildgewaltig und erschütternd.
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The Big Sick
rbr. Multikulti-Liebesromanze. Ein Trüppchen bemüht sich als Stand-up-Comedian auf Kleinkunstbühnen, Clubs und Spelunken in Chicago – mehr schlecht als recht. Die Sauftritte von Pakistani Kumail (Kumail Nanjiani) und seinen Kumpels sind meistens gesucht und ungehobelt und wenig lustig. Der pakistanische Immigrant Kumail sucht seinen Weg, entwickelt sich aber nicht nach den Vorstellungen seiner traditionsbewussten Eltern. Die wollen ihn nach alter Sitte mit einer Pakistani verheiraten. Die Mutter serviert ihrem Sohn Braut um Braut. Doch der verschmäht sie alle, denn er hat sich in die weisse Amerikanerin Emily (Zoe Kazan) verguckt. Doch ihre Liebe ist fragil. Als er seinen Eltern keinen reinen Wein einschenkt, hat sie die Nase voll und macht Schluss. Erst Emilys schwere Krankheit und Komazustand verändert die Situation grundlegend. Alle sind gefordert, Kumail natürlich, aber auch Emilys Eltern (Holly Hunter und Ray Romano) und die pakistanische Seite. Man kennt die schicksalshafte Konstellation à la «Romeo und Julia». Zwei junge Menschen verlieben sich – gegen alle Konventionen, Widerstände und Standesdünkel. Bei Kumail und Emily geht es um Traditionen, Vorurteile und Kulturunterschiede. Anders als etwa im aktuellen belgischen Spielfilm «Noces», wo eine junge Pakistani sich gegen Zwangsheirat und Fremdbestimmung wehrt, siegt die Liebe über alte Zöpfe. «The Big Sick» ist eine gesellschaftskritische, aber komödiantische und ironische Liebesgeschichte. Schauspieler Kumail Nanjiani und Emily V. Gordon bringen eigene Erfahrungen ein. Sie arbeitete am Drehbuch mit und ist mit Kumail verheiratet ist. Michael Showalter hat den Multikulti-Crash witzig und tragikomisch angelegt. Er hält gekonnt die Bilanz zwischen Sozialkritik, zwischenmenschlicher Ironie und Screwball-Spritzigkeit. Die Liebesromanze über zwischenmenschliche Komplikationen und Unzulänglichkeiten amüsiert trotz ernstem Hintergrund. Sein Film wurde in Locarno mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.
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God’s Own Country
rbr. Herbe Männerliebe. Trist, rau und wild sind gar keine Ausdrücke für diesen Landstrich in Nordengland (Yorkshire). Der 24jährige Johnny Saxby (Josh O’Connor) muss sich allein um die Schafsfarm kümmern, seitdem sein Vater (Ian Hart) infolge eines Schlaganfalls stark behindert ist. Der ersäuft seine Frust, seine Einsamkeit im Alkohol und hat gelegentlich Sex mit fremden Männern im nahen Städtchen. Die Arbeit überfordert Vater wie Sohn, auch die Grossmutter Deirdre (Gemma Jones) kann nur wenig helfen. So beschliessen der Vater und seine Mutter, einen Hilfsarbeiter während der Zeit der Schafsgeburten einzustellen. Zum rumänischen Wanderarbeiter Georghe (Alec Secareănu) geht Johnny auf Distanz, beschimpft ihn als Zigeuner. Doch der «Gast» lässt sich nicht beirren, verdient sich Respekt durch sein Verständnis für die Schafe und seinen Einsatz. Draussen in den Bergen bei den Tieren kommt es zwischen dem Schafszüchter und seinem Helfer zur Konfrontation. Georghe weiss um Johnnys Homosexualität und begehrt ihn. Die beiden Männer haben wilden Sex in der Wildnis, kommen sich aber auch menschlich näher. Johnny erlebt Mitgefühl, blüht geradezu auf. Doch nach einem krassen Zwischenfall in einem Pub, verlässt Georghe die Farm. Johnny ist verzweifelt, merkt, dass er den Fremden liebt. – Francis Lee, auf einem Bauernhof in West Yorkshire geboren, verfilmte sein eigenes Drehbuch. «God’s Own Country» ist sein erster Spielfilm, an Originalschauplätzen gedreht. Sein herber, spröder Liebesfilm wirkt natürlich, authentisch. Das Verhältnis der beiden Männer entwickelt sich kantig und wirkt inmitten einer rauen Landschaft, und eines harten Farmalltags wie ein Lichtblick, ein Hoffnungsschimmer. Die Umgebung wird zum wichtigen Bestandteil einer archaischen Liebesgeschichte, die von Einsamkeit, Nähe und Gemeinsamkeit handelt. Sie ist um das Jahr 2015 verankert. «God’s Own Country» wurde an der Berlinale 2017 mit dem Regiepreis ausgezeichnet.
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Willkommen in der Schweiz
rbr. Zwischen Ablehnung und Aufnahme. Das Aargauer Dorf Oberwil-Lieli lehnte 2015 die Aufnahme einer Handvoll Flüchtlingen ab, in vorderster Front Gemeindeammann Andreas Glarner (SVP). Die Zürcher Filmerin Sabine Gisiger ging der Sache auf den Grund – lokal und national. «Integration ist eine Frage der Menge», behauptete der Glarner Andreas Glarner, der in Oberwil-Lieli seit 2006 Gemeindeammann ist. «Bei uns ist grundsätzlich jede und jeder willkommen, der zur Prosperität unseres Landes beiträgt und bereit ist, sich zu integrieren.» Hehre Worte des SVP-Migations- und Asylexperten, doch in Tat und Wahrheit gibt der Politiker Flüchtlingen praktisch nicht die Möglichkeit, sich zu integrieren. Im Namen seines 2200-Seelendorfes im Bezirk Bremgarten weigerte er sich, zehn Flüchtlingen aufzunehmen, die vom Kanton zugewiesen wurden. Er schob sie lieber ab und leistete Ersatzzahlung: «Willkommen in der Schweiz»!
Die Zürcher Filmerin Sabine Gisiger wurde aufmerksam und fragte sich, was Menschen in der Flüchtlingsfrage umtreibt, engagiert, motiviert, bewegt, beunruhigt. Sie ging der Frage auf den Grund – lokal, national, auch historisch. Als Antipol zum genannten Gemeindeammann erläuterten die Studentin Johanna Gündel aus Oberwil-Lieli und die Grüne Politikerin Susanne Hochuli ihre Standpunkte. Sie bekämpfen Glarner und seine rigorose SVP-Asylantenhaltung. Geschickt lässt Gisiger zu den aktuellen Entwicklungen historische Aufnahmen einfliessen – von der Grenzschliessung im Zweiten Weltkrieg, der Flüchtlingsnot um 1950 bis zur Schwarzenbach-Initiative 1970.

Wie ein antikes Drama hat Sabine Gisiger («Yalom’s Cure», «Dürrenmatt, eine Liebesgeschichte») ihren Dokumentarfilm aufgebaut – in fünf Akten, durchsetzt mit zwei Chören: dem Intergalaktischen Chor, 2012 von Zürcher Studentinnen gegründet, und dem Mechaje Ensemble aus Basel. Das Ensemble konzentriert sich auf jiddisches und sephardisches Liedergut. Die Fallstudie um einen krassen Fall von Verweigerung wird zum Spiegelbild der Schweiz – über Verweigerer und Helfer, Besitzwahrer und sozial engagierten Humanisten. Spannend, sachlich, ohne Polemik, aber mit viel Empathie.
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Murder on the Orient Express
rbr. Poirots Puzzle neu aufgelegt. Der Einstieg vor der Klagemauer in Jerusalem 1934 scheint verheissungsvoll. Der extravagante Belgier Hercule Poirot löst dank seiner auf Hochtouren arbeitenden Hirnzellen einen Fall im Handumdrehen. Auffällig: Detektiv und Pedant Hercule lebt seine Macken (etwa beim Eieraussuchen und akkuraten Sitz einer Krawatte) süffisant aus und gefällt sich als Dirigent diverser Kriminalfälle. Das theatralische Gehabe wie auch sein monströser Schnauz (dicker kam man kaum auftragen!) unterstreichen die Künstlichkeit der Poirot’schen Welt. Der grosse Ermittler will eigentlich seine Ruhe und kann’s natürlich nicht lassen, als im sagenhaften Orient Express von Istanbul nach London ein Mord geschieht, und er vom Eisenbahndirektor Boue (Tom Bateman) um Aufklärungsarbeit gebeten wird. Die mondäne Zugskomposition ist nämlich im Schnee steckengeblieben, eine Schneelawine zwischen Vinkovic und Brod hat die Lok aus den Gleisen gehoben. Man steckt fest, und der Mörder ist an Bord. Der zwielichtige Edward Ratchett (Johnny Depp – gewohnt schmierig wie der bekannte Karibik- Pirat) wurde abgemurkst – mit zwölf Messerstichen. Poirot nimmt alle Passagiere unter die Lupe: den Kammerdiener Masterman (Derek Jacobi) des Toten, MacQueen (Josh Gad), Sekretär des Opfers, Colonel Arbuthnot (Leslie Odom Jr.), den britischer Offizier aus Indien, Graf Andrenyi (Sergei Polunin), einen ungarischen Diplomaten, den Amerikaner Hardman (Willem Dafoe), selbst der französische Schaffner Pierre Michel (Marwan Kenzari) wird verdächtigt. Dazu kommen die weiblichen Passagiere: die junge Britin Mary H. Debenham (Daisy Ridley), die ältliche russische Prinzessin Natalia Dragomiroff (Judi Dench), Hildegard Schmidt (Olivia Colman), deutsche Zofe der grantigen Prinzessin, die nervige Amerikanerin Caroline Hubbard (Michelle Pfeiffer), die spanische Missionarin Pilar Estravados (Penélope Cruz), die junge Gräfin Elena Andrenyi (Lucy Boynton) und andere. Eine illustre Truppe mit Kenneth Branagh als Poirot (und Regisseur) an der Spitze. Das Poirot-Puzzle (eine/eine muss es gewesen sein) geht ziemlich lange (114 Minuten), gibt sich freilich sehr theatralisch, schön gefärbt (Kulisse) und ist etwas fehlerhaft (wie kommt die Lok wieder auf die Schienen?). Das Krimi-Zugskammerspiel ist ganz amüsant und am Ende… Kenner wissen schon, zehn, zwölf kleine Mörderlein und Poirot lässt Gnade vor Recht ergehen. Branaghs Verfilmung des Agatha Christie-Klassikers aus dem Jahr 1934 wirkt altmodisch und gemütlich, es ist übrigens die fünfte Verfilmung des Christie-Romans. Klassiker bleibt freilich Sidney Lumets Film aus dem Jahr 1974 – mit Albert Finney als Hercule Poirot, Lauren Bacall, Ingrid Bergman, Michael York, Jacqueline Bisset, Richard Widmark, Sean Connery, John Gielgud, Anthony Perkins. An dieses Ensemble kommt Branaghs Inszenierung nicht heran. Gleichwohl, bei Erfolg soll es weitere Christie-Remakes geben, in der neusten «Express »-Version wurde bereits auf einen neuen «Tod auf dem Nil» hingewiesen. Im alten Film von 1978 agierte übrigens Peter Ustinov als Poirot.
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Patti Cake$
rbr. Dickes Fell. Sie ist dick, arm und keine Augenweide, aber das ficht sie nicht an, die Patti aus New Jersey, despektierlich als «Dumbo»( wie der Disney-Elefant) tituliert. Patti Cake$ (23) hat ein dickes Fell, ist robust, widerspenstig und kann grob werden. Sie jobbt als Kellnerin und hat einen Traum: Sie will aus ihrem tristen Leben ausbrechen und als Rapperin Karriere machen. Nicht einfach unter diesen armseligen Verhältnissen. Die Mutter Barb (Bridget Everett), eine gescheiterte Sängerin, die nur dumpf vor dem Fernseher hockt, trinkt und pafft, sowie ihre kranke Grossmuter Nana (Cathy Moriarty) sind keine Hilfe. Allein der indische Rap-Partner Hareesh/Jheri (Siddharth Dhananjay) ist von ihr begeistert und stärkt ihr den Rücken. Hoffnungslos. Patti, eigentlich Patricia Dombrowski, die sich auch Killa P nennt, stösst auf den eigenwilligen Schwarzen Basterd (Mamoudou Athie), der sich in einem herunter- gekommenen Waldschuppen verkrochen hat. Doch Strassenmusiker Basterd hat mehr drauf, als es den Anschein hat, soll sie produzieren und in die Szene richtig einführen. Das schräge Trio, plus Grossmuttter im Rollstuhl, die zu einem Refrain beiträgt, formiert sich zur Rappergang P(wie Patti), B(Basterd), N(Nana), J(Jheri), eben PBNJ. Regisseur Geremy Jasper, Musiker und Songmacher, in New Jersey aufgewachsen, schrieb das Buch, steuerte die Rapsongs zusammen mit Jason Binnick bei und erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte, die quasi auf eigene Erfahrungen beruht. Die Australierin Danielle Macdonald baute er zum Rap-Brummer auf. Der Film verzichtet auf jegliche Schönfärberei, ist so trist wie das soziale Umfeld, aber auch so optimistisch lebensbejahend wie die fetzige Heldin Pattie – eine Wucht. Auch wenn man kein Liebhaber von Rap und Hip Hop ist, packt einen dieses raue, mitreissende Drama eines Aschenbrödel ohne Prinz, aber mit viel Power und unbeirrbarem Selbstbewusstsein.
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Suburbicon
rbr. Mörderischer Lug und Trug. Der Titel ist so künstlich wie das Provinznest, das dem perfiden Thriller den Namen gab. George Clooney verfilmte ein etwas verstaubtes Drehbuch (1986) der Coen-Brüder («No Country for Old Men»), überarbeitete es mit Grant Heslov und tauchte es in die Fünfzigerjahre. Zugrunde liegt eine Begebenheit, die um 1957 in Pennsylvania zugetragen hatte. Die afroamerikanische Familie Myers war nach Levittown gezogen und wurde monatelang von der weissen Bevölkerung schikaniert und bedroht. Der Name Myers wurde in Clooneys Film beibehalten. Besagte Myers liessen sich also in diesem supersauberen, adretten Vorort Suburbicon nieder und wurden von weissen Mitbewohnern angefeindet. Man sei noch nicht bereit, für farbige Mitbewohner, hiess es einmal. Allein Nicky Lodge (Noah Jupe) sucht Kontakt mit dem farbigen Nachbarsjungen Andy (Tony Espinosa). Die beiden freunden sich an. Ein Lichtblick in dieser fadenscheinigen, verlogenen Mittelstandsgesellschaft. Mehr noch als der latente bis offene Rassismus rückt aber Nickys Vater Gardner Lodge (Matt Damon) in den Blickpunkt des Provinzthrillers. Seine Frau Nancy (Julianne Moore), an den Rollstuhl gefesselt, kommt bei einem Raubüberfall ums Leben. Nicky ist Zeuge und wird später von einem der Einbrecher gejagt. Sein Vater kann Schlimmeres verhindern und tötet den Mann. Die vermeintliche Kleinstadtidylle bekommt Risse und wird als Farce entlarvt. Als dann Margeret (Julianne Moore), Zwillingsschwester von Nickys Mutter, einzieht und sich als Geliebte des Spiessbürgers Gardner entpuppt, ahnt man Böses. – Clooneys Drama «Suburbicon» im Look der Fünfzigerjahre mag einem etwas angestaubt, Szenarium und Handlung mögen irgendwie bekannt vorkommen, und doch schlägt man unwillkürlich Brücken zum heutigen Trump-Amerika. Lug und Trug, Manipulation und Fälschungen sind an der Tagesordnung. Gardners Doppelleben mit einer doppelten Frau (bemerkenswert die Performance des Hollywoodstars Julianne Moores), weisse Bürger, die sich ihrer weissen Weste rühmen und sie nicht mit Afroamerikanern beflecken wollen, es aber tun, sind keineswegs Vergangenheit, sondern aktuell wie vor 60 Jahren. Insofern kann man Clooneys Thriller auch als Metapher auf Trump und «sein Amerika» lesen. «’Suburbicon’ sei ein wütender Film», meint Regisseur Clooney, «und auch sein Land sei in einem wütenden Zustand, was im Film reflektiert werden sollte.» Erwähnt sei noch, dass die tatsächliche Stadt Levittown keine schwarzen Bewohner duldete. Immobilienentwickler William Levitt liess mehrere dieser akkuraten Siedlungen bauen. Erst ein Gericht machte diesem Rassenspuk ein Ende.
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The Square
rbr. Kunst in Frage gestellt. Museumskurator Christian Nielsen (Claes Bang) präsentiert vor dem X-Royal-Museum für zeitgenössische Kunst in Stockholm ein Kunstwerk, das als solches auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist: The Square, ein markiertes Rechteck. Es soll auf dem Vorplatz des Museums einen geschützten Raum darstellen, an dem absolut Gleichberechtigung und Menschenwürde herrschen. Hier sollen die Menschen sich human und rücksichtsvoll verhalten, an Solidarität und Nächstenliebe erinnert werden. Doch wie bringt man diese Idee, diese Installation ans Kunstvolk? Eine Werbeagentur kommt auf eine verwegene, anstössige Marketingidee und verursacht einen Proteststurm. Die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit ist gross, doch um welchen Preis! Nielsen kommt schwer in die Bredouille, auch privat läuft bei ihm einiges schief. Trickdiebe haben ihn beklaut, Handy, Portemonnaie und die Manschettenknöpfe seines Grossvaters sind weg. Er startet eine Handy-Suchaktion, verteilt Drohbriefe, um die Diebe zu ermitteln, und ruft das Kind einer Migrantenfamilie auf den Plan. Der Knabe Gijoni (Dominic West) fühlt sich zu Unrecht beschuldigt, wehrt sich und treibt den Kurator in die Enge. Der Schwede Ruben Östlund, der selber eine Kunstaktion 2014 mit leuchtendem Quadrat startete, entwickelt seine Idee zum überlangen Spielfilm «The Square» (142 Minuten) weiter, in Cannes 2017 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Höhepunkt seiner kultur- und gesellschaftskritischen Attacken bildet eine Spenden-Dinner, wo sich ein Mensch (Terry Notary) zum Affen macht und die feine Gesellschaft stört und verstört. Ein Affe huscht übrigens auch durchs Bild, als Nielsen mit der Journalistin Anne (Elisabeth Moss) schläft. Östlund stellt Christian, einen «Fatzken», einen von sich und seinem Tun überzeugten Kunstmanager in den Mittelpunkt, dessen Kunstfassade zerbröckelt und dessen Selbstverständnis in sich zusammenfällt. Sein Film gefällt sich vor allem als teils bissige, teils feine Satire auf eine scheinheilige Gesellschaft, die Toleranz predigt, aber ganz anders reagiert, die Werte proklamiert und sie unterläuft. Man könnte auch sagen: Der Lack ist ab, nicht nur beim privilegierten, gestylten Kurator, der sich für einen Gutmenschen hält. Dass der moderne Kunstbetrieb auch sein Fett abkriegt, versteht sich. Was ist Kunst – eine Handtasche im Regal eines Kunsthauses oder am Arm einer Frau? Ist «The Square» ein satirisches Drama, eine Komödie, ein Kunstwerk? Auf jeden Fall ein bemühendes, umtriebiges, nicht leicht zu verdauendes Kinowerk.

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What Happened to Monday?
rbr. Die Schlacht der sieben Schwestern. Es gibt unzählige Apokalypse-Szenarien im Film. Wie lebt, überlebt man nach Kriegen und Katastrophen? Wegen prekärer Ernährungssituation und Überbevölkerung herrscht seit 2043 eine rigorose Geburtenkontrolle, so auch noch im post-dystopischen Jahr 2073. Die allmächtige Kinder-Zuteilungsbehörde unter Leitung von Nicolette Cayman (Glenn Close – aalglatt und arrogant) kontrolliert die Geburten. Alle überzähligen Babys – erlaubt ist nur ein Kind pro Familie – werden eingesammelt und offiziell in Kälteschlaf versetzt, um dann in besseren Zeiten wieder geweckt zu werden. Karen Settman hat Siebenlinge 2043 geboren, stirbt und ihr Vater (Willem Dafoe) gelingt es, die sieben Enkelinnen im Verborgen grosszuziehen. Das ist gefährlich, wenn die erwachsenen Frauen an ihren «Namenstagen», also am Monday, Tuesday, Wednesday etc., Ausgang haben. Eine verliert beispielsweise bei einem Unfall einen Finger, also müssen die Schwestern einen Finger «opfern». Auch wenn sie in der verborgenen Wohnung sich selber sein können, müssen sie draussen ein- und dieselbe sein. Doch eines Tages kehrt Monday nicht zurück. Was ist geschehen? Die eine und andere der Schwestern geht auf die gefährliche Suche. Diese prekäre Situation führt dazu, dass Caymans Kontrollorgane auf das Versteck aufmerksam werden und ein Killerkommando die Wohnung stürmt. – Eine spannende reizvolle Ausgangssituation, die Max Botkin bereits 2001 entwickelt hatte. Der Stoff wurde aber erst über ein Jahrzehnt später von den Produzenten Raffaella De Laurentiis und Matthew Feitshans aufgegriffen, von Kerry Williamson umgeschrieben und vom Norweger Tommy Wirkola («Hänsel und Gretel: Hexenjäger») umgesetzt. Aus sieben Männern wurden die sieben Settman-Schwestern, allesamt schier mühelos von der Schwedin Noomi Rapace verkörpert, bekannt als Lisbeth Salander in der «Millennium»-Trilogie «Verblendung», «Verdammnis» und «Vergebung». Auch wenn die irrlichternde SF-Fabel nur wenig zur charakterlichen Entwicklung der Schwestern beiträgt und sie nur äusserlich stigmatisiert werden, hat diese düstere Fantasy-Action ihre Reize. Die zweite Hälfte des Zweistundendramas freilich reiht Action an Action. Die Frauen wehren sich mit allen Mitteln. Befrachtet wird die Katz-und-Mausejagd mit einem Liebesintermezzo, sentimentalen Zwischenspielen, Neid- und Dominanzmotiven. Gleichwohl halten sich die Emotionen für die Schwestern in Grenzen, und überzeugt das Ende des Überlebenskampfs weniger. Wirkola bemüht sich, eine futuristische faschistische Welt anzuprangern, verliert sich aber in Action, Gemetzel und oberflächlichen Zeichnungen. Ein bisschen mehr Tiefe und Seele hätte den Figuren gut getan, so blieben sie eben Figuren in einem grausamen Spiel.
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Menashe
rbr. Dilemma – zwischen Gemeinschaft und Individualität. Borough Park in Brooklyn ist Zentrum ultra-orthodoxer Juden in New York. Genau hier hat Joshua Z. Weinstein seinen Spielfilm angesiedelt und gedreht – in Jiddisch mit echten chassidischen Juden. Kein leichter Weg, denn die chassidische Religionskultur und ihre Führer lehnen moderne Medien wie Smartphone, Internet, Radio, Fernsehen, Filme ab. Gleichwohl schaffte es Weinstein, dass Menschen aus der chassidischer Gemeinschaft mitwirkten. Allen voran Menashe Lustig, der die Titelrolle spielte. Eben dieser Menashe kämpft im Film um seine väterliche Freiheit, heisst Selbständigkeit. Denn die chassidischen Gebote sagen: Wenn ein Mann seine Frau verliert und ein Kind hat, muss er/man dafür sorgen, dass eine andere Frau diesen Platz übernimmt. So steckt Menashe im Dilemma. Er verweigert sich den willigen Frauen, die ihn heiraten wollen, er hat schlechte Erfahrung gemacht, will sich nicht nötigen lassen und droht deshalb, das Sorgerecht für seinen zehnjährigen Sohn Rieven (Ruben Niborski) zu verlieren.
Menashe ist ein eher «unorthodoxer» Mann in einer ultra-orthodoxen Gemeinschaft, kein Rebell, aber ein Individualist, der auf Selbstverantwortung und Selbständigkeit pocht. Das bringt ihn in Konflikt mit der chassidischen Gesellschaft, die auf Einheitlichkeit, Massregelung und Synchronität setzt. Es ist ein Konflikt zwischen alten Riten, Traditionen und Gemeinsinn gegenüber Selbstbestimmung, individueller Freiheit und Verwirklichung. Keine Frage, der intime Spielfilm hat dokumentarischen Charakter und fesselt.
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Félicité
rbr. Urbaner Sumpf von Kinshasa. Eher eine Seltenheit oder: Wann haben Sie einen Film aus der Demokratischen Republik Kongo im Kino gesehen? Dem engagierten Filmverleih Trigon sei Dank! Alain Gomis, Pariser Regisseur mit westafrikanischen Wurzeln, gewann mit seinem Spielfilm «Félicité» in Berlin den Silbernen Bären und in Ouagadougou den Etalon d’Or für den besten afrikanischen Film des Jahre 2017. Im Mittelpunkt steht Félicité (Vero Tshanda Beya, Mitglied des kongolesischen Volkstheater, in ihrer ersten Filmrolle). In einem schäbigen Schuppen verdient sie sich ein paar Kröten als Sängerin. Ein Leben am Existenzminimum. Als ihr Sohn Samo nach einem Motorradunfall dringend Medikamente und eine Operation benötigt, wird die Geldnot gross. Sie soll eine Million Kongolesische Francs (XAF, rund 1700 Franken) für die OP auftreiben. Viel zu viel für ihre ärmlichen Verhältnisse. Operiert wird nur gegen Vorkasse. Kollegen, Musiker sammeln, helfen ihr, auch der füllige, unbeholfene Tabu (Papi Mpaka, Mechaniker, er empfahl sich bei einem wilden Casting in Kinshasa) versucht sein Bestes, um mindestens ihren maroden Kühlschrank zu flicken und ihre Zuneigung zu gewinnen. Die stolze Sängerin mit rauer Stimme und starker Ausstrahlung kämpft kompromisslos gegen alle Unbilden. Und es scheint, als keimte in der flirrenden, schmuddeligen Armenwelt von Kinshasa ein Liebespflänzchen. Die Musik, authentisch und grob intoniert von den Kasai Allstars, einem Kollektiv aus dem Kongo, das fünf verschiedene ethnische Gruppen vereinigt, kommt ein wichtiger Part zu. Ein urbaner Sound, in dem Tradition und Elektronik verschmelzen und nicht jedermanns Sache ist. Gomis’ geradezu dokumentarischer Liebesfilm ist unschön, schmucklos und ungeschminkt, staubig, fiebrig wie die Stadt Kinshasa, die eine wichtige Rolle spielt. Eine starke Frau in einem Alltagsdrama, getrieben von Musik, die für einmal keine Begleitung oder Untermalung, sondern Teil des Geschehens ist.

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Die letzte Pointe
rbr. Abtreten mit Würde – selbstbestimmt. Die Freiheit des Menschen sei unantastbar, heisst es so schön. Und doch wird sie beschnitten oder gar verweigert – in gutem wie im schlechten Sinne. Es geht nicht um die Anmassung totalitärer und selbstherrlicher Staaten, die über Leben und Tod entscheiden. Es geht Anmassung in unseren westlichen Gesellschaften. Stichwort Sterbehilfe oder Sterbebegleitung, das Recht auf Freitod und Beihilfe. Meistens wird sie verweigert von moralischer oder staatlicher Seite. Das kann Kinder, junge wie alte Menschen betreffen. Und um diese Thematik geht es in Rolf Lyssys Tragikomödie «Die letzte Pointe». Gertrud Forster (Monica Gubser) steht im 89. Lebensjahr, eigentlich ist sie rüstig, vital, selbständig. Doch dann nagen an ihr Zweifel: Ist sie wirklich noch ganz auf dem Damm, häufen sich da nicht Gedächtnislücken? Als plötzlich ein charmanter Senior, der galante George Grant (Michael Rutman), in ihr Leben tritt und ihr den Hof macht. Den soll sie auf einer Dating-Plattform quasi «angemacht», das heisst zu einem Treffen animiert haben? Gertrud zweifelt an ihrem Verstand und glaubt, erste Demenzzeichen an sich erkannt zu haben. Diesen Weg in die geistige «Umnachtung» will sie unbedingt vermeiden, verhindern und sucht Hilfe unter anderem beim Sterbehelfer Balz Sommer (Peter Jecklin). Doch der hat anderes im Sinn und verliebt sich in Gertruds Enkelin Meret (Delia Mayer). Weder Tochter Chantal Blum (Suly Röthlisberger), die Pfarrerin, noch ihr neuer Verehrer sind ihr eine Hilfe, aber Gertrud ist dickköpfig…
Rolf Lyssy, selbst rüstiger Zürcher Filmsenior mit seinen 81 Jahren, wollte sich keinen Spass, aber doch die Altersthematik auf ernste wie humorvolle Weise auf die Kinoleinwand bringen. «Aktive Senioren und selbstbestimmtes Sterben sind die beiden Pole, um die die Diskussion um das Altern derzeit kreist», sinniert der «Schweizermacher». «Doch während rüstige Rentner uns allen einen lustvollen Lebensabend verheissen, bleibt die Aussicht auf den letzten Vorhang so unappetitlich wie ein Furz zum Dessert.» Man weiss davon, es betrifft alle, und doch verschweigt man den Abgang, das Unvermeidlich lieber. Um dies Totschweigen, um Hilflosigkeit, «das tiefe Unbehagen» und «die profunde Ratlosigkeit» geht es dem Filmautor, der zusammen mit Dominik Bernet («Der Bestatter», «Hunkeler») auch das Buch schrieb. Ein liebenswürdiger, betulicher Spielfilm – gleichwohl frisch, beherzt, optimistisch. Monica Gubser (86) hält sich tadellos als Hauptakteurin, authentisch bis zur letzten Falte und Lächeln. Delia Mayer (Schweizer «Tatort»- Kommissarin) darf sich nebenbei musikalisch engagieren (mit ihrer Band Michael Flury und Jojo Maywer, ihrem Bruder). Schliesslich führte Elia Lyssy, Rolfs Sohn, die Kamera und zweitweise die Regie, weil sein Vater unfallbedingt gut zwei Wochen pausieren musste. So oder so ein Familienunternehmen, denn auch thematisch geht es in dieser Komödie um Familienbefindlichkeiten, Zusammenhalt und Würde. Verschmitzt trotz ernstem Hintergrund.
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The Snowman
rbr. Eiskalte Mordserie. Die besten Thriller und mörderischen Dramen kommen aus dem Norden, manchmal aus Island, oft aus Skandinavien. Längst macht der Begriff von «Nordic Noir» die Kino-, aber auch TV-Runde. Es sei nur an Noomi Rapace in den Stieg-Larsson-Verfilmungen («Millennium») erinnert. Jetzt agiert sie siebenfach im SF-Psychothriller «What Happended to Monday?» Gewalt ist Elixier und Triebfeder dieser unterkühlten Mordszenarien, aber auch sexuelle Motive spielen häufig eine Rolle. Frauen sind oft Opfer, aber auch Täter, Verfolger, Rächer. Jo Nesbøs hat eine ganze Reihe um den hartgesottenen Alkifreund Harry Hole verfasst. Nun verkörpert Michael Fassbender den Kommissar aus Oslo, Marke Sonderling in der Existenzkrise, – und ist schlicht als Schauspieler unterfordert. Den Penner auf der Parkbank, den verslumten, aber knallharten Cop nimmt man ihm nicht recht ab. In «Snowman» geht es um eine brutale Mordserie. Frauen werden mit einer Drahtschlinge getötet und verstümmelt. Stets ist in Tatortnähe ein «grinsender» Schneemann zu finden. Harry Hole, dem man die Nachwuchsfahnderin Katrine Bratt (Rebecca Ferguson) aufzwingt, stöbert im Schnee. Der suspendierte verknitterte Kommissar (Val Kilmer), der einst auch einen Massenmörder jagte, wirkt interessanter als der Alki-Cop und einsame Wolf, der von Freundin Rakel (Charlotte Gainsbourg) wurde. Auch die ist spannender Harry. Der Thriller bietet viel schauspielerisches Potenzial und bringt doch nicht viel zustande. Enttäuschend. Er verzettelt sich, schöpft die Möglichkeiten nicht aus. Die magische Nordkulisse, beschmutzt, gleichwohl faszinierend und durch den Schneemann quasi verhöhnt wird, bildet den grandiosen Rahmen in Tomas Alfredsons Verfilmung. Fazit: Lesen wäre besser.
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Thor: Ragnarok
rbr. Viel Donner um Donnervögel. Der Einstieg in die höllische Unterwelt verheisst nichts Gutes – oder doch? Thor, Sohn des Donnergottes Odin, schmort im Käfig vor den Augen des Feuermonsters Surtur und nimmt’s gleichwohl locker. Was ist denn hier los? Irgendwie kommt der Teufelskerl bald frei, um sich wichtigeren Dingen zu widmen, beispielsweise seinen Vater Odin (Anthony Hopkins) zu finden, der irgendwie abhanden gekommen ist. Dabei trifft Thor auf Asgard seinen bösartigen Adoptivbruder Loki (Tom Hiddleston), der seinen eigenen Tod vortäuschte und wie immer Arges im Schilde führt. Loki und der Hammermann tun sich zusammen. Denn es gilt, Odin und oder einfacher gesagt die Welt zu retten. Die erstgeborenen Schwester alias Todesgöttin Hela (Cate Blanchett) will nämlich gleich alle neun Welten an sich reissen. Und so geht es her und hin und wieder her zwischen den Welten und Magie und Machtgelüsten. Wer blickt da noch durch? Thor sicher nicht mit neuer Kurzhaarfrisur. Das darf man alles nicht so ernst und genau nehmen. Es geht um Fantasy und göttliche Action. Im mittlerweile dritten «Thor»-Kinospektakel mischt der neuseeländische Regisseur Taika Waititi das Marvel-Thor-Universum bunt, lust- und actionfroh durcheinander. Wie ernst kann man das denn nehmen, wenn Hammerheld Thor seinen Hammer verliert und Muskelmonster Hulk alias Bruce Banner (Mark Ruffalo) gegen Thor in die Arena von Sakaar steigt? Beim ganzen göttlich-heldischen Gewusel kommen auch noch ein Grandmaster (Jeff Goldblum) und Valkyrie/Walküre (Tessa Thompson) zum Einsatz. Auch das ist mit Humor zu nehmen. Am Ende des ganzen Getümmels weiss man nur eines. Das Ende ist die Thor-Opera noch nicht, denn der «Infinity War» folgt bald. Merke: Die Erde ist sicher nicht sicher vor Thorn in nächsten Jahren, vor guten und bösen Konsorten aus dem Marvel Universum. Rausch oder Ramsch – wie man will.
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Blue My Mind
rbr. Die Verwandlung. Gleich dreifach wurde die Zürcher Schauspielerin («Das Missen-Massaker», «Tempo Girl) und Filmerin Lisa Brühlmann für ihren Kinoerstling «Blue My Mind» am Zurich Film Festival 2017 ausgezeichnet: Golden Eye in der Kategorie Fokus (Schweiz, Deutschland, Österreich), Preis der Filmkritiker und Preis der Zürcher Kirchen, der erstmals vergeben wurde. Die 15jährige Mia (Luna Wedler) wird in eine andere Stadt «verpflanzt, nach Zürich. Ihre Eltern (Regula Grauwiller und Georg Scharegg) sind gezügelt, und Mia tut sich schwer, mit Girls der neuen Klasse anzubändeln. Sie riskiert viel, um dazuzugehören, bei den «Schicksen» anerkannt zu werden, und schreckt auch vor sexuellen Offerten und Abenteuern nicht zurück. Doch nicht nur die neue Umgebung, sondern auch körperliche Veränderungen machen ihr zu schaffen. Die erste Periode und damit einhergehend körperliche Auswüchse. Ihr wachsen Schwimmhäute zwischen den Zehen, ihre Beine werden mit Schuppen übersät. Sie entdeckt eine geradezu magische Anziehungskraft zum Wasser und Fischen, die sie gar verschlingt. Mia mutiert zu einem anderen Wesen. Nur ihre Freundin Gianna (Zoë Pastelle Holthuizen) weiht sie in ihr Geheimnis ein. – Lisa Brühlmanns Filmphantasie verschmilzt zwei Ebenen, eine krass realistische mit Teenagerauswüchse in Sachen Sprache, Umgang, Sex, Drogen, und eine magisch märchenhafte, was die Metamorphose zur «Meeresjungfrau» betrifft. Das hat gewisse Reize, fabriziert aber auch Widersprüche und bildnerische Ungereimtheiten. Lisa Brühlmann, Autorin und Regisseurin, wollte eine Geschichte über Veränderung und Ablösung, Anpassung und Verfremdung erzählen. Es geht ihr aber auch um «ein Gefühl des Eingesperrtseins in einer Welt, die voller Systemzwänge und Regeln ist. Wo man, gerade heute als junger Mensch, hineinpassen muss, sich anpassen soll, einem Druck gehorchend, den ich insbesondere in der Schweiz empfinde.» (Brühlmann) Am Ende gerät die junge Frau, unerbittlich vom Meer angezogen, in eine andere Freiheit oder Abhängigkeit. Ein erstaunlicher, ambitionierter Spielfilm mit vielen Assoziationen und Hintergedanken, der filmisch freilich nur phasenweise überzeugt.
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Die Reise der Pinguine 2
rbr. Eiskalt, aber herzig. Manche werden sich erinnern. Da war doch mal was mit den schwarzweiss befrackten Watschelwesen? Richtig, 2005 bevölkerte der Franzose Luc Jacquet die Kinoleinwände der Welt mit seinen herzigen, antarktischen Bewohner: «Die Reise der Pinguine» wurde zu einem Dokumentarfilmhit (25 Millionen Zuschauer weltweit) und gewann einen Oscar. Zwölf Jahre danach gibt’s ein Wiedersehen – und manches kommt einem alten Kinohasen bekannt vor. Es geht abermals um Zusammengehörigkeit, Verantwortung und ums Überleben. Nur diesmal komponiert Jacquet die phantastischen Naturaufnahmen bei Eiseskälte und Schnee von Eis und Meer zu einer Familiengeschichte. Kaiserpinguine paaren sich am Südpol, behüten das Ei, bringen den Nachwuchs gemeinsam auf die eisige Welt. Während die Mutter sich für Monate auf Nahrungssuche begibt, harrt der Vater mit anderen aus, zerrt von Reserven und erwartet mit letzter Kraft die Rückkehr der Partnerin. Wir nehmen an der Lebensreise eines Pinguins teil – von der Geburt bis zur Reise ans Meer und die Trennung von seinen Eltern, sich selbst überlassen und bei ersten Erkundungen im Wasser. Das alles zeigen Luc Jacquet und sein Team in faszinierende Aufnahmen – dank Drohnen, Tauchbooten unter extremen Bedingungen. Das geht jungen Kinobesuchern ans Herz, sie bangen mit und manchmal wird auch ein Tränchen verdrückt – aus Anteilnahme, nicht weil es brutale Szenen und Episoden gibt. Dass die Dokaufnahmen zu einer Familiengeschichte konstruiert wurden, verstärkt die Emotionen, erzählt übrigens von Udo Wachtveitl, bekannt als Münchner «Tatort»-Kommissar. Eiskalt, aber herzig.
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Haarig
rbr. Vom Kopf- bis zu den Schamhaaren. Man trägt sie, pflegt sie, schneidet sie und vermisst sie, wenn sie ausfallen. Sie gehören zum Menschen wie Herz und Schmerz, wie Haut und Haare eben. Die Rede ist von Haaren. Filmkünstlerin Anka Schmid hat sich «Haarsträubendes Zeugs» angenommen. Vom Bart des Propheten einmal ausgenommen, kommen fast alle haarige «Spielarten», Anzüglichkeiten und Auswüchse, Besonderheiten und Weisheiten zur Sprache oder ins Bild. Das reicht vom «Haar in der Suppe» bis zu «Flusen im Kopf». Der Clou an diesem haarigen Unternehmen ist nicht nur die dokumentarische facettenreiche Aufarbeitung, sondern vor allem die persönliche Note, die Anka Schmid einbringt. Anhand ihrer Lebenskurve und haarigen Erfahrung von Haaren auf dem Kopf bis zu Achseln und andere delikaten Körperteilen fächert sie eine Kulturgeschichte des Haares, Bärte inklusive, auf – im zwanzigsten Jahrhundert (Sechzigerjahre) bis heute – Mode, Politik, Protest und Zeitzeichen. Unverblümt und witzig verquirlt die Filmautorin Fotos, Filme, Videos, Animation und Tricks zu einem amüsanten Panoptikum. Eins wird dabei klar: Anka hat keine Haare auf den Zähnen, aber einen wunderbaren Blick für Haare und was dahinter steckt.
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NACH OBEN

Photo/Film