Mai/Juni 2025
Liebe Kunst- und Literaturinteressierte, liebe Freundinnen und Freunde, herzlich willkommen auf Literatur&Kunst!
Wir freuen uns, Sie zu Literatur&Kunst begrüssen zu können. Im Monat Mai werden wichtige Entscheidungen gefällt, der nächste Bundeskanzler Deutschlands wird gewählt, die Zollverdikte des US-Präsidenten Donald Trump werden diskutiert sowie die Friedensbemühungen um die Ukraine, die sich unendlich in die Länge ziehen, ungeachtet der massiven Angriffe Russlands auf die Ukraine.
Fondazione Marguerite Arp, Locarno: «Lissitzky, Arp und die Kunstismen, 1925»
Im Jahr 1925 veröffentlichten die Künstler El Lissitzky (1890-1941) und Jean/Hans Arp (1886-1966) das Buch «Die Kunstismen. Les ismes de l’art. The Isms of Art», ein Überblick über die künstlerischen Avantgardebewegungen zwischen 1914 und 1924. Hundert Jahre nach dieser Publikation, die erstmals den Versuch unternahm, die modernen Kunst-Strömungen und ihre Protagonist:innen durch eine bahnbrechende typographische Gestaltung darzustellen, widmet die Fondazione Marguerite Arp den Kunstismen und dem Aufenthalt des russischen Künstlers El Lissitzky in der Schweiz (in Locarno und Ambrì) in den Jahren 1924/25 eine Ausstellung. Die Ausstellung zeigt Gemälde, Reliefs, Collagen, Zeichnungen und Fotografien von Vertreter:innen der Avantgarden, die im Band Die Kunstismen behandelt werden. Die ausgewählten „Ismen“ – so zum Beispiel Dadaismus, Abstraktivismus oder Simultanismus – spiegeln die Präsenz in der Sammlung der Stiftung und das Netzwerk der Freundschaft von Jean, Sophie und Marguerite Arp wider. Avantgarde-Zeitschriften, sowie teils erstmals gezeigte Fotografien und Dokumente ergänzen die Schau. Werke von Hans Arp, El Lissitzky, Robert Delaunay, Theo van Doesburg, Viking Eggeling, Max Ernst, Hannah Höch, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Man Ray, Kurt Schwitters, Arthur Segal, Sophie Taeuber-Arp, Georges Vantongerloo Publikation zur Ausstellung: El Lissitzky in der Schweiz 1924-25 / Hans Arp / Die Kunstismen hrsg. v. Mario Lüscher und Simona Martinoli, Locarno / Winterhur: Fondazione Marguerite Arp / Edition Tincatinca, 2025.
Rahmenprogramm: Vortragsreihe in Zusammenarbeit mit Museo Villa dei Cedri, Bellinzona und mit den Kantonsbibliotheken Locarno (23.09, 30.09.2025) und Bellinzona (7.10 und 14.10.2025).
Während des Locarno Film Festivals (6.-16.08.2025) täglich von 14 bis 17 Uhr.
Ausstellung bis 2. November 2025.
Info: fondazionearp.ch
14. Juli 2025
Die Österreicherin Natascha Gangl gewinnt den Ingeborg Bachmann-Preis 2025 sowie den Publikumspreis.
14 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz lasen ihre Texte in Klagenfurt im Rahmen der 49. Tage der deutschsprachigen Literatur vor. Der Wettbewerb wird von dem österreichischen Sender ORF in Erinnerung an die österreichische Lyrikerin und Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926-1973) veranstaltet.
Für ihr Sprachkunstwerk über das Erinnern und das Vergessen ist die österreichische Autorin Natascha Gangl mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden. Mit ihrem anspruchsvollen Text «DA STA» (Der Stein), vorgeschlagen von der Jurorin Brigitte Schwens-Harrant, konnte sie nicht nur die Jury, sondern auch das Publikum überzeugen.
Die 39-jährige Autorin Natascha Gangl erhielt neben dem von der Stadt Klagenfurt gestifteten Hauptpreis von 25.000 Euro auch den Publikumspreis. In ihrem Text ist Gangl auf der Suche nach den versteckten Spuren eines NS-Verbrechens, das im Zweiten Weltkrieg in ihrer Heimat Steiermark nahe der slowenischen Grenze verübt wurde. Die Jury beeindruckte nicht nur die lyrische Sprachperformance, sondern auch die dichte Atmosphäre, versetzt mit Dialekt-Passagen und genauen Naturbeobachtungen.
Den mit 12.500 Euro dotierten Deutschlandfunk-Preis gewann der Berliner Schriftsteller Boris Schumatsky mit seinem Text «Kindheitsbenzin» über die Unmöglichkeit, in seine Geburtsstadt Moskau zurückzukehren. Die Schweizer Autorin Nora Osagiobare erhielt den KELAG-Preis in Höhe von 10.000 Euro für ihre rasante Story «Daughter Issues» rund um eine wahnwitzige Reality-TV-Show, in der Väter eine Millionenzahlung erhalten, wenn sie den Kontakt zu ihren Töchtern abbrechen.
Die aus Göttingen stammende Almuttina Schmidt und in Wien lebende Schriftstellerin gewann den 3sat-Preis im Wert von 7.500 Euro mit ihrem Text «Fast eine Geschichte» rund um ein Haus mit vielen Wohnungen, in denen Frauen mit unglücklichen Beziehungen, Gewalt oder Krankheit kämpfen. Tara Meister aus Österreich erhielt ein Schreib-Stipendium.
Ingrid Isermann, 29. Juni 2025
Ein Kosmopolit als neuer Papst: Leo XIV.
Unerwartet rasch hat das grösste Konklave in Rom mit 133 Kardinälen den Nachfolger von Franziskus gewählt: Der neue Papst, bürgerlich Robert Francis Prevost, kommt aus Chicago in den USA. Nachdem gestern kurz nach 18 Uhr weisser Rauch aus dem Kamin der sixtinischen Kapelle zu sehen war, zeigte sich der 69-Jährige gegen 19 Uhr den auf dem Petersplatz versammelten Zehntausenden von jubelnden Gläubigen. In einer kurzen Ansprache sprach er vom Frieden, erwies seinem Vorgänger Franziskus die Reverenz und appellierte an die Einheit der Kirche. Der neue Papst diente von 2014 bis 2023 in Peru, wo ihn Papst Franziskus 2028 kennenlernte. Den synodalen Weg von Franziskus befürwortet auch der neue Papst Leo XIV. Progressive in Europa und Amerika wünschen sich zudem die Zulassung verheirateter Männer zur Priesterweihe und Frauen als Diakoninnen und Priesterinnen. Leo XIV. wird auf unterschiedliche Erwartungen treffen, muss dabei jedoch der Papst aller Katholiken sein und eine gespaltene Kirche einen.
9. Mai 2025
Papst Franziskus ist nach längerer Krankheit am Ostermontag verstorben. Mit ihm wurde am Samstag, 26. April 2025 ein Würdenträger der Barmherzigkeit zu Grabe getragen, der sich für Rücksicht, Respekt, Anstand einsetzte. Die Welt schaute auf Rom, rund 200 000 Menschen waren auf dem Petersplatz; das Papamobil trat zur letzten Reise in die Basilika Santa Maria Maggiore zur Grablegung an, wie es sich Franziskus gewünscht hatte. Im Mai wird das Konklave zusammentreten, um einen neuen Papst zu wählen. Vielerorts hofft man auf einen zweiten Franziskus für weitere Reformen in der katholischen Kirche.
Es ist Mai, Zuversicht ist angesagt trotz aller Wirrnisse, die diese unruhigen Zeiten mit sich bringen. Wir haben einen Strauss voller bunter Ideen für Sie, die Ihnen Anregungen bieten.
Erst im zweiten Wahlgang am Nachmittag am 6. Mai 2025 ist Friedrich Merz zum deutschen Bundeskanzler gewählt worden, mit 325 Stimmen. Der erste Wahlgang war gescheitert, Merz erhielt überraschend nur 310 Stimmen statt der benötigten 316 Stimmen. Ein Novum in der Bundesrepublik! Danach erhielt Merz die Urkunde von Bundespräsident Steinmeiner. Und ab morgen folgt das volle Regierungsprogramm mit Besuchen in Paris und Warschau.
6. Mai 2025
Das kapitalistische Russland – neuer Verbündeter der USA?
Ist Russland eigentlich noch ein kommunistisches Land? Putin und die Oligarchen um ihn herum zelebrieren Reichtum und den kapitalistischen Lebensstil. Bereits bekannt war, dass Trump schon früher Geschäftskontakte mit Putin pflegte. Er brachte die ‚Miss Universum-Wahl‘ 2013 nach Moskau und die Rede war sogar von einem Trump-Tower in Moskau. Wenn Russland kein ideologischer Feind mehr ist, sieht Trump wohl keinen Grund mehr, Russland Einhalt zu gebieten bzw. die Ukraine weiter zu unterstützen und will offensichtlich Geschäftsverbindungen als courant normal mit Putin betreiben, die allerdings durch die Besetzung der Ostukraine, die Annektion der Krim 2014 und den Angriffskrieg 2022 unterbrochen wurden. Europa im Triangel von Russland, China und Amerika steht für die USA nicht länger in ihrer Schutzzone, wie sie sich seit dem Zweiten Weltkrieg als Ordnungsmacht darstellte. Mit exorbitanten Zöllen versucht Trump einerseits, die hohe Verschuldung des amerikanischen Haushalts zu reduzieren und andererseits die amerikanische Wirtschaft mit europäischen Firmengründungen in den USA zu beleben. Die Folgerung aus den neuen geopolitischen Strategien kann nur heissen: Europa erwache, wie es Churchill nach dem Zweiten Weltkrieg in Zürich («Europe arise») proklamierte, dass Europa sich einigen muss. Ob mit Nato oder als europäischer Nato, wo jedes Mitgliedsland einen Beitrag zu leisten hat. Die Schweiz sollte nicht abseits stehen, mit bilateralen Handelsbeziehungen vernetzt, kann sie sich einbringen und auch selbst für eine wehrhafte Schweiz gerüstet sein. Ohne europäische Verbündete ist ein Kleinstaat wie die Schweiz im Zeitalter hybrider Kriegsführung seitens der Atommächte extrem gefährdet.
Ihre Ingrid Isermann, 1. Mai 2025
Schauspielhaus Zürich: Pinar Karabulut und Rafael Sanchez eröffnen die Spielzeit 2025/2026.
Im Schiffbau haben am 7. Mai an einer Medienorientierung die neuen Co-Intendanten Pinar Karabulut und Rafael Sanchez zusammen mit der Chefdramaturgin Hannah Schünemann den Spielplan für 2025/2026 vorgestellt. Die einjährige Zwischenintendanz ihres Vorgängers Ulrich Khuon verlief äusserst erfolgreich und knackte erstmals mit 100 000 den Zuschauerrekord im letzten Monat. Das wünscht man auch den beiden Newcomern, im Herbst daran anknüpfen zu können.
Mit einem vielfältigen Programm als bunter Blumenstrauss mit 19 Neuproduktionen möchte das Team das Zürcher Publikum begeistern, ob Hip-Hop oder bürgerlich, ob Frisch- oder Dürrenmatt-Fan oder far beyond. Zum Saisonstart werden Pfauen und Schiffbau als verlängertes Weekend ab 18. September mit einem abwechslungsreichen Reigen eröffnet.
Rafael Sanchez bringt als Premiere Beat Sterchis Kultroman «Blösch» (1983) auf die Bühne (18. September), in Bearbeitung von Mike Müller, der auch zum neuen Ensemble gehört. Das 33-köpfige Ensemble wurde teilweise mit jungen Schaupieler:innen erneuert, wie auch mit bekannten Namen wie u.a. Michael Neuenschwander, Matthias Neukirch, Karin Pfammatter oder Rückkehrenden wie Markus Scheumann, Yvon Jansen und Hilke Altefrohne. Als erstes Theaterhaus wird in Zürich eine Ensemblepsychologin eingeführt. Ein Anliegen sind den Intendanten auch die Abozahlen, speziell Hinblick auf junge Theaterfans.
In der Schiffbauhalle wird Pinar Karabulut ein grosses Special inszenieren: «Il Gattopardo» (Der Leopard) von Giuseppe Tomasi di Lampedusa (29. November), gegenwärtig neu von Netflix verfilmt. In Palermo, wo der Jahrhundertroman um die sizilianische Adelsfamilie spielt, hatte sie selbst mit der Erbin des Stückes verhandelt, um die Rechte für die Aufführung zu erhalten. Im Pfauen wird Karabulut «Like Lovers do» zeigen (20. September), eine frühere Produktion für die Kammerspiele München. Und last but not least wird sie als Premiere Shakespeares «Ein Sommernachtstraum» (14. März 2026) inszenieren.
Classic meets News
Die Schweizer Regisseurin Claudia Bosshard inszeniert ein Wiedersehen mit «Graf Öderland» von Max Frisch (25. September). Im Oktober bringt die preisgekrönte japanische Dramatikerin Satoko Ichihara im Pfauen ihr Stück «Holstein Milchkühe» in neuer Version nach «Die Bakchen» von Euripides auf die Bühne. Die französische Künstlerin Gisèle Vienne kommt mit ihrer 2023 auf der Ruhrtriennale gefeierten Inszenierung «Extra Life» als Gastspiel im Oktober ans Schauspielhaus. Stefan Kägi (Rimini Protokoll) stellt sein Familienstück «Die Zauberformel von Zürich» vor (8. November). Christina Tscharyiski inszeniert «3 Schwestern» nach Tschechow, das die Serbin Barbi Marković (Leipziger Buchpreis) fürs Schauspielhaus verfasst hat (17. Januar 2026). Ruedi Häusermann bringt «Du denkst vielleicht, was höre ich da, und ich sage dir, es ist die Waschmaschine» (6. Februar 2026) auf die Bühne. Zum Abschluss der Spielzeit arrangiert der spanische Opern- und Theaterregisseur Calixto Bieito den Weltbestseller «Maniac» des chilenischen Autors Benjamin Labatut als Premiere (8. Mai 2026). Soweit ein Auszug aus dem reichhaltigen Programm. Wenn es so gut gestaltet wird wie das schöne Schauspielhausbuch (Studio Voile LLC) zur neuen Spielzeit, hat es die besten Aussichten. Welcome!
Ingrid Isermann, 8. Mai 2025
Premiere «Also sprach Zarathustra» im Schiffbau» – ein Spektakel!
Nietzsche funkt immer wieder in unseren Alltag hinein, nicht zuletzt will «alle Lust Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit»… Im Schiffbau an der Premiere inszeniert Regisseur Sebastian Hartmann mit einem tollem Ensemble seine Visionen wie ein Feuerwerk und zieht spektakulär alle Register, ein Live-Theater mit Video-Snapschots, Malerei, Disco auf dem Dancefloor… Und die Schiffbau-Halle mal ganz anders, rechts sitzt das Publikum, links die Leinwand mit Türen, die sich zur Strasse öffnen, man ist gespannt… ich sitze in der obersten Reihe, hinter mir die Technik-Schaltpulte, wird es laut? Ja… vorsorglich haben wir Ohrstöpsel bekommen und eine bunte Brille. Bunt wird es an diesem Abend … «die Zeit, wo ist sie hin», wird deklamiert, «die Wege widersprechen sich», und «müssen wir nicht ewig wiederkommen»?
Nietzsche-Zitate in neuem Kontext, lebendig und aktuell scheinen sie gerade auch in unserer Raumfahrt-Zeit, wo «der Mond katzenhaft daherkommt»… Das Spiegel-Ich hinterfragt, wo bin ich, wer bin ich, der ewig zweifelnde Mensch… «ein Versuch ist der Mensch». Eindrücklich auch Elias Arens Monolog über den Willen zur Macht, dem Streben nach Erkenntnis, das den Menschen fortwährend antreibt.
Die Live-Malerei spritzt wie bei Jackson Pollock auf der Bühne, setzt bunte Farbakzente in den dunklen Raum, die senkrechten Farbstreifen auf der Leinwand erinnern an Warencodes, der Mensch als Ware? Ein flirrendes Gesamtkunstwerk, Nietzsche-Fragmente verwandelt in dringliche Zeitzeichen. Das beeindruckte Publikum sparte nicht mit Applaus.
Mit Elias Arens, Artemis Chalkidou, Lola Dockhorn, Ben Hartmann, Tabita Johannes, Ingolf Müller-Beck, Matthias Neukirch, Linda Pöppel, Victor Schlothauer. Live-Musik Samuel Wiese. Live-Kamera Irem Güngez.
Premiere 3. Mai 2025, weitere Vorstellungen siehe schauspielhaus.ch
Ingrid Isermann, 4. Mai 2025
Adios, Eugen Gomringer!
Als wär’s erst gestern gewesen, dass Eugen Gomringer um die Ecke bog, und wir im Lavaterhaus in Zürich die Konkrete Poesie feierten, es war im Januar 2015 kurz nach seinem 90. Geburtstag. Nun ist der Lyriker im Alter von 100 Jahren am 21. August 2025 in Bamberg gestorben. Als Pionier der Konkreten Poesie rang er der Sprache eine unbedingte Bedingtheit ab, mit Schalk und Humor nahm er mit seinen «Konstellationen» die Wörter visuell in die Pflicht. Doch auch als Jahrhundertdichter kam er um die Cancel Culture nicht herum, sein spanisches Gedicht «avenidas» von 1951 erregte Anstoss, das von Strassen, Blumen, Frauen und einem männlichen Bewunderer handelt, inspiriert durch die Promenade Las Ramblas in Barcelona, und seit 2011 an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin prangte. Doch nichts da, verlangten die Studierenden 2018 im Namen des Feminismus, das muss weg. Ironischerweise war es Gomringer selbst, der die Lyrik von klassischen Formen befreite, weg mit allen Schnörkeln und Firlefanz. Für ihn war sie ein kostbares Material, dem man sich künstlerisch widmen musste, um die visuelle Aussage- und Wirkkraft des Gedichtes zu betonen. Der Fall löste eine bundesweite Debatte über den Status der Kunstfreiheit in Deutschland aus. Gomringers Kunst im öffentlichen Raum fand jedoch bald eine Heimat an einer Hausfassade in Gomringers fränkischer Wahlheimat Rehau.
Eugen Gomringer kam am 20. Januar 1925 als Sohn einer Bolivianerin und eines Schweizer Geschäftsmannes in einem Dorf im bolivianischen Urwald, an einem Quellfluss des Amazonas, zur Welt, er wuchs bei den Grosseltern in Zürich auf, studierte Nationalökonomie und Kunstgeschichte. Er war Sekretär von Max Bill, dem Vorläufer der Konkreten Kunst sowie Rektor der legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung, später war Gomringer als Geschäftsführer des Schweizerischen Werkbundes tätig, Kulturbeauftragter der Porzellanfabrik Rosenthal im oberfränkischen Selb und Professor für Theorie der Ästhetik an der Kunstakademie Düsseldorf. 1992 Eröffnung des Museums für Konkrete Kunst mit der Sammlung Gomringer in Ingolstadt. 2000 Gründung des IKKP (Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie, Archiv Eugen Gomringer) im fränkischen Rehau. 2019 hatte Eugen Gomringer seinen Nachlass zu Lebzeiten ins Schweizerische Literaturarchiv (SLA) nach Bern gegeben. Dort warten 400 Schachteln Archivmaterial auf ihre Erforschung durch künftige Generationen. Im Januar konnte Eugen Gomringer noch seinen 100. Geburtstag feiern. Er hinterlässt eine Tochter, Nora Gomringer, die ihrerseits als Lyrikerin und Direktorin des Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg in der Literaturszene bekannt ist.
(Siehe auch Archiv Literatur&Kunst: «Der Wortzauberer» 03/2015; «Gomringer&Gomringer, Strauhof Zürich» 11/2016)
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Wir werden Eugen Gomringer und sein Vermächtnis als bedeutenden Lyriker des 21. Jahrhunderts dankbar in Erinnerung behalten.
Ingrid Isermann, 23. August 2025
Buchtipps:
Berührende Live-Reportagen aus der Ukraine
Luzia Tschirky (*1990) ist eine mutige Journalistin und war Korrespondentin des Schweizer Fernsehens für Russland, Belarus und den Kaukasus. 2021 wurde sie zur «Schweizer Journalistin des Jahres» gewählt. Zwischen 2019 und 2022 lebte sie in Moskau und bekam den Angriffskrieg Putins auf die Ukraine hautnah mit. Am Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine war sie in Kiew unterwegs und berichtete danach laufend über den Krieg. Anfangs April erzählte sie im Cabaret Voltaire in Zürich anlässlich einer Einladung des Zürcher Pressevereins (ZPV) über ihre Tätigkeit als Reporterin in der umkämpften Ukraine. Sie zeigte ein Video, wo krachend eine russische Drohne in einen fahrenden Personenwagen einschlug und die Insassen verletzte, die knapp mit dem Leben davonkamen. Die Kriegsgefahr ist in der Ukraine allgegenwärtig und man kann sich nirgends sicher sein. Dass die Ziele oftmals Zivilisten treffen, sei es Krankenhäuser oder Schulen, scheint kein Zufall zu sein. In ihrem Buch schreibt sie über ihre Erlebnisse in Kiew bei Ausbruch des Krieges oder Butscha, wo wenig später Zivilisten grausam von russischen Truppen ermordet wurden. Es braucht Zivilcourage, diese Taten zu dokumentieren, denn Augenzeugen sind wichtige Zeitzeugen.
Luzia Tschirky «Live aus der Ukraine». Echtzeit Verlag, 2024.
Rassismus, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung
Der Debütroman «Daily Soap» der 32-jährigen Zürcherin Nora Osagiobare mit nigerianischem Vater, ist als eine literarische Seifenoper konzipiert und beobachtet Menschen verschiedener Couleur, die im Fokus des Racial Profiling in der Schweiz stehen, mit amtlich beglaubigten Hautfarben zwischen Latte Macciato, Mokka und Chocolat, die unberechtigte Rassismusvorwürfe natürlich ad absurdum führen. Zürich dient als perfekter Schauplatz für Gutbetuchte, wie etwa die Hotspots «Widder» oder «Kronenhalle», wo statt Picasso oder Chagall Aktbilder potenter junger Männer an den Wänden hängen. Rund um ein renommiertes Zürcher Modeunternehmen tummeln sich Arme und Reiche, Schwarze und Weisse, die die Szene gehörig aufmischen, für amüsante Irrungen und Verwirrungen quer durch den Geschlechtergarten sorgen und die Puppen tanzen lassen. Ein phantastisches Lesevergnügen!
Nora Osagiobare «Daily Soap». 282 Seiten. Kein & Aber, 2025.
C.F. Ramuz Dorf im Himmel
Eine fiktive Geschichte, die nachhallt. Die Bewohnerinnen und Bewohner eines Bergdorfes steigen aus ihren Gräbern und gehen zurück in ihre Häuser. Im neuen, paradiesischen Dorf im Himmel ist alles perfekt, absolut makellos. Es gibt keine Trauer mehr, keine Müdigkeit, keine Sorgen. Die Menschen nehmen ihren Alltag wieder auf, aber nicht, weil sie müssen, sondern weil sie es gerne tun. Chemin, der Schreiner, braucht keine Särge mehr zu machen, der blinde Bé kann wieder sehen, die alte Catherine und ihre Enkeltochter Jeanne sind wieder vereint. Allmählich verlieren die Menschen die Erinnerung an ihr altes, irdisches Leben. Als die Ziegenhirtin Thérèse eines Tages mit einem Tier zu wenig von der Weide zurückkommt, gerät das Paradies ins Wanken. Ein meisterhaft erzählter Roman über die Relativität des Glücks. Und dieser Roman ist ein weiterer Glücksfall des in Lausanne geborenen Schriftstellers Charles Ferdinand Ramuz (1878-1947) («Sturz in die Sonne»).
C.F. Ramuz. Dorf im Himmel. Limmat Verlag, Zürich 2025
Die Unerschrockenheit der Keramikerin Elisabeth Langsch
Die prägnanten, farbenfrohen, vorwitzigen und ironischen Exponate und ihre raumhohen Stelen verbreiten eine erhabene Aura, als wären es Gestalten, die uns zu sprechen. Elisabeth Langsch (1933 in Zollikon/Zürich) ist endlich auch in einer neuen Publikation der Edition Hochparterre zu entdecken. Die mittlerweile 92-jährige Künstlerin kann auf ein beachtliches Werk zurückblicken. Schon früh wusste sie, dass sie mit Ton arbeiten wollte, da Frauen aber damals nicht an die Drehscheibe durften, schloss sie eine Ausbildung als Keramikmalerin ab. 1958 eröffnete sie ihre eigene Werkstatt und wurde sogleich an der zweiten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) für ihr Keramik-Wandbild ausgezeichnet. Erstmals dokumentiert eine Monografie mit Werkverzeichnis das vielfältige Werk der Zürcherin und zeichnet ihre Persönlichkeit sowie Biographie facettenreich nach. Nachtrag: Am 5. Mai 2025 kurz nach ihrer Vernissage im Hochparterre am 3. April 2025 ist Elisabeth Langsch verstorben.
Elisabeth Langsch: «Unmittelbar, dringend, ungeduldig», Hrsg. Susanna Koeberle, Sebastian Marbacher, Mara Tschudi. Gestaltung Naima Schalcher. Texte Benedikt Loderer, Tilla Theus, Susanna Koeberle, Ludmila Vachtova. Broschur mit Schutzumschlag, 272 S.,250 Fotos. Edition Hochparterre, 2025.
Donna Leons Streifzüge
Woher nimmt Donna Leon die Charaktere für ihre Romane? «Die Charaktere aus der Feder guter Autoren sind wie echte Menschen, nur echter. Die Recherche ist im Leben eines Schriftstellers mit das Wichtigste», sagt Donna Leon, die übrigens auch genau so heisst. 1942 in New Jersey/USA geboren, arbeitete sie als Reiseleiterin in Rom, als Werbetexterin in London sowie als Lehrerin und Dozentin im Iran, in China und Saudi-Arabien. Donna Leon lebte viele Jahre in Italien und wohnt heute in der Schweiz. In Venedig, wo ihr beliebter Commissario Brunetti beheimatet ist, ist sie öfters zu Gast.
Ein Blick hinter die Kulissen: Donna Leon war nicht nur beim legendären Kasinobrand in Montreux dabei, als Frank Zappa auftrat, sie traf auch für die Brunettis den wichtigsten Diamantenhändler Venedigs. In Backstage tritt eine bunte Truppe auf: Rocker Frank Zappa, eine tollkühne Sexworkerin, tragische Helden und bewunderte Kolleg:innen: Begegnungen auf einer funkelnden Ebene.
Donna Leon: «Backstage». Diogenes, Mai 2025
Was können Sie auf Literatur&Kunst entdecken?
Jakob Hein: «Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste» ist eine irrwitzige und spannende politische Ost-West-Story zwischen Berlin und Bonn. Der Autor ist neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit übrigens Psychiater. Galiani Verlag, Berlin 2025.
Rolf Dieter Brinkmann: «Westwärts 1&2. Gedichte». Seine Gedichte sind atemberaubend, surreal und real beschreiben sie die Wirklichkeit. Neue Gedichte und Essays aus dem Nachlass. Rowohlt Verlag, 2025.
Der Explorer Roman Signer befeuert nicht nur seine Phantasie, sondern auch das Zürcher Kunsthaus mit einer grossen Einzelausstellung im Ausstellungssaal.
Unbedingt anschauen, aber keine Angst, Sie fliegen nicht in die Luft…
«Wir sind hier!» Museum Haus Konstruktiv: ab 15. Mai im Löwenbräukunst-Areal an der Limmatstrasse mit einer neuen Ausstellung im neuen Domizil nach dem Wegzug aus dem ewz-Gebäude Selnau.
«BLOOMING»: In der Galerie Bildhalle, Zürich blühen Bilder und Fotografien bekannter und unbekannter Fotografen, zusammen mit dem belgischen Fotografen Arne Quinze, kuratiert vom früheren Louvre-Kurator Martin Kiefer.
«1945 – Photo-Ikonen eines Jahres» zeigt die berühmtesten Bilder der dramatischen Ereignisse, aufgenommen von den renommiertesten Photographen der Zeit, u.a. von Robert Capa über Lee Miller, Henri Cartier-Bresson, Margaret Bourke-White, August Sander. Das Buch zum Gedenkjahr 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg am 8. Mai. Schirmer/Mosel, München 2025.
«NEUES ZIRKULÄRES BAUEN» heisst nachhaltig mit wiederverwendeten Materialien bauen: das Architekturbüro Ilmer Thies hat im Bürohaus an der Müllerstrasse in Zürich einen entsprechenden Umbau bewerkstelligt. Park Books, 2025.
«TREES TIME ARCHITECTURE», eine Publikation, die aufgrund einer Ausstellung im Technischen Museum, München zustande kam. Wir sollten die Bäume, die schon Millionen von Jahren auf diesem Planeten zuhause sind, in Bau und Architektur berücksichtigen. Park Books, 2025.
Widescreen:
LOUISA GAGLIARDI, MUSEUM MUSA, Lugano.
Louisa Gagliardi (*1989, Sion, Schweiz) ist heute eine der interessantesten Stimmen in der zeitgenössischen Kunstszene. In ihren Arbeiten, in denen sich traditionelle Maltechniken mit digitaler Technologie verbinden, untersucht sie Themen wie die Identität, den sozialen Wandel und die Beziehung zwischen dem Individuum und seinem Umfeld. In ihrer Einzelausstellung im MASI Lugano, der ersten in einem Schweizer Museum stellt sie eine Serie mit neuen Werken – Malerei und Skulpturen – in einem für das Untergeschoss des LAC massgeschneiderten Parcours vor. Kuratiert von Francesca Benini. Ausstellung bis 20.07.2025.
Bild: Louisa Gagliardi, Night Caps, 2022. Private Collection, Basel © the artist. Photo: Stefan Altenburger Photography, Zürich.
LAC Piazza Bernadino Luini 6, 6900 Lugano. MASI Museo d’arte della Svizzera italiena masilugano.ch
«Rêveries Nocturnes» Suite für Orchester – Rodolphe Schacher»: Zehn Uraufführungen neu komponierter Werke zeitgenössischer Musik vom 11. Bis 24. Mai 2025. Der schweizerisch-französische Komponist gibt in einem Interview mit Pia Troxler Auskunft über sein Schaffen und seinen Werdegang.
«Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben». Eine Biographie von Sandra Richter, renzensiert von der Kulturwissenschaftlerin Ute Seiderer, Berlin. Eine aufschlussreiche Lektüre!
«Matthias Schulz, neuer Opernintendant Zürich 2025/26». Der Nachfolger von Intendant Andreas Hoboken am Opernhaus Zürich kommt von der Intendanz des Berliner Opernhauses Unter den Linden nach Zürich. Das Gespräch mit ihm über seine erste Spielzeit 2025/26 und die Kraft der Oper führte Julieta Schildknecht.
Wir wünschen Ihnen einen zauberhaften Mai und wunderbare Momente mit Literatur&Kunst!
Herzlich Ingrid Isermann, Herausgeberin