FRONTPAGE

Editorial Nr. 42

Editorial

September 2014

 

Liebe Kunst- und Kulturinteressierte, liebe Freunde

Herzlich willkommen auf Literatur & Kunst! 

 
Kommen Sie an Bord und mit uns auf Entdeckungsreise, wir freuen uns, wenn Sie dabei sind. Was gibt’s Neues unter der Sonne? «Everybody famous» für 15 Minuten, wie Andy Warhol prophezeite, denn nun erreichen uns in der Neuzeit nicht nur ausserirdische  «Selfies» aus dem fernen Weltall, sondern auch unterirdische Tatsachen aus nahen Amtsstuben. Der Weltenlauf dreht sich wie gewöhnlich um das Wachstum von Kapital und kapitalen Katastrophen. Und in der Schweiz dreht sich die Welt um sich selbst… Also, süchtig nach der Schweiz und insbesondere nach Literatur & Kunst dürfen Sie allemal gerne werden. Lesen Sie die Glosse oder Posse zur Schweiz, wie Sie mögen, herzlich verbunden, Ihre Ingrid Isermann.

 

Wir sind das Volk – die Rösti-Schweiz als Traumland

oder: Die Stunde der Gaukler.

 

Es war einmal,  die gemütlichen Jahre der Fahnenschwinger, der Patrioten und der Buure-Zmorge, die plötzlich empfindlich von massenhaften Einwanderern aus der EU und den ärmsten Drittweltstaaten gestört wurden, die in die ruhige, bedächtige Schweiz einströmten, deren aufrechte Bürger und Bürgerinnen sich fortan die Augen rieben, was da alles über die Grenze gelangte. Stop riefen sie, das können wir nicht zulassen, wir sind klein und bescheiden, und das wollen wir auch bleiben. Ausser einigen Banken, die weltweit in den Himmel wuchsen und der Schweiz einigen Wohlstand brachten, bis sie so viele Fehler machten, dass sie keine Steuern mehr zahlen konnten, weil sie so viele Boni ausrichten mussten und so oft von Amerika eins auf die Finger bekamen, dass die Bussgelder in die Milliarden von Schweizerfranken gingen.

 

Aber sonst war das Land völlig intakt bis zur grossen Masseneinwanderung. Die wurde nun beendet dank des wachsamen Oberhirten der schlagkräftigen volksnahen Schweizer Partei, die schaute, dass alle noch ihre Tassen im Schrank haben. Eine Meldepflicht ist bis jetzt noch nicht ergangen, doch das könnte noch kommen. Weil, das Schweizer Recht soll demnächst nach der Parteidoktrin der völkischen Schweizerpartei über dem Völkerrecht stehen, von dem es sich stark unterscheidet. Und der Oberhirte kann sodann gemütlich seine Schiebermütze nach hinten klappen.

Die Schweiz kann bisher ja nicht nur bilateral, sondern auch bisexuell, homophob und homosexuell, natürlich hetero und was sonst an Zwischenmenschlichem anfällt und der Banalität von Misanthropen widersteht. Auch der Christopher Street Day (nicht nach Christoph Blocher) ist als Festtag erlaubt, aber vielleicht gibt es bald mit Muslimen dennoch mehr Übereinstimmung als sich die Volkspartei ihres grossen Vorsitzenden träumen lässt.

 

Denn züchtige Verbote hie und da haben noch keinem geschadet! Wehret den Anfängen, das war und ist durch und durch schweizerisch. Also kann man im Grunde nicht dagegen sein. Wir Schweizerinnen und Schweizer leiden ja nicht an Massenverblödung. Die Welt ist vielfältig und die Schweiz kein rechtsfreier Raum. Wer dafür stimmen will, dagegen zu sein, wird dafür auch bald Gelegenheit erhalten. Denn wir leben in der besten direkten Demokratie aller Zeiten, in der natürlich auch Satire, Ironie und tiefere Bedeutung real harmonieren und gedeihen.

 

Apropos: vielleicht ist der schlaue Oberhirte der Volkspartei (“wir treffen uns bei Philippi”, sagte er beiläufig nach seinem Rausschmiss aus dem Bundesrat) nur deshalb vehement gegen die bilateralen Verträge, weil er heimlich einen Plan und eine Aufgabe hat: wir nicht mit denen, aber die mit uns! Sollen sie der Schweiz, der Insel der Unabhängigkeit und Freiheit, beitreten. Das Piemont, Vorarlberg oder süddeutsche Provinzen haben schon Interesse für einen Beitritt angemeldet… Vielleicht sind (seine) Grossmachtsträume doch noch nicht ausgeträumt, wenngleich die Schlacht und Niederlage von Marignano 1515 schon lange verschmerzt sind. Auch die Mediation von Napoleon zugunsten der Schweiz ist schon eine Weile her… desgleichen der Wiener Kongress von 1848, der der Schweiz ihre Neutralität zugestand. Aber wer weiss, auch ein kleines neutrales Land darf schliesslich noch Träume haben….? Nützt’s nüt, so schadt’s nüt, oder? Die Schweiz wird darüber abstimmen… Vielleicht möchte aber der Oberhirte nur ganz bescheiden neben Gottfried Keller und Albert Anker in die Ahnengalerie der berühmten Schweizer aufgenommen werden und sei’s als Isolationsfürst einer (sinn)entleerten Schweiz… das ist aber privat, meine persönliche Meinung, und über die wird gottlob nicht abgestimmt… Das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung und Welt(be)deutung will stets aufs Neue befriedigt werden… Alles eine Frage der Interpretation. Nur: wer hat die besseren Argumente?

 

 

 

Am 6. September lädt die «Lange Nacht der Zürcher Museen» zum Besuch ein, ab 19 Uhr. Infos: www.langenacht.ch.

 

Am 7. September 2014 setzt das Zentrum Paul Klee innerhalb der neu eröffneten Ausstellung ANTONY GORMLEY. EXPANSION FIELD seine Literaturreihe fort. Die Schweizer Schriftstellerin Milena Moser liest aus ihrem aktuellen Roman «Das wahre Leben» und präsentiert schwungvoll und witzig Ausschnitte aus dem alltäglichen Wahnsinn und wie ein Ausbruch aussehen kann. Zentrum Paul Klee, Monument im Fruchtland 3, 3000 Bern 31. +41 31 359 01 01 F +41 31 359 01 02. www.zpk.org


 

Am 13. / 14. September finden die 21. Europäischen Tage des Denkmals «A table / Zu Tisch / A tavola» statt – hereinspaziert.ch.

 

James Turrell, der Künstler von «Light Transport», Bahnhof Zug, 2003, der mehrmals im Kunsthaus Zug oder Museum Haus Konstruktiv, Zürich, ausstellte, erhielt von Barak Obama im Weissen Haus die «National Medal of the Art 2013»:

 

«The moments you help create – moments of understanding or awe or joy or sorrow – they add texture to our lives, they are not incidental to the American experience; they are central to it – they are essential to it. So we not only congratulate you this afternoon – we thank you for an extraordinary lifetime of achievement. Capturing the powers of light and space, Mr. Turrell builds experiences that force us to question reality, challenging our perceptions not only of art, but also of the world around us. He is recognized for his groundbreaking visual art. Capturing the powers of light and space, Mr. Turrell builds experiences that force us to question reality, challenging our perceptions not only of art, but also of the world around us».

 

 

Der Peter Kneubühler Graphikpreis 2014 geht an die Steindruckerei Wolfensberger, Zürich. Die Stiftung verleiht den Graphikpreis dieses Jahr zum fünften Mal, der dem Andenken an den 1999 verstorbenen Drucker Peter Kneubühler gewidmet ist. Der Preis ist mit CHF 20’000.- dotiert und wird Thomi Wolfensberger und der Steindruckerei Wolfensberger in Anerkennung des grossen Einsatzes für die Lithographie verliehen.

 

Nicht verpassen: Die Ausstellung über Sophie Taeuber-Arp «Heute ist Morgen» im Aargauer Kunsthaus 23. August – 16. November 2014. 

Publikation Scheidegger & Spiess, 2014. ISBN 978-3-85861-432-6.

 

Am 29. September ist der Schriftsteller Thomas Hürlimann bei Charles Linsmayer im Theater Neumarkt zu Gast, 20 Uhr, tickets@theaterneumarkt.ch.

 

 

Was gibt es im September auf Literatur & Kunst zu entdecken?

 

Unseren Gast-Autoren Hanif Kureishi möchten wir Ihnen besonders ans Herz legen: Mit seinem Beitrag «Der Migrant in unserem Kopf» beleuchtet Kureishi das Angstbild unserer Zeit vor den Immigranten, die niemand wirklich kennt und die von allen gefürchtet werden. Der bekannte Autor, Dramatiker und ausgezeichnete Drehbuchautor («My Beautiful Laundresse»), 1954 in London als Sohn einer Engländerin und eines Pakistani geboren, stellte uns seinen Artikel freundlicherweise zur Verfügung, der mitten in der aktuellen Asylanten-Debatte der Schweiz erhellenden Aufschluss geben könnte.

 

Eine unheimliche, unheilvolle Kontinuität erkennt der Schriftsteller Bodo Morshäuser in der deutschen Geschichte. Der Schatten Hitlers reiche bis in die Gegenwart, und kein Schritt sei gross genug, daraus herauszutreten. «Und die Sonne scheint». Hanani Verlag Berlin, 2014.

 

Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848) war nicht nur eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen und Dichterinnen ihrer Zeit, sondern auch passionierte Musikerin und Komponistin. Werke wie »Die Judenbuche« oder »Der Knabe im Moor« sind Klassiker der deutschen Literatur. Facettenreich und wortgewandt zeichnet Mary Lavater-Sloman das Bildnis einer hochbegabten und ausserordentlich sensiblen Frau, Literatur & Kunst bringt exklusiv einen Auszug aus der Biografie, Römerhof Verlag Zürich, 2014.

 

Während die Kultur ausserhalb der Hauptstadt sparen muss, wird in London kräftig in sie investiert. Über die Museen und Kulturinstitutionen der englischen Kapitale fegt derzeit ein Bau-Boom. Marion Löhndorf berichtet über den fulminanten Erweiterungsbau der Tate Modern, London von Herzog & de Meuron.

 

Über filmische Highlights berichtet Rolf Breiner. Das Zurich Film Festival ZFF lockt ab 25. September wieder internationale Prominenz an die Limmat. Ferner aktuelle Filmtipps.

 

Kann man Architektur filmen? Eine mögliche Antwort auf diese Frage gibt Christoph Schaub mit neun Filmen auf DVD über Santiago Calatrava, Caminada, Jürg Conzett, Herzog & de Meuron, Angelo Invernizzi, Meili, Peter, Oscar Niemeyer und Peter Zumthor. Scheidegger & Spiess, 2014. Ferner: Casablanca Chandigarh. A Report on Modernization. Park Books, 2014.

 

Die zweite Spielzeit des Theater Neumarkt 2014/15 beginnt im September. Über seine Rolle als Direktor spricht Peter Kastenmüller im Interview mit Rolf Breiner.

 

Island per Trekking – das klingt abenteuerlich. Ingrid Schindler war dort und hat die besten Tipps für diese Reise in unentdeckte Gefilde. Kommen Sie mit!

 

 

Wir wünschen Ihnen einen wunderbaren September mit Literatur & Kunst!

 

Herzlich

Ihre Ingrid Isermann, Herausgeberin

 

LITERATUR & KUNST. Aufklärung. work-in-progress.

 

 

 

 

 

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