FRONTPAGE

«17. ZurichFilmFestival – das neue Kongresshaus wird zur Kinokultstätte»

Von Rolf Breiner

 

Corona hat vieles gebremst, nicht aber Christian Jungen, der sich in seinem ersten Jahr 2020 als Leiter des Zurich Film Festivals (ZFF) nicht verunsichern liess. Er glaubte an den Kino-Grossanlass in Zürich – allen Krisen zum Trotz und hatte Erfolg. Nun ist es soweit, am 23. September startet das 17. Zürcher Filmfestival.

Das Zurich Film Festival setzte kulturelle und gesellschaftliche Zeichen und wird fortgesetzt – vom 23. September bis 3. Oktober 2021. 68 000 Filminteressierte hatten die Festivalfilme 2020 besucht – bei 165 aufgeführten Filmen, darunter 23 Weltpremieren. 100 Vorstellungen waren ausverkauft.

Am 23. September wird das 17. Zurich Film Festival eröffnet, erstmals im neuen, renovierten Kongresshaus, in einem Saal mit über 1200 Sitzplätzen. Wie schon in Locarno wird nach Bundespräsident Guy Parmelin auch Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch ihre Grussbotschaft verbreiten.

Mit einem Knalleffekt wartet das ZFF gleich zu Beginn auf, mit der Premiere des Geiseldramas «Und morgen seid ihr tot». Regie führte Michael Steiner, der zuletzt mit der Literaturverfilmung «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» (2017) sehr erfolgreich war – mit Joel Basman, nun als Hermann Hesse in «Monte Verità» kinopräsent.
Steiners neuestes Werk beschreibt die dramatische Geschichte der jungen Schweizer Daniela Widmer (Morgane Ferru) und David Och (Sven Schelker, «Bruno Manser»), die 2011 in Pakistan entführt wurden. «Und morgen seid ihr tot» basiert auf dem gleichnamigen Buch, das von der wahren Entführungsstory von Daniela Widmer und David Och handelt, die 2011 mit ihrem Bus die Seidenstrasse entlang reisten, in Pakistan entführt und an die Taliban ausgeliefert wurden. Erst acht Monate später gelang ihnen selbst die Flucht.

Der 51-jährige Regisseur erzählt die Geschichte, die in Indien gedreht wurde, aus der Perspektive der beiden Entführungsopfer: «Ich bin ein Storyteller und hier wollte das persönliche Schicksal der beiden Geiseln Daniela Widmer und David Och erzählen», so Steiner. «Oftmals erschliesst sich eine Geschichte erst, wenn sie im Detail dargestellt ist. Ich möchte mit meinem Film erreichen, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer die Zusammenhänge verstehen und mit offenem Herzen hinter die Schicksale der beiden Geiseln schauen». Aktueller denn je.

 

Direktor Christian Jungen kündigt ein vielfältiges Programm an mit dem «Comeback des grossen Autorenkinos». Dazu zählen das österreichische Dokudrama «Klammer – Chasing the Line» von Andreas Schmied über den Abfahrtscrack Franz Klammer, die Tragikomödie «The French Dispatch» von Wes Anderson, eine Hommage an den Journalismus, das iranische Drama «A Hero» von Asghar Farhadi, die Komödie «Es ist nur eine Phase, Hase» von Florian Gallenberger über eine Beziehungspause oder der Dokumentarfilm «The Velvet Underground» von Todd Haynes über ein legendäres Kunst- und Rockmusikkapitel.

 

 

35 Gala-Premieren sind angesagt, vier Netflix-Produktionen, 164 Filme aus 53 Ländern wurden eingeladen. Das Spektrum ist breit gefächert, spricht nicht nur Cineasten, sondern Kinofreunde aller Art und Altersstufen an, auch die Jüngsten dank der Sektion ZFF für Kinder mit zehn Filmen – von «Peterchens Mondfahrt» einem Schweizer Animationsfilm, über «Moon Rock for Monday», einem Roadmovie aus Australien, oder «The Lesson« über Jugendliche in Deutschland, über ihr Wissen oder Unwissen betreff Holocaust.
Kern des Festivals sind die drei Wettbewerbe um das Golden Eye, jeweils dotiert mit 25 000 Franken: Deutschsprachige Filme, internationale Spielfilme und Dokumentarfilme.

 

 

Das grosse Publikumsinteresse gilt den Gala Premieren und Special Screenings. Erwähnt seien hier nur die speziellen Filme «Adolf Muschg – der Andere», «Harald Naegeli – Der Sprayer von Zürich» oder «Paracelsus. Ein Landschaftsessay». Interessant sind aber auch die Sektionen «Neue Welt Sicht» mit Tunesien als Schwerpunkt, Hashtag#letSEXplore«» mit acht Filmen über Obsessionen und Lust, Sex und Begierden, sowie «Border Lines» mit sieben Werken, die sich mit Grenzsituationen auseinandersetzen –über Flucht, Ängste, Täter und Opfer, letztlich die Sektion Serien, die mehr und mehr die Fernsehwelt, besonders Streamingdienste, bestimmen.
Keine Frage, Christian Jungen und sein Team haben ein spannendes, sehenswertes und diskussionswürdiges Programm zusammengestellt – vom «intelligenten Hollywoodkino» (Jungen) bis zu dramatischen Zeitbildern wie «Spencer» über Lady Di und Dokumentationen wie «The Real Charlie Chaplin».
Das vollständige Programm ist auf der ZFF-Webseite einzusehen. Tickets können ab 13. September gebucht und gekauft werden – an diversen Zürcher Verkaufsstätten im Festivalzentrum auf dem Sechseläutenplatz (ab 23. September), Paradeplatz oder Sihlcity oder online: zff.com.

 

Sharon Stone erhält den Golden Icon Award

Das ZFF Zurich Film Festival ehrt die US-Schauspielerin mit seiner höchsten Auszeichnung. Sharon Stone nimmt den Preis am Samstag, 25. September, persönlich entgegen. Anschliessend wird der Thriller CASINO von Martin Scorsese gezeigt, für den die vielseitige Charakterdarstellerin eine Oscarnomination erhalten hat. Zudem wird Sharon Stone dem Publikum im Rahmen eines ZFF Masters einen faszinierenden Einblick in ihren kreativen Prozess und ihre bemerkenswerte Karriere gewähren.

 

«Sharon Stone ist eine wahre Ikone der siebten Kunst», erklärt Christian Jungen: «Eine Frau, wie Hitchcock sie geliebt hätte. Sie zeichnet sich durch unwiderstehliches Charisma, durch menschliche Tiefe und eine grosse Bandbreite der Rollen aus. Wie kaum eine zweite vermag sie das Publikum in den Bann zu ziehen. In einer Zeit, als das Filmgeschäft von Männern dominiert war, setzte sie sich durch und wehrte sich gegen Sexismus. Damit wurde sie zum grossen Vorbild für viele Frauen im Filmgeschäft».

«Es ist eine Ehre, mit der globalen Gemeinschaft zu interagieren und die tiefe Bedeutung unserer Kunst zu feiern», sagt Stone nun über ihre Auszeichnung mit dem Golden Icon Award am ZFF. «Ich bin begeistert, in dieser Eigenschaft anerkannt zu werden».

 

JAMES BOND – NO TIME TO DIE feiert Schweizer Premiere am 17. Zurich Film Festival

Es ist der meisterwartete Film seit Jahren: Am gleichen Tag der Weltpremiere in London zeigt das 17. Zurich Film Festival den neuen James-Bond-Film NO TIME TO DIE. Am Dienstag, 28. September, – zwei Tage vor dem offiziellen Kinostart – findet die Schweizer Premiere im Kongresshaus Zürich statt. Eine Retrospektive zu Daniel Craigs Bond-Filmen bildet das Rahmenprogramm zu einer der aufsehenerregendsten Premieren in der Geschichte des ZFF.

Es wurde auch Zeit: Das lange Warten auf NO TIME TO DIE von Cary Joji Fukunaga hat ein Ende. Der neue James-Bond-Film wird am Zurich Film Festival (ZFF) seine Schweizer Premiere feiern. Nur kurz nachdem der meistantizipierte Film der letzten Jahre in London, der Heimat des Doppelnullagenten, lanciert worden ist, bekommen ihn die Fans in der Schweiz zu sehen.

«Wir freuen uns sehr, dass wir unserem Publikum als einem der ersten der Welt das neue Bond-Abenteuer zeigen können», sagt Christian Jungen, Artistic Director des ZFF. «Wir haben monatelang für diese Premiere gekämpft und jedes kleinste Detail mit dem Filmverleih Universal verhandelt. Noch nie war James Bond in der offiziellen Selektion eines Filmfestivals. Dass dem ZFF dieser Coup gelungen ist, freut mich auch deshalb, weil wir damit ein starkes Zeichen fürs Kino setzen. Denn auf keinen Film wartet die Branche so sehnlichst wie auf diesen.»

Nicht zuletzt bei den Kinogängern in der Schweiz steht Bond besonders hoch im Kurs. Denn in kaum einem Land hat 007 so viele Abenteuer erlebt wie bei uns. James Bonds Schweiz-Bezug geht schon auf den ersten Film, DR. NO, von 1962 zurück, als die Schweizerin Ursula Andress die Bond-Woman Honey Rider spielte. Bond-Schöpfer Ian Fleming soll Andress so gut gefallen haben, dass er Bonds Mutter im nächsten Roman als Schweizerin ausgab und James Bond somit zum Halbschweizer machte. Die Premiere am ZFF unterstreicht neuerdings Bonds Verbundenheit mit der Schweiz.

«Das ZFF bringt Jahr für Jahr den Glamour Hollywoods nach Zürich und ist ein Fest für alle Filmliebhaber», sagt Emin Soysaler, Managing Director des Filmverleihs Universal. «In kaum einem anderen Land steht die James-Bond-Reihe mehr für grosses Kino als hierzulande und traditionell gehört die Schweiz damit zu den wichtigsten Märkten weltweit für die 007-Abenteuer. Pandemiebedingt musste der Kinostart aufgeschoben werden und nun freuen wir uns umso mehr, NO TIME TO DIE dem Schweizer Publikum im Rahmen des diesjährigen Zurich Film Festival präsentieren zu dürfen. Das Warten hat sich gelohnt: Bond is back!»

Goldene Augen für Filme aus Italien, Schweiz und Russland

 
Am Samstagabend, 2. Oktober 2021 wurden die Preise des 17. Zurich Film Festival (ZFF) im Zuge der Award Night im Opernhaus Zürich verliehen. In drei Wettbewerbskategorien wurden die Hauptpreise des Festivals vergeben: Ein Goldenes Auge geht jeweils an die Filme LA MIF von Fred Baillif (Fokus Wettbewerb), A CHIARA von Jonas Carpignano (Spielfilm Wettbewerb) und LIFE OF IVANNA von Renato Borrayo Serrano (Dokumentarfilm Wettbewerb). Die ZFF Kinderjury zeichnete zudem LE LOUP ET LE LION mit dem Kleinen Goldenen Auge aus.
 
Die Award Night des 17. Zurich Film Festivals (23.9.-3.10.) fand im Opernhaus statt. Der in drei Kategorien gegliederte Wettbewerb bildet dabei das Herzstück: Darin präsentiert das ZFF jährlich Filme von vielversprechenden Filmemacherinnen und Filmemachern, die mit ihrer ersten, zweiten oder dritten Regiearbeit um die Hauptpreise konkurrieren: die mit 25 000 CHF dotierten Goldenen Auge. Bei allen Wettbewerbsfilmen handelt es sich zudem um Welt-, Europa- oder Schweizer Premieren. Neben diesen drei Hauptkategorien wurden zahlreiche weitere Preise vergeben, darunter der Preis der ZFF-Kinderjury, der Publikumspreis und der Emerging Swiss Talent Award.
«Es haben viel mehr Leute das Zurich Film Festival besucht als erhofft, was zeigt, dass das Kino zurück ist. Viele Filmemacher konnten ihre Filme zum ersten Mal in einem Kino vor einem richtigen Publikum vorstellen und waren gerührt von den Begegnungen mit den Zuschauerinnen und Zuschauern», betont Artistic Director Christian Jungen.

 

Besondere Erwähnung:
HINTER DEN SCHLAGZEILEN / BEHIND THE HEADLINES (Deutschland, 2021) von Daniel Andreas Sager – denn „dieser herausragende Dokumentarfilm schafft es wirklich, dem Publikum einen einzigartigen Einblick in den investigativen Journalismus zu geben. Er ist Spannung pur und ein Plädoyer für die Vierte Gewalt – sehr wichtig in Zeiten von Fake News.“

Jury:
Sönke Wortmann (Jurypräsident) / Regisseur, Drehbuchautor, Produzent / Deutschland
Caterina Mona / Filmeditorin, Autorin, Regisseurin / Schweiz
Pierre Monnard / Regisseur / Schweiz
Sandra Guldberg Kampp / Schauspielerin / Dänemark
Ada Solomon / Produzentin / Rumänien

 

Im Folgenden werden sämtliche Gewinnerfilme des 17. ZFF bekanntgegeben. Bildmaterial und Gewinnerstatements werden am Samtagabend so rasch wie möglich auf zff.tmdb.proaufgeschaltet.

 

 
Bilanz am ZFF: über 100 000 Besucher – ZFF ist das #1 Filmfestival der Schweiz

Das 17. Zurich Film Festival, das am Sonntagabend 3. Oktober zu Ende ging, ist weiter auf Wachstumskurs und verzeichnet 50 Prozent mehr Besucher als letztes Jahr. Mit 102 000 Besuchern ist es nun zum zweiten Mal in Folge das grösste Filmfestival der Schweiz. Hollywoodikone Sharon Stone freute sich ebenso wie die Autorenfilmer Paolo Sorrentino und Paul Schrader, wieder in persönlichen Kontakt mit dem Publikum zu treten. Auch konnte mit NO TIME TO DIE der meisterwartete Film seit Jahren am ZFF lanciert werden, während zahlreiche aufstrebende Filmeschaffende ihre Erstlingswerke als Weltpremieren präsentierten.

 

Das 17. Zurich Film Festival (ZFF) zieht sehr erfreut Bilanz über eine rein physische Ausgabe, die mit einem Vollprogramm von 164 Filmen aus 53 Ländern durchgeführt werden konnte. 102 000 Besucherinnen und Besucher kamen ans ZFF – 2020 waren es 68 000. Damit ist das ZFF zum zweiten Mal in Folge das meistbesuchte Filmfestival der Schweiz.

«Unsere Erwartungen wurden weit übertroffen», sagt Festivaldirektor Christian Jungen. «Die letzten Tage haben eindrücklich gezeigt, dass die Leute wieder Lust auf Kino und gemeinsame Erlebnisse haben. Die Stimmung war von Beginn weg positiv und viele internationale Gäste zeigten sich gerührt, weil sie ihre Filme zu ersten Mal einem richtigen Publikum vorstellen konnten.»

Zum Wachstum beigetragen hat die neue Spielstätte im Kongresshaus, das grösste Kino der Schweiz. Alleine gestern Samstag waren dort vier Vorstellungen mit je 1300 Zuschauern ausverkauft. Insgesamt waren 67 Vorstellungen ausverkauft, das grösste Besucherwachstum verzeichnete das Festival in den drei Wettbewerben um das Goldene Auge. «Uns ist es gelungen, ein treues, cinéphiles Publikum zu gewinnen, das sich auf anspruchsvolle Werke einlässt und auch in zunehmender Zahl Nachmittagsvorstellungen besucht», erklärt Christian Jungen.

Unter den Gästen, die das ZFF empfangen durfte, waren Autorenfilmer von internationalem Rang wie Jacques Audiard, Todd Haynes, Paolo Sorrentino und Paul Schrader, Charakterdarstellerinnen wie Cécile de France und Altstar Timothy Spall, der Oscar-prämierte Komponist Mychael Danna sowie Sharon Stone, die den Golden Icon Award erhielt. Der Hollywoodstar zeigte sich glücklich über alle Massen und bezeichnete die Auszeichnung als die schlichtweg grösste Ehrung ihrer Karriere.

 

Filmtipps

 
 

Bigger Than Us
rbr. – Junge Aktivisten. Wie geht es weiter mit der Welt, fragte sich die Aktivistin Melati Wijsen aus Indonesien? Was tun angesichts grassierender Gleichgültigkeit, Fahrlässigkeit und Passivität? Der Teenager aus Indonesien hat sich vor drei Jahren auf eine Reise in aller Welt gemacht und berichtet über junge tätige Menschen – im Kampf gegen Klima- und Umweltkrisen, gegen Sozial- und Migrationsprobleme, für Menschenwürde und Freiheit.
Melati Wijsen kämpfte bereits als Zwölfjährige zusammen mit ihrer Schwester Isabel gegen die enorme Plastikverschmutzung in Indonesien. Als Achtzehnjährige ist sie aufgebrochen, junge Menschen zu treffen, die sich wie sie engagieren und in Kämpfe stürzen, die «grösser als sie selber sind». «Bigger Than Us» ist auch der Titel eines Dokumentarfilms der französischen Unternehmerin, Schriftstellerin und Journalistin Flore Vasseur. Melatis Reise vor drei Jahren beginnt in den riesigen Plastikhalden Indonesiens, führt nach Malawi, wo Memory Banda (zurzeit des Filmens 22 Jahre alt) gegen einen unerhörten Macho-Ritus angeht, nämlich der Vergewaltigung junger Mädchen in sogenannten Initiationslagern. Im Libanon hat der geflüchtete Syrer Mohamad al Jounde (18) eine Schule für Flüchtlingskinder aufgebaut. Xiuhtezcatl Martinez (19), Umweltaktivist und Hip-Hop-Künstler mit aztekischen Vorfahren, kämpft gegen Pestizide und für Umweltgerechtigkeit. Der Brasilianer Rene Silva (25), Journalist, berichtet über die Favelas, prangert an und glaubt an die Kraft der Gemeinschaften. Winnie Tushabe (25) initiierte die Initiative YICE, die sich in Uganda gegen den Einsatz von Pestiziden und für umweltschonende Permakultur einsetzt. Mary Finn (22) ist seit Jahren von Lesbos aus im Seenot-Rettungsdienst aktiv (Griechenland, Türkei, Libyen). Sie ist Helferin und Zeugin von Flüchtlingen in Not, beschreibt ihre Situation in Europa und unzulängliche europäische Flüchtlingspolitik.
Sieben Stationen und junge Leute, die sich mit Leidenschaft für eine bessere Zukunft, für Menschen und Erde, für Menschenwürde und Selbstbestimmung einsetzen, Widerstand aufbauen, gegen krasse Verletzungen von Menschen und Natur kämpfen. Es mögen kleine Heldentaten sein, doch sie bewegen etwas, wollen die «Welt reparieren». Flore Vasseurs beherzter und eindringlicher Film «Bigger Than Us» ist ein Plädoyer für eine bewegte Jugend, für selbstloses Engagement und Lebensmut. Produziert übrigens von der Schauspielerin Marion Cotillard. Auch allen Protestlern, Krisensprechern, Umweltpassivisten und bequemen Erdbewohnern zu empfehlen.

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Nachbarn
rbr. Unter der Knute. Aktuell wie eh und je. Der sechsjährige Kurdenjunge Sero erlebt in seinem Dorf an der syrisch-türkischen Grenze in den Achtzigerjahren, wie der nationalistische Staat, sprich die Assad-Diktatur, in den Alltag eingreift. Mano Khalil («Unser Garten Eden», «Der Imker») beschreibt, wie Menschlichkeit in einer Welt von verordnetem Hass und Gewalt gleichwohl bestehen kann. Khalils Film, der über zwanzig Jahren in Bern lebt, basiert auf eigenen Kindheitserinnerungen. Die Vorfreude auf die Schule ist beim sechsjährigen Sero (Serhed Khalil) gross, bis er die Knute des neuen Lahrers (Jalal Altawil) zu spüren bekommt. Der duldete die kurdische Sprache nicht und benutzte den Rohrstock als Disziplinierungsinstrument. Der arabische Staat samt Diktator ist das Mass aller Dinge. Die Kinder werden militärisch gedrillt.
Unter solchen Verhältnissen wächst die Angst, wird auch der kurdische Knabe diffamiert. Erzfeind ist Israel, und die Knaben sollen einst gegen den Nachbarn ins Feld ziehen. Seros Familie ist gefährdet und sucht Fluchtmöglichkeiten. Der Vater bittet um Hilfe beim jüdischen Händler und um ein Dokument. Ein gefährliches Vorhaben.
Auch wenn die Ereignisse über vierzig Jahre zurücklegen sollten, sind sie bis heute aktuell: Repressalien, Verfolgung von Minderheiten (in Syrien wurden alle jüdischen Menschen vertrieben), Militarismus, Hasspredigen sind bis heute in Syrien an der Tagesordnung. Mano Khalil beschreibt sehr sensibel, auch mal drastisch die nationalistischen, menschenfeindlichen Verhältnisse in einem Dorf-Mikrokosmos. Es gibt auch heitere, spitzbübische Momente. Sein Spielfilm «Nachbarn» ist trotz aller Tragik auch Zeichen für Hoffnung und Menschlichkeit, die sich nicht wegdiktieren lässt.
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AZOR
I.I. Aufregender Banken-Politthriller. Im September wurde der Film AZOR des Schweizer Filmregisseurs und Drehbuchautors Andreas Fontana am Zürcher Filmfestival (ZFF) gezeigt. Andreas Fontana (*1982 in Genf) absolvierte ein Studium in Vergleichender Literaturwissenschaft an der Universität Genf, das er 2007 abschloss. Sein Dokumentarkurzfilm Pedro M, 1981 wurde 2015 im Rahmen des Schweizer Filmpreises als bester Kurzfilm nominiert.
Sein Spielfilmdebüt Azor wurde im Juni 2021 an den Internationalen Filmfestspielen in Berlin vorgestellt. Man wünscht diesem Film eine stärkere Beachtung seitens des Publikums, denn der Politthriller, der die Schweizer Bankerszene im Argentinien der 80er Jahre zeigt, könnte angesichts der Pandora-Paper aktueller nicht sein. Dabei fesselt nicht nur das story-telling der undurchsichtigen Machenschaften des Private Banking, sondern auch die Kameraführung, wie die komplexen Machtstrukturen der Dekadenz in der Bildgestaltung von Gabriel Sandru in gedämpften dunklen Farbtönen hervorragend in Szene gesetzt werden.
Nach dem Verschwinden seines Geschäftspartners Keys ist der Schweizer Banker Yvan De Wiel (Fabrizio Rongione), Teilhaber des Schweizer Bankhauses Keys Lamar De Wiel, und seine Frau Inés (Stéphanie Cléau) aus Genf 1980 nach Argentinien gereist, das seit vier Jahren von der Militärjunta regiert wird. Er betritt die dekadente Welt des Geldadels, des Militärs und skrupelloser Kirchenoberen, die mit dem Regime gemeinsame Sache macht. Ihr Cousin, der Schweizer Botschafter Gaspar soll am nächsten Tag zurückkommen und will sie beide treffen. Es ist die Zeit kurz vor dem World Cup. Soldaten kontrollieren Menschen auf offener Straße. Die neue argentinische Regierung will Reformen durchsetzen. Während auf der Strasse unschuldige Passanten von Soldaten verhaftet werden, treffen sie sich auf exklusiven Empfängen, in Privatzirkeln und Luxushotels. Ihr Ziel ist es, ihr Vermögen mithilfe des Klüngels von Schweizer Bankenwelt und diplomatischem Korps ins sichere Ausland zu bringen. Zunächst zögerlich, dann immer entschlossener dringt De Wiel in das innere Geflecht von Macht und Dekadenz vor.
Azor (Sprich nicht, sei ruhig) handelt auch von der Schweiz und ihrem Bankgeheimnis, einer Hochfinanz, die der Diktatur den Zugang zu den internationalen Finanzmärkten öffnen will und von Kreditgebern, die auch dann noch verdienen, wenn der Kapitalismus seine eigenen Kinder frisst.
Inspiriert wurde der Film von einem Brief, den der Regisseur im Besitz seines Vaters fand, einem Schweizer Privatbankier wie der Protagonist des Films. Dieser dokumentiert eine Reise nach Argentinien während der Zeit, in der der Film spielt und erzählt von seiner Beteiligung an Geldwäsche und Steuerbetrug in dem von der Junta geführten Land. Im Podcast von „Film at Lincoln Center“ erklärte Fontana, der signifikante Unterschied von Privatbanken zu herkömmlichen Banken bestehe darin, dass sie nicht an Geschäften mit Durchschnittsbürgern interessiert sind, sondern an Individuen mit viel Geld aus fragwürdigen Quellen.
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No Time to Die
I.I. Bond is back! Der Film beginnt mit einer Rückblende auf Madeleine Swann (Léa Seydoux), als ihr Haus in der Kindheit von einem maskierten Bösewicht namens Lyutsifer Safin (Rami Malek) überfallen wird, der ihre Mutter tötet, auf den sie schiesst und der sie davonkommen lässt.

Bond (Daniel Craig) hat sich als Agent 007 zurückgezogen und reist mit Madeleine, seiner Geliebten aus dem letzten Bondfilm Spectre (2015), ins malerische Matera in Süditalien, wo Bond morgens nur schnell etwas erledigen will, nämlich seine Vergangenheit mit Vesper Lynd aus Casino Royale (Eva Green) hinter sich zu lassen, die hier begraben ist, als eine Explosion ihn herumreisst. Ein Gruss von der Organisation Spectre. Wieso wussten sie, dass er hier ist? Hat Madeleine ihn verraten? Und nun beginnt erst einmal eine wilde Verfolgungsjagd durch die engen Winkel und Gassen Materas mit dem legendären Aston Martin, in alter Bond-Manier, und natürlich kommt er davon.
Was ist neu, was ist anders im neuen Bondfilm, auf den die Fans wegen Corona so lange warten mussten? Spannend ist er allemal und technische Tricks und Gentechnik sind auf der Höhe der Zeit, schöne Frauen um Bond sind eine Voraussetzung für sein Image, das aber nicht mehr von rassistischen und sexistischen Sprüchen begleitet wird. Aber weichgespült ist dieser Bond auch nicht, nur etwas nachdenklicher und zerknitterter, älter geworden, was ihm aber nicht schlecht steht. In Form ist er immer noch.

Nach seinem Rückzug hat eine junge schwarze Frau (Lashana Lynch) die 007-Lizenz erhalten, die sich aber neben Bond nicht entfalten kann. Denn Bond bekommt seine Lizenz zurück, er kann nicht zurücktreten, solange MI6 und die CIA zusammen einen russischen Wissenschaftler suchen, der an einer Biowaffe arbeitet, die Menschen nach DNA töten oder leben lässt. Spectre will diese Waffe besitzen, aber der Mann mit der Maske Lyutsifer Safin ist dem Verbrechersyndikat zuvorgekommen. Aber man weiss ja, Bond will und muss die Welt retten, dass sie nicht untergeht, was mitunter seiner melancholische Stimmung förderlich ist. Und wir sind gehalten, nicht alles über die letzte Performance von Daniel Craig als MI6-Agent 007 zu verraten. Es ist ein würdiger Abgang. Wie es mit Bond weitergehen soll, steht in den Sternen. Falls man keinen geeigneten Nachfolger findet, könnte man die Filmserie auch hier beenden. Mein Favorit wäre übrigens Oscar Isaac, der am ZFF im neuen Film «Card Counter» von Paul Schrader zu sehen war.
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«Herr Bachmann und seine Klasse»
rbr. Lebensschule. Man wundert sich sehr, dass es das noch gibt: ein Lehrer mit Leib und Seele und Herz, der eine Klasse betreut, lehrt, natürlich auch belehrt, der eine Schule des Lebens praktiziert. Der Pädagoge heisst Dieter Bachmann und unterrichtete an der Gesamtschule in Stadtallendorf, einer Kleinstadt in Mittelhessen. Maria Speth hat ihn und seine Klasse sechs Monate im Jahr 2017 begleitet und dokumentiert. 19 Kinder im Alter von 12 bis 14 Jahren, dazumal im Jahr 2017. Eine Multikultigemeinschaft an der Georg-Büchner-Schule in einer hessischen Kleinstadt. Stadtallendorf, nahe bei Marburg, hat rund 21 000 Einwohner und hat eine bewegte Wirtschaftsgeschichte hinter sich, gehörte ab1866 zum Königreich Preussen. Hier wurde ab 1938 Sprengstoff in grossem Ausmass für die Rüstung produziert. Hier war der Standort für die grösste Munitionsproduktionsstätte in Europa, getarnt im Wald, mitten in Deutschland zwischen Frankfurt und Kassel. Die Nazis hatten hier 15000 Zwangsarbeiter eingesetzt, die teilweise im KZ Münchmühle (Aussenlager Buchenwald) untergebracht waren. Erst 2006 waren die Sanierungsarbeiten für das gesamte Produktionsgebiet (600 Hektaren) abgeschlossen worden.
Diese Stadt und ihr jüngste Geschichte hatte die Fränkin Maria Speth (54) im Fokus. Doch das Projekt entwickelte sich anders. Dieter Bachmann, Musiker, Künstler, Lehrer, war ein Studienfreund von Reinhold Vorschneider, Autor und Kameramann. Und der animierte seine Partnerin Maria Speth, mit Herrn Bachmann und seine Art pädagogische Führung und Eingabe einen Film zu machen. Ein kleines Team nistete sich quasi in der Klasse 6B (Förderstufe 5. bis 6. Klasse) ein und sammelte Material von vielen Kilometern. «Gedreht haben wir an dreissig Drehtagen und 200 Stunden Filmmaterial gesammelt», erzählte Maria Speth bei einem Gespräch anlässlich des Zurich Film Festival, «das wurde dann auf zwanzig Stunden verdichtet, dann auf acht und fünf Stunden, schliesslich auf dreieinhalb Stunden gekürzt.»

Dieter Bachmann begann seine Lehrertätigkeit mit 40 Jahren. Der Film begleitet ihn quasi in die Pensionierung. Maria Speth erklärte auch: «Mich hat dann neben der Stadt und ihrer Geschichte die Lebensrealität der Menschen interessiert. Und so hat sich die Schule als Ort angeboten. Wir haben den Fokus auf den Schulalltag der sechsten Klassen gerichtet.» Die Klasse ist bunt gemischt, setzt sich aus Schülern und Schülerinnen zusammen, die aus zwölf Nationen stammen, mit verschiedenen kulturellen, religiösen und ethnischen Hintergründen.
Der Filmerin war durch die lange Recherche die Schule vertraut, sie hat sich mit ihrem kleinen vierköpfigen Team in die Klasse quasi eingenistet. Man hat als Zuschauer nie das Gefühl, als wäre man Beobachter, eher Teilnehmer, interessierter Sympathisant. «Herr Bachmann hat eben auch ein familiäres Klima in der Klasse geschaffen, von der gemütlichen Einrichtung bis zur offenen Atmosphäre. Wir haben mit den Kindern eine Beziehung entwickelt, haben uns integriert und waren Bestandteil der Klasse. Sie haben uns als Filmteam nicht mehr als störend wahrgenommen.» Erstaunlich, die Kinder flirteten nicht mit der Kamera, posierten nicht wie bei Selfies.
Lehrer Bachmann hat ein grosses Vertrauen zu den Schülern aufgebaut, und das Filmteam ist in seine Fussstapfen getreten. Er ist ein grosser Humanist, der niemanden ausgrenzt, auf jeden Schüler eingeht, Schule im besten Sinne lebt. Der Film bleibt auf die Schule konzentriert. Nur selten verlässt er das Klassen- oder Lehrerzimmer, mal bei einer Klassenfahrt in den Ort, wo Bachmann lebt, mal beim Schulweg, bei einer Weihnachtsfeier. Das eigentliche Privatleben bleibt draussen vor. Ein-, zweimal gibt Herr Bachmann etwas von seinem Werdegang preis als Bildhauer, Musiker. Er ist ein begnadeter musischer Mensch, der Schüler für Musik animieren kann. Hörenswert, der Soundtrack besteht nur aus «eigener» Musik, heisst der Musik der Schüler und des Lehrers.
Herr Bachmann vermittelt den Kindern und nicht nur dort das Gefühl, ernst genommen, als wertvoll empfunden zu werden. «Das hat mir als Filmemacherin sehr entsprochen», bekennt Maria Speth. «Diese Kinder sind die Stars des Films. Ich wollte nicht das Schulsystem kritisieren, sondern zeigen, was möglich ist.»

Der Dokumentarfilm «Herr Bachmann und seine Klasse» lief 2021 im Berlinale Wettbewerb und wurde zweifach ausgezeichnet: mit dem Preis der Jury und dem Publikumspreis in Berlin, als er im einem breiten Publikum gezeigt werden konnte.

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Dune
rbr. Wüsten-War. Die Wüste lebt und wurde durch den Kanadier Denis Villeneuve («Blade Runner 2049») fürs Kino wiederbelebt. Grundlage bildet ein Romanzyklus (sechs Bände) von Frank Herbert, der zwischen 1965 und 1985 entstanden ist und zum Kult der SF-Literatur wurde. Verschiedene Produzenten (u.a. Dino De Laurentiis) und Regisseure (Ridley Scott, Alejandro Jodorowsky) versuchten sich an diesem monströsen Werk. Erst David Lynch verfilmte es tatsächlich 1984, doch sein «Wüstenplanet» floppte bei Kritik und Publikum. Beim neuen «Dune»-Leinwandmonument wird das Publikum gleich vorgewarnt: Teil 1 bedeutet, dass es auch noch nach 155 Minuten weitergehen wird.
Im Zentrum des Space-Actiondramas stehen der Wüstenplanet Arrakis (Dune), der junge Held Paul Atreides (Timothée Chalamet), Erbe des Fürstenhauses Atreides, die kriegerischen Konkurrenten des Hauses Harkonnen, ein bizarrer Imperator und die Droge Spice.
Herzog Leto Atreides (Oscar Isaac) wird vom Imperator der Planet Arrakis als Lehen übertragen, Baron Harkonnen (Stellan Skarsgård) und sein Clan müssen weichen, haben natürlich nichts anderes im Sinn, als den Fürsten zu liquidieren und die Herrschaft zurückzuerobern. Arrakis ist gefährlich, hier wird die Droge Melange abgebaut, die existenziell wichtig ist für die gesamte Raumfahrt ist. Nur dank ihr sind die Gildennavigatoren befähigt, mit Überlichtgeschwindigkeit den Weltraum zu durchkreuzen. Die Droge bewirkt hellseherische Fähigkeiten und blaue Augen, wie sie die Fremen, Ureinwohner des Planeten, haben. Nun, der Herzog wird verraten und umgebracht, sein Sohn Paul muss die Verantwortung übernehmen. Der mit seherischen Fähigkeiten ausgestattete Nachfolger kann zusammen mit seiner Mutter Jessica (Rebecca Ferguson), der Konkubine des Herzogs, fliehen – zusammen mit Schwertmeisters Duncan (Jason Momoa) und der Planetologin Liet-Kynes (Sharon Duncan-Brewster). Doch erst die Fremen, die den Planeten bestens kennen und auch wissen, wie man mit den gigantischen Wüstenwürmern umgehen kann, können weiterhelfen. Anführer Stilgar (Javier Bardem) und das Fremen-Mädchen Chani (Zendaya), dem Paul mehrfach in seinen Träumen begegnet ist, wissen einen Ausweg in der Wüste. Ist Paul der Erlöser, auf den die Fremen seit langem warten?
Die «Dune»-Enzyklopädie ist ein ausuferndes, literarisches Monument oder Monstrum, je nach Sehweise. Der Film basiert auf dem ersten Band und wird ihm insofern gerecht, als er grossartige Landschaften und Kulissen schafft. Die teilweise verworrenen Handlungsstränge mit vielen Figuren erschweren den Durchblick, so bleibt etwa die Hexenrolle der ehrwürdigen Mutter Moria (kaum erkennbar Charlotte Rampling) vom Orden der Bene-Gesserit für Nichteingeweihte diffus. Manche Figuren wie der monströse wurmartige Baron Harkonnen, das Pärchen Paul und Chani, Drohnen-Angriffe, Flug-Gefechte, Schlachten und mehr erinnern an die «Star Wars». Es wird auch hier mit allen Waffen, Schwertern und Fäusten gefochten – im Jahr 10191. Wer sich an Kämpfen, bizarren auch atemberaubenden Landschaften und düsteren Szenarien sattsehen will, wird mit dem «Dune».-Actionpanorama gut bedient. Insofern bleibt diese «Dune»-Version spektakulärer Schein. Themen wie Ausbeutung und Knechtung, Evolution, Machtgier und Gewalt, Manipulationen und Züchtung von Übermenschen, Religion (Erlöser) und Befriedung werden nur oberflächlich berührt.

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Schachnovelle

rbr. Geistige Flucht. Das nationalsozialistische Regime hatte sich 1938 Österreich einverleibt. Damit einher gingen Konfiszierung jüdischen, kirchlichen Vermögens, Entrechtung und die Verfolgung jüdischer Menschen. Der grossbürgerliche Anwalt Dr. Josef Bartok (Oliver Nasucci) hält den Nazi-Spuk für eine kurzzeitige Erscheinung und gibt sich mit seiner Frau Anna (Birgit Minichmayr) dem schönen Schein eines Wiener Opernballs hin. Ein Freund warnt ihn – zu spät. Bartok wird verhaftet, in ein Zimmer des Luxushotels Metropol eingesperrt und vom Gestapo-Mann Franz-Josef Böhm (Albrecht Schuch) einvernommen wird. So beginnt die Neuverfilmung der bekannten «Schachnovelle» von Stefan Zweig.
Der verschwiegene Anwalt verwaltet Vermögen. Klar wollen die Nazis an Wertpapiere, Gelder usw. ran. Bartok wird scheinbar geziemend behandelt, aber total isoliert. Gestapo-Jäger Böhm versucht’s mit Psychoterror, aber Bartok, das Objekt der Begierde, widersetzt sich beharrlich und will die Konten seiner Klientel nicht preiszugeben.
Geistigem Entzug und räumlichem Druck ausgeliefert, gelingt es dem Inhaftierten, ein Buch zu stehlen. Doch statt Literatur hält er nur ein Kompendium berühmter Schachpartien in der Hand. In der Not vertieft sich Bartok ins Schachspiel, baut sich ein Schachbrett (Fliesenmuster) auf und formt Schachfiguren aus Brotkrumen. Als man sein Buch konfisziert, spielt er weiter – im Kopf. Dem Wahnsinn nahe. Das sehen auch seine Nazi-Folterer und lassen ihn frei. Bartok, der nun Werner von Basil heisst, kann auf einem Passagierschiff in Rotterdam die Reise nach Amerika antreten An Bord trifft er anscheinend auch seine Frau Anna wieder. Traum oder Wirklichkeit? Auf dem Ozeandampfer wartet eine weitere Herausforderung auf den Emigranten. Der Schiffseigner (Rolf Lassgård) animiert ihn, gegen den Schachweltmeister Centovic anzutreten, doch der Herausforderer fürchtet um ein neu ausbrechendes «Schachfieber», sprich Bewusstseinsspaltung.
Stefan Zweigs «Schachnovelle» entstand zwischen 1938 und 1941 im brasilianischen Exil. Sein letztes Werk. In der Neuverfilmung von Philipp Stölzl («Der Medicus») spielt das Endspiel, sprich Schach-Duell auf dem Dampfer, nur eine Finalrolle, arg klischeehaft und durchsichtig angelegt. Stölzls Film-Fokus liegt auf dem Psychoterror, dem Bartok ausgesetzt ist, dem geistigen Druck und Folter fast ohne Folter. Gestapo-Folterknecht Böhm ist eine Klischeefigur, blasiert und marionettenhaft. Darsteller Masucci bemüht sich redlich, den inneren Wahnsinn des Schachspielers aus Not umzusetzen. Allein es gelingt nicht recht. Bartok Gefährtin Anna bleibt schemenhaft und wird zur Randerscheinung.
Stölzls Schachnovelle-Version über Faschismus und Menschenwürde, Wahn und Wirklichkeit, Bedrohung und Befreiung wirkt weitgehend oberflächlich und plakativ. Bezüge zu heute und geistige Tiefe fehlen. So bleibt eine fadenscheinige, lackierte Literaturverfilmung, die wohl Lust aufs Buch, aber selber keinen bleibenden Eindruck macht.
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Sìrìrì

rbr. Zwei aktive Friedensapostel. Brennpunkt Afrika, wobei der Ausdruck brennen wörtlich zu nehmen ist. Die Zentralafrikanische Republik brennt seit Jahrzehnten, Stämme, Rebellen, Staatsorganen bekriegen sich. Das Land ist eines der ärmsten der Welt, obwohl es reich an Bodenschätzen ist – von Eisen und Diamanten bis zu Gold und Erdöl. Unter dem Deckmantel der Religion massakrieren sich Christen und Anhänger des Islam. Der Glauben wird instrumentalisiert, doch in Wahrheit geht es um Macht und Profit. Ein Zeichen des Friedens (Sìrìrì) setzen zwei Männer, die nicht an Glaubensfragen hängen und Ideologien vorschieben, sondern sich für Menschen und friedliches Zusammenleben einsetzen, auch unter Lebensgefahr.
Kardinal Dieudonné Nazapalainga und Imam Oumar Kobiné Lamaya sind Brüder im Geister der Humanität, reisen zu den Menschen in entlegene Winkel des Landes, um die kriegerischen Übergriffe zu beenden und ein friedliches Zusammenleben wieder zu beleben, wie es in manchen Dörfer früher möglich war. Der Schweizer Filmer Manuel von Stürler hat den Kardinal begleitet, als er sich in seinem Geländewagen durch Busch, Schlamm und Flüsse zu den Menschen auf dem Land durchschlug. Er hat dokumentiert, wie der Kardinal und der Imam, der indes verstorben ist, eine gemeinsame Sprache der Friedens, der Humanisierung sprachen und den von Gewalt heimgesuchten Menschen Hoffnung machten. Hier gelang eine Aufnahme des Schulbetriebs, eine Phase des Friedens, dort aber schlugen Rebellen und Gewalttäter erneut zu. Das Morden, Verschleppen geht weiter, und die Blauhelme der UNO sind tatenlos
«Sìrìrì» ist ein Zeitdokument und Zeugnis von Menschen, hier religiöse Würdeträger, die Worte Taten folgen lassen, sich eingeben, sich zu leidenden Mitmenschen begeben und die Hoffnung nicht aufgeben, auch wenn die Realität oft vieles wieder zunichtemacht. Der Film ist Anklage und Aufruf zugleich, tippt auch Fragen nach Verantwortlichkeit an: Wer liefert Waffen, wer zieht Profit? Anlässlich der 48. Tagung des Menschenrechtsrates der UNO in Genf begleiten Kardinal Diondonné Nzapalainga und Imam Abdoulaye Quasselegue den Film «Sìrìrì» bis 12. September in der Schweiz.

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Die Pazifistin
rbr. Zu modern, zu kritisch, zu sehr Frau. Sie war die erste Friedenskämpferin der Moderne in der Schweiz, doch niemand kennt sie mehr – ausser ein paar Eingeweihten, Friedensaktivisten und Frauenrechtlerinnen. Sie hiess Gertrud Woker, 1878 in Bern geboren und 1968 verstorben in einer Psychiatrieanstalt – vergessen, versorgt. Die Naturwissenschaftlerin war hochbegabt und wurde an der Berner Universität als Biochemikerin geduldet, ihre Forschungen und ihr Labor von der männerdominierten Wissenschaftsclique klein gehalten. Sie war den Herren zu unbequem, zu kritisch, ja wohl zu suspekt. Gertrud Woker pfiff auf eine Karriere, die ihr zugestanden hätte, doch sie lebte in der falschen Zeit, die von Macht und Krieg und Männern geprägt war.
Sie prangerte den Gaskrieg im Ersten Weltkrieg an, schrieb Bücher darüber, hielt Vorträge und fand internationale Anerkennung. Sie war 1915 Mitbegründerin der Internationalen Frauenvereinigung für den dauerhaften Frieden (heute Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit/IFFFF) und setzte sich zeit Lebens vehement für den Frieden und die Rechte der Frauen ein. Es gibt Bücher über sie und eine Strasse in Bern. Sie ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt, aber in der Schweiz weitgehend unbekannt – verfemt, verschüttet, verschwiegen.
Der Dokumentarfilm «Die Pazifistin» von Fabian Chiquet und Matthias Affolter ist Spurensuche und animiertes Werk übers und vom Vergessen. Aus spärlichen Dokumenten – Fotos, Schriften, Gedichten, Zeitzeugnissen – haben die Filmer eine vielschichtige Filmcollage kreiert. Alte Aufnahmen werden mit zeitgemässen Naturaufnahmen und Trickzeichnungen verknüpft, vermengt. Das feinsinnig montierte Porträt schafft so aus Fragmenten ein lebendiges Bild einer engagierten, unverstandenen, «verrückten» Frau. Selbst Verwandte und Grossneffen werden erst durch den Film auf diese mutige, verkannte Grosstante aufmerksam. Und so schliesst sich der Kreis im Film vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, in dem der vergessenen Frauen- und Friedenskämpferin von ihren Grossneffen an ihrem Haus in Merligen am Thunersee eine Grabtafel montiert wird. Gertrud Woker , eine selbstbestimmte, aber auch kleingeredete und diskriminierte Frau, war gedanklich und ethisch ihrer Zeit weit voraus. und hat uns heute so viel zu sagen wie damals. Heute findet sie wahrscheinlich mehr offene Ohren und Geister als dazumal – und das nicht nur in feministischen Kreisen.

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Auf die eigene Art

rbr. Eigene Lebensentwürfe und -haltung. Drei Menschen, drei Charaktere und Lebenshaltungsweisen: Filmer Manuel Schweizer hat Persönlichkeiten unter die Kamera genommen, drei Jahre begleitet und beobachtet. Der Schweizer aus dem Toggenburg, der seine Brötchen auch schon als Stuntman bei TV-Produktionen wie «Der Bestatter» oder «Tatort: Sniper» verdient hat, lernte Peter Keller kennen, der im selben Dorf wohnte wie er. Das war der Beginn einer Freundschaft und eines Filmprojekts. Manuel Schweizer meint zu seinen Protagonisten. «Diese drei Menschen verbinden viele dieser Trends, doch nicht in einer Form, welche etwas zu verkaufen versucht, sondern als Lebensweise.»
Da wäre einmal Peter Keller aus Lütisburg, der einst eine alte Lagerhalle gekauft hat, die nun vollgepfropft ist mit Autos, Ersatzteilen, Schrottstücken, Werkzeugen und mehr. Der Mechaniker tüftelt an alten Mobilen, Geländewagen, einem Snowmobil oder einem wendigen, motorisierten Dreirad. Keller, ein Kerl wie ein Baum, hat auch schon mal an der Ausscheidung zur Camel-Trophy teilgenommen. Am liebsten bewältigt er mit einem Freund, ein-, zweimal im Jahr einen zerfurchten Geländeparcours in der Nähe eines Schlosses bei Dijon. Sein Sammler-Credo: «Ich kann doch nichts wegwerfen, was ich noch gebrauchen kann. Meine alten Autos haben die graue Energie schon vor 40 Jahren geleistet. Ich bin ich, wie ich bin und basta!»
Der ehemalige Goldschmied Thomas Zolliker hat sich zum Mann für Spezialeffekte (Explosionen, Feuer, Regen etc.) beim Filmen gewandelt. Als Aikido Meister widmet er sich privat der Meditation und zieht sich gern in die Natur zurück. Er lebt im Tessin (Aslano) und will nun einen halb verfallenen Gutshof im Piemont in Schuss bringen – mit eigener Hand. In solchem Komplex will er dann seine Lebenshaltung Menschen nahe bringen. «Wir müssen Seele und Augen öffnen. Wir müssen umdenken», ist seine Botschaft.
Die dritte im Bunde, Brigitte Uttar Kornetzky pendelt zwischen dem Toggenburger Homberg, Assam und Jaipur in Indien. Die Künstlerin, Sängerin (klassischer Gesang und Jodel), Filmerin («When the Elephant Sleeps», 2016)» und Tierschützerin engagiert sich vehement für Elefanten in Jaipur und im Assam-Gebiet, u.a. als Mitgründerin des Hilfswerks «Elefanten in Not». Sie lebt umweltbewusst – grüner als grün, verzichtet auf Shampoo und Serife beispielsweise, nimmt alles selber in die Hand von der Schindel am Haus bis zur Kamera. Ihr Herz schlägt für Tiere und Natur.
Die drei Individualisten haben ihre «eigene Art» und leben Nachhaltigkeit auf ihre «unbürgerliche» Weise. So erscheinen sie als Aussenseiter einer Wegwerfgesellschaft – eigenwillig und engagiert. Nicht ohne Widersprüche, aber beherzt. Der Filmer und seine drei Protagonisten haben einiges gemeinsam: Sie sind umweltbewusst, genügsam und machen am liebsten alles selber. Manuel Schweizer hat Buch, Kamera, Schnitt selber bewerkstelligt. Sein schillernder Dokumentarfilm «Auf eigene Art» kommt ohne Kommentar aus, lässt Menschen und Bilder für sich selber sprechen – ohne missionarischem Eifer. Bunt und wechselseitig wie das Leben ist auch der Film – nicht immer gradlinig und schlüssig, aber stets hautnah, authentisch und aufschlussreich.

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Preparations to Be Together For an Unknown Period of Time
rbr. Liebeswahn oder Liebeswunsch. Zugegeben, der Titel ist ein Zungenbrecher und alles andere als einprägsam, im Gegensatz zum eigentlichen brillanten Kinowerk der Ungarin Lili Horvát. Die Geschichte ist so simpel wie kompliziert. Márta Vizy, erfolgreiche Neurochirurgin um die 40, verlässt die USA, um in ihrem Heimatland Ungarn einer Spur zu folgen. Sie hat an einem Kongress in New Jersey einen Kollegen aus Ungarn getroffen und sich Hals über Kopf in ihn verliebt: Treffpunkt eines Wiedersehens auf der Freiheitsbrücke in Budapest um 17 Uhr. Wie verabredet wartet Márta auf jene Kongress-Bekanntschaft namens János Drexler (Viktor Bodó). Doch der erscheint nicht. Die Fachärztin lässt nicht locker, forscht nach und begegnet tatsächlich zufällig jenem János. Doch der leugnet jede Bekanntschaft. Marta ist schockiert, landet im Spital und lässt sich in der Uni-Klinik gleich anstellen – als (überqualifizierte) Fachkraft mit internationalem Ausweis.
Wie’s weitergeht, soll hier nicht erzählt werden. Nur so viel: Márta ist zutiefst verunsichert, sucht die Hilfe eines Psychiaters und steht mit János tatsächlich zusammen im OP-Saal. Eine Frau, die begehrt und zweifelt, die zwischen Wunsch, Wahn und Wirklichkeit pendelt. Leidet sie an einer Persönlichkeitsstörung? Bildet sie sich die Liebe nur ein?
Die Ungarin Lili Horvát lotet die Gefühle, Begehren und Wahrnehmung einer Frau in ihrem zweiten Spielfilm aus, zu dem sie auch das Drehbuch schrieb. Eine «Vorbereitung auf Gemeinsamkeit für eine unbekannte Zeitspanne» könnte man dieses Liebes- und Psychodrama überschreiben. Im Kern geht es um die Frage nach Wahrheit und Wirklichkeit, Trug und Trieb – um Liebe und Intuition. Hier ist Frau nicht Objekt der Begierde, sondern aktives Subjekt der Leidenschaft. Horváts intimes virtuoses Schaustück über Gefühlsirritationen, Selbstverwirklichung und verrückte Liebe wird von der Schauspielerin Natasa Stork als Márta getragen. Ihr Gesicht ist Spiegelbild ihrer Gefühle, sie ist unglaublich präsent, hinreissend im OP wie in ihrer Bruchbude, in ihrer Einsamkeit und Unsicherheit. Grandios und fesselnd. Sie trat im April im Luzerner Theater auf und wurde 2021 in Berlin als Shooting Star ausgezeichnet.
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Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

rbr. Schöner Schein. Es ist eigentlich müssig, die jüngste Neuverfilmung des Schelmenromans von Thomas Mann mit der Version von Kurt Hoffmann aus dem Jahr 1957 zu vergleichen – und ist doch reizvoll. Horst Buchholz gab seinerzeit den charmanten Hochstapler, als Gegenspieler de Venosta agierte Peer Schmidt, Liselotte Pulver reizte als Geliebte Zaza und Paul Dahlke als Professor. Regisseur Hoffmann, Drehbuchautor Robert Thoeren und Erika als Koautorin spannten damals den Faden, führten den unvollendeten Roman Manns weiter. Krull bandelt mit Kuckkucks Tochter (Ingrid Andrée) in Lissabon an, der echte Marquis de Venosta gerät unter Mordverdacht, Krull wird nach seiner Entlarvung verhaftet, entflieht als «Toter» und sieht Zaza wieder. Tempo passati.

Aber reizvoll und spannend im Vergleich zum neuen Felix Krull, dessen Affären und grosse Liebe in Lissabon auf dem Tennisplatz mit besagtem Kuckuck (Joachim Król), dessen Frau (Désirée Nosbusch) und Tochter (Deleila Sulamith Piasko) endet.
Detlev Buck und sein Koautor Daniel Kehlmann («Tyll») haben ein nettes stilgerechtes Kinostück zwischen Komödie und Liebesdrama nach Thomas Manns Buch (1954/55) entwickelt, für das der Autor eigentlich eine Fortsetzung plante. Doch die wurde nie realisiert. Nun denn, Felix Krull, der Liftboy und Kellner, dessen Vater einen Sektbetrieb in den Bankrott und die Familie in Armut führte, bekennt einem Hotelgast seinen Werdegang und sein Treiben im Paris um 1900. Aufmerksamer Zuhörer ist der wohlhabende Marquis Louis de Venosta (David Kross), der unsterblich in die kecke Zaza (Liv Lisa Fries) verliebt ist. Leser wissen es: Auch Charmeur Krull pflegt ein Liebesverhältnis mit Zaza. Bis zur Filmauflösung dauert es rund 100 Minuten,
Kostüme, Kulisse und Duktus stimmen. Buck/Kehlmann orientieren sich an Manns Sprache, die heutzutage etwas gestelzt und papiernen wirkt, aber das ist in sich stimmig und fasziniert. Freilich wirken Episoden wie Krulls Musterung (mit Detlev Buck als Oberarzt), gewisse Machenschaften im internen Hotelbetrieb oder einige Amouren wie Schmierentheater. Bei den Bekenntnissen des smarten Hochstaplers – Jannis Niewöhner ist als Felix Krull fast zu schön und smart, um wahr zu sein – vermisst man Esprit und Erotik (trotz schnell geschnittener Bettszenen). Der Film ist fein ausgestattet und geschmackvoll, aber unsexy. An dem namhaften Ensemble liegt’s nicht – nicht an Liv Lisa Fries («Babylon Berlin», «Hinterland», «Hell») als Liebesstern Zaza, nicht an Maria Furtwängler als triebhafte Madame Houpflé, nicht an David Kross («Trautmann») als etwas naivem, aber vermögenden Marquis oder Joachim Król als philosophierendem Prof. Kuckuck. Der Sinnspruch, der einmal fällt, «Sein ist immer Last und Lust» trifft auch auf Bucks Kroll-Film zu. Der Literaturverfilmung fehlen aber über weite Strecken Saft, Seele und Sinnlichkeit.
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Tides

rbr. Apokalypse Meer. Katastrophen gehören zur Filmgeschichte wie Helden und Bösewichte. Es sei nur an ein biblisches Ereignis wie die Sintflut erinnert. Die Reihe zieht sich vom Stummfilm bis zu Kriegsdramen wie «Apocalypse Now» (1979) von Francis Ford Coppola über monumentale Untergangsszenarien wie in «The Day After Tomorrow» (2004) von Roland Emmerich oder Fiktionen wie jüngst «Greenland» (2020) von Ric Roman Waugh, in dem die Erde von einem Komet existenziell bedroht wird und nur Grönland eine Überlebenschance bietet.

Der Schweizer Tim Fehlbaum, 1982 in Basel geboren, kennt sich im Genre des Katastrophenfilms aus. Vor zehn Jahren verschaffte er sich mit dem Endzeit-Thriller «Hell» Respekt und Kritikeranerkennung. Damals ging es um eine verdorrte Welt, um eine Hölle auf Erden. Ein düsteres Szenarium mit Akteuren wie Lars Eidinger (der «Hamlet»-Darsteller war damals noch nicht so berühmt wie heute) und Hannah Herzsprung (jetzt in «Monte Verità» aktiv). In seinem jüngsten Werk «Tides» ist die Erde Mitte des 21. Jahrhunderts unbewohnbar, sind die Menschen unfruchtbar geworden. Sie haben sich auf den Planeten Kepler geflüchtet. Von dort wurde eine zweite Mission – die erste verschwand spurlos – zur Erde gesandt, um mögliche Lebensbedingungen zu prüfen. Die Astronautin Louise Blake (Nora Arnezeder) und Kollege Tucker (Sope Dirisu) überleben als einzige die Erdlandung und stossen auf eine wilde Horde Überlebender. Die wiederum wird von «zivilisierteren» Menschen überfallen, angeführt von dem zwielichtigen Gibson (Iain Glen) und seinem willfähigen Adlatus Paling (Joel Basman, jetzt auch in «Monte Verità» zu sehen). Die gestrandete Louise jedoch, von Paling beargwöhnt, findet Spuren der ersten Mission und ihres Vaters…
«Tides – Gezeiten» hat Tim Fehlbaum sein endzeitliches Katastrophendrama genannt und beschreibt ein lebensbedrohliches Szenarium im und auf dem Meer. Es geht dabei nicht nur ums Überleben, sondern auch um Macht und Illusionen, Ausbeutung und Knechtung, Vater-Tochter-Verbindung und unsterbliche Hoffnung. Filmautor Fehlbaum hat die etwas quere und nicht immer schlüssige Geschichte grandios in Szene gesetzt, in den Messehallen von Basel, im Studio Babelsberg, der Lausitz und Oberpfalz sowie im norddeutschen Wattenmeer. Spektakulär, düster und stimmig, auch wenn vieles im Dunklen bleibt. Das Endzeitdrama, an dem auch die Schweizerin Ruth Waldburger als Produzentin beteiligt ist, wurde in Neuchâtel-Festival (NIFF) mit dem Jury- und Publikumspreis ausgezeichnet.
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Riders of Justice
rbr. Schräge Rächer. Es beginnt alles ganz harmlos. Weihnachtszeit. Ein Mädchen wünscht sich vom Grossvater ein Fahrrad, blau muss es sein, ist aber nicht vorrätig. Szenenwechsel. Der Mathematiker Otto (Nikolaj Lie Kaas) wird entlassen, weil seine Berechnungen und Algorithmen der Firma nicht in den Kram passen. Er fährt heim mit dem Zug, macht einer Frau Platz, die mit ihrer Tochter Mathilde (Andrea Heick Gadebeg) unterwegs ist, die sich erwähntes Velo wünschte. Beide haben erfahren, dass Markus (Mads Mikkelsen), Vater, Gatte und Soldat, (noch) nicht von der Front heimkommt nach Dänemark. Er dient irgendwo im Fernen Osten, vielleicht in Afghanistan. Dann knallt es im Zug. Chaos und Tote. Mathildes Mutter stirbt, die Tochter überlebt traumatisiert. Markus kehrt flugs vom Auslandseinsatz heim.
Trauer, Zweifel, Verstörung. Die Polizei glaubt an ein Unglück ohne Fremdeinwirkung, doch Otto, Zeuge und Überlebender, ist ganz anderer Meinung. Der Mathematiker und Statistiker in ihm sagt ihm, dass hier fremde Hände im Spiel waren. Und so macht er sich mit seinem Kumpel Bodashka (Gustav Lindh) auf, Markus von seiner Theorie zu überzeugen. Der ist skeptisch, aber als weitere Verdachtsmomente aufkommen und der IT-Spezialist und Hacker Emmenthaler (Nicolas Bro) einen Verdächtigen ausfindig macht, ist der Jagdinstinkt beziehungsweise die Rachsucht des verletzten Vaters nicht mehr zu bändigen…
Es beginnt ein Katz- und Mausspiel – mal Thriller, mal schwarze Komödie – das der Däne Anders Thomas Jensen (Adam’s Apples) raffiniert anlegt. Der Stil ändert sich stetig – mal Familiendrama und Bodyclinch, mal Gangsterplot, Actioneinlage und Melodrama. Dabei bleibt einem das Lachen nicht im Halse stecken, was den  ganzen Machotrip noch spannender und amüsanter macht. Die «Helden der Wahrscheinlichkeit» oder «Riders of Justice» (sprich: Retfærdighedens ryttere) ist ein kriminal-komischen Spiel um Erwartungen, Wahrscheinlichkeiten und Wahrheiten. Am Ende – so viel sei verraten – bekommt Mathilde ihr Velo und Emmenthaler ein Waldhorn. Ist ja schliesslich Weihnachten!

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Monte Verità
rbr. Rausch der Freiheit. Der Berg in der Nähe Asconas ist legendär – bis heute. Um 1900 suchten einige «Spinner» ein eigenes irdisches Paradies einzurichten – abseits von bürgerlichen Normen und Etiketten. Menschen aus allen europäischen Richtungen folgten den Signalen auf dem Monte Verità («Wahrheitsberg») in die «vegetarische Cooperative» – nach 1902. Wie kann man dieses Phänomen einer idealistischen Lebensphilosophie auf die Leinwand bringen? Der Schweizer Stefan Jäger (51) hat gar nicht erst versucht, diese kulturgeschichtliche Episode, die nur bis 1920 dauerte, zu dokumentieren. Er rückt eine Frau in den Mittelpunkt, die sich quasi auf dem Monte Verità emanzipiert. Hanna Leitner (Maresi Riegner), Mutter zweier Kinder, fühlt sich vom Ehemann drangsaliert, sexuell benutzt und eingeengt. Sie fotografiert gern, wird aber vom Gatten, einem Profifotografen, heruntergemacht. So entschliesst sie sich spontan, das bürgerliche Wien und die Familie zu verlassen und dem Psychoanalytiker Otto Gross (Max Hubacher) in die Schweiz zu folgen. Hier auf dem Monte Verità wird sie mit freien Menschen und intellektuellen Geistern wie Hermann Hesse (Joel Basman) konfrontiert. Zuerst schockiert, fasst Hanna Vertrauen zu Lotte Hatterner (Hannah Herzsprung), einem Freigeist, die ihre künstlerischen Ambitionen unterstützt. Auch die Musiklehrerin Ida Hofmann (Julia Jentsch) stärkte sie. Die Therapie, die in dem Siedlungsprojekt auf dem Monte Verità praktiziert und etabliert wurde, zielte auf eine harmonische Lebensform mit voller sexueller Freiheit.
Verschiedene Ansätze und Vorstellungen dieser Gemeinschaft zwischen Kommune und Künstlerkolonie klingen in Jägers Spielfilm an. Gleichwohl stehen hier die Wienerin Hanna, ihre Befreiungs- und Selbstfindungsgeschichte im Fokus. Das Lebensmodell Monte Verità bildet die spannende Kulisse. Das ist wunderbar anzuschauen (Kamera: Daniela Knapp) und respektabel inszeniert. Und doch wird man das Gefühl nicht los, dass der Film sich arg in Geste und Duktus verliert, sich zu sehr akademisch gibt. Die Emotionen erstarren wie Fotografien. Interessant ist nebenbei, dass Hanna eine Kunstfigur ist, «ihre» Fotografien aber sehr wohl existieren. So vermischen sich historischer Hintergrund und Fiktion. Sehr ansehnlich getragen von einem attraktiven Ensemble, in dem vor allem die Frauen hervorstechen.
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to be continued

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