FRONTPAGE

Editorial Nr. 57

Editorial

Dezember/Januar 2015/16

 

Liebe Literatur & Kunst-Freunde, herzlich willkommen!

 

Ist Liebe ein Gebet?

Glauben Sie an Gott? An Vater, Sohn und Heiligen Geist? Wie sich die Bilder gleichen: Christentum, Islam und Judentum. In der katholischen Kirche gibt es keine Priesterinnen. In der Moschee beten nur Männer mit einem Imam zu Gott, die Frauen hören die Predigt via Lautsprecher und beten in einem Nebenraum. Im Judentum gibt es keine weiblichen Rabbi. Ob ‘Gott’ selbst auch solche Unterschiede macht? Es sind die Menschen, die unsere Welt gestalten und verunstalten, mit Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, mit der Globalisierung des Kapitalismus, mit Kriegen und verblendeten Ideologien. Das Quartett Putin, Hollande, Erdogan und Obama scheint bisher nicht gut zu funktionieren, Angela Merkel als Dame im Gruppenbild macht (noch) gute Figur. Ob man die hinterhältigen Anschläge in Paris als Krieg bezeichnen sollte? Verhilft man damit nicht den menschenverachtenden, frauenfeindlichen wie homophoben islamistischen Extremisten ungewollt zu grosser Aufmerksamkeit? Angst ist kein guter Ratgeber und nützt nur den Terroristen. Es ist kein Staat und kein Land, das uns den Krieg erklärt hat. Eins ist klar: die vermummte, wildgewordene Hammelhorde der islamistischen Machismo-Nazis muss verschwinden, damit Syrer und Iraker eines Tages in ihre Heimat zurückkehren können. Dennoch – beherrscht werden wir letztlich von der Technik werden, der digitalen Revolution. Wohin wird sie uns führen? Auf den Mars? Weihnachten feiern die Christen, besinnliche Tage und ein friedliches kommendes Jahr wünschen wir Ihnen allen. Ihre Ingrid Isermann.

 

«Diese besondere Form von islamischem Nihilismis, in dem ich nichts Religiöses erkennen kann, ist das Resultat eines Jahrhunderts der lang anhaltenden Kolonialregime. Zum anderen verdankt er sich einem eklatanten Mangel an demokratischer Selbstbestimmung von Arabern, die immer noch als Bürger zweiter Klasse in autokratischen Monarchien leben. Junge Männer haben im Nahen Osten keine Zukunft, sie haben keinen Raum zum Träumen. Elisabeth Kassab, eine arabische Intellektuelle, hat recht, wenn sie sich auf ein Gedicht des amerikanischen Dichters und Bürgerrechtlers Langston Hughes bezieht und sagt, dass ein endlos «aufgeschobener Traum» entweder wie eine verfaulte Frucht vertrocknen oder explodieren wird. Wir sehen gerade seine Explosion».

Matti Koskenniemi, Professor für Internationales Recht, Universität Helsinki. Ausschnitt aus einem Interview in der ZEIT, Nr. 48 v. 26.11.2015.

 

«Gebt den Sunniten einen Staat!» Der Nahe Osten braucht eine neue Ordnung, um den Hass zu besiegen, schreibt Wolfgang Bauer in der ZEIT Nr. 49 v. 3.12.2015: «Dieser Krieg ist verloren, bevor er beginnt. Der Westen schickt Kampfflugzeuge, die Bunker und Fahrzeugkolonnen pulverisieren». Der Beweggrund der Gewalt ist damit nicht beseitigt, denn es geht um die Wut der Sunniten, die sich der «Islamische Staat» zunutze macht. Wie konnte der IS so mächtig werden, scheinbar aus dem Nichts heraus? Er beherrscht nun ein Territorium von der Grösse Grossbritanniens. Der IS hat die Landkarte verändert, weil es die Sunniten so wollen. Im Irak haben sich die wichtigsten sunnitischen Stämme mit dem IS verbündet, wie auch im Osten von Syrien gegen die Unterjochung durch die Schiiten. Die Sunniten fühlen sich von allen verraten, von den USA, von Europa. Syrien und der Irak sind Kreationen des europäischen Kolonialismus, geschaffen von Grossbritannien und Frankreich nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches. Die Landkarte muss neu gezeichnet werden, eine Vision des sunnitischen Staates, der den Osten Syriens und den Westen Iraks umfasst, ist vorstellbar, um die moderate Mehrheit der Sunniten von der radikalen Minderheit zu
trennen. Die Förderung eines eigenen Staates könnte ein Versprechen sein, die Syrer in ihre Heimat zurückzuholen. Dieser Staat wäre mit seinen Ölquellen lebensfähig, ohne Restsyrien und den Restirak wirtschaftlich zu strangulieren. Denn der IS ist nicht die Ursache des Problems, es ist das Symptom. Nur Sunniten können auf Dauer sunnitische Extremisten besiegen.

 

 

Was erwartet Sie im Dezember auf Literatur & Kunst?

 

Eine literarische Sensation sind die kürzlich entdeckten frühen Kurzgeschichten von Truman Capote: «Wo die Welt anfängt». Der Verlag Kein & Aber hat sie nun veröffentlicht.  Auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises stand Martin Deans «Verbeugung vor Spiegeln», Verlag JungundJung, 2015. Die Essays sind höchst aktuell und drehen sich um das Fremde und das Eigene. Navid Kermani erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, wir stellen sein wunderbares Buch «Ungläubiges Staunen» vor, C.H. Beck Verlag, 2015.

 

Lesefutter für Lyrik-Abenteurer: VERSschmuggel: reVERSible. Gedichte aus  Schottland und Deutschland. Wunderhorn 2015. Aus der Edition Montagnola stellen wir Gedichte von Irena Habalik, Ingeborg Kaiser, Ruth Werfel vor.

 

Das Kunstmuseum Luzern präsentiert eine grosse Ausstellung über Matthias Buthe.  

Niklaus Oberholzer hat sie für Literatur & Kunst besucht. Buchtipp: Otto Morach, Kunstmuseum Solothurn, Scheidegger & Spiess, 2015.

 

Thema Schweizer Berge: Heimat und Alpen. Text Rolf Breiner. Und «Heidi» von Johanna Spyri kommt wieder ins Kino. Aktuelle Filmtipps. Ein Interview mit Ursina Lardi anlässlich der Solothurner Literaturtage von Rolf Breiner.

 

Novartis Campus. Monografien Herzog & de Meuron und Raphael M. Von Fabrizio Brentini.

Buchtipps: Zwei neue Bücher über Le Corbusier.  Italo modern 2, 1946-1976. Park Books 2015. Hans Bellmann, Scheidegger & Spiess.
Keine Ehre für Le Corbusier? titelt die NZZ am Sonntag vom 6. Dezember 2015, nachdem sich der Polizeivorsteher gegen eine nach Corbusier benannte Strasse im Seefeld oder zum Centre Le Corbusier/Museum Heidi Weber entschieden hatte. Der Grund: Corbusier’s Verbindungen zum Vichy-Regime Frankreichs. Weltweit sind zahlreiche Plätze und Strassen nach Le Corbusier benannt wie auch in Genf und Bern. Seine Geburtsstadt La Chaux-de-Fonds hat unlängst ein Quartier nach ihm benannt. Da mutet Zürichs Haltung der Stadtverwaltung doch weltanschaulich sehr kleinlich an. Wie wär’s denn mit einer Umbenennung der Rudolf-Brun-Brücke nach dem Progrom des ersten selbsternannten Bürgermeisters von Zürich?
Die Reportage von Ingrid Schindler  führt diesmal mit Kochbuch-Tipp auf Schlemmerreise à la Bordelaise. Bon appetit!

 

Ein Bildband über die schöne Monica Bellucci ist im Moser/Schirmer Verlag 2015 erschienen,  anlässlich der Premiere des neuen Bondfilms «Spectre», in dem die Bellucci als Bondlady brilliert.

 

Buchtipps: Die «Kritik der schwarzen Vernunft» von  Achille  Mbembe erhielt den Geschwister-Scholl-Preis 2015 und gibt uns zu denken. Empfehlenswert! Suhrkamp 2014.

«Die Rote Hüsniye»,  der mutige Tatsachenbericht einer Kurdin, aufgezeichnet von der Autorin Barbara Traber. Weber Verlag, 2015.

«Georgette Tentori-Klein – Ein Leben als Solistin»,  die Geschichte einer wagemutigen Tessiner Künstlerin, Elster Verlag, 2014. Von Hana Ribi.

«Plattwalzer» von Marten Toonder, übersetzt von Jacqueline Crevoisier.  Personalia Verlag, 2014.
Zwei lesenswerte Neuerscheinungen ‚off the record’:
Aus Anlass von Thomas Manns 140. Geburts- und 60. Todestag erschien die exzentrische Familiengeschichte der Manns als Kampf um Liebe, Aufmerksamkeit, Geld und literarische Selbstbehauptung. Tilman Lahme: «Die Manns». Geschichte einer Familie, S. Fischer, Frankfurt 2015, 465 S., CHF 35.90. eBook CHF 25.

 

Fragmente der Liebe: das persönlichste und gleichzeitig auch populärste Buch des bedeutenden Theoretikers Roland Barthes (*12. November 1915 in Cherbourg – 26. März 1980 in Paris). Die Fragmente handeln, natürlich, von der Liebe,  aber auch von der Sprache selbst, denn es geht um die Erotik der Sprache und den Codes, «den jeder nach Massgabe seiner eigenen Geschichte» ausfüllen kann. «Fragmente einer Sprache der Liebe», aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen und Horst Brühmann, erweiterte Neuausgabe, Suhrkamp 2015, 399 S., CHF 35.50.

 

Les jeux sont faits. Die Parlamentarier der Bundesversammlung haben am 9. Dezember 2015 den Waadtländer Guy Parlemins in den Bundesrat gewählt. Drei Romands in der Bundesregierung könnten die Atmosphäre etwas auflockern. Die SVP hat wunschgemäss ihren zweiten Bundesrat. Nun gilt es, das auch von der SVP beschworene einzigartige Konkordanz-System der Schweiz umzusetzen.
Die alte Dame von Dürrenmatt hat man schon öfters gesehen oder sich zumindest an sie erinnert, in der Inszenierung von Victor Bodo erscheint sie jedoch taufrisch, mit süffisantem Unterton, Hand- und Beinprothesen samt Butler mit Schweinskopf. Das Bühnenbild ist exzellent, ein Warteraum eines verlotterten Bahnhofs, wo die Züge durchrattern und selten halten. Aber nun doch, weil die Queen der Vergeltung zurück nach Güllen kommt, das auch anders heissen könnte. Aktuell, wie gesagt, die Geschichte einer oder vieler Korruptionen. Das Ensemble überzeugt, die zwei Blinden gefallen mit Slapstick-Übungen und um den Bahnhof schleicht ein schwarzer Panther.  Die Rückkehrerin hat eine Milliarde versprochen, wer den ehemaligen Geliebten Ill, der sie ins Verderben stürzte, von dem sie sich aber dank ihres Zynismus gut erholt hat, tötet. Und so ist das nur eine Frage der Zeit in diesem kurzweiligen Epos. Sehr empfehlenswert! «Der Besuch der alten Dame» von Friedrich Dürrenmatt.

Premiere 11. Dezember 2015, Schauspielhaus Zürich, mit u.a. Friederike Wagner und Klaus Brömmelmeier. Veranstaltungsdaten: www.schauspielhaus.ch

 

Am 10. Januar 2016 starb überraschend kurz nach seinem 69. Geburtstag der britische Glamour-Pop-Star David Bowie. Goodbye Major Tom! Seine genderüberschreitenden Performances bleiben unvergesslich und die Musikwelt trauert um einen Grossen der Popgeschichte.

 

Noch am 8. Januar 2016 wurde im Lunchkino Le Paris, Zürich in Anwesenheit des konstruktiven Künstlers der Dokfilm „Gottfried Honegger und Kurt Sigrist“ von Erich Langjahr gezeigt. Honegger wurde im Rollstuhl auf die Bühne geschoben und temperamentvoll sprach er im vollbesetzten Kinosaal über die Bedeutung und Wirkung der Kunst. Gottfried Honegger war ein «homme engagé». Am 17. Januar 2016 ist er unerwartet nach einem Sturz im hohen Alter von 98 Jahren verstorben. Gottfried Honegger mischte sich ein, für die konstruktive Kunst, die ihm am Herzen lag, deren Botschaft er nicht müde wurde, zu verkünden: Transparenz und Ordnung für eine schöne Welt.

 

 

Wir wünschen Ihnen spannende Unterhaltung mit Literatur und Kunst und einen guten Jahresanfang mit vielen Sonnentagen. Danke für Ihre Treue und machen Sie’s gut!

 

Ihre Ingrid Isermann, Herausgeberin